Part 6
Entschlossen betrat er den Laden. Nach wenigen Augenblicken kam er wieder heraus, den kleinen Weckmann, in ein gelbes Papier eingeschlagen, sorgfältig in der Hand. Und nun ging er die Straße, auf der der Kaserne gegenüberliegenden Seite, immer auf und ab.
Ob sie noch nicht kam? Sie hatte heute doch schulfreien Nachmittag. Ein Glück, daß Cäcilie verschnupft war und sich nicht hatte anschlängeln können! Er wollte mit Josefine an den Rhein gehen, da gab’s was zu sehen: Hochwasser. Die Brücke war heute nacht abgefahren worden, man hatte die Kanonenschüsse gehört, und am Morgen ging die Schreckenskunde: ein Joch sei abgetrieben und ein Brückenwärter darauf.
Wenn sie doch käme! Es war frostig heute; wenn’s auch nicht goß, wie seit ein paar Wochen ohne Unterlaß, es war doch feuchtkalt und die ganze Luft von Wasserdunst erfüllt.
Halt, knarrte jetzt nicht das Kasernenthor? So öffnete =sie’s= immer, ein wenig mühsam, sich stemmend gegen die schwere Wucht des Thürfügels.
Sie war’s! Schon lief sie über die Straße auf ihn zu; aber sie war nicht allein, ihr jüngstes Brüderchen führte sie an der Hand. »Tag, Viktor! Dat Karlchen will auch der Rhein kucken jehen. Und dann muß ich nach der Ratingerstraß’. Hau, der janze Keller is da voll Wasser!«
Wie lästig, daß sie das kleine Kind mitbrachte! Viktor fühlte sich gekränkt. Und dann wollte sie gleich nach der Ratingerstraße laufen, um das Wasser im Keller zu sehen – also =das= war ihr die Hauptsache am letzten Tag?! Beleidigt steckte er den Weckmann in seine Rocktasche – wenn sie so war, nun dann kriegte sie den auch nicht!
Sie merkte nichts von seiner Verstimmung, lustig schwatzte sie. Nun hatte sie schon alle Frühjahr, wenn das Eis trieb und der Schnee schmolz, das Grundwasser in die Keller steigen, sämtliche Gossen und Kanäle der Stadt übertreten und auf den Wiesen der andern Seite die Weidenbüsche wie vereinzelte Haarschöpfe herausstehen sehen; aber so früh im Winter war noch nie Hochwasser gewesen. Jetzt waren Straßen überschwemmt, und – jubelnd klatschte sie in die Hände – am Zollthor und in der Rheinstraße sollten sie mit Kähnen fahren.
»Lassen wer kucken jehn, lassen wer kucken jehn!« Rasch riß sie ihn mit fort.
Und Menschen, Menschen hasteten dem Rhein zu. Alles lief. Immer schlüpfriger wurde das Pflaster, beschmutzt von unzähligen, nassen Tappen. Selbst aus den Steinen schien schlammige Feuchtigkeit zu quellen; es roch nach Moder. An der Ecke der Marktstraße, wo sonst die Obstfrau sitzt, war die Gosse ein See; Krämer standen auf ihren niedrigen Ladenschwellen, filzbeschuht, mit blauer Schürze, und schauten, ihr Pfeifchen paffend, nach dem Wasser aus.
Und halt, nun – die Menge staute sich, Josefine stieß einen hellen Schrei aus –, nun geht’s nicht weiter, das Wasser, das Wasser! Es plätschert dem alten Jan Willem um die Füße.
Noch sind Bretter über Blöcke gelegt, schwankende Stege, die nur mit kühnem Balancieren zu überschreiten sind; aber dann breitet sich die Flut, die tiefe, stille, lautlose, dunkle Flut, die nichts mit dem schönen Grün des Rheins gemein hat. Die Rathaustreppen sind überspült, die Säulen des Theaters ragen wie Stümpfe aus dem Wasser; hinunter nach dem Zollthor fahren Kähne. Aus den Häusern der Zollstraße schauen vom Oberstock Weiber mit blassen Gesichtern; sie haben in der Nacht wenig Schlaf bekommen, da sie flüchten mußten, von unten nach oben, mit Kind und Wiege und Mann und Maus. Aber sie lachen. Und die Männer, denen aus den Kähnen Feuerung und Wasser und Brot und Kartoffeln an Stangen in Eimern zugereicht werden, lachen auch. Und die Rheinschürgen, die in ihren hohen Stiefeln und den geteerten Jacken geschäftig sind, lachen auch. Und die vorwitzigen Jungen, die, die Hosen aufgekrempelt, barfuß in’s Nasse plantschen, bis ihnen das Wasser plötzlich bis unter die Achseln steigt, lachen auch. Es klatscht und spritzt, es plätschert und sprüht – Neugierige werden bis auf’s Hemd naß, kein Mensch hat einen trocknen Fuß, aber alles lacht, lacht, lacht.
Josefine war außer sich vor Entzücken; auch Viktor vergaß seinen Mißmut und fühlte sich ganz als Beschützer. Hier zwei Hilflose, und er der Ritter und Retter. Sorgsam bot er dem Mädchen die Hand, an schwierigen Stellen nahm er Karlchen Huckeback.
Vom Rhein wehte es stark – ach, wer den jetzt nur ganz übersehen könnte! Vom Kohlenthor erhaschten sie endlich den Blick.
O, wie das floß und floß und sich dehnte, grau, grau, bis in’s Unendliche, ein weites, unabsehbares, ein in alle Ewigkeit flutendes Meer! Drüben die grünen Wiesen von Niederkassel bis gen Heerdt verschwunden, nur Pappelkronen ragen noch auf und die Dächer der Bauernhöfe. Kein Gras mehr, keine Büsche, kein weidendes Vieh; der Rhein hat sich breit gemacht und alles verschluckt. Hinauf nach Köln und hinunter nach Holland ist alles sein. Selbst der Himmel ist sein; er hält den umarmt im grauen Dunst. Wo sind Wolken, wo Wasser? Man weiß es nicht – alles eins im Duft, im schwimmenden Nebel. Grauend und brauend wogt es und wallt es, zieht und flieht, naht und drängt, weht und winkt – Schleier und Netze wirft der Rhein aus, die alles umstricken. –
Es war den beiden heiß, glühend heiß, als sie am ›Bunten Vogel‹ anlangten. An jedem Haar hing ihnen ein Tröpfchen; das waren Perlen vom Rhein, der hatte sie in den Armen gehalten und auf die Stirnen geküßt. Sie hatten angekämpft gegen den sausenden Wind, der ihre Kleider gelüftet und ihnen Lust in die Herzen geblasen. Ihre Augen strahlten. Im Hausflur holte Viktor rasch seinen Weckmann hervor und drückte ihn Josefine in die Hand.
Wie selbstverständlich trat er mit ihr in die Stube.
Draußen spülte das Wasser schon bis an die Schwelle des ›Bunten Vogels‹, aber innen saß sich’s gemütlich, doppelt warm. Die Großmutter holte in gastlicher Freude Kaffee und Blatz. Der Großvater grämelte: das sei ja gar kein richtiges Hochwasser. »Kein Wunder, auch de Rhein kömmt aus der Reih’. De find’t sich auch nit meh zurecht in Düsseldorf – all de neuen Straßen un de Plätz, de Eisenbahn, de Fabriken – Teufelswerk! Un wat se nit alles noch am planen sind! Ich les’ et als in der Zeitung: en einig Deutschland! Dumm’ Zeug! Wat jeht uns dat an? Dat de Börjer zufrieden es, dat es de Hauptsach –«
»Peter,« unterbrach ihn die alte Frau, »weißte noch dazumal, da lief et Wasser langs de janze Bolkerstraß’?«
Da vergaß der Alte sein Grämeln. »Eja, dat war noch Hochwasser, um vierundachtzig, als ich noch ene junge Kerl war! Da lief de Rhein über im Hornung, wie en Pott voll gärig Bier!«
»Un weißte noch,« fiel sie wieder ein, »wie de Rhein beim von Cornelius im ›Feigenbaum‹ de Trepp’ erauf stieg? Ich war noch e jung Weit, aber ich weiß et wie heut. Da mußt’ de sein klein Peterken durch’t Fenster im Nachen tragen, mitten in der Nacht. Ja, eja« – sie stieß einen behaglichen Seufzer aus – »de es nu auch als ene alte Mann, de Cornelius Pitter! Wat de Zeit verjeht!«
»Komm,« flüsterte Josefine und stieß unter dem Tisch an Viktors Knie, »lassen wir ens im Keller jehn! Da is en Bütt’, da können wir uns in fahren!«
Die beiden Alten, in ihre Vergangenheit vertieft, merkten es nicht, daß die beiden Jungen zur Stube hinausschlüpften.
Im Keller des ›Bunten Vogel‹ war alles auf Stellagen gerettet: die Flaschen und Krüge, die Fässer und die Kappestonne. Eine weiße Katze lauerte oben an der Treppe auf die Mäuse, die sich etwa in’s Trockene flüchten mochten.
Sorgsam zog Josefine die Kellerthür hinter sich zu. Nun waren sie ganz im Dunkeln. Eine feuchtwarme, schwere, moderdurchschwängerte Luft hüllte sie ein. Viktor verging der Atem, tastend griff er um sich.
»Bis still,« flüsterte Josefine. Und nun flammte es auf, sie hatte ein Streichhölzchen angerieben; ein Kerzenstümpfchen holte sie aus der Tasche und steckte es an.
Jetzt sahen sie: wenige glitschige Stufen hinunter, und da war schon das Wasser. Schwarz wie Tinte, regungslos stand’s unter dem Gewölbe. Eine große, ovale Waschbütte schaukelte wie ein Nachen am Treppenpfosten.
Hand in Hand blieben sie auf der untersten, schon bespülten Stufe stehen; Josefine hatte das Lichtstümpfchen niedergestellt, nun warf es flackernden Schein auf die fahle Kellerwand gegenüber und zeigte ihnen ihre Schatten wunderlich groß. Sonst schien alles versunken in der dunkel gähnenden, geheimnisvollen Höhle.
»Fahr’ mich,« hauchte sie bittend.
Und so fuhren sie in der Bütte; sie mit den Händen im schwarzen Wasser plätschernd, er ein paar aufgefischte Holzscheite als Ruder benutzend. Langsam paddelten sie umher. Sie sprachen kein Wort – alles still – auch von außen kein Laut. Da war eine versunkene Stadt, und sie beide schwammen allein miteinander, mutterseelenallein, auf einem weiten, weiten Meer.
Ein immerwährendes, glückliches Lächeln lag auf Josefines Gesicht.
»Fahr’ mich noch mehr, fahr’, fahr’!« Mit auf die Seite geneigtem Kopf sah sie den Jüngling selig an.
Viktor machte eine ungeschickte Bewegung – da – die Bütte drehte sich, schwankte, heftig puffte sie gegen die unterste Treppenstufe; das Lichtstümpfchen erlosch.
Josefine stieß einen leisen Schrei aus, der Nachen legte sich auf die Seite; aber schon hatte Viktor sie umfaßt. Mit kräftigem Arm hob er sie auf die Stufe.
»Fina,« flüsterte er, sie noch umschlungen haltend, »Finchen, morgen muß ich ja fort!«
»Och, wie schad’!«
»Wirst du mich auch nicht vergessen?«
»Ne, och ne!«
Da küßte er sie, und sie küßte ihn wieder. Ganz im Dunkeln. Er fühlte nicht, daß seine Füße im Wasser standen. Sie fühlte nicht, daß ihr halblanger Rock durchnäßt war; sie fühlte nur den heimlichen Schauer, der ihr leise, in mädchenhafter Scham, über den jungen Körper rann.
Zweites Buch
VII
Es rührte sich allerorten, als wollte es lenzen. Ein Gären steckte tief innen im Schoß aller Dinge, ein geheimnisvolles Sichregen, ein Pochen und Drängen. Was will das werden?!
Ein Wehen geht durch die Lande, leis noch, kaum fühlbar, aber ein Wehen so eigner Art, daß die einen begeistert rufen: »Frühling, Frühling!« und die andern erschreckt: »Sturm, Sturm!«
Frühling –?! Noch war es nicht an der Zeit. Schnee flockte noch vom Himmel und begrub die grünen Hoffnungen.
Es war das Jahr 1847.
Der weite Düsseldorfer Exerzierplatz lag noch einmal, nachdem die Februarsonne schon schmelzend geschienen, in tiefem Winter; am Kanalrand waren die vorwitzig knospenden Veilchen erfroren.
An dem Fensterchen der Feldwebelwohnung stand Josefine Rinke am Sonntag nachmittag und hauchte ihren warmen Atem gegen die bereifte Scheibe. Ihre Wangen waren heiß, ihre volle Brust hob und senkte sich rasch. Nun zeigte ein verstohlenes Lächeln ihre gesundweißen Zähne; ihr Blick wurde glänzend – was hatten die Offiziere auf dem Kasernenhof heut doch hinter ihr drein geflüstert? ›Schönes Mädchen‹ – ah, schönes Mädchen! War sie denn schön?! Sie schloß halb die Augen und legte den Kopf in den Nacken; mit einer unwillkürlichen Bewegung hob sie beide Arme und drückte sie an ihre Brust. Da innen klopfte es so stark, so voll. Das war ihr Herz. Poch, poch, wie ein Hammer. Und jeder Hammerschlag trieb ihr das Blut rascher durch die Adern.
»Nanu,« sagte der Vater vom Tisch her und schlug so kräftig auf seine Zeitung, daß die Tochter sich nach ihm umwendete. »Was wollen sie nu schon wieder? Immerzu stänkern!«
Der Feldwebel ärgerte sich stets, wenn er die Zeitung las. Mit ein paar Kameraden zusammen hielt er sich das Düsseldorfer Kreisblatt. Man erfuhr ja sonst gar nichts von der Welt, und das that doch jetzt not; es verlangte einen zu wissen, wo’s zuerst losgehen würde, ob in Frankreich oder Spanien, ob in Bayern oder Baden, in Nassau, Württemberg oder Hessen, ob in Portugal oder Dänemark und wie die Länder alle heißen. Überall war’s nicht recht geheuer.
»Was« – er regte sich ordentlich auf – »Verfassungsreform?! Was wollen die Schreier denn? Unser Herr und König regiert, wie seine Vorfahren regiert haben, und die haben Preußen groß gemacht. Bande! Verfassungsreform – was heißt das?!«
»Vater,« sagte Josefine, trat an den Tisch und guckte ihm über die Schulter in’s Zeitungsblatt, »kuckste, da steht et ja: ›Ausgleichung, Versöhnung zwischen Thron und Volk! Die Krone muß freiwillig eine wirkliche, den Zeitforderungen entsprechende Verfassung verleihen.‹ Die Krone, damit is der König jemeint, jelt, Vater! Aber dat andre versteh’ ich nit!«
»Na, das ist so, wenn – hm – als ob« – der Feldwebel kratzte sich hinter dem Ohr – »ä, hol’ sie alle der Teufel! ’reinquatschen wollen sie eben, wenn unser König was befiehlt. Er ist unser Herr, er allein hat zu kommandieren, und wir zu gehorchen – was, was sagst du?«
Josefine hatte etwas in sich hinein gemurmelt; nun kreuzte sie die Arme über der Brust und warf den Kopf in den Nacken. »Beim Metzger in der Bastionsstraß’ haben sie heut jesagt: dat Volk hätt’ auch sein’ Forderungen. Da haben se doch janz recht in, Vater, man will doch auch en Wort sagen dürfen.«
»Dumme Gans!« So heftig hatte sie der Vater fast noch nie angeschrieen. »Was verstehst du davon? Von morgen ab holst du’s Fleisch wo anders – nicht bei dem Kerl, verstanden?!« Mit gerunzelter Stirn vertiefte er sich wieder in die Zeitung.
Stumm war Josefine an’s Fenster zurückgetreten, aber sie konnte es nicht unterlassen, die Achseln zu zucken: Der Vater hörte eben nicht alles, was die Leute sagten – was die schimpften! – beim Bäcker, beim Metzger, auf dem Gemüsemarkt. Es müsse anders werden! Was anders werden müsse, sagten sie freilich nicht.
Auch der Großvater schimpfte. Der mochte gar nicht mehr ausgehen, saß immer auf der Ofenbank oder in seinem Lehnstuhl im Comptörchen und drehte die Daumen umeinander. Auch durch’s Fenster guckte er nicht, denn die Leute, mit denen er alt geworden, gingen nicht mehr vorüber, und die jungen interessierten ihn nicht.
Der arme Großvater! Tief atmend drückte Josefine die Hand auf’s Herz – nur nicht alt sein! Immer jung, immer frisch, sich freuen! Die Welt war ja so schön, und brachte mal ein Tag Verdruß, gleich machte es der andre doppelt gut. Wie die Offiziere sie angelächelt hatten! Sie war das gewohnt, aber es machte ihr doch jedesmal wieder Spaß. Und die Sergeanten, die Unteroffiziere und Gefreiten waren doch auch nette Leute! Manch einer unter ihnen fast ebenso schneidig, mit ebenso schlanker Taille, wie ein Herr Leutnant. Alle Soldaten waren nett. Nur keinen Bürger heiraten! Einer müßte es sein, mit roten Streifen längs der Hosennaht, mit blanken Knöpfen am Rock, mit einem gebräunten Soldatengesicht, dessen Stirn einzig da, wo der Helm geschützt, einen Streifen helleres Weiß zeigte.
Der Feldwebel wußte gar nicht, warum seine Tochter plötzlich zu ihm an den Tisch gesprungen kam, den Arm um seinen Hals schlang und die weiche Wange auf seinen Scheitel drückte.
»Na, na,« machte er unwirsch und rührte sich doch nicht; die weiche Wange that ihm wohl, wie ein warmer Strom floß es von ihr durch seinen Körper. Und in der Stube war’s kalt, man konnte im Februar nicht mehr stark heizen, so reichlich waren die drei Klafter geliefertes Holz nicht.
»Na,« sagte er noch einmal und lächelte, »was ’s denn los?«
Aber sie antwortete nur mit einem festeren Druck und einem leichten Lachen und hüpfte dann auf ihren früheren Platz zurück. Die Stirn gegen die Scheibe gelehnt, starrte sie hinaus auf den weißen Schnee des Exerzierplatzes. Es wollte schon dämmern, jenseits über’m Kanal versanken die schönen neuen Häuser der Königsallee allmählich hinter einem feinen Schleier.
So wie heute hatte Josefine, während die Mutter noch in der Kammer ihr Mittagsschläfchen hielt, in mancher Sonntagsdämmerstunde hier gestanden; wochentags hatte sie keine Zeit zum Träumen, da gab’s zu waschen und zu kochen, zu kehren und zu scheuern, den Brüdern die Kittel und Strümpfe zu flicken. Die Mutter schonte sich jetzt, da sie eine erwachsene Tochter hatte; es that ihr auch not, nach den vielen Wochenbetten. Und eine Kleinigkeit war’s auch gerade nicht, mit zwölf Thalern siebzehn Silbergroschen sechs Pfennigen monatlicher Löhnung, alle Zulagen eingerechnet, auszukommen; wenn auch die Großeltern heimlich wacker zusteckten und, war der Feldwebel nicht zu Hause, Mettwurst, Schinken, Blatz, Schmierchen, Kappes, Bier, alles mögliche Eß- und Trinkbare vom ›Bunten Vogel‹ her in die Küche wanderte, es blieb eine Kunst, so viele Mäuler zu stopfen.
Seit Fina mit vierzehn Jahren aus der Schule gekommen war, besuchte Frau Trina ihre alten Eltern tagtäglich. Der Feldwebel hatte nichts dagegen; wenn er auch selber nicht in den ›Bunten Vogel‹ ging, seine Frau hatte die Verpflichtung – ›ehre Vater und Mutter!‹ Freilich, daß sie stets den Umweg über die Maxpfarre oder die Lambertuskirche machte, auch bei so und so viel Bekannten in der Altestadt vorsprach, das wußte er nicht.
Auch die Kinder besuchten die Großeltern. Seitdem Josefine von den Ursulinerinnen fort, und seitdem gar der Wilhelm in der Lehre war, sah Rinke keinen Grund mehr, den Alten die Enkelkinder zu entziehen. Er war der Stärkere – was sollte er den schwachen Greisen zuwider sein? Hoffte er, sich doch auch dermaleinst an Josefines Kindern zu erlaben.
Der Feldwebel betrachtete seine Tochter oft mit demselben Blick, mit dem er die Neueingezogenen musterte. Er hatte ja auch über =sie= Bericht zu erstatten; wenn auch nicht bei dem Herrn Hauptmann, so doch bei dem Herrgott da oben. Gesund, wohlgemut und ehrlich, so stand die Siebzehnjährige vor des Vaters Augen. Das Herz pochte ihm vor Freuden, wenn er sie schaffen sah mit starken Armen. Oft schlich er heimlich hinter die Küchenthür und belauschte sie am Waschfaß. Hochgeschürzt stand sie, ihre Kleidertaille hatte sie ausgezogen und wusch in Hemdärmeln. Unermüdlich tauchten ihre runden Arme in die Lauge, die Seifenflocken spritzten ihr bis auf’s blonde Haar; und immer sang sie mit schallender Stimme, so voll, so lustig – kein Wunder, daß die ganze Kompagnie in sie verschossen war.
Wenn er nur erst den rechten Mann für sie wüßte! Mit scharfem Blick ließ der Feldwebel alle Revue passieren; da war nur einer, der ihm gut genug dünkte, der Conradi. Der stammte auch aus Preußen, wenn auch nicht aus der Mark; bei Königsberg war er zu Hause, ein Bauernsohn, dessen älterer Bruder den Hof geerbt, ihm aber ein hübsches Sümmchen ausgezahlt hatte. Und sparsam war der und nüchtern. Für sich selbst hatte der Feldwebel nie des Geldes geachtet, aber nun er an der Zukunft seiner Tochter baute, war ihm das doch ein angenehmer Gedanke. Zwölf Jahre diente der Conradi nun schon als Unteroffizier, ein wackerer Kerl, der sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen. Und groß war er, noch einen starken Kopf größer, wie die Josefine, und breit in den Hüften – das gab was für’s erste Garderegiment zu Fuß! Freilich, abgehen wollte jetzt der Conradi, schon bereitete er sich zum Gendarmerie-Examen vor; sechs Monate Urlaub wurden ihm demnächst bewilligt zur Probedienstleistung. Aber war die Gendarmerie denn nicht dem Militär nahe verwandt? So wollte sich Rinke nicht daran stoßen.
Daß er selber einmal abgehen könne, war ihm bisher nie in den Sinn gekommen; vor kurzem hatte ihn erst sein Hauptmann darauf gebracht.
»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, als sie zusammen auf dem Kasernenhof hin und her pendelten, »warum Sie sich noch im Kommiß schinden? Sie dienen doch wohl schon an die zwanzig Jahr’?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann, fast vierundzwanzig!«
»Um Gottes willen!«
Der Feldwebel hatte sich bei diesem Ausruf seines Hauptmanns auf die Lippen gebissen – warum echauffierte sich der Hauptmann denn so? Vierundzwanzig – war das etwa zu lang? War er nun schon abständig, knackschälig, konnte er seiner Pflicht nicht mehr genügen?! Mit unsicherem Blick hatte er nach der vergoldeten, mit dem Namenszug des Königs verzierten Schnalle auf seiner Brust gesehn, die hatte er doch bekommen als Dienstauszeichnung.
Als erriete der Hauptmann seine Gedanken, sagte er: »Es sei ferne von mir, Ihre Dienste unterschätzen zu wollen, Rinke! Mir persönlich würde es höchst fatal sein, mich an einen andern Feldwebel gewöhnen zu müssen; aber ich meine, wenn man so lange im gleichen Trott gestrampelt hat wie Sie, möchte man auch einmal seinen eignen Gang gehen. Eine gute Civilversorgung ist Ihnen doch sicher: ein Plätzchen bei der Steuer, ein Zollaufseherposten oder dergleichen!«
Dem Feldwebel war’s trocken im Munde geworden, stumm hatte er den Kopf gesenkt.
