Die Wacht am Rhein

Part 22

Chapter 223,751 wordsPublic domain

Ja, in Paris konnte man noch kaufen, da gab es was andres, als hier in den lumpigen Läden! Herr Schnakenberg bedauerte nur, daß er nicht auch von den Früchten aus der Bourgogne und dem prachtvoll schönen Gemüse aus Algier hatte mitschleppen können; das ging doch noch über den Hammer Kappes.

Man mußte gestehen, der Napoleon war ein kluger Kopf. Hatte er sich nicht durch seine prächtige Weltausstellung sämtliche Potentaten in’s Land gelockt, daß sie ihm sozusagen den Hof machten? Herr Schnakenberg hatte sich nicht entschließen können, zu Hause zu bleiben, wenn der Zar von Rußland, der König von Preußen, der Kronprinz und die Kronprinzessin nach Paris reisten. Besonders von der französischen Kaiserin war er sehr hingerissen. Die Königin Augusta sollte ja auch mal eine recht ansehnliche Dame gewesen sein, aber so schön wie die Eugenie war sie gewiß nie! Die trug eine Krinoline und einen Chignon. Herr Schnakenberg geriet noch in Ekstase, wenn er schilderte, wie er sie in der Avenue des Champs Elysées hatte fahren sehen, in malvenfarbener Seidenrobe, den Sonnenschein auf ihren rotgoldenen Haaren, und den Prinzen Lulu an ihrer Seite, in kurzen Hosen, roten Strümpfen, mit dem Kreuz der Ehrenlegion auf der Sammetjacke.

Paris, Paris – das war die Hauptstadt der Welt!

Viele Düsseldorfer Bürger hatten es wie Schnakenberg gemacht; es gehörte eigentlich zum guten Ton, diesen Sommer in Paris gewesen zu sein. S. Sternefeld & Co. konnten nun sehen, wo sie ihre Waren losschlugen, man hatte sich die Novitäten selber von Paris mitgebracht. Und nur was von dort kam, hatte jetzt Wert.

»Kümmel,« sagte zwar Peter und rümpfte die Nase, als er die Schätze der Großmutter besehen. Aber die hatte nur keinen Geschmack. Die Pariser waren schon voran, besonders in der Kunst! Waren nicht schon viele junge Künstler dorthin gewallfahrtet und als große Meister heimgekehrt? Warum fiel’s denn keinem Menschen ein, nach der preußischen Hauptstadt zu gehen, da gab’s doch auch eine Akademie? Bah, die Berliner hatten ja gar keine Kunst!

Er fabelte immer von Paris. Wenn seine Lehre bei Meister Cremer um war, wollte er auch nach Paris wandern, in die Stadt der Freude, der Schönheit, der Kunst. Wenn man dort nur auf’s Pflaster trat, flog es einem schon an. Da wurde auch noch ein Maler aus ihm, so ein richtiger, kein lumpiger Anstreicher!

Und doch fühlte er sich jetzt leidlich zufrieden; Farben, Farben – er roch sie wenigstens. Der Meister war erstaunt über die Fortschritte des Lehrlings; dem konnte man schon getrost ein Stück Arbeit überlassen, wie einem Gesellen. Freilich mit der Schablone klexte er noch oft über, aber so was aus freier Hand, so eine Verzierung: ›da hat er Idee von,‹ sagte Meister Cremer, ›un auch Talent for!‹

Josefine pries sich jetzt glücklich, wenn sie von der abscheulichen Roheit und den Messerstechereien hörte, die in erschreckender Weise in den Industriedistrikten zunahmen, daß ihr Peter nicht in einer Fabrik steckte. Denn von immer neuen Greuelthaten las man im Blättchen und sonst nur Klagen über die Bedrängnis des Heiligen Vaters und Adressen der katholischen Bürgerschaft mit der dringenden Bitte an den König, den Heiligen Vater zu schützen. Josefine zerbrach sich den Kopf: warum bedrängten sie denn den armen Papst, der that doch keinem was zuleide?! Nun, bald kam ja der König in’s Rheinland, und da würden die Rheinländer schon den Weg zu seinem Ohre finden! Recht leutselig sollte der ja sein und anders wie sein Bruder, Friedrich Wilhelm IV.! Es gab noch viele Bürger, die sich an dessen Besuch in der tollen Zeit erinnerten. – –

Am 20. August wurde König Wilhelm, auf der Reise zum Kölner Florafest, in Düsseldorf erwartet.

