Die Wacht am Rhein

Part 25

Chapter 253,671 wordsPublic domain

Aber sie beachtete es nicht. Wie auf Flügeln eilte sie immer weiter, die Betten entlang, über jedes Lager beugte sie sich; mit einem Laut jammernder Enttäuschung fuhr sie jedesmal zurück, aber sie eilte weiter, weiter, durch alle Stuben, durch den Krankensaal im Offizierskasino, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.

Den weinenden Töchtern und dem zugleich verwirrt und ärgerlich dreinblickenden Oberstleutnant blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.

Auch Josefine folgte, mechanisch, wie hingezogen – die Frau suchte ja ihren Sohn!

Am letzten Bett drehte sich Frau vom Werth um.

»Er ist nicht hier!« schrie sie in einem herzzerreißenden Ton, und dann fiel ihr flackernder Blick auf Josefines schwarzes Kleid.

Auge in Auge sahen sich die beiden Mütter.

»Sie sind in – Trauer?« sagte Frau vom Werth stockend, und im Ausdruck des Entsetzens krampften sich ihre Züge zusammen. »Um – wen?«

»Um meinen Sohn!«

»Um Ihren Sohn?!«

Mit einem Wehlaut fiel die elegante Dame Josefine in die Arme; sie schluchzte herzbrechend:

»Mein Eugen war mit bei Spicheren, wir haben keine Nachricht, mein Mann ist hingereist, er sucht ihn – o, mein Gott, mein Sohn!«

Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzen Leib – das war die schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth? Jetzt so arm wie sie! Das war die Cäcilie von Clermont, die einst mit ihr auf der Schulbank gesessen?! Sie suchte und fand keine Ähnlichkeit mehr, alle Schönheit war weggeweint.

»Kennen Sie mich noch?« flüsterte sie traurig. »Ich bin die Josefine Rinke.«

»Rinke – Josefine – Rinke – ah, Fina, Finchen!« Die unglückliche Frau rang die Hände. »Ach Fina, was ist uns geschehen!«

Sie löste sich auf in Thränen. Aber Josefine konnte nicht weinen.

Vergebens hingen sich die Töchter – schöne, schlanke Mädchen – an ihre Mutter. Sie stieß sie von sich: »Mein Eugen, mein Sohn!«

Endlich ließ sich Frau vom Werth von Josefine fortführen; diese leitete sie die Treppe hinunter. Unten im Hof, unter den wispernden Ahornbäumen, unter den Sternen, die blaß heraufzogen, standen sie kummervoll noch wenige Augenblicke zusammen.

»Mein Sohn, mein Eugen!« ächzte Frau vom Werth, als sie, halb ohnmächtig, von ihren Töchtern gestützt, an die wartende Equipage wankte.

Der Oberstleutnant schlug den Schlag zu und wischte sich den Schweiß ab: Gott sei Dank, daß das vorüber! –

Am nächsten Morgen veröffentlichte die Zeitung die, freilich noch längst nicht abgeschlossene, erste offizielle Verlustliste des neununddreißigsten Regiments:

›Tot .... Verwundet .... Vermißt .... Summa ....‹

Die Summa war groß.

Unter den Toten war Füsilier Peter Conradi verzeichnet; unter den Vermißten Sekondeleutnant Eugen vom Werth.

Aber auch der war tot; kurze Zeit darauf stand folgende Anzeige in allen Blättern:

›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser einziger, inniggeliebter Sohn =Eugen Ernst August vom Werth=, Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39.

Die tieftrauernden Hinterbliebenen.‹

Herr vom Werth hatte den Sohn gefunden. In einem Lazarett war der gestorben. Der gebeugte Vater hatte seinen Stammhalter unter unsäglichen Mühen mit in die Heimat geschleppt. Ob es wirklich Eugen war? Man hatte den Sarg nicht mehr öffnen dürfen. Aber so hatte die unglückliche Mutter wenigstens nun den schwachen Trost, auf dem Grabe Blumen pflegen und sie mit ihren Thränen begießen zu können.

