Die Weiße Rose

Part 11

Chapter 113,756 wordsPublic domain

Das erkannten die Herren des Direktoriums rechtzeitig. So blieben sie auch verschont von den Stürmen, die einige Jahre später den amerikanischen Kapitalismus durchschüttelten und die Sozialisten mit Dynamit versorgten, von jenen Stürmen, die der große Ölskandal, der sogenannte Tea-Pot-Dome-Skandal, verursachte. Stürme, die sogar den Präsidenten der Republik, Mr. Harding, so durcheinanderschüttelten, daß er krank wurde, sich hinlegte und sofort starb. So rechtzeitig starb, daß man ihm – Ehre vor einem Toten, der sich nicht verteidigen kann – nicht mehr genau nachrechnen konnte, wieviel Millionen er mit Mr. Sinclair verdient hatte auf Kosten der Nation, während sein Kronprinz, Mr. Coolidge, darüber die Sprache verlor und seitdem der größte Schweiger unter den Präsidenten der amerikanischen Nation genannt wird.

So kamen die Herren des Direktoriums zu der Überzeugung, es sei das beste, Mr. Collins, diesen Allzumächtigen, aus der Anthracite hinauszukaufen.

Mr. Collins bekam seinen Anteil am Gewinn in Aktien der Anthracite, die jetzt sehr hoch standen, weil der Bedarf an Kohle groß war und wieder tüchtig gefördert wurde. Durch diesen Besitz der Aktien bekam Mr. Collins eine hohe Stimmenzahl in der Company; und er hätte jetzt, lediglich durch seine Stimmenmacht, die Company abermals in ein Manöver verlocken können, was das Direktorium vermeiden wollte. Es hatte genug an dem einen Manöver für lange Zeit; denn das Risiko an Skandal war denn doch zu hoch für jene Herren. Mr. Collins wurde als Abenteurer angesehen, der sich um Skandale nicht kümmerte. Damals noch nicht, weil er noch im Aufstieg war. Später änderte es sich auch bei ihm in dieser Hinsicht. Mit zunehmendem Alter gibt man mehr auf gesellschaftliche Ehre und soziale Stellung als in der Jugend, wo man vorgibt, Bohemien zu sein. Auch wenn man sonst keinerlei Berührung mit Kunst hat.

Die Herren boten Mr. Collins einen sehr guten Preis für seine Aktien. So wurden sie ihn los und dankten Gott und gaben der Kirche.

2

Ein Mann in den States mit einem Bank Account von einer und einer halben Million Dollar, gewesenes einflußreiches Mitglied des Direktoriums der mächtigen Anthracite Company, bekannt bei und gekannt von allen großen Zeitungen als starker und smarter Knabe, ein solcher Mann muß zu einer kapitalistischen Macht werden, auch wenn er gar nicht will. Er wird dazu gezwungen. Er wird hineinverwickelt in alle großen Geschäfte und alle großen Manöver. Das System duldet ihn nicht als Außenstehenden und nicht als Zurücktretenden. Das System benötigt seine ein und eine halbe Million Dollar, und das System benötigt seine Erfahrung, seine Kenntnisse, seine Kraft und seinen Willen. Große Companien schenken ihm Aktien, nur damit er drin ist, nur damit er an der Company interessiert wird, nur damit er mit zu Rate gezogen werden kann. Die Banken lassen ihn nicht in Ruhe. Er muß sich beteiligen hier und dort, weil man ihn nicht für so schäbig hält, daß er sich mit vier Prozent begnügen könnte. Und einem Manne mit dem Rufe, den Mr. Collins nun hat, kommt niemand mit seichten Dingen. Man kommt ihm nur mit sicheren Sachen. Und nur mit solchen Geschäften, wo achtzehn Prozent sicher sind wie der Tod. Nur die kleinen Höker werden zu Dummheiten verlockt. Ein Mr. Collins nie. Wer Kartoffeln fünfkiloweise verkauft und Petersilie für zwei Cent das Sträußchen, der kann zu einem kleinen behäbigen Wohlstand gelangen, aber er wird nie Millionen machen. Genau so wenig wie jemals ein Proletarier, der immer in der Fabrik arbeitet und es nie wagt, sich einmal auf die eigenen Füße zu stellen, fünfzigtausend Dollar für sich zusammenbringen wird. Er würde dazu zehn Leben nötig haben, weil er ja stets nur einen kleinen Teil dessen bekommt, was er produziert. Die wahrhaft großen Vermögen werden nur gemacht von denen, die an den Nervensträngen der Nation, an den Lebensnerven der Menschen zupacken. Und skrupellos zupacken.