Ein patriotischer Lokalpoet begrüßte ihn:

›O König, Führer du der Künste und Gewalten, Mag Gott in Frieden dich noch lange uns erhalten!‹

Die gesamte Bürgerschaft jubelte Willkommen.

Als der Zug mit dem königlichen Gast in den Bahnhof einlief, flammte vom Turm der evangelischen Kirche ein riesiges, feuriges W; die Kaserne, das Präsidialgebäude, der Jägerhof, das Rathaus strahlten. Überall Illumination. Besonders das Hotel ›Zum Prinzen von Preußen‹ that sich hervor; das einst verbannte Schild thronte zwar längst wieder oben, heut aber war es wie ein Transparent durchglüht und zeigte in stolzem Freudenschein den prinzlichen Namen. Pechpfannen loderten, ein mächtiger Feueradler reckte seine Krallen.

Ein endloser Fackelzug – vierhundert Sebastian-Schützen voran – bildete Spalier. In der Königsallee quetschte sich die Volksmenge, einen Blick auf den Gefeierten zu erhaschen; die Hand mußte ihm ganz lahm werden vom vielen Grüßen. Kinder hingen auf Bäumen und Laternenpfählen; und auch Josefine stand auf einem Prellstein an der Benrather Brücke.

Eigentlich war es gar nicht ihre Absicht gewesen, gucken zu gehen. Nur auf dem Weg zu ihrer Mutter war sie in den Trubel geraten. Sie wunderte sich, daß die Bürger so laut jubelten, – hatten sie, vor nicht zu langer Zeit, nicht noch ebenso laut geschimpft?! Ganz verdutzt stand sie auf ihrem Prellstein; auch wenn sie gewollt, sie hätte nicht wieder herunter und weiter gekonnt, um sie breitete sich ein Meer von Köpfen, von winkenden Armen, von wehenden Taschentüchern.

Ein aufgeregtes Flüstern, ein Raunen und Tuscheln ging durch die Menge:

»Kömmt he?«

»Wo, wo, wo?«

»He küt, he küt!«

»Hurrah!«

»Hoch, hoch, hoch!«

Immer mehr schwoll der Ruf an:

»Es lebe König Wilhelm! König Wilhelm! König Wilhelm!«

Und nun klang majestätisch:

›Heil dir im Siegerkranz!‹

Die Musik spielte es, brausend fiel die Menge ein, das Volk warf sich fast vor die Räder.

›Herrscher des Vaterlands – Heil König dir!‹

Der Wagen mußte halten.

Schlicht, im dunklen Soldatenmantel, blitzend nur die Helmspitze – der Jäger auf dem Bock war feiner wie er – saß der König da.

Also das war er?!

In erwachter Neugier reckte sich Josefine. Der hübsche, alte Herr mit den weißen Bartkoteletten – hm – also das war der Herrscher des Vaterlands?!

Er lächelte über’s ganze Gesicht, er grüßte unablässig.

›Fühl in des Thrones Glanz Die hohe Wonne ganz –‹

O, wie er lächelte! So gut, so von Herzen! Josefine wurde es warm. Das war kein Herrscher, das war der Mann, auf den ihr Vater gehofft! Es gab ihr inwendig einen starken Ruck.

›Liebling des Volks zu sein!‹

brauste der Chor.

»Heil König dir!« Sie hatte ihre Stimme mit erhoben, ohne es zu wissen. Hell übertönte ihr starker Ruf den Gesang umher. Hoch hatte sie sich auf dem Prellstein aufgerichtet in ihrer ganzen Stattlichkeit, ihr Tuch sich vom Hals gerissen und schwenkte es nun heftig:

»Heil König dir!«

Nun sah er sie – sie ganz besonders! Ja, sie fühlte seinen Blick. Und dann lächelte er gütig und nickte. Ach, er nickte, er winkte! Ihr, hatte er ihr nicht ganz besonders zugenickt?!

