Die Weiße Rose

Part 9

Chapter 93,554 wordsPublic domain

Das stimmte die Leute, die gekommen waren, um zu zeigen, wie erregt sie waren, friedlich, und sie, die sich vorgenommen hatten, sich wie hungrige Tiger in der Conference zu benehmen, wurden durch gute Zigarren, die man ihnen anbot, und durch höfliches Bitten, sich doch in die tiefen weichen Sessel zu setzen, so zahm, daß der Präsident seinen Kopf in die Rachen der Tiger stecken konnte, ohne befürchten zu müssen, daß er einen Zahn fühlen würde.

Es wurde den Leuten klargemacht, es sei so viel Überschuß an Kohle vorhanden, daß man die Absicht habe, die Minen für eine gute Weile stillzulegen, und daß man nur die Pumpen und die Zimmerleute arbeiten lassen wolle. Man ging so weit, daß man den Leuten die Bücher der vorhandenen Lagerbestände vorlegte.

Die Leute verstanden nicht, solche Bücher zu lesen, weil das mit Kredit und Debit, mit Soll und Haben ging und die Leute nicht wußten, auf welcher Seite der Bestand war und auf welcher Seite der Abgang. Aber sie blätterten in den Büchern herum und taten, als ob sie alles verstünden. Sie mußten endlich zugeben, daß Riesenbestände von unverkaufter Kohle vorhanden seien.

Die Leute wurden während der Conference, in der sie selbst wenig redeten, immer mit Gentlemen angesprochen. Ohne daß sie es zugeben wollten, ohne daß sie es zugegeben hätten, würde man sie gefragt haben, so wurden sie dennoch durch diese höfliche Anrede beduselt. Sie hatten ein heimliches Gefühl, daß sie hier gleichfalls Aufsichtsratsmitglieder seien, die mitzubestimmen haben, über das, was nun mit den Minen geschehen soll.

Als sie endlich wieder draußen waren, erkannten sie, daß sie um nichts klüger waren als vorher. Es wurde ihnen verteufelt schwer, am Nachmittag in der Versammlung einen Bericht zu geben, von dem, was sie geleistet hatten und was alles geredet worden war. Diejenigen unter den Zuhörern, die ganz genau das Gleiche geleistet haben würden, hätte man sie für die Conference gewählt, schrien erbost zu den Vertrauensleuten hinauf: „Ihr Hosenschieter, ihr lumpigen, ihr habt euch da wieder einmal gründlich verseifen und verzuckern lassen; da haben wir die richtigen schleichenden Katzenfüßer gewählt. Laßt euch in Teig einbacken und in den Backofen schieben.“ Einer schrie gellend hinauf: „Wieviel hat euch denn der lausige Hund bezahlt? Jetzt kannst du ja deinen Phonographen bezahlen, he, Billy, he?“ Darauf folgte Lachen im Saal.

