Die Wacht am Rhein

Part 4

Chapter 43,845 wordsPublic domain

Josefine ging gern zu den Ursulinerinnen; still saß sie da, ihre munteren, großen Augen hingen andächtig an den sanften Nonnenlippen. Das war etwas andres als die rauhen Töne, die über den Kasernenhof schallten! Auch geprügelt wurde hier nicht; die größte Strafe war, wenn eins der Kinder nicht mit in der langen Reihe der Schülerinnen zur Kapelle ziehen durfte, das Kindchen Jesu auf dem Schoß seiner Mutter zu schauen.

Sie hörte die Legenden der lieben Heiligen, die waren schöner als alle Märchen; sie lernte die Lieder zum Preis der holdseligen Jungfrau Maria. Die Augen strahlend erhoben, die Hände fromm gefaltet, sang sie mit heller Stimme die Hymnen; ihre Seele war ganz dabei.

Freilich, war die Schule aus, und kam sie von den Nönnchen heim in die Kaserne, atmete den eigentümlichen Schimmel- und Knasterduft, der diesen Wänden untilgbar anhaftete, sah die Bajonette auf dem Exerzierplatz blitzen und hörte den Gesang der Mannschaft beim Stiefelwichsen und Knöpfeputzen, dann brach etwas in ihr los, was bei den Ursulinerinnen geschlafen.

Frau Trina schalt viel über Finas tolle Ausgelassenheit; in ihrer hartumdrängten Mutterschaft vergaß sie jetzt manchmal, daß auch sie einst vor lauter Lust am Leben gar nicht gewußt wohin. Hier eine kleine Hand, dort eine kleine Hand! Hier ein jämmerliches Klagen, dort ein begehrliches Kreischen! Da konnte einem wahrhaftig mal die ›pläsierliche‹ Laune abhanden kommen.

»Nich tot zu kriegen,« sagte der Vater, wenn er seine Josefine ansah, und ein Freudenschein flog über sein hartes Gesicht.

Rinke hatte gealtert; trotz seiner Vierzig mischten sich ihm schon graue Fäden in’s dunkle Kopfhaar und den rötlichen Schnauzbart. Von den Augenwinkeln nach den Schläfen zogen sich viele feine Fältchen, und um die Mundecken hatte sich ein verbissener Zug festgesetzt. Jahraus jahrein Kommiß macht müde; und das Sitzen im Bureau vor’m Nationale und dem Löhnungsbuch, auch; die Parole den Herren Offizieren zustellen, den Kompagnierapport anfertigen, genau Erkrankungen und Beurlaubungen berichten, das Strafverzeichnis, das Schießbuch, die Rangierrolle, die Abrechnungen führen und Gott weiß was sonst noch, auch; und täglich drei Stunden neben dem Herrn Hauptmann über den Kasernenhof pendeln, immer hin-her, her-hin, mit geschlossenen Augen wissen, wo der rechtsum wendet, wo linksum, auch.

Heraus aus dem einförmigen Trott!

Ach, in den Zeitungen stand wohl zu lesen: Der gallische Hahn krähe wieder frech, anno dreizehn sei ihm nicht genug geschehen, es sei an der Zeit, ihm vollends den Garaus zu machen – zu den Waffen!

Krieg, Krieg, wann kam der?!

Der Feldwebel wartete schon lange.

Heute hatte ihm seine Josefine ein Gedicht vorgelesen, auf einem Zeitungsausschnitt stand es, der schon die Runde durch viele Hände gemacht:

›Sie sollen ihn nicht haben, Den freien deutschen Rhein, Ob sie wie gier’ge Raben Sich heiser danach schrein.‹

Das Kind las laut und langsam, jede Silbe deutlich artikulierend; erwartungsvoll sah es beim Schluß zum Vater hin. Der saß am Fenster, den Kopf in die Hand gestützt und schaute unter zusammengezogenen Brauen in das Abendrot, das über’m Exerzierplatz verglomm.

»Nochmal, Josefine, lies noch mal,« sagte er jetzt seltsam gepreßt.

Und sie las noch einmal:

»Sie sol-len ihn nicht ha-ben Den frei-en deut-schen Rhein.«

Auch Frau Trina war näher gekommen und spitzte die Ohren: was lasen sie da vom Rhein?