Wo der Peter begraben lag, das konnte der Mutter niemand sagen. Und wenn sie hingeeilt wäre und hätte mit ihren Nägeln die blutgedüngte Scholle des großen Totenackers aufgerissen – sie hätte ihn nicht gefunden.

»Er ist im ewigen Leben,« sprachen Schwester Eustachia und Schwester Daria, die Mägde Christi, und ihre Oberin, Mutter Clara, die mit Josefine zusammen pflegten.

»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein fehlendes Bein.

»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.«

»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit Freud’ ernten!«

Und der Kleine schmiegte sich an sie:

»Mutter, ich bleib’ bei dir!«

Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der Straße sangen die Knaben Spottlieder:

›Was kraucht denn da im Busch herum? Das ist der Herr Napolium –‹

Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach, Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen, besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen. Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt waren?!

Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen, Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel. Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zu kräftigen, und alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken.

Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’ Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann ’t de Junges schmeckt – bis morjen!«

Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam; besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden vorbei; für alle hatte sie nicht genug.

Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt, lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte. Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast ganz den Nonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes Französisch wieder hervorholen?!

Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach, die Thränen kamen ihm in die Augen.«

Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen andern bestimmt.

»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu.

Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen und bewegte die trockenen Lippen:

»_Des rai – des rai –!_«

Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort. Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›_merci!_‹ schloß er die Augen.

»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er vielleicht einen Weingarten gehabt!«

Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte sie nicht über sich gewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da.

Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig, daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen Blick.

Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er ein wenig den Kopf und nickte:

»_Pau–vre mère!_«

Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken. Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick.

Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes, französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber Sohn! _Pauvre mère_ – das hatte sie getroffen in innerster Seele.

Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen, das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen, matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an.

»_Ma–man!_«

Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte.

Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr.

Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen.

Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten Kirchhof begraben wurde.

Und andre folgten ihm nach.

* * * * *

Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht, und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet.

Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte! Jubelruf und Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen. Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten, zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen Bissen Brot.

In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden.

Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde.

Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte.

Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden; aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte flehentlich darum gebeten. Waren sie doch beide am selben Tag verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden. Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden.

»’ne faule Sache,« flüsterte Schmidt bekümmert Josefine zu, die in halb schmerzlicher, halb freudiger Erregung des Wiedersehens an sein Bett geeilt war, und wies mit dem Blick hinüber nach dem Nebenmann. Der lag, wächsern und still, in seinen Kissen, bis auf’s letzte erschöpft vom Transport, vom Betten, Untersuchen und Verbinden.

Das Herz im Leibe drehte sich Josefine um. Wie oft hatte der Hucklenbruch seelenvergnügt in ihrem Lädchen gesessen, und nun mußte er so daliegen!

»Ja, denn man lieber jleich weg,« flüsterte Schmidt. Und dann sah er Josefine ganz seltsam an; seine sonst so kecken Augen wurden feucht und nachdenklich.

»Ich hab’ Ihnen auch noch was zu bestellen, Frau Conradi, ’nen –« er zögerte und strich sich verlegen den Schnurrbart – »’nen Jruß!«

»Von wem?« Warum fragte sie noch? Ach, sie wußte ja von wem! Es konnte nicht anders sein, sie empfand es am wilden, rasenden Schlagen ihres Herzens, jetzt kam etwas, ein Gruß, ein Gruß von – von –! Ihre Kniee brachen, unwillkürlich sank sie am Bett nieder und faltete die Hände krampfhaft: »Och Jott, vom Peter!«

Der Verwundete nickte. Die Botschaft wurde ihm nicht leicht, seine Stimme klang aufgeregt:

»Da – aus meinem Rock, jeben Se mal her – aus der Brusttasche – so, mein Notizbuch. Ich habe nämlich – was Jeschriebenes für Sie – ’nen Zettel – ich habe immer höllisch drauf ufjepaßt.«

Sie konnte das Notizbuch nicht gleich finden, ihre Hände zitterten zu sehr.

Nun kniete sie wieder am Bett, und Schmidt machte umständlich das Büchelchen auf, suchte umständlich darin. Sie hielt den Atem an und riß die Augen auf: was würde sie lesen?! Daß er tot war, daß wußte sie ja – aber =wie= war er gestorben, wie?!

