Die Wacht am Rhein

Part 19

Chapter 193,827 wordsPublic domain

Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel – betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß der Mädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes. Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem Vater gegangen waren.

So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr.

Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse waren, aber etwas Fremdes war da.

Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? – und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife und Wichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut.

»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,« sagte der Bruder.

Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt bestehen könne.

Von Dank für alle seine Mühe und Arbeit wollte der Friedrich nichts wissen, auch nicht einmal für das der Schwester vorgestreckte Kapital.

»Du jiebst et mir ja wieder, Fina, paß ens auf, eine paar Jahr! Zinsen kannste mir ja zahlen, Jeschäft is Jeschäft! Ich rechen’ so: Krieg kriejen wir diesen Sommer sicher un jewiß, dann sollste ens sehn, dann jeht et dir im Kleinen, wie dem Krupp im Jroßen. Rückt die Armee in’t Feld, braucht se auch Ausrüstung, un ob et nu Stiefelschmier’ is oder en Kanon, dat bleibt sich janz jleich.« –

Friedrich hatte recht gehabt. Als Josefine heut am dunklen Herbstabend ihr kleines Lädchen schloß und die Kasse nachzählte, konnte sie zufrieden sein. Man hatte ihr fast den Laden gestürmt. Die letzten Reserven waren entlassen worden, keiner unter ihnen hielt den Ausmarsch aus der Garnison und den Einmarsch in die Heimat für möglich, ohne Stock in der Hand. Und bunte Sacktücher – gelb mit roten Rändern, die Schlacht von Königgrätz schwarz draufgedruckt, – war sie eine Menge losgeworden; denn das waren schöne Andenken für die Mitdabeigewesenen und interessante Anblicke für die Zuhausgebliebenen.

Die müde Frau gähnte und pustete dann die Lampe aus, die über der kleinen Theke von der Decke herabhing. Es war schon so spät, aber noch bis vor kurzem hatte die Thürglocke gebimmelt; jetzt endlich war Zapfenstreich geblasen und alles still geworden. Die Kaserne drüben streckte sich dunkel, nur in der Wachtstube flinzelte noch Lichtschein.

Es war Josefine eine Freude, daß die Hauptwache nicht mehr wie früher am Burgplatz, sondern hier gerade gegenüber war. So genoß sie täglich das militärische Schauspiel, und nachts auch weckte sie das ›Heraus‹ beim Nahen der Ronde. Dann lag sie lauschend mit gefalteten Händen, hörte, wie die Wache in’s Gewehr trat, und fühlte sich nicht mehr verlassen.

Mit heißen Wangen stieg Josefine die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung. Im ganzen Haus war’s schon dunkel, nur in der Kammer, die ihre Knaben innehatten, brannte noch Licht.

Sie guckte hinein. Der Kleine schlief, aber Peter saß noch über den Tisch gebeugt und hörte die Mutter gar nicht. Ärgerlich trat sie näher.

Gewiß pinselte der wieder! Ob er denn seine Schulaufgaben auch fertig hatte? Dafür ließ sie ihn wahrhaftig nicht noch auf die teure Realschule gehen, daß er jedes freie Blättchen in seinen Heften verschmierte!

Sie sah ihm über die Schulter.

Herrjeh, das war ja der Kalvarienberg an der Lambertuskirch’! Genau so guckte der Gekreuzigte, wie hier auf dem Blatt! Nun konnte sie doch nicht mehr böse sein, er hatte das zu schön gemacht.

Leise legte sie ihm die Hand auf. Da schrak er zusammen und ließ den Tuschpinsel fallen. Rotwerdend, streckte er beide Hände über seine Malerei.

»Jleich, jleich, Mutter, jleich mach’ ich ja schon meine Aufjab’, schimpf nit!«

Was? Noch nicht die Schularbeiten gemacht?! Das war ihr doch außer’m Spaß. Zornig hob sie die Hand zum Schlag, aber Peter fing die auf und hielt sie fest.

Bittend sah er ihr in’s Gesicht.

