Part 24
Der Invalide war ganz außer sich vor Aufregung: ja die, die wurden gefeiert, als hätten sie schon hundert Siege erfochten! Wer dachte noch derer von Sechsundsechzig?! Und wenn die hier wiederkamen, blessiert aus der Schlacht, dann brauchten sie sich nicht zu grämen, für sie würde der Staat Geld genug haben und die Bürgerschaft auch. Die brauchten sich nicht in den Ecken herumzudrücken und zu Tisch zu sitzen um Gottes willen. Der Neid fraß ihm am Herzen. Ä, dies lumpige Sechsundsechzig! Kein Hahn krähte mehr danach, und wenn man dran dachte, geschah’s fast wie mit Beschämung; Bayern und Hessen und Hannoveraner, die waren jetzt gute Freunde. Ach, daß er seine gesunden Glieder noch hätte, ach, daß er jetzt mitziehen könnte in diesen Kampf, den Deutschland ausfocht, ja, das ganze Deutschland! Er hätte weinen mögen.
Unweit des Bahnhofs, im nächsten Wirtshaus, setzte er sich fest und betäubte seinen Schmerz und Groll. Den Kleinen ließ er allein nach Hause laufen.
Josefine wußte nicht, wie ihr der Vormittag hingegangen, auch nicht, wie der Nachmittag; alle Vorräte im Lädchen waren durcheinandergewühlt, sie mußte nachsehen und aufräumen.
Aber am Abend, am Abend da kam ihr das Leid. Weinend warf sie sich vor ihres Peter Bett auf die Kniee und küßte das Kissen, darauf sein Kopf geruht. So lag sie lange, und dann stand sie am Fenster und starrte hinüber zur Kaserne. Wie verödet die war! Kein Licht hinter den Fenstern, nur die Sterne standen über’m Dach und funkelten darauf nieder mit grausamer Klarheit. Leer, leer – all die guten Jungen fort! Ob sie je wiederkamen?! ›Se schießen dich nit tot,‹ hatte sie dem zagenden Sohn gesagt, ›du kömmst wieder!‹ O, mein Gott! Jetzt rang sie die Hände empor zum nächtlichen Himmel in tödlicher Ungewißheit.
* * * * *
War die Garnison auch ausgerückt, die Stadt kam darum doch nicht zur Ruhe, und das war auch gut. Noch strömte es immer mit frischen Kräften zur Grenze; es schien, als zöge Deutschlands ganze Waffenmacht an Düsseldorf vorbei. Draußen auf der Wasserstation, weit vor der Stadt, passierten Truppenzüge Tag und Nacht. Patriotische Lieder aus vollem Halse singend, hingen die jungen Burschen mit halbem Leib zu den Waggonfenstern heraus; sie schmetterten mit allem Jugendeifer: Hurra, Hurra! Wie lange noch, und statt des munteren Singens würde man Stöhnen hören, und statt der lachenden Gesichter, der winkenden Arme, die nach Biergläsern und Butterbroten zappelten, Wunden sehen, bleiche Gestalten auf Bahren heben, die nichts mehr verlangten, als einen stillen Unterschlupf, ein Bett zum Ruhen, vielleicht auch zum Sterben.
Jetzt galt es, Lazarette zu rüsten.
Herr Schnakenberg war ungemein thätig. Er war zwar erst in der letzten Nacht vor’m Ausrücken der Garnison, in einen Militärtransport eingepfercht, verschmutzt und verschmachtet, von Karlsbad angekommen – zwei Tage und zwei Nächte hatte die Reise gedauert –, jetzt aber holte er nach, was er bislang versäumt. Diese strapaziöseste Tour seines Lebens kam auch noch auf Conto der Franzosen, die wollte er ihnen eingedenk bleiben. Er that alles, um sich an ihnen zu rächen. Tagelang konnte man ihn auf der Wasserstation geschäftig hin und her rennen und den durchpassierenden Vaterlandsverteidigern Cigarren in die ausgestreckten Hände stecken sehen – feine Marke, keine Liebescigarren! – und kleine Heftchen: ›Vorwärts! Auf nach Paris! Drei Krieglieder für deutsche Soldaten von Emil Rittershaus,‹ und Flaschen mit Cognac und Magenbitter und wollene Leibbinden gegen die Diarrhöe. Nichts war ihm zu teuer. Auch bei so und so viel Komitees war er im Vorstand, unter keinem Aufruf fehlte sein Name. Er hatte ja keine Kinder, wozu sollte er sparen? Die da auszogen für’s Vaterland waren alle, alle seine lieben Söhne.