»Also nicht Ihr Fall? Na, dann melden Sie sich doch mal bei der Lazarettverwaltung – Lazarettinspektor, gar nicht übel!«
Ja, das wäre schon eher etwas, da hörte man doch noch den rauhen Fall der Kommandos heraufschallen, das Klirren der Waffen, das Stampfen der Mannschaft – altgewohnte Klänge, einem in Fleisch und Blut übergegangen. Eine begehrte Versorgung und doch –! Der Feldwebel verstand sich selber nicht: da hatte er sich oft herausgesehnt aus dem täglichen Einerlei des Dienstes, er hatte gelechzt nach einem Sturmwind, der alle Riegel aufstößt, und jetzt, wo sich ihm vielleicht eine Thür aufthun wollte, konnte er nicht herausfinden. So nicht, so nicht! Wenn er heraustrat aus den Mauern der Kaserne, aus des Dienstes ewigem Einerlei, so mußte es zu einem andern Dienst sein, einem noch höheren, heiligeren: dem auf dem Feld der Ehre. Mochte ihm seine Frau nun auch in den Ohren liegen: ›dank doch ab, mach, dat du ’rauskömmst, meine Eltern sind alt, wir könnten dat Jeschäft übernehmen‹ – er hörte gar nicht, was sie schwatzte. Er wollte Soldat bleiben.
Und trotz dieses Entschlusses lag er oft Nächte lang und zergrübelte sich; einen Argwohn hatte die Frage des Hauptmanns in ihm erweckt, den Argwohn, nicht mehr zu genügen. Wenn er einmal mit seinem alten Hauptmann, dem Herrn Major von Clermont, darüber spräche?! Der war kein so Neugebackener, hatte, gleich ihm, lange gedient, der würde wissen, wie man’s halten soll: ob gehen, ob bleiben.
Rinke zog sich die zweite Garnitur an, zwängte die frischgewaschenen Wildlederhandschuhe über die Finger, stülpte den Helm erster Garnitur auf und wanderte nach der Bilkerstraße; der Major wohnte noch im selben Haus. Schon unten sagte der Bursche, der Herr Major seien unpäßlich. Er wurde aber doch vorgelassen.
Herr von Clermont saß in einem Lehnstuhl beim Ofen; das verfluchte Reißen hatte er sich, wie er stöhnend sagte, vom letzten Manöver aus den nassen Wiesen an der holländischen Grenze mitgebracht. Uff, er konnte auf kein Pferd! Das hatte man nun davon! Er war überhaupt auf den ganzen Krempel nicht gut zu sprechen. Als ihm der Feldwebel seine Zweifel wegen Abschiednehmens vortrug, nickte er zustimmend: »Ja, man avanciert nicht, es ist zum Rabiatwerden! Man ist eingerostet. Schlechte Zeiten für uns, schlechte Zeiten für alle!«
Rinke sah den Vorgesetzten mit großen Augen an: ein preußischer Major und unzufrieden?! Ganz verdutzt stand er. Ein neuer Geist, ein Geist, den er nicht verstand, wehte durch die Stube des Herrn Major.
Da öffnete sich die Thür, eine junge Dame in weißem Kleid, mit einem rosenfarbenen Band um die langen, dunklen Locken kam herein. »Papa,« sagte sie, nahm seine Hand und küßte sie, »wie geht es dir heut?«
Er strich ihr über die Locken: »Gleich, Cäcilie, gleich! Habe nur mit dem Rinke noch ein paar Worte zu reden.«
Die junge Dame sah flüchtig nach Rinke hin. »Rinke?« fragte sie lächelnd. »Feldwebel Rinke?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein.«
»Was macht denn Ihre Tochter, die Josefine? Geht’s ihr gut?«
»Zu Befehl, gnädiges Fräulein, sehr gut!«
»So, das freut mich!«
Das war wahrhaftig nett von dem ›Fräulein Major‹, daß sie sich der Schulgefährtin noch erinnerte! Der Feldwebel fand es ganz begreiflich, daß man das Fräulein von Clermont die erste Schönheit der Stadt nannte – so was Vornehmes und doch so was Freundliches!
»Grüßen Sie Ihre Tochter von mir!« Sie neigte leicht den Kopf mit einer großen Anmut und schwebte wieder zur Thür.
Donnerwetter war die hübsch geworden! Aber seine Josefine war auch nicht zu verachten! Im Geist hielt der Feldwebel deren blonde Flechten neben jene dunklen Locken, die frischroten Backen neben das zartweiße Gesicht.