Drei Erzählungen für junge Mädchen

Part 11

Chapter 113,867 wordsPublic domain

Wenige Monate später begrüßte ein anderes junges Ehepaar auf der Durchreise unsere Freunde in B. Die blonde Susanne lag bald lachend, bald weinend an Esthers Halse, ihr hübscher junger Gatte aber, jener schwarzbärtige Graf Redern, dem das junge Mädchen bald nach Esthers damaliger Rückkehr Herz und Hand geschenkt hatte, stand ungeduldig daneben, um auch seinerseits die hübsche Frau Professorin zu begrüßen, an der seine kleine Frau mit so schwärmerischer Liebe hing. Bald darauf flog das schöne, junge Paar dem herrlichen Italien zu, lustig und fröhlich wie ein paar glückliche Kinder, welche für einander geschaffen schienen zu heiterer Lebenslust. Auch Frau von Ihlefeld folgte ihren Kindern bald nach, und an dem häuslichen Heerde derselben, an dem nur Friede und Freude waltete, erblühten der schwer geprüften Frau noch einmal frohe, glückliche Tage. In diesem Hafen konnte sie ausruhen von allen Stürmen, die über sie dahin gezogen, und einen frohen Lebensabend genießen, den die Liebe ihrer Kinder verschönte. Tante Booland aber hütete stillen und fröhlichen Sinnes das kleine Waldhaus in Rahmstedt, in dem Esther in jedem Sommer einige Wochen oder Monate verlebte, dankbaren Herzens ihrer Kindheit gedenkend und all' der wechselvollen Schicksale, welche ihr jetziges Glück an der Seite ihres Bertel begründete. Die wissenschaftliche Ausbildung, welche sie einst gemeinsam mit ihrem Spielkameraden erhalten, befähigte sie jetzt, den Arbeiten Bertels mit Interesse und Verständniß zu folgen, und was sie einst so sehnlich gewünscht: ein Knabe zu sein, um Antheil nehmen zu können an ihres Gespielen ehrenvoller Laufbahn, das wurde ihr nun in =der= Weise zu Theil, wie es eben für ein weibliches Wesen am besten und wünschenswerthesten ist. Wie früher das Kind Esther, so kannte auch jetzt Bertels Gattin kein schöneres Ziel und keine bessere Aufgabe, als Huberts Lebensglück und keinen höheren Stolz, als den Ruhm ihres Gatten.

Verwaist.

Erstes Kapitel.

Der Abschied.

»Dacht' ich's doch! Da sitzt sie wieder bei ihren Büchern und lernt, als sollte sie morgen gleich noch ein Examen bestehen! O du Nimmersatt, hast du denn immer noch nicht genug Weisheit?« so rief Fanny, ein junges Mädchen von 16 Jahren, indem sie in ein großes Zimmer trat, dessen ganze Einrichtung den Charakter einer Schulstube trug. Mitten an einem der kahlen Arbeitstische, die mit Büchern und Schreibmaterialien bedeckt waren, neigte sich ein anderes junges Mädchen über ihre Bücher und ließ sich durch den Eintritt Fanny's in ihrer Arbeit wenig stören. Diese aber trat hinter den Stuhl der Freundin, schlug ihr neckend das Buch zu, und indem sie die Arme um den Hals derselben schlang, fuhr sie scheltend fort: »Nein, Agathe, ich lasse dir keine Ruhe, bis du mit mir hinaus in den Garten kommst, wo wir Alle beisammen sind. Hier in der abscheulichen Schulstube ist es so dumpf und enge, und du bist wieder so bleich, daß ich es nicht länger leide, dich hier sitzen zu sehen. Du liebe Gelehrsamkeit, ich dächte, heute könntest du dir wahrlich Ruhe gönnen! Du hast uns ja beim Examen Alle durch deine Antworten überflügelt, und es ist nur eine Stimme darüber, daß du die beste Schülerin der Anstalt bist.«

Die Angeredete blickte still vor sich hin und schüttelte den Kopf.