So wie Herr Schnakenberg thaten viele in Düsseldorf; man war dort nie knauserig gewesen, jetzt wurde man fast verschwenderisch. War es doch auch, als ob alles Geld sich verdoppele, zwei Thaler hatten sonst nicht weiter gelangt, als jetzt einer; es ruhte ein Segen darauf.
Und es war auch, als ob die Häuser weiter würden, die Räume größer. Wie hätte man sonst so viel Betten aufschlagen können?
Die Nönnchen krochen in die engsten Winkel zusammen und überließen ihr Refektorium und ihren Betsaal. Die Schwestern vom heiligen Franziskus, die von Mariahilf, die Kreuzschwestern, die Karmeliterinnen, selbst die armen Dienstmägde Christi im Klösterchen zu Bilk stellten ihre Kräfte und alles, was sie sonst noch besaßen, zur Verfügung. Das neue Marienhospital wurde rasch eingeweiht. Im evangelischen Krankenhaus wußten die Diakonissen nicht, wo ihnen der Kopf stand, so viel hatten sie herzurichten; aber zwei Hände wurden zu zwanzig.
Und die Kaserne, die alte Kaserne mit ihren engen Blocks, dem niedrigen Offizierskasino und den verräucherten Kantinen wurde zum größten Lazarett. Da wurde gekehrt und gescheuert, frisch gekalkt und gestrichen, geräuchert und mit Karbol gespritzt. Auf dem Exerzierplatz wurden Baracken gebaut.
Josefine sah stündlich hinüber: wie sie sich da beeilten und schafften! Bald würden die ersten Verwundeten kommen. Das Herz krampfte sich ihr jetzt oft zusammen in einem jähen Schmerz, und doch hatte sie gute Nachricht von ihrem Peter. Dreimal hatte er ihr schon geschrieben, freilich nur Feldpostkarten mit Bleistift, aber sie sah doch seine schöne, deutliche Handschrift, und sie fühlte es aus jeder Zeile heraus, aus jedem Wort: er war ruhig. Sein Bataillon marschierte jetzt durch die Eifel auf Trier; er schrieb kaum was vom Krieg, die blühende Heide oben auf dem hohen Venn, die wunderbaren Sonnen-Auf- und Niedergänge entzückten ihn. Auch daß er nicht marode geworden sei beim glühenden Brand des Tages, wie so manch andrer, schrieb er, und daß er sich nicht die Füße durchgelaufen habe, sondern daß er gut marschiere in den wollenen Strümpfen, die sie ihm gestrickt, und in den neuen Stiefeln, die sie ihm beim Schuster Einbrodt hatte machen lassen. Ja, er war ganz ruhig – Gott sei Dank! Aber sie, sie war es nicht mehr.
Im Lädchen war kaum etwas zu thun; ruhelos irrte sie umher, hierhin, dorthin, vom Gärtchen bis zum Speicher – da oben stand noch ihr Bild, versteckt in der Bodenkammer. Sie zog es aus der Kiste und kauerte sich davor nieder. Es lachte sie an – aber da, da der Zug zwischen den Augenbrauen – ›der deut’t an, dat se mal Leid kriegt‹ –, nein, sie konnte es nicht mehr ansehen! Mit bebenden Händen, zitternd warf sie das Bild in die Kiste zurück. Nein, so konnte sie’s nicht mehr aushalten! Sie schrieb Briefe auf Briefe an ihr Kind – wann und wo würden die ihn erreichen?! Es genügte ihr nicht; wie nur konnte er fühlen, daß sie ihn umgab mit ihrer Liebe, mit ihren Wünschen, mit ihren Gebeten zu jeder Stunde, zu jeder Minute?
Nur was thun, was thun!