Dauerte das Suchen denn Stunden lang?! Eine Ohnmacht wollte sie ankommen, ihre Lippen bebten, ihre ganze Gestalt; kein Wörtchen konnte sie lallen. Aber jetzt – jetzt, gleichsam aus weiter Ferne schlug Schmidts Stimme an ihr Ohr:

»Er starb wie ein Held!«

Da seufzte sie tief auf, als sollte der Atem ihre befreite Brust sprengen, und riß gierig den Zettel an sich. Laut schrie sie auf: das war ihr Zettel, ihres Vaters Zettel, den sie dem Sohn in letzter Stunde zugesteckt beim Ausmarsch!

Und er hatte das Vermächtnis angetreten.

Da stand: ›Über alles die Ehre!‹ und darunter gekritzelt, mit Blut:

›Liebe Mutter, adjüs.‹ – – –

»Ehre, wem Ehre jebührt,« sagte Schmidt. »Der Junge war ’n janzer Kerl, bis zum Tode!«

Josefine drückte dankbar die Hand, die ihr den Zettel überbracht, dies Teuerste, was sie von nun an in ihrem Leben hatte.

Viele Tage trug sie das verknitterte, vergilbte, blutbefleckte Papier auf ihrer Brust. Da lag es und gab ihr ungeahnte Kraft; aber dann schloß sie es doch in die Truhe, in ihr Nähkästchen, zu den Andenken ihrer Jugend und Ehe. Jetzt hatte sie den Talisman nicht mehr nötig, sie war ruhig geworden in sich. Nicht mehr von der steinernen Ruhe jener ersten Zeit, nein, Gott sei Dank, sie konnte weinen! Aber in ihre Thränen mischte sich das Gefühl des Stolzes: mein braver Sohn! –

Von ihren Kranken empfing Josefine besondere Zeichen des Vertrauens.

»Schreiben Sie an meine Mutter,« bat mancher Soldat.

Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark empfanden für die Mutter daheim.

Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹

»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n kleenes Briefchen schreiben?«

»Jern.«

»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel! Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden, wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jerade nich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also, haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’ ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken. Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber an die Juste schreiben Se man, bitte!«

* * * * *

Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert, fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in Anspruch nehmend:

›=Fahnen, Fahnen=!

Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹

Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein, ’rein – ’raus.

»Sie wünschen?«

»Fahnen, Fahnen!«

»Schwarz-weiß?«

»Nein, schwarz-weiß-rot!«

Ein Meer von Schwarz-weiß-rot hatte sich über die Stadt ergossen. Zu jeder Bodenluke, zu jedem Mansardenfenster heraus steckte bald eine lange Stange; und lustig flatternd und sich freudig blähend im frischen Herbstlüftchen, klatschte das schwarz-weiß-rote Tuch gegen das untere Stockwerk. Das klang wie Wellenrauschen, wie Musik einer stürmischen Brandung: Sedan, Sedan!

Überall flaggte und wimpelte es. Der Jägerhof, das Rathaus, die Kaserne, das Theater, die Kirchen, die Schulen, die Thore, die Rheinbrücke, selbst der alte Jan Willem hatten geschmückt. Um alle Dächer rauschte es, durch alle Lüfte sauste es: Sedan, Sedan!

Große Flaggen, kleine Flaggen, schmale Wimpel, breite Wimpel, kostbares Tuch, dünner Nessel, verwaschener Kattun, Papierfähnchen – aber strahlender Sonnenschein lachend über alle, und übermütig dreinharfender Wind: Sedan, Sedan!

Wer freute sich nicht?! Die Verwundeten setzten sich auf in ihren Betten und horchten mit gespanntem Ohr. Der Rhein brauste es, Kanonen donnerten es – wer hätte gedacht, daß die je solchen Jubel künden könnten –: Sedan, Sedan!

›=Gefangennahme des Kaisers Napoleon. Kapitulation der Armee Mac Mahons bei Sedan=!‹

Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden!

Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen. Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen, sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede!

Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht.

Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen; Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen:

›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹

In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹

In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und andre stießen mit Wein an.

Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein, firn und golden wie Harz. »Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben ihn, den Napolium!«

Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam, hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften.