Drei Erzählungen für junge Mädchen
Part 16
Das freundliche Pfarrhaus, in das wir unsere Agathe nun zum Schluß noch begleiten, war durch die Güte aller ihrer Freunde höchst behaglich und nett eingerichtet worden. Denn sowohl der Onkel Niedrer, als auch Herr von Menzel und die Gutsherrschaft waren bemüht gewesen, alle Schränke und Kasten der jungen Hausfrau zu füllen und ihr ein wohlausgestattetes Häuschen zu übergeben. Aber neben dem blühenden Gesichtchen der jungen Frau Pastorin zog noch ein altes, verwittertes mit in das Haus, dem mit Agathen zugleich eine schöne, stille Heimath geworden war. Wer es ist, brauche ich nicht erst zu sagen. Der neue, rothe Frießrock glänzt nicht herrlicher, als das glückliche Gesicht der Alten, die ihn trägt, und obwohl das neue schwarze Kopftuch von untadelhaft starkem Seidenzeug ist, so können die mächtigen Schleifen doch kaum ihre steife Würde bewahren, denn der Kopf, den sie zieren, schwankt und zittert heut in nie erlebter Aufregung.
»Dir danke ich ja alles, meine Anne, mein Glück und meine Heimath, und nie mehr lasse ich dich von mir!« sagte die junge Frau mit Thränen im Auge, als sie gemeinsam mit ihrem Gatten die alte Anne Sommer in das trauliche Hinterstübchen einführte, das sie ihr behaglich eingerichtet hatten. »Wärst du nicht gekommen, mir die Wege zu bahnen, wer weiß, wie es jetzt mit mir stände!«
»Du säßest als Directrice auf dem hohen Stuhle und nähetest Zughüte, daß sich die Königin selbst nicht zu schämen brauchte, sie aufzusetzen,« neckte der Pfarrer fröhlich. »Und in den Freistunden exercirtest du junge Bello's als Rekruten ein!« lachte die Alte, daß es dröhnte.
»Ach um alles, schweigt mir nur davon!« seufzte Agathe in komischer Angst. »Zwei Dinge in der Welt sind es, die nie in unser Haus kommen sollen, das sind Schooßhunde und Zughüte.«
»Halt, dergleichen Bedingungen darf man nie im Leben stellen, wie es im Sprüchlein heißt:
»Du sollst dich nie mit Schwur vermessen, Von dieser Speise will ich nicht essen!«
rief der Geistliche schelmisch. »Wer weiß denn, was in dem Kasten steckt, den ich soeben für dich aus Leipzig erhalten habe!« Dabei holte er eine kleine Kiste herbei, deren schon losen Deckel er schnell öffnete und sie dann Agathen überreichte.
Die junge Frau blickte verwundert hinein und zog ein Tuch fort, das den Inhalt noch verhüllte. Und was lag nun vor ihr? Ein wunderniedliches, weißseidenes Zughütchen, in dessen Höhlung sich ein zierlicher Schooßhund verkroch, zwar nur aus Wachs, und in verkleinertem Maaßstabe, aber dem theuren Bello so ähnlich, wie das Kind der Mutter. Ein Brief begleitete die Sendung; er war von der guten, alten Cousine und enthielt nebst tausend herzlichen Glückwünschen von ihr und allen Bewohnern der Arbeitsstube die Bitte, beifolgenden Scherz freundlich aufzunehmen. Das Hundchen war ein Abbild dessen, den sich Madame Niedrer zu Erinnerung an ihren theuren Bello verfertigen ließ, und dessen Doppelgänger sich die Cousine für Agathen verschafft hatte. An dem Hute aber hatten alle Mitglieder der Arbeitsstube einige jener furchtbaren, kleinen Säume genäht, welche einst den Schrecken und die Verzweiflung Agathes ausmachten. Fräulein Schneider garnirte das Kunstwerk schließlich mit zierlichen Maiblumen, und dieses Hütchen war in der ganzen langjährigen Praxis der würdigen Directrice das Erste und Einzige gewesen, das ohne vorherige Prüfung ihrer Principalin in die Welt hinaus wanderte.
