Drei Erzählungen für junge Mädchen
Part 14
»Ach, mein Gott, das wäre ja schrecklich!« rief Agathe, und dachte mit Entsetzen an die zehn Jahre, in welchen Fräulein Schneider bereits jenen hohen Directricensitz einnahm, und der ihrer wartete, um sie ihr ganzes Lebenlang dort fest zu halten.
»Aber wie soll ich es der Tante sagen? ich werde dazu nie den Muth haben!« fuhr Agathe ängstlich fort.
»Nun laß mich nur machen; es soll schon alles gut gehen!« tröstete Anne. »Morgen gehst du mit mir zu Madame Groß, ihr lernt euch gegenseitig kennen, und das andere findet sich dann.«
Am andern Tage trat denn die gute Anne Sommer getrost mit ihrem Liebling in das Zimmer ihrer Herrin, und mit einem fröhlichen: »Na, da ist das Goldkind, Madame!« schob sie militärisch grüßend, zwei Finger an die Fächer ihrer Haube gelegt, die schüchterne Agathe vor Madame Groß hin.
»So jung noch, und so zart?« konnte sich die Dame nicht enthalten, auszurufen, als sie Agathen betrachtete. »Sie wird sich für diese Stelle nicht eignen, liebe Sommer.«
»Soll sie denn die kranke Madame heben und tragen?« sagte die Soldatenfrau barsch.
»Nein, das soll sie nicht!« entgegnete Madame Groß. »Aber sie würde doch zuweilen des Nachts aufstehen müssen, oder dergleichen Dinge thun, und wenn sie schwach und kränklich ist, so hält sie das nicht aus; denn das Leben bei einer Kranken ist angreifend.«
»Aber ich bin nicht schwach, wenn ich auch bleich aussehe,« sagte Agathe jetzt angstvoll, denn sie fürchtete so sehr, abgewiesen zu werden.
»Kommen Sie mit zu meiner Schwägerin, liebes Kind; sie mag selbst entscheiden,« sagte endlich Madame Groß nach einigem Zögern, und bald stand Agathe vor der Kranken, einer sanften, jungen Frau, deren durchsichtige Farbe die böse Krankheit verkündete, welche ihren zarten Körper zerstörte. Sie blickte Agathen mit sanftem, seelenvollem Blicke an, und dieser traten Thränen in das Auge; denn unwillkürlich dachte sie an ihre geliebte Mutter, die ja auch so zart und leidend ausgesehen hatte, ehe sie von der Erde schied. Frau von Menzel, so hieß die Kranke, bat Agathen, sich neben sie zu setzen und erkundigte sich nach ihren Verhältnissen. Agathe erzählte anfangs zaghaft und schüchtern; aber die rege Theilnahme der Kranken flößte ihr bald großes Vertrauen ein, und offen legte sie derselben nun ihre ganze Lage dar und verhehlte nicht, wie innig sie wünschte, bei ihr bleiben und mit ihr gehen zu können. -- Frau von Menzel reichte dem jungen Mädchen endlich die Hand und sagte freundlich, sie gefalle ihr sehr wohl, und herzlich wünsche sie ihre Begleitung. Deshalb, wenn sie mit ihnen gehen wollte, so möge sie nur mit ihren Verwandten darüber Rücksprache nehmen. Aber freilich sei nicht viel Zeit zu verlieren, denn schon in drei Wochen wollten sie abreisen.
Agathe küßte voll des innigsten Dankes die Hand der gütigen Dame. Ihr Herz fühlte sich unbeschreiblich zu ihr hingezogen, und mit aufrichtiger Freude versprach sie, alles zu thun, um die Zufriedenheit derselben zu verdienen. Mit frohem Herzen kehrte sie dann zu ihrer Anne zurück, und diese war so glücklich über das Gelingen ihres Planes, daß sie wie ein Kind sprang und tanzte.