»Bis sei-ne Flut begra-ben, Des letz-ten Manns Ge-bein!«

»Nein, das sollen sie auch nicht!« So heftig stieß der Feldwebel seine Pfeife auf’s Fenster, daß sie zerbrach. »Heiliges Kanonenrohr! Haben sie am Ende doch recht, die da sagen: man rüstet in Preußen?! I, das wäre! Na, gebt den Rothosen man eins drauf, daß sie alle werden für jetzt und ewige Zeiten! Haha« – er lachte vor innerem Entzücken – »Preußen immer vorneweg! Nu geht’s los!« Aber gleich darauf verfinsterte sich sein Gesicht wieder. »Ich glaub’s nich, wir haben noch keine Ordre. Zeit wär’s, Kerle werden täglich fauler. ’ne Affenschande, muß ich hier sitzen auf dem verlorenen Posten, statt da mittenmank!« Unwirsch fuhr er sich durch die kurzgeschnittenen Haare. »Verfluchtes Lausenest!«

»Düsseldorf is en prachtvoll schöne Stadt,« sagte Frau Trina beleidigt.

Er hörte sie gar nicht. Den Blick starr auf den öden Exerzierplatz gerichtet, murmelte er: »Wenn’s man losginge, wenn’s man losginge!« Eine starke Röte war ihm in’s Gesicht gestiegen; er schüttelte sich wie in einem Schauer und preßte die Zähne aufeinander: »Wenn’s man!«

»Jehste jetzt im Krieg, Vater?« fragte das Kind.

Er kaute am Schnauzbart. »Vielleicht,« sagte er, sich beherrschend; aber man hörte doch die Freude heraus.

Josefine rief denn auch sofort: »Da haste aber en Freud’, jelt, Vater?«

»Ja,« sprach er, alles vergessend. Und in einer tiefinneren Erregung sich aufrichtend, reckte er sich zu seiner ganzen Länge; die Arme streckte er über den Kopf, daß sie gegen die niedere Decke stießen. »Man ist ganz steif geworden – hah!« Wie ein Erlösungsseufzer klang sein tiefes Atemholen.

Frau Trina hatte die Augen weit aufgerissen, nun fing sie plötzlich an, bitterlich zu weinen. »Och, nu – nu jeht er wahrhaftig im Krieg! Och, Jesusmarijosef, ne, hätt’ ich dat jewußt!« Sie sah sich suchend nach ihren drei Jüngsten um, die beim Weinen der Mutter erschrocken zu brüllen anfingen. »Kinder, der Vater, er jeht im Krieg! Och, hätt’ ich dat jewußt!« Fassungslos sank sie auf den nächsten Schemel, das Gesicht mit der Schürze bedeckend.

Fassungslos sah auch der Feldwebel drein – hätt’ ich das gewußt! Ja, dann hätte sie ihn wohl nicht geheiratet. Und er?! – Es zuckte für einen Augenblick um seinen Mund – nun, und er vielleicht auch nicht.

Finster, die Stirn zusammengezogen, betrachtete er die Weinende. Da saß sie nun und heulte, daß ihr ganzer übervoller Busen schütterte. War das noch dieselbe, die ihm einst im ›Bunten Vogel‹ entgegengeschwänzelt war, so frisch und frank und frei, die Augen blank, der Mund lachend, so ein echtes, rheinisches Mädel? Ein rasches Wohlgefallen hatte ihn damals erfaßt, wie lauter Lust hatte es ihn angeblasen – hei, die würde immer fröhlich sein, würde eine kernige Mutter werden für stramme Soldatenkinder! Ihr Geld hatte ihn nicht gereizt, was sollte er damit? Aber es lohnte sich wohl, um sie einen Strauß auszufechten mit den protzigen Alten. Die Hindernisse reizten erst recht. Zur Attacke! Vorwärts, marsch, im Sturmschritt! Diese rheinischen Dickköpfe sollten doch sehen, mit dem Verachten des Preußen war’s Essig, der war ihnen noch lange über, der wurde doch ihr Schwiegersohn – nun gerade! Und ’s Mädel war verliebt bis über die Ohren, zeigte es ihm in jedem Blick – also warum denn nicht?! Wenn einer nicht Vater, nicht Mutter mehr hat, nichts Zärtliches auf der Welt, da thut eine weiche Patsche ganz gut, die streichelt. Also: Los auf die Festung, sie ergiebt sich! –

Und jetzt?!

