Drei Erzählungen für junge Mädchen
Part 12
»Er nicht, aber sie!« sagte die Cousine. »Es ist ein Putzgeschäft, das Madame als Mädchen schon gehabt hat, und da es ihr selbst keine Mühe macht, aber Geld einbringt, so setzt sie es fort: denn Geld braucht sie zu ihrem Staate mehr, als er ihr geben kann. Unter den Nätherinnen wirst du nun wohl auch dein Plätzchen bekommen, liebe Agathe; Madame hat schon davon gesprochen.« »Ich soll Putzmacherin werden?« rief Agathe auffahrend, und helle Gluth bedeckte ihr bleiches Gesicht. »Wenigstens weiß ich es nicht anders!« entgegnete die Cousine achselzuckend.
Agathen entsank der Bissen Brod, den sie zum Munde führte, und Thränen stürzten aus ihren Augen. »O meine schönen Träume!« rief sie traurig und bedeckte das Gesicht mit den Händen. Die gute Alte blickte mitleidig auf das junge Mädchen und seufzte leise, dann aber suchte sie ihr Muth und Trost zuzusprechen. Sie irre sich vielleicht; die Tante habe es vielleicht ganz anders im Sinne, als sie sich denke, und am Ende könne es einem jungen Mädchen ja nicht schaden, wenn sie etwas Putzmachen lerne; es sei eine gar gute und nützliche Zugabe für's Leben. Agathe war gern bereit, Trostgründen Gehör zu leihen, auch konnte sie den vernünftigen Worten ihrer Gefährtin nicht so ganz Unrecht geben. Sie sprachen noch eine lange Zeit mit einander; endlich aber fielen Agathen die Augen vor Müdigkeit zu, und die Cousine führte sie in ein Nebenzimmerchen, in welchem außer wenigen Meubel zwei Betten standen.
»Wir schlafen hier zusammen, liebes Kind,« sagte die gute Alte freundlich; dann half sie dem jungen Mädchen beim Auskleiden, und trotz der vielen Gedanken, welche auf Agathe einstürmten, schloß der Schlaf dennoch bald ihr müdes Auge, und führte sie zurück in den lieben, schönen Kreis, den sie verlassen. --
Drittes Kapitel.
Erster Morgen.
Als Agathe am folgenden Morgen erwachte, konnte sie sich lange Zeit gar nicht besinnen, wo sie denn sei und was mit ihr vorgegangen. Das freundliche Gesicht der alten Cousine, das zur Thür herein schaute, rief ihr jedoch sogleich alles Erlebte zurück, und schnell erhob sie sich, um sich anzukleiden.
»Der Onkel ist soeben zurück gekommen,« sagte die Cousine. »Er erwartet dich vorn im Zimmer; eile dich, liebes Kind!«
Agathe kleidete sich so schnell als möglich an, und bald hatte sie ihre Toilette beendet. Sie trug noch Trauerkleider; denn ihre Mutter war erst kürzlich gestorben.
In dem kleinen Zimmer nebenan, dessen Thür Agathe zögernd öffnete, kam ihr der Onkel, ein kleiner, starker Mann, mit ausgebreiteten Armen entgegen.
»Sei mir willkommen, mein liebes Kind!« sagte er sanft und zog das junge Mädchen in seine Arme. Agathe schmiegte sich bewegt und glücklich an die Brust des lieben Mannes, den sie zwar noch nie gesehen, aber der sie so herzlich begrüßte, als sie nur hoffen und wünschen konnte. Nun stellte dieser das junge Mädchen vor sich hin und betrachtete sie prüfend von oben bis unten.
»Ganz wie meine liebe, gute Schwester, als sie so jung war!« rief er dann bewegt und streichelte Agathes Wange. Ganz ihre lieben, blauen Augen und das weiche, braune Haar! »Sei nur auch so fromm und brav, als sie es war, mein Kind, so wird es dir gut gehen.« Das junge Mädchen küßte die Hand das Onkels, dieser aber sagte etwas hastig: »Jetzt komm aber zu meiner Frau, sie erwartet dich, und -- und wenn sie vielleicht manchmal etwas streng gegen dich ist, so denke immer, sie meint es gut mit dir, und verliere den Muth nicht; es wird alles schon ganz gut werden.« Agathe folgte dem Onkel und fand in dem Zimmer, in welchem die Tante sie gestern empfangen, einen reich besetzten Frühstückstisch, an dem Madame in Gesellschaft ihres Hundes das Frühstück einnahm.