Am Mittwoch der folgenden Woche gab die Company bekannt, daß alle Angehörigen der Gewerkschaft mit Ende der Woche entlassen seien, daß nur die weiter arbeiten dürften, die ihre Unionsausweise auf dem Büro der Company abgeben würden und daß alle übrigen, die keine Ausweise abgeben, durch Unterschrift erklären sollen, daß sie nicht Mitglieder irgendeiner Gewerkschaft seien. Käme heraus, daß jemand seine Unterschrift gegeben habe und trotzdem Mitglied einer Gewerkschaft geblieben sei, so würde er sofort entlassen, ohne daß ihm sein stehender Lohn ausbezahlt würde und daß er mit seiner Familie innerhalb von achtundvierzig Stunden die Häuser und das Gelände der Company verlassen haben müsse. Wenn nicht, würde er wegen unberechtigten Betretens des Geländes der Company der Polizei übergeben. Samstag morgen brach der Streik aus auf allen Minen der Anthracite-Company. Es brach aus der Streik, den die Company brauchte, um den Gewinn des Manövers einzukassieren. Wie hier, so immer: Arbeiter streiken vielleicht selten, wenn es den Arbeitern günstig ist, sondern sie streiken meist, wenn es dem Kapitalismus günstig ist. Nicht aus Dummheit, sondern ehernen Gesetzen folgend. Was immer auch Arbeiter tun mögen, innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems werden sie das tun, was dem Kapitalismus dienlich ist, weil sie ein Teil des Kapitalismus sind, weil sie mit ihm, während der Herrschaft dieses Systems, verbunden sind auf Tod und Verderben, auf Leben und Untergang. Der Aktive leistet, der Inaktive leidet. Innerhalb dieses Systems ist der Kapitalist der Aktive. Er weiß, was er will. Er will Geld verdienen. Der Arbeiter will nur etwas abhaben. Er will es genau so machen wie der Kapitalist, er will mehr haben als sein Mitprolet. Wenn der Bäcker streikt und gewinnt, dann wird für den Schuster das Brot teurer, und dann muß der Bäcker mehr für die Stiefelsohlen bezahlen. Innerhalb dieses Systems dient alles dem Kapitalismus. Nicht weil die einen brutale Ausbeuter, die andern Hungernde und die übrigen Arbeiterverräter sind, sondern weil sie sich alle in derselben Maschine befinden.

Mr. Chaney Collins kannte dieses Gesetz, und er nützte es zu seinen Gunsten. Das war seine ganze Weisheit.

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Nun begann die Anthracite zu kassieren. Sie war die erste Company, die moderne Ideen von proletarischen Rechten und proletarischer Freiheitsbewegung zu Millionen von Dollar an Gewinn ausmünzte. Es ist seitdem so oft getan worden, daß es inzwischen zur Gewohnheit und zu einem anständigen Geschäftsgebaren geworden ist. Der Staat hat sich dieses Tricks bedient, als er eine Lousitania notzüchtigte, um zu offenbaren, daß seine Ehre zertrampelt worden sei und er nun nicht mehr anders könne, als Wall Street das Nerven-Allheilmittel zu bewilligen. Aber zur Zeit, als Mr. Collins dreißig Jahre alt war, da war dieses Geschäft noch unabgegriffen, und es hatte keine Konkurrenten. Darum hat auch seitdem nie wieder eine einzelne Company so viele Millionen einkassiert für diesen Trick als damals die Anthracite-Company.

Der Streik bei der Anthracite hatte begonnen. Es waren ungefähr zwanzigtausend Minenarbeiter beteiligt. Die großen Zeitungen sandten Spezialreporter zu der Company, um dort alles das über den Streik und seine Geschichte zu erfahren, was die Zeitungsleser hätte interessieren können und was zur Sensation und damit zu fetten Zeitungsüberschriften sich aufzaubern ließ.

Das Direktorium der Anthracite Co. bestimmte Mr. Collins auf seinen eigenen Wunsch, im Namen des Direktoriums den Hunger der Reporter nach aufregenden Geschichten zu befriedigen. Die Zeitungen erfolgreich zu behandeln, ohne daß die Zeitungen fühlten, daß sie für die Pläne der Anthracite gebraucht wurden, gehörte mit zu den Truppenbewegungen, die Mr. Collins sorgfältig, lange vorher, ausgedacht hatte.

Den Reportern wurde erzählt, daß die Company übermäßig overstocked sei, daß also alle ihre Lager überfüllt seien. Der Verkauf von Kohle habe immer mehr und mehr nachgelassen. Die Company wüßte nicht, wohin mit der vielen überschüssigen Kohle, weil der Bedarf weit unter der Produktion stehe. Das wurde an Lagerbüchern und an Verkaufskontrakten, die man den Reportern vorlegte, alles bewiesen.

