Die Weiße Rose

Part 6

Chapter 63,519 wordsPublic domain

Wer ist Herr des Lebens? Der Präsident der Öl-Company? Oder der Rechtsanwalt, der die schäbigsten Ehescheidungsprozesse und Erpressungsmanöver übernimmt? Die Tänzerin eines Revue-Theaters? Rockefeller? Sinclair? Morgan? Der Präsident der Vereinigten Staaten? Keiner von denen, die als die Herren der Welt erscheinen, die Erdteile kaufen und verkaufen können, die Republiken gebären und vernichten können, Könige krönen und absetzen, Revolutionen erwecken und erwürgen können, keiner von allen denen ist Herr des Lebens. Sie alle sind in der Maschine, die da heißt „Das moderne Zeitalter“, „Unser heutiges Leben“. Sie werden darin herumgewirbelt und herumgeworfen wie kleine Körnchen, jetzt oben, nun unten, jetzt in der Mitte, nun in der Ecke, jetzt an der rechten Seite, nun an der linken.

Vielleicht war der Herr des Lebens Hacinto der Indianer, der La Rosa Blanca besaß, ohne sie zu besitzen. Er war vielleicht der Herr des Lebens bis zu jenem Tage, an dem herausgefunden wurde, daß La Rosa Blanca in ihrem Boden Öl trug.

Dann hörte auch Hacinto Yanyez auf, Herr des Lebens zu sein; denn nun wurde auch er ein Körnchen, das in der Maschine hin und her gewirbelt wird.

Vielleicht war Margarito der Herr des Lebens, Margarito, der die Mules dokterte, der die Sprache der Mules verstand, der höllisch fluchen und süße Balladen schmelzend singen konnte im selben Atemzug.

Vielleicht waren die Compadres der Rosa Blanca die Herren des Lebens. So lange, bis sie ihr Heimatland verloren.

Vielleicht war der Herr des Lebens der Löwe im Dschungel. Aber die Flöhe waren stärker als er; denn sie belästigten ihn, und er konnte sich ihrer nicht erwehren; ein Dorn, den er sich in die Tatze trat, war stärker als er, denn der Dorn machte ihn lahm; die Giftschlange, die ihn in die nackte Nase biß, wenn er unvorsichtig war, konnte ihn zu Fall bringen, und sie war darum stärker als er.

Vielleicht war der Herr des Lebens der farbenreiche Schmetterling, der von Blume zu Blume wogte und sich um nichts kümmerte, sein Leben auskostete, bis er sich im Netz einer Spinne verfing, die stärker war als er.

Vielleicht war der Herr des Lebens der klassenstolze Arbeiter, der seinen Vorarbeiter niederboxte und weidlich verprügelte, weil der Vorarbeiter, der sich stärker und mächtiger glaubte, ihn angebrüllt hatte. Aber der fleißige Arbeiter produzierte mehr, als der Markt aufnehmen konnte, und die Fabrik konnte den Mann nicht mehr bezahlen und mußte ihn entlassen; und seine Kinder zerfleischten den Arbeiter, weil sie hungrig waren und sich als Herr der Welt glaubten, dessen Sklave und Knecht ihr eigener Vater zu sein hatte.

9

Von der Office ihrer Anwälte aus telephonierte Miß Minnie White ihrem Freund Mr. Ayres, dem sie alles abbat, was sie ihm zugefügt hatte. Sie sagte, sie sei wahnsinnig gewesen und habe sich von einer Freundin aufhetzen lassen. Ob er nicht wieder gut sein wolle, sie liebe ihn über alles.

Mr. Ayres bat ihr auch alles ab, was er ihr angetan hatte, und erklärte, daß er allein die Schuld habe und daß er überglücklich sei, daß er sie wieder sein nennen dürfe.

Zwei Tage darauf reisten beide in seinem Tourenwagen nach San Diego hinunter. Das stundenlange Fahren auf der romantischen Autostraße entlang der pazifischen Küste führte die beiden inniger zusammen, als sie je vorher gewesen waren.

