Die Weiße Rose

Part 10

Chapter 103,481 wordsPublic domain

Niemand mehr vermag die Katastrophe zu beherrschen. Sie wird größer und größer.

Was so mächtig und ehern erschien, dieses so wohlorganisierte, scheinbar so klug durchdachte, so gefestigt sein sollende Wirtschaftssystem kracht in allen seinen Fundamenten, weil ein Zweig unsicher geworden ist: Die Kohle, die Nahrung der Industrie.

Niemand kann das Rad still halten. Es rennt, es rast schneller und schneller und reißt tiefer und tiefer in den Körper der Wirtschaft hinein.

13

Bankstürme beginnen. Die Sparer sind von Panik erfaßt worden. Sie fürchten, nein schlimmer, sie sind sicher, daß ihr Geld, für das sie gespart und gedarbt haben, verloren ist. In unendlich langen Reihen stehen sie schon vor Mitternacht vor den Banken, um die ersten zu sein, wenn die Kassen öffnen. Je früher man da ist, je größer die Möglichkeit, noch etwas zu retten. Das geordnete Leben der Banken wird zerrissen. Alle Kräfte müssen heran, um auszuzahlen. Niemand zahlt etwas ein. Alle Kredite werden aufgekündigt. Banken in andern Ländern werden bittend angekabelt, auszuhelfen mit flüssigem Geld und mit Schecks. Alle Reserven der nationalen Bankvereinigung werden aufgerufen. Aber die Reihen vor den Banken verlängern sich.

Und dann beginnen die Banken zu krachen, weil sie nicht zahlen können. Das Geld ist ausgeliehen; denn wenn die Bank kein Geld ausleihen kann, dann kann sie ihren kleinen Sparern keine Zinsen zahlen. Erst krachen die kleinen Banken. Die großen helfen sich noch damit, daß sie die Kassenstunden auf zwei, endlich auf eine beschränken.

Dann beginnen auch größere zu krachen.

Und hinter all diesem Wirrwarr sitzt kein plötzliches Verschwinden eines Erdteils, sitzt keine gigantische Naturkatastrophe, die unwiederbringliche Werte vernichtete. Hinter all diesem Zusammenbrechen wirtschaftlicher Ordnung und wirtschaftlicher Sicherheit, die ständig bedroht wird von Aufwieglern, sitzt nichts anderes als die gestörte Einbildung derer, die etwas haben, die unsicher gewordene Hoffnung derer, die viel besitzen, und derer, die wenig besitzen. Alles das, was nun in der Wall Street geschieht, beruht in nichts anderem, als daß die Gedanken plötzlich, zu plötzlich, eine andere Richtung eingenommen haben als die gewohnte. Massenhypnose. Massensuggestion. Die Suggestion, die Einbildung: „Ich kann verlieren!“ reißt dieses schöne, von Gott gewollte, von Gott begnadete, von Gott beschützte Wirtschaftssystem in Fetzen. Und dennoch sind alle Werte gleichgeblieben. Die Werte haben sich nicht geändert. Es ist ebensoviel Kohle auf Erden wie vorher. Alles Geld ist noch da, und es ist kein Cent vom Erdball heruntergefallen in das Weltall, aus dem er nicht mehr gefischt werden kann. Alle Häuser stehen noch da. Alle Wälder. Alle Wasserfälle. Alle Ozeane. Die Eisenbahnen und Schiffe sind alle noch unversehrt. Und Hunderttausende gesunder und kräftiger Menschen sind willig, zu arbeiten und zu produzieren und den vorhandenen Reichtum der Erde zu vermehren. Kein Ingenieur hat die Fähigkeit verloren, neue Maschinen zu konstruieren. Kein Kohlenschacht ist von einer Naturgewalt verschüttet worden. Die Sonne steht leuchtend und warm am Himmel wie immer. Es regnet wie immer. Das Getreide steht auf den Feldern und reift wie immer. Die Baumwollfelder stehen in Pracht. Nichts hat sich am vorhandenen Wert irdischen Reichtums geändert. Die Menschen, als Einheit gesehen, sind ebenso reich wie gestern. Und nur darum, und allein nur darum, weil sich der Besitz einzelner zu verändern und zu verschieben droht, darum bricht eine Katastrophe für die gesamte Menschheit herein. Eine Katastrophe gleich den Katastrophen vergangener Zeiten, wenn Hungersnöte in einem Erdstrich ausbrachen und man keinen Ausgleich mit jenen Erdstrichen schaffen konnte, die im Überfluß erstickten, weil Transportmittel und Telegraphen fehlten.

