Die Wacht am Rhein

Part 26

Chapter 263,650 wordsPublic domain

»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,« brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten –‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte, ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten.

Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose streichelte ihm über den Kopf: »_Ah, merci, mon petit, Dieu vous bénisse!_« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden.

Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?!

Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra. Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne!

Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach: ›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mir noch eene in’s Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich.

Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten.

Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt.

Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war, trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust. Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine Ansprache. Die Rede schloß:

»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee, die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm Heldenkönig!«

Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹

Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und das Kissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur? Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr – er schluchzte: »_Oh ma patrie, ma pauvre patrie!_«

Da schlich sie hinaus, sie mochte ihn nicht ansprechen, sich gar nicht bemerklich machen – _oh ma patrie!_ – nicht seine schmerzliche Scham belauschen.

Draußen auf der Treppe begegnete ihr Schwester Daria, die atemlos vom andern Block herüberkam:

»Frau Conradi, ach, da sind Sie ja! Mit dem Hucklenbruch geht es wieder so schlimm.«

»Wieder ein Blutsturz?« fragte Josefine erschrocken.

Die Nonne nickte: »Es ist als nach Ihrem Herrn Pastor geschickt. Derweilen betet unsre Mutter Clara mit ihm.«

Auf den Fußspitzen schlich Josefine zu Hucklenbruch herein. Man hatte den Armen schon seit ein paar Tagen ganz allein gebettet, in dem Raum, der einst der Feldwebelwohnung als Küche zugehört. Jedes Geräusch hatte dem Leidenden Pein gemacht. Aber jetzt standen die Fenster nach dem Hof weit offen, die schöne Nachmittagssonne flutete voll herein und die Musik und das Singen – der Sterbende wurde all dessen nicht mehr gewahr.

»Höher – höher!« hauchte er nur noch mit verlöschender Kraft.

Kissen auf Kissen stopften sie ihm hinter den Rücken; noch immer nicht hoch genug, noch immer keine Luft.

»Höher – höher!«

Da setzte sich Josefine auf den Bettrand und nahm den nach Atem Ringenden stützend in ihren Arm.

Hucklenbruch war ein guter, evangelischer Christ. Ob er seine letzte Stunde nahen fühlte, wer weiß? Aber er hatte plötzlich Verlangen geäußert nach dem Abendmahl. Es waren ja noch nicht allzuviele Jahre, seit er’s mit seinen Eltern zum erstenmal genommen, zu Bielefeld in der Kirche, im langen Konfirmandenrock, das Myrtensträußchen im Knopfloch.

Nun kam der Geistliche.

»Nehmet hin und esset – das ist mein Leib – der für euch gegeben wird –«

Feierlich klangen die Einsetzungsworte, getragen von der heraufschallenden, festlichen Musik. Aber der danach Begehrende konnte den Leib des Herrn nicht mehr empfangen, das Schlucken versagte.

»Nehmet hin – und trinket alle daraus –«

Wohl neigte der Geistliche sich über das Bett und hielt dem Sterbenden den Kelch an die Lippen, aber der Wein verschüttete; der bleiche Mund streifte nur des Kelches Rand. Hucklenbruch merkte das nicht; ein verklärter Ausdruck lag auf seinem blutleeren Gesicht, mit dem jetzt verblaßten Sommersprossensattel über der scharf gewordenen Nase. Seine Augen waren ganz nach oben gekehrt.

Vor seinen Ohren spielte leise die Orgel der Bielefelder Kirche: ›Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt.‹ Da war eine große, andächtige Gemeinde – immer neue wallten zum Altar, immer neue – aber er hatte schon genossen, er war nun wohl vorbereitet. Und Vater und Mutter führten ihn fort – heim.

Unten auf dem Hof setzte die Musik einen Augenblick aus. Der Geistliche breitete die Hände zum Segen und sprach das Amen. Neben der würdigen Oberin lag die junge Daria auf den Knieen. Auch die Nonnenhände hoben sich empor: »Amen, Amen!«

Strahlender und strahlender vergoldete der warme Sonnenschein Stube und Bett und den Sterbenden.