3

Die Lebensnerven der zivilisierten Menschen sind: Getreide, Baumwolle, Kohle und Eisen. Wer eines dieser vier Dinge beherrscht, ist allmächtiger als der liebe Gott; denn er kann Kirchen bauen und Kirchen verweigern, kann Pfaffen ernähren und Pfaffen verhungern lassen. Und wenn der liebe Gott keine Pfaffen mehr hat, wird er schnell vergessen. Fleisch, Leder, Häuser und Grundstücke sind auch wichtig. Aber der Mensch kann sich mit Fleisch sehr einschränken, kann seine Schuhe bis zum letzten Fetzen auftragen, kann sich sehr zusammenpferchen, daß er jahrelang ohne neue Häuser auskommt. Aber Brot braucht er, seine Hemden und Kleider aus Baumwolle sind nicht so dauerhaft wie Leder. Kohle braucht er, um nicht zu erfrieren, um Licht zu haben und Hilfskraft für seine Arbeit. Eisen braucht er für Werkzeuge, Maschinen und gelegentlich für seine Schießprügel und Kanonen.

Alles das hatte Mr. Collins rechtzeitig im Leben begriffen. Darum hatte er sich der Kohle bedient, um in den Sattel zu kommen.

Als man ihn aus der Kohle hinausdrängte, weil er zu gefährlich war, mußte er nach einem anderen Lebensnerv der Menschen suchen, um mit Macht spielen zu können. Besaß er Macht, so konnte er sich alle Genüsse verschaffen, die das moderne Leben bietet. Spielte er mit Macht, so konnte er alle Werte auskosten, die einem Menschen das Leben interessant und lebenswert machen. Zu spekulieren und mit Macht zu spielen ist erregender und köstlicher als am Roulett zu sitzen. Auf das Roulett kann man keinen Einfluß ausüben. Am Roulett zu spielen, erfordert keine Intelligenz. Jeder Trottel kann es, darum findet man in der Nähe eines Roulettes auch nichts anderes als Trottel, Spitzbuben und Frauen, die auf den Gewinn der Trottel warten.

Mr. Collins war kein Trottel. Er hatte Intelligenz. Und er war ewig aus seinem Innern heraus gedrängt, seine Intelligenz zu gebrauchen.

4

Es war die Zeit, als das Automobil aus seinen ersten schüchternen Gehversuchen heraus war. Aber nur wenige erkannten die große Zukunft, die das Automobil hatte. Der Glaube an die Unüberwindlichkeit der Eisenbahn war noch unerschüttert. Die ersten Versuche mit Flugmaschinen waren vorüber. Sie hatten vielen Männern das Leben gekostet, aber sie waren geglückt. Man konnte bereits einige Kilometer weit fliegen und eine halbe Stunde über dem Erdboden bleiben, bis man abstürzte und sich das Genick brach, wenn man nicht vorher schon verbrannt war. Die Vorarbeiten für den Dieselmotor waren auch geglückt und zeigten denen, die Intelligenz besaßen und die nicht das Bestehende für die letzte Weisheit menschlicher Fähigkeiten ansahen, bereits den Weg, den die Technik gehen würde. Gehen mußte.

Mr. Collins erkannte mit seinem guten Instinkt, daß die Kohle als Lebensnerv der Menschen zu verkalken begann und daß der Tag kommen würde, an dem die Kohle unwichtig war, vielleicht gar entbehrt werden konnte. Denn schon damals dachte niemand, der nur ein wenig Vernunft besaß, daran, daß man Automobile und Flugmaschinen mit Kohlen heizen und bewegen werde.

