Part 7
Der Major sprach in seine Betrachtungen hinein – das Herz mußte ihm übervoll sein, er vergaß ganz den Untergebenen –: »Ja, wenn ich die Tochter nicht hätte, keine Stunde bliebe ich mehr! Nichts los, gar nichts mehr los! Aber so viel weiß ich, sowie meine Tochter ’ne Partie gemacht hat, nehme ich den Abschied; so lange muß ich schon noch aushalten.« Er seufzte. »Na, und dann ziehen meine Frau und ich uns in irgend einen netten Winkel zurück, ich halte mir Hühner und okuliere Rosen. Mein Sohn muß schon alleine sehen, wie er fertig wird. Ich bin’s müde. Aber daß Sie, Rinke, nicht längst um eine Civilversorgung eingekommen sind, begreife ich nicht. Meiner besonderen Fürsprache sind Sie sicher!«
Also auch der redete ihm zu, zu gehen?! Nein, nein! Rinke konnte sich doch nicht entschließen, wie mit Klammern hielt es ihn am Dienst fest. Wenn’s nun Krieg wurde und er kam nicht mit?! So lange er aktiv war, konnten sie ihn nicht daheim lassen. Und er mußte mit, er mußte mit, solange er noch einen Fuß rühren konnte! – –
Frau Trina hatte kein Glück mit ihren Anbohrungen, fest wie Eisen blieb ihr Mann. Da gab sie die fruchtlosen Bemühungen auf; was sollte sie auch ihren Rinke und sich selber ärgern?! Vielleicht, daß der Wilhelm mal den ›Bunten Vogel‹ übernehmen konnte! Der Großvater war schon sehr alt, und allein würde die Großmutter nie und nimmer fertig werden. Das war doch etwas andres für den Wilhelm, als das ›Schneider lernen‹!
Gegen das Handwerk an sich hatte Frau Trina nichts einzuwenden, wohl aber, daß es gerade ein Militärschneider war, zu dem Rinke den Jungen in die Lehre gebracht. Wenn’s noch ein richtiger däftiger Bürgersleutschneider wäre!
Sonst ließ sich der Wilhelm ganz gut in der Lehre an; besonders hatte er es verstanden, sich der Meisterin angenehm zu machen. Er war eben kein solches Rauhbein, wie die meisten Düsseldorfer Rabauen; die sanfte Hand der Großmutter merkte man ihm noch immer an. Und daß er ein wenig versteckt war – versteckt konnte man eigentlich nicht sagen, ein bißchen ›für sich‹ – dafür machte Frau Trina ihren Mann verantwortlich, der hatte den Jungen eingeschüchtert.
Der junge Mensch zeigte nach wie vor eine große Abneigung gegen die Kaserne, darum ging die Feldwebelin öfters zu ihm hin – eine gesprächige Freundschaft verband sie mit seiner Meisterin – oder sie führte ihn auch Feierabends spazieren und kehrte mit ihm im ›Bunten Vogel‹ ein.
Aber alle Sonntag nachmittag mußte der Sohn in der Kaserne antreten – unwiderruflich – der Vater verlangte es.
Auch heute erwarteten sie ihn. Der Feldwebel hatte schon zum zweitenmal seine Zeitung von A bis Z durchstudiert, nun horchte er auf das Schlagen der Uhr. Konnte der Bursche denn nie pünktlich sein? Auf seiner Stirn zog sich die Falte zusammen.
Josefine schlüpfte aus dem Zimmer in die Küche, um von dort auf den Hof zu spähen. Sie kannte dies Gesicht des Vaters. Wo blieb der Wilhelm denn nur? Statt pünktlich zu kommen, war er eine Stunde später noch nicht da! Wie dumm! Nun war der Vater gleich von vornherein schlechter Stimmung.
Die Mutter lag noch in der Schlafkammer auf dem Bett mit gelöstem Mieder und aufgeknüpften Rockbändern in friedlichem, lang andauerndem Mittagsschlaf, ohne Ahnung, daß sich ein Ungewitter zusammenzog.