»Aber nun die Tante; ach, wäre das erst überstanden!« jammerte Agathe. »Wenn ich es nur dem Onkel sagen könnte; aber ich sehe ihn ja nie allein. Und was hilft das auch; er schickt mich doch zu der Tante, denn er fürchtet sich, ihr etwas Unangenehmes zu sagen.«
»So nimm das Herz in die Hand, und geh' gleich zu ihr,« sagte Anne. »Ich warte in der Küche draußen auf die Antwort; zu Hause läßt es mir doch keine Ruhe.«
Agathe that, wie Anne ihr gerathen, und nun stand sie vor der Thür, die zu dem Zimmer der Tante führte. Sie hörte ihr Herz ordentlich klopfen und kämpfte nach Athem; endlich aber drückte sie muthig auf die Thürklinke, und nun war sie im Zimmer.
»Liebe Tante, wenn ich Sie nicht störe, möchte ich Ihnen etwas sagen,« begann sie ziemlich kühn.
»Was willst du? Warum bist du nicht bei der Arbeit?« sagte die Tante streng und blickte nach der Uhr, welche Arbeitszeit verkündete.
»Ich.. ich werde das Putzmachen doch nie lernen, verzeihen Sie, liebe Tante!« stotterte Agathe, ihre muthige Haltung schon etwas verlierend.
»Du wirst es nie lernen? Was soll das heißen? Du willst nicht, bist faul, ich weiß es lange!« fuhr die Tante auf. »Aber es hilft dir alles nichts, du sollst dein Brod hier nicht umsonst essen, sondern es dir verdienen; verstehst du mich? Jetzt geh' und bessere dich, und laß mich solche Reden nicht wieder hören! Du bist ein armes Mädchen; du mußt daran denken, dir dein Brod später selbst zu verdienen.«
»Ja wohl, liebe Tante, das will ich auch,« stammelte Agathe. »Wenn Sie es mir erlauben, so möchte ich eine Stelle annehmen.«
»Eine Stelle?« rief die Tante staunend. »Ich glaube, du weißt nicht, was du sprichst! Was willst du ungeschicktes Mädchen denn für eine Stelle annehmen?«
»Ich soll eine kranke Dame nach Italien begleiten,« sagte Agathe wieder muthiger. »Sie will mich mitnehmen, wenn Sie es mir erlauben.«
»Will dich mitnehmen? Also alles schon fix und fertig verabredet?« rief die Tante jetzt, und ihr Zorn loderte empor. »Also hinter meinem Rücken schmiedest du solche Ränke, du falsches Mädchen? Ohne mir vorher ein Wort zu sagen, läßt du dich von andern Leuten engagiren! Aber, mein liebes Kind, daraus kann ein für alle Mal nichts werden! Du wirst hier bleiben und nach wie vor dich beschäftigen, wie bisher; denn ich sehe wohl, es ist Faulheit, was dich forttreibt! Du denkst, als Gesellschafterin wirst du ein bequemes Leben führen und in der Welt umher reisen. Laß es dir lieb sein, daß ich dich davon zurück halte, denn du würdest gar bald sehen, wie sehr du dich geirrt hast.«
»Aber liebe Tante, ich würde französisch lernen und vielleicht dann Erzieherin werden können, wenn ich die Dame begleite. O bitte, bitte, erlauben Sie es mir doch?« flehte Agathe weinend und mit dem Muthe der Verzweiflung.
»Nein, sage ich dir! Meine Erlaubniß bekommst du nicht!« fuhr die Tante heftig auf. »Erzieherin! Glaubst du, die wird man so mir nichts, dir nichts durch ein Bischen französisch schwatzen? Dummes Zeug! Schweig jetzt, und geh an die Arbeit! Das ist mein letztes Wort über die Sache!«
Weinend eilte Agathe zu ihrer alten Anne, die ihrer in der Küche harrte. Aber kaum hatte sie der treuen Seele ihr Leid geklagt, als sie die Stimme der Tante hörte. Geschwind schob sie die alte Soldatenfrau die Hintertreppe hinab und flog in das Arbeitszimmer, um neuer Schelte zu entgehen. Aber wie viel stille Thränen, wie viel Seufzer und wie viel Gedanken begleiteten nun jeden Stich, den ihre Nadel langsamer und schwerfälliger als je zu Stande brachte.
Sechstes Kapitel.
Treue Hülfe.