»Ärjer dich nit,« schmeichelte er, »dann siehste jarstig aus. Ich kann doch nix dafor! In Vohwinkel war nit viel zu besehen, aber hier so viel, och, schrecklich viel! Bilder in allen Schaufensteren!« Seine Augen leuchteten auf. »Kuck emal, is dat nit fein?« Er hielt ihr vergnügt lachend sein Blatt hin. »Un nu mal’ ich noch dat alte Schloß, un den Rhein – dicke schwarze Wolken drüber un en Stücksken Blitzblau derzwischen – ich hab’ et so jesehen! Hau, dat war schön! Kauf mir doch noch ene Tuschkasten, aber ’ne bessere, Mutter, bitte, so ’ne richtige Farbkasten von Schönfeld! Bitte, Mutter, bitte!«

»Ne,« sagte sie, »da denk’ ich ja jar nit an, dann thuste für die Schul’ rein nix mehr.«

»Och, die Schul’,« stieß er heraus und hob mit einem Ruck den Kopf. »Wat soll ich dann noch da? Nimm mich doch eraus, Mutter, da lern’ ich ja doch nix. Kauf mir lieber ene Farbkasten, ich will Maler werden!«

»Unsinn,« sagte sie. »Leg’ dich hin un schlaf’! Morjen weck’ ich dich janz früh, dann lernste noch.«

»Aber ene Farbkasten schenkste mir,« bettelte er, »’ne Farbkasten, Mutter, thu et doch! Bitte, bitte!«

»Ne,« sagte sie wieder und ging aus der Thür. Aber ihr Herz klopfte.

Woher der Peter nur die Lust am malen hatte? Von Conradi nicht; von ihrem Vater sicher auch nicht. Von ihr selber auch nicht, sie konnte ja keinen geraden Strich machen. Aber verstehen konnte sie ihn. Und doch würde sie ihm keinen Farbkasten schenken. ›Erzieh’ die Kinder zu was Ordentlichem‹, hatte Conradi noch in letzter Stunde mit verlöschender Stimme gesagt, – – ach Gott, der Junge hatte zu früh seinen Vater verloren!

Heute schlief Josefine lange nicht ein, trotz aller Müdigkeit. Sie wußte, nebenan in der Kammer lag ihr großer Junge im Bett und weinte wie ein kleines Kind. Er fühlte so lebhaft, den Schmerz ebenso wie die Freude. Er war ja ganz ihr Sohn.

XX

Herr und Frau Schnakenberg wanderten am Vormittag über die Kasernenstraße. Die Hitze der letzten Septemberwochen war vorüber, die matte Oktobersonne spielte auf dem Pflaster und färbte die grauen Kasernenwände bleich.

Das Ehepaar wurde viel gegrüßt. Frau Trina war im schönsten Staat; sie trug ein Seidenkleid von einer ganz infam-gelbbraunen Farbe, doch war es das modernste vom Jahr, Sternefeld vom Alleeplätzchen hatte diese elegante Couleur als Herbstnouveauté eben mit aus Paris gebracht. Auch die Beduine von feinem Kaschmir mit Fransenabschluß war aus Paris, der Hut auch; das beste kam doch eben nur daher! Das Ehepaar Schnakenberg plante auch zum nächsten Jahr einen Besuch der Pariser Weltausstellung.

Jetzt gingen sie, um den aus dem Mainzer Lazarett endlich entlassenen Sohn, den sie im September schon zweimal vergeblich mit einem festlichen Mahl erwartet, zu begrüßen. Zu heut mittag hatten sie ihn auch gleich wieder eingeladen, aber er hatte sagen lassen: den ersten Tag wolle er bei der Fina bleiben, und der Weg nach der Königsallee wär’ ihm auch zu weit.

Ob er den wirklich nicht gehen konnte – dann hätte man ja einen Wagen schicken können – oder ob er bloß nicht wollte?! Diese Ungewißheit regte Frau Trina etwas auf; wahrhaftig, das war doch häßlich von den Kindern, daß sie ihr immer noch ihre Heirat mit dem Schnakenberg nachtrugen! Und der war doch so ein guter Stiefvater!

Den Ferdinand und ihren Jüngsten – das Karlchen – der bei der Marine kapituliert hatte und von dem man eigentlich nie wußte, wo er mit seinem Schiff war, hatte sie beide gleich lange nicht gesehen; an die sechs oder sieben Jahre mochte es her sein, daß die mal einen Tag in Düsseldorf gewesen.