Rauschend hub die Musik von neuem an, höchster Jubel stieg zu höchsten Höhen:

›Heil dir im Siegerkranz, Heil König dir!‹

* * * * *

Bis in die sinkende Nacht Jubel. Musik, Transparente, Illumination, bengalische Flammen. An den Rheinufern loderten Feuertonnen, und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen wallten. Das knatterte und knallte, blies und fiedelte, jauchzte und frohlockte. Fünfzehnhundert Träger schwangen ihre Fackeln; greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster, wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. Hin zum Jägerhof wallte der endlose Zug, und Fürst und Fürstin von Hohenzollern traten auf den Balkon. Das Volk grüßte hinauf, und sie grüßten hinab. Der Fürst brachte dem König und der Armee ein donnerndes Hoch, ein dreifach donnerndes Hurra antwortete.

Im Hofgarten reckten die Bäume ihre schon herbstlichen Blätter in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Ein letzter, sommerlicher Hauch strich säuselnd durch’s hohe Gras. Der Herbst war vor der Thür, der Winter würde kommen, Schnee und Eis bringen, aber was machte das?! Träume standen auf, frühlingsfrische, hoffnungsgrüne Träume. In den Wipfeln rauschte es von: ›Friede, Friede!‹

XXVII

Es waren rauhe Herbsttage, die nun folgten. Selten hatte der Wind so geblasen und den schäumenden Gischt des Rheins so hoch an die Ufermauer hinaufgespritzt. Selten hatte die große Prozession, die sich, wie alljährlich um diese Zeit, auf die Wallfahrt zur Mutter Gottes nach Kevelaar begab, so ungünstiges Wetter gehabt. Aber nicht Regen, nicht Sturm hielt die frommen Pilger ab; nie war der endlose Zug endloser gewesen, der Düsseldorf betend passierte und dem sich hier noch endlose Beter anschlossen. Es waren der bekümmerten Seelen heuer mehr denn je, die in der Kapelle, darin schon so viele geopferte Wachsgebilde an den Wänden hängen, vor’m wunderwirkenden Gnadenbild neue wächserne Füße und Hände niederlegten.

Schwarz hing das Kartoffelkraut auf dem Acker, modrig roch es auf den Feldern, die Störche sammelten sich auf den Hammer Wiesen, die Schwalben zogen fort, und frostig waren die Nächte.

Vorsichtige Leute bestellten Kohlen und suchten die warmen Sachen aus der Mottenkiste, bald war der Winter da – aber, ob auch der Friede?

Es gab eine bittere Enttäuschung. Hatten doch selbst die Soldaten aus dem Felde an die Ihren von baldiger Heimkehr geschrieben; aber Sedan hatte den Frieden nicht gebracht. Wohl saß Napoleon auf Wilhelmshöhe, wohl hatte Straßburg kapituliert und Orleans war erstürmt, doch noch immer mußten die deutschen Jungen vor Metz im Morast liegen, frieren und sich langweilen.

Ganze Waggons wollener Hemden, wollener Strümpfe, wollener Leibbinden gingen von der Stadt dorthin ab. Besorgt sah man die Rheinnebel steigen und sinken, schüttelte den Kopf über die unendlichen Regengüsse, lief verdrießlich mit Schnupfen und roter Nase umher – wie sollte es jetzt erst den Armen in den sumpfigen Metzer Gräben ergehen? Und wie vor Paris?! Man war des langen Krieges recht herzlich müde. Täglich bohrten sich tausende begieriger Augen in die Spalten der Zeitung: ›Kleine Ausfälle bei Metz, nichts Neues vor Paris‹ – das war die stete Losung. Wann denn, wann denn endlich?! Sollten die armen Jungen nicht einmal Weihnachten zu Hause feiern?