Frau Anne Sommer war zwar die Hintertreppe hinab gegangen, da Agathe es so gewollt; aber gedankenvoll und leise vor sich hin brummend, trabte sie die Treppe im Vorderhause wieder herauf, klingelte, und ließ sich bei Madame Niedrer anmelden.
»Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe!« sagte die Alte mit ihrer rauhen Stimme und schritt auf Madame Niedrer zu, welche mit höchster Verwunderung diesen sonderbaren Besuch eintreten sah.
»Ich bin Fräulein Agathes frühere Dienerin, Madame!« fuhr die Alte weiter fort, »und habe eine große Bitte an Sie.«
»Mein Gott, nicht einmal in seinem Zimmer ist man vor Betteleien sicher!« rief die Angeredete unwillig und ergriff den Klingelzug.
»O bitte, ich bettle nicht!« sagte die Alte stolz und richtete sich in ihrer ganzen Länge auf. »Ich komme nur, um für Fräulein Agathe etwas zu bitten.«
»Was will Sie? Ich habe keine Zeit; rede Sie schnell!« rief Madame Niedrer heftig.
»Madame, Ihre Nichte wünscht eine Stelle anzunehmen; ich bitte Sie flehentlich, erlauben Sie ihr das!« sprach die Alte nun laut und dringend, aber immer noch bescheiden, wie bisher.
»Was geht das Sie an; damit hat Sie gar nichts zu schaffen!« rief Madame zornig. »Sie ist es gewiß, die ihr die Stelle suchte und das undankbare Mädchen gegen ihre eigenen Verwandten aufhetzte. Auf der Stelle gehe Sie, oder ich klingle, daß man Sie hinaus bringt!«
»Hoho, Madame, sprechen Sie so, so brauche ich auch nicht hinter dem Berge zu halten!« brach nun Anne Sommer los und athmete schwer und tief. »Ja, ich bin es, da haben Sie recht; aber ich bin es auch, der das arme Kind lieber ist, als irgend jemanden in der ganzen Welt. Und darum will ich, daß sie glücklich wird. Hier aber geht sie ganz und gar zu Grunde, und d'rum soll sie fort. Sind Sie denn von Stein, Madame, daß Sie es mit ansehen können, wie das arme, zarte Kind leidet an Körper und auch an ihrem Geiste? Denn sie arbeitet sich elend und grämt sich zu Tode, daß sie nicht noch etwas lernen und sich weiter ausbilden kann. Darum, Madame, entweder Sie erlauben ihr, daß sie lernt statt zu nähen, oder Sie lassen sie fort.«
Die Alte hatte in ihrem Eifer die Hand empor gehoben; ihre Augen blitzten, und drohend stand sie vor der Frau des Hauses. Diese war zuerst etwas überrascht; bald aber faßte sie sich und sagte, die Klingel ziehend: »Augenblicklich verläßt Sie mein Haus, Sie unverschämte Person! Meine Nichte bleibt hier und wird Putzmacherin, damit Punktum; Sie aber läßt sich nie wieder blicken!«
Dabei gebot sie der eintretenden Dienerin, das Weib fortzubringen; sie selbst aber verließ stolz und heftig das Zimmer.
»So also geht's nicht!« brummte Anne vor sich hin, als sie wieder auf der Straße war. »Du hast dem armen Kinde mehr geschadet, als genützt; das war dumm von dir, Anne. Jetzt strenge deinen alten Kopf an; denn fort muß sie, nun erst recht. Jetzt hat sie's nun gewiß doppelt schlimm, die arme, kleine Maus.«
Das war allerdings der Fall. Die Tante war so unfreundlich und streng gegen Agathe und gönnte ihr so wenig freie Zeit, daß das arme Mädchen es kaum geduldig ertragen konnte. Und was sollte aus ihrer Stelle werden! Die Tante gab nie ihre Einwilligung, das wußte sie jetzt nur zu gut, und ohne dieselbe konnte sie natürlich nicht fort. Den Onkel um Hülfe zu bitten, war auch nutzlos; denn wo die Tante so entschieden gesprochen, verhallte sein Wort und Wille wie ein Ton im Winde. Und doch verging die Zeit, und konnte sie diese Stelle nicht annehmen, wer weiß, wann sich wieder etwas so Passendes finden würde.