Wie eine Erlösung kam ihr der Gedanke, daß sie sich anbieten könne, wie so viele Frauen und Mädchen thaten, Kranke und Verwundete zu pflegen. Der Ferdinand hatte ihr ja gesagt, um’s Geschäft brauche sie sich keine Sorge zu machen, er wolle schon für den Rummel einstehen; und dann war doch auch noch der Fritz da und der sagte: »Mutter, du kannst ruhig jehn, ich pass’ schon auf!«
So lief sie hinüber in die Kaserne. Der alte Oberstleutnant, der, längst zur Disposition gestellt, nun noch einmal in Aktion getreten war, freudig die Lazarettverwaltung übernommen und schneidig, wie ein Junger, kommandierte, sah sie unter seinen weißen Brauen hervor freundlich an. Ja, die hier taugte ihm, die war besser, als die enthusiasmierten Damen, die ihm beinahe das Bureau einliefen!
Josefine nannte ihm ihren Mädchennamen. Rinke – Rinke – ja, ja, da entsann er sich. Soldatenblut, das war hier am Platz! Und er teilte ihr das größte Revier zu: Hof I mit all seinen Blocks und der früheren Feldwebelwohnung, und das Offizierskasino noch dazu.
Als er ihr dann die Hand gab, sah er ihr forschend in’s Gesicht:
»Sie haben einen Sohn dabei, Frau Conradi?«
»Jawohl, Herr Oberstleutnant.«
»Und ich ihrer drei,« sagte er, und es zuckte um seinen buschigen Schnurrbart. –
Kranke waren schon eingetroffen, Schwache, die auf den Eilmärschen zusammengebrochen; Mariahilf hatte sie aufgenommen. Aber noch harrte man der Verwundeten.
Wie ein dunkler Vorhang hing’s der Stadt vor den Augen – wer lüftete ihn?! Man hörte nichts von denen da draußen. Von einem Geplänkel an der Grenze, von einem Treffen bei Saarbrücken wurde gemunkelt. Aber wer war dabei gewesen, und war’s glücklich oder unglücklich ausgefallen?! Vermutungen sprachen sich von Mund zu Mund; kein Gerücht schien so unmöglich, daß es nicht kolportiert worden wäre. In einer qualvollen Ungewißheit verstrichen so die ersten Augusttage.
Da plötzlich ein Extrablatt, in Riesenlettern war’s angeschlagen – daß die Mauern nicht einfielen, die Bäume nicht umstürzten, die es trugen, dies:
›=Glänzender aber blutiger Sieg der kronprinzlichen Armee bei Weißenburg.=‹
Und kaum hatte man sich von dem Donnerschlag, der herrlich und furchtbar zugleich die Spannung löste, in etwas erholt, ein zweiter Donner:
›=Siegreiche Schlacht bei Wörth.=‹
Ein gellender Schrei stieg gen Himmel: Sieg, Sieg! Wer fragte vorerst nach Verlusten? Man las nichts von ›blutig‹, nur Sieg, Sieg! In hellem Jubel stürmte das Volk durch die Straßen; stolze Freudenfeuer, in jedem Herzen, in jedem Auge entzündet, lohten empor: Sieg, Sieg!
Die Zeitungsexpeditionen wurden gestürmt; sie mußten ihre Thüren und Fenster verrammeln. Man wollte mehr wissen, man forderte gierig sein Teil am Geschehenen: Wieviel Franzosen tot? Wieviel gefangen? Wieviel Kanonen erbeutet? Hat der Feind nun genug gekriegt?!
Die Nacht vom sechsten auf den siebenten August wurde ein vielstündiges Freudenfest; wer hätte an schlafen gedacht? Sieg, Sieg – das prickelte wie Champagner. Wer konnte noch bange sein, wenn Freudenschüsse es dröhnten, wenn alle Glocken es sangen: Sieg, Sieg!
›Deutschland, dein Sonnentag erscheint!‹ rief der begeisterte Dichter Rittershaus. Fürwahr, ein Sonnentag schien angebrochen, schon schimmerte der Rhein golden, die Krone, die versunkene, hob sich von seinem Grund strahlend zum Tageslicht.
Zwei große Schlachten gewonnen! Wahrhaftig, der seltsame Mann, der noch immer predigte: ›_Maran atha_ – kommt, der Herr ist nahe! Hört ihr den Donner, er kündet die nahe Wiederkunft des Herrn Herrn!‹ hatte recht – das jüngste Gericht brach an über die Franzosen.
