Die Weiße Rose

Part 8

Chapter 83,617 wordsPublic domain

Nun darf ja in den Vereinigten Staaten eine Frau immer viel mehr tun und viel mehr wagen, als ein Mann auch nur zu denken sich erlauben dürfte. Die Staaten sind das Paradies der Frau. Die Frau kommandiert. Sie herrscht in der Schule schon, weil es keine männlichen Lehrer gibt. Sie herrscht natürlich erst recht im Haus. Sie herrscht in der Politik. Sie darf sich überall vordrängen, überall mit dem Ellbogen die Männer beiseitestoßen; und wehe dem armen Manne, der sie daran hindern oder zur Rede stellen wollte. Sie ist die freieste der Frauen in der freiesten Republik des Universums. Sie ist die freieste, solange sie gut gekleidet ist, solange sie nicht in einer Arbeiterprozession die rote Fahne trägt, solange sie nicht streikende Textilarbeiterin ist, solange sie nicht keift und geifert, weil ihr Mann als streikender Minenarbeiter von den Maschinengewehren der Miliz erschossen wurde, solange sie nicht pazifistische Propaganda macht. Sobald sie das tut, wird sie mit dem Knüttel des Polizisten genau so gut auf den Schädel geschlagen wie der Mann. So weit kann die Freiheit selbst in der freiesten Republik nicht gehen. Eine Grenze muß doch schließlich auch Freiheit haben, sonst wüßte man ja nicht, wo die Freiheit anfängt und was Freiheit überhaupt ist.

Wäre sie nur eine Arbeiterin gewesen, die hier einmal beim Aufsichtsrat hätte persönlich anfragen wollen, warum sie denn mit einem Wochenlohn von vierzehn Dollar zu leben habe, während die Company Millionen Dollar Überschüsse im Jahre habe, so hätte sie auch nicht so hier hereindonnern dürfen wie Betty. Hätte sie das nur gewagt als Arbeiterin, so würde sie sechzig Tage Arbeitshaus oder Korrektionshaus bekommen haben wegen ungehörigen Benehmens und wegen Trunkenheit, auch wenn sie ebensowenig betrunken war wie Betty, sondern überhaupt nie etwas trank, weil sie keine zehn Dollar für eine Flasche Whisky ausgeben konnte.

Betty durfte aber tun, was sie wollte. Denn sie war eine Frau in der freiesten Republik, wo die Frauen nicht gleich Sklaven behandelt werden, wie das noch in Europa vorkommt und in Asien. Denn Betty war hier im Recht. Sie mußte ihre Garage haben und das dazugehörige Wohnhaus, den dazugehörigen Gärtner, der auch das Automobil zu waschen hatte und alle vorkommenden Handwerkerarbeiten im Hause verrichten mußte. Und wenn das Haus schon zur Garage gehörte und der Gärtner zum Haus und zum eleganten Automobil, so gehörte auch ein chinesisches oder ein französisches Kammermädchen dazu, um Betty in persönlichen Dingen behilflich zu sein, damit sie nicht ihr Bett selbst ordnen, ihr Bad selbst anlassen und ihre seidenen Strümpfe selbst auswaschen muß. Mr. Collins wollte doch auch gelegentlich bei ihr essen, und so gehörte auch eine schwarze oder eine irische oder eine schwedische Köchin zu der gut ausgestatteten Küche, wo nichts fehlen durfte und wo das Geschirr mit elektrisch betriebener Maschine gewaschen wurde und wo nur elektrisch gekocht werden sollte, um Arbeit zu sparen und keinen Staub zu haben.

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Als die Herren der Conference hörten, um was es sich handelte, verstanden sie Betty durchaus, warum sie hier dröhnend einbrechen mußte. Sie war sicher nicht schuld, daß die heilige Conference mit so profanen Dingen gestört wurde. Der Schuldige war Mr. Collins. Wie durfte er es wagen, der Fürstin Betty etwas zu verweigern. Er bewies damit nur, daß er von sehr weit unten heraufgekommen sein mußte und daß er den Geruch von Corned Beef and Cabbage noch nicht völlig abgebadet hatte.