Ihre Arme streckten sich aus, ihr Herz schlug ihm entgegen, hingerissen von so viel Freundlichkeit.

Sie stand noch verträumt, mit heißgeröteten Wangen, als eine bekannte Stimme sie aufschreckte.

»No, Finken, als auch kucken jejangen?«

Es war Schnakenberg. Er trug seinen feinsten Rock und den Stock – die Weinrebe mit dem goldenen Knopf –, den er sich aus Paris mitgebracht hatte.

»Haben Se ihn auch jesehn?« fragte Josefine noch zitternd vor Erregung, »den König, den König?!«

»Och, eja, en janz nette Mann,« sagte Schnakenberg. »Ene janz artige Mann. Et is ens jut, dat de von Bismarck nit mit derbei war, da wär’ et unjemütlich jeworden, denn de –«

Er unterbrach sich. »Lauf’ ens bei de Mutter, Fina, du weißt doch, heut is dem selige Willem sein Jeburtstag, da is se janz aus ’m Häuschen. Och, jemmich! Ich sag’ et ja immer, laß en Mess’ für ihn lesen oder auch zwei, de is längst tot un bejraben. Aber dat darf mer beileib nit sagen, dann wird se falsch. Se weint der janze Tag; et is wahrhaftijens Jott unjemütlich! Ich jeh’ nach der Uehl, da wolle mer ens de König lebe lassen. Aber dat muß mer sagen, alles wat wahr is, de Napoleon hat en noblere Kutsch’. De hat mehr _savoir-vivre_ – aber kann ei’m dat wunderen von so ene Preuß’?! Na, adjüs, Fina, viel Pläsier!« Er blinzelte ihr zu und schlug dann den Weg ein, der zum Wirtshaus, die Uehl, in der Ratingerstraße führte.

Die Volksmenge war dem königlichen Wagen, der zum Präsidialgebäude fuhr, nachgeströmt; einsam lag die Königsallee, stiller noch wie sonst am Abend, wenn unzählige Liebespärchen leise im Dunkel der schattenden Kastanien wandelten.

Da war schon Schnakenbergs Haus. Josefine war erstaunt: von den Mansarden bis herab zum Parterre prangte es in einer glänzenden Illumination. Der Stiefvater war doch ein besserer Patriot, als er zu sein schien!

Die Magd öffnete ihr, auf Strümpfen gehend.

»St,« flüsterte Drückchen, »jeht e bißke leis, Frau Conradi, de Frau Schnakenberg is im Hinterzimmerken.« Damit deutete das brave Drückchen alles an, was diesen Tag bewegte.

Frau Trina hatte überall neue Möbel: Kirschbaum im Salon, Eiche im Eß-, und Nußbaum im Schlafzimmer; nur ein ganz kleines Hinterstübchen war noch da, in das sie alle Möbel ihres einstigen Haushaltes zusammengepfercht hatte. Da standen sie in ihrer tannenen Armseligkeit, als ob sie sich genierten; keine Sonne beschien sie, fast nie wurden die geschlossenen Läden des Fensters geöffnet, das auf die dunkelste Ecke des Hofes hinaussah. In dieses Hinterzimmerchen zog sich Frau Trina zurück am Geburtstag ihres Wilhelm.

Josefine trat leise ein. Die Kattungardinen waren dicht vorgezogen, die Luft war dumpf-kühl und eingeschlossen, wie in einem Mausoleum. Keine Lampe brannte; auf dem Tisch vor Frau Schnakenberg flackerte einzig eine dicke Kerze, in einen Behälter mit Sand gestellt: das war das Lebenslicht, geweihtes Wachs, aber es brannte trüb.