Sieg, Sieg! Josefine wurde mit fortgerissen vom allgemeinen Jubel; auch sie war im Rausch. Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus hatte auch sie ergriffen. Mit flatternden Röcken lief sie über die Straße, mit hochgeröteten Wangen und blitzenden Augen; sie konnte es nicht genug hören, es nicht genug selber künden:
»Sieg!«
Sie konnte nicht stillsitzen, wie ein flüssiges Feuer lief es ihr durch die Adern – Sieg! Wie würde der alte König sich freuen! Der würde jetzt noch mehr von Herzen lächeln wie damals! Er grüßte das Vaterland mit segnender Hand, und das Vaterland grüßte ihn wieder mit erhobenem Schwert: Sieg, Sieg!
Josefine war stolz, auch ihr Sohn trug ein Schwert. Nur nachts in stiller Stunde wollte ihr Herz bangen: wo war er? Zuletzt hatte sie aus dem Biwak an der Saar einen Brief bekommen – sie trug ihn stets mit sich herum – so einen lieben, verständigen, zärtlichen Brief:
›Es geht mir sehr gut. Viele Küsse an Dich und meinen Bruder, auch an Onkel Friedrich und Onkel Ferdinand‹
›aber wohin wir marschieren wissen wir nicht,‹ das stand auch darin. Wenn =er’s= nicht wußte, wie sollte sie’s dann wissen?! Wo war er, wo war er?! Eine unbezwingliche Angst ergriff sie plötzlich, eine Pein, keiner gleich, die sie je empfunden. Mitten in den Freudentaumel hinein, der gar nicht enden zu wollen schien, hätte sie schreien mögen: ›Peter, wo bist du, Peter, Peter?!‹
War er am Ende bei dem Gefecht gewesen, das in diesen Tagen bei Spicheren stattgefunden? Es war eine Depesche gekommen, nach der am sechsten August dort ein Treffen gewesen sein sollte, aber näheres war noch nicht bekannt; die siegreiche Schlacht am selben Tage bei Wörth verschlang vorderhand alles andre. Spicheren – Spicheren – ein komischer Name, ein häßlicher Name! Wo lag Spicheren? Josefine fragte ihren Jüngsten, der wußte es auch nicht, aber er brachte seinen Schulatlas, und da saßen sie, Wange an Wange gedrückt, die Köpfe gebeugt, und suchten Spicheren und fanden es nicht.
»Weißte,« sagte Fritz zuletzt ganz enttäuscht, – er hatte gehofft, der Mutter mit seiner Weisheit dienen zu können, – »ich jeh’ nach de Expedition vom Blättchen, da hängt en Spezialkart’ vom Kriegsschauplatz, da will ich ens kucken!« Und er lief eilfertig.
Als er wiederkam, wartete die Mutter schon vor der Hausthür. Aber als er außer Atem schrie: »Spicheren, dat is nur en Dorf, – Spicherer Berg steht auf der Kart’ mit enem Sternchen derbei, – nit weit von Saarbrücken,« wankten ihr die Kniee. Von der Saar, von der Saar hatte der Peter ja zuletzt geschrieben, und nahe bei Saarbrücken war nun die Schlacht gewesen! Lieber Gott, nur eine Nachricht von ihm, einen Satz, eine Zeile, ein einziges Wort!
Es war ein Glück, daß jetzt die ersten Verwundeten kamen. Die Eisenbahn hatte welche gebracht, und auch auf dem Rhein waren vier Schiffe angekommen, vollgepfropft, Mann bei Mann; die ersten Franzosen, Offiziere, Zuaven, Turkos darunter. Halb Düsseldorf drängte sich an der Landungsbrücke und am Zollthor.
Ha, da waren sie ja, die Franzosen, die Spitzbuben, die Erzkujone!