So war Betty in jeder Hinsicht gerechtfertigt.

Die Herren, die sich inzwischen von dem Donnerschlage so weit erholt hatten, daß sie Betty nicht nur verstanden, ihr wildes Eindringen nicht nur vollkommen entschuldigten, ihr sogar zubilligten, daß es ihre Pflicht war, hier dem Collins mit Fäusten auf die Schultern und auf die Brust zu trommeln, waren von ihren Stühlen mehr und mehr fortgegangen, um Betty aus größter Nähe zu betrachten und sie in Gedanken auszukleiden.

Dabei wuchs Mr. Collins in der Achtung der Mitglieder des Aufsichtsrates mehr und mehr; und in den Augen der Herren, die Betty jetzt zum ersten Male sahen, nahm Mr. Collins eine überirdische Größe an. War er bisher schon sehr mächtig in der Company gewesen, so wurde er jetzt nach diesem Vorgange übermächtig, und seine Stellung wurde unerschütterlich.

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Mr. Chaney Collins war ja nun in keinem Sinne ein Angestellter der Condor Oil Co. So war das nicht. Er war Präsident der Company, aber nicht ein Präsident in der Form eines Beamten. Er war Präsident, weil er die Company gegründet hatte und weil er einer der Hauptaktionäre war. Dennoch konnte er seine Stellung als Präsident verlieren. Wenn er in einen Skandal verwickelt wurde, so sehr, daß er im Mittelpunkt des Skandals stand, dann mußte er zurücktreten, weil ein Skandal ihres Präsidenten das Ansehen einer Company erschüttern kann und ihre Geschäfte leiden. Der Öffentlichkeit gegenüber muß der Präsident makellos dastehen. Er muß ein Muster an Ehrbarkeit und Sittenreinheit sein, sowohl der guten Bürger wegen, die ihr Geld in den Geschäften der Company anlegen sollen, als auch und ganz besonders der Kommunisten und ähnlicher Nörgler und Staatsumstürzler wegen. Die billigen Agitatoren, denen die Fähigkeit fehlt, den Kapitalismus und das kapitalistische System in ihren Grundproblemen zu begreifen und von den Grundproblemen aus anzugreifen, verfallen immer zu leicht in die Torheit, das Privatleben kapitalistischer Giganten zu untersuchen und am Privatleben der Großen des Kapitals zu beweisen, wie verrottet und wie zusammenbrechend das kapitalistische System sei.

Die Proletarier erfreuen sich an Klatsch und an Bettgeschichten anderer ebensosehr wie die Mittelschicht des Volkes, wie die guten Bürger, die, weil sie selbst zu ängstlich und zu knickerig sind, einen guten saftigen Skandal zu inszenieren, ihre Neigung für Sauerei ausleben in der Sauerei anderer, ob die anderen Großkapitalisten, Bischöfe oder Monarchen sind. Und der Agitator ist, wenn er Skandalgeschichten auftischen kann, des Beifallklatschens seiner Zuhörer sicherer, als wenn er von Problemen spricht und Systeme zergliedert.

Um aber den Proletarier nicht zur Genußsucht zu verleiten und ihn dadurch aufzustacheln, immer wieder höhere und noch höhere Löhne zu verlangen und Mitrechte an dem zu fordern, was er produziert, muß der Glaube in der Öffentlichkeit aufrechterhalten werden, daß der Großkapitalist, der sich nach Meinung der Agitatoren vom Schweiße der Proletarier sättigt, ein Muster an Sittenstrenge, an Sparsamkeit und an Achtung vor dem Gesetz ist.

So kann ein peinlicher Skandal einen großen Mann zu Falle bringen, weil die übrigen Großen, um sich zu decken und ihre Macht zu erhalten und zu vermehren, den Mann fallen lassen müssen, um öffentlich kund zu tun, daß sie keine Gemeinschaft mit ihm haben und daß sie nicht sind, wie jener ist.