»Du glaubst es nicht, Agathe?« rief Fanny lebhaft. »So geh' und frage alle Lehrer, besonders Herrn Lobner; da wirst du erfahren, ob ich Recht habe! Aber statt daß du dich darüber freuen solltest, machst du so große, traurige Augen, daß mir wahrhaftig selbst ganz bange dabei wird. Du bist doch gar zu ernst für deine 16 Jahre, Mädchen!«

Agathe seufzte, und Thränen traten ihr in das Auge. »Kann ich dafür, wenn ich ernster bin, als all' ihr andern?« sagte sie sanft. »Ist nicht auch meine Zukunft ernst und trübe, und muß ich da nicht doppelt eifrig sein, mir so viel Kenntnisse, als möglich, zu erwerben? Was soll denn aus mir werden, wenn ich mir nicht selbst in der Welt forthelfen kann? Ich habe ja keinen Vater, ach und jetzt auch keine Mutter mehr, die für mich sorgt, wie du, beste Fanny! Ach daß =sie= noch lebte!«

Heiße Thränen stürzten bei diesen Worten aus Agathes Augen, und Fanny zog die schluchzende Freundin liebevoll an ihr Herz und strich ihr sanft über das dunkle Haar. »Du sollst ja in dem Hause deines Onkels eine zweite Heimath finden, liebe Agathe!« sprach sie tröstend. »Sei doch guten Muthes; deine Zukunft wird sich gewiß besser gestalten, als du jetzt fürchtest!«

»O, bei meinem Onkel, Fanny,« schluchzte Agathe; »das ist es ja eben, wovor ich mich fürchte! Ich kenne weder ihn, noch die Tante, und obwohl meine Mutter immer sehr gut von ihrem Bruder sprach, so ist er mir doch ein Fremder, und das Herz schlägt mir so unaussprechlich bange bei der Aussicht, in jenem Hause zu leben! Gott mag es mir verzeihen; denn gewiß sind solche Gedanken eine große Sünde, und ich sollte lieber dankbar dafür sein, daß sie die arme Waise bei sich aufnehmen.«

»Du bist noch zu unglücklich über den Tod deiner guten Mutter und siehst alle Dinge deshalb so trübe und schwer an, liebes Herz,« tröstete Fanny; Agathe aber schüttelte wehmüthig den Kopf und weinte still noch eine Weile am Herzen der Freundin. Endlich aber richtete sie sich auf, und getrost die Blicke zum Himmel aufschlagend, sprach sie ruhig: »Wie der liebe Gott es will, so mag es geschehen! Diese Thränen haben mein Herz erleichtert; nun ist mir wohl. Habe Dank, meine liebe Fanny, du treue Seele, daß ich mich gegen dich aussprechen durfte. Aber auch von dir soll ich ja scheiden, o von allem, was mir lieb und theuer ist!«

»Wir wollen uns recht oft schreiben, Agathe, das wird ein neuer Genuß sein, den uns die Freundschaft giebt,« rief Fanny heiter. »Aber nun komm' in den Garten; die Luft wird dir gut thun. Von dem vielen Lernen wirst du nur noch schwermüthiger.«

»Dürfte ich nur noch hier in der Pension bleiben, bis ich so weit ausgebildet wäre, um als Erzieherin mich nützlich zu machen!« seufzte Agathe, der Freundin folgend. »Mein größter Kummer wäre es, könnte ich beim Onkel meine Studien nicht fortsetzen, was ich fast fürchte.«

»Warte es doch nur erst ruhig ab, du kleinmüthiges Kind! Warum machst du dir nur im Voraus solche Skrupel?« scherzte Fanny und nach und nach gelang es ihr wirklich, die traurige Freundin zu erheitern und ihr die Zukunft in weniger düstern Farben erscheinen zu lassen. Traulich plaudernd gingen die beiden jungen Mädchen in dem Garten auf und nieder, bis die Hausglocke sie zum Abendbrod rief, und sie im Verein mit den übrigen Schülerinnen der Anstalt dem Hause zueilten.