Schwer ruhte des Feldwebels Blick auf seiner Frau. Er seufzte. Arme Käthe, die hatte sich auch betrogen! Der Soldat muß allein sein, oder er muß ein Weib haben, das da spricht: Mit Gott für König und Vaterland!

»Josefine!« Unwillkürlich suchte sein Blick die Tochter. Sie sah ihn aufmerksam an. »Josefine, was thut der Soldat, wenn sein König ruft?«

»Jehorcht.«

»Ja, du kennst den Rummel,« sagte er weich.

Frau Trina war mit den heulenden Kleinen nach der Küche gegangen, die Abendsuppe zu bereiten; Vater und Tochter saßen in der Stube allein. Josefine hockte auf einem Fußschemel und stemmte beide nackte Ellbogen auf des Vaters Kniee. Das schöne Abendrot über’m Exerzierplatz warf einen warmen Schimmer auf die Geranienstöcke im Fenster und von da einen noch durchglühteren auf das blonde Haar des Kindes.

Der Feldwebel hatte sich auf der Brust, da wo sonst immer das lederne Dienstbuch mit den Notizen zu stecken pflegte, die Knöpfe aufgerissen; der Rock war ihm auf einmal so eng. Krieg, Krieg!!

Er rieb sich die Hände; ein Frohlocken war in seinem Ton:

»Nanu, die Franzosen wollen wieder krächzen?! Ich sage dir, das läßt sich unser neuer Herr und König nicht gefallen. Der hat was los. Sagt’ er nicht letzthin zu Berlin: ›Gott erhalte unser preußisches Vaterland, sich selbst, Deutschland und der Welt zur Ehre!‹ Unser Preußen – ihm zur Ehre, ja! Dresche müssen kriegen, die ihm zuwider sind – alle Hallunken! Aber warte man, warte!«

In freudiger Aufwallung legte er seine Hand auf Josefines Kopf: »Du sollst mal sehen, du wirst’s erleben, wie ich’s erlebt habe, anno 13. Da war ich nur wenige Jahre älter wie du jetzt. Da liefen sie alle hin unter die Fahnen; die Männer wurden wieder zu Jünglingen und die Jünglinge zu Männern. Und die Weiber haben ihren Männern nicht das Herz schwer gemacht« – unwillkürlich suchte sein Blick die Thür, hinter der Frau Trina verschwunden war – »und die Bräute haben sich ihren Liebsten nicht an den Rockzipfel gehängt. Ich weiß es noch wie heute, als Vater ausrückte. Wir standen vor der Thür, Mutter und ich, er saß schon auf dem Gaule.

»›Adjö, Karline, auf’s Wiedersehen,‹ sagte er. Sie sagte nur: ›Mit Gott.‹ Und dann gaben sie sich die Hände. Keine Thräne hat Mutter geweint. Aber ihm kullerten ein paar dicke Tropfen über die Backen; ’s war ihm wohl bange um sie, sie war verdammt schmächtig.

»Als ich bei meinem Alten die Thränen sah, fing ich an loszuheulen, aber es war mehr darum, daß ich noch ein Knirps war, daß ich noch nicht mitkonnte in den großen Krieg. Vater bückte sich vom Gaul, lupfte mich ein wenig hoch und gab mir ’nen freundschaftlichen Klaps auf den Hintern: ›Hier wird nich geflennt! Sei Muttern ’ne Stütze – mach mir Ehre!‹

»Da verbiß ich mir das Heulen, und als der Gaul davongaloppierte, galoppierte ich hintennach bis auf den Marktplatz, wo sie sich sammelten, und schrie, bis mir der Atem ausging: ›Hurra, hurra, hurra!‹ Und das schrei’ ich noch heut!«

Der Feldwebel war aufgesprungen und breitete die Arme weit: »Hurra, hurra, hurra!«

Josefine hatte ihm ohne Laut zugehört, die Augen fest auf ihn gerichtet; jetzt umklammerte sie seinen Arm: »Vater, weiter, erzähl’ weiter!« Und als er nicht gleich fortfuhr, stampfte sie ungeduldig mit dem Fuß: »Weiter, erzähl’ doch!«