»Also nun birgt unsere Pfarre dennoch gerade jene beiden verpönten Gegenstände, Schooßhund und Zughut! O du arme Agathe!« rief der Pfarrer lustig und hielt die beiden Geschenke hoch empor. Agathe aber hatte Thränen im Auge, während ihr Mund lächelte, und innig bewegt sagte sie: »Ja, es ist recht so! Gerade diese beiden Dinge sollen mir immer vor Augen stehen; denn sie werden mir eine stete Mahnung daran sein, wie gütig Gott die arme Waise aus Trübsal zu Glück und Frieden führte.«
Neue Wege.
Auf dem weichen Teppich eines kleinen, behaglichen Zimmers schritt ein schlanker Mann in mittleren Jahren unruhig auf und nieder und wühlte mit seiner Hand oft ungeduldig in dem vollen, dunkelblonden Haar, das sein angenehmes Gesicht beschattete. Zuweilen blieb er stehen und schaute aufmerksam nach der hübschen Frau, welche sich leicht in die Kissen des Sophas zurücklehnte und mit einer Handarbeit beschäftigt war. Während das Gesicht des Mannes sich immer lebhafter röthete und Spuren des Verdrusses zeigte, ruhte auf den Zügen der noch ziemlich jung aussehenden Frau eine milde Freundlichkeit, und ihr Auge blickte ab und zu mit einem ungemein sanften Ausdrucke von der Arbeit auf.
»Du bist zu gut und nachsichtig gegen sie, Gertrud, und dadurch erreichst du einmal nichts bei dem verwöhnten Mädchen,« sagte Geheimerath Seebald, jener blonde Mann, endlich unwillig und blieb vor seiner Frau stehen, welche soeben eine längere Mittheilung gemacht zu haben schien und ihren Gatten nun fragend anblickte.
»Aber, lieber Gustav, bedenke, wie frei und unabhängig Frida in diesen letzten Jahren gewesen ist,« entgegnete die Frau sanft. »Es ist für jedes junge Mädchen eine schwere Sache, sich einer Stiefmutter unterzuordnen; für Frida aber ist es doppelt schwer, da du sie so völlig ungehindert schalten und walten ließest. Nun soll das arme Kind mit einemmale ein Muster von Ordnung und Vortrefflichkeit sein; aber du vergißt, daß gerade in dem so wichtigen Uebergange vom Kinde zur Jungfrau ihr niemand zur Seite stand, der sie leitete und sie eines Bessern belehrte, sobald sie Fehler beging.«
»Niemand?« rief der Geheimerath lebhaft. »Habe ich ihr nicht eine Gouvernante gehalten und Dienstleute und alles was sie sonst brauchte?«
»Ja, lieber Gustav, nur eben allzuviel!« entgegnete Frau Gertrud still lächelnd. »Die Gouvernante war vielleicht keine ganz glückliche Wahl; ihre Erziehungsresultate wenigstens sprechen für wenig Geschick und Klugheit. Ich bitte dich heut nur, habe Geduld mit Frida; es wird schon besser werden. Ich verberge mir nicht, daß ich keinen leichten Stand ihr gegenüber habe, da sie mich als unwillkommenen Eindringling eher hassen als lieben mag. Aber ich vertraue auf ihren Verstand und ihr gutes Herz und auf meine geduldige Liebe zu dem Kinde.«
»Ich tadle an Frida weniger ihre schlechten Eigenschaften, als vielmehr ihr Benehmen gegen dich, liebe Gertrud,« sagte der Geheimerath verstimmt. »Ist es nicht empörend, daß meine älteste Tochter dir mit Mißtrauen und Kälte entgegentritt, wo sie doch vielmehr froh sein sollte, eine liebevolle Mutter und Freundin in dir zur Seite zu haben, die ihr alle die Lasten abnimmt, welchen ein so junges Mädchen ja noch gar nicht gewachsen ist. Und daß Frida auch dafür kein Verständniß hat, was du für mich bist, der ich lange Jahre hindurch einsam und freudlos dagestanden habe, und vor allem, welche treue Mutter ich in dir für ihre kleinen Geschwister gewonnen, die so unsäglich einer andern Pflege und Liebe bedurften, als sie ihnen Wärterinnen geben konnten, -- siehst du, Gertrud, alles das ist's, was mich so sehr gegen Frida aufbringt. Sollte ich sie etwa erst um Erlaubniß fragen, ehe ich einen neuen Ehebund schloß? Wahrlich, das verwöhnte Kind scheint es beansprucht zu haben.«
