Die Weiße Rose

Part 7

Chapter 73,702 wordsPublic domain

Betty sprach sehr sorgfältig und sehr gewählt, ohne daß es je geziert und unnatürlich gelautet hätte. Und meist sprach sie sehr ruhig und überlegend. Für eine junge Frau hatte sie eine tiefe Stimme. Aber die Stimme war weich und voll; und sie hatte jene warme runde Fülle der Stimme großer Tragödinnen, deren Macht allein in der Sprache ruht. Aber wenn Betty in großer Erregung war oder wenn sie ihren Worten bestimmten starken Nachdruck geben wollte, dann sprach sie Slang. Nicht, weil sie sich gehen ließ oder weil sie sich vergaß, sondern sie sprach Slang mit voller Absicht, um größere Wirkung zu erzielen. Wie auch ein tüchtiger Businessman, obgleich er College und Universität besucht hat, Slang zu sprechen beginnt, wenn er einem hartnäckigen Kunden seine Ware zu verkaufen sucht. Auf Slang fallen wir alle herein und verlieren unsere Vorsicht.

Betty stammte aus Seattle. Ihre Eltern lebten noch und glaubten, daß Betty Privatsekretärin bei dem Herausgeber einer Zeitung in San Francisco sei. Würden ihre Eltern das nicht geglaubt haben, so hätte sich Betty auch nichts daraus gemacht. Ihr Vater hatte ein Geschäft für Schiffsartikel, und die Familie lebte in guten und geordneten Verhältnissen. Betty hatte das College besucht und ihr Examen in Literatur und Geschichte gemacht. Sie sprach Französisch, Deutsch und ein wenig Spanisch. Sie war eine Zeit Lehrerin in einer kleinen Stadt in California gewesen, wurde aber wegen schlechten Betragens vom Schulvorstande gefeuert. Das schlechte Betragen war darin erblickt worden, daß sie einmal den Kindern erzählt hatte, man brauche die Schöpfungsgeschichte in der Bibel nicht wörtlich nehmen, sondern der Mensch habe sich in vielen Milliarden von Jahren aus einer mehr tierischen Kreatur zu seiner heutigen Gestalt langsam entwickelt. Mit diesem Entlassungszeugnis in der Hand konnte sie natürlich in den Städten des Westens keine neue Stellung als Lehrerin finden. Und in den großen Städten des Ostens und des Nordens waren alle Stellen auf Jahre hinaus vorgemerkt. Sie wurde dann Redaktionssekretärin in einer Tageszeitung in San Francisco. Einer der jüngeren Redakteure hatte sie zum Abendessen in einem Kabarett eingeladen und durch einen Freund des Mr. Collins, der gleichzeitig Freund jenes jungen Redakteurs war, lernte sie an jenem Abend Mr. Collins kennen. Sie verlor ihre Stellung in der Zeitung, weil sie es zweimal abgelehnt hatte, sich von dem leitenden Redakteur zum Abendessen einladen zu lassen. Am Morgen nach der zweiten Ablehnung wurde ihr gesagt, daß ihre Arbeit nicht genügend sei, weil sie nicht rasch genug die Diktate aufnehmen könne, und daß man ihr empfehle, sich um eine andere Stellung umzusehen. Bei diesem Umsehen nach einer andern Stellung traf sie auf der Straße Mr. Collins, der sie unter Erinnerung an ihr Bekanntwerden im Kabarett ansprach und sie zum Lunch einlud. Sie wollte die Ausgabe für Lunch sparen und nahm die Einladung an.