Endlich knarrte die Stiege. Gott sei Dank! Wie der Wind flog Josefine an die Treppe und zog den Bruder erst noch einen Augenblick in die Küche. Hier sah sie ihm besorgt in das blasse Gesicht: »Is dich jett?«
Ihre Nasenflügel hoben sich, sie beschnupperte seinen Rock: »Willem, wie riechste dann? Du has ja jeraucht!«
Rasch zog sie ihm den Rock herunter und schlenkerte ihn vom Küchenfenster aus in die scharfkalte Luft. »Dat der Vater et nur nit zu riechen kriegt, du – Jeses – Willem, wat siehste schlecht aus?!«
Der blasse, junge Mensch vermied ihren Blick; mit gesenkten Lidern stand er und nestelte an seinen Hemdärmeln, schaudernd in der frisch hereinwehenden Kühle. »Bis still,« sagte er dann, »schrei doch nit eso! Ich hab’ jeraucht – wat is da weiter bei?!«
»Aber du sollst doch nit!«
Er zuckte die Achseln. »Ich kann nix dafor, se lachen einem ja aus, wenn mer nit raucht. Der Jesell hat mich en Piep Toback jejeben, ein einzije, wahrhaftijens Jott! Aber da is et mich e so kotzjämmerlich nach jeworden – ba!« Er schüttelte sich noch in der Erinnerung und spuckte aus.
»Un jetrunken haste auch,« sagte Josefine vorwurfsvoll.
»Et war mich zu schlecht, da hat mich de Jroßmutter ’ne Bittre jejeben un de Jroßvater auch eine. Un in der Wirtsstub’ saß de Schnakenbergs Hendrich, un dem seine Schwiejervatter, un ich mußt’ mich bei se setzen, un se traktierten mich mit Bier – da würd’ et mich jleich wieder jut – och Jott, och Jott, Finken!« Er hielt sich den Leib.
»Josefine!« rief von drinnen des Vaters Stimme.
Wilhelm schreckte zusammen.
»Josefine! Ist der Bengel noch nicht da? Josefine!«
Man hörte im Zimmer das Rücken eines Stuhls und einen schweren Tritt.
»’schwind!« Josefine half dem Bruder in den Rock und drängte: »’schwind, mach dat de erein kömmst! Halt dich jerad’, Willem! ’schwind, ’schwind!«
»Na,« sagte der Vater, als sie in die Stube traten, und richtete seinen scharfen Blick auf sie. Einen bösen Blick, so erschien es wenigstens Wilhelm; er suchte sich hinter der Schwester zu verbergen.
»Du kommst spät! Warum?« Es klang wie ein Verhör.
»Er war erst noch in der Ratingerstraß’,« beeilte sich Josefine zu sagen. »Bei den Jroßeltern kömmt mer immer eso rasch nit fort!«
»So – hm!« brummte der Feldwebel. »Na,« – er streckte Wilhelm die Hand hin – »na, dann setz dich, Junge!«
Scheu ergriff der Sohn die Hand des Vaters; seine schlanken Finger verschwanden ganz in der sehnigen Faust. Das war ein eiserner Griff! Wilhelm unterdrückte ein Zusammenzucken.
»Pimpliger, pampliger Schlingel!« Mit einem halb gutmütigen, halb ärgerlichen Lachen gab der Feldwebel die schmächtige Hand frei. Würde der Junge denn nie Mark kriegen? Den nähmen sie nicht beim Militär! Es gab ihm einen Stich: ein Sohn von ihm nicht wenigstens seine paar Jahre dienen?! Verstimmt setzte er sich nieder, nahm wieder die Zeitung vor und sagte kein Wort mehr.
Auch Wilhelm wagte nicht zu sprechen; schlapp vornüber gebeugt, hing er auf einer Ecke seines Stuhls, mit trüben Augen in’s Licht blinzelnd. Josefine hatte die Talgkerze auf dem Messingleuchter angezündet; in dem fahlen Flackerlicht sah das Knabengesicht noch fahler aus, die Schatten unter den Augen erschienen noch tiefer. Wilhelm kämpfte mit dem Übelsein; aber als ihm die Schwester jetzt einen Kaffee und eine Kommißbrotschnitte, zur Feier des Sonntags mit Apfelkraut bestrichen, vorsetzte, wagte er nicht, dies auszuschlagen. Zögernd nahm er Schluck für Schluck. Der Kaffee würgte ihn förmlich im Halse, verzweifelt stierte er auf das Brot – wie sollte er das herunterkriegen? Schon der Gedanke an essen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; schwindlig wurde ihm auch, und gähnen mußte er, gähnen, als wäre er drei Nächte in kein Bett gekommen. Josefine blinkerte ihm warnend zu – ja, er wußte es auch, der Vater konnte das Gähnen für den Tod nicht ausstehen, aber was sollte er machen?! So sehr er auch die Lippen aufeinanderpreßte und die Luft durch die Nase zog, es zwang ihm gewaltsam den Mund auf, er mußte gähnen, gähnen aus den Tiefen seiner Seele.