»Eben =weil= sie ein verwöhntes Kind ist, Gustav!« sagte Gertrud sanft. »Vielleicht wäre es in der That besser gewesen, du hättest vorher mit ihr gesprochen und ihr deine Lage und die der Kinder vorgestellt. Du hättest ihr damit ein Vertrauen bewiesen, das ihr schmeichelte, hättest an ihr Herz und ihren Verstand appellirt und uns Allen die Situation dadurch erleichtert. Indem du ihr mit der fertigen Thatsache gegenüber tratest, reiztest du ihren Trotz und ihre Opposition ganz unnöthig; denn jetzt hat sie absolut keinen Antheil an dem, was du für gut und nöthig fandest und kommt mir mit Abneigung und Mißtrauen entgegen. Daß ich unter diesen Umständen für's Erste sehr vorsichtig sein muß und sie vor allem wegen ihrer Fehler jetzt noch nicht tadeln mag, ist wohl ganz natürlich. Aber wenn Frida erst einsehen wird, daß ich nur ihr Bestes will und daß sie nur Erleichterung und Annehmlichkeiten durch meinen Eintritt in die Familie hat, dann wird sich das alles bald ändern.«
»Gebe es Gott; es lastet wie ein Alp auf mir und läßt mich des Glückes gar nicht froh werden, das du mir in das Haus gebracht hast, meine geliebte Gertrud!« sagte der Geheimerath seufzend, indem er den Arm um seine Gattin legte, die jetzt an seiner Seite stand. »Aber das sage ich dir: wenn Frida sich noch ein einzig Mal so beleidigend und so über alles Maaß hochfahrend gegen dich beträgt, wie es heut Vormittag der Fall gewesen, dann muß ich auf eine Aenderung denken. Dergleichen Unbilden sollst du nicht durch das thörichte Mädchen ausgesetzt sein; das darf ich nicht leiden.«
»Laß doch nur jetzt gut sein, liebster Gustav,« entgegnete Gertrud tief erröthend. »Mich kränken solche Ausbrüche von Frida's Laune nicht nachhaltig. Wenn ich mich in ihre Stelle versetze, wäre ich gegen meine unwillkommene Stiefmutter vielleicht auch nicht sehr liebenswürdig.«
»Nein, nein, Gertrud, es liegt tiefer; es ist nicht blos augenblickliche, üble Laune, glaube es mir,« sagte der Geheimerath düster. »Es wäre für Frida vielleicht auf alle Fälle gut, sie käme eine zeitlang aus dem Hause, in andre, einfachere Verhältnisse. Es sprechen auch noch einige andre Gründe für einen solchen Wechsel, welcher sie dem Einfluß einiger unklugen Freundinnen, sowie allerlei Thorheiten entzöge, die sie sich, wie ich sehr stark vermuthe, in den Kopf gesetzt hat.«
»Aber nur jetzt nicht, nicht gleich nach meinem Eintritt in deine Familie,« bat Gertrud dringend. »Welche Gründe dich auch für einen solchen Wunsch bestimmen mögen, warte noch damit, ich bitte dich. Bedenke doch, welches Licht es auf deine Frau werfen würde, die die älteste Tochter aus dem Hause treibt, sobald sie nur den Fuß in dasselbe setzte.«
»Wenn es nöthig wäre, würde niemand meine sanfte, engelsgute Frau beschuldigen, sondern nur meine stolze, trotzige Tochter, das glaube mir, Gertrud,« erwiederte der Geheimerath milde und küßte die schmale, weiße Stirn seiner Gattin. »Aber du magst Recht haben. Besser, wir schieben die Sache noch etwas hinaus, vorausgesetzt aber, wie gesagt, daß Frida solche Auftritte vermeidet, wie ich heute Morgen im Nebenzimmer mit anhörte. Dergleichen =darf= in meinem Hause nicht vorkommen; das leide ich nicht.«
Nach diesem Gespräche trennten sich die beiden Gatten; der Geheimerath ging an seine Geschäfte, Gertrud in das Zimmer ihrer beiden kleinen Stiefkinder, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren. Es waren blasse, kränklich aussehende Kinder, welche die Stiefmutter mit ziemlich gleichgültiger Miene anblickten, als dies zu ihnen herantrat.