Ein erregtes Gemurr summte, ein unterdrücktes Räsonnieren und Schimpfen. Knaben, die auf die Laternenpfähle geklettert waren und an den Simsen der Häuser hingen, streckten lang die Zunge heraus: ›Franzos’, Franzos’, rote Hos’!‹ Aber als nun die Schwarzen passierten, Kerle, wie mit Stiefelwichse beschmiert, die langen Leiber in schmutzig-weiße Burnusse gewickelt, mit den Zähnen klappernd unter dem heute trübverhangenen Himmel, da wurde die Empörung ganz laut.
»Wie se de Zähn’ fletschen! Un so en Biester hat de Napoleon auf unsre Junges jehetzt?!«
Ja, nun glaubte man’s, was man wie ein Märchen angehört: daß diese braunen Teufel schreckliche Schandthaten an Verwundeten und Toten verübt, ihnen die Augen ausgestochen, die Finger abgehackt hatten, um so manchem treuen Landwehrmann den Ehering von der im Todeskampf zusammengekrallten Hand zu ziehen.
»Schlagt se tot, die Schweinhund’!«
Es war gut, daß Polizei aufgeboten war, und daß die den Transport geleitenden Unteroffiziere die Waffe blank trugen.
Und gar per Droschke wurden noch die meisten transportiert, konnten die Kerle nicht bis zur Kaserne laufen?! Die Erbitterung wuchs und wuchs, um plötzlich einem langgezogenen, zitternden ›Ah –!‹ Platz zu machen. Man wich zurück und stellte sich doch auf die Zehen: »St, st! Ein Toter!«
Von vier Männern getragen, schwankte die Bahre, von einer Pferdedecke überspreitet.
O, der Arme war auf dem Transport, eben vor der Ankunft, gestorben! War’s ein Deutscher, ein Franzose?! Man wußte es nicht. Man sah nichts von ihm, nur eine kräftige junge Hand hing schlapp an der Seite unter der Decke vor. Der jähe Tod hatte dieser jungen, kräftigen Hand nichts anhaben können, sie war noch mannhaft und muskulös; nur gebleicht war sie, wie weißes Wachs.
Eine plötzliche Beklemmung war über die Zuschauer gekommen, und als ein Gassenjunge noch kreischte: ›Franzos’, Franzos’,‹ da zog ihn ein ehrsamer Bürger am Schlaffitchen vom Laternenpfahl herunter und gab ihm einen tüchtigen hinten vor.
Im tiefsten Schweigen setzte der Zug seinen Weg fort. Still, still! Immer neue kamen vom Rhein herauf, Wagen, Bahren und mühsam Daherschreitende. Der, mit dem umwickelten Kopf, sich taumelnd auf den stützend, der den Arm in der Binde trägt. Alles durcheinander, preußische, bayrische und französische Uniformen – Arme, Elende, Beladene. Leichtverwundete, Schwerverwundete, aber alle todesmatt, seufzend, in Schmerzen ächzend. –
Die Kasernenbetten waren rasch belegt, die pflegenden Nonnen huschten auf leisen Sohlen hin und her, die gehetzten Ärzte reinigten ihre Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug. Und auch Josefine lief der Schweiß vom Gesicht. Mit ihren starken Armen hatte sie manchen helfen in’s Bett heben, manch bleicher Kopf hatte an ihrer Brust geruht, während Arzt und Nonne den wunden Leib verbanden.
Helfen, helfen – an etwas andres hatte sie gar nicht denken können den ganzen Tag. Und die Nacht schlief sie zum erstenmal, seitdem der Peter ausgerückt, wieder ganz ruhig, so recht sanft, wie ein müder, von seinem Tagewerk befriedigter Mensch. Keiner jener wirren Träume, die sie so oft gequält, kam ihr; ihr Jüngster mußte sie am Morgen rütteln, sonst wäre sie gar nicht aufgewacht.
Das pausbäckige Knabengesicht war heute etwas blaß, es sah ängstlich und neugierig zugleich aus; auch der Invalide ging um die Schwester herum mit einem merkwürdig betroffenen Gesicht und einem etwas verlegenen Lächeln, er bemühte sich, besonders forsch zu sein, aber es mißlang. Doch Josefine merkte von alledem nichts, sie eilte nur, daß sie hinüberkam in ihre Kaserne. Dort fand sie gleich alle Hände voll zu thun; so hörte sie nichts von dem, was beängstigend durch alle Straßen lief, was bald wie ein hellloderndes Schadenfeuer den Leuten über den Köpfen zusammenschlug.