Das Zerwürfnis war beigelegt und vergessen. Es konnte beigelegt werden, nachdem die Anwälte erreicht – für sich erreicht – hatten, was sie wollten.

Das fernere Leben des Mr. Ayres und der Miß Minnie White hatte vorläufig kein Interesse mehr weder für Messrs. Simmons & Simmons noch für die Zeitungen. Die geschäftliche Seite der Angelegenheit war befriedigt worden, und sich für das Privatleben zweier Menschen, aus dem sich augenblicklich kein Dollar herausmünzen ließ, zu interessieren, ist unfair und schmutzig. Man kann aber keinem Amerikaner nachsagen, daß er unfair oder schmutzig sei. Er ist die Hilfsbereitschaft und die Gastfreundschaft in Person.

3

1

Mr. Collins mußte jetzt häufig an die Affäre des Mr. Ayres denken. Mr. Ayres war sein intimer Freund. Sie hatten beide dasselbe College besucht und gehörten beide denselben Klubs an. Deshalb war Mr. Collins eingeweiht in alle Einzelheiten jener Affäre. Die genaue Kenntnis jener Geschichte war ihm nützlich. Sie half ihm, auf der Hut zu sein.

Aber wie kann man auf seiner Hut sein, wenn die untere Hälfte des Körpers größere Ansprüche stellt als im Alter von zwanzig Jahren. Mit zwanzig Jahren hat man romantische Ideen, in denen manche rein natürlichen Wünsche des Körpers einem als schmutzig erscheinen und man an Keuschheit und an die Reinheit in der Liebe glaubt. Nicht weil der Mensch in jenem Alter edler ist, sondern weil er furchtsamer ist den Mädchen gegenüber und Mysterien wittert, die er nicht lösen zu können glaubt, ohne sich in schwere Gefahr zu begeben.

Im Alter von fünfzig Jahren, nachdem man fünfundzwanzig Jahre Ehe und fünfzig Gelegenheitsbigamien mit allen Stürmen, Orkanen, Typhoonen, Klippen, Sandbänken, Sonnenschein und Regenschauern, die man auf seiner Fahrstraße vorfindet, mehr oder weniger mutig und erfolgreich überwunden hat, ist die Gewohnheit des reifen Mannes an die Stelle romantischer Eseleien getreten. Alle Dinge des Lebens ohne Ausnahme werden nun rein sachlich und nüchtern betrachtet. Daß eine Frau oder etwa gar die Liebe irgendwelche Mysterien bergen könnten, dieser Glaube ist endgültig gewichen. Die Frau mag ja zuweilen noch Mysterien verbreiten, weil man die Frau nie auskennen lernt und sie immer auf dem Sprunge hockt, etwas zu tun, was man auf keinen Fall von ihr erwartet hätte. Diese Mysterie allein macht die Frau, besonders wenn es die ist, mit der man verheiratet ist, allein noch erträglich. Erträglich in jenem Grade, den man von dem Durchschnittsmenschen nach längerer Ehe zu sehen erhofft. Alle jene stillen und beschaulichen Vergnügungen, an denen man sich als Sechzehnjähriger – oder als Sechzehnjährige – ergötzte, haben ihren Reiz und damit ihre Anziehungskraft völlig verloren. Nichts ist übriggeblieben als reine Sachlichkeit und kalte Nüchternheit. Der Gewohnheit muß man nun folgen. Alles das so beim Manne, so bei der Frau.

Liebe um seiner schönen Augen willen oder seines jugendlichen Feuers wegen zu erwarten, diese Hoffnung ist dauernd geschwunden, und wenn einem eine Frau oder ein Mädchen das erzählen will, so fühlt man sich geschmeichelt, aber man glaubt es nicht mehr. Die Weisheit des Lebensphilosophen, der man jetzt geworden ist, läßt solche Glaubensstärke nicht mehr zu. Das Verstehen und Begreifen weiblicher Schönheit hat sich geläutert. Man fällt nicht mehr auf jede glatte Fratze hinein. Man ist wählerisch geworden, und man würde jetzt in der Wahl seines Ehegenossen sehr vorsichtig sein.