»Zeigst du Käthchen Bilder, lieber Franz?« sagte Gertrud freundlich und strich dem Knaben über das glatte, dunkle Haar.
»Ja, Mama, die Bilder sind aber so langweilig; ich kenne sie schon alle so sehr,« klagte Franz, mit seinen schwimmenden, dunklen Augen zu Gertrud aufschauend.
»So kommt mit in mein Zimmer, Kinder; ich will euch heute einmal wieder die hübschen Kupferstiche zeigen, die euch neulich so gut gefielen,« sagte die Mutter freundlich. Ein leises Roth der Freude zog über des Knaben blasse Wange, und rasch sprang er vom Stuhle auf, der voranschreitenden Gertrud zu folgen. Die kleine Katharine trippelte eilig hinterdrein, und bald neigten sich die beiden Kindergesichter über einen Band schöner, großer Kupferstiche, welchen die Mutter ihnen auf den Tisch gelegt.
»Erkläre Käthchen die Bilder, wenn sie nicht alles versteht; du bist ja schon ein verständiger Junge,« sagte Gertrud lächelnd zu Franz, der ernsthaft mit dem Kopfe nickte und ganz stolz sein Amt eines Informators antrat, indem er sich Geschichten zu den bildlichen Darstellungen erfand, denen Käthchen mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte. Gertrud setzte sich indeß still an ihre Arbeit und ließ ihren Gedanken freien Lauf, bis nach einer Weile die Thür des Nebenzimmers heftig aufgerissen wurde, und ein junges Mädchen rasch eintrat.
»Franz, du unartiger Junge, du hast mir gewiß wieder mein Buch fortgenommen,« rief sie ärgerlich und kam zu den Kindern. »Bilder beseh'n, und immer und ewig Bilder beseh'n, weiter treibst du den ganzen Tag nichts. Meine Bücher =sollst= du aber nicht nehmen; das weißt du doch?«
Franz war feuerroth geworden und antwortete nichts; Gertrud aber sagte milde: »Welches Buch fehlt dir denn, Frida?«
Das junge Mädchen wandte den Kopf nur halb nach der Fragenden um und sagte kurz: »Ein Dumas'scher Roman, in dem Franz einige Bilder gesehen hat, die ich hineingelegt.«
»Das Buch liegt in deines Vaters Zimmer, liebe Frida,« entgegnete Gertrud. »Er hielt die Lectüre für nicht ganz passend für ein so junges Mädchen und nahm das Buch an sich. Ich will dir bessere Bücher geben, liebes Kind, als diese leichtfertigen, französischen Romane. Hast du z. B. die Bücher von Jeremias Gotthelf schon gelesen?«
Frida blickte ihrer Stiefmutter jetzt voll in das Gesicht. Es war ein feines, schönes Köpfchen, das auf den jungen, siebzehnjährigen Schultern saß, der edlen Bildung ihres Vaters sehr ähnlich und von vollem, blonden Haar umwogt. Aber die maaßlos moderne Frisur verdarb das prachtvolle Haar ebensosehr, wie der stolze Ausdruck des Gesichtes der Schönheit dieser Züge schadete. Bei Gertruds Worten warf sie den Kopf hochmüthig zurück und sagte scharf: »Wer hat denn in meinem Zimmer herumspionirt und Papa meine Bücher zugetragen?«