Bis dahin war sie ein Mädchen gewesen, wie jedes andere amerikanische Mädchen, das eine gute Bildung bekommen hat, aber dann sein Leben selbst verdienen muß. Unter dem Einfluß des Mr. Collins und im Umgang mit diesem Manne, der Hunderttausende von Dollar zu verdienen schien für keinen andern Zweck, als sie in großzügiger Weise wieder ausgeben zu können, entwickelte sie sich innerhalb von vier Monaten zu einer der elegantesten Damen von San Francisco, ohne je eingereiht werden zu können in die Klasse der Halbweltdamen. Mr. Collins war ihr einziger Mann, obgleich sie ihn ewig in der Erwartung hielt, daß er morgen nicht mehr ihr einziger sein möchte. Daß sie ihn beherrschte, konnte man nicht sagen. Sie vermied es sogar, ihn glauben zu lassen, daß sie ihn beherrsche. Aber sie setzte alles durch, was sie wollte. Sie war bei weitem gebildeter und klüger als er, und sie besaß auch mehr Intelligenz. Und sie war in ihrem inneren Wesen vornehmer und taktvoller als er. Sie war für ihn die Inspiration, die ein mächtiger Mann in der Industrie so gut gebraucht wie ein Künstler. Denn Großzügigkeit und Genialität in der Kunst wurzeln im selben Boden wie Großzügigkeit und Genialität im Geldmachen. Als die wahre Herzensgeliebte eines Künstlers hätte sie gelebt entsprechend dem Einkommen jenes Künstlers, und sie wäre ebenso glücklich gewesen wie jetzt, in jener luxuriösen Lebensweise, die dem Einkommen des Präsidenten einer der mächtigsten Öl-Companien entsprach. Sie liebte Mr. Collins aufrichtig. Und nur, weil sie ihn wirklich liebte, kam ihr nie der Gedanke, daß ihre Stellung von den Menschen anders betrachtet werden könnte, als sie selbst ihre Stellung betrachtete. Sie war überzeugt, daß sie zu Mr. Collins auch dann stehen würde, wenn er von seiner Höhe herabstürzen sollte. Vor seiner Großzügigkeit hatte sie Achtung, und sie bewunderte ihn darum. Vor seiner Stellung dahingegen hatte sie gar keinen Respekt. Und darum war es ihr auch ganz gleich, ob sie ihn durch ihr temperamentvolles Eindringen in seine geschäftlichen Heiligtümer zum Erschüttern brachte oder nicht. Sie glaubte an seine unüberwindliche Stärke. Sie glaubte, daß, selbst wenn er fallen sollte, daß er immer wieder auf die Beine käme und daß, wenn es ihm zu schwer würde, es allein zu tun, daß sie fähig wäre, ihn so anzuspornen, daß er hoch müßte, selbst gegen seinen Willen. Jedoch – und das wußte sie auch – sie würde diesen Mann nie geheiratet haben, und sie würde ihn wohl kaum heiraten, auch wenn sie Gelegenheit dazu hätte.

Heirat hatte für sie nur einen Sinn: Kinder haben zu können. Andernfalls war Heirat Unsinn und Liebe besser. Wenn sie auch sonst alles von ihm annahm, alles von ihm wünschte, eines wünschte sie auf keinen Fall von ihm, und das war: ein Kind von ihm. Den Vater ihres Kindes dachte sie sich anders. Der Vater ihres Kindes sollte haben: Seele. Und wenn es sehr hoch kam: Die Seele eines Künstlers. Das aber war es, was Mr. Collins vor allem fehlte: Seele. Jenes Ding, das sich eben nicht anders bezeichnen läßt als: Seele.

Betty war aber dennoch nicht so vollkommen, daß sie nur Licht ausstrahlte. Sie war weder eine Heilige noch ein Engel. Sie hatte ihre heftigen Schatten. Einige dieser Schatten waren schon in ihr vorhanden gewesen, als sie noch Kind war. Als sie größer wurde, hatte sie diese Schatten ein wenig aufleuchten müssen, um unbestoßen durchs Leben zu schlüpfen. Jedoch unter dem Einfluß des Mr. Collins hatten sich jene leichten Schatten, die vielleicht endlich zu dünnen Nebeln geworden wären, zu schweren Schlagschatten verdichtet.