Agathe fand Tag und Nacht keine Ruhe, und die gute Cousine, der sie ihr Herz ausschüttete, wußte auch weder Rath noch Hülfe. Auch Anne Sommer war Anfangs sehr aufgeregt und sorgenvoll gewesen, seit einiger Zeit jedoch schwieg sie, schien aber so sicher und guten Muthes zu sein, daß Agathe sie nicht begriff; denn ihr war jede Hoffnung entschwunden. »Sage nur der guten Frau von Menzel, wie sehr ich ihr danke und wie ich bedaure, sie nicht begleiten zu können, Anne,« sagte Agathe weinend, und Anne nickte still mit dem Kopfe, sah aber ganz heiter dabei aus, als lache sie in sich hinein.
So waren zwei Wochen von der Zeit verstrichen, welche bis zur Abreise Frau von Menzel's noch vergehen sollten. Agathe gab sich Mühe, gar nicht mehr an ihre schönen Hoffnungen zu denken; aber natürlich wollte ihr das nicht gelingen, sie wurde nur immer trauriger.
In ihre Gedanken verloren, schritt sie eines Tages wieder unter den Linden auf und nieder, und unwillkürlich verglich sie das gelbe, trockene Laub am Boden, das unter ihrem Fuße rauschte, mit den gestorbenen Hoffnungen ihrer Jugend. Da sah sie Anne Sommer in ungewöhnlicher Hast auf sich zukommen; sie hatte einen Zettel in der Hand und sagte freudig: »Nun ist's gut; jetzt hab' ich alles, was ich brauche. Nun kommt es nur auf dich an, ob du willst oder nicht, mein Herzkind!«
»Was soll ich denn wieder, Anne; was hast du denn wieder im Sinn?« sagte Agathe niedergeschlagen.
»Ob du mit Frau von Menzel reisen willst!« rief Anne lebhaft.
»Ach laß doch nur dies unglückliche Thema!« sagte Agathe sich abwendend, denn die Thränen brachen ihr wieder hervor. »Du weißt ja, ich darf nicht.«
»Ja du darfst! Hier steht es schwarz auf weiß!« jubelte Anne und hielt ihren Zettel triumphirend empor. »Madame freilich erlaubt es nicht, das steht fest; aber was thut uns das? Dein Vormund ist der Onkel, und der hat es mir hier drauf geschrieben, daß er nichts dagegen hat. Na, Mühe freilich hat's gekostet, ehe er sich dazu entschloß; denn seine böse Frau durfte nichts davon wissen. Aber ich habe ihm keine Ruhe gelassen, habe ihm das Herz so weich gemacht, daß er dir doch endlich seine Erlaubniß gab. Denn gut ist er und helfen möchte er dir, das muß ich sagen; aber die Furcht vor der Frau läßt ja alles das nicht aufkommen!«
»Wie? Du hast die Erlaubniß des Onkels?« rief Agathe in in höchster Verwunderung »Wo hast du ihn denn gesprochen?«
»In seinem Comptoir, mein Schäfchen! Drei Mal bin ich bei ihm gewesen und habe ihn bestürmt, bis ich den Zettel hatte!« rief die Alte und rieb sich vergnügt die harten Hände, daß es raschelte. »Aber Abschied zu Hause darfst du freilich nicht nehmen, dann wäre alles umsonst. Madame sperrte dich sicher ein; darum entschließe dich nur und komm gleich mit mir, das ist das Allerbeste; es ist alles schon vorbereitet.«
»Wie? Ich soll gleich mit dir kommen?« rief Agathe, die Augen weit öffnend. »So ohne Abschied, ohne alles, ohne....«
»Ja den Abschied von deiner zärtlichen Tante, den mußt du freilich dran geben,« lachte die Alte; »alles andere aber ist besorgt, da sei ruhig. Die alte Cousine packt eben deine Sachen zusammen, die ich in der Dämmerung abhole; sie weiß um alles, ist aber verschwiegen und freut sich, daß du fort kommst. In meiner Wohnung bleibst du bis zur Abreise von Menzels. Auch sie wissen um unsern Plan und reisen deshalb einige Tage früher; die guten Menschen, sie haben dich so lieb gewonnen.«
»Aber das ist ja eine wahre Entführung! Ich laufe ja davon, als wäre ich ein Verbrecher rief Agathe ganz außer sich vor Bestürzung.