Agathes freundlichen Morgengruß erwiederte sie mit leichtem Kopfnicken; dann aber wandte sie sich zu ihrem Gatten und sagte verdrießlich: »Du läßt mich lange warten, Albert! Ich dächte, Agathe konnte zu dir kommen, statt daß du sie aufsuchtest!«
»Nein, liebe Marie, ich hatte sie gestern bei ihrer Ankunft nicht begrüßen können, darum ging ich gleich jetzt zu ihr,« sagte Herr Niedrer sanft. »Uebrigens brauchtest du ja nicht mit dem Frühstück auf uns zu warten.«
»Das habe ich auch nicht! Aber du weißt, daß ich Bellochen die Milch nicht gern selbst gebe, das ist deine Sache!« sagte Madame ärgerlich. »Das arme, kleine Thier stirbt fast vor Hunger.«
Der gehorsame Gatte ergriff schnell die zierliche Schale mit Milch, blies, daß sie sich abkühlte, und neigte sich dann zu dem Hunde herab, der knurrend den Morgentrunk zu sich nahm. Den Kuchen, aus welchem ferner das Frühstück des Kleinen bestand, reichte ihm die Hand seiner Herrin. Bellochen beliebte es jedoch, von demselben nur die oberste Zuckerdecke abzulecken; den darunter liegenden Kuchenteig stieß er knurrend mit der Schnauze von sich, und Madame griff schnell nach einem andern Stück Kuchen, das der liebe Hund dann abermals in gleicher Weise beknabberte. Darauf streckte sich das Thier gähnend und mit der Zunge die Schnauze beleckend und legte sich endlich mit geschlossenen Augen auf dem Sopha zurecht, an der Seite Madames.
Agathe hatte belustigt zusehen; aber sie wußte nicht, ob sie es wagen durfte, sich an den Tisch zu setzen, da die Tante gar keine Notiz von ihr nahm. Sie zupfte ängstlich an ihrem Taschentuche, strich sich den kleinen Kragen glatt und trat verlegen von einem Fuße auf den andern.
»Aber so komm doch näher, du schüchternes Kind, und frühstücke mit uns!« rief jetzt der Onkel, der ihre Verlegenheit bemerkte, und schob einen Stuhl herbei, auf dessen äußerster Ecke Agathe schüchtern Platz nahm.
»Ich dächte, sie könnte sich den Stuhl wohl selbst holen; junge Mädchen müssen sich nicht bedienen lassen!« sagte Madame scharf. Ein peinliches Schweigen entstand, das nur durch das Geklapper von Tassen und Löffeln unterbrochen wurde, und Agathen stand der Angstschweiß auf der Stirn. Sie dachte mit Sehnsucht an die frohe Frühstücksstunde in der Pension, wo sie zwar nur Milch und trocknes Weißbrod erhielten; aber wie viel tausend Mal besser hatte ihr dies geschmeckt, als hier in diesem eleganten Zimmer der süße Kaffee und das leckere Gebäck, welches der Onkel ihr reichlich zuertheilte. Die Tante kümmerte sich um nichts, als um ihren Hund, der etwas verstimmt schien, denn er fing an zu knurren und sich unruhig hin und her zu werfen. Wahrscheinlich litt er an Verdauungsbeschwerden.
»Wie sehr Agathe meiner Schwester gleicht, Marie!« sagte der Onkel endlich, die Stille unterbrechend. -- »Ich glaubte, deine Schwester sei schön gewesen,« erwiederte Frau Marie gleichgültig.
»Ja, das war sie auch, und Agathe hat ganz diese hellblauen Augen. Sie wird ihr gewiß noch viel ähnlicher werden, wenn sie älter ist,« sagte der Onkel.