6

Mr. Collins war ein bedeutender Mann, wie immer man auch seine Handlungen beurteilen mag. Er war in seinem Berufe ein Genie. Ein Genie kann überall ein Genie sein. Nicht nur in der Kunst, nicht nur als Feldherr, sondern auch als Schuhfabrikant, als Bankier, als Öl-Magnat. Es sind auch oft genug Verbrecher Genies, weil ihre Genialität innerhalb gesetzlicher Grenzen kein Wirkungsfeld findet. Im Grunde ist jedes Genie ein Verbrecher, weil jedes Genie bestehende und ausgeprobte Gesetze übertritt und zu Fall bringt. Darum sind Genies immer gefürchtet von dem guten Bürger, dessen Existenz, die allein in Beharrlichkeit beruht, von den Genies gefährdet wird.

Eine Frau nun, die Geliebte eines bedeutenden Mannes sein und bleiben will, muß wohl in vielen ihrer Eigenschaften das unüberbrückbare Gegenteil jenes Mannes sein, und zugleich muß sie ihm in vielen Eigenheiten so ähnlich sein, als wäre sie ein Teil seines Selbst. Liebende dürfen sich in vielen Dingen nicht verstehen, um immer wieder Neues, Unerwartetes und Fremdes im andern zu finden. Das verhindert die Monotonie, die sich in jeder gutgeschlossenen Ehe einstellt, wo jeder des andern sicher ist. Und Liebende müssen sich in vielen Dingen so gleich sein, daß sie sich mit einem Wink, im Tonfall der Stimme, sofort verstehen.

In ihrer Bildung, in ihrem guten Geschmack, in ihrem künstlerischen Empfinden, in ihren philosophischen Anschauungen war Betty das scharfe Gegenstück des Mr. Collins. Dieser Eigenschaften wegen bewunderte er sie, achtete er sie, kam er sich ihr gegenüber armselig vor, fürchtete sie und vergaß sich nie als Gentleman. Sie dagegen bewunderte ihn seiner geschäftlichen Brutalität wegen, seines robusten Wagens und seiner Sicherheit wegen, mit der er geschäftliche Dinge beurteilte, wirtschaftliche Vorgänge übersah und Ereignisse auf dem Markt voraus verkündete, klarer und bestimmter als die alten Orakel.

Das waren ihre Gegensätze.

Ihre Ähnlichkeiten lagen mehr im Materiellen. Beide liebten Luxus, beide liebten es, aufzufallen und zu strahlen. Er hatte gesagt: „Land, das ich haben will und nicht kriegen kann, das gibt es im ganzen Universum nicht. Wenn ich Land auf dem Jupiter haben will, dann bekomme ich es.“ Er meinte es wörtlich so. Er hatte auch Deutschland nach dem Kriege kaufen wollen, als er aber hörte, daß dort ein Streichholz fünf Milliarden Mark kostete, ließ er seine Kaufabsichten wieder fallen, weil mit solchen geschäftsuntüchtigen Leuten, wie die Deutschen seien, nichts unternommen werden könne.

Ähnlich, nein ebenso, war es mit Betty. Wenn sie etwas wollte, und nachdem sie sich überzeugt hatte, daß das, was sie wollte, auf Erden zu haben sei, dann mußte sie es bekommen. In diesem Wollen war sie unerbittlich und rücksichtslos. Und ähnlich war sie ihm im Temperament. Er war kühler in seinem Temperament, weil er wußte, daß, wenn er sich vom Temperament fortreißen ließe, er Dummheiten machen könnte. In geschäftlichen Manövern aber darf man keine Dummheiten machen. Jedoch das Temperament war vorhanden, und es loderte über im letzten Rennen um einen Erfolg, den er schon so weit zu seinen Gunsten entschieden hatte, daß Dummheiten nun nicht mehr gemacht werden konnten. Er konnte jetzt so weit in seinem Temperament gelangen, daß er seinen Gegner mit der Faust ins Gesicht hieb, um ihn zum Nachgeben zu zwingen.

Diesen Eigensinn, ihren Willen durchzusetzen, und dieses Temperament, die Betty seit ihrer Kindheit gehabt hatte und die sie beim Heranwachsen, in der Schule, als Lehrerin, als Sekretärin, mehr und mehr hatte unterdrücken müssen, waren unter dem Einfluß des Mr. Collins gewachsen, bis sie sich endlich zu ihrer ganzen Pracht entfaltet hatten.