Mr. Collins sagte, daß ein unerhörter Preissturz für Kohle bevorstünde. Aus diesem Grunde hatte man, als einzigen Ausweg, beschlossen, die Löhne zu kürzen, um den bevorstehenden Preissturz aushalten zu können. Die Arbeiter hätten jedoch die Notwendigkeit dieser Lohnkürzung nicht eingesehen, was man ja auch begreifen könnte, weil Arbeiter eben nicht in der Volkswirtschaft genügend geschult seien. Er erklärte, die Company könne von der Lohnkürzung nicht absehen, weil Beibehaltung der früheren Löhne den Ruin der Company, ja den Ruin der gesamten amerikanischen Kohlenindustrie nach sich ziehen müßte. Soweit die Company in Frage käme, würde nicht nachgegeben, weil man nicht nachgeben könne, ohne wirtschaftlichen Selbstmord zu begehen. Auf die Frage, warum die Company ihren Arbeitern verboten hätte, einer Gewerkschaft anzugehören, erklärte Mr. Collins, daß die Arbeiter gern für die gekürzten Löhne arbeiten wollten, aber daß die Union es ihnen nicht erlaubte. Man könne eine Einmischung von außen in die wirtschaftliche Politik der Company nicht gestatten, ohne damit alle Rechte und Freiheiten, die dem Handel und der Arbeit auf Grund der Konstitution gewährleistet seien, preiszugeben. Die Company würde ihren willigen Arbeitern empfehlen, eine Gewerkschaft zu gründen, der nur Arbeiter, die in den Minen der Company beschäftigt sind, angehören sollen. Diese Gewerkschaft allein wolle man als berechtigte Vertreterin der Arbeiter der Company ansehen. Es scheint aber, fügte Mr. Collins hinzu, daß die Arbeiter nicht willens seien, den durchaus berechtigten und notwendigen Wünschen der Company Rechnung zu tragen. Deshalb könne er mit Sicherheit voraussagen, daß der Streik sehr lange dauern würde, sechs Monate wenigstens, vielleicht auch acht oder gar vierzehn Monate.

Die Reporter bedankten sich für die ausreichende Darlegung der Gründe des Streikes, soweit die Company in Frage kam.

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Reporter dienen nur der Wahrheit; und sie betrachten es als ihre heiligste Pflicht, die Wahrheit zu suchen, selbst wenn die Wahrheit in den Kloaken des Volkes und in den Bettlaken von Individuen gesucht werden muß. Denn nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ihren Lesern zu berichten, ist die einzige hehre Aufgabe einer amerikanischen Zeitung. Darum ist sie das irdische Instrument Gottes und die Zuchtrute für alle Verlogenen und alle Volksvergifter, Aufwiegler, Juden, Fremde und europäische Emigranten, die mit anarchistischen und ähnlichen sozialistischen Ideen vollgefüllt an den Ufern unserer glorreichen Republik landen, um unser schönes Land zu besudeln und zu zerstören. Darum gingen die Reporter auch zur Union, um die Meinung der andern Partei zu hören. Hier fanden sie jedoch, wie sie später ihren Lesern mitteilten, nicht die Ruhe und Sicherheit in den Zielen, die sie bei dem Direktorium der Company gefunden hatten. Hier fanden sie Unruhe, Nervosität, inhaltlose Reden, anarchistische Schreier, unklare Begriffe und verwirrte Vorstellungen über Profit, gemeinsames Zusammenwirken der ganzen Nation, Rechte der Arbeiter, sich zu organisieren, angebliche Pflichten gegen die eigenen Familien, verrückte Ansichten über Regierung im allgemeinen und Bösartigkeit und Verworfenheit der Kapitalisten im besonderen. Aber als klarer eindeutiger Wille trat hervor die feste unerschütterliche Absicht, nicht eher nachzugeben, als bis die Organisation anerkannt sei und die früheren Löhne, wenn auch mit einigen kleinen Änderungen, wiederhergestellt seien; denn, so sagte man in der Union, die früheren scheinbar so hohen Löhne seien schon niedrig genug gewesen, um den zahlreichen und täglich zahlreicher und höher werdenden Forderungen des täglichen Lebens gerecht werden zu können. Und auch hier wurde den Reportern bestätigt, daß man auf einen langen, auf einen sehr langen Streik vorbereitet sei und einen sehr langen Streik erwarte, weil es nicht mehr nur um Löhne ginge, sondern um Prinzipien, die nun endgültig entschieden werden müßten.