Ein Wirtschaftssystem, eine Wirtschaftsordnung, geschaffen von Menschen, die von sich selbst behaupten, Intelligenz zu besitzen. Menschen jedoch, die trotz aller ihrer so hochentwickelten Technik, die sie schufen, noch immer nicht die Primitivität völlig unzivilisierter Menschen überwunden haben, soweit ein durchdachtes und wohl geregeltes Wirtschaftssystem in Frage kommt.

14

Die Wirtschaftskrise, gefürchtet gleich einem Strafgericht des Himmels, und monatelang vorher, oder eigentlich ständig, in prophetischer Weise mit drohendem Zeigefinger angekündigt von Kommunisten und Sozialisten, die behaupten, so etwas immer voraus zu wissen, begann nun kräftig einzusetzen.

Wirtschaftskrisen haben für neunundneunzig Prozent der Menschen etwas Unheimliches an sich, etwas Mystisches. Denn neunundneunzig Prozent der Menschen, ob religiös oder irreligiös, sehen in einer Wirtschaftskrise die Zuchtrute einer übernatürlichen Gewalt, die mit dem kapitalistischen System unlöslich verbunden erscheint und die sich offenbar von Menschen nicht abwenden oder vermeiden läßt. Neunundneunzig Prozent der Menschen leiden unter einer Krise. Die einen mehr, die andern weniger. Darum wird sie angesehen, wie man in vergangenen Jahrhunderten Pestilenzen, Hungersnöte und Mongolenüberfälle betrachtete.

Dennoch werden diese Wirtschaftskrisen keineswegs durch übernatürliche und mystische Mächte hervorgerufen, sondern immer nur dadurch, daß eine Einzelperson oder eine Gruppe von Einzelpersonen in das geregelte Wirtschaftsleben gewalttätig eingreift, um es zu einem großen privaten Vorteil auszunützen. Geht das Wirtschaftsleben seinen ruhigen Gang weiter, ohne daß Paniken künstlich erzeugt werden, so können wohl Schwankungen innerhalb der Wirtschaft vor sich gehen, aber es kann niemals eine schwere Krise ausbrechen. Denn ganz so chaotisch, wie es häufig erscheint, ist das kapitalistische Wirtschaftssystem ja nun keineswegs. Die Kapitalisten machen zuweilen Dummheiten, aber sie sind keine Narren. Und nur Narren werden sinnlos darauflos produzieren, ohne stets beide Augen auf den Markt und dessen Aufnahmefähigkeit gerichtet zu halten. Selbst Erfindungen und selbst Neukonstruktionen besserer Maschinen können wohl den einen oder den anderen aus dem Sattel werfen, aber selbst sie können keine Krisen hervorrufen. Etwas hat man immerhin auf unserm Kontinent schon gelernt: Je höher die Löhne und je kürzer die Arbeitszeit und je größer die Bildung der Arbeiter ist, desto gesicherter ist der ruhige Ablauf des Wirtschaftslebens, und desto schwieriger ist es selbst für einen Mächtigen, eine schwere Krise heraufzubeschwören.