7

Mr. Collins hatte das gewünschte Auto gekauft. Das eleganteste Automobil, das auf dem Markte war. Hinsichtlich der Garage hatte er gesagt, er wolle sehen. Er wiederholte es zu oft, das „Wir werden sehen“. So begann es ihr langweilig zu werden. Und der ebensooft wiederholten Ausrede „Ich habe noch nichts Passendes soweit finden können“ wurde sie so überdrüssig, daß es zu dieser Katastrophe kommen mußte, in das Allerheiligste der Nation mit Gewalt und Donnergetöse einzubrechen.

In sein Privathaus wäre sie nie eingedrungen. Denn seiner Frau ging sie aus dem Wege. Nicht weil sie etwa Angst vor ihr hatte, sondern weil das zu Komplikationen hätte führen können. Vielleicht gar zu einer Scheidung. Das wollte sie vermeiden. Ein frischgeschiedener Mann nach langer Ehe, die zur Gewohnheit wurde, benimmt sich meist recht hilflos. Wie ein Kind, das die Mutter verloren hat. In dieser Hilflosigkeit hätte sie sich gar verleiten lassen, ihn zu heiraten. Das wollte sie auf keinen Fall. Darum war es aus reinen Klugheitsgründen, daß sie sich nie in sein Eheleben mischte. Mit keinem Worte. Sie drängte ihn sogar, sein Eheleben und seine Frau nicht zu sehr zu vernachlässigen. Ob Mrs. Collins von der Existenz der Betty wußte, war nicht sicher. Aber es darf angenommen werden, daß sie unterrichtet war und daß auch sie es vermied, es zu einem Skandal kommen zu lassen. Bei einer Scheidung in ihrem Alter kam nicht viel heraus für sie. Sie konnte eine hohe Rente herausklagen. Gewiß. Aber ihre gesellschaftliche Stellung war höher an der Seite des Mr. Collins als ohne ihn. So tat sie, als ob sie nichts wisse. Und wenn ihr eine Freundin es direkt zu melden wagte, so sagte sie: „Geschwätz, nichts als Geschwätz. Ich kenne ihn besser. Er hat sein Vergnügen und ein wenig Zerstreuung mit ihr, das ist alles. Ich gönne es ihm. Er hat schwer zu arbeiten. Haben Sie die neuen Modelle gesehen bei Boiret & Martin? Ich kaufe morgen vier davon.“

8

Betty stand noch dicht bei der Tür. Sie wartete oder schien zu warten auf das erste schüchterne Zeichen des Erwachens aller Anwesenden, die von ihrem Donnerschlag betäubt worden waren.

Mr. Collins hatte heute nicht den Vorsitz in der Conference. Er hatte den Vorsitz dem zweiten Vizepräsidenten übertragen, um für sich selbst freier zu sein in der Behandlung der zu beratenden Gegenstände. Er stand gerade, hatte ein Blatt in der Hand, von dem er soeben etwas vorgelesen zu haben schien, in dem Augenblick, als der Donnerschlag erfolgte. Die Herren alle standen auf in der Gegenwart der Dame. Sie rückten an ihren Stühlen, sei es, um besser stehen zu können, oder sei es, weil sie willens zu sein schienen, Betty einen Stuhl anzubieten, obgleich genügend leere Stühle im Raum waren.

Die erste Privatsekretärin des Mr. Collins, die der Conference beiwohnte, um Diktate aufzunehmen, sah auf zu Mr. Collins. Er bewegte die Augenlider ein wenig, und die Sekretärin stand auf. Sie stand nicht eigentlich auf, sondern sie schlich wie eine Schlange von ihrem Stuhle herunter und wurmte sich still, unauffällig und völlig geräuschlos aus dem Raume, als hätte sie etwas verbrochen. Ihr Hinausgehen wurde von niemand bemerkt.