So wurde in fetten Überschriften auf der ersten Seite der Zeitungen erklärt, der Wahrheit gemäß, daß ein Kohlenstreik von unabsehbarer Dauer begonnen habe, der die gesamte amerikanische Industrie, ja das gesamte amerikanische Wirtschaftsleben lahmzulegen drohe.

Hätte Mr. Collins den Bericht selbst geschrieben und hätte er die Zeitungen bezahlt, daß sie seinen eigenen Bericht drucken sollten, der Bericht hätte nicht besser in seine Pläne passen können.

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Die Anthracite hatte – denn auch das gehörte zu dem Plane des Mr. Collins – die übrigen Anthracite- und Kohlen-Companien vor Ausbruch des Streiks davon unterrichtet, daß ihr Verkauf stocke, daß sie ihre Lager überfüllen müsse und daß sie sich genötigt sehe, erhebliche Veränderungen in Löhnen vorzunehmen.

Jene übrigen Companien waren überreich beschäftigt, weil die Anthracite sich vorsichtig aus dem Markte zog. Deshalb verstanden jene Companien nicht, aus welchem Grunde die Anthracite so kurz laufe im Verkauf. Wenn aber eine der größten Companien keinen Verkauf habe, Lager füllen müsse und Lohnkürzungen vornehme, dann geht etwas vor auf dem Markte. Das wurde sofort von allen Companien begriffen.

Sie begannen vorsichtig zu werden und beauftragten ihre Lohningenieure, neue Lohnskalen auszuarbeiten mit gekürzten Löhnen. Aber die neuen Lohnskalen wurden noch nicht in Wirkung gesetzt, weil man vorläufig noch genügend reiche Aufträge hatte und keine Unruhe unter den eigenen Arbeitern hervorrufen durfte.

Als der Streik bei der Anthracite Co. ausgebrochen war und die Berichte in den Zeitungen ihre Schuldigkeit taten, antwortete die Börse in New York mit einem Nachlassen der Kohlenaktien, mit einem Unsicherwerden der Aktien der Eisenbahnen und der Schiffahrts-Gesellschaften und mit einem deutlichen Flauwerden von Stahlaktien. Es begann eine Stille in Wall Street einzusetzen. Eine Stille, die nach wenigen Tagen ängstlich wurde und sich jener Stille näherte, die gefürchteten Orkanen in Wall Street vorauszugehen pflegt.

Aber es kam noch nicht zu einer Katastrophe, noch nicht zu jenem wilden Hin- und Herkaufen von Papieren und unsinnigen Verschleudern von Werten, die dem Zyklonzentrum am nächsten lagen. Es schien, als ob man sich gewaltsam zur Ruhe zwänge. Denn niemand wußte, was da vor sich ging. Jeder wollte erst einmal warten, bis er den richtigen Tip von jemand bekomme oder den richtigen Tip vielleicht träumen oder von einem Wahrsager erhalten könnte. Aber das ganze Geschäft an der Börse wurde flau. Zwei Tage darauf antwortete Chicago mit einer Flauheit, die man seit vielen Monaten nicht erlebt hatte.

Als Ganzes jedoch genommen, war der Markt fest, weil die Werte, die wenig mit Kohle zu tun hatten, tätig blieben und sich in der üblichen Weile bewegten mit zwei Punkten herunter, mit fünf Punkten hinauf, und morgen umgekehrt. Elektrizitätswerte begannen sogar auffällig anzuziehen. Aber das stete Anziehen der Elektrizitätswerte schien zu beweisen, daß man der Kohle immer weniger zu trauen anfange. Auf dieses Anziehen der Elektrizität mußte, für jeden Eingeweihten klar, sehr bald ein weiteres Nachlassen der Kohle folgen. Und dann natürlich begann der Sturm zu fegen.