»Nicht in deiner Stube lag das Buch, Frida,« entgegnete Gertrud ruhig, »sondern im Eßzimmer trieb es sich herum. Dein Vater sah es dort liegen und blätterte darin.«
»Papa hat sich doch sonst nicht um meine Lectüre bekümmert, warum denn jetzt auf einmal?« sagte Frida spitz. »Von selbst ist er sicher nicht darauf verfallen, und ich möchte doch sehr bitten, mich auch ferner mit dergleichen in Ruhe zu lassen. Solche Hetzereien sind gräßlich.«
»Du bist noch zu jung, liebe Frida, um jedes Buch lesen zu können, das dir in die Hand kommt,« erwiederte die Mutter immer noch ruhig, obwohl ihr zartes Gesicht bei Frida's bösen Worten abwechselnd bleich und roth wurde. »Böse gemeint ist dabei nichts, im Gegentheil bin ich gern bereit, dir viel bessere Lectüre zu geben, als du in deiner natürlichen Unkenntniß dir aussuchst. Du weißt, ich habe eine sehr reiche Bibliothek sie steht dir gern zu Diensten.«
»Ich danke, ich bin in der Leihbibliothek abonnirt,« sagte Frida kurz und ging hinaus, die Thür sehr unsanft in das Schloß werfend. Gertrud strich sich mit der Hand langsam über das Gesicht und seufzte. Dann aber blickte sie heiter nach den beiden Kindern, welche fröhlich über ein spashaftes Bild lachten, das sie soeben aufgeschlagen, und Franz brachte das Buch zu der Mutter, damit diese ihnen die Geschichte erzählte, die herrlich sein mußte. Gertrud erfüllte bereitwillig die Bitte und vergaß in dieser Weise einigermaßen den häßlichen Auftritt, den Frida veranlaßt hatte. Sie fürchtete aber freilich trotz aller Sanftmuth und trotz der unablässigen Mühe, die sie sich gab, Frida für sich zu gewinnen, daß ihr dies nicht gelingen werde, und einige Tage später brach denn auch wirklich die Katastrophe herein, welche Gertrud trotz aller Liebe und Milde nicht abwenden konnte.
Gertrud hatte sich zum Ausgehen fertig gemacht und sagte, in das Zimmer tretend, zu Frida, welche am Clavier saß: »Aber willst du dich nicht anziehen, mein Kind? Ich sagte dir ja, wir wollten bei Präsident Wehrmann und Regierungsrath Keller Besuche machen. Dein Vater wird gleich eintreten, uns abzuholen; beeile dich etwas.«
Frida wandte in ihrer beliebten Weise den Kopf nur halb herum und spielte weiter. Die Mutter wartete einige Augenblicke, dann forderte sie das junge Mädchen von Neuem auf, nur mühsam ihre Ungeduld verbergend; denn sie wußte, wie ungern ihr Gatte wartete, wenn er ausgehen wollte. Frida aber spielte noch immer und sagte nur leichthin: »Ich gehe nicht mit!«
»Du gehst nicht mit, Frida? Warum nicht?« rief Gertrud erstaunt.
»Weil ich keine Lust habe,« entgegnete Frida schnippisch. »Ich kann das Volk nicht ausstehen.«
»Wen meinst du eigentlich, liebes Kind?« sagte Gertrud betreten, und ihre Stirn röthete sich vor Unwillen.