Einige der Herren kannten Betty, oder richtiger Miß Betty Cuttens, recht gut. Jene Herren, begleitet von ihren Freundinnen, hatten sich zufällig einmal im gleichen Kabarett mit Mr. Collins getroffen, als er mit Betty dort war, um einen vergnügten Abend zu verbringen. So geschah es, daß jene Herren gemeinschaftlichen Tisch mit Mr. Collins machten; und es ergab sich dann ganz von selbst, daß jeder einzelne jener Herren einmal oder zweimal an jenem Abend mit Betty tanzte, während Mr. Collins, in höflicher Wiedervergeltung, der Reihe nach mit den Freundinnen jener Herren in dem kleinen, aber sehr eleganten Saal herumfegte. Mr. Collins war ein guter Tänzer, wohlgeübt und ausdauernd. Und er machte von seiner Fähigkeit, gut und ausdauernd tanzen zu können, reichlich Gebrauch, weil er meinte – und wohl mit gutem Recht so meinte –, daß Tanzen den Körper geschmeidig und damit jung erhält. Auf dem amerikanischen Kontinent sind die Männer viel weniger als in Europa darum besorgt, daß sie ihre Würde verlieren möchten, wenn sie tanzen, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Hier können die Männer gar nicht so leicht ihre Würde verlieren, wie das in Europa geschehen kann; denn ihre Würde wurzelt nicht in einem Autoritätsglauben jener, die durch die Würde eines Präsidenten einer gigantischen Schiffahrts-Gesellschaft klein und demütig gemacht werden sollen, sondern die Würde wurzelt vielmehr in dem wirklichen, rein praktischen Können des Mannes. Es ist eine Würde, die theoretisch und dem Glauben nach, von jedem beliebigen anderen Manne auch erworben werden kann, falls er die Möglichkeiten, die sich ihm bieten, zu seinen Gunsten ausnutzt. Und weil die Würde, selbst die Würde des Präsidenten der Republik, in demokratischen Gefühlen wurzelt, kann jene Würde nicht verlorengehen dadurch, daß sich ein Mann in seinem Privatleben und in seinen Vergnügungen durchaus demokratisch benimmt. Wenn er Gefallen daran findet, fährt er auf der Rutschbahn in Coney Island genau so würdelos, genau so kreischend und johlend wie der Maurer oder der Kesselschmied, der mit ihm im gleichen Wagen der Rutschbahn sitzt. Daß er Generalpostmeister oder Staatssekretär des Krieges oder Präsident der Missouri Railroad Company ist, kommt für ihn nur dann in Frage, wenn er in seinem Allerheiligsten, in seinem Büro, sitzt. Wenn einer wirklich den Würdefanatiker zu schauspielern versucht, so darf man ganz sicher sein, daß er entweder ein schwaches Herz hat oder chronische Verdauungsbeschwerden oder eine verrostete Leber. Mr. Collins jedenfalls war gesund genug, seine Präsidentschaft in ein Schubfach seines Schreibtisches einzukapseln, wenn er sich demokratisch vergnügen wollte.

Betty wurde von den Freunden und Geschäftsbekannten des Mr. Collins durchaus so respektiert als wäre sie seine Frau. Die Herren wußten stets, ob sie sich mit der Dame, die einer ihrer Freunde bei sich hatte, vertraulich zeigen und sie gelegentlich umarmen oder küssen durften oder nicht. Weder mit Flossy noch mit Betty durften sie sich irgendwelche Vertraulichkeiten herausnehmen, so wenig wie sie es je mit Mrs. Collins gewagt haben würden. Dagegen durfte man wohl in Gegenwart von Betty – oder Flossy – Witze erzählen, die man in Anwesenheit von Mrs. Collins nicht einmal hätte andeuten dürfen. Womit freilich nicht gesagt sein soll, daß nicht Mrs. Collins kräftige Witze ebenso gern hörte wie irgendeine andere Frau, die, um ihre Anständigkeit zu beweisen, die Verpflichtung hat, an der passenden Stelle des Witzes zu erröten; jedoch keine Verpflichtung hat, zu erröten, wenn sie den Witz an ihre Freundinnen weiter gibt.