»So? Nun meinetwegen; aber so lange sie dieses blasse Gesicht hat, ist von Schönheit keine Rede,« entgegnete die Tante und streckte sich auf dem Sopha. »Aber laß mich jetzt in Ruhe; ich bin wieder so furchtbar angegriffen.«
»Ach leiden Sie auch an den Nerven, wie meine Mama?« wagte jetzt Agathe zu sagen. »Sie sehen so wohl aus; ich hätte es nicht gedacht!«
Das war ein schlimmes Wort, das schlimmste fast, was sie hätte sagen können! Es berührte den unangenehmsten Punkt in den Empfindungen Madames; denn niemand durfte daran zweifeln, daß sie schwach und leidend sei, obwohl sie nur aus Bequemlichkeit und Ziererei die Kranke spielte.
Unwillig blickte sie deshalb Agathe bei diesen Worten an, und das helle, blaue Auge erhielt etwas so Stechendes, daß Agathes Herz erzitterte.
»Denkst du etwa, ich verstelle mich?« rief sie, dunkelroth vor Aerger. »Das sind oft gerade die schlimmsten Uebel, bei denen man wohl und blühend aussieht!« -- »Aber,« fuhr sie dann streng fort, »jetzt mein Kind, steh' auf, und mache dich nützlich! Hier, übernimm gleich zuerst dein tägliches Geschäft, meinen kleinen Bello zu waschen und ihm dann die Locken zu kämmen. Aber daß du ihm ja nicht weh thust, wie die Cousine, die immer so furchtbar unzart mit dem armen Thierchen umgeht!«
Agathe war sehr erschrocken über den Verweis, den sie erhalten, und verschluckte nur mit Mühe die Thränen. Schnell stand sie vom Stuhle auf und näherte sich dem Hunde, um ihn auf den Arm zu nehmen. Aber knurrend fletschte ihr dieser die Zähne entgegen und drohte zu beißen. Das brachte der Tante ihre gute Laune zurück; lachend gab sie Agathen ein Stück Zucker und sagte: »Du mußt dir erst seine Gunst erwerben. Da, gieb ihm das, dann wird er nicht beißen.«
Agathe that, wie ihr geboten, und wirklich ließ sich der verzogene, kleine Hund jetzt ruhig auf den Arm nehmen.
»Geh' nur zur Cousine, die wird dir zeigen, was du zu thun hast; aber eile dich, es wartet noch andere Arbeit!« rief die Tante, und Agathe war froh, auf diese Weise wenigstens wieder zum Zimmer hinaus zu kommen; ihr Schutzgeist, der Onkel, war schon vor ihr fortgegangen, seinen Geschäften nach, die ihn bis Mittag vom Hause fern hielten.
Aber welch' böse Arbeit war diese Hundetoilette! Mit warmem Wasser und feiner Seife wurden die langen Haare des Thieres erst wieder und wieder gebadet, dann säuberlich abgerieben und endlich mit Kamm und Bürste gekämmt und geglättet, als wären es die Locken eines kleinen Kindes. Aber Bello betrug sich bei seiner Toilette viel schlimmer, als das unartigste Kind; denn er zappelte und bellte und biß um sich, da ihm Agathe eine fremde Wärterin war, so daß diese ohne die Hülfe der Cousine nimmermehr damit zu Stande gekommen wäre. In Schweiß gebadet, mit verschobenen Kleidern und zerkratzten Händen trug sie das kleine Ungethüm endlich zu seiner Herrin zurück, welche noch immer behaglich auf dem Sopha ruhte, und in die Lectüre eines Romanes vertieft war.
»Hier, gieb dem Thierchen sein zweites Frühstück!« rief nun Madame, Agathen Semmel, Butter und feine Wurst hinschiebend. Das junge Mädchen schnitt ein zierliches Brödchen ab, bestrich es mit Butter und legte eine Wurstscheibe darauf.