Ein verwunderter Blick des Vaters traf ihn. »Hast wohl die ganze Nacht gewacht? Gearbeitet, he?«
Etwas undeutlich Gestottertes war die Antwort; eine glühende Röte stieg dem Jungen dabei in die bleichen Wangen.
Argwöhnisch betrachtete der Feldwebel ihn – was, trieb sich der Bengel etwa gar herum?! Haltung und Gesichtsfarbe gefielen ihm gar nicht. Immer finsterer wurde die Falte auf des Vaters Stirn. Er that, als ob er lese, stützte den Kopf in die Hand, aber von unten herauf betrachtete er unausgesetzt den Sohn. Dieser merkte das, und, unter’m Tisch die Hände zusammenpressend, mühte er sich gewaltsam, das krampfhafte Gähnen zu unterdrücken und sich ein möglichst harmloses Aussehen zu geben. Er versuchte sogar ein leises Pfeifen; der Vater untersagte ihm das sofort.
Wenn doch Josefine wenigstens drin geblieben wäre! Aber die war gegangen, die Mutter zu wecken, der Mond schien ja schon bleich. Und der Schnee leuchtete in gespenstischer Helle. Ein Schweigen lastete draußen auf dem Platz, ein Schweigen auch in der Stube, so drückend, daß des Jungen Herz pochte.
Gott sei Dank, endlich kam die Mutter! Mit Herzlichkeit begrüßte sie den Sohn. Josefine mußte ihr von Wilhelms Übelbefinden berichtet haben, denn sie fragte mehrmals in einem Atem: »Wie jeht et dich, wie is dich jetzt, is et dich jett besser?«
»Wickel ihn doch lieber in Watte,« sagte der Feldwebel plötzlich und stieß ein kurzes Lachen aus.
Aber Frau Trina ließ sich jetzt so leicht nicht mehr einschüchtern, war sie doch die Besitzende in der Ehe, guter Bürgersleute Kind. »Laß doch,« sagte sie. »Meine arme Jung’! De hat et auch schwer jenug. Morjens als eso früh eraus, de Baas,[8] de läßt sich de Stieweln von ihm wichsen, un sie, de Meisterin, all dat Wasser un Holz schleppen! Un dat Rennen der janze Tag – de Preußen machen ja en Wirtschaft um eine armselige Knopp! Un dann nit emal sechs Penning Trinkjeld!«
[8] Meister.
»Ist auch kein Unglück,« brummte der Feldwebel. »Geld – wozu braucht der Bengel Geld? Daß er’s verraucht –« er hob rasch den Kopf, ein voller Blick traf den Sohn, der unter diesem Blick zusammenknickte – »oder mit Frauenzimmern verposamentiert!«
»Rinke!« Frau Trina sprach es vorwurfsvoll und legte den Arm um die Schultern ihres Sohnes. »Ne, de thut doch so jett nit! Dat Jüngesken!«
»Na,« – eine unheilverkündende Röte stieg langsam dem Feldwebel in die Stirn – »der Jüngste, der Beste! Da sollte man doch hierzulande die Frauenzimmer nicht kennen! Machen sich hier immer so groß mit ihren rheinischen Mädels – haha! Die Weibsbilder, die halbnackt den Malern Modell stehn, die sind auch rheinische Mädels – nette Sorte – na, ich danke!«
»Et Fina is doch auch en rheinisch Mädchen,« platzte Frau Trina heraus; sie ärgerte sich mächtig über den geringschätzigen Ton ihres Mannes.
