Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 13

Chapter 133,915 wordsPublic domain

»Die Tante ist doch sehr gut, daß sie so für meine Gesundheit sorgt,« dachte Agathe und kleidete sich schnell an, so ungern sie ihrem Buche Lebewohl sagte. Dann lockte sie den Hund mit einem Stück Kuchen an sich, nahm ihn auf den Arm und eilte, von der Cousine begleitet, in's Freie. Sie ergötzte sich an dem bunten Treiben, das die Straßen dieser Handelsstadt belebte; aber das Gewirr in denselben, die hohen, überhängenden Häuser, die dunkeln Höfe und Gäßchen, durch welche sie gingen, und die in der Dämmerung noch unheimlicher aussahen, bedrückten das Herz des jungen Mädchens mehr und mehr. Dazu kam, daß Bello unruhig wurde und weder auf Agathes Arm, noch auf dem der Cousine bleiben wollte, und doch wagte Agathe nicht, ihn auf den Boden zu setzen; denn in dem Gewühl und der Dunkelheit hätte sie ihn sicher verloren.

»Warte, wir wollen ihn anbinden!« sagte die Cousine und zog eine Schnur durch das Halsband des Hundes. Aber damit war nichts gebessert; denn nun wollte das Thier nicht vom Fleck, bellte und stemmte sich, Agathe mochte ziehen, so viel sie wollte. Die Vorübergehenden lachten und neckten die junge Hundewärterin, so daß diese dem Weinen nahe war. Aber die Cousine tröstete und half treulich, indem sie den Widerspenstigen von hinten mit dem Fuße vorwärts stieß, und so, ziehend und stoßend gingen sie ein Stück Weges weiter. Aber endlich trat ein muthwilliger Bursche dem Hunde auf eine Pfote, und nun war nichts mehr mit dem Thiere anzufangen. Winselnd warf es sich zu Boden, und als ihn Agathe wieder auf den Arm nahm, war er so bissig und bösartig, daß der Spaziergang möglichst schnell beendigt werden mußte.

Die Tante war sehr ärgerlich, sowohl über den Unfall, der ihrem Lieblinge widerfahren war, als über die schnelle Rückkehr Agathes. »Mein armes Hundchen bedurfte der frischen Luft so sehr,« sagte sie, »du hättest ihn wohl noch eine Weile führen können.«

»Aber liebe Tante, es war ja nicht möglich; laufen wollte er nicht, und auf dem Arme blieb er auch nicht!« entschuldigte sich Agathe.

»Ach du verstehst das liebe Thier nur nicht zu behandeln!« rief die Tante heftig und streichelte die verletzte Pfote ihres Lieblings. »So unaufmerksam, ihn treten zu lassen!«

Das junge Mädchen wollte sich schüchtern zurückziehen, da sagte die Tante: »Bleib nur hier, Agathe; du sollst mit mir Karte spielen. Ich bleibe heute Abend zu Hause, denn ich bin so sehr angegriffen.«

»Karte, liebe Tante? Das kann ich nicht; ich habe nie Karte gespielt,« erwiederte Agathe erstaunt.

»So? Nun so geh' zur Cousine, sie soll es dir beibringen, damit du morgen mit mir spielen kannst,« sagte die Tante. »Die alte Person mag ich nicht mehr um mich haben, sie spielt auch gar zu schlecht! Gieb dir rechte Mühe, daß du es morgen schon kannst; ich langweile mich sonst zu schrecklich.«

»Ich will Ihnen vorlesen, liebe Tante, das ist doch hübscher als Kartenspiel,« wagte Agathe zu sagen, aber Madame entgegnete verdrießlich: »Nein, laß mich damit in Ruhe, das greift meine Nerven an und ist zum Einschlafen langweilig. Geh' nur, und lerne Kartenspiel.«

So blieb denn Agathen nichts anderes übrig, als den Befehlen der Tante zu gehorchen, und die alte Cousine um Unterricht in dieser völlig unbekannten Kunst zu bitten.