So kam es, daß Mr. Collins den jungen, frischen, unverbrauchten neuen Lebensnerv der Menschen packte: das Öl.

Er tippte auch gleich die richtigen Stellen an, die damals noch ganz neu waren. Er kaufte Felder in Kalifornien und in Oklahoma. Er kaufte in Gegenden, wo kein Geologe Öl vermutet hatte. Und er gewann.

Er gründete die Condor Oil Co. Sie war sehr klein. Beinahe die kleinste aller Companien an Kapital.

Aber sobald sie erst einmal geboren war, den ersten Schrei ausgestoßen und den ersten vollen Atemzug getan hatte, da begann sie auch gleich zu fressen. Und sie fraß und fraß. Fraß alle anderen kleinen und mittleren Companien auf und verschlang alle Privatunternehmer. Und sie fraß und fraß, bis sie so dick und voll war, daß sie gewichtig neben den allergrößten Öl- und Petroleum-Companien stand, angesehen und gefürchtet. Mr. Collins war so geschickt, daß er Manöver vermied, die einen Sinclair, den mächtigsten Ölmagnaten, in einen der größten und stinkigsten kapitalistischen Skandale verwickelten, die das amerikanische Volk, das ja so unermeßlich reich ist an kapitalistischen Skandalen, in den letzten Jahren gesehen hat. Ein Skandal, der so sehr an den Fundamenten des kapitalistischen Systems rüttelte, wie das nie eine kommunistische Propaganda fertigbringen wird. Daß ein System einen solchen Skandal überleben kann, daß das Volk darüber sogar lachen und satirische Chansons in den Vaudeville-Theatern anhören kann, ohne das System auch nur anzuklagen, beweist, wie fest gefügt und sicher dieses System noch steht. Beweist, daß dieses System mit den Mitteln, die Sozialisten und Bolschewisten empfehlen, wohl schwerlich, wenn überhaupt, gestürzt werden kann. In den Staaten einmal sicher nicht. Noch nicht. Und jedenfalls nicht mit den angepriesenen Rezepten. Mr. Sinclair wird nicht verflucht, sondern er wird bewundert, wie smart er war, daß es ihm sogar gelang, die militärische Bereitschaft der Nation zu kaufen und in Öl und Dollars zu verwandeln. Und seit Jahren arbeiten sich die Rechtsgelehrten das Hirn in den Köpfen blutig, um herauszufinden, nach welchem Paragraphen des amerikanischen Gesetzbuches Mr. Sinclair und seine Spießgesellen auf Präsidentensesseln und im Kabinett denn nun eigentlich verfolgt werden können. Ein Verbrechen liegt vor. Ein Verbrechen, nach dem jeder Bürger, der nicht Multimillionär ist, wegen schweren Hochverrats und Landesverrats mit dem Tode bestraft werden muß. Es ist zwar kein Feind da, an den das Land verraten werden könnte, denn Mexiko hat seine eigenen Sorgen. Aber es könnte doch ein Feind da sein. Und daß ein Feind da sein könnte, dieser Glaube muß dem Volke erhalten werden, und dieser Glaube muß genährt und gezüchtet werden, damit die Stahlfabrikanten nicht verhungern und die Erbauer von Panzerschiffen genügend Geld verdienen, um es mit ihren Chormädchen der Follies in Paris und Berlin ausgeben zu können. Denn in den Staaten ist die Unsittlichkeit mit Chormädchen und ähnlichen Lebenshungrigen verboten. Darum ist sie so teuer. Und darum ist Mr. Collins trotz seiner Millionengewinne immer in Geldnöten.

7

1

Seine ewige Geldnot wurzelte in seiner Not, die er mit den Frauen hatte. Teils mit den Frauen überhaupt und im allgemeinen, und teils mit den bestimmten Frauen, die um ihn waren.