»Kommst du mit mir, Agathe, Herrn Lobner Lebewohl zu sagen?« fragte am andern Morgen Fanny, indem sie schnell bei ihrer Freundin eintrat. »Sieh, diesen schönen Blumenstrauß und die reizende Tasse hat mir Mama für ihn geschickt; ich hoffe, er wird sich freuen. Hast du auch etwas für ihn, Agathe?«

»Ich? Nein, Fanny. Was könnte ich armes Mädchen bringen; ich habe ja nichts!« sagte Agathe traurig.

»O dann gieb du ihm die Blumen, bestes Herz!« drängte Fanny, Agathen den Strauß in die Hand drückend; diese aber gab ihn der Freundin sanft zurück und sagte leise: »Nein, Fanny, ich danke dir für deine Liebe. Aber ich denke, daß unser liebster Lehrer mir auch ohne dies sein freundliches Andenken bewahren wird, wenn ich ihm lieb geworden bin, und wäre dies nicht der Fall, so wird ihm mein Geschenk auch keine Freude machen.«

»So schenke ich ihm auch nichts!« rief Fanny ärgerlich.

»Das wäre sehr unrecht, da deine Mutter ihm dies Geschenk bestimmt,« sagte Agathe. »Komm, komm, es wird ihm gewiß Freude machen.«

Bald traten die beiden jungen Mädchen in das Zimmer des ersten Lehrers der Anstalt, Herrn Lobner, einem zwar noch jungen Manne, der sich aber durch seinen vortrefflichen Unterricht, wie durch die milde und doch ernste Weise, in welcher er den Schülerinnen gegenüber trat, die Liebe und Verehrung aller dieser jungen Herzen erworben hatte.

Mit Freude und Rührung empfing er den Dank der beiden jungen Mädchen, welche ihm jetzt schon Lebewohl sagten, obwohl sie noch einige Tage in der Pension blieben; aber seinen Unterricht sollten sie jetzt nicht mehr genießen. Der Tag ihrer Einsegnung lag vor ihnen und mit diesem die Trennung von dem Hause, das besonders Agathen unbeschreiblich lieb geworden war.

Milde ermahnende Worte gab Herr Lobner den jungen Mädchen mit auf den Weg: die lebhafte, etwas leichtsinnige Fanny ermahnte er zu Ernst und größerer Besonnenheit; der stillen Agathe sprach er Muth und heitere Zuversicht in die Seele. Mit unbeschreiblicher Wehmuth ruhte sein Auge auf der einsamen Waise, und wie segnend legte er seine Hand auf das Haupt des armen Kindes. Fanny's Geschenk nahm er freundlich dankend an, dann ergriff er Agathes Hand, und sein kleines Heft von dem Tische nehmend, sagte er bewegt: »Willst du mir wohl diese Arbeit als Andenken zurücklassen, Agathe? Es ist dein letzter Aufsatz; ich möchte mir ihn zur Erinnerung an meine fleißigste Schülerin aufbewahren.«

Agathe erröthete tief und vermochte nicht zu antworten; aber mit beiden Händen des theuren Lehrers Hand ergreifend, drückte sie dieselben inbrünstig an ihre Brust; dann eilte sie schnell zum Zimmer hinaus, denn Freude und Wehmuth bestürmten ihr Herz so mächtig, daß sie ihre Thränen nicht länger zurück halten konnte.

* * * * *

Palmsonntag war gekommen, und feierlich zitterten die Glockentöne durch die sonnige Frühlingsluft. Drinnen im Gotteshause stand andächtig eine Schaar junger Mädchen und Knaben an den Stufen des festlich geschmückten Altares und empfing die Weihe als Christen. Mit ihren eigenen Lippen sprachen sie jetzt das Gelübde aus, das sie in den Bund der Gemeinde Christi einführte, und tief bewegt erklang der Segen des Geistlichen am Schluß der Feier.

Auch Agathe war unter der Zahl jener festlich gekleideten Mädchen, welche jetzt vom Altar hinweg gingen, und die Augen mit dem Tuche verhüllend, sah sie nicht, wie sie einsam auf ihrem Stuhle zurück blieb, als Freunde und Verwandte herbei kamen, die Confirmanden aus der Kirche zu führen. -- »Mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« das waren die Worte, die der Geistliche ihr als Zuspruch mit in die Welt gegeben, und tief erschüttert fühlte sie die ganze Gewalt derselben. Sie hatte niemanden, als Gott im Himmel, den Vater der Waisen, an dem sie halten konnte; aber war Er nicht der festeste Stab, der treuste Helfer in Noth und in Kummer?