Frau Trina trug ein schwarzwollenes Kleid; das marokkanische Armband, die römische Kamee und jede goldene Kette fehlte. Sie konnte den Sohn ja nicht feiern an Allerseelen, wie ihre andern Geschiedenen, nicht an sein Grab wallen und es schmücken mit Kränzen – er war ja nicht tot. ›Er kömmt wieder, er kömmt sicher und jewiß wieder –‹ sie sagte das nicht oft, aber sie dachte es immer. Und manchmal ging sie heimlich hinauf in das Gastzimmerchen, legte die Betten in der Sonne aus und klopfte den Staub aus dem Sofa. Und heut an dem einzigen Tag, der ›dem armen Jüngesken‹ ganz gehörte, ließ sie ihre Thränen fließen, als hätte sie die das ganze Jahr aufgespeichert.

»Mutter, hör doch auf mit weinen,« bat Josefine und setzte sich neben Frau Schnakenberg. Sie rückte ihren Stuhl ganz dicht heran und legte den Arm um die Schultern der alten Frau. Heute fühlte sie sich der Mutter so um vieles näher als sonst im ganzen Jahr – sie wußte ja, wie man einen Sohn lieben kann.

So saßen sie ganz still nebeneinander in dem engen, vollgepfropften Stübchen, an demselben tannenen Tisch mit den, von unruhigen Kinderfüßen abgeschabten Beinen, um den sich einst die ganze Schar in der Feldwebelwohnung gereiht.

Ach, wo waren sie alle hin?! Josefine stützte den Kopf in die Hand. Der Wilhelm war verschollen. Der Friedrich, ja der Friedrich – ein froher Schein glitt über ihr Gesicht – der würde jetzt des Vaters Stolz sein, wenn er auch kein Soldat war. Dann der Ferdinand – ach du lieber Gott! Den ganzen Winter hatte der verschlafen in der Ecke beim Ofen; nur vormittags zum Frühschoppen und abends wieder hatte er sein Bein angeschnallt, um in’s Wirtshaus zu gehen. Sonst war ihm selbst das anzuthun lästig; einen ganz gemeinen Stelzfuß hatte er sich machen lassen, der wär ihm bequemer. Nicht einmal, daß er den Laden versah; wie angeleimt blieb er in dem alten Ohrenlehnstuhl sitzen, den ihm der Stiefvater neu mit Wachstuch hatte beziehen lassen, und räsonnierte auf sein miserables Schicksal.

Und dann der Jüngste, das Karlchen! Vor Jahr und Tag hatte er einmal geschrieben, er sei jetzt Oberbootsmannsmaat auf S. M. Aviso ›Grille‹. Im Seegefecht bei Rügen unter Kapitän Jachmann hatte er auch schon mitgethan. Sie hatten damals gar nichts davon gewußt, ganz zufällig erfuhren sie’s und hatten sich wohl gefreut, daß er heil aus dem Kampf mit der dänischen Flotte davongekommen; aber so einen rechten Begriff konnten sie sich von ihm und seinem Leben nicht mehr machen. Wie um Jesuswillen war das Karlchen nur dazu gekommen, zur See zu gehen? ›Die Flotte, die Flotte,‹ das mußte man ja wohl den Jungen zur Zeit in den Kopf gesetzt haben. Von der Militärerziehungsanstalt zu Annaburg war er auf die Matrosenschule gegangen.

Josefine seufzte. Daß man bei der Marine, wie es hieß, zehnmal schneller voran käme wie beim Landheer, das wollte sie ja gern glauben, aber es war doch traurig, daß man auch von dem Karlchen so gut wie gar nichts mehr zu sehen und zu hören kriegte!

Unwillkürlich sagte sie laut: »Ob de wohl ens wiederkömmt?«

»De kömmt wieder, de kömmt sicher und jewiß wieder,« murmelte die alte Frau, nickte eifrig und starrte schwimmenden Auges, mit gefalteten Händen, in das trüb brennende Lebenslicht.