Wie er eigentlich zu seiner angetrauten Frau gekommen war, das hätte er so genau jetzt nicht mehr sagen können. Er konnte sich jedoch recht wohl erinnern, daß nicht er sie geheiratet hatte, sondern sie ihn. Sie hatte weder Geld mitgebracht, noch hatte sie ihn in eine gesellschaftliche Schicht gehoben, wo er einflußreiche Freunde hätte finden können. Die Heirat hatte sich begeben, als er Clerk in einer Versicherungsgesellschaft war und fünfunddreißig Dollar die Woche verdiente. Mit fünfunddreißig Dollar Wochenlohn kann man ja auch kaum erwarten, eine reiche Heirat zu machen oder in die bessere und darum wertvolle Gesellschaftsschicht durch Heirat zu gelangen.

Der Heirat war nichts, aber auch gar nichts voraufgegangen, was man heiße Liebe oder etwa gar romantische Liebe hätte nennen können. Der ganze Vorgang hatte sich so trocken und nüchtern abgespielt wie ein Abschluß der Einbruchsversicherung eines Möbelhändlers. Beide, Mann und Frau, waren dann eines Tages ziemlich erstaunt gewesen, als eine Tochter plötzlich geboren wurde. Denn beide hatten sich keine besondere Mühe dazu gegeben, und beide hatten nichts besonders Auffallendes empfunden in jenem Drei-Minuten-Funkspruch, der die Möglichkeit einer nicht unwahrscheinlichen Geburt in Aussicht stellte.

Ob er eigentlich glücklich oder unglücklich verheiratet sei, dieser Gedanke kam Mr. Collins nie. Er stand seiner Ehe neutral gegenüber. Er erfüllte seine Pflichten als ewig geldgebender Unterhalter der Familie, und er erfüllte seine übrigen Pflichten so sparsam wie zulässig und begründete diese Sparsamkeit durchaus glaubhaft mit der Entschuldigung, daß er überarbeitet und übernervös sei.

Da seine legitime Ehegesponstin seinen Hunger nach der Frau nicht befriedigen konnte und nie befriedigt hatte und er eines Tages die Augen öffnete und fand, daß es Frauen gibt, die wirklich fähig zu sein scheinen, etwas Ähnliches wie Liebe empfinden zu können, begann er die Frau zu suchen. Er suchte die Frau und fand eine und fand auch eine andere.

Als er dann in die Höhe stieg und genügend Mittel hatte, das Beste zu wählen, was zu haben war, läuterte sich sein Geschmack. Der geläuterte Geschmack wurde natürlich recht teuer. Und er wurde um so teurer, je mehr er sich läuterte; und er läuterte sich um so mehr, je höher Mr. Collins stieg und je mehr Geld er ausgeben konnte. Alles das ergab sich wie von selbst.

Daß sein Geschmack einen hohen Grad von Läuterung erreicht hatte, vielleicht den höchsten Grad, den ein Mann von der Art des Mr. Collins überhaupt je erlangen kann, bewies zur Genüge, daß er es vermocht hatte, Betty zu gewinnen und Betty zu erhalten. Mit Geld allein hätte er Betty nicht halten können; wenngleich natürlich sein Geld eine wichtige Rolle in diesem Unternehmen zu erfüllen hatte. Betty verlangte mehr als nur gerade Geld. Sie verlangte alles das von ihm, was er sich im Laufe der Jahre, in denen er auf der ständigen Suche nach der vollkommenen Frau gewesen war, im Umgang mit zahlreichen Frauen, angefangen bei bescheidenen und weiterentwickelt bei den Künstlerinnen ihres Faches, erworben hatte. Wäre er frisch und unentwickelt von seiner Ehefrau zu Betty gekommen, so hätte er sich keine Hoffnung auf irgendwelchen Erfolg ihr gegenüber machen können, auch wenn er doppelt soviel an Einkommen gehabt hätte, als er zu dieser Zeit hatte. Trotz seines Geldes würde ihn Betty verstoßen haben, auch wenn sie keine heilen Schuhe an den Füßen gehabt hätte. Denn Betty verkaufte ihre Neigung nicht. Sie gab und empfing wie eine Ehefrau.