Still und getrost wollte das einsame Kind eben die Kirche verlassen, den Gefährtinnen folgend, da fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter, und eine sanfte Stimme sprach: »Gott segne dich, mein theures Kind!« Agathe wandte sich überrascht um und blickte in das treue Auge ihres Lehrers, welcher ihr innig die Hand drückte und dann tief bewegt an ihrer Seite blieb. Erst am Ausgange der Kirche trennte er sich von dem jungen Mädchen; denn hier wartete dieser ein zweites Herz, das treu und liebevoll für sie schlug. Es war die alte Anne Sommer, die Dienerin ihrer Mutter, welche Agathe seit ihrer frühesten Jugend gekannt, und dem einzigen Kinde ihrer theuren Herrin stets die wärmste Liebe bewahrt hatte. Frau Sommer war die Wittwe eines Corporals und eine gar wunderliche Alte; groß und kräftig von Gestalt, und doch so grau und runzlich wie ein alter verwitterter Ulmenbaum. Aber ihre Gutmüthigkeit und ihre frische Laune machten sie zum Liebling aller ihrer Bekannten, und trotz ihrer etwas auffallenden Manieren konnte niemand der alten Soldatenfrau böse sein. Agathe hing mit unendlicher Zärtlichkeit an dieser treuen Seele und ließ sich willig von ihr auf offner Straße herzen und küssen.

»Mein Herzchen, mein Vögelchen, meine arme, kleine Blume!« rief die Alte ganz hingerissen von Zärtlichkeit und streichelte Agathes bleiche Wangen mit ihren großen, rauhen Händen; dann schlang sie wieder ihre Arme um des Mädchens feine Gestalt, so daß diese ganz in den Kleidern der lebhaften Alten verschwand.

»Ach Anne, könntest du wenigstens mit mir ziehen, wenn ich hier fort gehe, dann fürchtete ich mich nicht so sehr,« seufzte Agathe. »Aber so allein in die fremde Stadt, zu diesen fremden Verwandten; ach Anne, es drückt mir fast das Herz ab!«

»Nur Courage, mein Goldkäferchen, nur immer stramm dem Feinde in's Auge gesehen, und Carée formirt, daß er dir nichts anhaben kann!« sagte die Alte fest und machte eine Bewegung, als schultre sie das Gewehr. »Wir Soldatenkinder fürchten uns vor keinem Popanz, und käme er selbst in Gestalt deiner Frau Tante! »Nur nicht ängstlich!« das war meines guten Corporals Sprüchwort, und das hat ihm zuletzt denn auch den Soldatentod gebracht, der alten braven Seele, Gott segne ihn!« »Wer weiß, wer weiß, mein Vögelchen, wie die Sachen kommen!« fuhr sie dann nach einer Pause geheimnißvoll fort, und in ihrem Kopfe zog Plan auf Plan vorüber, wie sie es wohl bewerkstelligen könnte, ihrem lieben Kinde nach Leipzig zu folgen, wohin dieses in wenig Tagen abreiste.

Noch einmal betete Agathe an den Gräbern ihrer theuren Eltern, von denen sie mit traurigem Herzen Abschied nahm; noch einmal umarmte sie ihre Schulfreundinnen, und vor allem die treue Fanny, und noch einmal blickte sie in die treuen Augen ihres geliebten Lehrers, -- dann führte der fortrollende Wagen die junge Waise hinaus aus den lieben, bekannten Umgebungen, hinaus in die weite, fremde Welt. -- Agathe hatte sich weinend in die Ecke des Wagens gedrückt, um sich den Blicken der Mitreisenden zu entziehen; da hörte sie ängstlich ihren Namen rufen und erkannte in der Morgendämmerung die große Gestalt ihrer treuen Anne, welche mit mächtigen Schritten neben dem Wagen herlief, der gemächlich über das Steinpflaster polterte.