Ängstliche Seelen nahmen’s als schlechtes Zeichen, daß im Nordwesten der Stadt eines Abends ein Nordlicht auftauchte; man brauchte gar nicht auf die Sternwarte zu rennen, ein jeder sah’s mit bloßem Auge. Voll unheimlichen Scheines, groß und seltsam, mit rotem Kranz stand es über dem Strom. Warum kam das hierher, wie hatte sich das vom Polar an den Rhein verirrt? Das bedeutete Blut, noch viel Blut.

Es half nichts – Metz halsstarrig, vor Paris nichts Neues – man mußte sich auf den Winter gefaßt machen. Der Pelzmarkt war im Gang, seufzend kaufte manches Bäuerlein sich ein Paar Winterfäustlinge und dachte dabei an seinen frierenden Sohn – da kam die Nachricht: ›Metz hat kapituliert!‹

Wohl war die Freude groß, und die Stadt ließ sich nicht lumpen mit Festesglanz, aber es war nichts gegen den Jubel von Sedan. Jetzt verlangte das Herz zu sehr nach Frieden.

Der November brachte bitteren Frost, die Kartoffeln wurden teurer, und die Kohlenpreise stiegen rapide. Kinder von ausgerückten Landwehrmännern trippelten Mittags in die Häuser der Wohlhabenden und ließen sich die Suppentöpfchen füllen für sich und ihre Mütter und die hungernden Geschwister. Im Hofgarten lasen arme Buben Holz auf, Wohlthätigkeitsvereine verteilten Feuerung. Nun galt es nicht allein, Charpie zu zupfen, nun hieß es auch: Strümpfe stricken, Röcke nähen, Hemdchen zuschneiden, Mäntel zurechtmachen für die Familien der fernen Krieger. Und der Bedürftigen waren viele.

Auch Josefine gab – Gott sei Dank, sie konnte ja geben! – wenn auch alle Geschäfte klagten, ihr Lädchen ging. Sie hatte ihren Halt an der Kaserne, die gab ihr Kundschaft, die verließ sie nicht. Die alte Kaserne! Sie fühlte sich wieder ganz darin zu Hause.

Treppauf treppab, von Block zu Block, von Bett zu Bett.

Nun hatte sie viele neue Gesichter unter ihren Kranken, kaum einige der ersten Gäste waren noch da. Sechzig lagen draußen auf der neuzugekauften Parzelle des Kirchhofs, und der Winterschnee deckte sie zu.

Unteroffizier Schmidt mit seinem Eisernen Kreuz war längst wieder seiner Kompagnie nachgerückt. »Der wird schon wieder Schwung in die Gesellschaft bringen,« hatte der Oberstleutnant gesagt. »Ein Kerl wie der ist unbezahlbar. Immer fidel. Und namentlich zum Requirieren wie geschaffen. Treibt keiner ein Pfund Fleisch mehr auf, der kommt gewiß noch mit ’ner fetten Gans unter’m Arm!«

Auch die in der Kaserne Zurückgebliebenen vermißten Schmidt; er hatte sie alle aufgekratzt. Aber in Paris mußte er doch mit einziehen, das war sein Traum. Und dann wurde die ›Juste‹ geheiratet, hatte sie ihm doch eine selige Antwort gegeben und dem Bengel die Hand zum Gruß geführt: ›Lieba Vata!‹ –

Der Rhein trieb mit Eis, es war so kalt, so grimmig kalt, wie sich’s die ältesten Düsseldorfer nicht erinnern konnten, und doch kamen die jämmerlichen Franzosen durch ohne Mäntel, ohne Schuhe, zerrissene Lappen um die Füße gewickelt. Viele gar ohne Strümpfe, mit erfrorenen Zehen. Wenn’s hoch kam, hatte einer noch die Lumpen einer Pferdedecke. Das waren die Kriegsgefangenen, die Reste der großen Armee, die nach der Festung Wesel eskortiert wurden, nach Minden, oder nach den Baracken auf der Wahner Heide. Durch die Eifel waren sie marschiert, über die öden, endlosen Hochlandsstrecken, auf die der Schnee fiel wie ein Leichentuch. Sie hatten den Winterstürmen nichts mehr entgegenzusetzen gehabt: keinen gesättigten Magen, keine warmumhüllten Glieder, vor allem kein hoffendes Herz mehr – die _gloire_ verloren, alles verloren! Verstohlen blieb manch einer zurück. Der Zug war endlos – wer merkte das Fehlen eines einzelnen? Mutlos streckte er den ausgemergelten Körper in den Schnee und starb.