Das Geld, was Mr. Collins an Betty verwandte, war in keiner Weise verschwendet oder verloren, wie das Geld, das er auf Chormädchen auslieh. Das Geld, das er für Betty ausgab, gleich wieviel, gleich in welcher Weise, war eine seiner besten Kapitalsanlagen. Das wußte er wohl, und das wußte auch Betty recht gut. Dennoch, und das muß hier auch gesagt werden, um Mr. Collins gerecht zu werden, war er doch weit davon entfernt, seine Beziehungen zu Betty als Kapitalsanlage zu betrachten. In Betty und durch Betty hatte er, der reife Mann, wohl zum ersten Male in seinem aufregenden und unromantischen Leben die Erkenntnis und das Verständnis für das gewonnen, was zwei Menschen mit ihren Herzen zueinander führt und zueinander hält.

Diese Erkenntnis hatte Mr. Collins als Mensch hart getroffen. Und wäre er nicht von Natur aus sehr robust und durchaus unsentimental veranlagt gewesen, so hätte ihn eine solche Erkenntnis aus den Angeln werfen können. Aber damit hätte er Betty wieder verloren; denn seine Unsentimentalität, sein völliger Mangel an Romantik machte ihn für Betty erträglich. Sentimentale Säuseleien konnten ihr seelisches und körperliches Erbrechen erzeugen.

Betty war von Hause aus reichlich mit angeborener Sentimentalität versorgt. Das tat gewiß der Schuß schwedischen Blutes, der in ihr war. Den größten Teil ihrer Sentimentalität verlor sie, als, aus rein ökonomischen Gründen, ihre erste große und tiefe Liebe in die acht Winde ging. Das war ein verteufelt harter Hieb gegen ihr Leben gewesen. Aber der Hieb befreite sie von allen Schlacken bürgerlicher Primitivität, die ihr bis zu jener entscheidenden Stunde noch angehaftet hatten.

Sie ging endlich als eine Persönlichkeit, die bewußt im Leben steht, aus jener Katastrophe hervor. Und sie hatte eine große und leidenschaftliche Freundschaft mit dem ersten Manne ihres Herzens gerettet, eine Freundschaft, die haltbarer und größer an wahren Werten war, als je eine noch so heiße Liebe werden kann.

Sentimentalität ist nirgends mehr hinderlich als im Leben. Und Sentimentalität ist am meisten hinderlich in den Staaten, wo sie ein Verbrechen ist und in vielen Fällen auch sehr schwer bestraft wird.

Den letzten schwachen Rest ihrer Sentimentalität verlor Betty dann als Redaktionssekretärin, wo sie es lernte, Backpfeifen an aufdringliche Redakteure und Reporter mit solcher nachdrücklichen Schärfe und mit einer so überraschenden Häufigkeit auszuteilen, daß sie den Nicknamen Beaty bekam, die Dreschende.

2

Betty wuchs unter dem Einfluß des Allerheiligsten, in dem sie sich jetzt befand, über die Fürstin hinaus. Sie wuchs hinan zu einer Göttin. Im gegenwärtigen Augenblick zu einer Göttin der Rache, deren Blick und deren Gebärde den Menschlein, die ihr nicht zu Willen waren, Unheil ohne Gnade ankündigten. So hatte sie Mr. Collins noch nie gesehen.

Aber so hatte er auch noch nie mit ihr zu spielen und zu handeln gewagt, wie er es in den letzten Tagen getan hatte, in denen er sie hinhielt mit dem Versprechen, daß er die Garage und das Haus besorgen würde, und dann gar nicht mehr daran dachte, sobald er sie nicht mehr hörte oder sah.

So konnte er seine Chormädchen behandeln. Aber nicht Betty. Hier hatte ihn seine Weisheit, die er als Führer im Wirtschaftsleben der Nation so sicher offenbarte, völlig im Stich gelassen. Er schwor sich jetzt zu, daß er das nie wieder versuchen würde.