»Hier, hier, mein Liebling, mein Goldkind!« rief Frau Sommer athemlos und warf Agathen ein Päckchen in den Wagen. »Hier nimm das hinein in dein Nestchen, mein armer, kleiner Vogel; es sind Pfefferkuchen, die du so gern knupperst; die alte Anne hat sie dir gebacken, daß du eine kleine Gesellschaft unterwegs hast. Der liebe Gott gehe mit dir, mein Herzblatt, mein süßes, armes Kindchen! Sei nicht gar zu traurig, sollst sehen, ich bin bald wieder bei dir. Adieu, adieu, mein Herzchen; behüt dich Gott, behüt dich Gott!«

Die letzten Sätze rief die treue Seele unter heftigen Schluchzen in den Wagen hinein, an dessen Fenster sie sich fest angeklammert hatte, und trotz des schnelleren Fahrens trabte sie athemlos noch eine Weile nebenher, bis endlich der Kutscher über das alte Weibergewinsel schimpfte und die Pferde zu schnellem Trabe anfeuerte. Da nickte die Alte ihrem Lieblinge noch einmal zu; die Finger lösten sich vom Kutschenschlage, und mit gefalteten Händen blickte Anne Sommer dem Wagen nach, ein Gebet für das Wohl der armen Waise auf den Lippen.

Zweites Kapitel.

Die neue Heimath.

Es war schon völlig dunkel geworden, als Agathe in Leipzig ankam, dem Orte ihrer Bestimmung, und die Fahrt während des ganzen Tages in dem engen Wagen war ihr zuletzt so lästig geworden, daß sie sich freute, endlich am Ziele zu sein, so bange ihr auch das Herz vor Erwartung klopfte. -- Vor einem alten düstern Eckhause in der Hainstraße hielt der Wagen, und schläfrig kam der Hausknecht mit der Laterne herbei, dem Kutscher zu leuchten, der hier einige Passagiere seines Lohnfuhrwerkes abzusetzen hatte. Die engen, finstern Straßen mit den hohen Häusern, deren Giebel und Erker weit vorsprangen und dem Himmel noch weniger Einblick gewährten, bedrückten Agathes Herz unbeschreiblich. Sie schaute in der völlig fremden Umgebung ängstlich um sich; da hörte sie plötzlich, wie eine grobe Stimme fragte: »Is Freiln Wiggers mit gekommen?«

»Ja ja, hier ist sie!« rief Agathe schnell und hätte den schmutzigen Lastträger vor Entzücken um den Hals fallen mögen, daß er unter all' den fremden Menschen sich ihrer annehmen wollte. Schnell sprang sie aus dem Wagen, und der Kutscher reichte den kleinen Koffer des jungen Mädchens herab, welchen der große Packträger wie einen leichten Ball auffing.

»Is das alles?« fragte er dabei verwundert, als Agathe sich zum Fortgehen anschickte. Auf deren bejahende Antwort blickte der Mann ordentlich mitleidig auf den kleinen Koffer, und gab einem Rollwagen, der neben ihm stand, einen Tritt, daß er zur Seite fuhr. »Na, der war von Ueberfluß!« murmelte er dabei lachend und rief einen Knecht herbei, der den Karren bis zu seiner Rückkehr in Verwahrung nahm. Dann schwang er den Koffer auf die Schulter, und schritt schnell vor Agathen her, Straße auf, Straße ab, bis sie vor einem Hause des Thomaskirchhofes Halt machten.

»Gehen Sie nur da 'nauf, liebes Mamsellchen,« sagte er auf die erleuchtete Treppe deutend. »Se kennen nich fehlen, die erste Thür rechts is es! Ich muß mit dem Kofferchen die Hintertreppe rauf, sonst giebts e Donnerwetter da oben!«

Er schob grüßend die Mütze zur Seite und verschwand im dunkeln Hofraum; Agathe aber stand bald vor der bezeichneten Thür, an welcher der Name Niedrer in goldner Schrift zu lesen war. Ach diese Thür allein trennte sie ja jetzt von der neuen Heimath! Was mochte alles hinter derselben auf sie warten; wie mochten diejenigen ihr entgegen treten, die ihr nun Vater und Mutter ersetzen sollten! Noch einmal wandte sie ihr Auge zu dem empor, der ihr Muth und Hoffnung gegeben, wenn sie verzagen wollte, und getrost streckte sie ihre Hand nach dem verhängnißvollen Klingelzuge aus.