Wäre Mr. Collins in einen Skandal verwickelt worden, so konnte er nicht mehr Präsident sein. Aber er wäre dennoch ein mächtiger Mann in der Company geblieben, und er hätte, im Hintergrunde arbeitend, vielleicht mehr tun können für die Company als vorher. Aber die Company hätte dennoch gelitten. Denn einen so mächtigen und befähigten Mann wie Mr. Collins als Präsidenten zu verlieren, überwindet eine Company nicht leicht.

Durch seine Persönlichkeit und durch die majestätische Hoheit, die ihm Betty als seine Geliebte verlieh, konnte er Erfolge für die Company erzielen, die für jeden andern Präsidenten unerreichbar waren. Er konnte den Bau von Straßen durchsetzen, die für die Geschäfte der Company nützlich waren, weil sie eine rasche Verbindung zu ihren Ölfeldern schufen, Straßen, die nur der Company dienten und die deshalb die Company hätte bauen lassen müssen, die aber nun der Staat baute. Denn Staatsgouverneure, Kongreßmitglieder, Bürgermeister, Stadtväter mußten tun, was er bestimmte. Taten sie es nicht, so konnten sie nicht mehr sein, was sie augenblicklich waren. Er machte die Politik, ohne daß er sich je um Politik bekümmerte. Die Politiker, die berufsmäßig sich mit Politik beschäftigten, wußten nie, daß sie genau das taten, was Mr. Collins wollte, das sie tun sollten. Die Mehrzahl dieser Politiker bildete sich ein, freie und unabhängige Politiker zu sein, die dem Interesse des Gemeinwohls dienten. Viele von ihnen waren, vor ihrem eigenen Gewissen, durchaus anständige und durchaus ehrenhafte Männer.

Wie man Politik macht, ohne daß die Politiker fühlen, daß sie nicht frei handeln, sondern daß sie von einer irdischen Gottheit in ihrem Willen, ihren Gedanken, ihren Reden und ihren Handlungen geleitet werden, das hatte Mr. Collins frühzeitig in seinem Leben gelernt. Er war der Schöpfer dieser Idee gewesen. Und er war auf die Idee verfallen, als er mit seiner genialen Auffassungsgabe und Beobachtungsfähigkeit die wahre Geschichte eines großen Bauarbeiterstreiks in Chicago erfaßt hatte.

2

Mr. Collins stammte aus Harrisburg, Pa. Sein Vater hatte dort einen Grocery Store, einen Laden für Kolonialwaren, Konserven und Delikatessen. Nicht sehr bedeutend. Jahreseinkommen dreitausend Dollar. Mr. Chaney Collins mußte sich durch das College durcharbeiten und durchhungern. Sein Vater gab ihm nur einen Scheck von vierzig Dollar im Monat, und es kam vor, daß der Scheck mehrere Male auf dreißig Dollar herabgesetzt wurde.

Nachdem Mr. Collins das College verlassen hatte, ohne sich ausgezeichnet und ohne ein besonderes Examen gemacht zu haben, bekam er eine Anstellung in einer Bank durch die Vermittlung eines Konservenfabrikanten, der dem alten Collins Waren verkaufte und sich die Freundschaft und damit das Geschäft des alten Collins erhalten wollte. Mr. Collins begann in der Bank mit sechzehn Dollar in der Woche. Nach einem Jahr hatte er es auf achtzehn Dollar gebracht. Er wechselte über zu einer Versicherungsgesellschaft, wo er mit zweiundzwanzig Dollar die Woche begann und nach drei Jahren Arbeit vierzig Dollar erhielt.