Ohne daß sie ein Wort weiter sagte, wußte er, daß die Geschichte nun sehr teuer werden würde. Zehnmal teurer, als sie gewesen wäre, wenn er gleich am ersten Tage, an dem sie den Wunsch aussprach, Garage und Haus gemietet hätte.

Jetzt verlangte sie mehr. Sie sagte kurz: „Wann kaufst du das Haus?“ Von einem Mieten des Hauses wurde schon gar nicht mehr geredet.

„Ja; also, wann kaufst du das Haus?“ wiederholte sie sachlich: „Montag ist die Party. Dann muß möbliert sein. Alles, bis auf den letzten Ring an den Vorhängen. Und Telephon und Licht. Ich will alles baden in Licht, überfluten und überschwemmen mit Licht. Gentlemen“ – sie wandte sich direkt an die Herren – „Gentlemen, Sie alle werden Mr. Collins und mir gewiß die Ehre erweisen, bei der Party anwesend zu sein. Bringen Sie alles mit, was Sie wünschen, alles Weibliche, was Sie an Freunden haben. Es geht durchaus ungezwungen zu. Paris in Frisco. Verstehen Sie, meine Herren. Ungezwungen. Importierter Prediger ist auch da, um Ehen zu schließen und später, wenn die Paare finden, die Charaktere stimmen nicht zueinander, sie wieder zu lösen. Und wenn Sie dann am Morgen gehen, sind Sie frei wie vorher. Die Kosten für Eheschließung und Ehescheidung müssen Sie selbst tragen. Das sind Privatkosten. Er macht es billig. Imitation ist immer billig, und wenn Sie zwei oder mehr Ehen schließen und scheiden während der Nacht, gibt er Ihnen Rabatt. Ist Schwede. Versteht aber, was Sie wollen. War in Schweden wirklich Prediger. In Stockholm. Sie haben ihm das Fahrgeld nach Amerika gegeben, weil er über Kirchengelder, die fehlten, nicht Auskunft geben konnte, wo sie geblieben waren. Collins, mein Liebling, du erinnerst die Herren, bitte, an die Party.“

Sie ging auf ihn zu, umarmte ihn, küßte ihn und war wieder hinaus.

3

Die Herren waren nicht aus dem Lachen gekommen, während sie im Telegrammstil ihre Party empfahl. Sie alle sagten zu, daß sie kommen würden. Sie sagten es im Ernst und mit Inbrunst. Und sie hatten nur einen unangenehmen Gedanken, daß etwas dazwischenkommen könnte, was sie verhindern möchte, bei der Party anwesend zu sein. Daß sie nicht ihre Frauen mitbringen mußten, sondern ihre Freundinnen, die weniger langweilig waren und auf jeden Scherz sprangen, ihn verstanden, geschickt erweiterten und meist sofort praktisch anwandten, versprach den Eingeladenen alle irdischen Genüsse, die die Großen der Nation nötig haben, um ihre Spannkraft nicht zu verlieren und nicht durch Nervosität, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit zur Arbeitsunfähigkeit verurteilt zu werden. Wer arbeitet, soll auch genießen. Und wer tüchtig arbeitet, der soll auch nach dem Maßstabe des Wertes und des Gewinnes seiner Arbeit genießen.

Es sei schon jetzt gesagt, daß alle Herren des Aufsichtsrates zur Party kamen; daß alle mit ihren Freundinnen, oder was es sein mochte, kamen, und daß alle am nächsten Morgen, lange nach vier Uhr, heimkehrten mit dem Bewußtsein, daß sie alles genossen hatten, was sie erwartet hatten, zu genießen. Jeder war wenigstens einmal verheiratet und einmal geschieden worden. Und wenn er sich noch kräftig genug in den Lenden fühlte, so war auch ein zweites Mal und ein drittes Mal geheiratet und geschieden worden. Zehn Dollar kostete die Eheschließung und zehn Dollar die Scheidung. Brautgemächer waren auch da. Die Kammermädchen, die für die Bereithaltung der Brautgemächer zu sorgen hatten, bekamen für jede Öffnung eines der Brautgemächer zehn Dollar von dem glücklichen Bräutigam.