Wenn Hunderte und aber Hunderte von Millionen Tonnen bester Kohle unauffällig und geschickt ihrer Bestimmung entzogen werden, ohne daß die Menschheit sich darauf vorbereiten konnte, so muß das Resultat genau das gleiche sein, als ob ein Erdbeben oder eine gewaltige Wasserflut die Werte eines großen Teiles der Erde zerstörte. Aber eine Naturkatastrophe kann das Wirtschaftsleben nicht so in Unordnung bringen wie eine große Spekulation. Bei einer Naturkatastrophe weiß man, was geschehen ist, man weiß, wo es fehlt und wo man und wie man anzusetzen hat, um den Schaden wieder zurechtzurücken. Aber bei einer Spekulation weiß niemand, was eigentlich geschehen ist. Niemand weiß, ob Kohle die Ursache ist oder Geld oder Mangel an Eisen oder Erz oder Spekulation in Getreide oder in Baumwolle oder in Öl. Darum kann niemand an die Quelle des Unheils heran, weil die Quelle nur einem einzigen bekannt ist, der seine Wissenschaft nicht verrät, um seine Vorteile in dem Wirrwarr zu finden.

5

1

Es wurde nun recht lebhaft im Lande.

Volkswirtschafter, Großindustrielle, Bankiers schrieben weise Aufsätze in den Zeitungen. Alle kamen zu dem Ergebnis, daß nur die Kohlennot, die jetzt schwer fühlbar wurde, die Ursache dieser so unerwartet rasch gekommenen Krise sei, und wenn man die Kohlennot beheben könnte, so wäre die Krise bald zu Ende. Die Kohlennot war tatsächlich nun vorhanden. Denn wenn alle Minenarbeiter streikten, so mußte in wenigen Wochen jeder Brocken Kohle aufgezehrt sein.

In fetten Überschriften riefen die Zeitungen die Regierung an, den Streik zu schlichten um jeden Preis. Aber diesem Vorschlag widersetzten sich Hunderte großer Companien und Tausende von Großindustriellen, weil ein Eingreifen der Regierung in den Streik die Freiheit von Handel und Arbeit antaste und also gegen die Heilige Konstitution sei.

Die Regierung zeigte auch gar keine Miene, einzugreifen. Sie tat das einzige, dessen eine Regierung heute fähig zu sein scheint: Sie sandte Miliz und Maschinengewehre in die Streikdistrikte. Es kam zu Beschimpfungen und Steinwürfen auf die Soldaten, weil ihre Anwesenheit die Streikenden erregte. So wurde dann tüchtig in die Streikprozessionen hineingepfeffert. Heute hier, morgen dort. Und alle Leute, die das Gespenst der Kohlennot fürchteten – und das waren hundert Prozent der Bevölkerung, nachdem die Streikenden abgerechnet waren –, sagten: „Das ist gut, daß die Regierung da Ordnung schafft und den Anarchisten das Hirn aus dem Schädel bläst; nun werden die Streikenden wohl zur Vernunft kommen.“

Selbst Arbeiter und selbst organisierte Arbeiter waren den streikenden Minenleuten durchaus nicht freundlich gesinnt. Wenn der Kohlenstreik lange anhielt, dann mußten nach und nach auch alle Fabriken schließen, und es gab keine Arbeit mehr. Es wurde zwar Geld an die Miners geschickt, aber man tat es mit saurer Gebärde, und man knabberte an jedem Cent herum, ehe man ihn endgültig leistete.

Der langsam einsetzenden Kohlennot folgte ein Kohlenhunger. Und dieser Kohlenhunger begann schnell in eine Tollwut überzugehen. Es kam zu Angstkäufen. Man kaufte Kohle für Jahre auf, um den Keller voll zu haben und für alle Fälle gerüstet zu sein. Und war der Keller endlich so voll, daß der Besitzer sagen konnte: „Meinetwegen kann der Streik fünf Jahre dauern, ich bin gerüstet!“, dann war der Mann wahrhaft glücklich. Ob sein Nachbar noch ein Kilogramm Kohle erwischen konnte, das war ihm gleichgültig.