»Ja, das ist was für dich,« schmunzelte er, »das glaub’ ich! – Und die Frauenzimmer brachten ihre goldenen Nadeln und Kämme und Ohrgehänge, was sie an Goldkram hatten, und das wurde eingeschmolzen und gab Geld für’s Vaterland. Sie trugen nun anstatt ihres Schmucks eiserne Anhänger und waren stolz drauf. Da waren Weiber, die gaben ihre Eheringe her, und welche, die gar nichts hatten, ließen ihr schönes Haar abschneiden und verkaufen das, und –«

»Ich will auch mein Haar abschneiden lassen!« Josefine schrie plötzlich auf und faßte mit beiden Händen nach ihrem kurzen Schopf. Eine heiße Röte lag auf ihrem Gesicht, ihr Atem ging rasch, die Kinderbrust flog unter dem Schürzchen. »Schneid’ mir mein Haar ab, lieber Vater – da haste’t – schneid’ et doch ab!«

Er lachte. »Das ist ja viel zu kurz. Na, na, laß man,« und er strich ihr liebkosend über die blonde Mähne.

Da ließ sie die Arme herunterhängen und den Kopf auch und kauerte sich ganz auf ihrem Schemel zusammen. Unter Schluchzen stieß sie heraus: »Ich will aber – wat soll ich dann jeben? Ich – ich hab’ ja nix – jar nix!«

»Warte man,« tröstete der Feldwebel und legte ihr seine Hand auf die heiße Stirn. Aber er lachte nicht mehr, seine Stimme klang ernst: »Warte man, Josefine, warte, deine Zeit, die kommt auch noch!« –

Das verklärende Abendrot über’m Exerzierplatz war erloschen, plötzlich aller Glanz hin. Ein nüchterner, bleichherbstlicher Nachthimmel spannte seinen Bogen, und ein Windstoß fegte abständige Kastanienblätter der Königsallee wirbelnd in den Kanal. Matte Sterne zogen auf und standen, ohne zu leuchten, über der Kaserne.

V

Der alte Peter Zillges konnte sich nicht in die jetzige Welt finden.

»Et es nu als bald Zeit for mich, Mutter,« sagte er zu seiner Frau. »Wat haben se dann aus Düsseldorf jemacht?! Dat es doch uns jut alt Düsseldorf nit meh! Dat se aus ’m Kapellchen unnen in der Straß’ en Tabaksmajazin jemacht han un nachher ene Peerdsstall, dat es schon schreckelich, aber dat mer nu for de neue Promenad’ langs der Kanal ›Königsallee‹ sage soll, nach dem neuen König, dem Friedrich Wilhelm dem Vierten, dat will mich nu janz un jar nit im Kopp. Wat jeht uns de Mann an?! De es in Berlin, mir sin hie am Rhein. Ich sag’ ›Kastanienallee‹. – Un dann de neumodsche Eisebahn! Die es dem Deiwel sein Kutsch’. Kann mer nit laufen bis im Jesteins? We dat nit meh kann, de soll zu Huus bleiwen. Wat soll dat noch all werden? Bis Elberfeld fahren jetzt als de Leut’!«

Bürger Zillges war grämlich geworden. Ein paarmal schon hatte er sich in den neuangelegten Straßen verlaufen, und auch der Hofgarten, in dem er so gern spazierte mit seinem kaffeebraunen Leibrock angethan und den Kniehosen, mit der gefälteten Hemdenkrause und dem mehrfach verschlungenen Tuch unter den Vatermördern, war ihm verleidet. Hatten doch freche Kinder, die seiner Tracht nicht mehr gewohnt, hinter ihm drein gespottet und seinen Hut, den hohen mit der breiten Krempe, durch den Wurf mit einem Erdkloß beschmutzt.

Die Wirtschaft ging auch längst nicht mehr so flott. Das junge Volk suchte andre Lokale auf von modischerem Geschmack, in denen die Fensterscheiben höher, die Wände tapeziert und die Stubendecken nicht durch Balken verunziert waren. Einsamer wurde es im ›Bunten Vogel‹, ganz einsam.

Nur die Enkelkinder brachten Leben; Frau Josefine Cordula dankte allabendlich ihrem Schutzpatron dafür. Da standen sie jeden Sonntag, in aller Frühe schon, in der Wirtsstube aufgepflanzt in stattlicher Reihe und streckten die Hände verlangend aus nach dem Korinthenblatz, den die Großmutter verteilte.