»Mein Gott, schmiere doch nicht so mager!« rief Madame entrüstet, »und ich glaube gar, du verlangst, daß Bellochen die Schale mitessen soll!« -- Still lächend verbesserte Agathe die Fehler und hielt dem Hunde das Frühstück hin. Das Thier knurrte verdrießlich, fraß erst die Wurstscheibe vom Brode, dann leckte er die Butter ab; mehr aber mochte er nicht, er war entschieden nicht bei Laune. »Das arme, kleine Thier!« rief Madame ängstlich; »wenn er nur nicht krank wird! Lege ihm sein Bettchen glatt, er wird schlafen wollen.«
Als Agathe den Hund auf sein Lager möglichst sanft gebettet hatte, sagte die Tante, sich vom Sopha erhebend: »Nun komm mit mir; ich will dir zeigen, was du weiter thun sollst, denn ein junges Mädchen muß immer fleißig sein, und wer essen will, muß auch arbeiten.«
Sie ging schnell voraus, durchschritt ein Nebenzimmer und öffnete endlich die Thür eines großen Gemaches, in dem eine Anzahl junger Mädchen eifrig bei der Arbeit saßen. Vor ihnen auf großen Tischen lag eine Menge Draht, Stroh, Seidenzeug, Band und Blumen, sowie angefangene Hüte und Hauben, und lustig flogen die Finger mit der Nadel durch die Arbeit. Als Madame Niedrer eintrat, erhoben sich die jungen Mädchen grüßend und setzten um so eifriger ihre Näherei fort.
»Hier bringe ich Ihnen eine neue Schülerin, Fräulein Schneider,« sagte Madame und wandte sich zu einer etwas ältlichen Dame, welche den jungen Mädchen zur Seite auf einem erhöhten Stuhle saß.
»Meine Nichte Agathe wird jetzt hier mit arbeiten; haben Sie die Güte, sie anzuleiten. Komm Agathe,« sprach sie dann zu dem zaghaft um sich blickenden Mädchen, »hier ist Fräulein Schneider, die Directrice des Geschäfts. Sie wird dir zeigen, was du zu thun hast; gieb dir ja rechte Mühe, etwas zu lernen.«
Nach diesen Worten wandte sie sich zu den jungen Näherinnen und betrachtete deren Arbeit. Mit einigen war sie zufrieden, an vielen aber hatte sie etwas zu tadeln, und besonders lange sprach sie mit Fräulein Schneider über die Garnirung der Hüte, welche sie anders wünschte. Agathe bewunderte im Stillen, wie gut die Tante mit all' diesen Sachen Bescheid wußte, und besonders, wie schön und geschmackvoll die Anordnungen waren, welche sie für die Zusammenstellungen der einzelnen Theile gab. Aber der Ton, in welchen sie mit den Damen redete, war nicht angenehm. Kurz und bestimmt gab sie ihre Befehle, zwar nicht unfreundlich, aber kalt und scharf, wie Nordwind. Alles athmete auf, als sie sich endlich wieder entfernte. Die jungen Mädchen blickten sich bedeutungsvoll an und zischelten lachend unter einander, und auch Fräulein Schneider schaute froher d'rein, als vorher. Sie bat Agathe, neben ihr Platz zu nehmen und gab ihr eine leichte Arbeit in die Hand.
»Haben Sie schon etwas Putzmachen gelernt, Fräulein?« sagte sie dabei freundlich.
»Nein, niemals,« entgegnete Agathe. »Ich komme eben aus der Pension und da hatten wir zu Handarbeiten wenig Zeit.«
»Ist es Ihr Wunsch, das Putzmachen zu lernen?« fragte die gute Dame theilnehmend weiter.