»Nun ja, was bleibt denn anders übrig, wenn dein Onkel seine Frau nicht zwingen kann und will?« lachte die Alte. »Er hat ja eine Furcht vor ihr, als wäre sie Napoleon seine größte Kanone!«
»Aber dem Onkel muß ich Lebewohl sagen; von ihm kann ich nicht so fortlaufen, es wäre zu abscheulich!« sagte Agathe.
»Nun dann komm schnell, und besuche ihn in seinem Comptoir,« drängte die Alte. »Bis zwei Uhr ist er dort allein; das trifft sich gut.«
Eilig gingen die beiden Freundinnen nach dem Arbeitszimmer des Onkels, der in großer Unruhe in demselben auf und nieder ging.
»Agathe!« rief er freudig, als das junge Mädchen schnell bei ihm eintrat, und zog dasselbe an die Brust.
»O mein lieber, lieber Onkel!« schluchzte Agathe, »verzeihe mir!«
»Ich habe dir nichts zu verzeihen, Kind!« sagte Herr Niedrer sanft. »Ich sehe ein, daß es besser für dich ist, du verläßt unser Haus und nimmst die Stelle bei jenen braven Leuten an. Deshalb habe ich auch meine Einwilligung dazu gegeben. Gehe mit Gott, mein gutes Kind, und bleibe gut und brav. Alles andere laß dich nicht kümmern; ich weiß, was ich thue. Du kannst ruhig sein, sowohl was dich selbst, als auch was mich betrifft. Bist du in Noth, so wende dich getrost an mich; mein Herz wird dir immer offen sein, wenn es auch mein Haus in Zukunft nicht mehr sein kann.«
Agathe konnte sich schwer von dem Onkel trennen; aber Fremde kamen, und nach einer letzten innigen Umarmung eilte sie fort. Die treue Anne hatte in ihrem Stübchen alles zum Empfange des lieben Gastes bereitet, und bald schloß sie die Thür hinter der Entführten.
»Hier bist du sicher, mein Vögelchen!« rief sie fröhlich. »Hier finden dich selbst die scharfen Augen deiner Frau Tante nicht.«
Agathe saß stumm und traurig da, und alle Fröhlichkeit der guten Soldatenfrau war nicht im Stande, sie zu erheitern. Ihre Gedanken flogen nach dem Hause, das sie verlassen; sie kam sich wie eine Verbrecherin vor. Im Geiste sah sie den furchtbaren Zorn der Tante, die jetzt schon ihr Ausbleiben bemerken mußte. Dann kam die Stunde, in welcher der Onkel heimkehrte, und in Todesangst dachte sie daran, daß er vielleicht eben jetzt der Tante ihre Flucht mittheilte; denn er hatte versprochen, sich ihrer treu anzunehmen, und sie zu vertheidigen und zu schützen.
»Unsinn! Er ist der Generalfeldmarschall seiner Truppen; was er will, muß in seinem Hause geschehen, so gehört sich's!« sagte Anne Sommer mit grimmigem Ernst, als Agathe ihre Sorge aussprach, der Onkel werde um ihretwillen gewiß viel Aerger und Verdruß zu leiden haben. »Hätte er es dir nicht erlaubt, würdest du natürlich nicht desertirt sein. Aber jetzt beruhige dich, und sei kein Närrchen. Heute Abend werde ich ja erfahren, wie es dort steht.«
In der Dämmerstunde holte Anne Agathes Koffer ab, den die alte Cousine heimlich gepackt hatte, und durch sie erfuhr denn die Alte, daß es freilich einen sehr heftigen Auftritt zwischen Herrn und Madame Niedrer gegeben habe. Der Herr sei aber so fest und bestimmt bei seinem Willen geblieben, daß Madame sich schließlich beruhigt und sich vor den Leuten das Ansehen gegeben habe, als sei Agathes Entfernung mit ihrer Zustimmung erfolgt.