Nun gelangte er in ein Inseratengeschäft. Er begann mit vierzig Dollar die Woche und brachte es nach vier Jahren auf hundert Dollar wöchentlich. Ein ganz unerhört hoher Lohn, den er sich erwarb, weil er einige gute Ideen und Vorschläge für die Propaganda einer Zahnbürste, eines Gesichtscreams, eines elektrischen Brotrösters, einer neuen Zigarette, einer Messingputzpomade, eines zusammenlegbaren Tragstuhles für kleine Kinder und einer neu erfundenen Bedachung, die aus einer Mischung von Zement und Teer bestand, ausarbeitete. Seine Firma erzielte aus seinen Ideen einen Reingewinn von vierzigtausend Dollar. Als er das eines Tages aus den Büchern erfuhr, brach endlich der Weisheitszahn bei ihm durch. Er erkannte, daß er bisher ein Esel gewesen sei.

So beschloß er, nun mit dem Weisheitszahn versehen, für sich selbst anzufangen. Als er erklärte, daß er die Firma verlassen wollte, bot man ihm hundertfünfzig Dollar die Woche an, endlich hundertachtzig und zuletzt zweihundert Dollar und fünf Prozent Gewinnanteil von dem Verkauf seiner Pläne, die er in Zukunft haben würde.

Er lehnte das alles ab, weil er sich von nun an nicht mehr um Kleinigkeiten bekümmern wollte.

3

Seine Beschäftigung mit dem Ausarbeiten von Inseratenplänen für die neue Hausbedachung hatte ihn in Verbindung mit dem Hausbau gebracht, und sie brachte ihn in Verkehr mit Hausbauspekulanten.

Er dachte selbst daran, sich mit Grundstücken und Häuserbau zu befassen. Aber da kam der große Bauarbeiterstreik in Chicago. Rein zufällig erfuhr er von einem der Spekulanten, der angetrunken war und prahlte, wie smart er sei und wie er allen Hammeln Ringe durch die Nase gezogen habe, die wahre Geschichte jenes Streikes.

Es waren da zwei Magnaten in Real Estate, in Grundstück- und Häuserspekulation, die beide um die Vorherrschaft kämpften. Denn wer die Vorherrschaft hatte, der machte die Politik in Chicago. Und wer die Politik machte, der ordnete an, wo Straßenbahnen angelegt werden sollten und wo nicht, wo Eisenbahnhöfe erbaut werden dürften und wo es verboten wurde im Interesse der Einwohnerschaft, wo die Stadt ein Hospital zu errichten hatte und wo die Gegend der Genesung von Kranken ungünstig war. Wer die Macht hatte, wußte Jahre hindurch im voraus, wo eine Straßenbahn hinkam. So konnte er Land billig aufkaufen von denen, die nicht wußten, daß eine Straßenbahn beabsichtigt war, und konnte es mit fünftausend Prozent Gewinn verkaufen, sobald die Bahn gelegt wurde. So mit Bahnhöfen, so mit Hospitälern, so mit Schlachthäusern, so mit Schulhäusern, so mit Mietkasernen, so mit allem, das von Bauland abhing.

Beide Magnaten hatten zu gleicher Zeit mehrere Blocks an Häusern, Wohnhäusern, Bürohäusern, Läden, unter Konstruktion. Ein Objekt, das in die vielen Millionen von Dollar ging.

Wer mit seinem Bauprogramm am ersten fertig war, hatte gewonnen. Er konnte alle Mietverträge, die bereits gezeichnet waren, auf den Tag einhalten, während der, der nicht zu dem gesetzten Termin fertig war, an die Hauskäufer und Mieter hohe Konventionalstrafen zu zahlen hatte. Wer zuerst fertig war, bekam alle Mieter, die auf Häuser warteten, und wer zuletzt fertig war, konnte seine Häuser vielleicht monatelang leer stehen haben. Niemand kaufte sie, weil der Bedarf an leeren Wohnungen, Läden und Büros gedeckt war für die nächsten Monate.