Josefine war zugegen, als solch ein Zug in Düsseldorf ankam. Ein eisiger Winterregen, der wie mit spitzigen Eisstückchen peitschte, ging nieder. In den halbzerflossenen Schnee des Exerzierplatzes hatten sich die Unglücklichen hingeworfen. Sie waren zu Tode erschöpft. Sterbenden glichen sie alle, und Sterbende waren auch unter ihnen. Dort trug man einen in’s Stroh des nächsten Stalles; bis auf den Platz war er noch gewankt, nun hatte er geendet. Und hier schrie einer in höchsten Nöten: »_Mon dieu, mon dieu! Ah, comme je suis malheureux!_«

Allen klapperten die Zähne, alle waren blau vor Frost, allen bluteten die Füße. Halbnackt streckten sich ihre mageren Glieder aus den abgerissenen Uniformen; alle ohne Haltung, alle ohne Disciplin. Sie hörten auf kein Kommando mehr; den Nonnen rissen sie die Blechnäpfe mit heißer Suppe aus den Händen, packten die Gefäße und stülpten sie sich in der Gier des Trinkens fast über den Kopf.

Josefine konnte nicht mehr an sich halten; im ersten Impuls unendlichen Mitgefühls kniete sie nieder und stützte die Elendesten. Blut, Wunden, Kanonendonner, Todesröcheln – es war nichts gegen dies! Die Thränen gossen ihr herab, sie hatte keine Hand frei, und so tropften sie in die Suppe, die sie den Verschmachteten reichte.

Allen wurden die Füße verbunden – eine kurze Rast – und dann hieß es weiter. Aber die Unglücklichen wollten nicht weiter, sie blieben im Schnee liegen; hier wollten sie sterben.

Es hatten sich zahlreiche Zuschauer eingefunden, nicht wenige unter ihnen weinten. Ein armer Arbeiter zog plötzlich seine Stiefel aus und reichte sie einem der Franzosen, der nur Lappen um die Füße gewickelt hatte; dabei fluchte er. Und auch andre stießen Verwünschungen aus – nicht die Besiegten, die hatten nicht einmal Kraft mehr zu einer Verwünschung – sie, die Siegreichen, verwünschten den Krieg. Nur Friede, Friede! Was man an Geld in der Tasche hatte, gab man her.

Josefine war nach Haus gestürzt; auch sie mußte geben, den Armen geben, was sie besaß an Hemden, Strümpfen, Kleidern. Die Sachen ihres Peter hatte sie nie, nie hergeben wollen – diese teuren Kleidungsstücke, diese heiligen Andenken – nun gab sie sie doch. Ein häßlicher Schwarzer warf seine zerlumpten Hosen weg und kroch mit Zähnefletschen in die ihres Peter, und ein todblasser Tambourmajor hüllte sich in den großen Mantel, den ihr Ältester noch von seinem Vater geerbt. Alles gab sie hin. Nun hatte sie nichts mehr. Mit schmerzlichem Bedauern zeigte sie ihre leeren Hände.

Heute fühlte sie sich zum erstenmal erschöpft, heute fühlte sie zum erstenmal die Kälte des Winters und den schneidenden Wind, der ihr die Haare um die Schläfen peitschte. Heute mußte sie zum erstenmal einen Augenblick ruhn. Als sie heim kam, waren der Bruder und Fritz nicht da. Thüren und Schränke und Kommoden hatten sie offen gelassen – wohin? Aber schon kamen sie atemlos zurück; der Knabe führte den Invaliden, der auf dem Glatteis höchst mühselig ging. Doch Ferdinand lamentierte nicht.

