Part 5
»Aha! Daher bläst der Wind? Haben sie dir wieder ’nen Floh in’s Ohr gesetzt – na, natürlich! Und ich sage dir, die Kinder werden schon in die Seligkeit kommen, wenn’s unser Herrgott für sie an der Zeit hält. Da haste dich jetzt nich drum zu scheren!« Er stampfte mit dem Fuß auf und setzte dann bitter hinzu: »Und was uns beide anbelangt, na, wo wir mal nach’m Tode hinkommen, wird wohl ziemlich wurscht sein.«
Mit einem ungeduldigen Seufzer, der einem Stöhnen glich, kehrte er sich von ihr ab; sie benutzte die Gelegenheit, um in die Schlafkammer zu schlüpfen.
Schweren Tritts ging er zu seinem Platz am Fenster zurück. Jetzt war er wieder allein und doch nicht allein, ihm war, als hätten die Wände das Schluchzen des Weibes eingeschluckt und gäben es nun wider in einem langgezogenen, spottenden Echo. Jedes Wort: ›Du bist an allem Verdruß schuld – du Preuß’ ohne Glauben – du – du‹ – warum sagte sie es nicht gleich gerade heraus: ›Du hast mich unglücklich gemacht!‹ Unglücklich?! Ach was, der ging’s ja gar nicht so tief – heut unglücklich, morgen kreuzfidel! Wer doch auch so sein könnte! Auf – nieder, wie ein Stehaufmännchen, das die Buben aus Hollundermark schneiden. Aber dazu mußte man hier zu Lande geboren sein, mit der Muttermilch ihn in den Leib gekriegt haben, den bequemen Leichtsinn!
* * * * *
Der Feldwebel saß schon eine Viertelstunde, ohne sich zu rühren, ohne den starren Blick des Auges, der immer auf einem Punkt der Diele haftete, zu mildern.
Ein Trappeln auf dem Flur wurde laut.
Josefine kam heim mit den Geschwistern; mit Hallo jagten sie sich draußen und stürmten nun in die Stube. Erschrocken fuhren die Knaben zusammen und duckten sich – da saß ja der Vater! Nur Josefine lief auf ihn zu.
Bemerkte er sie denn nicht? Fast beleidigt zupfte sie ihn: »Vater!«
»Ich wollte, es gäbe Krieg,« murmelte er. Und dann fuhr er auf: »Wer da – ah du! Na, Josefine?«
Sie lachte ihn an.
Da fiel’s ihm auf, wie sah sie denn aus? Das ganze Haar in Papilloten gedreht, ein Wickel neben dem andern.
»Nanu, was hast du denn angestellt?« Verwundert tippte er sie auf den Kopf.
»Jarstig, jelt, Vater? Aber morjen, da sollste ens kucken, da werd’ ich aber auch dafor fein jemacht!« Jubelnd schlug sie die Hände zusammen. »Lauter Löckskes, de Jroßmutter hat se mer eben einjedreht! Un en weiß’ Kleid mit lauter Säumcher! Un ene blaue Kranz krieg’ ich auf de Locken! Ich trag’ dat Herz Jesu auf’m Kissen!«
»Was – was trägst du?« Plötzlich aufmerkend sah er sie an. »Was redste für Unsinn? Herz Jesu – weiß Kleid – blauen Kranz – wozu – weswegen?«
»No, morjen is doch Fronleichnam! Prozession nach’m Calvarienberg an der jroße Kirch’.« Ganz bestürzt sah sie ihn an. »Dat weißte nit? Wer am besten in jeder Klass’ is, darf wat tragen. Eine aus der untersten Klass’ trägt et Lämmchen, en janz Jroße trägt en Fahn’, un ich« – mit stolz leuchtendem Gesicht reckte sie sich vor ihrem Vater – »ich krieg’ et Kissen!«
Er hatte sie ausreden lassen, jetzt fuhr er auf mit einem Fluch; erschrocken prallte sie zurück, er rannte sie fast über den Haufen.
»Frau!« Da stand er, die Fäuste geballt, das Gesicht fahl. Und als Trina nicht gleich hörte noch einmal: »Frau!«
Jetzt kam sie.
Er schrie sie an: »Weibsbild, verdammtes, denkste, du kannst Schindluder mit mir spielen? Oho, untersteh dich!« Mit wilden Augen sah er sie an.