So ging der Magnat, der am meisten Geld dafür ausgeben wollte und zuerst die Idee hatte, zur Bauarbeiterunion und kaufte den Sekretär für zehntausend Dollar. Unter dem erlauchten Einfluß des großen unvergeßlichen Arbeiterführers Samuel Gompers, der einst die Ehre hatte, unter den arbeitsamen und anständigen Proletariern des Gettos in Amsterdam geboren zu werden, war das Führen einer Arbeiterunion genau so gut ein Geschäft wie die Massenanfertigung von fertig gelöteten Herrenanzügen oder schlecht abgesäumten Frauenhemden. Ein Unionführer dieser Art, der bei seinem Tode nicht ein Bankguthaben von einigen hunderttausend Dollar seinen verschiedenen weinenden Witwen und Waisen hinterlassen konnte, hatte seinen Beruf nicht verstanden, sondern war ein Dummkopf gewesen, der aus dem Gefängnis nur herauskam, um am nächsten Tage wieder hineinzukommen, weil er glaubte, eine Arbeiterunion habe etwas mit Sozialismus zu tun.

Der gekaufte Sekretär fand nun heraus, daß eine Arbeitszeit von zehn Stunden zu lang und ein Tagelohn von sieben Dollar zu niedrig sei und daß nun, inmitten dieser regen Bautätigkeit, endlich die Stunde gekommen sei, das durchzusetzen, wofür einige Jahre vorher die Anarchisten in Chicago gehenkt worden waren. Um das mit Erfolg durchzusetzen, dürfe man aber nicht, wie der Sekretär den einberufenen Versammlungen von Bauarbeitern erzählte, überall zugleich streiken, sondern man müsse erst den einen Magnaten zu Tode streiken und dann den andern. Dann habe man beide überwunden, und die Bauarbeiter seien dann endlich die Herren von Chicago. Er wußte das alles gut und schön klarzumachen, und die Bauarbeiter glaubten ihm alles, denn er war ja ihr Sekretär.

Der Magnat, der zuerst bestreikt werden sollte, war der Gegner jenes Magnaten, der die zehntausend Dollar an den Sekretär bezahlt hatte. Der Streik brach aus. Er wurde mit aller Wut und allem Haß geführt, der nur aufgebracht werden kann von Arbeitern, die statt ihre sieben Dollar Tagelohn jetzt nur die magere Streikunterstützung bekommen. Es gab viel Schlägereien mit Streikbrechern, es wurden Streikende und Streikbrecher erstochen, es wurde von Polizei in erregte Massen geschossen, und es gab viel Gefängnis.

Endlich war der Magnat, der den Sekretär gekauft hatte, mit seinem Bauprogramm fertig, und der Magnat, der nicht fertig war infolge des Streiks, verlor sein Vermögen und war ausgeschaltet aus dem Wettrennen um die Vorherrschaft im Real Estate in Chicago.

Die Arbeiter redeten sich halb zu Tode in ihren Versammlungen über die Stärke des Unternehmertums und die unüberwindliche Macht des Kapitalismus und rackerten mit vereinten Kräften, ihre Organisation zu stärken und auch den letzten unorganisierten Mann heranzuschaffen, denn nur eine starke Organisation war vonnöten, um den Kapitalismus zu zerschmettern oder wenigstens einen auskömmlichen Tagelohn zu erhalten, wenn man die sozialistische Weltordnung denn doch nicht so bald erblicken sollte.

Die Kenntnis der wahren Geschichte dieses Streiks schuf die Grundlage der Macht des Mr. Collins.

4

Mr. Collins erinnerte sich eines Mitschülers aus seiner Collegezeit, dessen Vater Vizepräsident einer der größten Anthracite Companien in Pennsylvania war. Durch diesen Schulfreund gelang es ihm, eine Unterredung mit dem Vizepräsidenten bewilligt zu erhalten.

Nachdem der Vizepräsident den Plan, den ihm Mr. Collins unterbreitete, erfaßt hatte, wurde Collins eingeladen, einer besonderen Conference des Direktoriums der Company beizuwohnen und dort seinen Plan ausführlich noch einmal vorzubringen.