»Finchen,« schrie er im Eintreten und wischte sich den Schweiß der Anstrengung ab, »die armen Teufel! Heiliges Kanonenrohr, wie is da unser einer gegen dran! Fina, schimpf’ nit, aber ich hab’ denen mein’ andre Bux’ un auch wat Unterzeug un ne Rock mitgegeben – ich hab’ ja so viel!«

Da nickte sie ihm zu.

* * * * *

In die ernsten Stunden trüber Wintertage brachte der Besuch von Bruder Friedrich ein freundliches Licht. Ruhig, aber doch von einem gewissen Selbstbewußtsein erfüllt, teilte der Schlosser der Familie mit, daß er demnächst die Aussicht habe, selbständig zu werden, das heißt so gut wie selbständig: ein Konsortium von Geldleuten hatte ihn, neben einem kaufmännischen Direktor, zum technischen Leiter eines neu zu gründenden großen Etablissements für Fabrikation von Eisenbahnschwellen und Schienen ausersehen. Mit Beendigung des Krieges sollte das Unternehmen in’s Leben treten, bedeutendes Kapital stand zur Verfügung; und sein Kontrakt war unterzeichnet.

»Ja,« schloß er mit aufquellender Freude, »dat wär’ früher nit e so leicht passiert, nur ene simple Schlosser, und so en Stell’! Aber heutzutag’ jeht dat. In der Industrie wird nur jefragt: ›Wat leist’ de Mann?‹ Hör’, du, meine Jung’« – er legte dem interessiert lauschenden Fritz die Hand auf den Kopf –, »du sollst ordentlich in de Lehr’! Direktor – dat is mir noch lang’ nit jenug für dich, selber dein ’hören muß sie, die Fabrick!«

Herr Schnakenberg war Feuer und Flamme, als er von des Stiefsohnes Aussichten hörte. Wenn der Junge Kaution stellen mußte, er kam dafür auf!

»Ne, danke,« hatte der Schlosser mit Stolz gesagt, »Kaution brauch’ ich nit. De Krupp sagt für mich jut, un dat is jenug!«

Krupp konnte schon gutsagen, dessen Kanonen spieen die französischen Festungen an – Thionville, Montmédy und wie sie alle hießen –, daß sie klein beigaben. Und gar das große Paris schien zu zittern vor dem Gebrüll der Geschütze von Friedrich Krupp.

Mit Ungeduld wartete man auf die Kapitulation von Paris. Wenn Paris fiel, das ›große Sündenbabel,‹ dann mußte es doch Friede werden!

Weihnachten war gekommen, jedoch Christkindleins sanfte Lieder wurden noch immer übertönt von rauher Kriegsmusik. Aber die unschuldigen Kinder sangen doch unverzagt:

›O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!‹

Wer hätte sie schweigen heißen mögen?!

Und auch in der Kaserne erklangen Weihnachtslieder. Für mächtige Tannenbäume war gesorgt. Viele Abende hatte Josefine mit den Nonnen an dem Riesenbaum, der auf dem größten Krankensaal, dem Offizierskasino, stehen sollte, geschmückt. Die junge Schwester Daria mit den roten Wangen war unermüdlich im Schneiden bunter Papierketten und zierlicher Körbchen. Und sie war so voller Lust dabei, in ihrer schwarzen Tracht so heiter, als wäre sie eine glückliche Mutter, die ihren Kindern den Christbaum putzt. Josefine mußte sie oft erstaunt, fast bewundernd ansehen, diese still freundlichen Gestalten in den schwarzen Kutten; sie fühlte die alte Neigung wieder erwachen, die sie einst als Kind zu den lieben Nönnchen hingezogen – diese hier waren wahrhaft ehrwürdig!

›_Gloria in excelsis deo_‹ leuchtete in bunten Farben vom Spruchband des Engels auf dem Transparent im Weihnachtssaal. Ein ganzes Jahr hatte das Transparent versteckt gestanden in irgend einem verstaubten Winkel. Nun hatten geschäftige Hände es hervorgeholt und unter’m Tannenbaum aufgestellt. Josefine hatte nichts davon gewußt, nun sah sie es plötzlich bei der Bescherung im vollen Lichterglanz, und das Herz stand ihr still vor freudigem Schreck – das war ja das Werk ihres Sohnes! Das war von ihm übrig geblieben hier in der Kaserne: _Gloria in excelsis deo!_

Und in die Freude mischte sich der Schmerz. Aber der Schmerz übermannte sie nicht, ein heiliges Entzücken trug ihr Empfinden höher. Sie schlang die Finger ineinander und hörte still das uralte Weihnachtsevangelium an, das der Geistliche verlas: ›Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, und den Menschen ein Wohlgefallen!‹

Ein Chor sang, Schwester Darias Sopran schwebte hoch und hell über den rauhen Männerstimmen. Alte, vertraute Weihnachtslieder und ein Duft vom Tannenbaum – da fiel auch Josefine ein mit voller, kräftiger Stimme.

Andächtig hörten die Franzosen zu, als die ›_prussiens_‹ sangen. Sie kannten nicht die deutsche Weihnachtsfeier, aber sie gefiel ihnen. Wie die Kinder streckten sie die Hände aus nach den Äpfeln und Nüssen und nach dem Korinthenplatz: »Ah, weiße Brot, _oh, merci, merci_, weiße Brot, _très-bon_!«

Dann baten sie, auch ihrerseits etwas vortragen zu dürfen. Zwei rotbehoste Kerle traten an – der eine trug noch den Arm verbunden, der andere den Kopf – und führten eine Scene auf mit Gesang und Tanz. Hei, wie die Fußspitzen flogen! Immer dem andern bis an die Nase. Die Verwundeten, die noch zu krank waren, ihre Betten längs der Saalwand zu verlassen, ließen sich stützen, um mit gereckten Hälsen auch etwas von der Aufführung zu ergattern. Urdrollige Kerls! Die Zuschauer verstanden nichts, aber sie wanden sich vor Lachen.

Eine harmlose Fröhlichkeit wurde allgemein. Manch deutscher Landwehrmann, der bangend gedacht, es an diesem Abend vor Heimweh nach seinen Kindern nicht aushalten zu können, amüsierte sich königlich. Und die Franzosen sprangen immer höher und tanzten immer feuriger; heute war alles ›_malheur_‹ vergessen, sie wiegten sich auf dem Beifall, sie genossen das bescheidene Glück, bewundert zu werden.

Leise stahl sich Josefine hinaus. Rauh war draußen die Winternacht, durch die sie schritt, die Erde, auf die ihr Fuß trat, hart gefroren. Kahl standen die Ahornbäume, erstarrt wie im Todesschlaf; aber ihr Herz schlug warm und lebensvoll und doch voll Ruhe.

_Gloria in excelsis deo_ – in ihr war Friede.

* * * * *

Am 18. Januar ließ sich der greise König Wilhelm im Hauptquartier zu Versailles vom starken Bismarck die junge Krone des auferstandenen Deutschland auf die Stirn drücken.

Das war eine Erfüllung.

Der Rhein rauschte mächtig, und in sein Rauschen mischte sich der Jubelhall der Ufer. Nun waren Wünsche erfüllt, die man längst als hoffnungslos begraben.

Warum hatte man denn einst laut gemurrt und die rote Fahne gehißt auf den Barrikaden? Warum hatte man ein ununterdrückbares Sehnen getragen all die Jahre? Warum hatte man des Volkes Jugend hingegeben auf Schlachtfeldern? Alles nur darum.

Es war ja die alte Märchenkrone, die so lange im Rhein geruht, tief unten. Nun sollte sie erstehen in neuem Glanz; sie blinkte golden wie die Sonne.

Und wie die Sonne würde sie glänzen, mit gleicher Fülle über alle, über ein einiges und über ein freies Volk.

Manch alter Achtundvierziger, manch roter Demokrat jubelte mit; alles Volk freute sich.

Zwar kamen noch immer Verwundete, zwar rückte noch immer neuer Landwehrersatz aus; aber man glaubte nicht mehr an Schlachten. Das große Paris kapitulierte, das so hartnäckige Belfort folgte – nun war das Eis gebrochen.