Ob man nun alles das findet, worauf der Philosoph Anspruch erheben muß, also Schönheit der Frau, Geist – oder an Stelle des Geistes Unterhaltungsgabe –, Geschmack in der Kleidung und im Benehmen und nicht zu vergessen einen willensfreudigen gut gepflegten Körper, ob man das haben kann oder nicht, hängt nun nur noch von der Zahlungsfähigkeit ab, die man inzwischen erworben hat.

Es ist ja nun sehr selten, nein, um die Wahrheit zu gestehen, es trifft sich nie auf Erden, daß man alles, also Schönheit, Geist, Unterhaltungsgabe, Nichtlangweiligkeit, guten Geschmack, willensfreudigen und gut gepflegten Körper in einer und derselben Frau vereinigt vorfindet. Das gibt es nicht. Weil es gegen die Naturgesetze geht. Daß es so etwas gibt, glaubt man nur zwischen sechzehn und fünfundzwanzig, und das ist die Zeit, wo man seine größte Dummheit macht, das ist, die Unrechte zu heiraten.

Weil man nun nicht alle jene Vorzüge in einer Frau vorfindet – diese Weisheit hat man jetzt erworben –, so muß der kluge Mann, jener, dessen untere Körperhälfte an Stärke und Verlangen und dessen obere Körperhälfte an Weisheit zugenommen hat, auch in seinem Erholungsdasein jene Spezialisierung vornehmen, die er in seinem Geschäft und in seinem Beruf inzwischen vorgenommen hat. Nur wenn er inzwischen Spezialist in seinem Beruf geworden ist, kann er die Mittel heranschaffen, die er benötigt, um auch Spezialist in seinem Privatleben zu sein. Er hilft sich damit, daß er eine Dame bevatert ihrer Schönheit wegen, der aber der Geist fehlt, für den er sich eine erwirbt, die den Geist hat, aber im Körper weniger Lust und Willen zeigt. Dafür ist wieder eine andere da.

Darum unterlasse man den billigen Vorwurf der Frommen und die hitzige Angeiferung der Kommunisten, daß Mr. Collins ein Wüstling genannt werden müßte, weil er neben seiner Frau noch hatte: Eine Flossy, eine Betty und zwei Chormädchen, die vorläufig noch warteten, dort eingereiht zu werden, wo sie ihrer speziellen Befähigung entsprechend hingehörten. Mr. Collins war durchaus kein Wüstling. Er war ein Produkt seiner Zeit. Ein Körnchen, das in der großen Maschine „Unser hetzendes Zeitalter“ hin und her gewirbelt wurde, ohne sich wehren zu können, ohne etwas dazu tun zu können. Unter Menschen, wo es keine Ewigkeitsehen gab, wo niemand gezwungen wurde, seinem Stande, seiner sozialen Stellung und seines Vermögens entsprechend zu heiraten, wo die Aufzucht der jungen Generation der Gesellschaft als Ganzes übertragen wurde, wo ein Mensch, der die Gabe hatte, in der Organisation der Ölproduktion wahrhaft geniale Fähigkeiten zu entwickeln, nicht gezwungen war, elegante Villen zu besitzen, elegante Autos, luxuriöse Kleidung für seine Familie und für sich, kostspielige Gewohnheiten für seine eigene Person, nur um eine solche Stellung, wo er seine genialen Fähigkeiten zeigen konnte, zu bekommen und zu behalten, unter solchen Menschen wäre Mr. Collins weder ein Wüstling und Bigamist gewesen, noch ein Mörder Tausender von Existenzen. Unter solchen Menschen wäre der Präsident der Condor Oil Co. ein Mensch gewesen, gut wie ich, wahrscheinlich viel besser und nobler als ich. Denn er besaß etwas, was nur wenige Menschen besitzen: Größe. In unserer Zeit konnte er diese Größe nur zeigen durch Brutalität, durch Rücksichtslosigkeit, durch Skrupellosigkeit. Seine Schuld war es nicht.