»Die Josefine – meine Tochter?! Du bist ja verrückt!«
»No, wat dann?« Jetzt fing Frau Trina an, hell zu lachen. »Et Fina is doch in Düsseldorf jeboren, un hie is doch de Rhein! Un et is so, wie die Mädches hie all sind, akkurat so, un nun soll et auf einmal kein rheinisch Mädche sein?!«
»Halts Maul!« Der Feldwebel schrie sie grob an, und dann faßte er den Jungen vorn an den Rockklappen, beroch ihn, schüttelte ihn hin und her und schob ihn mit einem unsanften Stoß der Mutter zu. »Da – wie stinkt der Bengel?! Nach Knaster und Kneipe! Ich will dich lehren, wo hast du dich ’rumgetrieben, he?«
Keine Antwort. Schreckensbleich starrte Wilhelm drein; in einem nervösen Zucken bewegten sich seine Lippen, aber keinen Laut brachte er heraus.
»Wo hast du dich ’rumgedreht, wie siehst du aus? Antwort! Wird’s bald?«
Josefine mengte sich ein. »Vater, wat is dann, sei doch nit bös!«
Er stieß sie von sich. »Kümmer dich um deine Sachen! – Wo hast du dich ’rumgetrieben, Bengel?!« Er stampfte auf. »Lüge nicht! Du weißt, vormachen lass’ ich mir nichts – na?!«
Der Knabe erstarrte förmlich unter des Vaters Blick.
»Vater,« rief Josefine, »er hat sich nit erumjetrieben! Willem, nu sag et doch, sei doch kein Bangbüx! Der Jesell hat ihm en –«
»Er hat ja jar nix jethan,« schrie die Mutter dazwischen, »de arme Jung’! Rinke, wat fällt dich ein?!«
»’raus! Frauenzimmer ’raus!« Mit unwiderstehlicher Gewalt schob Rinke die beiden Frauen in’s Nebenzimmer. Nun verriegelte er die Thür. Mit starken Schritten kam er dann zurück, direkt auf Wilhelm zu. Der war ganz in eine Ecke gewichen.
»So,« – unheimlich ruhig klang’s – »so, mein Sohn, nu sage mir mal, wo du dich ’rumgetrieben hast, ich möcht’ das gerne wissen.« Und dann aufbrausend: »Ich muß es wissen!«
»Ich hab’ – mich nit – erum–je–trieben!«
Ein Schlucken stieß den Knaben.
»Lüge nicht!«
»Ich lü–lüg’ – ja – nit!«
»Jawohl, du lügst!« Immer drohender wurde das Auge des Vaters, es blitzte unter den düsteren Brauen.
»Wahrhaftijens Jott –«
»Junge!« – Des Feldwebels Stimme verlor plötzlich an Rauheit, sie wurde fast bittend – »Junge, sag mir die Wahrheit, thu’s mir nicht an, daß du lügst!«
»Ich – hab’ mich nit – erumjetrieben! De Jesell jab mich ene Pfeif’ – et wurd’ mich so schlecht – de Jroßmutter jab mich ene Bittre, de Jroßvater auch – se jaben mich Bier – ich kann nix dafor – Vater, Vater!« Aufschreiend hielt er sich schützend beide Arme über den Kopf; der Feldwebel hatte die Hand gehoben.
Feig?! Ein verächtliches Zucken ging über des Feldwebels Gesicht, und dann kam ein Ausdruck von Scham. Feig – sein Sohn war feig! Wer feig ist, lügt auch.
»Ich glaube dir nicht,« sagte er hart. »Sieh mich an!« Und als Wilhelm den Blick nicht hob, noch einmal: »Ansehen!«
Die gesenkten Lider öffneten sich zwinkernd, das matte Auge des Sohnes versuchte, dem Blick des Vaters standzuhalten, aber es füllte sich jäh mit Thränen. Geblendet, verwirrt senkte es sich wieder zu Boden.
»Laß mich eraus,« stöhnte Wilhelm. Alles drehte sich mit ihm, eine peinvolle Übelkeit kam ihn an.
»Gleich kannst du gehen – aber vorerst – vorerst wer’ ich dich lehren – du Bengel – wie man’s Lügen austreibt!« In Schmerz und Empörung sah der Feldwebel um sich: da lag hinter’m Ofen der Stecken zum ausklopfen der Montur.