Das waren die kleinen Leute, die nur Kohle für das Haus brauchten.

Die Großen, die Eisenbahn- und Schiffsgesellschaften, warteten noch, weil sie noch nicht klar sehen und vorläufig noch von Lager abheben konnten. Aber die Kleinen bauten den Preis auf. Nach wenigen Wochen kostete die Tonne Kohle im Großhandel, was sie bisher im Verkauf von zehn Kilo, also im allerkleinsten Handel, gekostet hatte.

Die Großen begannen Verträge mit englischen, deutschen und französischen Companien abzuschließen, um sich Kohle zu sichern.

2

Nun mußte Mr. Collins, der bisher nur zugesehen hatte, wie sich sein Plan abwickelte, wieder eingreifen, damit der Markt nicht vorzeitig sich beruhige.

Die Reporter waren nur zu willig, Neuigkeiten von Mr. Collins zu erfahren; denn sie hielten ihn bereits für einen ganz Großen, der alles vorausgewußt hatte. Hätte man seine Prophezeiungen damals, als bei ihm der Streik ausbrach, genügend ernst genommen, so wäre es sicher nicht zu dieser Krise gekommen.

Als die Reporter nun wieder bei ihm saßen, um zu hören, ob er etwas Neues wußte und wie er sich den weiteren Verlauf des Streikes denke, da sagte er ganz ruhig: „Die Unionen sind schuld an der ganzen Not, unter der die Nation jetzt leidet. Wir hätten uns leicht mit unsern Leuten verständigen können. Es sind alles fleißige, nüchterne, ehrenhafte Arbeiter, die wir haben. Einige wenige ausgenommen. Aber stets müssen sich die Agitatoren und Aufwiegler der Union hineindrängen. Sie allein verhindern jede Verständigung. Die Absicht der Unionen ist ja durchaus klar. Ich brauche darüber nicht viel zu sprechen. Sie, als erfahrene Zeitungsleute, wissen das viel besser als ich, der ich ja nur ein Geschäftsmann bin. Es ist die Absicht der Unionen, das Wirtschaftsleben der Nation in Verwirrung zu bringen. Und wenn es so verwirrt ist, daß alle Menschen ohne Arbeit und Brot sind, dann wollen jene Leute die politische Macht ergreifen und ihren sozialistischen Zukunftsstaat verwirklichen. Das würde ein Ende unserer freien und wahrhaft demokratischen Republik sein, für die unsere Vorväter so glorreich gekämpft und gelitten haben und ehrenvoll gestorben sind. Denken Sie sich, wenn unser Volk ausgeliefert würde jenen fremden Aufwieglern, die ihrer anarchistischen Ideen wegen aus ihren unfreien Ländern vertrieben wurden und nun eine gastliche Aufnahme bei uns fanden, weil wir niemand seiner Meinung und seiner Ansichten wegen verfolgen und verstoßen. Zum Dank dafür, daß wir ihnen Schutz und Gastfreundschaft gewährten, führen sie unsere Nation zum Ruin.

Wenn wir in unsern Minen die Mitgliedschaft zur Union verbieten, so wissen wir, was wir tun. Wir wollen die United States of America nicht vernichtet und zertrümmert sehen von wahnsinnigen Wirrköpfen, sondern wir wollen sie erhalten und aufbauen zu einem großen schönen Lande, in dem jeder glücklich sein soll und kann, der guten Willens ist. Ich glaube fest, treu und zuversichtlich, wie auch Sie, meine Herren von der Zeitung, an unser gutes und erprobtes, echt amerikanisches Evangelium von den beiden B, Bigger and Better, Größer und Besser, in bezug auf unsere große Nation.