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Noch in derselben Woche zogen die Elektrizitätswerte, die von Kohle unabhängig waren und ihre Kraft vom Wasser erhielten, plötzlich heftig an und stürmten in einem Tage achtzehn Punkte hinauf.

Das war das erste Heulen des kommenden Orkans.

Die Schiffahrtsgesellschaften, die Eisenbahngesellschaften, die Stahlwerke und die großen Kohlenhändler zeichneten keine neuen Verträge und begannen nur zu kaufen für den Wochenbedarf. Ein Preissturz von Kohle stand bevor, und ehe man nicht den neuen Preis kannte und ehe sich der neue niedrige Preis nicht festgesetzt hatte, konnte man keine neuen Verträge abschließen.

Nun begannen die übrigen Kohlen-Companien den schwer werdenden Markt zu fühlen. Auf große Lager waren sie nicht vorbereitet. Denn große Lagervorräte machen hohe Bankkredite nötig. Diese Bankkredite können nicht über Nacht herangeschafft werden; sie erfordern Beratungen und Verträge und Abberufung anderer Kredite. Die Banken wurden, infolge des mehr und mehr unsicher werdenden Marktes, sehr vorsichtig im Kreditieren von Kohlenvorräten, weil der Wert unsicher war. Wenn sie überhaupt kreditierten, so kreditierten sie kaum mehr als den nackten Förderlohn für die Kohle. So geschah es, daß die übrigen Companien keine erheblichen Lager schaffen konnten.

Sie mußten die Kohle billiger fördern. Und nach dem üblichen System konnte die Kohle nur dann billiger gefördert werden, wenn man die Löhne der Arbeiter erheblich kürzte. Um sicher zu gehen, nahm man gleich die Lohnskala der Anthracite-Company an.

Was blieb den Arbeitern übrig? Sie taten, was Mr. Collins wünschte, und sie traten auch bei den übrigen großen Companien in den Streik, weil sie sich den Lohnabzug nicht gefallen lassen konnten. Denn erstens hatten sie Ehre und zweitens Familien.

Die kleineren Companien, die ja von dem Schwanken der Börse nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen werden, weil sie meist eine kleine, aber sichere Kundschaft haben, wußten nun überhaupt nicht, was zu tun. Die einen kürzten Löhne und verboten die Mitgliedschaft zur Union, während die andern gar kein Risiko übernehmen wollten und einfach die Arbeiter aussperrten und die Minen stillegten, um abzuwarten, was die Großen nun erst einmal tun würden.

Alles das vollzog sich ohne ein geplantes und organisiertes Zusammen- und Ineinanderarbeiten der verschiedenen Companien. Ein Zusammenarbeiten mit den andern Companien hätte den Plan des Mr. Collins gestört. Aber es war so geschickt von Mr. Collins gearbeitet worden, daß keine einzige Company fühlte, daß sie absichtlich aus dem großen Raub ausgeschaltet worden war. Mr. Collins hatte ja allen vorher mitgeteilt, daß die Anthracite gefüllte Lager habe und Löhne kürzen müsse. Dadurch hatte er den Schein bewahrt, daß er in Gemeinschaft mit allen Companien arbeite. Niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Aber mit jener Mitteilung hatte er gleichzeitig seine Pläne vollkommener gemacht und den Schleier über seine Absichten gebreitet, den er nötig hatte, um ungestört arbeiten zu können.