2

Betty hatte ihm telephoniert, daß sie ihn dringend zu sprechen habe. Er hatte ihr geantwortet, er könne sie jetzt nicht sprechen, weil er in wichtiger Conference mit hohen Persönlichkeiten seiner Company sei. Daraus machte sich Betty nichts. Sie sauste sofort in das Gebäude der Condor Oil Co. Die zweite Sekretärin sagte ihr, daß Betty Mr. Collins auf keinen Fall sprechen könnte, er sei in Conference.

So etwas konnte niemand ihr antun. Betty nicht. Conference oder nicht Conference. Wenn sie, Betty, Mr. Collins zu sehen hatte, dann sah sie ihn, und wenn er bereits begraben gewesen wäre. Dieses Temperament und dieses wilde Draufgängerwesen war ja gerade eine ihrer Hauptspezialitäten, warum sie von Mr. Collins in die Gruppe aufgenommen worden war, die jene Einheit der vollkommenen Frau bildete, die Mr. Collins nötig hatte, um dem aufregenden Leben gegenüber widerstandsfähig und munter zu bleiben.

Wenn seine eigene Frau gewagt haben würde, was jetzt Betty tat, so würde er sie erschossen haben, und das Gericht hätte ihn freigesprochen. Denn der ungerufene Eintritt in das Allerheiligste wird immer mit dem Tode bestraft. Eine wichtige Conference von Aufsichtsratsmitgliedern einer amerikanischen Milliarden-Company ist um ein Vielfaches heiliger als das Allerheiligste in Tibet.

Wer die Räderwerke kennt, muß zugeben, daß eine solche Conference in der Tat heiliger ist als irgend etwas, das mit Religion zu tun hat. Und das ist hier gesagt ohne Ironie. Nicht aus dem White House in Washington, sondern aus einer solchen Conference kann hervorkommen – und ist hervorgekommen – Ablehnung angebotener Gesandten fremder Mächte, Wechsel eigener Gesandten, Krankheit und Rücktritt von Staatssekretären, bewaffnete Einmischung in das bolschewistische Rußland, Aufhebung der Redefreiheit für Kommunisten, Anzettelung einer neuen Revolution in Mexiko, Unterstützung der Türken gegen England, Mindest-Zuchthausstrafe für Wobblies zwanzig Jahre, Freihandel für Whiskyschmuggler, Absendung von Panzerschiffen und Marinetruppen nach Columbia, Einmarsch von amerikanischen Truppen in Peking, Sättigung von angeblich verhungernden Kindern in Armenien und Griechenland mit den minderwertigen Konserven, die infolge übereilten Friedensschlusses nicht mehr an die eigenen Soldaten verkauft und verfüttert werden konnten, unbeschränkte Land- und Wasserrechte für die Staaten in der unabhängig-abhängigen Republik Nicaragua, belebte Hoffnung für den ehemaligen deutschen Kaiser, wieder das Zepter in die Hand nehmen zu dürfen, Absetzung von zweitausend Bürgermeistern und ihre Ersetzung durch andere, Schweigsamkeit des amerikanischen Präsidenten, Entlassung des politischen Redakteurs der New York Times, des wirtschaftlichen Redakteurs der New York World, erzwungener Verkauf der Chicago Tribune, eine Flut von antisemitischen Artikeln in den Zeitungen, eine Flut von prosemitischen Artikeln in den Zeitungen, Wechsel der Professoren für Volkswirtschaft und der für Internationales Recht an den Universitäten Columbia, Chicago und California, Herabsetzung des Preises für Bibeln, Gewährung hoher langfristiger Kredite an die deutsche Industrie, Gewährung von Krediten an das bolschewistische Rußland, Deportierung von Pazifisten und ähnlichen Friedensschalmeienbläsern, Bau von achtzehn neuen Panzerschiffen, Kontrakt für alle Völker, keinen Krieg mehr zu führen, ohne vorher in Washington um Erlaubnis zu bitten, Liga der Nationen gegen die Menschheit und für den Profit, Glückwunschtelegramm an Deutschland für Ablieferung eines Kriegszeppelins, Propaganda zur Belebung der Sittlichkeit unter der arbeitenden Klasse, Verbot der Prostitution für zwei Dollar und darunter, Ermunterung der Prostitution für ein Auto zur Auffrischung der um ihre Existenz kämpfenden amerikanischen Autoindustrie, Unterstützung der Abzahlungsidee und ähnlicher Absichten zur Versklavung der weniger kaufkräftigen proletarischen Bevölkerung, Verweigerung von Krediten an kooperative Gesellschaften und an Vereinigungen, die Häuser bauen, um Wohnungen zum Selbstkostenpreise vermieten zu können, und noch einiges mehr.

Überdenkt man alle die Konsequenzen, die aus den Beratungen und Beschlüssen der Conferencen großer Companien hervorgehen können, so wird man begreifen, daß es hier um heilige Dinge ging. Kein Gott war je so mächtig, daß er verwickeltere Kombinationen hätte schaffen können als hier geschaffen wurden. Es ging um Menschen und Völker, es ging um christliche, mohammedanische und buddhistische Religionen, es ging um Götter und Dämonen, um Versetzung von Gebirgen und Durchstechung von Erdteilen, man brachte Ozeane zusammen, die nicht zusammen gehörten, und man trennte Länder und Völker, die miteinander verwachsen waren seit urewigen Zeiten. So etwas konnte Gott nur in Jahrmillionen tun, was hier durch einen Beschluß getan wurde. Und wo ein solcher Beschluß gefaßt wird, sei es im Himmel oder sei es im Olymp oder sei es im Conference-Raum einer amerikanischen Milliarden-Company, da ist das Allerheiligste, da und nirgendwo sonst muß das Allerheiligste der Menschheit sein.

3

An der Tür zu dem Raum hing ein kleines Plakat, worauf gedruckt stand

DON’T DISTURB KEEP OUT

Bitte, nicht stören, bleiben Sie draußen.

Das galt für Büroschreiber, für Magnaten, für den amerikanischen Präsidenten, für den König von England und für Jehova. Aber es galt nicht für Betty, die ihre Garage und das dazu gehörige Haus haben wollte. Haben mußte, und zwar sofort, weil sie ihren Freundinnen erzählt hatte, daß sie Garage und Haus bereits habe und Montag abend ihre House-Warming-Party, ihre Einzugsfestlichkeit geben wollte, in einer Aufmachung, daß die Filmkönige und Filmköniginnen in Hollywood vor Neid zerbersten würden. Ein kleiner Schwimmteich aus Marmor sollte da sein. Der würde mit warmem Wasser gefüllt. Nachts um ein Uhr würde sie dann den Vorschlag machen, daß sich alle ausziehen sollten, um zu baden in jenem Teich. Sie würde elegante dünnseidene Badegewänder zur Hand haben. Wenn dann Männchen und Weibchen im Bade wären, würde sie alle Kleider zusammenraffen lassen, alles vertauschen und verstecken. Für den Rest der Nacht würde nur in Badekostümen getanzt.

„Ich sehe nicht, wo da der Spaß ist“, sagte Majory, eine ihrer Freundinnen. „So etwas machen die Filmer in Hollywood jeden Tag.“

„Warte nur ab, May“, sagte Betty, „was dann hinterher kommt.“

Sie hatte alles – bisher nur in ihrem Plan, weil das Haus ja noch fehlte – bereits fertig. Sobald in Badekostümen getanzt würde, dann würde sie und noch einige Eingeweihte mit Brieföffnern zwischen die Tanzenden schleichen und alle diese dünnen Seidendinger, die ja durch das Wasser überhaupt schon nichts mehr verbargen, aufschlitzen, so daß jedes Kostüm in zwei Hälften geteilt würde und herunterfiele.

Diesen Plan verriet sie nicht, weil das eine der Überraschungen war. Sie hatte noch andere Überraschungen ausgedacht, die jener in nichts nachstanden, sondern das Vergnügen vergrößerten.

Es muß zugegeben werden, daß Betty einen künstlerischen Geschmack besaß und auch eine reiche Phantasie. Das war ihre zweite Spezialität als Teil der vollkommenen Frau, nach der sich Mr. Collins sehnte.

Sie hatte guten Geschmack. In ihrer Kleidung und in ihrem Benehmen im Hotel oder im eleganten Restaurant. Solange sie nicht schwer betrunken war. Auch dann behielt sie ihren guten Geschmack bei, nur begann sie dann höllisch frivol zu werden zum Ergötzen aller Anwesenden. Sie sagte die unerhörtesten Dinge, und sie tat es mit der Gebärde und dem Ausdruck eines unwissenden Kindes.

Wenn sie mit Mr. Collins den Saal eines Café-Kabaretts oder eines Luxus-Restaurants betrat, so glaubte selbst der Verwöhnteste, eine Fürstin käme hereingeschritten. Eine Fürstin, nicht wie eine Fürstin in Wahrheit ist, unmodern, linkisch und mit einem Bauerngesicht, sondern eine Fürstin, wie sie sich ein Romanleser vorstellt und wie sie gelegentlich im Film erscheinen.

Dieses fürstliche Benehmen und diese fürstliche Haltung übertrug sich natürlich auf das Ansehen des Mr. Collins. Er, der nicht gerade sehr fürstlich, ja kaum bedeutend aussah, der seine Unsicherheit, die ihm zuweilen in eleganter Umgebung überkam, nur durch ein burschikoses, lautes, kollegiales, handfestes Gebaren übertünchte, wuchs vor den Augen seiner Freunde, seiner Bekannten und seiner geschäftlichen Gegner gewaltig in der Gegenwart der Fürstin Betty. Er gewann an materiellem Wert, mehr als an persönlichem. Ein Mann, der einen so vortrefflichen Geschmack besaß, eine Dame von so hervorragender Erscheinung zur Geliebten zu haben, ein solcher Mann war in geschäftlichen Dingen zu fürchten. Man mußte ihn als Freund gewinnen. Denn ein solcher Mann ist zu allem fähig. Was muß der Mann für Geld machen, um sich eine solche Fürstin halten zu können. Denn daß Betty nicht seine Frau war, wußte jeder. Mit seiner Frau geht man nicht in diese Restaurants, wo der Abend nicht unter fünfhundert Dollar kostet. Niemand kleidet seine Frau in dieser verschwenderischen Weise. Und kein Geldmann hat eine Frau, die wie eine Fürstin aussieht. So sieht immer nur eine Geliebte aus.

Ein Mann, der soviel Geld macht, daß er neben seiner Familie und sicher noch einigen Kleinen vom Theater diese Fürstin unterhalten kann, ein solcher Mann ist mächtig. Er ist nicht nur mächtig. Er ist eine Macht. Eine Macht, mit der man nicht spielt, die man zum Freunde macht, und wenn das nicht gelingt, die man respektiert. Denn wehe dem, der diese Macht zu erschüttern oder ihr Unbequemlichkeiten zu bereiten sucht. Dieser Mann mordet rücksichtslos, um seine geschäftlichen Pläne durchzusetzen. Nicht aus Mordlust. Sondern, um diese Fürstin behalten zu können, um dieser Fürstin würdig zu sein. Darum wird es niemand wagen, mit Mr. Collins zu spielen, wenn es sich um Geschäft handelt.