Die Vernichtung der Union ist gleichbedeutend mit der Erhaltung der Nation. Darum können wir nicht nachgeben, weil wir höhere Interessen haben als nur den nackten Geldgewinn. Die Erhaltung des Staates gilt uns mehr. Sobald wir die Union der Minenarbeiter vernichtet haben, wird die Union der Transportarbeiter vorgenommen. Sie ist, nächst der Minenarbeiter-Gewerkschaft, die gefährlichste; denn sie hat das Rad der Volkswirtschaft in ihrer Hand.“

Alles übrige, was Mr. Collins den Reportern erzählte, ist unwichtig. Man kann es in jedem Traktätchen, das gegen das Proletariat geschrieben ist, nachlesen. Mr. Collins legte auch auf das Fehlende nicht so großen Wert. Er redete überhaupt nur noch alles übrige, um den Kernpunkt genügend zu verschleiern. Er besaß diplomatische Fähigkeiten.

3

Die Reporter veröffentlichten die Predigt des Mr. Collins wortgetreu und auf der ersten Seite. So kam die Meinung des Mr. Collins auch richtig hin zu denen, für die sie gemeint war und die nun erreicht wurden, ohne daß es nötig wurde, Unionssekretäre mit einigen tausend Dollar aufzukaufen. Diejenigen, für die die Weisheit des Mr. Collins gemünzt war, waren die Transportarbeiter.

Als sie hörten, daß ihre Union die nächste sei, die folgen würde, sobald die Minenarbeiter zermanscht seien, kamen sie in Wut. Sie taten Mr. Collins den Gefallen. Sie taten alles ganz genau so, wie es Mr. Collins gewünscht hatte. Sie taten es sogar viel besser, als er erwartet hatte. Bediene dich gut erprobter Rezepte, und der Kuchen muß gelingen.

Die Transportarbeiter beriefen Riesenversammlungen ein. Sie sagten, es geht um Leben und um Sterben. Es wurde beraten und gedonnert. Und heraus kam der Beschluß, einmütig gefaßt: „Die Minenarbeiter müssen unterstützt werden, die Minenarbeiter dürfen nicht verlieren. Darum wird kein Kohlenschiff an unseren Küsten ausgeladen, das von England oder Deutschland oder aus irgendeinem fremden Lande kommt. Notwendigenfalls Sympathiestreik im gesamten Transportarbeitergewerbe, einschließlich der Eisenbahnen.“

Die Magnaten ließen es nicht darauf ankommen. Transportarbeiterstreik, der ja in den Vereinigten Staaten immer mit schwerer und sehr kostspieliger Sabotage der Transportmittel verknüpft ist, konnte man gerade jetzt am allerwenigsten gebrauchen. Das hätte die Lage nur noch mehr verwirrt, und man hätte dann alles aus den Händen verloren und nicht mehr absehen können, wohin das endlich noch führen möchte.

Die Verträge mit den englischen und deutschen Kohlenhäusern wurden nicht gezeichnet, und es kamen keine Kohlenschiffe an.

Ganz genau das war es, was Mr. Collins wollte.

4

Von nun an ging alles wie geölt.

Mr. Collins arbeitete nach dem Rezept in der Bibel, nach jenem Rezept, das Joseph, den Sohn Jakobs, aus einem vergessenen Gefängnisbruder zum reichsten Manne und endlich sogar zum Vizekönig in Ägypten machte. Zum Leidwesen vieler, in damaliger Zeit, wieder ein Fremder und wieder ein Jude. Joseph, wie man wohl recht gut weiß, sammelte alles Getreide zu billigen Preisen in den sogenannten fetten Jahren, als der Preis sehr tief stand, und er verkaufte das Getreide dann in den Hungerjahren zu Wucherpreisen. Die Bibel, wie so oft, erzählt uns das nur nicht richtig. Sie erzählt das ein wenig verbrämt, damit der liebe Gott auch etwas von dem Ruhme abbekommen soll. Man kann ja einem Juden nicht allen Ruhm allein lassen. Und es ist seit jener ägyptischen Periode, daß die Blutsgenossen des Joseph nach und nach den ganzen Getreidehandel übernommen haben, besonders in den Staaten, weil ja die Christen doch nicht richtig mit Getreide umgehen können und weil die Juden die längere und reichere Erfahrung haben.