So ging am Ende ein jeder reich beschenkt nach Hause.

Es wurde nur darauf gesehen, daß jeder, der nach Hause ging, auch wieder richtig geschieden war; denn es war wiederholt versichert worden, daß der Prediger echt sei und daß die Heirat infolgedessen vor dem Gesetz ihre Gültigkeit habe. Was die jungen Bräute bei der Scheidung von ihren scheidenden und sich lösenden ehemaligen Ehemännern an Ablösegeld empfingen, hatten die Paare unter sich selbst auszumachen, weil man die Kosten für eine gerichtliche Entscheidung vermeiden wollte. Die Bräute sagten auch alle vor der Eheschließung schon, wieviel sie erwarteten, falls die Ehe noch in derselben Nacht, häufig in derselben Stunde, wieder geschieden würde. Darum ging auch alles viel schöner, viel reibungsloser – aber nein, reibungslos will ich nicht sagen –, viel glatter, viel ordentlicher und mit viel weniger Zank und Gestank zu, als das sonst im Leben geschieht, wo man Sachen ernst nimmt, die der Mensch niemals ernst nehmen sollte. Aber nein, es muß immer gleich alles ewig sein. Nun wohl, wenn ihr an ewigen Genuß, an ewige Liebe, an ewige Treue glaubt, dann müßt ihr für euren törichten Glauben eben auch bezahlen, so wie ihr der Kirche bezahlen müßt, wenn ihr daran glaubt.

4

Als Betty gegangen war, wurde die Konferenz wieder aufgenommen. Aber niemand wußte etwas zu sagen. Jeder hatte andere Gedanken. Gedanken an die Fürstin, Gedanken an die eigene Geliebte, Gedanken an das bevorstehende Fest, Gedanken an den Schimmer der Göttlichkeit, der für einige Minuten im Raume geweilt hatte, wo alles ungöttlich war, wenn auch sehr reich. Und es war keiner da, der nicht Mr. Collins in jenen Augenblicken angesehen hätte, als wäre er nicht von dieser Welt. Wie kann einem Manne wie Mr. Collins, einem Geldmanne, wenn auch einem mächtigen Geldmanne, so etwas in den Schoß fallen!

Und diese Herren, die so geübt sind, sich zu jeder Minute auf jede beliebige Sache mit aller ihrer Schärfe konzentrieren zu können, gaben es auf und beschlossen, die Konferenz zu vertagen. Millionen von Dollars blieben infolge dieser Vertagung, die Betty verursacht hatte, für einige Tage länger in den Händen, in denen sie heute waren.

Die Tatsache, daß alle Herren zugesagt hatten, zur Party der Miß Betty zu erscheinen, gab Mr. Collins nur noch vermehrte Macht in der Company. Denn es war ja nicht nur Bettys Party, es war ja auch seine. Er bezahlte ja die ganze Party. Und er bekam alle Herren nahe und zu einer Intimität, die allen seinen Plänen nur günstig war. Um bei einem so übertollen Feste zu einem reinen und vollen Genuß zu kommen, müssen alle Gesetze gebrochen werden, die Bigamie, Nackttänze und Alkoholkonsum unter schwere Strafe stellen und die abgestempelte bürgerliche Ehre und Anständigkeit der Großen des Volkes bedrecken, wenn es bekannt wird. Darum werden Verschwörer und Verbündete eines solchen Festes sich auch immer willig zeigen, Verschwörer und Verbündete zu sein in Geschäften, mit deren Hilfe man die Unkosten für jenes Fest zu bestreiten und die Kosten für ein anderes noch tolleres Fest heranzuschaffen gedenkt.

Mr. Collins konnte bei diesem Fest seine Spießgesellen besser studieren als in den Konferenzen. Hier lernte er ihre schwachen Seiten kennen, wo er sie anpacken und niederzwingen konnte, wenn sie ihm nicht folgen wollten bei der Ausarbeitung eines neuen großen Raubzuges.