»Ach nein, mein Wunsch ist es bis jetzt nie gewesen,« sagte Agathe unbefangen. »Ich wollte ja so gern Erzieherin werden.«
»Erzieherin?« rief Fräulein Schneider verwundert. »Welche sonderbare Idee! Da muß man ja so viel lernen! Nein, liebes Kind, werden Sie lieber Putzmacherin; das ist eine leichte, angenehme Beschäftigung, so recht etwas für uns Damen, und wer sein Fach gut versteht, der findet immer sein Brod dabei. Das sehen Sie am Besten an Madame Niedrer, unserer Frau Principalin. Sie hat sich als Mädchen schon damit ihren guten Unterhalt verdient, und jetzt ist es ihr immer noch eine schöne Erwerbsquelle, denn sie hat gar vornehme Kundschaft. Aber freilich, einen bessern Geschmack, als Madame, hat auch niemand unter den Modisten in ganz Leipzig; das muß man sagen! Obwohl sie jetzt nicht mehr selbst arbeitet, so versteht sie die Sachen doch besser, als wir Alle, und ehe sie nicht gesehen hat, wie ein Hut oder eine Haube garnirt ist, schicke ich nichts nach dem Verkaufszimmer. -- Da sehen Sie z. B. diese Capotte!« fuhr die gesprächige Dame lebhaft fort und hob einen violetten Sammthut empor. »Ich wollte sie mit grünen Blättern und weißen Knospen garniren; es sah recht hübsch aus. Aber Madame warf nur =einen= Blick darauf, und da sah ich wohl, wie wenig ihr mein Arrangement gefiel. Und ich muß ihr Recht geben; denn kann man wohl etwas Geschmackvolleres finden, als diese dunklen Stiefmütterchen mit dem feinen goldnen Rande, welche sie statt der Blätter und Knospen wählte? Der Hut ist dadurch so fein, so vornehm geworden, daß ihn eine Prinzessin aufsetzen könnte, ohne sich der Arbeit zu schämen. Nun wer weiß, was kommt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Hof uns mit seinen Aufträgen beehrte; denn in Dresden hat man gar keinen Geschmack. Leipzig ist klein Paris, und Madame Niedrer's Geschäft kann es mit jedem Pariser Modistenladen aufnehmen; das weiß ich so sicher, als ich schon seit 10 Jahren hier auf diesem Stuhle sitze!« Sie sprach dies alles mit einem unaussprechlichem Stolze und Selbstbewußtsein, und ihre kleine Gestalt wuchs ordentlich auf dem hohen Stuhle. Agathe aber blickte mit stillem Entsetzen zu der gesprächigen Dame auf, denn der Gedanke, zehn Jahre hindurch hier zu sitzen, Tag für Tag, Sommer und Winter, von Morgens früh bis Abends spät, erregte ihr förmlich ein Grauen.
»Zehn Jahre? Das ist ja schrecklich! Ist Ihnen das Putzmachen denn da nicht unerträglich geworden?« rief sie unwillkürlich und seufzte tief auf.
Die jungen Mädchen stießen sich mit dem Ellbogen gegenseitig an und lachten heimlich; Fräulein Schneider aber sah mit strengen Blicken von ihrem Throne herab und rief: »Lassen Sie das alberne Lachen, meine jungen Damen. Fräulein Agathe wird bald selbst finden, wie angenehm unsere Arbeit ist, sobald sie sich näher damit befreundet.«
Agathe dachte im Herzen, zu dieser Ueberzeugung werde sie wohl nie kommen; denn wenn weibliche Arbeiten ihr auch nie unangenehm gewesen waren, so sah sie es doch als ein großes Mißgeschick an, sich nur mit der Nadel, nie aber mit Lesen, Schreiben und Zeichnen beschäftigen zu können. Aber sie behielt ihre Gedanken für sich und arbeitete ruhig weiter.
Die jungen Mädchen durften nicht viel sprechen, weil sie dies von ihrer Arbeit abzog, und da jetzt auch Fräulein Schneider schwieg, hörte man nichts, als das Rascheln des Seidenzeuges und das Pfeifen der vielen Fäden, welche mit der Nadel durch die Arbeit fuhren. So verging Stunde um Stunde. Nur einmal, als die Glocke elf schlug, entsank die Nadel den Händen. Jedes der jungen Mädchen zog eine trockene Semmel aus der Tasche, und ein allgemeines frugales Frühstück, bei dem ein Glas Wasser das Getränk abgab, unterbrach den rastlosen Eifer. In dieser Arbeitspause durften sich auch die Zungen rühren, und nun schwatzte und lachte und zischelte es durcheinander, daß es eine Lust war. Agathe arbeitete still weiter, denn sie hatte kein Frühstück, und sie war während ihrer stillen Arbeit, bei der sie ungestört denken konnte, so traurig geworden, daß sie auch gar keine Lust zum Essen hatte.
