Die Wacht am Rhein

Part 23

Chapter 233,728 wordsPublic domain

Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte unter dem geheimnisvollen Namen: ›_Maran atha_‹ und seine Mitchristen zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:

›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹

Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich, und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy, dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich, die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses ganz Neue.

Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen – der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:

»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen, wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat! Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will ich auch malen!«

Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – –

* * * * *

Die Julitage kamen mit drückender Glut, schwere Gewitter zogen schon am Morgen auf und gingen gegen mittag nieder, aber sie brachten keine Kühlung. Ebenso glühend kam der Abend wie der Morgen, die Nacht wie der Tag. Allerorten gab’s Gewitterschaden. Besorgt schauten die Landleute von ihren Feldern zum funkensprühenden Himmel. Eine eherne Hitze brütete in den Straßen der Stadt.

›_Maran atha_ – prüfet die Zeichen der Zeit!‹ predigte der seltsame Mann in der Bockhalle. Er hatte jetzt viel Zuspruch – es kamen nicht bloß solche, die ihn auslachten – nervösen Seelen wurde so merkwürdig angst bei der Gewitterschwüle; sie drückte alle Gemüter. Und plötzlich fingen an, undefinierbare Gerüchte umzugehen. Man hörte es und glaubte es nicht, aber erzählte es doch weiter: Frankreich suche mit Preußen Händel. Kühle Köpfe freilich beruhigten: man sah’s ja, in der Kaserne rührte sich noch keine Hand, und dort mußte man doch zuerst etwas merken. Es war ja auch absolut kein Grund zum Krieg vorhanden; die Erregung der Franzosen über die Kandidatur des hohenzollernschen Prinzen für den spanischen Thron war wirklich nicht so tragisch zu nehmen. Man konnte sich getrost anschicken, alle Vorbereitungen zum Düsseldorfer Schützenfest zu treffen; und das sollte in diesem Jahr ganz besonders glänzend werden.

Aber – merkwürdig – es ereignete sich wieder etwas, was die Bürger stutzig machte. Abend für Abend ließ sich eine junge, schöne Stimme im Hofgarten vernehmen, die, schmetternd und langgezogen, bis in die fernsten Büsche drang: ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien, deutschen Rhein!‹

Alle Spaziergänger blieben stehen und lauschten, es sammelte sich rasch viel Publikum; aber so sehr auch die Zuhörer Beifall klatschten, der Sänger ließ sich nicht sehen, er blieb verborgen. Was war das – von wo kam das – was sollte das bedeuten?!

›Prüfet die Zeichen der Zeit‹ – eine Ahnung beschlich die Seelen, man hielt den Atem an.

Da – hui, ein Blitz am schweren, wolkenverhangenen Himmel: der französische Gesandte Benedetti hatte den greisen König, der in Ems zur Kur weilte, mit den frechen Forderungen Napoleons brüskiert!

Und nun ein krachender Donner, der den Himmel mit Getöse erfüllte und die Erde erbeben machte: die Kriegserklärung!

Am 15. Juli nachmittags stand die Depesche an allen Ecken Düsseldorfs angeschlagen.

Krieg, Krieg!

»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?! Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg, Krieg! – Das kam zu rasch.

»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam, »oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –«

Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die Kehle zu.

Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und Vaterland!‹

Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat oder Bürger, da war jetzt kein Unterschied, jeder fühlte sich gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland, Rhein.

Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur kommen, die Halunken, die Franzosen!

Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib, wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte es gleich losgehen.

Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das Lied von der ›Wacht am Rhein‹.

Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte sie ihm doch schon geschrieben: es sei nicht sicher, er solle nach Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen, so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in irgend einem Wirtshaus fest.

Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend, zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz heftig pochen ohne Unterlaß.

Drüben lag die Kaserne, mehr erhellt wie sonst je am Abend; in den Bureaux wurde noch gearbeitet, in fieberhafter Thätigkeit rührte es sich da. Krieg, Krieg mit Frankreich – o, wenn der Vater das erlebt hätte! Wie oft hatte er ihr erzählt von den Freiheitskriegen, in denen sich Preußen freigemacht von seiner Schmach. Es war das Märchen ihrer Kindertage gewesen. Und jetzt? Ihr war, als sei sie wieder ein Kind, als müsse sie dem lauschen, begierig lauschen, was wie ein Schwur zum finsteren Nachthimmel aufstieg:

›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹

Warum der Peter noch immer nicht kam?! Zum erstenmal hatte es schon Zapfenstreich geblasen. Sie strengte umsonst die Augen an. Endlich hörte sie seinen Schritt.

»Mutter,« sprach er durch das Dunkel, und seine Stimme klang matt, »’n Abend.«

Sie fuhr auf ihn zu, sie hatte ja so nach ihm verlangt. »Krieg – wat sagste derzu? Krieg!«

»Un ich muß mit,« sagte er dumpf.

»Och Jott, ja!«

Das hatte sie ja noch gar nicht recht bedacht. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr ihr die Glieder, die Kniee wollten ihr brechen, taumelnd lehnte sie sich gegen die Hauswand.

Er sagte kein Wort, er stand nur immer da im trüben Laternenschein und starrte vor sich hin.

»Jesus, ja, och mein Jung’!«

Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der Zapfenstreich!

Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten verschwand er jenseits im Kasernenthor.

Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe. Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein.

Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. –

Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle, sie alle stellten sich als Freiwillige.

Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! – es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich der Thränen, die sie geweint.

Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher ›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an, dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging.

Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen Tag und Nacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu zupfen.

›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion! Alle geben für alle!‹

Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift! Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel.

Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West – Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers. Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten zu wollen.

Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in erlösenden Fluten.