»No, wat is dann als schon wieder?« rief sie halb trotzig, halb kleinlaut.
»Ich sag’ dir, ich bin kein Esel, du machst mir kein X für ein U. Was treibst du hinter meinem Rücken für Allotria – he?« Er packte in seiner Wut das erste beste, was ihm unter die Hände kam – das Gebetbuch war’s – riß es vom Tisch und warf es ihr vor die Füße. Die Blätter flogen.
Zitternd bückte sie sich und las ihre geweihten Palmzweiglein, ihre bunten Heiligenbildchen zusammen. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der Mut kam, sie war empört: »Au, meine Bildches, wat fällt dich ein?«
Er riß ihr die Bildchen aus der Hand und zerfetzte sie. »Da – da! Und ich sag’ dir, jetzt hat’s en Ende, das alle Morgen in die Messe-rennen und das im Beichtstuhl-hocken! Jetzt weiß ich, warum du heulst! In den Ohren liegen sie dir: katholisch sollen die Kinder werden! Katholisch wollt ihr die Josefine machen! Keinen Schritt geht sie mit zur Prozession! Mir allein hast du zu parieren – verstanden? Nich gemuckt. Und nu: in die Küche! Geh an deinen Herd, koch, die Kinder wollen essen.«
Sonst drückte Trina sich gern, wenn Rinke schalt, heute blieb sie wie angewurzelt stehen.
Er drehte ihr den Rücken. Die Knaben, die scheu an der Thür gehorcht, hatten sich verkrochen; nur Josefine stand da, unbeweglich, und sah den Vater starr an. Sie war ganz blaß geworden.
Er rief sie zu sich, langsam kam sie. »Josefine,« sagte er in etwas gemäßigterem Ton, »geh, wickel dir das Haar aus, komm mir so nich mehr unter die Augen!« Und als sie gehen wollte: »Halt! Heut war’s das letzte Mal, daß du zu den Ursulinerinnen gegangen bist, verstanden? Ich wer’ denen das Handwerk wohl legen!« Die Wut flammte wieder in ihm auf: »Weg mit dem Firlefanz!«
Er selber griff ihr in die Haare und zerrte ihr einen Papierwickel heraus; es mußte weh thun, aber sie rührte sich nicht.
»Ich verbiete dir auch, nach der Ratingerstraße zu gehen – hörst du, von heut ab! Keinen Schritt dahin – hörst du? Antwort!«
»Ja.«
»Und mir allein hast du zu gehorchen – mir allein, hörst du?« Eisern klang jedes Wort. »Niemand anderm, auch nicht – auch nicht deiner Mutter – denn –«
Jetzt zuckte das Kind zusammen, Frau Trina hatte ein wimmerndes Schluchzen hören lassen.
Mit einem Ruck riß sich Josefine vom Vater los und warf sich mit einem lauten Aufschrei der Mutter an den Hals: »Mutter, wein’ nit! Wein’ doch nit, ich hab’ dich auch lieb! Och ’n doch, Mutter, ich hab’ dich lieb – Mutter, Mutter!«
»Josefine!« Der Feldwebel rief, aber vergebens. Zum erstenmal in ihrem Leben gehorchte ihm die Tochter nicht.
»Josefine!«
Sie schüttelte nur verneinend in leidenschaftlichem Weinen den Kopf an der Brust der Mutter, um die sie, wie zum Schutz, ihre beiden Arme schlang.
»Josefine!« Es klang fast bittend.
Sie rührte sich nicht.
Da rief der Feldwebel nicht mehr. Ein paar Augenblicke stand er, wie vor den Kopf geschlagen, dann stolperte er zur Thür. Im Finstern tappte er die Holzstiege hinunter, und in’s Finstere lief er hinaus. – – –
VI
Eigentlich war es schon Winter. Die Düsseldorfer Hausfrauen hatten längst ihren Herbsthausputz vollendet, jedes Sommerstäubchen war ausgefegt, blitzblank schauten die Fenster auf das saubere Trottoir. Und doch war es noch nicht Winter, denn der November ließ sich an wie ein Oktober. Die Kastanien in der Königsallee waren noch nicht gänzlich entlaubt, im Hofgarten blühten noch Dalien und Georginen; Allerheiligen war lange vorbei, und doch dufteten noch bleiche Rosen auf den Gräbern. Vom Rhein kam ein lindfeuchtes Wehen, kein Wind. Die niederen Wiesen jenseits des Flusses schimmerten noch frischgrün, die Weidenbüsche standen wie im Saft.