»Wen ich meine?« rief Frida nachlässig; »nun deine Präsident Wehrmanns und Kellers und wie sie alle heißen. Eine langweiligere Gesellschaft kenne ich nicht. Ich habe meinen eigenen Bekanntenkreis; jene Leute besuche ich nicht.«
»Du wirst dich doch wohl dazu entschließen müssen, liebe Frida,« sagte Gertrud ruhig, »denn jene Familien gehören zu dem Kreis der Freunde deines Vaters, und da schickt es sich nicht anders, als daß die Tochter des Hauses mit uns Besuche bei ihnen macht.«
»Das sind wieder einmal solche herrlichen Neuerungen, wie sie jetzt massenhaft ins Haus kommen!« rief Frida trotzig. »Es ist doch mindestens sonderbar, daß mir jetzt fortwährend geboten wird, das thu, und das laß, wo ich doch bisher ganz gut selbst wußte, was ich zu thun und zu lassen hatte.«
»Dein =Vater= will es so, mein Kind,« sagte Gertrud kurz.
»Papa will es nur, weil =du es= willst; sonst fiele es ihm gar nicht ein, mir Dinge zuzumuthen, die mir unerträglich sind!« fuhr Frida leidenschaftlich auf. »Aber ich werde deshalb doch thun, was mir beliebt, wie ich es bisher gethan habe; ich bin alt genug und bedarf keiner Gouvernante mehr. Und wenn Papa kommt, will ich es ihm selbst sagen; warum hat er mir Situationen octroyirt, die mich empören müssen!« Dabei warf sie ein Notenheft so stürmisch auf den Flügel, daß die losen Blätter weit im Zimmer umherflogen, und stieß den Clavierschemel mit dem Fuße zur Seite, daß er umstürzte.
»Augenblicklich schweigst du, und möge deine Mutter die bösen Reden vergessen, die du führtest!« rief jetzt aber die Stimme des Geheimeraths, welcher rasch in das Zimmer eintrat. »Ich habe alles mit angehört, was du gesagt hast, du unartiges Mädchen; aber jetzt hat das Spiel ein Ende. In dieser Weise dulde ich es nicht länger, daß meine Tochter ihrer Mutter gegenübertritt. Geh' jetzt auf dein Zimmer und erwarte dort das Weitere.«
Frida warf den Kopf trotzig zurück und ging hinaus. Gertrud aber verbarg schluchzend ihr Gesicht in dem Tuche.
»Gräme dich nicht, liebe Gertrud,« sagte ihr Gatte weich. »Ich fühle deutlich, ich habe einen großen Fehler begangen, daß ich Frida so völlig zügellos aufwachsen ließ. Gebe Gott, daß es noch nicht zu spät ist, sie zu ändern. Ich kenne sie in der That kaum wieder. Eigentlich ist sie ein gutes, fröhliches Geschöpf; aber jetzt ist sie wie ausgetauscht, und mir scheint, es wird immer schlimmer statt besser. Was ich dir neulich schon sagte, das wiederhole ich: das Beste ist, sie kommt eine Weile aus dem Hause. Wir entziehen sie dadurch auch zugleich dem Einfluß einer ihrer nächsten Freundinnen, die in hohem Grade ungünstig auf ihr weiches Gemüth einwirkt, wie ich fürchte. Ich kann ihr den Umgang mit dieser Familie nicht untersagen; auch würde ich die Sache dadurch nicht bessern, sondern nur Heimlichkeiten hervorrufen.«
»Du erwähntest neulich schon etwas der Art,« sagte Gertrud; »welche Freundin meinst du?«