Aber da öffnete sich die Thür, und die alte Cousine kam freundlich grüßend herein.
»Ich bringe dir das Frühstück, liebe Agathe,« sagte sie, dem jungen Mädchen eine Semmel reichend. »Verzeih', daß ich sie dir trocken gebe; aber fette Speisen dürfen nicht hier in das Arbeitszimmer kommen; es würde gar zu leicht etwas dadurch verdorben.«
»O, ich kenne es nicht anders; in der Pension gab es auch keine Butter,« entgegnete Agathe und griff dankend nach dem Weißbrod. Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken hin nach der lieben Pension, in der jetzt auch gerade Freistunde war und Semmeln verzehrt wurden. O, könnte sie dort sein, nur eine Viertelstunde, dort unter den lieben, fröhlichen Freundinnen; könnte sie, wie sonst, von ihren Stunden, ihren Arbeiten, ihren Lehrern mit ihnen plaudern, ein paar Mal durch den Garten laufen, um frische Luft zu schöpfen; es war so eng, so schwül, so drückend hier in dem Arbeitszimmer! Aber was half das alles; sie saß hier, und mußte hier bleiben. Die Frühstückszeit war jetzt vorüber, und eifrig ging es nun wieder an die Arbeit. Bald fuhren wieder die Nadeln wie Blitze durch die Luft, und Schweigen breitete sich wie vorher über die fleißigen Arbeiterinnen. Zwei Stunden vergingen noch so; aber als es ein Uhr schlug, erhob sich Fräulein Schneider, legte die Arbeit fort, verneigte sich und verschwand. Dies war das Lösungszeichen für die junge Schaar. Die Arbeit flog zur Seite, und nicht fünf Minuten vergingen, so war das Zimmer leer, und Agathe blieb allein zurück. Aber auch sie warf jetzt schnell die Arbeit aus der Hand und seufzte tief auf; denn noch nie in ihrem Leben hatte sie so viele Stunden hinter einander genäht. Der Kopf war ihr ganz dumm davon geworden; er hatte so gar keinen Theil an der Arbeit der Hände nehmen können. Die Finger thaten ihr weh, der Rücken schmerzte, und sie war so müde, als hätte sie drei Tage hinter einander genäht. »Lieber zwölf Stunden schreiben und lesen, als zwei hinter einander nähen!« seufzte sie und blickte zum Fenster hinaus, wo sie einige der jungen Mädchen eilig die Straße hinauf trippeln sah.
»O, die sind doch frei und können fort aus diesem Hause!« dachte Agathe sehnsüchtig. »Aber ich, ich bin hier fest gebannt, kann nicht fort, muß Hunde warten, Hüte nähen und mich schelten lassen; -- o mein Gott, mein Gott, ich bin doch zu unglücklich!«
Sie drückte das Gesicht in beide Hände und weinte bitterlich. Die Thränen erleichterten ihr Herz, und bald kamen ruhigere Gedanken. »Könnte es nicht noch viel schlimmer sein, du thörichtes Kind?« tönte es in ihrer Brust. »Was bist du denn, daß du so große Ansprüche machen kannst? Die Tante ist nicht zärtlich, aber doch auch nicht gerade unfreundlich gegen dich. Du hast ihren Hund zu besorgen; das ist nicht sehr angenehm, aber doch auch kein großer Kummer, und daß du wie diese anderen jungen Mädchen viele Stunden bei der Näharbeit sitzen mußt, geschieht ja, damit du etwas lernst. Das ist doch eigentlich sehr vernünftig von der Tante gehandelt; denn sie will dir die Mittel geben, dir später selbst fortzuhelfen. Du wünschtest dies freilich in einer andern Weise zu thun, aber das kostet wieder Geld; denn zum Lernen braucht man Unterricht, und wer soll den bezahlen?«
Solche Gedanken kamen der guten Agathe noch gar viele; aber so sehr sie sich auch bestrebte, ihr Geschick ruhig hinzunehmen, es wollte und wollte nicht gehen! »O wenn ich nur lernen dürfte, um Erzieherin werden zu können, dann wollte ich alles, alles ertragen!« das war immer wieder der Schluß aller ihrer Gedanken und Betrachtungen.