Gut Wetter zum Martinsabend.
Josefine Rinke freute sich: heut abend würden sie alle mit dem Laternchen gehen; nur die arme Mutter durfte nicht mit, der Vater fand das zu lächerlich.
Zint Mäten, Zint Mäten![6]
[6] Sankt Martin.
Sie machte einen kleinen Hops, aber dann besann sie sich und steckte die Nase wieder in’s Buch, das sie, aufgeschlagen, vor sich her trug. Sie lernte noch auf dem Schulweg.
Jetzt war sie keine so gute Schülerin mehr, wie damals bei den Ursulinerinnen. Seit anderthalb Jahren ging sie in die evangelische höhere Töchterschule in der Kanalstraße, die unter dem Protektorat der Prinzessin Luise, der erlauchten Gemahlin Seiner Königlichen Hoheit des Prinzen Friedrich von Preußen stand, der im Jägerhofschlößchen am Hofgarten residierte.
Der Feldwebel war nicht wenig stolz darauf und auch seinem Hauptmann nicht wenig dankbar, der ihn, als er sich damals, da der Schulbesuch Josefines bei den Ursulinerinnen jäh abbrach, ratsuchend an ihn gewandt, dem früheren Garnisonprediger und jetzigen Regierungsschulrat empfohlen. Der leutselige Beamte hatte ein Einsehen gehabt, durch eine Ermäßigung des Schulgeldes wurde es dem bewährten, langgedienten Soldaten ermöglicht, seine Tochter einer höheren Bildung teilhaftig werden zu lassen. Von der Zeit an hatte sich der Feldwebel die einzige abendliche Pfeife abgewöhnt – das Schulgeld war für seine Verhältnisse noch immer hoch genug. –
Josefine schlenderte langsam, ihre Schulsachen in einem Lederriemen unter den Arm gepreßt. Gut, daß die Straße noch still war, um halb acht in der Frühe! Nur ein Hammer Gemüsekarren rumpelte, und eine Milchfrau trug ihren Rahm aus. Josefine mußte nachholen, was sie gestern versäumt; das große Bataillonsexerzieren hatte all ihre Zeit in Anspruch genommen, und die deutsche Orthographie wollte ihr so wie so schwer in den Kopf.
Ein schwarzlockiges Mädchen kam hinter ihr drein gerannt: »Fina! Finchen!«
Sie hörte nicht.
Nun zupfte sie die Schwarzlockige leicht am Jackenschoß. »Hörst du denn gar nicht?«
»Och, Cilli, du! Ich lern’ noch, ich kann noch nix!«
Schon wieder vertiefte sich Josefine in ihr Buch, aber Cäcilie von Clermont zog es ihr weg.
»Ach, laß doch jetzt! Ich sag’ dir vor, wenn du dran kommst, wahrhaftig!« Und dann wendete sie sich zu dem Burschen um, der, in eine Livree gesteckt, ihr den Bücherpacken nachtrug: »Buschmann, Sie können jetzt nach Haus gehen – so – ich trag’s mir schon allein. Aber nicht dem Herrn Major sagen, Buschmann, auch nicht der Frau Major!«
Der Bursche grinste und machte Kehrt.