»Franziska von Froreich, ein eitles, leichtsinniges, aber kluges und angenehmes Mädchen,« entgegnete der Geheimerath. »Sie hat den Kopf voll Phantastereien und Thorheiten, und leider steckt sie meine empfängliche Frida sehr damit an. Durch unsere würdige Geheimeräthin Gerold, eine mütterliche Freundin meines Hauses, habe ich einige Dinge erfahren, die mich in der That beunruhigen. Im Hause dieser Froreich's hat Frida einen jungen Mann kennen gelernt, der ganz das Zeug dazu hat, einen phantastischen siebzehnjährigen Mädchenkopf zu verdrehen; denn er ist schön, elegant, witzig und angenehm, gerade wie es ein Held der Romane sein muß, die sie lesen. Dieser junge Herr scheint alle Künste zu verstehen, die Herzen unerfahrener Mädchen zu gewinnen. Mit dieser singt und musicirt er, mit jener schwärmt er für Literatur und bringt ihr Gedichte, dann wieder treibt er Blumensprache oder sonstige Fadaisen mit ihnen, tanzt vortrefflich, zeichnet etwas, kurz, es giebt eben nichts, was er nicht verstände und wüßte. Aeltere Frauen schütteln die Köpfe, den Männern ist er gleichgültig oder im Wege. Niemand aber weiß recht, wer er ist und was er eigentlich treibt. Meiner hübschen Frida aber hat er das Köpfchen augenscheinlich gründlich mit seinen Süßigkeiten verdreht, und wenn ich etwas sorglicher die Augen offen gehalten hätte, als ich leider gethan, so würde ich wohl selbst gesehen haben, worauf mich liebe Freunde jetzt aufmerksam machen. Ich denke jedoch, Frida ist noch ein solches Kind, daß ihr die Sache aus dem Kopfe kommt, lebt sie einige Monate in anderen Kreisen, und besonders auch fern von Franziska, die sich darin scheint gefallen zu haben, als Beschützerin dieser keimenden Liebe eine interessante Rolle zu spielen.«
»Hast du gegen Frida etwas über diese Sache erwähnt?« sagte Gertrud nachdenkend.
»Thörichter Weise allerdings!« entgegnete der Geheimerath achselzuckend. »Ich glaubte, ihr klar machen zu können, daß an einem jungen Manne elegantes und einschmeichelndes Wesen etwas Gefährliches sei, und daß es verdienstvollere Eigenschaften gäbe und würdigere, um die Achtung und Liebe eines Mädchens zu gewinnen. Aber das war nur Oel in's Feuer. Sie vertheidigte ihren jungen Verehrer mit flammenden Augen, und ich bin sicher, hätte ich ihr den Verkehr mit demselben jetzt untersagt, die Sache wäre bei Frida's Heftigkeit wohl zu einer bösen Wendung gekommen. Ich zog es daher vor, sie mit ihrer jugendlichen Schwärmerei zu necken und das Ganze scherzhaft und leicht zu nehmen. Aber ich kann dir sagen, liebe Gertrud, ich bin froh, dich jetzt zur Seite zu haben, damit du über das Kind mit treuen Mutteraugen wachest und mit vorsichtiger Frauenhand den Knoten lösest, der sich da etwa zu schlingen droht. An dem jungen Galan ist nichts, davon bin ich überzeugt, seit ich ihn etwas näher beobachtet; aber mein Männerkopf versteht es nicht, da das Rechte zu ergreifen.«
Gertrud sah ernst sinnend vor sich nieder. »Du kannst auf meine Hülfe rechnen, Gustav,« sagte sie sanft. »Aber die Aufgabe ist keine leichte. Wie ich Frida beurtheile, wird sie sich schwer von einer ernsten Neigung zurückbringen lassen, und Widerstand ihr die Sache vielleicht noch anziehender machen. Sie glaubt dann wohl eine jener Romanheldinnen zu sein, die für ihre Liebe schwere Opfer zu bringen haben, wie sie in den Büchern gelesen. Lassen wir für jetzt die ganze Angelegenheit unberührt, vielleicht wirkt Zeit und Entfernung günstig auf ihr Gemüth. Wenn du sie unter recht einfache, frische und brave Menschen bringen könntest, so wäre dies wohl das beste Mittel, das Kind zu ändern und zu bessern; aber wo finden wir solche?«