Obenan die Josefine, hochgeschossen für ihre elf Jahre und doch breit in den Schultern und gewölbt in der Brust. Viel schmächtiger nahm sich der Wilhelm aus, aber wie hübsch! Backen wie Milch und Blut, von schönen Locken umringelt, und Augen so blau, daß die Großmutter, schaute sie hinein, wähnte, in den Himmel zu blicken.

Der Friedrich und der Ferdinand und der jüngste, das Karlchen, hatten nichts Besondres an sich, die waren Jungen, wie andre auch: dick, laut und gefräßig. Den ganzen Tag trieben sie sich auf der Straße herum, machten ›Schellemännkes‹ an allen Thüren, uzten die beiden Stadtoriginale, den scheelen Ludwig und das Rosinchen, und patschten durch jede Pfütze. Die Mutter verwies ihnen nichts, war doch der Vater streng genug.

Der Feldwebel wurde immer strenger. War er zu Haus, wagten die Knaben keinen Muck. Das Mittagessen verlief stets wenig erfreulich. Die Mutter schöpfte den Jungen auf, so viel sie wollten: »Laß die Kinder doch satt kriejen.« Aber der Feldwebel schrie: »Satt, ja, aber nicht den Wanst vollstopfen zum platzen! Das giebt faules Fleisch. Ruhe – giebt nichts mehr!«

Die drei Jüngsten scheuten den Vater; aber Wilhelm fürchtete ihn.

Wilhelm war ganz seiner Großeltern Kind, kam kaum noch in die Kaserne, und auch dann nur, wenn der Vater nicht zu Hause war; lieber lauerte er stundenlang in einem Versteck, bis er den fortgehen sah. Der hatte so eine Art, ihn durchbohrend anzustarren, daß er den Blick nicht aushalten konnte und verwirrt die Augen niederschlagen mußte.

Rinke machte sich Gedanken über den Jungen – warum sah ihm der nicht gerade in’s Gesicht? Hatte er was auf dem Gewissen? Es war Zeit, daß er unter strenge Zucht kam: ordentlich hoch nehmen, stramm ’ran!

Der Feldwebel machte sich eines Tages auf nach dem ›Bunten Vogel‹. Wilhelm, der vor der Thür spielte, sah den Vater kommen, lief, nichts Gutes erwartend, rasch in’s Haus, die Treppe hinauf, bis auf den Söller und versteckte sich im Taubenschlag.

Die Großeltern Zillges waren durch den seltenen Besuch des Schwiegersohns nicht angenehm überrascht.

»Wat – de Willem wollen Se uns wegholen?« grämelte der Alte, »so mir nix, dir nix? Den kriejen Se nit!« Und dabei schlug er, heftig werdend, auf den Tisch. »Oho, de Peter Zillges läßt sich so ’schwind nit auf Seit däuen.[4] Sie sind wohl auch neumodsch? Wenn et heißt, einen aus’m Dreck trecken,[5] dann es mer jut – wat war de Jung’ for ene erbärmliche Krott! – äwer dann hat mer nix meh bei zu duhn, dann heißt et: mach dich ab! Eja, de Neumodschen, dat sin de Richtigen, die haben kein Tippelchen Pietät!«

[4] däuen: schieben.

[5] trecken: ziehen.

Rinke wollte aufbrausen, aber dann besann er sich – hatte der Alte nicht recht? Die Großeltern hatten das Kind, das immer gekränkelt, zu einem gesunden Jungen herausgepflegt, und nun, da sie Freude an ihm hatten, wollte er ihn ihnen wegnehmen?! Unschlüssig drehte er an seinem Schnauzbart.

Frau Josefine Cordula ersah ihren Vorteil; sie legte sich auf’s Bitten. »Ne, dat werden Se uns doch nit anduhn, Rinke, dat Se uns jetzt de Jung’ wegnehmen? Wir sind alt un einsam, de Willem es unser Freud’ – ne, wenn ich denk’, de Willem sollt’ nit meh bei uns sein –!« Die Tropfen fingen an, ihr aus den Augen zu rinnen, und auch Zillges schneuzte sich heftig.