Nun kam der Ferdinand wenigstens für dauernd her und würde bei der Josefine bleiben – wo sollte er denn als Junggeselle auch sonst hin? Ein Gedanke peinigte Frau Trina unablässig, als sie jetzt an der Kaserne entlang schritt: ›Ach, wenn der Rinke das erlebt hätte!‹ Der hätte sich am Ende noch darüber gefreut, daß seinem Sohn im Krieg ein Bein abgeschossen worden. So lebhaft hatte sie noch nie ihres ersten Mannes gedacht, wie heute auf dem Weg zum invaliden Sohn. Sie erregte sich mehr und mehr. Diese ganze Soldatenwirtschaft, dieses Knallen mit Pulver und Blei, was hatte ihr das alles schon für Leid gebracht!

Sie rief Schnakenberg, der ihr ein paar Schritt voraus war, und hing sich an seinen Arm. –

Vor der Thür, unter dem Schild:

_#Josefine Conradi geb. Rinke#_,

_Stöcke, Pfeifen, Putzzeug, alle Arten Militär-Bedarfsartikel_

stand der kleine Fritz. Sein rotbackiges Kindergesicht sah heute ganz betroffen drein.

»De Onkel is da,« sagte er ernsthaft, »aber de Mutter is traurig.«

Sie traten aus der Mittagshelle in’s Lädchen ein, es war etwas dunkel darin, das Auge mußte sich erst gewöhnen. Josefine stand hinter der Theke und ordnete einen Kasten, aus dem sie eben verkauft; beim Anschlagen der Ladenschelle hob sie die Augen.

»Wo is de Ferdnand?« fragte Frau Trina hastig.

Die Tochter wies mit einem stummen Blick nach der Ecke. Dort erhob sich jetzt schwerfällig eine Gestalt aus dem Sessel und humpelte an zwei Krücken den Eintretenden entgegen. Leer hing das eine Hosenbein, und –

»Jesus Maria, meine arme Jung’!« schrie die Mutter auf und fiel dem Sohn um den Hals. Der konnte sie nicht umarmen, er mußte sich auf seine Krücken stützen.

Josefine liefen die Thränen über’s Gesicht; auch Schnakenberg schneuzte sich mehrmals, dabei drehte er sich ein bißchen weg, das leere Hosenbein war ihm gar zu jämmerlich.

Frau Trina schluchzte noch immer:

»Meine Jung’, meine arme Jung’!« Und küßte ihn und tätschelte ihm die Backen, wie sie es vielleicht einst dem kleinen Knaben gethan.

Der Sohn war nicht sehr zärtlich, er nahm’s nur gnädig hin.

»Jammert doch nich,« sagte er fast ungeduldig. Und dann richtete er sich so stramm auf, als er nur irgend konnte, und wies auf das Militärehrenzeichen, das die Brust seines verschabten Uniformrocks zierte: »Das kriegt man nich umsonst! Im Lazarett machten se ’ne richtige Feier, als se mir’s überreichten. Ja, was denkt ihr wohl, das is en besondere Ehr’! Die meisten kriegen nur das Erinnerungskreuz von Bronze – ihr könnt mir gratulieren!«

Aber Mutter und Schwester gratulierten ihm nicht. Frau Trina war, ihr Taschentuch vor’s Gesicht haltend, auf einen Stuhl gesunken, Josefine sah den Bruder mit zuckenden Lippen an. Nur Schnakenberg schüttelte ihm die Hand und schlug ihm dann auf die Schulter:

»Jratuliere! No, ich sag’ et ja, da wolle mer mal tüchtig eins auf trinken – hoch de tapfre Vaterlandsverteidiger, hoch, hoch!«

Ferdinands Augen glänzten auf, und er schmunzelte. Heute morgen schon waren Nachbarn gekommen, um ihn zu sehen; die ganze Kasernenstraße erinnerte sich ja noch an den ›Rinkes Jung’‹, und jetzt natürlich war er erst recht der Mann des Tages. Ein paar Knaben hatten ihn flehentlich um ein Andenken vom Schlachtfeld gebeten. Ja, wenn nur erst seine Kiste nachkam, dann wollte er ihnen schon blutgefärbte Uniformläppchen und ein paar Granatsplitter austeilen. Er versprach dem Stiefvater, heute abend mit in dessen Stammkneipe zu kommen; da wollte ihn dieser den Herren vorstellen, und er sollte von seinen Erlebnissen zum besten geben.