In Gegenwart von Betty durfte man sich aber, um doch einen Unterschied machen zu können, viel freier, lustiger und vergnügter betragen als in Gegenwart der Ehefrau. Man durfte die Champagnerflaschen, die der Prohibition wegen und um den äußeren Anschein zu wahren, unter dem Tisch zu stehen hatten, unbekümmert hervornehmen und offen zugeben, daß es wirklicher Champagner sei und kein Canadian Ginger Ale, jenes harmlos sein sollende Giftprodukt als Ersatz für die allein wirkliche und echte Ware. Die Champagnerflaschen und die Whiskyflaschen und Benediktinerkrüge standen der Vorsicht wegen unter dem Tisch. Denn wenn ein Raid von den Agenten der Prohibition gemacht werden sollte, so konnte jeder einzelne den Besitz jener Champagnerflaschen abschwören; denn niemand ist verantwortlich für das, was ohne sein Wissen unter den Tischen steht und dort sicher schon stand, ehe er den Saal betrat, und was offenbar frühere Gäste, die ohne Moral, ohne Religion und ohne Achtung vor dem Gesetze waren, dort unter dem Tisch zurückgelassen hatten. Der Champagner wurde in Kristallgläsern serviert, weil ja offiziell angenommen wurde, daß es Canadian Ginger Ale sei. Der Whisky jedoch und der Martini Dry wurden in Mokkatassen serviert, mit Zuckerdose und Creamkännchen, als wäre es wirklich Mokka. Wer in den Saal trat und die Tische übersah, gewann den Eindruck, daß er sich bei dem unschuldigen Tanzvergnügen eines Temperenzler-Stiftungsfestes befände. Sollte wirklich von Agenten der Prohibition geraidet werden, weil sie vom Wirt nicht genügend hoch mit Dollars besänftigt worden waren, oder weil das Department einen neuen eifrigen Chef bekommen hatte, der nach Lorbeer haschte, dessen Preis in Dollars noch nicht entschieden war, oder weil die Agenten doch gelegentlich wieder einmal eine „Nasse Hölle“ ausheben mußten, um dem guten Bürger zu zeigen, wie ernst man die Gesetze der Prohibition behandele und wie nötig es sei, das Budget für die Überwachung der Prohibition zu erhöhen – und damit das Einkommen des Departments-Chefs –, sollte also wirklich ein unerwarteter Raid erfolgen, dann wurden alle Mokkatassen mit einem Ruck leer getrunken und schwarzer Kaffee, der für diesen Zweck auf den Tischen bereit stand, in die Tassen gefüllt, um den Geruch des Whiskys zu vernichten. Kein neugeborenes Lämmchen konnte unschuldiger sein als die Leutchen, die hier versammelt waren, um sich nach der aufreibenden Tagesarbeit harmlos und innerhalb der gesetzlichen Grenzen zu vergnügen. Wer betrunken gefunden wurde, hatte sich irgendwo anders betrunken und war bereits betrunken, ehe er das Haus betrat, und der Wirt hatte sich vergeblich bemüht, wie wohl bezeugt werden konnte, den Mann oder das Paar in Ruhe abzuschieben. Ohne großen Skandal heraufzubeschwören, wäre das aber nicht gelungen, und darum hatte der Wirt endlich dem Manne oder dem Pärchen gestattet, hierzubleiben, falls sie sich anständig benahmen. Man konnte ja nicht den Wirt dafür verantwortlich machen, was jenes Paar in einem andern Lokal getrunken und sonst verübt hatte. Betty war good sport, das will sagen, sie machte alles mit und sie verdarb niemand sein Vergnügen oder seine gute Laune. In ihrem Beisein durften die Herren unbekümmert ihre Freundinnen am Tisch küssen, und sorglos durfte man zugeben, daß man schon ein wenig tipsy-topsy sei, daß man also bereits einen kleinen Spencer weg habe. Jeder einzelne der Herren wußte aber auch, wie weit man in Gegenwart Bettys gehen durfte.