»So, Fina, nu faß mich unter,« sagte Cäcilie. »Erzähl mir was. War gestern das Bataillonsexerzieren schön? Ich wär’ schrecklich gern zu euch in die Kaserne gekommen zum zugucken, aber Mama sagte, das schickte sich nicht mehr für mich. Auch mit der Laterne soll ich heut nicht gehen. Scheußlich! Und es ist doch Martinsabend!« Sie schmollte. »Ich wünschte, der Viktor wär’ nicht gerad’ jetzt auf Urlaub gekommen, der ist so – so – weißte, der bestärkt Mama noch in so was. Der wird nu bald Fähnrich, aber er thut mindestens schon so, als ob er Major wäre wie Papa. Du mußt ihn bloß mal sehen – schneidig, sag’ ich dir!«
»Ich will ihn jar nit sehen!« Josefine warf den Kopf zurück. »Wann du nit mehr bei uns kommen darfst, komm’ ich auch nit mehr bei euch. Un den Viktor, bäh« – sie schnitt eine Grimasse – »de kenn’ ich jar nit mehr, dazumal war ich ja noch janz klein!«
Seit Josefine in die Töchterschule ging, war sie wieder mit Cäcilie von Clermont befreundet, besser sogar, wie sie es als Kinder gewesen. Da war nur der kleine Soldat das Bindeglied gewesen, und als der fort, zeigte Josefine keine Neigung mehr für das Clermontsche Haus; sie sträubte sich sogar, wenn sie ab und zu noch hin gebeten wurde. So war der Verkehr bald ganz eingeschlafen. Der Zufall hatte nun die beiden Gleichaltrigen nicht nur in derselben Klasse, nein, auf derselben Bank zusammengeführt.
Es war ein großes Ereignis für den Feldwebel, wenn die Tochter seines alten Hauptmanns, jetzt des Majors, seine Josefine besuchte. War Josefine auch keine besonders gute Schülerin – alles was sie bei den Ursulinerinnen gelernt, konnte sie in der neuen Schule nicht verwerten – so umschwebte sie doch ein eigner Nimbus. Sie kam ja aus der Kaserne! Endlos zog sich der einstöckige Bau längs der Straße, hinter seinen mit Blechkästen versperrten Luken schmachteten Soldaten im Arrest, schöne Offiziere klirrten über die Höfe, auf dem Exerzierplatz spielte die Regimentsmusik, – und auf den vielen Treppen, den zahllosen Gängen, all den Stuben und Kammern, was mochte da nicht vor sich gehen?! Die andern Mädchen beneideten Cäcilie von Clermont um ihre Freundschaft mit der Feldwebeltochter. –
Als heute die Nachmittagsschule aus war, schlenderten die beiden wieder Arm in Arm, aber sie trennten sich nicht an der Ecke, wo sie sich sonst Adieu zu sagen pflegten, die eine begleitete die andre immer noch ein Stück Wegs; sie kamen gar nicht von einander los.
»Du,« sagte Cäcilie und schlug die langbewimperten Augen entzückt gen Himmel, »herrlich, daß ich nun doch mit der Laterne gehen darf! Ich hab’ aber über mittag auch gequält! Am Jan Willem auf dem Markt treffen wir uns also. Du – ha, findst du nicht, es riecht schon aus jedem Haus so lecker nach Puffert? Ach, wenn wir doch auch welche backten!«
»Bis still,« tröstete Josefine, »ich bring’ dir morjen welche mit nach der Schul’. Meine Jroßmutter backt se aber lecker! Aus Buchweizenmehl mit Korinthen, in Leinöl. Un dann in Syrup gestippt – ha!« Sie klopfte sich mit einem strahlenden Gesicht auf den Magen. »Ich kann ’r en Dutzend essen. Wenn ’t nur schon Abend wär!« Trällernd machte sie einen Freudensprung: »Zintmäten, Zintmäten, de Kälber –«
»Gott, Fina!« Erschrocken hielt ihr Cäcilie den Mund zu. »Was sollen die Leute von uns denken?«
Ein paar Jünglinge drehten sich eben nach den beiden Mädchen um. Cäcilie wurde rot und schlug verschämt die Augen nieder, Josefine aber schnitt eine Fratze: »Dumme Junges! Zintmäten, Zintmäten! Adjüs, Cilli, letzt!« Kräftig schlug sie die Freundin auf den Rücken.
»Vergiß nicht – um sieben Uhr – am Jan Willem,« rief ihr Cäcilie nach.
Fina hörte schon nicht mehr. Da rannte sie hin, daß ihr halblanger Rock flatterte, und man ihre weißbestrumpften Beine bis zum Knie sah. –
Peter Zillges war nicht für die neumodischen Papierlaternen; er hatte seinen Enkeln Kürbisse ausgehöhlt, ihre Namen und allerlei andres hineingeritzt: Gesichter, und Sonne, Mond und Sterne. Die Zeichnungen waren unvollkommen – Großvaters Hand hatte schon sehr gezittert – aber schimmerte ein Lichtchen von innen durch, machte sich solch ein Kürbis doch wunderbar schön.
Vom ›Bunten Vogel‹ zogen die Geschwister am Abend aus. Josefine trug ihren Kürbis, der groß und gelb wie ein Holländer Käse war, auf einem Stock; die Brüder schwenkten ihre kleineren an Bindfadenschnüren. Die Kinder sangen; hell klangen ihre Stimmen in den lauen Abend hinaus.
Und von nah und fern, vom andern Ende der Ratinger-, von der Ritter- und der Mühlenstraße, vom Hunsrück und der Mertensgasse, von allen Seiten fielen Kinderstimmen ein, hoch und tief, rein und falsch, durchdringend wie Pfeifenton, jubelnd wie Trompetenfanfaren: »Zintmäten, Zintmäten!«
Wie Glühwürmchen funkelt es auf in den dunkeln Straßen, an den Häusern zieht es vorbei in bunten Reihen, über den Köpfen wogen und wirren schwanke Lichter in Weiß und Gelb, in Rot und Grün. Licht, Licht – ein Meer von schwankenden Lichtern! Ganze Kinderscharen haben sich zusammengefunden beim Klang einer Schelle; und wo sich Knaben und Mädchen begegnen, pusten sie sich in die Laternen, und die Buben singen grob:
»Zintmäte, Zintmäte. De Kälver hant lang Stäte, De Jonges sin Rabaue, De Weiter wolle mer haue.«
Und die Mädchen zirpen dagegen:
»De Weiter sin Rabaue, Die Jonges wolle mer haue, De Weiter trinke rode Wing, De Jonges schmeiße mer in der Rhing!«
»Zintmäte, Zintmäte!«
Josefine hielt ihren Kürbis krampfhaft hoch, ein paar große Jungen hatten es durchaus darauf abgesehen, ihr das Lichtchen zu löschen; sorgsam trug sie es vor sich her, wie etwas Heiliges bei der Prozession, schier andächtig die Blicke darauf geheftet.
Je näher dem Rhein, desto größer das Getriebe, desto lauter das ›Zintmäten‹.
An den Bürgerhäusern klingelt es, helle Kinderstimmen erheben den Bittgesang:
»Hier wohnt en reicher Mann, De ons wohl jett jäwe kann. Selig soll hä läwe, Selig soll hä stärwe, Dat Himmelreich erärwe!«
Bei dem ›Himmelreich‹ steigt die Melodie auf einen hohen Ton, freudig gejauchzt klingt es weit in den Abend. Und die Thüren thun sich auf, und Äpfel, Nüsse, Kastanien, Korinthenstuten und Puffertkuchen fallen in die aufgehaltenen Kittel und Schürzchen.
Um den alten Jan Willem am Markt dreht sich ein wirbelnder Gnomenreigen. Auf den Treppen des Rathauses und des Theaters halten Eltern ihre Kleinsten in die Höhe, und wo die winzige Kinderhand das Laternchen nicht schwenken kann, thut es die kräftige Faust des Vaters.
Zintmäten, Zintmäten! – Da ist keiner zu alt.
Josefine hatte viel Anfechtung, die großen Jungen von der Ratingerstraße waren ihr bis hierher gefolgt. Hilfesuchend sah sie sich um, aber die Brüder waren im Gedränge abhanden gekommen; nun setzte sie sich allein zur Wehr. Mit dem Rücken an das Gitter, das den Jan Willem vor’m Marktgetriebe schützt, gelehnt, reckte sie ihren Stock so hoch sie konnte.
Gleich neckenden Teufeln hüpften die Buben vor ihr herum:
»Zintmäte, Zintmäte! De Weiter lecke de Plate, De Jonges esse de Tate, De Jonges esse jebackene Fisch. De Weiter schmeiße mer unger der Disch –«
Der Allerdreisteste hüpfte in die Höhe und haschte nach dem Kürbis. Er pustete hinein – da – Josefine kreischte auf, ehe er das Lichtchen löschen konnte, fiel ihre Hand derb auf seine Backe: »Eklige Jung!«
»Frech Weit!«
»Freche Rabau!«
Josefines Augen funkelten, das Mützchen war ihr längst in den Nacken geglitten, die blonden Haare ringelten sich halbgelöst – jetzt stieß sie einen hellen Hilferuf aus, und ein andrer Ruf antwortete: »Fina!«
Hurra, das war Cäcilie! Sieben Uhr schlug’s dumpf vom Rathaus. Mit einem heftigen Anlauf ihre Bedränger zur Seite stoßend, stürmte Josefine durch, im Schwung warf sie sich der Freundin an den Hals.
»Mein Stern, mein Stern!« Ängstlich hielt Cäcilie ihren roten Papierstern in die Höhe, der einen rosigen Schimmer auf ihr zartes Gesichtchen unter der weißen Schwanenkapuze warf. »Viktor, o die frechen Jungens!«
»Unverschämte Bande,« sagte das junge Herrchen an ihrer Seite und zuckte die Achseln. Die Jungen ohne Hut, in Kittel und Holzklumpen, wagten keinen neuen Angriff, sondern zogen nur noch ein Weilchen johlend hinterdrein.
Also das war der Viktor, wirklich der Viktor?! Der kleine Soldat?! Josefine war enttäuscht: heut trug er keine Uniform. Aber groß war er geworden, und wie stramm er sich hielt! Fähnrich wurde er, hatte die Cilli gesagt; dann war er auch bald Offizier – o! Es war doch wieder etwas von der alten Bewunderung in dem Blick, mit dem sie ihn neugierig von der Seite betrachtete.
Er fühlte das und begann an der Oberlippe zu zupfen. Noch war da erst ein kaum sichtbarer Flaum, wie bei einem jungen Vogel, aber er zupfte doch. Komisch, daß es ihm eigentlich Spaß machte, mit den kleinen Mädchen zu gehen; was würden wohl die Kameraden dazu sagen? Na, natürlich: ›Viktor der Sieger‹ – so nannten sie ihn ja in seiner ganzen Kompagnie.
»O wie gut, daß du mitgegangen bist, daß wir nicht allein sind,« seufzte Cäcilie in einem wonnigen Grausen nach überstandener Gefahr.
»Sie sollen sich nur unterstehen,« sagte er und warf einen stolzen Blick zurück.
Josefine wunderte sich im stillen, daß der Viktor gar nichts von früher zu ihr sagte. Ob er nicht mehr wußte, daß sie vor Jahren so schön miteinander gespielt? Hatte er denn alles vergessen? Sie wußte es doch noch. Auch daß er sie ›Sie‹ nannte! Das war ja so fremd. Ein Fräulein war sie doch noch nicht – Gott sei Dank! Mit einem strahlenden Blick sah sie auf ihre freien Füße herunter. Die Cäcilie konnte den Rock immer nicht lang genug kriegen – no, so geck!
»Zintmäten, Zintmäten!« Sie machte einen kecken Hopser über den breiten Rinnstein, und dann fing sie an, mit ihrer lustigen Stimme zu singen:
»Zintmäte sein Vöjelche Met dat rote Köjelche –«
Viktor, der angehende Fähnrich, betrachtete sie sehr wohlgefällig von der Seite. Nett war die geworden – ganz famos! Soviel er sich erinnerte, war sie immer niedlich gewesen – aber so niedlich? Er fing an, Josefine zu necken: mit ihrem Düsseldorfisch, mit ihrem Kürbis. Frischweg ging sie darauf ein, nur als er ihr das Lichtchen ausblasen wollte, sagte sie drohend: »Mach!« und hob die Hand.
Er machte es nicht im geringsten besser, wie die Rabauen in den Holzklumpen; wie vorhin die, so umhuschte er sie jetzt, bald von rechts, bald von links. Das war ein Jagen über’s Trottoir, ein Schäkern und Lachen, ein ausgelassener Kampf um das Lichtchen. Zintmäten, Zintmäten – sie vergaßen ganz das ›Sie‹.
So schön war’s heut. Der Mond am Himmel schämte sich und versteckte sich vor all dem Glanz. Vom Rhein grüßte ein lindes Wehen und strich sanft kühlend über die glühenden Wangen, die erhitzten Stirnen.
»Zintmäten, Zintmäten!« Jauchzend sprang Josefine dahin, wie getragen von Windesflügeln, die roten Lippen zu schallendem Gesang geöffnet.
Und der Abend flog auch dahin – zu rasch.
»Nach Hause,« sagte Viktor plötzlich und faßte die Hände seiner Schutzbefohlenen. Es behagte ihm auf einmal nicht mehr, allerhand Pöbel füllte die Straßen, Rheinkadetten, Burschen und Mädchen aus den Fabriken; in langer Reihe, Arm in Arm, sperrten sie den Weg. Schon mischten sich andre Lieder in’s Martinsliedchen der Kinder. Hier und dort wurde recht wüst gegröhlt:
»Küt de Lehrer in de Scholl’, Setzt hä sich ob singe Stoll’ –«
und wo die Bürgerhäuser ihre Thüren nicht mehr öffneten bei’m ungeduldigen Pochen der Fäuste:
»Dat Huus, dat steht up eene Penn, De Jietzhalz, de wohnt metten drenn – Jietzhals, brich der Hals, Dat de morje stärwe kanns!« – – –
* * * * *
»Och, wie schad’,« seufzte Josefine, als ihr letztes niedergebranntes Lichtchen vor der Thür des ›Bunten Vogels‹ verlöschte. Drinnen roch es nach den leckeren Puffertkuchen der Großmutter, und doch zögerte sie noch: »Wie schad’!«
Viktor schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich abschiednehmend; aber dann nahm er die kleine, warme Hand, die sich ihm entgegenstreckte und sagte: »Ich bleib’ ja noch vier Wochen hier!« Und dann mit einem bedeutsam festen Druck: »Bis morgen!«
* * * * *
Vier Wochen, lange vier Wochen, – waren sie wirklich schon vorbei?!
Viktor von Clermonts Urlaub neigte sich seinem Ende zu; das Weihnachtsfest würde er nicht mehr zu Hause verleben, nur noch den Nikolaustag. Der war heute.
Betrübt schlenderte er über die Kasernenstraße und zerbrach sich den Kopf: wie sollte er’s ermöglichen, =ihr= einen Weckmann zu schenken? Da war wohl keiner in ganz Düsseldorf, der heut, an Sankt Nikola, seiner Angebeteten nicht einen Weckmann verehrte.
In allen Konditor- und Bäckerläden prangten Weckmänner: große und kleine, von Kuchenteig und Weckteig, einfachere und leckerere; solche mit Schokoladenknöpfen und ohne Knöpfe, solche mit Mandeln und Zitronat gespickt, und Ungespickte. Aber alle mit Korinthenaugen und der Pfeife im Maul.
Sinnend blieb Viktor an einem Bäckerfenster stehen. Zweimal hatte er ihr was spendiert: das erste Mal eine Crêmeschnitte bei Konditor Geisler, das andre Mal freilich nur eine Düte gerösteter Kastanien bei’m ›Appel-Len‹. Zu einer ›Blase Leckers‹ hatte es nie gelangt, – ach, wenn das Taschengeld doch nicht so knapp wäre! Es reichte nicht immer zu den notwendigsten standesgemäßen Ausgaben. Und der Vater konnte beim besten Willen nicht mehr geben; wenn der jetzt auch Major war, er war doch auch immer knapp. Na, hoffentlich würde es anders werden, wenn man erst Seiner Majestät Leutnant war bei der Garde! Bald würde es wohl Krieg geben – Viktor hoffte stark – da wollte er sich nebst den Epauletten auch noch das eiserne Kreuz verdienen, auf der linken Brust zu tragen.
Zögernd klimperte er mit seinen letzten paar Groschen in der Hosentasche. Da im Fenster lag so ein ganz kleiner Weckmann, der würde gewiß nicht mehr kosten wie ein Kastemännchen![7] Wie würde sie sich darüber freuen! Morgen mußte er ja ohnehin fort, und dem Mädel blieb nichts wie diese Erinnerung.
[7] 2½ Silbergroschen.
›Ha, wie lecker,‹ würde sie sagen und lachend in den braunen Weckmann ihre weißen Zähne vergraben.
Und seine Hand würde sie fassen wie letzthin, als er mit ihr im Hofgarten promenierte und es anfing, schaurig dunkel zu werden unter den hohen Bäumen der Seufzerallee. Na, da mußte er sich eben das Taschenbürstchen oder den Nägelpolierer verkneifen!