»Vater, Vater!«
»Schockschwerenot – willst du die Wahrheit sagen?!«
»Ich sag’ se ja – ich sag’ se ja!«
Draußen raschelte es vor der Thür, Mutter und Schwester horchten am Schlüsselloch.
»Jesses, Rinke!« Das war Frau Trinas Stimme. »Mach ens auf, Rinke!«
»Wirst du’s jetzt sagen?« Rinke streckte den Arm nach dem immer mehr und mehr Zurückweichenden aus. »Wo warst du?«
Wilhelm wimmerte: »Vater, Vater!«
»Vater, thu ihm doch nix! Vater, hör doch!« Josefine warf sich mit der ganzen Wucht ihrer jungen Kraft gegen die Thür und rüttelte am Schloß. »Mach ens auf, Vater!«
Er ließ sie rufen und klopfen. »Rumtreiber, Lügner!« stöhnte er zwischen den zusammengebissenen Zähnen. Und dann machte er einen großen Schritt und langte den Stecken hinter dem Ofen vor und stand wieder vor dem ganz in eine Ecke Gedrückten.
»Komm ’raus!« Eine unbarmherzige Strenge lag um des Feldwebels Mund, nichts regte sich in seinem Gesicht. »Hose ’runter! Eins, zwei –«
Der junge Bursche starrte ihn an, als verstände er nicht. Seine Augen waren schreckhaft weit geöffnet, er wurde totenblaß, und dann schoß ihm auf einmal eine glühende Röte bis unter die Haarwurzeln.
»Hörst du nicht? Hose ’runter – eins – zwei – drei!«
»Laß mich!« Das war ein Schrei der Empörung. Beide Hände vorgestreckt, stierte der junge Mensch den Vater an. »Ich laß mich nit hauen – ich laß mich nit mehr hauen! Ich will mich nit mehr –«
»Du – du läßt dich nicht mehr hauen? Du willst nicht mehr?! Was?!« Schon hatte der starke Arm des Feldwebels den sich verzweifelt Sträubenden aus der Ecke gezerrt. Kein Widerstand half. Wie ein unmündiges Kind wurde der Sohn über’s Knie gezogen – Hose herunter – eins, zwei, drei – sausend fiel die Gerte nieder. Und wieder und wieder.
Weiter kein Laut hörbar. Auch die draußen Lauschenden waren verstummt.
»So,« sagte jetzt der Vater kurz und schleuderte die Gerte weg. »So. Nu kannst du gehen!«
Der Sohn richtete sich auf. Mit zitternden Händen seinen Anzug ordnend, stand er einen Augenblick, dann wankte er zur Thür. Als er den Riegel fortschob, warf er einen Blick in die Stube zurück, einen einzigen kurzen Blick, scheu und von unten herauf; aber neben der Furcht, und stärker als diese, glimmte noch etwas andres in seinen Augen.
»Adjüs!« sagte er heiser. Dann riß er die Thür auf.
An Mutter und Schwester vorbei stürzend, flüchtete er die Treppe hinunter. Vergebens riefen sie ihm nach.
Als die Frauen bestürzt in die Stube traten, saß der Feldwebel wieder vor seiner Zeitung, anscheinend ganz vertieft. Aber Josefine fand, der Vater hatte eine seltsam gramvolle Miene.
VIII
Schnee, Schnee, überall Schnee. An die Mauern war er angeweht worden und klebte in allen Ritzen; in den Fensterecken hatte er Polster aufgeschichtet, vor die Hausthüren hatte er sich gelagert, über die abschüssigen Dächer war er heruntergerutscht und hing nun drohend in den Rinnen.
Die Bäume der Königsallee, die schon dicke, zum aufplatzen geschwellte Knospen gezeigt, hatten alle Frühlingsträume vergessen; sie standen in Sterbehemden. Der weite Exerzierplatz war von einem Leichentuch überdeckt, kein Tritt schallte, kein Kommando ertönte.