Den Herren der Company, den Aktionären, die Einfluß haben und kommandieren, ohne daß die Öffentlichkeit ihre Namen kennt, ist die Fürstin Betty teils gleich einer Geschäftsteilhaberin, teils gute Reklame. Die Fürstin hebt das Ansehen und die Macht Mr. Collins. Und eine Company, die einen angesehenen und mächtigen Präsidenten hat, der respektiert und zugleich gefürchtet ist, gewinnt ihr Spiel mit größerer Sicherheit als eine Company, die ein knauseriges, verdörrtes, pessimistisches, scheues und furchtsames Männchen als Präsidenten hat. Die Klugheit, die das scheue Männchen vielleicht hat, ist viel wert. Aber Mr. Collins mit seiner Lebensrobustheit, mit der Notwendigkeit auf seinen Schultern, mehrere Millionen im Jahr verdienen zu müssen, um seine Fürstinnen und Hofdamen unterhalten zu können, besiegt den Knauser mit einer Handbewegung. Der Knauser ist vorsichtig in seinem Wagen, weil er nicht viel für sich braucht und das Sichere nicht verlieren will. Mr. Collins ist brutal und rücksichtslos im Wagen. Weil er immer nur verlieren kann, darum muß er gewinnen, ganz gleich, was es kostet, ganz gleich, wer und was darüber zugrunde geht. Sein Wille ist keineswegs frei. Er ist ein Produkt, das er nicht selbst geschaffen hat. Er wurde geschaffen. Er ist nicht anzuklagen. Nur seine Eltern vielleicht sind zu verurteilen. Aber seine Eltern sind: die Zeit. Man verurteile die Zeit, wenn man glaubt, verurteilen zu müssen.

4

Die Art und Weise wie der Reverend Oberbonze der Ersten Allerheiligsten und Alleingerechten Amerikanischen Baptisten-Kirche Einlaß in das Himmelsheiligtum fordert und von dem erschreckten himmlischen Aufsichtsrat, der um seine olympische Ruhe und Würde besorgt ist, bewilligt bekommt, wurde um ein Vielfaches überboten von Betty, die vor der Tür des Allerheiligsten der amerikanischen Nation stand und vor sich das Plakat erblickte: Bitte, nicht stören, bleiben Sie draußen! Mit dem schwer goldenen Griff ihres kurzen Schirmes stieß sie zweimal hart und wuchtig, jegliche Ehrfurcht versagend, gegen die Tür, als wollte sie ein Loch hindurchstoßen.

Die zweite Sekretärin, als sie solches sah, erbleichte, weil sie wußte, daß sie nun ihre Stellung verloren hatte. Ihre Stellung behalten konnte sie jetzt nur noch dadurch, daß sie Betty beim Herauskommen abfing und sie mit verweinten Augen anflehte, Mr. Collins zu bitten, sie nicht zu entlassen, sondern nur mit fünfundzwanzig Dollar zu bestrafen. Die Sekretärin konnte durch eine dicke, blauanlaufende Beule unter ihrem linken Auge vorweisen, daß sie den Eingang zum Allerheiligsten unter Aufopferung ihres Lebens zu verteidigen versucht hatte, daß sie aber höherer und brutalerer Gewalt habe weichen müssen. Die blaue Beule würde ihr vielleicht angerechnet werden und ihr helfen, auch noch jene fünfundzwanzig Dollar Strafe zu sparen.

Ohne auch nur zwei Anstandssekunden zu warten, ob man von drinnen vielleicht rufen würde: „Come in!“, riß Betty die Tür mit einem weiten Schwung auf.

Sie überfiel alle Anwesenden, die so würdig und feierlich beisammen saßen wie Kardinäle bei einer Papstwahl, mit einem Blick, als ob sie sagen wollte: „Ihr alle seid entlassen.“

Einen Schritt kam sie weiter, warf die Tür hinter sich zu mit einem Krachen und rief zu dem Gottvater jener Conference: „What’s th’ bloomin’ idea, you little shrimp! Was denkst du dir denn eigentlich, du kleines, armseliges, mickerndes, winselndes Jammerwürmchen, das du bist!“

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