Endlich wurde sie von der Cousine zum Mittagessen gerufen, und ihr trauriges Gesichtchen in ein möglichst heiteres verwandelnd, verließ sie mit der guten Führerin das Arbeitszimmer.
Viertes Kapitel.
Schooßhund und Zughüte.
Die Tante hatte bestimmt, daß Agathe mit der Cousine zusammen das Mittagbrod einnahm; sie selbst aß später, denn Herr Niedrer kam erst um drei Uhr aus dem Comptoir nach Haus. Um diese Zeit aber sollte Agathe schon wieder mit den Arbeiterinnen fleißig sein, deren Arbeitsstunden von Morgens neun bis Mittag ein Uhr währten, dann Nachmittag von zwei bis sieben Uhr. Agathe freute sich, daß sie mit der guten Cousine so traulich allein an dem kleinen Eßtisch im Fenster, wo sie gleich am ersten Abend mit ihr gesessen, ihr Mittagbrod verzehren konnte; leider aber war die freie Stunde bald vorüber, und Schlag zwei Uhr mußte sie wieder in das Arbeitszimmer. Da fing der Fleiß wie des Morgens von Neuem an und dauerte ohne bedeutende Unterbrechung bis sieben Uhr. Fröhlich packte die junge Gesellschaft dann alles zusammen; lachend und scherzend ging es zum Hause hinaus, und Agathe war wieder allein, beneidete wieder die forteilenden Mädchen, welche doch jetzt am Abend wenigstens frei waren und ihrem Familienkreise zueilen konnten. =Sie= hatte ja keine Eltern, keine Geschwister, die sie freudig erwarteten; ungeliebt und unbeachtet stand sie allein in der Welt; niemand sehnte sich nach ihr, niemand bedurfte ihrer, niemand fragte nach ihrem Wohl und nach ihrem Weh! O es war zu traurig, zu niederdrückend. Die trüben Gedanken kamen wieder über sie, stärker und banger als je; denn die langanhaltende, ungewohnte Arbeit war ihr unerträglich und hatte ihr allen Muth und alle Hoffnung genommen. Mit Grauen dachte sie daran, daß es so einen Tag wie den andern fortgehen sollte. Sie blickte in ihre Zukunft wie in einen dunklen, erschreckenden Nebel, der sie einhüllen und alle Hoffnungen ersticken würde.
»Aber meine freie Zeit soll wenigstens meinen armen lieben Büchern gehören!« rief sie endlich froh auffahrend und eilte nach ihrer Kammer. Die gute Cousine hatte ihre wenigen Sachen nett und sauber in Schrank und Komode geordnet, und mit wahrem Jubel griff Agathe nach einem Werke Schillers, ihres Lieblingsdichters, dessen Schriften sie noch von ihrer Mutter zum letzten Geburtstage erhalten hatte. Sie verlor sich schon nach kurzer Zeit so sehr in die wundervolle Sprache des Trauerspiels: »Die Jungfrau von Orleans,« in welches sie sich vertiefte, daß sie den Eintritt der Tante gar nicht bemerkte, welche plötzlich neben ihr stand. Agathe fuhr empor, als hätte sie ein Unrecht begangen und legte das Buch schnell zur Seite. »Befehlen Sie etwas, liebe Tante?« fragte sie hastig.
»Ich wollte wissen, was du treibst,« sagte diese kalt. »Du hast den ganzen Tag gesessen; es ist nöthig, daß du dir jetzt einige Bewegung machst, du wirst sonst noch bleicher. Geh' aus, und sieh dir die Stadt an, und nimm Bello mit dir; er ist heute auch noch nicht an die Luft gekommen.«
»Ja wohl, liebe Tante!« entgegnete Agathe, blickte aber ängstlich zum Fenster hin, denn es war schon fast ganz dunkel, und sie völlig fremd in der Stadt.
»Die Cousine kann dich heute ein Stück begleiten, damit du dich nicht verläufst,« sagte Madame Niedrer, indem sie sich wieder entfernte.