Frau Trina seufzte fröstelnd, als sie am sonnenlosen Spätnachmittag beim Fenster saß. Auf ihrem Schoß lag eine alte Hose ihres Mannes – wie mit Pechdraht genäht! Das war eine mühselige Arbeit, den roten Vorstoß herauszutrennen; aber man konnte doch die Jungen nicht herumlaufen lassen wie gezeichnet. Immer wieder ließ sie die Hände sinken, zuletzt lehnte sie den Rücken an und schloß die Augen.
Aber sie nickte nicht ein, wie sonst wohl gern, eine bange Unruhe hatte sie heut zu keinem Schläfchen kommen lassen. Den ganzen Tag schon lag es ihr in den Gliedern, ein garstiger Rabe hatte heut morgen unter dem Fenster gekrächzt – was wohl der Wilhelm machen mochte? Der arme Junge, hatte der gestern einen Sonntag gehabt! Es würde wohl kein Unglück sein, wenn der sich mal ein kleines Pläsier gemacht hatte, statt den ganzen Sonntagnachmittag in der muffigen Kaserne zu sitzen! Prügel hatte er dafür bekommen – Prügel!
Ein wahrer Zorn erhob sich in Frau Trinas Seele: mußte denn gleich zugehauen werden? Und immer geschnauzt?! Ach, was war sie doch so dumm gewesen! Hätte sie lieber dazumal den Schnakenbergs Hendrich aus der Windmühl’ geheiratet, wie gut hätte sie’s jetzt! Ein Kanapee, und Hörtchens vor’m Fenster und keine Sorgen. Dem seine Frau ließ es sich wohl sein. Ach, und es war doch auch etwas ganz andres, in einer Straße zu wohnen – sie warf einen mißbilligenden Blick hinaus auf den Platz – mal Menschen zu sehen, nicht bloß Soldaten!
Seufzend stand sie auf und ging nebenan in die Schlafkammer. Da holte sie aus der Lade ihr Gebetbuch vor; wahrhaftig, ein Trost that ihr not!
Sie schlug es auf. Wie das paßte:
›Ich muß leiden und durch geduldige Ertragung der Leiden mich für den Himmel befähigen.‹
»Ach ja!« Sie sank in die Kniee vor der alten tannenen Lade und las, die Hände gefaltet, das Gebet an Maria um Geduld.
›Ich bedarf in meinen Leiden des Trostes zur Erleichterung, der Stärke zur geduldigen Ertragung derselben – beide suche ich bei dir, o schmerzvolle Mutter!‹
Schmerzvolle Mutter! Die Thränen, die schon lange lose gesessen, fingen Frau Trina an zu rinnen, sie dachte an ihren Wilhelm.
Aber sie las weiter:
›Du tröstest mich in den Bedrängnissen mit der lebendigen Hoffnung auf den herrlichen Lohn, der auf die Leiden dieser Zeit folgt.‹
Und eine große Erleichterung kam über sie. Sie las noch viele Gebete, auch solche, die nicht auf ihre jetzige Kümmernis paßten; aber alle verschafften ihr Ruhe. –
Draußen, jenseits des Flurs, trällerte Josefine in der Küche. Sie schrubbte die Dielen, daß Holzsplitterchen und schmutziges Wasser spritzten.
»Als de Jroßvatter die Jroßmutter nahm, Da war de Jroßvatter ’ne Bräutijam –«
sang sie mit schallender Stimme, gerade als die Mutter ihr Büchlein wieder in der Lade verschloß.
Frau Trina horchte auf – die war ja so lustig?! Nun ging sie auch nach der Küche.
»Mit dir, mit dir in’t Federbett, Mit dir, mit dir in’t Stroh –«
klang es übermütig weiter. Den Schrubber wie einen Tänzer vor sich haltend, drehte sich Josefine in der Küche; ihre Holzklumpen klappten, aber geschickt galoppierte sie auf dem feuchtglitschigen Boden.
»Dann sticht mich auch kein Federchen, Dann beißt mich auch kein Floh! Mit dir, mit dir –«
Schon fing sie wieder von vorne an, aber der ungeschlachte Tänzer kam ihr zwischen die Füße – er polterte hin – lachend flog das Mädchen auf die Mutter zu und faßte die um die Taille.
Und dann sangen Mutter und Tochter, beide sich umeinander wirbelnd, das alte Tanzlied und lachten dabei, daß sie weinten.