Unter den jungen Arbeiterinnen des Putzgeschäfts hatte Agathes Flucht große Heiterkeit hervor gerufen; denn alle hatten das innigste Mitleid mit ihr gehabt. Selbst Fräulein Schneider lächelte, als sie den ersten Schreck überwunden und gestand seufzend, sie habe jetzt eine Sorge weniger; denn zu einer Putzmacherin hätte sie Fräulein Agathen doch nimmermehr heran bilden können.
Siebentes Kapitel.
Im fremden Lande.
Es war an einem schönen, sonnigen Herbsttage, als eine blasse Frau, auf den Arm ihres Mannes gestützt, eines der Eisenbahncoupé's bestieg und sich freundlich nach einem jungen Mädchen umschaute, das an dem Halse einer großen Frau hing, deren bunte Bauerntracht wunderlich gegen die dunkle Reisekleidung des Mädchens abstach.
»O Anne, behalte mich lieb, und habe ewig Dank für alles!« schluchzte Agathe, denn sie war es. Die alte Soldatenfrau fand keine Worte und streichelte nur immer wieder die Wangen des jungen Mädchens, indem ihr einzelne, dicke Thränen über das gute Gesicht liefen.
»Ich muß fort, lebe wohl, meine Anne; vergiß deine Agathe nicht!« rief diese endlich, rasch davon stürzend, und eilte, ohne zurück zu blicken, nach dem Wagen. Aber hier erwartete sie noch ein anderer Abschied. Der Onkel war es, welcher ihr noch Lebewohl sagen und ihr mittheilen wollte, daß zu Hause alles gut stehe, die Tante ihr sogar einen Gruß schicke. Das erleichterte Agathes Herz unbeschreiblich; denn sie machte sich wegen ihrer Flucht doch unsägliche Vorwürfe. Nun konnte sie ruhig abreisen, und trotz der Thränen, die ihr Auge trübten, als sie dem guten Onkel zum letzten Male die Hand reichte, schlug ihr Herz doch froh und hoffend der Zukunft entgegen.
Die Reise war schön und genußreich, und da man wegen der Kranken nur kleine Tagestouren machen konnte, auch durchaus für Agathe nicht anstrengend. Die Geschäfte, welche sie zu besorgen hatte, wurden ihr sehr leicht, und die große Milde und Freundlichkeit der Kranken berührten Agathen um so angenehmer, als sie von der Tante nur strenge, kalte Behandlung erfahren hatte. Herr von Menzel, ein reicher Gutsbesitzer, war ein heiterer, freundlicher Mann, der die junge Gesellschafterin wie eine Tochter behandelte, und bald fühlte sich Agathe so glücklich, wie noch nie in ihrem Leben. Die Aerzte hatten es für gerathen gehalten, die Kranke nach Nizza zu schicken, dessen warme, geschützte Lage ihrer kranken Brust vielleicht noch Heilung bringen konnte. Die weiche Seeluft des Mittelmeeres, an dessen Ufern sich diese schöne Stadt hinzieht, umwehte die Kranke mit ihrem schmeichelnden Hauche und that ihr bald so wohl, daß sie in Agathes Begleitung täglich einen kleinen Spaziergang machen konnte. Die eifrige, kleine Gesellschafterin suchte der sanften Kranken alle Wünsche vom Auge zu lesen, und diese wieder dachte immer daran, das gute, junge Mädchen möglichst zu schonen und ihr Gelegenheit zu geistigen Beschäftigungen zu verschaffen, wonach sich, wie sie wußte, Agathes Herz so innig sehnte. Sie selbst war eine fein gebildete Frau und ließ sich von Agathe oft durch Vorlesen guter Bücher unterhalten; bessere Fortbildung aber fand sich für das junge Mädchen bald noch durch den Verkehr mit einem würdigen Geistlichen aus der französischen Schweiz, welcher dasselbe Haus mit ihnen bewohnte. Er hatte Agathes eifrige Lernbegierde bemerkt, und freundlich bot er ihr an, sie sowohl in der französischen Sprache als auch in einigen Wissenschaften zu unterrichten, da er, wie er sagte, seine Musestunden nicht besser ausfüllen könne. Gern gab die Kranke ihre Einwilligung, und mit innigem Entzücken widmete sich nun Agathe all den Dingen, nach denen sie im Hause des Onkels so vergebens verlangt hatte.