Josefine wußte es wohl, die Rückkehr ihres Jüngsten kümmerte die Mutter wenig, die dachte nur an ihren Wilhelm. Da wurde es ihr eng; sie stand auf, es litt sie nicht mehr in der dumpfen Stube, deren verschlossenes Fenster keinen Luftzug einließ, deren Winkel alle vollgestopft waren mit Erinnerungen, die nur =heute= Erinnerungen waren, sonst vergessen standen und verstaubten. –

Aufatmend trat Josefine unter den freien, reichgestirnten Augustnachthimmel; wunderbar schön strahlten die Sterne über dem Exerzierplatz und warfen ihr leuchtendes Bild in den dunklen Spiegel des Stadtgrabens. Fernab, vom Friedrichsplatz her, rollte noch das Branden einer aufgeregten Volksmenge; es klang wie Brausen der Empörung, und doch war’s lauter Freude. Dort, beim Regierungspräsidenten, war der König abgestiegen, dort stand er nun gewiß am Fenster, und sie jubelten ihm zu. –

In dieser Nacht schlief Josefine unruhig. Sie träumte: Bald stand sie auf dem Prellstein und schrie Hurra, bald saß sie in der dunklen Stube bei der Mutter – ›Er kömmt wieder, sicher un jewiß, er kömmt wieder!‹ Aber eine andre Stimme sprach hart: ›Er kommt nie wieder!‹ – Und dann nickte ihr der freundliche König zu, und sie nickte wieder. Da streckte der König die Hand aus und sprach: ›Was giebst du mir?!‹ – Er griff nach ihrem Herzen – sie schrie laut auf – und wie sie schrie, erwachte sie, ganz in Angstschweiß gebadet.

Es war sonniger Frühmorgen, Musikfanfaren schmetterten den Tag wach, drüben rückten die Neununddreißiger aus zur Truppenbesichtigung auf der Golzheimer Heide. Da sollten sie vor’m König paradieren.

Die Trommeln wirbelten, die Piccoloflöten schrillten:

›Freut euch des Lebens, Solang das Lämpchen glüht.‹

Hastig eilte Josefine an’s Fenster; hinter dem Gardinchen spähte sie den Truppen nach – Soldaten, Soldaten, all die blauen Röcke und all die roten Kragen und die frischen, gebräunten Gesichter drüber. Und alles blank geputzt; auf tausend Helmspitzen schien sich die Sonne zu entzünden, es war ein Blitzen und Blinkern. Ei, war das lustig!

»Freut euch des Lebens,« summte sie mit und sah ihnen nach, ganz vergessend, daß sie sich in der Nachtjacke zum Fenster hinauslegte.

Heute war ein stiller Tag für das Lädchen, die Kaserne wie ausgekratzt, auch die halbe Stadt auf den Beinen nach der Golzheimer Heide. Den König sehn, den König! Heute gegen abend reiste er ja schon wieder ab.

Spät mittags war die Parade aus; totmüde, bis zur Unkenntlichkeit von Staub bedeckt, marschierten die Soldaten wieder ein.

Der König aber besah sich noch rasch die Kunstausstellung bei Schulte und das Atelier des Schlachtenmalers Camphausen. Er hatte bei Schulte sogar einen Ankauf befohlen – das Bildchen hieß:

›Die Rekruten.‹

XXIV

Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen.

Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.

War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m Malkasten!

Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹

Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten, da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach zur Tagesordnung über.

Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.

Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen. Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.

Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870 begann. –

Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche. Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen: ›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten, – zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte, ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.

Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.

Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar, unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s: sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen. Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s, als würde =sie= ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken mußte!

Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch um. – – – –

Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön, so strahlend hell, so voll von Farbe.

Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer seiner Mutter.

»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch. Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch, kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja, freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz.

Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem Lendentüchlein und fliegendem Spruchband:

_Gloria in excelsis Deo!_

Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den Schießständen im Bilker Busch.

* * * * *

Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte dem Peter am Helm. Hell trällerte Josefines Stimme der Marschmusik nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit ihrem, durch ihren jungen Sohn.

Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s; aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen machten ihnen Konkurrenz.

Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.

Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern, jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank nieder in den Schoß der empfangenden Erde.

* * * * *