Es ging dem Feldwebel gegen den Strich, jetzt auf sein Vaterrecht zu pochen – was hatten die alten Leute doch alles an dem Jungen gethan! Es wollte freilich in seinem Herzen kein rechter Dank aufkommen, doch überwand er sich und reichte seiner Schwiegermutter die Hand.

»Na, dann behalten Sie ihn, bis« – sein Gesicht verfinsterte sich wieder, mit dem Soldatwerden war’s doch bei dem Jungen Essig – »bis er in die Lehre kommt. Aber ich bitt mir’s aus: seien Sie strenger, viel strenger; der Bengel pexiert was, nich gerade ansehen kann er einen ja.«

»Pexieren – dat Jüngesken?! Och du lieber Jott! Angst hat de,« platzte die Großmutter heraus, »Angst vor Ihnen!«

»Angst – vor mir?!«

Der Feldwebel war betroffen. Angst sollte sein Sohn vor ihm haben? Angst – warum denn? Seine Kinder hatten Angst vor =ihm=? Angst vor ihrem Vater?! Das wollte ihm nicht aus dem Sinn. In brütenden Gedanken ging er heimwärts.

Auf dem Kasernenhof begegnete ihm Josefine, Karlchen an der Hand. Er hielt sie an. »Josefine,« sagte er und sah ihr forschend in das offene Gesicht, »sag mal, hm« – die Worte wollten nicht leicht heraus, es würgte ihn etwas in der Kehle – »hm, sag ehrlich, hast du – hm – hast du Angst vor mir?«

»Wat jefällig?« Sie verstand ihn gar nicht.

»Ob du – Angst vor mir hast?«

Nun lachte sie hell auf: »Ne!«

»Na, siehste!« Sein Gesicht erheiterte sich; aber nicht für lange. Es trug wieder den finsteren Ausdruck, als er allein auf seinem Lieblingsplatz am Fenster saß. Niemand war oben, alle fort, auch Frau Trina; der offengebliebene Kleiderschrank zeigte da, wo sonst ihre Mantille und ihr Hut hingen, eine leere Stelle.

Über den Exerzierplatz kam Glockenschall, von all den vielen Kirchen der Stadt läutete es; das war ein mächtiges Hallen und Widerhallen, stärker denn sonst, ein Dröhnen und festliches Rufen. Aha, morgen war wohl katholischer Feiertag?

Durch das halb geöffnete Fenster stahlen sich linde Frühsommerlüftchen und strichen dem Feldwebel mit schmeichelnden Händen das heiße Gesicht. Er schloß die Augen. Wie im Traum hörte er wohlbekanntes Klappen sich in den Glockenchor mischen, die Kerle klopften ihre Montur aus. Und nun sang einer, ein hoher Tenor:

»Köln am Rhein, du schönes Städtchen, Köln am Rhein, du schöne Stadt, Und darinnen muß ich verlassen, Mein’ herzallerliebsten Schatz!«

Ein zweiter pfiff eine andre Melodie; Rinke kannte sie wohl: das war das alte Lied von der Katzbach! Unwillkürlich spitzte er die Lippen und pfiff mit:

»Hei, das war eine Lust, hei, das war eine Hatz, Wie wir packten die französische Katz’ An der Katz, an der Katz, an der Katzbach.«

Und ein dritter hub dröhnend an, mit kräftigem Baß:

»Patriot, schlag ihn tot, Bonapart’, den Erzkujon« –

Zwei, drei Stimmen fielen lustig mit ein:

»Mit der Picke, in’s Genicke, Daß er kriegt die Schwerenot!«

Hastig schlug der Feldwebel das Fenster zu, er mochte nichts mehr hören. Ihm war schwer zu Mut. Also, der Wilhelm sollte ihn fürchten – sein Kind sich vor ihm fürchten?! Und Krieg gab’s auch nicht! Nun schrieb man das Jahr 41, und fast ein Jahr war’s her, daß er mit der Josefine hier gesessen und sie ihm das Rheinlied vorgelesen. ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein‹ – da hatte er gemeint, nun ginge es gleich los.

Was hatten die Leute doch alles gefaselt von der ›Erhebung des Vaterlands‹?! Keine Waffe hatte im Ernst geklirrt: man exerzierte und manövrierte nur zum Spiel. Und von der ›Erhebung‹ hörte man kein Wort mehr. Alles still, alles ruhig, wie versunken in bleiernen Schlaf.