Mr. Collins war nicht Jude. Er wollte sogar den Juden die Einwanderung in die Staaten verbieten. Aber es muß gesagt werden, daß er größer war als Joseph und größer als der Earl of Beaconsfield, der es, geschickt wie Joseph, verstanden und vermocht hatte, sich aus einem Benjamin D’Israeli zum englischen Vizekönig emporzuarbeiten.

Mr. Collins war größer als Joseph und größer als Beaconsfield; denn es ist ja immer so: Wenn jemand ganz groß und rücksichtslos ist, dann ist er ganz bestimmt kein Jude. Und hierin liegt ein Trost für die, die nicht Juden sind.

Mr. Collins war größer. Und er war moderner. Er bediente sich nicht eines Traumes, den ein anderer hatte, sondern er bediente sich der proletarischen Solidarität. Jener proletarischen Solidarität, von der immer so viel geredet wird und die man so selten sieht, wenn ein Mobilmachungsbefehl an die Mauern geklebt wird und wenn die Soldaten ausmarschieren.

Mr. Collins hatte den Vorteil auf seiner Seite, daß die Menschen, die Geld hatten, eine Todesangst ausstanden, daß die Solidarität des Proletariats zu einer gewaltigen Macht werden könnte, die Welten zu bewegen imstande sei.

5

Mr. Collins war nicht sentimental. Er kassierte. Er kassierte die Sahne der Nation. Ei, was mußte die Nation bluten! Die Tonne Kohle ging auf den doppelten Preis. Auf den dreifachen. Auf den vierfachen Preis. Und nun öffnete Mr. Collins die Scheuern und half der sterbenden Industrie wieder auf die Beine. Er wurde der Retter der Nation. Würde er politischen Ehrgeiz gehabt haben, man hätte ihn zum Präsidenten erwählt. Er wurde ein zweiter Washington.

Die Company kassierte nur und kassierte. Sie hatte keine Ausgaben. Alle Ausgaben hatte nur die Minenarbeiter-Union, deren reiche Kassen bis auf den letzten kupfernen Cent geleert wurden. Ausgaben hatte nur das Proletariat, das sammelte und sammelte, schimpfend und murrend, aber doch sammelte für die hungernden Miners. Die Könige machen Krieg, und das Proletariat blutet und stirbt. Magnaten machen einen großen Fischzug, und das Proletariat opfert seinen letzten Cent und verhungert. Immer das Proletariat! Und immer und nochmals das Proletariat. Verflucht noch mal, Prolet, was bist du doch für ein Esel!

6

Mr. Collins hatte, als die Schlacht geschlagen war und das Wirtschaftsleben und Wall Street sich wieder zu beruhigen begannen, für seine eigene Tasche einen kleinen Reingewinn von zart einer Million vierhunderttausend Dollar gemacht.

Die Arbeiter hatte er nun nicht mehr nötig, sie waren nur Schachfiguren gewesen. Schlimmer als Schachfiguren. Selbst eine hölzerne Schachfigur weiß, daß sie Schachfigur ist. Aber die Arbeiter wußten nicht, und sie haben es bis heute nicht erfahren, daß sie nur Figuren waren, die hin und her geschoben wurden, von Mr. Collins. Die Arbeiter erhoben ein großes Geschrei, daß sie den Streik gewonnen hätten, als sie wieder zurückkehren durften in die Minen, daß ihnen der Lohn nur um zehn Prozent gekürzt wurde, und daß man ihnen wieder ihre Union ließ, damit sie sich daran erfreuen konnten.

Denn was kümmerten sich die Companien ernsthaft um die Unionen. Union oder nicht Union. Der Arbeiter verhungert, wenn er keine Arbeit hat. Und ob er Arbeit hat oder nicht, das bestimmt nicht seine Union, sondern das bestimmt der, der nicht predigt, sondern der handelt und keine Sentimentalität kennt. Prolet, du hast vortreffliche Lehrmeister.