›Betet, betet!‹

Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut.

»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten Talar von der schmucklosen Kanzel herab und machte das Zeichen des Kreuzes über seine Gemeinde. »Der Herr segne euch und behüte euch, der Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!«

Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz: »Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch, Amen!« –

Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten; kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten.

Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung, was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest, da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf den Straßen, und die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in Flammen, die niemand künstlich geschürt.

›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von – recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das ganze Vaterland, das ganze Deutschland:

›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze, Du bist und bleibst ein deutscher Strom! Ich schaue dich im Freiheitslenze, Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹

XXV

Es war ein Sonntagmorgen, so schön, wie noch keiner in diesem Sommer gewesen. Noch war es nicht heiß, das Windchen, das den Aufgang der Sonne umschauert, kühlte noch sanft die Straßen. Verschlafen zirpten noch die Vögel in den Gärten, alles Grün war noch taubedeckt, aber die Stadt schlief nicht mehr; sie war hell wach im ersten Frühlicht – ihre Söhne zogen heut in’s Feld.

Im Gärtchen der Witwe Conradi hing der weiße Rosenstrauch am Plankenzaun wie von tausend Thränen beschwert. Josefine hatte die Nacht nicht geschlafen, sie war gar nicht zu Bett gegangen. Als besondere Vergünstigung hatte der Feldwebel erlaubt, daß der Peter die letzte Nacht unter’m Dach seiner Mutter schlafen durfte; und er hatte geschlafen, totmüde, erschöpft, und sie hatte an seinem Bett gesessen, die Stunden von Mitternacht bis zum Morgengrauen, und seine Hand gehalten, wie sie es dem Knaben gethan in Krankheitszeiten oder wenn böse Träume ihn gequält. Sie hatte kein Auge von ihm gewandt, und Thränen, von denen sie nichts wußte, waren über ihre Wangen geflossen.

Jetzt stand sie im Gärtchen, blaß und durchschauert, und wartete auf ihren Sohn. Drinnen mühten sich der Onkel und der kleine Bruder noch geschäftig um den Ausrückenden – hier draußen, hier ganz allein, wollte sie Abschied von ihm nehmen.

Jetzt kam er, schon fix und fertig, den Helm hatte er auf, nur den Tornister noch nicht auf dem Rücken. Sie hing sich an seinen Arm.

»Wie is dich?« fragte sie zärtlich.

Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden gesenkt.

Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht längst gemerkt!

»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!«

»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust.

Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still.

Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er und drückte seinen Kopf fester an:

»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel, Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’ ich dann verbrochen?«

»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!«

»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!«

»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf. Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau – wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!«

Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen.

»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme – »totschießen, mir is’t ejal!«

»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!«

Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte ihn ja doch lieb!

»Mutter, Mutter!«

»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir, sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester, mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter – »sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!«

War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte, wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich.

Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem Sohn mit auf den Weg:

›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹

Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete sich ja nicht seiner selbst wegen.

»Mutter, Mutter, all mein’ Hoffnungen!«

Sie wunderte sich, daß er nicht zärtlicher war.

»Ich kann nit,« seufzte er, »wahrhaftijens Jott, ich kann nit. Weißte, dat Bild, von dem ich dir erzählt hab’, ›Der letzte Tag eines Verurteilten‹? De kümmert sich auch nit mehr um Weib und Kind. So is et mir. Ich muß sterben, ich komm’ nie wieder!«

Sie sagte jetzt nicht mehr: ›du kömmst wieder‹, aber sie reckte sich noch straffer auf in ihrer ganzen stattlichen Größe, und ihr Blick richtete sich zum strahlenden Morgenhimmel.

Es war wie ein stummes Beten.

»Un nu jeh,« sagte sie.

Von der Straße her tönte Lärm in den stillen Garten und erschreckte den tirilierenden Vogel; die ganze Kaserne schien in Alarm geraten, es trommelte und pfiff und blies. Der Hornist lockte zum Sammeln.

»Jeh, jeh,« drängte sie, »’t is Zeit, jeh, jeh!«

Der betaute Rosenbusch streifte schwer und kühl ihren Ärmel, da riß sie hastig die schönste Rose ab.

»Komm her, Peterken! Mein Jung’, laß dich noch ens schmücken!«

Und er beugte das Knie und ließ sich die Rose an den Helm stecken. – – –

Drüben auf der andern Seite, auf Bahnhof Oberkassel, sollten die ausrückenden Truppen in Extrazüge verladen werden; ganz Düsseldorf gab ihnen das Geleit.

Peter marschierte am Haus der Mutter vorbei, den gerollten Mantel über der Brust, den Tornister hinten auf, mit Stiefeln und Kochgeschirr; Gewehr über, Brotbeutel und Feldflasche und Faschinenmesser an der Seite. Da stand sie unter der Thür. Und ehe er sich’s versah war sie auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt: »Nimm dat! Adjüs, Peter, adjüs!«

Und alle Nachbarn winkten:

»Adjüs, Peter, adjüs!« –

An der festlich beflaggten Rheinbrücke hatten sich der Ferdinand und der Fritz aufgestellt. Das Stelzbein des Invaliden verschaffte ihnen überall einen Platz ganz vorne an. So konnten sie nachher der Mutter genau berichten. Alle Behörden waren zugegen, der Oberbürgermeister an der Spitze; jenseits der Brücke hielt der Divisionskommandeur, Generalleutnant von Kameke; Böller knallten zu beiden Ufern des Rheins, und brausendes Hurrageschrei übertönte jeden klagenden Abschiedsruf. Die Regimentsmusik spielte, und tausende von wehenden Taschentüchern winkten den scheidenden Helden Lebewohl.