Der alte Soldat lächelte bitter – und er hatte gehofft! Warum nur? Wenn sie ihn nun totgeschossen hätten?! Dank für die Ehre! Tapfer gekämpft und tapfer gestorben für König und Vaterland – giebt’s einen besseren Schluß?!

Er räusperte sich und fuhr sich durch die Haare – viel graue Fäden drin! Ja, wenn die Vierzig erst überschritten sind, geht’s schnell abwärts. Was hatte der Garnisonprediger am Sonntag gesagt?

›Des Menschen Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist‹ – – –

Würde sein Leben auch einstmals köstlich gewesen sein?! Mit einem unruhigen Blick sah er umher. Der lange Tag hatte sich noch nicht geneigt, goldne Sonne beschien die Wände – noch war es Zeit, noch konnte das Köstliche kommen! Aber hoffentlich bald, bald!

Da ging die Thür. Frau Trina kam zurück mit Gesangbuch und Rosenkranz. Ihre Augen waren gerötet, als hätte sie geweint.

Ihr bekümmertes Gesicht fiel ihm auf. »Käthe,« rief er.

»Wat dann? Willste jett?« Mit einem unsicheren Blick sah sie an ihm vorbei.

»Komm mal her!«

»Ich hab’ jetzt kein Zeit!« Sie stülpte den Hut ab und wischte sich verstohlen über die Augen.

Argwöhnisch betrachtete er sie: kam wohl wieder aus der Beichte? »Was ’s denn los? Hast ja geflennt?«

»Ich –? Och ene!« Sie lachte gezwungen und wollte in die Schlafkammer.

Aber schon war er bei ihr und faßte ihr Handgelenk.

Glühend rot werdend, schüttelte sie ihre Hand. »Laß mich doch! Autsch!«

Hatte er sie denn so fest gedrückt? Unwirsch ließ er sie los.

Gebetbuch und Rosenkranz rasch auf den Tisch legend, schlug sie beide Hände vor’s Gesicht. »Wat hab’ ich en Leid, wat hab’ ich en Leid!« schluchzte sie.

»Na, na – Käthe!« Er war wirklich erschrocken und bemühte sich, ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen. »Na, was ’s denn los? Nu red’ schon ’nen Ton!«

»Och – och,« wimmerte sie und weinte immer heftiger, »och Jesus! Dat Leid! Wat hab’ ich dann auf dieser Welt? Jar nix, ich muß mich plagen alle Tag. Un wenn mer denkt, dat mer nachher nit emal in de ewige Seligkeit kömmt! Un uns’ arm’ Kinder, wat können die dafor?! Och, och, die müssen auch brennen im Fegfeuer!« Jammernd rang sie die Hände. »Jesus Maria, un ich bin schuld dran!«

Fast war’s ihm lächerlich, ihr Gebaren war so komisch, aber er brachte doch kein Lachen heraus. Er ärgerte sich: kam sie ihm schon wieder mit ihren überspannten Mucken?! Sich bezwingend, versuchte er, sie zu beruhigen: »Na, na, Käthe, wird so schlimm nich sein, gieb dich zufrieden!« Er wollte seinen Arm um ihre Schultern legen, sie riß sich los.

»Bleib mer vom Leib! Du bis an allem Verdruß schuld!« Ihre thränenüberströmten Wangen glühten, in ihren sonst so gutmütigen Augen flammte ein Strahl auf, der fast dem Haß glich. »Hab’ ich dich nit e so vielmals jebeten, du sollst de Kinder wenigstens richtig taufe lassen, so wie et sich jehört?! Ne, kein’ Ohren haste jehabt, du bis en Preuß’, du has kein’ Jlauben, kein’ Relijon – nu hammer et Unjlück!« Mit erneuter Stärke erhob sich ihr Gejammer: »Un ich bin schuld, un ich bin schuld dran!«

Das Blut war ihm zu Kopf gestiegen, unwillkürlich zuckte seine Hand – verrücktes Weibsbild! Da fiel sein rollender Blick auf den Rosenkranz, auf das Buch. Wie Weihrauchduft stieg’s auf aus dessen Blättern. »Wo kommste her?« fragte er rauh.

»Aus der – der Kirch’ – aus der Beicht!«