Endlich nähere Nachricht über Spicheren!
›=Furchtbarer Kampf, von größeren Dimensionen als nur geahnt. Starke Verluste, neununddreißiger Füsiliere im Feuer.=‹
»Unsre Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!« Ein plötzlicher Schreck lähmte die Herzen, die noch eben in Siegesfreude hoch geschlagen. Das bei Spicheren war auch ein Sieg gewesen, aber niemand jubelte darüber. Wie eine Ahnung schweren Leides zog es durch die Stadt. Ach, wer hatte nicht einen Vater, einen Sohn, einen Bruder, einen Freund, einen Liebsten dabei?! Spicheren, Spicheren, – dies Wort bohrte sich ein, mitten in’s Herz, spitz wie eine Nadel.
Wer war verwundet?
Viele.
Wer war tot?
Viele.
Blasse Gesichter sahen sich an. Auf den Straßen, an allen Ecken standen Leute in Trüppchen bei einander und flüsterten bang:
»Haben Sie ene Sohn derbei?«
»Och Jeses, ja!«
»Un Sie?«
»Ich auch!«
»Un Sie?«
»Meine Bruder steht bei de Neununddreißiger!«
»Och Jott, och Jott, meine Mann, meine Mann!« Eine weinende junge Frau kam herzugestürzt, ihr Kindchen auf dem Arm. »Is et wahr? Is et dann wirklich wahr, sind se all’ tot? O, meine Mann, meine Mann!«
Überall Angst, tödliche Bangigkeit, herzklopfende Erwartung. Was würde die nächste Stunde bringen?!
Noch waren keine Verlustlisten veröffentlicht, man erfuhr ja auch das Schlimme noch früh genug – hoffe noch, wer hoffen kann! Scheu sah einer den andern an: wer würde zuerst in Schwarz gehen?
Das angstvolle Geraune der Stadt war endlich auch bis in die Kaserne gedrungen. ›Spicheren, mörderische Schlacht, Neununddreißiger fast aufgerieben!‹ Die Verwundeten rührten sich ächzend und spitzten die Ohren. Spicheren – da gab’s wieder neue Leidensgefährten.
Spicheren – die Wärter flüsterten es auf den Korridoren, die Nonnen bewegten betend die Lippen, die Ärzte zogen die Brauen erwartungsvoll hoch und sahen nach ihren Instrumenten.
Achtzehn Schiffe mit Verwundeten waren signalisiert, heut abend noch sollten sie eintreffen.
Josefine hatte noch nichts von den Gerüchten gehört. Sie saß am Bett eines Schwerkranken. Das war ein junger, französischer Fahnenträger; vielleicht daß er gerade die Fahne geschwenkt und schreien wollte: ›_vive la France!_‹ als die Granate krepierte, die ihm beide Arme zerschmetterte, und die Kugel geflogen kam, die ihm zur rechten Wange hineinfuhr und zur linken wieder hinaus. Vor wenig Tagen erst war er angekommen, und es hatte Josefine gegraust, als sie zum erstenmal sein nur notdürftig verbundenes, von Blut und Eiter bedecktes Gesicht gesehen. Und ganz seltsam war es ihr geworden, als sie ihn in ihres Vaters Stube fand, fast an derselben Stelle, wo einst dessen Bett gestanden. Auch der hatte hier gelitten.
Sie hatte die Zähne zusammengebissen und war dem Arzt zur Hand gegangen, so flink und so geschickt, daß Schwester Daria, die am Nebenbett Beschäftigte, ihr unter dem schwarzen Nonnenkopftuch hervor, zu dem die roten jungen Wangen und die blanken Augen seltsam standen, zugelächelt.
Auch jetzt lächelte Schwester Daria, als sie zum Bett des Fahnenträgers trat und Josefine die Tasse mit Milch, aus dem diese dem Dürstenden mit Mühe einige Löffelchen einflößte, aus der Hand nahm.