Es wurde ihr sehr schwer, alles das zu merken, was nöthig war, und der ganze schöne Abend verging, ehe sie Boston, das Lieblingsspiel der Tante, begriffen hatte, der schöne Abend, an dem sie sich so unsäglich gern mit ihren Büchern beschäftigt, ihren früheren wissenschaftlichen Arbeiten einige Zeit gewidmet hätte!

Den Onkel sah sie beim Abendbrod erst wieder. Er war freundlich wie am Morgen, aber um die Beschäftigungen Agathes bekümmerte er sich nicht; das war die Sache seiner Frau, dahinein durfte er sich nicht mischen.

Aber doch übertrug er ihr auch ein Geschäft, das Agathen mit der Zeit sehr angenehm wurde; es war das Vorlesen der Zeitung nach dem Abendbrode. Bald bestand in dieser Lectüre Agathes einzige geistige Beschäftigung; denn so wie dieser erste Tag, vergingen alle übrigen, nur mit dem Unterschiede, daß Agathe den Hund am Tage spazieren führen mußte, statt Abends, und zwar in der einzig freien Zeit von eins bis zwei Uhr, sobald sie ihr Mittagbrod verzehrt hatte. Doch war die Tante so gütig, ihr noch eine halbe Stunde länger zu bewilligen, ob zum Vortheil Agathes oder Bello's blieb freilich unentschieden. Bald hieß das junge Mädchen bei der fröhlichen Straßenjugend, welche sich um die Mittagszeit zum Spielen in der Nähe einfand, nur noch das »Hundefreiln.« Aber statt sie, wie im Anfange, zu necken, half ihr bald dieser, bald jener gutherzige Junge, den Hund zu beruhigen, wenn derselbe seine bösen Mucken bekam, und oft genug wurde er von solch' kecker Hand tapfer durchgeprügelt für seine Unarten, was Agathe durchaus nicht verwehrte; denn Bellochen lernte jetzt ordentlich, was es heißt, ein artiger Hund zu sein.

So vergingen Agathen die Tage in ihrer neuen Heimath. Am Morgen begann sie ihr Tagewerk mit der Toilette des Hundes, dann nähte sie bis ein Uhr, aß geschwind, und führte alsdann ihren Schutzbefohlenen an die Luft, was ihr freilich selbst sehr zuträglich war. Dann wurde wieder genäht bis sieben Uhr, und regelmäßiges Kartenspiel mit Onkel und Tante sowie schließlich die Zeitungslectüre beschloß den Tag und raubte ihr jegliche freie Minute. Wohl versuchte sie bis in die Nacht hinein zu lesen und zu studiren; aber dies duldete die alte Cousine mit Recht niemals; denn Agathes zarter Körper bedurfte nach der Arbeit des Tages unbedingt der Ruhe. Die einzige freie Zeit hatte Agathe nur, wenn die Tante Abends ausgegangen war; aber sie ging dann auch immer so spät, daß nur noch wenige Stunden bis zum Schlafengehen übrig blieben. Aber doch waren diese Stunden die Freude und Wonne des eifrigen Kindes, und an ihnen richtete sich ihr Herz auf, wenn sie oft unter der Last ihrer geisttödtenden Arbeiten zu erliegen meinte.

Auch an den Sonntagen gehörten einige Stunden ihr selbst, und nie waren ihr diese Feiertage so lieb und werthvoll gewesen, als jetzt. Regelmäßig besuchte sie dann des Morgens die Kirche, und hier fand sie Trost für alles, was ihr Herz bedrückte, und frischen Muth, der Zukunft hoffend entgegen zu sehen. Auch am Nachmittage blieb sie sich einige Stunden selbst überlassen, ehe der Abend mit dem Kartenspiel heran kam, und daß sie diese schöne Freiheit benutzte, um zu ihren Büchern zu flüchten und Briefe an ihre lieben Freundinnen zu schreiben, versteht sich von selbst. -- Aber wäre dem schönen Sonntage nur nicht das Erwachen am Montag früh gefolgt, das war gar zu traurig! Wie eine lange Kette von sechs schweren, drückenden Bleigewichten lagen diese kommenden Wochentage vor ihr, und nie begann sie ihr Tagewerk ohne Seufzer, sie mochte sich selbst noch so sehr deshalb schelten. Leider zeigte sie zu den feinen Arbeiten, die sie jetzt erlernte, sehr wenig Geschick. Es gehörten gewandte, flinke Finger dazu, und große Leichtigkeit der Hand, um all' die Tausend Fältchen und Kniffchen und niedlichen Zierlichkeiten hervorzubringen, wodurch aus Nichts etwas Hübsches entsteht, und dazu war Agathe ganz und gar nicht gemacht. Sie hatte eine schwerfällige Hand, arbeitete langsam und gewissenhaft, und machte so kleine zierliche Stiche, als nähte sie feine Wäsche. Schon bei dem ABC der Putzmacherkunst war sie in Verzweiflung, und Fräulein Schneider mit ihr; was sollte erst werden, wenn die schweren Aufgaben daran kamen. Das ABC, das jede Schülerin erst lernen mußte, um dann zu den höheren Graden zu gelangen, war nämlich das Nähen von Millionen dicht an einander stoßenden, kleinen Säumen, in welche Fischbeine geschoben wurden, um dann die sogenannten Zughüte zu geben, in denen Madame Niedrers Geschäft eine besondere Berühmtheit erlangt hatte, weshalb denn diese massenhaften Säume auch nimmermehr ein Ende nahmen. Staunend hatte Agathe gleich am ersten Morgen gesehen, mit welcher Blitzesschnelle die Nadeln der jungen Mädchen bei dieser Arbeit durch das Seidenzeug fuhren. Nun sollte sie es ebenso machen; aber damit kam sie nun und nimmer zu Stande. Vorsichtig nähte sie Stich um Stich, und solch Zughütchen, von ihrer Hand gefertigt, würde vielleicht am jüngsten Tage einmal fertig geworden sein. Und wie mit dieser Arbeit, so ging es ihr mit allen andern. Einst die beste Schülerin der ganzen Pension, war und blieb sie die schlechteste hier in der Arbeitsstube. Fräulein Schneider war zum Glück eine sehr gutherzige Dame und sah wohl, wie viel Mühe sich die arme Agathe gab. Sie verschwieg ihrer Principalin die Ungeschicklichkeit des jungen Mädchens; aber freilich änderte sie dadurch in der Sache nichts, und Agathe fühlte sich von Tage zu Tage muthloser. Dazu kam, daß Bello krank wurde und sie diesem unleidlichen Gesellen jetzt jede ihrer freien Stunden opfern mußte. Das Thier litt zuweilen an Krämpfen, und wenn diese sich einstellten, dann gerieth das ganze Haus in Aufregung. Madame Niedrer lag schluchzend im Sopha, unfähig ihren Schmerz zu überwinden, oder sie kniete neben dem Lager des Hundes, Agathen zusehend, wie sie nach Angabe des Thierarztes den Kranken mit aller Anstrengung frottirte, daß ihr der Schweiß von der Stirn rann, oder das Thier in warme Decken einhüllte, die immer neu erwärmt werden mußten. Bei solchen Krankheitszufällen hatte Agathe auch in der Nacht keine Ruhe; denn alsdann stand das Bett des Hundes neben dem ihren, und sie mußte viele Male in der Nacht aufstehen, dem Thiere auf der Spirituslampe süße Milch zu erwärmen und ihm dieselbe dann einzuflößen. Die Cousine half dabei natürlich gern und nahm Agathen die Hälfte der Arbeit ab; aber Agathe war doch immer in Angst und Sorge; denn ihr war der Hund anvertraut, und passirte ihm etwas, so bekam sie die Vorwürfe. Bello war gewöhnt, stets bei der Nachtlampe zu schlafen, und so brannte dieselbe natürlich auch jetzt neben Agathes Bett. In einer Nacht aber war das Licht ausgegangen, und Bello bekam in Folge davon wieder seine Krämpfe; denn das zarte Geschöpf hatte sich über die ungewohnte Finsterniß alterirt, die es umgab. Kein Mittel wollte helfen, und am nächsten Tage war Bello so krank, daß Madame Niedrer fassungslos umherirrte.