Eine nette, freundliche Dienerin öffnete die Thür, und Agathe trat in den Vorflur. Auf ihre Frage nach Onkel und Tante sagte das Mädchen verlegen, der Herr sei verreist, und Madame eben im Begriff, in Gesellschaft zu gehen; sie wolle das Fräulein aber anmelden. Agathe ging es wie ein Frost durch die Glieder; das war ein sonderbarer Empfang. Sie hatte sich so unsäglich danach gesehnt, diesen Verwandten an das Herz zu sinken, diesen guten Menschen, die sich der armen Waise erbarmten; aber konnte sie das nun? Mit klopfendem Herzen folgte sie endlich der zurückkehrenden Dienerin, welche sie in ein elegantes Zimmer führte, mit der Weisung, sich etwas zu gedulden, Madame werde gleich kommen.

Agathe harrte bangen Herzens; die Erwartung wollte ihr den Athem fast rauben. Endlich ging die Thür auf, und eine große, stattliche Dame in eleganter Toilette trat rauschend in das Zimmer. Sie blieb einen Augenblick stehen, dann streckte sie dem jungen Mädchen ihre mit vielen Ringen bedeckte Hand hin und sagte mit etwas schleppendem, affectirten Tone: »So, bist du da? Guten Tag, liebe.... Wie heißt du doch?«

»Agathe, liebe Tante!« flüsterte diese ängstlich und kam zaghaft herbei, der Dame die dargebotene Hand zu küssen. Doch noch hatte sie sich der Tante nicht ganz genähert, als sich plötzlich ein wüthendes Hundegebell erhob, und ein kleiner Bologneserhund zähnefletschend auf Agathe losfuhr. Erschrocken sprang diese einige Schritte zurück; die Tante aber lachte laut auf und hob den kleinen Hund auf den Arm, indem sie ihn herzte und küßte.

»Du spaßhafter, kleiner Bursche, willst wohl nicht leiden, daß man deiner Herrin die Hand küßt?« rief sie, den Hund von Neuem liebkosend. »Denkst, du hast allein das Recht dazu, mein kleiner Liebling? Soll dich wohl wieder gut machen für den Kummer, den ich dir verursacht, nicht wahr, kleines Bellochen? Nun so komm, weißt ja, wo's was Gutes für dich giebt, du Schelm!«

Dabei ging sie nach einem Glasschranke, und holte eine Hand voll des schönsten Confectes heraus, das sie dem Hunde darbot. Dieser beschnupperte es, wählte sich einige Stücke davon aus, und ließ sich dann beruhigt nach einem zierlichen Korbe tragen, in welchem von rothseidenen Betten sein Lager bereitet war, über das sich ein ebensolcher Baldachin wölbte.

Agathe hatte all' dem staunend und mit weit geöffneten Augen zugeschaut; sie glaubte zu träumen. Die Tante jedoch unterbrach ihre Reflexionen, indem sie sich jetzt wieder zu ihr wandte und sagte: »Du siehst, ich habe den kleinen Kerl etwas verwöhnt; aber er ist mir so lieb, daß ich ihm nichts verweigern kann. Ich hoffe, ihr werdet auch gute Freunde werden; denn ich will ja meinen kleinen Liebling deiner speciellen Sorge anvertrauen. Meine alte Cousine, die ihn bis jetzt versorgte, versteht ihn nicht richtig zu behandeln; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst! Aber jetzt muß ich fort, liebes Kind,« schloß die Dame, einen prachtvoll türkischen Shawl um die Schultern schlingend; »laß dir in der Leutestube etwas zu essen geben, wenn du Hunger hast!«