»Mit dir, mit dir in’t –«
»Pst!« Josefine legte plötzlich den Finger an die Lippen – der Vater kam die Treppe herauf!
Frau Trina errötete. Wenn ihr Mann sie jetzt gesehen hätte! Der würde schön schimpfen! Der Thür abgewandt, machte sie sich am Herd zu schaffen, um ihr erhitztes Gesicht zu verbergen.
Aber der Feldwebel schaute heute nicht wie sonst zuerst zur Tochter herein, er ging gleich in die Stube. Krachend flog die Thür hinter ihm zu.
»Och Jott, och Jott,« seufzte Frau Trina. All ihre Kümmernisse fielen ihr auf einmal wieder ein. –
Rinke hatte die vergangene Nacht schlecht zugebracht; seine Frau atmete schon seit Stunden tief und gleichmäßig, da saß er noch wach im Bett. Die Nacht war finster, schweres Gewölk hielt den Mond verdeckt, nur als ein, um weniges hellerer, Fleck hob sich das Kammerfenster aus der Schwärze. Graute der Morgen denn noch nicht?!
Es war ihm eine Erlösung gewesen, als der erste Frühschein über’m Platz dämmerte. Längst ehe die Reveille ertönte, stand er auf, schlich aus der Kammer und wanderte mit großen Schritten rastlos in der eiskalten Stube auf und ab, bis Josefine erschien und noch ganz verschlafen fragte, ob es denn schon so spät sei? Der Hornist lockte gerade.
Die Mehlsuppe schmeckte nicht, mit einem förmlichen Widerwillen hatte der Feldwebel den Napf von sich geschoben – der Junge, der Junge, der lag ihm auf dem Magen! War er nicht doch zu streng gegen den gewesen? Ah was, Strenge muß sein! Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.
Feldwebel Rinke war heut unwirsch im Dienst gewesen, die Kerle wurden angeschnauzt; als er die zehntägige Löhnungsberechnung in’s Löhnungsbuch eintrug, verschrieb er sich. Beim Mittagessen wußte er nicht, was er aß; gleich danach ging er wieder fort, es litt ihn nicht in der Stube.
Als er mit dem Hauptmann auf dem Kasernenhof hin und her pendelte und den täglichen Rapport abstattete, hatte er sich auf sonderbaren Zerstreutheiten ertappt; seine Gedanken waren immer abgeschweift, hin zu dem schweren Thor, das auf die Straße führte, hin zur Kapuzinergasse, hin zum Haus, wo Wilhelms Meister wohnte. Er hatte sich geärgert, daß er das Denken an den Jungen nicht lassen konnte. –
Nun war der Dienst soweit zu Ende, nur das Rapportbuch brauchte er am Abend noch dem Bataillonsadjutanten zu überbringen. Er hätte sich ruhig hinsetzen können zu seiner Zeitung, aber sie hatte heut kein Interesse für ihn. Aus der Küche hörte er das unterdrückte Kichern Josefines und seiner Frau – warum lachten die nicht laut heraus? Warum war plötzlich das Singen verstummt, als er die Treppe heraufgekommen? War er denn so fürchterlich, daß alle ihn scheuten?!
Verdrießlich lief er auf und ab wie am Morgen, unruhig, mit knarrenden Stiefeln.
»Au weh,« sagte Frau Trina draußen, »er is noch schlechter Laun’!« Die Knaben, die lärmend nach Hause kamen, wurden rasch beschwichtigt; keiner traute sich in die Stube.
Der Feldwebel blieb allein. Und wie das Licht des Tages immer mehr und mehr erlosch, fing er an, sich einsam zu fühlen. Gähnend stand er am Fenster und trommelte einen Marsch auf die Scheibe. Vom Bataillonsadjutanten, der unten in der Kasernenstraße wohnte, war’s nicht weit zur Kapuzinergasse – ob er mal hinging und nach dem Jungen fragte? Er nahm seine Mütze vom Nagel und gürtete das Seitengewehr um.
Josefine, die den Vater fortgehen hörte, wollte ihm nacheilen, aber die Mutter hielt sie zurück: »Fina, bleib, du kriegst nur Brummes!«