Der Plan des Mr. Collins war so geschickt, daß Collins, obgleich er nur ein Niemand war, um seine Idee nicht betrogen werden konnte. Denn versuchte die Company, den Plan auszuführen, ohne sich mit Mr. Collins vorher über den Preis verständigt zu haben, so brauchte Mr. Collins nur zu einer Zeitung gehen, und der Plan war vereitelt. Es gab immer eine Zeitung, die, um eine große Sensation für sich allein zu haben, das bevorstehende Manöver der großen Kohlen-Company veröffentlicht und Mr. Collins sogar dafür bezahlt hätte.

Das erkannte das Direktorium sofort, und darum begann man, mit Mr. Collins in ernsthafte Unterhandlungen einzutreten.

Mr. Collins forderte acht Prozent vom Reinertrag des Manövers. Man einigte sich endlich auf fünf Prozent, die zu einem Zehntel in bar und zu neun Zehnteln in Aktien der Company bezahlt werden sollten. Ferner wurde Mr. Collins als Mitglied in den Aufsichtsrat aufgenommen und für die Dauer des Manövers zum Privatsekretär des Präsidenten ernannt mit einem Monatsgehalt von dreitausend Dollar. Praktisch hatte er wenig zu tun; denn für die laufenden Geschäfte blieb die erste Privatsekretärin im Dienst. Er hatte nur immer zur Hand zu sein, um seinen Rat bei allen Truppenverschiebungen, die nötig sein sollten, abzugeben.

Er war damals noch nicht dreißig Jahre alt.

5

Das Manöver begann. Es zeigte sich, daß das Manöver sich genau so abwickelte, wie Mr. Collins geplant und wie er vorausgesehen hatte.

Der Haupttrick bestand darin, daß kein Wort vorzeitig laut wurde.

Die Company ließ in allen ihren Minen mit Überdruck arbeiten. Überstunden und Überstunden. Es gab reichliche Prämien an die Minenarbeiter für Hochleistungen. Tausende von neuen Arbeitern wurden aus Europa herangeschleppt.

Alle Lager wurden mit Anthrazitkohle aufgefüllt bis zur Grenze. Große Plätze wurden gemietet, um die geförderte Kohle aufzunehmen und aufzuspeichern.

Neue Kunden wurden nicht angenommen. Es wurden nur die laufenden Verträge mit den Eisenbahnen und Schiffsgesellschaften und Großkohlenhändlern eingehalten, um keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Die Aktion wurde nach den Ratschlägen des Mr. Collins so geschickt geleitet, ging so ruhig und unauffällig vor sich, daß keine andere Company auch nur auf den Gedanken kam, daß hier einer der gewaltigsten Schläge vorbereitet wurde, die in den Staaten je erlebt worden waren. Denn das Manöver vollzog sich in jener ruhigen und satten Periode, die schweren Wirtschaftskrisen voranzugehen pflegt. Jener satten Periode, in der man nicht zu unsinnig wagt, weil der normale Verlauf der Geschäfte genügend Gewinn einträgt und ein zu übermütiges Spekulieren nur zu einer Unsicherheit führt, die einem augenblicklich unwillkommen ist. Man hält sich an die fetten Aufträge, die man selbst hat, und man kümmert sich nicht so viel darum, was andere tun, weil man nun, wo man genug Aufträge hat, auch einmal vornehm tun darf und sich erlauben kann, auch andern etwas zu gönnen.

Und eines Tages, nachdem mehrere Monate lang alles vorbereitet worden war, wurde der große Schlag geführt.

Der Schlag begann nicht als Schlag, sondern er begann ganz ruhig als ein Vortasten, als ein leises Streicheln.

Die Anthracite-Company verkündete allen ihren Arbeitern, daß von Freitag nächster Woche ab alle Kontraktlöhne um fünfundzwanzig Prozent und alle Tagelöhne um fünfzehn Prozent gekürzt würden.