Dabei ging sie mit affectirt vornehmer und majestätischer Haltung an Agathen vorüber, und nickte ihr einen leichten Gruß zu; dann war sie fort. Agathe stand lange wie gelähmt noch immer an derselben Stelle und blickte der Tante mit starren, verwunderten Augen nach. Sie also war es, die ihr die Mutter ersetzen sollte! Wieder lief es dem jungen Mädchen wie Eis durch die Adern, und voll Schrecken überdachte sie die Worte, welche sie gehört hatte. Unfreundlich war die Tante nicht gewesen, das mußte sich Agathe gestehen; aber doch hatte sie ihr nicht ein Wort gesagt, das sie freundlich im Hause willkommen geheißen, nicht eines, das ihr warm zum Herzen gesprochen hätte. »Ich will meinen kleinen Liebling deiner Sorge anvertrauen; deshalb ist es mir ganz lieb, daß du zu uns kommst!« Das war eigentlich der Inhalt der Rede, die sie begrüßt hatte. »Also Hundewärterin!« sprach Agathe leise vor sich hin und blickte nach der Wiege des Schooshundes. »Deshalb bin ich hier willkommen, nur deshalb!« -- »Aber nein, ich thue der Tante gewiß Unrecht,« dachte sie dann wieder; »ich bin so reizbar, so empfindlich, hatte einen so anderen Empfang erwartet! Es wird gewiß anders, wenn ich erst hier bekannt bin. Die Tante ist gewiß gut, sonst wäre sie zu dem Hunde auch nicht freundlich.« Lange stand das junge Mädchen und überdachte in dieser Weise alles, was sie gehört und gesehen; da endlich öffnete sich die Thür, und ein altes, gutes Gesicht blickte herein.

»Willst du nicht etwas Warmes genießen, liebes Kind?« sprach eine sanfte Stimme, und Agathe sah nun eine kleine, verwachsene Frauengestalt neben sich, deren unregelmäßiges, altes Gesicht mit gewinnender Freundlichkeit zu dem jungen Mädchen aufblickte.

»Ich bin die Cousine, liebes Kind!« sprach sie zutraulich, Agathes fragende Blicke verstehend. »Ich besorge das Hauswesen und habe dir etwas Warmbier zurecht gemacht. Ich denke, es soll dir gut thun. Willst du mit mir kommen?«

Agathe folgte ihrer gutherzigen Führerin nach einem kleinen Zimmer, das neben der Küche lag, und das ganz hübsch und behaglich aussah, so einfach auch die Einrichtung desselben war. Ein kleiner, gedeckter Tisch stand am Fenster, und bald füllte der Duft des würzigen Warmbiers die Stube und erregte in Agathen lebhafte Eßlust, denn sie hatte den Tag über wenig genossen. Die Cousine leistete ihr Gesellschaft, und gemüthlich saßen sie in traulichem Geplauder beisammen. Agathe war glücklich, ein Wesen hier zu finden, das ihr Theilnahme bewies, und gegen das sie sich aussprechen konnte.

»Ja, es ist ein wunderliches Haus, in das du hier eintrittst, liebes Kind!« sagte die Cousine seufzend, nachdem Agathe ihre Verwunderung über den sonderbaren Empfang ausgesprochen hatte; »du wirst dich noch über vieles verwundern.«

»Aber der Onkel, liebe Cousine, wie ist denn der?« sprach das junge Mädchen gespannt.

»Mein Vetter! Hm, der möchte freilich wohl manches anders haben!« erwiederte die Kleine; »aber was kann das helfen! Er ist ein guter, lieber Mann; aber seine Schwäche erlaubt ihm nicht, der Frau zu wehren, wenn sie launisch und böse ist, und so bleibt es beim Alten. Sie regiert, er gehorcht, das ist das Ende von allen Dingen.«

»Wo ist er denn? Ich hatte gehofft, ihn sogleich kennen zu lernen!« seufzte Agathe.

»Mein Vetter freute sich auch darauf; aber die Cousine brauchte allerlei für das Geschäft; da mußte er fort, er mochte wollen oder nicht!« sagte Jene. »Aber morgen früh kommt er zurück.«

»Für das Geschäft? Was denn für ein Geschäft?« entgegnete Agathe. »Ich glaubte, der Onkel sei Buchhalter des Hauses F. und habe selbst kein Geschäft?«