»Gehen Sie nach Haus,« sagte sie sanft. »Sie müssen Mittag essen und auch ein bißchen ruhen.«
»Und Sie, Schwester?«
Die Nonne sah heiter drein:
»O, ich! Ich bin das ja gewöhnt. Und da ist auch ein Jung’ draußen, der fragt nach Ihnen. Ich glaub’, es ist Ihr Sohn.«
»De Fritz? Wat will de?!« Josefine fuhr so hastig empor, daß der Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.
»St!« Die Nonne legte ihr die Hand auf die Schulter. »St! Haben Sie schon von Spicheren gehört?«
»Spicheren?« Josefine blickte sie erschreckt an.
»Bei Spicheren ist eine mörderische Schlacht gewesen,« sagte die junge Nonne so sanft, daß ihre Stimme wie ein Hauch das Ohr umschmeichelte. »Aber so einer fällt im Krieg, wird sein Tod ein christlicher Tod sein und die Thür zum ewigen Leben.«
XXVI
Wenn nur die Ungewißheit nicht gewesen wäre! Aber nein, keine Ungewißheit mehr, es war schreckliche Gewißheit. Josefine fühlte es an dem stummen Händedruck, mit dem der Oberstleutnant sie begrüßte, als er ihr auf dem Hof begegnete: er hatte Mitleid mit ihr.
Da waren einige Glückliche, die Nachricht von den Ihren bekommen hatten – sie hatte keine Nachricht von ihrem Sohn.
Nun war der zwölfte August schon herangekommen; wenn Peter noch lebte, hätte er ihr Kunde gethan, das wußte sie ganz genau. So suchte sie ein schwarzes Kleid hervor, sie mochte kein andres tragen. Stumm und starr that sie ihre Pflicht; die Verwundeten folgten ihr mitleidig mit den Blicken, aber wagten nicht, sie zu fragen.
So rastlos war Josefine noch nie umhergegangen, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett; ihre Füße waren dick geschwollen durch die Anstrengung, sie merkte es nicht. Die Nonnen baten: »Ruhen Sie doch!« Aber sie schüttelte stumm verneinend den Kopf. Wie konnte sie ruhen?! Wieder von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.
Es ging auf den Abend des dreizehnten August, die warme Dämmerung senkte sich bereits auf die Ahornbäume im Kasernenhof; der lag ganz still, nur ein paar Wärter huschten in die Küchen.
Doch jetzt eine laute, klagende Frauenstimme, die bis hinauf zu Josefine drang. Und dann des Oberstleutnants dringendes Zureden:
»Gnädige Frau, hier ist er nicht, ich versichere Sie! Gnädige Frau, beruhigen Sie sich doch! Sie regen sich unnütz auf, er ist nicht hier!«
Zwei ängstliche Mädchenstimmen baten:
»Liebe Mama, hier ist er nicht, du hörst es ja! Mama, komm doch nach Haus, bitte, bitte! Papa wird ja Nachricht schicken! Komm doch, Mama, bitte!«
»Gnädige Frau, wie können Sie nur zweifeln? Wäre er hier, ich müßte es doch wissen!«
»Aber Leute sind doch hier, die mit ihm in der Schlacht waren, Verwundete! Die haben ihn gekannt. Ach, sie müssen ihn ja kennen!« Der laute Klageton wurde noch lauter: »Die will ich fragen!«
»Gnädige Frau, so sehr ich bedaure, der Eintritt ist nicht gestattet – besonders so spät – ich – gnädige Frau bemühen sich vielleicht morgen früh noch einmal –«
»Ich =muß= sie fragen! Gleich, jetzt!«
Josefine zuckte zusammen – das war Verzweiflung! Jetzt hörte sie auch schon eilende Schritte auf der Treppe – da gab’s kein Zurückhalten – die Thür zum ersten Zimmer wurde aufgerissen, fast stürmte eine schlanke Dame herein. Sie schlug den Schleier zurück, und ihre großen, dunklen, wie Irrlichter flackernden Augen fuhren über die Betten hin. Sie sah Josefine.
»Ist hier mein Sohn, mein Eugen?«
»Die gnädige Frau sucht ihren Sohn. Der Leutnant vom Werth war mit bei Spicheren,« sagte der Oberstleutnant erklärend und blinzelte der Pflegerin zu. »Er ist nicht hier, gnädige Frau – darf ich bitten?« Er bot der Dame den Arm, um sie wegzuführen.