Die Company arbeitete nach einem neuen System. Sie kaufte nicht Unionssekretäre. Das brauchte sie gar nicht. Der Erfolg war viel größer ohne die Mitwirkung von Unionssekretären, die vielleicht das Manöver vermanscht hätten. Außerdem sind die Sekretäre der Minenarbeiter unzuverlässig. Sie halten meist zu den Arbeitern, und sie sind ehrliche Kameraden. Sie stehen auf ihrer Soap Box, ihrer Seifenkiste, und lassen sich nicht eher zum Schweigen bringen, als bis sie von den Agenten der Kohlenmagnaten mit Steinen so blutig geworfen sind, daß sie bewußtlos von ihren Kameraden fortgetragen werden müssen. Die Zehntausende von Arbeitern der Anthracite beriefen sofort Versammlungen ein, aber es kam nichts heraus. Sie glaubten immer noch genug zu verdienen, auch nach dem Abzug, mit dem Prämiensystem und wenn sie noch mehr rackerten und noch mehr Überstunden machten als bisher. Einige Herren des Direktoriums begannen schon unsicher zu werden. Mr. Collins jedoch blieb ganz ruhig. Er zeigte in dieser Lage zum ersten Male seine Begabung als ein Großer unter den Magnaten.

„Wir beginnen ja erst, Gentlemen“, sagte er. „Nur jetzt nicht unruhig werden. Ich gebe Ihnen das Recht, mich zum Tode zu verurteilen, wenn es nicht glückt. Und ich will das Urteil selbst an mir vollstrecken und werde mich erschießen, wenn das Urteil gefällt ist. Aber stehen Sie.“ Man ließ ihn völlig frei handeln.

6

Eine Woche darauf wurde das Prämiensystem aufgehoben.

Die zweite Woche darauf wurden alle Überstunden abgesagt, und die Arbeiter, die auf die Prämien, auf die Überstunden, auf die hohen Löhne inzwischen eingestellt waren, in Abzahlungsverpflichtungen eingegangen waren, kleine Grundstücke gekauft und Hausbauten begonnen hatten, ihre Kinder zum College geschickt hatten und so vieles mehr getan hatten, das sie jetzt zu erwürgen drohte, begannen verwirrt zu werden.

Ein neues scharfes System wurde in den Minen eingeführt. Wer eine Minute zu spät an der Förderstelle eintraf, durfte den ganzen Tag nicht arbeiten, mußte aber im Schacht bleiben, weil für ihn kein Förderkorb da war. Er mußte warten, bis seine Schicht ausfuhr. Außerdem wurde ihm für die Minute, die er zu spät kam, ein halber Tagelohn abgezogen vom nächsten Tage, den er wieder arbeitete.

Es geschah mehr. Die geförderte Kohle wurde schärfer untersucht. Wurden mehr als vier Steine gefunden, mehr als eine halbe Schaufel Staub oder Geriesel und fehlten mehr als fünf Pfund am Gewicht, dann wurde der ganze Wagen geförderter Kohle als Null gebucht. Die Miners bekamen ihn nicht bezahlt, aber die Company nahm ihn dennoch. Nun wurde die Gewerkschaft von den Arbeitern angerufen, um einzugreifen. Sie war schon beim Lohnabzug angerufen worden; aber nach langer Beratung beschlossen die Vertrauensleute, daß man erst einmal abwarten wolle, ob nicht nur ein Manöver der Company vorläge; denn nach den Berichten, die der Sekretär studiert hatte, war das Geschäft in Anthrazit glänzend.

Die Vertreter der Gewerkschaft ersuchten um eine Conference mit dem Direktorium. Das Direktorium erklärte, daß es mit fremden Leuten, die in keiner der Minen der Company arbeiten, nicht verhandeln könne. Drei Tage später, als das System der Vernullung geförderter Kohle immer rücksichtsloser gehandhabt wurde, ersuchten die hierfür gewählten Vertrauensleute, die bei der Company arbeiteten, um eine Conference nach.

Ihnen wurde die Conference bewilligt. Und gleich nach den ersten Worten wurde den Leuten gesagt, daß sie für den Verlust der Zeit, den sie durch die Conference hätten, voll entschädigt werden sollten. Das sei ganz natürlich.