»Fahre mit ihm nach der Klinik, Agathe,« rief sie weinend, »ich kann es nicht, ich bin zu trostlos!«

So holte sich denn Agathe einen Wagen, nahm Bello auf den Schoos und fuhr nach der Thierarzneischule. Es war eine entsetzliche Fahrt, denn jeden Augenblick dachte sie, das Thier würde sterben. In der Klinik wurde sie von einer Menge junger Aerzte umringt, welche sich des Hundes anzunehmen schienen, hierbei aber Agathen mehr ansahen, als den armen Bello. Das junge Mädchen wurde von Minute zu Minute unruhiger; tödtliche Verlegenheit und Angst färbte ihre zarten Wangen immer tiefer; aber gerade dies erhöhte ihre Schönheit, und beifälliges Flüstern erhob sich rings um sie her. Sie fühlte, wie unpassend es war, daß sie allein hier unter den jungen Aerzten stand; aber was sollte sie thun? Den Hund konnte und durfte sie nicht verlassen, und ein älterer Mann, der sich mit ihm beschäftigte, fand gar kein Ende in seinen Untersuchungen. »Lassen Sie den Hund hier, und holen Sie ihn morgen wieder ab, meine Dame, falls er da noch lebt!« sagte endlich der alte Herr, und froh aufathmend eilte Agathe davon, umringt von den jungen Aerzten, die ihr die Thür öffnen, ihr einen Wagen herbeirufen, sie begleiten, kurz ihr alle möglichen Dienste erzeigen wollten. Schluchzend kam Agathe zu Hause an; denn das schüchterne Kind war außer sich über das, was sie hatte ertragen müssen, und ihre Aufregung war so groß, daß Madame Niedrer's Vorwürfe darüber, daß sie den Hund in der Klinik gelassen, gar keinen Eindruck auf sie machten. Als aber Madame am andern Tage verlangte, sie solle wieder hingehen und Bello abholen, da erklärte sie mit einer für die Tante völlig neuen Entschiedenheit, das thue sie nicht, die Cousine möge hingehen. Trotz Madames Zorn ob solcher Opposition ließ sich Agathe nicht bestimmen, und so wurde wirklich die Cousine an ihrer Stelle abgeschickt. Zum Glück war Bello wieder gesund; Agathe aber haßte ihn jetzt nur doppelt, denn die Angst und Sorge um ihren Liebling ließ Frau Niedrer gar nicht mehr zu Ruhe kommen, und Agathe hatte schlimmere Tage als je. Heulte und wimmerte das Thier, so sollte sie dafür einstehen; denn die Tante behauptete, sie besorge ihn schlecht. Lief er in plötzlicher Laune zur Thür hinaus, so mußte sie von der Arbeit fort hinter ihm d'rein springen, um ihn zurück zu holen, damit er sich nicht wieder erkälte, und kam sie dann athemlos zurück, so zitterten ihr die Hände von dem Kampfe mit dem widerspenstigen Thiere, und die Arbeit wollte noch weniger gehen, als bisher schon. So verging Woche um Woche; ihre Lage wurde nur schlimmer statt besser. Zum Lesen und Lernen kam sie jetzt gar nicht mehr, und ein schwerer, stiller Trübsinn lagerte sich auf ihr Herz. Es war ihr alles gleichgültig; am liebsten wäre sie im Grabe bei ihrer lieben, theuren Mutter gewesen, denn das Leben hatte trotz ihrer Jugend gar keinen Reiz mehr für sie.

Fünftes Kapitel.

Wiedersehn.

Still und in sich gekehrt ging Agathe eines Tages vor einem der Thore Leipzigs spazieren. Der Sommer war in voller Pracht in das Land gezogen; in den Gärten standen Rosen und Lilien in voller Pracht, und die blühenden Lindenbäume neigten ihre duftenden Zweige zu dem jungen Mädchen herab, als wollten sie ihr Liebes und Freundliches erzeigen. In dem frischgrünen Laube der schattigen Baumgänge, unter denen Agathe dahin schritt, sangen die Vögel fröhliche Lieder, und die Sonne blickte mild und warm vom blauen Himmel hernieder. Aber Agathe hatte heute für gar nichts Sinn. Allerlei Verdruß und Aerger bedrückte ihr Herz mehr als gewöhnlich, und sie fühlte sich so einsam, so allein in der Welt, daß sie sich wie verstoßen vorkam. Thräne auf Thräne rollte über ihre Wange, und müde setzte sie sich endlich auf eine der Bänke, welche unter den Bäumen standen. Bello war ungewöhnlich artig und legte sich ruhig zu ihren Füßen nieder, und so wurde sie durch nichts von ihren Gedanken abgezogen.

Aber plötzlich fuhr sie zusammen; der Ton einer Stimme schlug an ihr Ohr, und wie träumend starrte sie in ein liebes, treues, nur gar zu wohl bekanntes Gesicht.

»Mein Goldkind, bist du es denn wirklich? Muß ich dich gleich hier finden, mein armes kleines Vögelchen?« so rief schon von Weitem die bekannte Stimme der alten Soltatenfrau, und in ihrer ganzen gewichtigen Höhe und Breite stürmte sie mit großen Schritten auf Agathe los.

»Anne, meine Anne!« jubelte das junge Mädchen und flog mit offenen Armen an die Brust der alten, treuen Seele, und laut schluchzend umschlang diese ihren Liebling.

»Ach Anne, dich schickt mir der liebe Gott!« sagte endlich Agathe. »Gerade heute wollte ich ganz verzagen, und aller Muth war mir entschwunden. Aber nun ist alles gut, nun bist du hier, nun habe ich jemanden, der mich lieb hat. Nicht wahr, du bleibst hier, Anne? Du ziehst hierher und läßt dein armes Kind nicht mehr allein? Ach Anne, wenn du wüßtest, wie traurig ich bin, du verließest mich nicht wieder!«

»Nun will ich denn das, mein Herzkäferchen? Will ich denn wieder fort? Habe ich nicht meine ganze Bagage im Train, damit ich hier Quartier nehme?« rief die Alte fröhlich und lachte mit ihrer lauten, rauhen Stimme, daß die Vorübergehenden verwundert auf das sonderbare Pärchen blickten. Die alte Soltatenfrau war eine geborne Schlesierin und hatte heute den großen Staat ihrer Heimath angelegt, welche Tracht sich allerdings unter den glatten, weißen Mützchen und den modischen Kleidern der Leipziger Stubenmädchen gar wunderlich ausnahm. Sie trug einen feuerrothen Rock mit weiter Schürze und Mieder, darüber den rothen schlesischen Frießmantel, welcher, wie der blaue Regenschirm, Sommer und Winter den Schlesier begleitet, und den Kopf deckte eine Mütze mit langen Bändern, von einem großen, schwarzseidenem Tuche umschlungen, dessen Schleifen wie ein Paar mächtige Fächer über der Stirn schwebten.

Agathe war so glücklich über das Wiedersehen ihrer treuen Anne, daß ihr alle Traurigkeit entschwunden war. Froh, der braven Freundin ihr Herz öffnen zu können, erzählte sie alles, was ihr begegnet, und alles Leid, das sie zu tragen hatte. Anne begleitete die Erzählung mit den theilnehmendsten Zeichen und Ausrufungen, indem sie wie ein =Telegraph= mit ihren langen Armen in der Luft umher focht; glückselig aber war sie, daß sie Agathe wenigstens den Trost geben konnte, sie werde sich ihrer nun aus allen Kräften annehmen, da sie ihr so nahe sei.

»Ach gute Anne, du kannst mir ja doch nicht helfen!« seufzte Agathe. Aber im Herzen hoffte sie doch wieder von Neuem, seit sie diese treue Seele neben sich wußte.

»Wer weiß, ob ich dir nicht einmal beistehen kann, wo du es am wenigsten denkst,« sagte die Alte, und schritt gedankenvoll neben Agathe her, die sich bei diesem Wiedersehen schon sehr verspätet hatte und nun eilte, nach Hause zu kommen.

»Besuche mich morgen ganz früh, Anne, den Tag über habe ich keine Zeit,« rief Agathe noch beim Abschied; dann winkte sie der Alten noch einmal zu und flog die Treppe hinauf.

»Du armes, armes Vögelchen! Das ist kein Ort für dich!« sprach Anne leise, indem sie ihr nachblickte und dann still ihres Weges ging.

»Wie sie bleich aussieht und mager. Diese Tante muß gar kein Herz im Leibe haben, sonst könnte sie solche kleine, blasse Blume nicht von früh bis Abend an die Näherei schmieden, wie einen Galeerensträfling!«

Das Wiedersehen ihrer alten treuen Freundin hatte Agathen so fröhlich gestimmt, daß die Cousine ganz verwundert drein schaute, sich aber herzlich mit dem jungen Mädchen freute, als sie den Grund zu deren Frohsinn erfuhr.

»Gegen die Tante sprich aber lieber nicht davon; sie liebt solche Besuche nicht,« sagte die Cousine, und da Agathe überhaupt in Gegenwart der Tante sehr wenig sprach, so wurde es ihr nicht schwer, gegen dieselbe zu schweigen. Dem Onkel aber theilte sie die Anwesenheit der Alten mit, sobald sie einmal mit ihm allein war, und in seiner milden Weise nahm auch er herzlichen Antheil an der Freude des guten Kindes.

Anne kam am folgenden Morgen, wie sie versprochen, ihren Liebling zu besuchen, und aus den weiten Taschen ihres rothen Frießrockes holte sie eine Menge Briefe und kleine Geschenke heraus, welche die Freundinnen der Pension an Agathe schickten. O, was für eine Freude war das, welch ein herrlicher, glücklicher Tag! Das junge Mädchen lachte und weinte vor Entzücken, und fiel ihrer Anne immer wieder dankend um den Hals. Die ganze unaussprechliche Sehnsucht ihres Herzens nach den vergangenen Zeiten war durch diese Boten aus der Heimath ihrer Kinderjahre über sie gekommen.

Anne versprach, Agathen recht oft zu besuchen, und sie hielt Wort; öfter aber noch traf sie mit ihrem Lieblinge auf deren täglichen Spaziergängen zusammen, wodurch dieselben nicht wenig an Reiz gewannen.

Wieder verging Woche um Woche; der Herbst vertrieb den Sommer, und die fallenden Blätter deckten die Laubgänge vor der Stadt, in denen Agathe so gern auf und nieder wandelte. Aber wenn auch die Natur um sie her ein anderes Ansehen gewann, die Lage Agathes blieb dieselbe. Kein freundlicher Hoffnungsstern wollte an ihrem Himmel aufgehen, wie sehr sie ihn auch ersehnte und Plan auf Plan schmiedete und selbst an den Eisenstäben zu rütteln versuchte, die sie umschlossen.

Eines Tages jedoch schritt ihr die alte Soldatenfrau in großer Aufregung entgegen, und kaum erreichte ihre rauhe Stimme Agathen, als sie fröhlich ausrief: »Hurrah, mein Goldkind, ich sehe Licht! Helles Licht, sage ich dir!« Dabei focht sie mit ihren großen Händen gewaltig in der Luft umher, als risse sie dunkle Schleier herab, die besagtes Licht verhüllten. »Die Bresche ist geschossen, nun muß auch die Festung bald fallen; denn die Bresche ist die Hauptsache, sagte mein Corporal, wenn er sich vor einer Attaque den Schnurrbart strich,« schloß sie dann und fuhr sich über die Lippen, um zu zeigen, wo der Schnurrbart gesessen, der so regen Antheil an den Berathungen ihres Corporals hatte.

»Aber was giebt's denn nur, Anne, was hast du nur?« rief Agathe neugierig und zog die Alte auf eine Bank.

»Was es giebt? Eine Stelle giebt es für dich, mein Vögelchen!« jubelte die Alte. »Aber wie gesagt, Sturm müssen wir laufen, sonst kommt uns ein Anderer zuvor, oder deine Frau Tante bekommt gar Wind und verrennt uns den Weg.«

»Eine Stelle? Du träumst wohl, Anne; für mich eine Stelle?« rief Agathe ungläubig. »Was soll ich armes Ding denn für eine Stelle ausfüllen! Ich kann ja nichts als Hunde warten und Karte spielen! Nicht einmal Putzmachen begreife ich; ich bin ja zu gar nichts zu gebrauchen!«

»Das wird sich finden!« sagte die Alte stolz und schüttelte den grauen Kopf, daß die Fächer ihrer Mütze hin und her schwankten. »Jeder soll thun, was für ihn paßt! Putzmachen ist eine gute, ehrenwerthe Beschäftigung, das versteht sich; aber wer kein Geschick dazu hat, sondern Kopf zu was anderm, der soll sich damit nicht abquälen, sondern lieber das thun, was ihm leichter wird! Ich kenne dich besser und weiß, wer in der Pension stets die beste Schülerin gewesen ist! Es ist mir ganz egal, was du seitdem gethan hast; in dir steckt mehr, das muß ich wissen. Ich kenne mein liebes Kind vom ersten Tage an, als es auf die Welt kam, damit Basta!«

»Aber so sag' doch, was hast du denn für eine Stelle?« lachte Agathe und ergriff zärtlich die schwielige Hand der braven Freundin.

»Nun du weißt doch, daß ich die Aufwartung bei Madame Groß übernommen habe,« hub die Alte geheimnißvoll an. »Diese hat jetzt Besuch von ihrem Bruder, der mit seiner kranken Frau nach Frankreich oder Italien, oder wo es ist, gehen will. Da kam mir denn ein Gedanke: »Wenn sie für die arme, kranke Dame nur eine weibliche Begleitung hätten, liebe Madame Groß,« sagte ich gestern Abend zu meiner Herrin, und hatte so meine Absichten. »Eine Kranke bedarf so manches, was der Mann nicht versteht, und die liebe, kranke Dame wird das gewiß später empfinden. Sehen Sie, Madame,« sagte ich weiter, »mein Corporal war der beste Mann in der ganzen Welt; aber wenn ich krank im Bett lag, da war er wie ein kleines Kind; es fehlte an allen Ecken; denn er verstand gar nichts, was nicht zum Dienste gehörte.« Was meinst du nun, mein Goldkind, was ich bei den Worten im Sinne hatte? Nichts anderes, als daß du die Leute als Gesellschafterin begleiten solltest!« schloß die Alte mit glänzenden Augen, »und ich glaube, es wird was draus, denn Madame Groß fand meine Gedanken vortrefflich.«

»Ich, Anne, Gesellschafterin? Ach, mein Gott, wo denkst du hin!« rief Agathe ganz erschrocken.

»Aber warum denn nicht?« sagte die Alte eifrig. »Ist es nicht besser, du pflegst eine gute, kranke Dame (denn sehr gut ist sie, das habe ich gemerkt), als daß du Hunde wartest und dich zu Tode stichelst? Denke doch, sie gehen vielleicht nach Frankreich; da kannst du ja noch was lernen und siehst dich in der Welt um! Hier bei deiner elenden Putzmacherei verkümmerst du ganz; ich kann das nicht länger mit ansehen. Gelt, Schäfchen, du gehst darauf ein?«

Agathe begriff nur zu wohl, wie Recht die treue Seele hatte, und die Aussicht, in fremde Länder zu gehen, und dort noch vieles zu sehen und zu lernen, was für ihre Ausbildung nützlich sein mußte, tauchte wie ein Strahl freudiger Hoffnung vor ihren Blicken empor.

»Aber sie werden mich nicht nehmen, Anne,« seufzte sie traurig.

»Dafür laß mich sorgen, das wird sich finden,« sagte die Alte. »Meine Bresche ist gut angelegt, ich werde schon siegen, da ist mir nicht bange. Aber deine Tante, das ist die Hauptsache, die wird nicht wollen. Sie hat von dir wenig Kosten; du lieber Gott, was braucht denn so ein armes, kleines Vögelchen; aber Hülfe hat sie von dir in Menge, und gewiß denkt sie, du sollst einmal Directrice in ihrem Geschäft werden, damit sie die jetzige nicht mehr zu bezahlen braucht. Die alte Cousine hat neulich so was gesagt, und die Sache wäre freilich für sie bequem.«