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Zweihundertvierzigtausend Minenarbeiter standen im Streik. Zweihundertvierzigtausend Männer mit ihren Familien mußten von der mageren Streikunterstützung leben, die ihnen die Unionen zahlten. Eine Unterstützung, die geringer werden mußte mit jeder Woche, die der Streik anhielt. Weil zweihundertvierzigtausend Familien weniger Geld hatten, so konnten sie weniger kaufen. Und das riß Tausende von Geschäftsleuten und kleinen Handwerkern mit sich, die gleichfalls weniger verdienten und darum weniger ausgeben konnten, wodurch weitere Kreise wirtschaftlich in Mitleidenschaft gezogen wurden. Jede Woche kamen mehr tausend Leute zur Bank, um von ihren Sparguthaben abzuheben, weil sie leben mußten und Verpflichtungen zu erfüllen hatten. So wurde das Geld in den Banken knapp. Kredite zu bekommen, wurde immer schwerer mit jeder neuen Woche. Der Zinsfuß wurde erhöht. Alles, was verpfändet werden mußte, bekam weniger und weniger Wert. Die Leute mußten ihre teuer erworbenen Möbelstücke für ein Zwanzigstel ihres Wertes verkaufen, um dafür Geld für notwendige Lebensmittel zu bekommen. Darunter litten Möbelhändler und Möbelfabrikanten sowie alle Leute, die Dinge verkauften oder Dinge anfertigten, die jetzt weit unter ihrem Wert verschleudert wurden.

Die Arbeiter schlugen sich mit Polizisten herum und holten sich blutige Köpfe. Sie stritten sich mit Fäusten in den Versammlungen, was Streikbrecher sei und was unbedingt notwendiger Arbeiter sei, damit die Mine nicht ersöffe. Sie schlugen und hetzten sich herum mit ihren Frauen, die Geld haben wollten. Sie klagten die Sekretäre der Union an, daß sie bestochene Agenten der Kapitalisten seien. Sie zerrissen ihre Mitgliedsausweise der Union und spuckten darauf. Sie winselten bei den Kolonnenführern um die Gnade, sie wieder aufzunehmen und sie nicht zu vergessen, wenn der Streik zu Ende sei. Sie schworen, nie wieder zu streiken, und wenn man die Löhne um sechzig Prozent kürze. Und sie gingen zu den Hallelujasängern der Methodisten, der Baptisten und der Episcopalians und warfen sich vor ihnen in den Staub der Kirchendiele und wimmerten, daß ihre Seele nun geläutert und gerettet sei und daß sie endlich in dieser schweren Prüfung heimgefunden hätten zu unserm Heiland Jesus Christus. Und da waren die ewig Optimisten, die ewig Pessimisten, die ewig Heulenden, die ewig Schimpfenden und endlich die Kraftstrotzenden, die die Zähne aufeinanderbissen und halblaut in sich hineinfraßen: „Zehntausendmal lieber verrecken, als diesen Räubern einen Cent nachgeben!“ Da waren alle, alle, alle vertreten, die man auch in einer Revolution findet. In jeder Revolution. Menschen, die essen wollen und nichts zu essen haben. Menschen, die für ihr geregeltes Essen ihre Seele verkaufen. Menschen, die sich lieber in die Faust beißen, als daß sie „Zu Ihren Diensten, mein Herr!“ sagen. Menschen und Menschen und Menschen. Und unter ihnen die Allgerechten, die Pharisäer der proletarischen Bewegung.

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Der Orkan war da.

Es rasselte in der Börse von New York, daß man seine strahlende Freude daran haben konnte, wenn man keine Papiere besaß und nur neutraler Zuschauer war.

Das flog nur so wie Fetzen.

Die Fetzen des stolzen und bewunderten Wirtschaftssystems.

Es hagelte und dröhnte. Die Wände des Gebäudes dieses ehernen Systems erzitterten.

Die Telephonzellen der Broker, der Börsenagenten, krachten.

Dreißig Punkte rauf. Schnell verkauft. Aber ehe zugesagt ist, zwanzig runter, und niemand kauft sie für dreißig runter. Vierzig Punkte runter. Vier Punkte rauf. Hoffnung. Einen Punkt rauf. Cable über den Erdglobus. Markt beginnt sich zu festigen. Vierzehn Punkte runter. Markt erneut flattrig.

Drei Schüsse in drei verschiedenen kleinen Zellen in der Wall Street. Jede Zelle kostet viertausend Dollar Miete im Monat. Eine Mönchszelle ist ein Rittersaal dagegen.