Diese innere Freudigkeit, verbunden mit der herrlich reinen Luft der Berge und der üppigen, kräftigen Kost, welche ihr jetzt geboten wurde, ließen auf Agathes Wangen bald frische Rosen erblühen. Das zarte, blasse Kind wuchs zur schönen, frischen Jungfrau heran, und voll wahrhaft mütterlicher Liebe verfolgte Frau von Menzel die körperliche wie geistige Entwickelung des jungen Mädchens. Schön und genußreich schwanden die Tage wie Stunden dahin, und die Liebe der Menschen, mit denen sie lebte, erwärmten Agathes Herz eben so sehr, als die herrliche Natur, welche sie umgab.
Der Herbst verging, und der Winter mit seinen rauhen Tagen zog in das Land. Aber die Lage Nizza's, welches im Norden und Osten geschützt und von milder Seeluft umgeben ist, verhindert die scharfen Winde, diesen Zufluchtsort der Kranken zu erreichen, an welchem sich die kleine Familie glücklich und wohl fühlte. Herr von Menzel hatte für einige Zeit nach der Heimath zurückkehren müssen, und da er die Kranke in Agathes treuen Händen wußte, verließ er sie mit ruhigem Herzen. Agathe schloß sich in dieser Zeit um so enger an die sanfte Frau an, die ihr immer mehr Freundin wurde und sie nie wieder von sich lassen wollte. Aber wenn die Kranke auch an keine Trennung dachte, so mußte es Agathe im Stillen nur zu häufig thun, denn sie bemerkte nur zu gut, wie die Krankheit der theuren Frau immer größere Fortschritte machte. Das milde Klima konnte das Leiden nur hinziehen, nicht heben, und mit tiefem, geheimen Kummer, aber heiterem Auge hörte sie, wie die Kranke Pläne auf Pläne entwarf, welch schönes Leben sie ferner mit einander führen wollten. Agathe küßte dann in dankbarer Liebe die schmale, abgezehrte Hand ihrer gütigen Freundin; aber in ihrem Herzen konnte sie solchen schönen Träumen keinen Glauben schenken. Der Winter war vorüber und für den nahenden Frühling und Sommer wählte die Familie einen anderen, den heißen Sonnenstrahlen weniger ausgesetzten Aufenthalt in den Schweizer Alpen. Agathe hatte die Freude, daß auch ihr Freund, der Geistliche, für einige Zeit mit ihnen zog; denn er hatte die Familie so lieb gewonnen, daß er sich nicht so schnell von ihnen trennen mochte. -- Aber war es nun der Wechsel des Ortes, oder war es die, allen Brustkranken gefährliche Frühlingsluft, Frau von Menzel wurde bald so leidend, daß ihr Ende schneller herannahte, als selbst Agathe in den bangsten Stunden gefürchtet hatte. Mit stiller Ergebung trug der unglückliche Gatte die herannahende Trübsal, und Agathe wurde ihm sowohl durch ihre treue Pflege, als durch den tiefen Ernst ihres Gemüthes unendlich lieb und trostbringend. Die Kranke selbst ahnte ihren Zustand nicht. Sie wurde schwächer und schwächer; aber indem ihr blaues Auge wunderbar glänzte, sprach sie lächelnd von der schönen Zeit, in welcher sie wieder gekräftigt sein und sich der herrlichen Natur werde erfreuen können.
»Wie sehne ich mich, wieder in die warme Sonne zu kommen und den weiten, blauen Himmel sehen zu können!« sprach sie eines Tages freudig und wendete ihr Auge nach dem Fenster. »Tragt mich in's Freie, ich möchte der schönen Gotteswelt näher sein,« bat sie dann sanft, und langsam rollte ihr Gatte und Agathe das Ruhebett der Kranken an die offene Thür der Veranda.