Jedoch, wenn Mr. Collins mit einem der neuaufgenommenen Chormädchen erschien, ging es bei weitem wilder zu. Und es kam oft genug sehr nahe bis zu jenem Punkte, wo man nicht mehr genau unterscheiden konnte, wer die Freundin wessen ist. Es konnte natürlich mit der Zeit recht wohl der Fall eintreten, daß auch eins der Chormädchen respektiert werden mußte, beinahe wie die Frau. Vorläufig aber hatte sich noch keine der beiden Chordamen des Mr. Collins so weit hinaufschwingen können. Sie standen beide noch im Wartesaal, und es war noch nicht zu erraten, welche von den beiden im Luxuszug weiterreisen würde. Vielleicht kam keine der beiden je so weit.

9

Alle Herren des Aufsichtsrates, die hier jetzt im Allerheiligsten versammelt waren, hatten von Betty gehört. Und als sie hereingedonnert kam, wußte jeder, auch wer sie persönlich nicht kannte, daß diese Dame Betty sei. Denn die Frau des Präsidenten würde das nicht gewagt haben, was Betty getan hatte. Die Frau würde draußen in einem besonderen Zimmer gewartet haben, bis ihr Gatte eine Minute Zeit für sie gehabt haben würde. Und alle Herren, ohne Ausnahme, die jetzt zum ersten Male die viel besprochene Fürstin persönlich sahen, waren erschreckt.

Unter einer Fürstin hatten sie sich immer sehr viel vorgestellt. Wenn von der Freundin eines Magnaten gesprochen wurde, daß sie fürstlich aussehe, so hatte man sofort seine bestimmten Ideen. Ideen und Vorstellungen, die durch den Film gebildet wurden. Durch den Film, wo eine ehemalige Verkäuferin in einem Krawattenladen so lange aufgezaubert, aufgepinselt, aufgediademt, aufgeglittert, aufgeglasperlt, aufgeatlast und aufgeseidet wird, bis sie das Fürstinnenbedürfnis der Stenotypistinnen und der Lohnlistenschreiber befriedigt.

Aber was die Herren hier jetzt sahen, war keine Florence-Vidor-Film-Puppe und keine entthronte Schafhirten-Königin aus dem mythischen Balkanstaate Limonia-Silvania nach dem snickernden Stile einer Gloria Swanson. Denn was die Herren hier vor sich sahen, war hundertmal mehr, als sie je gedacht hatten, zu sehen. Sie sahen keine Fürstin; sie sahen eine – ja, was denn nun –, nein, eine Kaiserin war das nicht. Denn auch Kaiserinnen sind altmodisch und bäuerisch. Das war auch keine Filmkönigin im Straßenanzug. Den Filmköniginnen haftete immer unausbleiblich und unverwischbar der Geruch des Büros an oder der Kartonfabrik oder des Warenhauses, aus denen sie hervorgegangen waren. Betty haftete kein Geruch an aus ihrer Versuchszeit als Lehrerin und als Zeitungssekretärin. Vielleicht weil sie niemals wirklich in ihrem Gefühl Lehrerin oder Sekretärin gewesen war.

Betty war zur Fürstin geboren, und sie war nie etwas anderes gewesen als Fürstin. Daß sie jetzt einen Satz in Slang hinausgefeuert hatte, erniedrigte sie nicht, sondern bestätigte sie nur in ihrem Range als Fürstin. So hat eine Fürstin mit ihren Untertanen umzuspringen. Mit den Untertanen, die den Zorn und den Unwillen ihrer Fürstin heraufbeschworen haben. So und nicht anders. Und die Untertanen haben alle stille zu sein und dürfen nicht mucksen, sonst werden sie alle gehenkt.

Das Gefühl, daß sie von dieser Fürstin zum Tode verurteilt werden könnten, hatten alle die Herren, die jetzt Betty zum ersten Male sahen. Und selbst jene Herren, die mit ihr am gleichen Tische gesessen und sogar mit ihr getanzt hatten, fühlten sich merkwürdig klein werden.