Zwölf Punkte rauf. Drei runter. Sieben runter. Vier runter. Zwei rauf. Telephonmädchen bekommen Krämpfe. Telegraphisten werden irrsinnig. In den Büros der Banken und in den winzigen Stübchen der Agenten rasen die schmalen weißen Streifen mit den Todesurteilen und mit den Hoffnungsbelebungen aus den Mäulern der Privattelegraphen heraus mit unerfaßbarer Schnelligkeit.

Vier Mann stehen herum und lesen. Und lesen. Und lesen. Lesen die herausschießenden Ziffern, die unaufhörlich und gespensterhaft sich verändern. Lesen und erfassen mit einem dünnen Nervenfädchen ihres Unterbewußtseins den Sinn und die Bedeutung und den ganzen wirtschaftlichen Zusammenhang jener wenigen Buchstaben, die den Ziffern voranticken und die den Namen der Company, deren Werte hin und her fliegen, denen klar geben, die zu den Eingeweihten gehören. Für den Uneingeweihten sind jene Buchstaben ebenso schwer zu lösen wie alt-ägyptische Hieroglyphen. Und die Männer, die herumstehen um den Ticker, lesen und lesen. Lesen, mit der rechten Hand den weißen Streifen zerrend, um ihn noch schneller herauszuholen aus dem unermüdlich spuckenden Maule, mit der linken Hand den Telephonbecher vor den bebenden Mund gepreßt, um Orders zu geben. Orders zu geben so schnell, wie das splitternde Hirn Ziffern, Situationen und Aktien, die man an der Hand hat, zusammenreimen kann. Hirne, Mäuler, Ohren, Münde, Buchstaben und zerrende Hände sind gejagt von Mächten, die hier nicht gesehen, nicht gefühlt, sondern nur empfunden werden.

Und der unendlich lange weiße schmale Streifen schießt heraus, springt heran und flattert herum.

Der schmale weiße Streifen sprudelt und zischt heran, entscheidet in einer Sekunde die Schicksale von Zehntausenden von fleißigen und willigen Arbeitern, deren menschliche Persönlichkeit, deren Individualität hier ausgelöscht ist und die nur noch den Wert von einigen Punkten rauf oder runter in Aktien haben. Und der Streifen entscheidet die Schicksale von Hunderten von molligen Bürgern, die Studienpläne ihrer Söhne, die Heiratspläne ihrer Töchter, die Behäbigkeit ihres Alters. Und der lange, schmale weiße Streifen rennt und rennt und rennt über die Spulen. Getrieben, gejagt, gehetzt, gezerrt.

Nachdem er seine Sprache geredet hat, ballt er sich auf unter dem kleinen Tischchen, auf dem der Apparat tickt und tickt und tickt. Die tickende Uhr des Weltgerichts für Tausende und Tausende. Der Streifen ballt sich auf in einen immer größer werdenden Knäuel. Papierkorb.

Die erregten Männer stehen in dem Knäuel, der sich mehr und mehr um ihre Füße schlingt, wie eine lange dünne Schlange.

Nachdem Giganten und Pygmäen versucht haben, so rasch zu entscheiden, wie die Ziffern heranstürmen, bäumt sich der Streifen tot und vergessen über den Papierkorb hinweg, zu einem wirren Haufen aufknüllend. Niemand hat auch nur so viel Zeit, den Streifen einmal abzureißen. Er knüllt und bauscht und bäumt sich rastlos weiter auf.

Und endlich sieht der Knäuel aus wie ein Skelett mit tausend verschlungenen und vertwisteten langen dünnen Knöchelchen.

Der Leichnam finanzieller Gedanken.

Erdbeben in der Wall Street. Erdbeben des Wirtschaftssystems.

Jeden Tag Selbstmorde von Männern, die gestern groß, mächtig, unangreifbar, unerschütterlich schienen und waren. Säulen einer Wirtschaft, die so gesund und kraftstrotzend in die Welt blickte, als müßte das Universum sich vor ihr verbeugen.