7

Mr. Collins zählte nicht die Gefallenen. Er stellte keine Verlustlisten auf derer, die von der Miliz erschossen waren, derer, die auf Jahre hinaus in Gefängnissen saßen, derer, die ihre Existenzen verloren hatten, derer, die Selbstmord begangen hatten, derer, die ins Irrenhaus gekommen waren, derer, die in Hospitälern lagen.

Es sind schlechte Generale, die sich um die Gefallenen kümmern.

Wir haben mit den Lebenden genug zu tun.

Und während der Prolet seine Gefallenen begräbt, beweint und beredet, gewinnt sein Gegner Zeit, die neue Schlacht zu planen und vorzubereiten.

6

1

Mr. Collins war jetzt oben. War vollberechtigtes Mitglied im Generalstab des Wirtschaftslebens der Nation.

Aber alle die Männer, die bisher mit ihm gearbeitet hatten, also das Direktorium der Anthracite Company, begannen sich vor ihm zu fürchten. Sie alle hatten keine Sentimentalität. Aber sie besaßen noch genug Zimperlichkeit, nicht bis zur letzten Grenze zu gehen.

Was die Anthracite getan hatte, war alles innerhalb der Grenzen des Gesetzes geblieben. In allen ihren Handlungen war die Company vom Gesetz geschützt. Jeder hatte das Recht, Lager aufzuhäufen, wann und wo und wieviel er wollte. Und jeder hatte das Recht, seine Lager zu öffnen, wann es ihm am günstigsten erschien. Die Anthracite hatte niemals in diesem großen Raubzug mit Lügen gearbeitet. Sie hatte offen verkündet, daß sie Lager auffülle. Und sie hatte das ganze Manöver durchgeführt, ohne das Trustgesetz irgendwo zu verletzen. Sie hatte mit keiner anderen Company ein trustähnliches Abkommen getroffen, um den Markt zu beherrschen. Das Geschäft war so sauber, so ehrenhaft, so anständig wie nur immer ein Geschäft innerhalb des kapitalistischen Systems sein kann. Daß die Menschen sich in eine Panik jagen lassen, kann man nicht der Anthracite zum Vorwurf machen. Dafür ist der liebe Gott verantwortlich, der alles geschaffen hat und keine Maus verrecken läßt, wenn es nicht in seinem Willen liegt. Ließen sich Menschen nicht erschrecken, könnte nie jemand Millionen verdienen. Nie könnte jemand Menschen für seine Privatzwecke gebrauchen, wenn die Menschen mehr Selbstvertrauen und mehr Mut hätten und sich nicht fürchteten vor einigen Tagen Hunger und vor dem Alter.

Wenngleich das Geschäft durchaus in gesetzlichen Grenzen geblieben war, so scheuten dennoch die Herren des Direktoriums vor einem neuen ähnlichen Geschäft zurück. Es waren da immer Zeitungen von Sozialisten und anderen Leuten, die aus Neid nörgeln, die irgendwie Weisheit bekommen und ein derartiges Manöver aufdecken können. Und alle die Menschen, die unter diesem Raubzug leiden, werden zu Anklägern. Wo Ankläger sind, da finden sich auch sofort Richter ein. Ein Mensch gilt nur so lange als ehrenhaft, solange man seine Geschäfte nicht zu durchschauen vermag. Keiner der Männer des Direktoriums konnte in das Zuchthaus geschickt werden, aber alle konnten in der Öffentlichkeit beschimpft werden als Zerstörer des Staates und als Förderer sozialistischer Ideen. Ein Kapitalist, der durch gar zu rigorose kapitalistische Manöver der Propaganda der Sozialisten und Anarchisten Material liefert, ist einem Verbrecher gleich, und er ist schlimmer als ein Anarchist.