»Wird der dat nit zuviel sein, Ferdnand?« fragte Josefine besorgt. »Du sagst doch, dat Jehen macht dich e so müd.«

Das wollte er jetzt nicht mehr Wort haben.

»Wer können ja auch ene Wage nehmen,« sagte Schnakenberg. »Och, wat dann, Fina,« – er kniff die Stieftochter in die Wange – »nur kein ängstlich Jesicht! So ne Krieger is nit von Zucker. Jelt, Herr Sergeant? Heut jehn wer nach Ahmer und morjen nach Löhmer un übermorjen nach Hintze, un im Römischen Kaiser un im Verein. Wer machen de Rund’, bis dat wer durch sind. De Jung’ soll nit sagen, dat wer em nit ordentlich befeiert haben!«

Als der Stiefvater mit der Mutter gegangen war, äußerte Ferdinand sein Wohlgefallen: Der Schnakenberg war doch ein sehr netter Kerl, ein sehr anständiger Mann!

Josefine wollte nicht widersprechen. Gewiß, der Schnakenberg war ein guter Mensch – sie war ihm dankbar für manche Freundlichkeit – aber seit sie in Düsseldorf war, mußte sie wieder so viel an ihren Vater denken. Es drängte sie plötzlich, von ihm zu sprechen.

»Ferdnand, wat würd’ der Vater sagen,« flüsterte sie in einem weichen Ton und blickte hinüber zur Kaserne.

»Ja, so was hätt’ der auch wohl haben mögen,« sagte Ferdinand und schielte nach der Auszeichnung auf seiner Brust. »Hab’ ich der denn schon erzählt, warum ich das gekriegt hab’?«

Und nun begann er in einer Weise zu erzählen, daß sie merkte, er hatte das schon so und so oft gethan. Es klang wie auswendig gelernt:

»Wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter, die Bayern, gesprengt; in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Kerle, und die Höhen hielten sie besetzt. Aber wir – hurra! – steil ging’s den Berg herauf, und –«

Er wurde unterbrochen. Die Ladenschelle klingelte, zwei bärtige Männer in Civil traten ein; man sah ihnen den ›entlassenen Landwehrmann‹ an. Sofort trafen sich ihre Blicke mit denen des Invaliden.

»Was jefällig?« fragte Josefine.

Aber sie wurde gar nicht gehört, die beiden hatten sich gleich mit Ferdinand in ein Gespräch vertieft.

»Division Göben, 53. westfälisches Infanterie-Regiment, 10. Juli bei Kissingen,« sagte der Invalide und wies auf seinen Beinstumpf.

»Niederrheinisches Füsilierregiment, Ersatzbataillon, 10. Juli bei Hammelburg!«

Das war ein Händeschütteln, waren sie doch am selben Tag, nicht weit von einander, im Feuer gewesen! Mit Bewunderung sahen die beiden Landwehrmänner das Ehrenzeichen auf der Brust des Kriegskameraden.

Der Invalide strahlte.

»Ja,« sagte er, »wir hatten die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Übergang auf einem Balken, die Brücke hatten die Hundsfötter gesprengt, in Kissingen steckten sie drin, die verfluchten Bayern –«

Josefine mochte die Erzählung nicht mehr mit anhören, sie ging hastig hinaus. Der Vater hatte ihr einstmals auch vom Krieg erzählt – aber wie anders! Und doch mußte sie froh sein, daß der Stolz dem Bruder über den Verlust seines Beines weghalf.

Als sie wieder hineinkam, hatte er eben geendet, mit hochrotem Kopf saß er in seinem Stuhl. Die Landwehrleute machten ein großes Hallo; sie ließen nicht nach, er mußte mit ihnen nebenan in die Wirtschaft gehen und ein kameradschaftliches Glas mit ihnen leeren.

Als sie Stöcke gekauft, schleppten sie ihn ab, und er ließ sich nur zu gern schleppen. Josefine sah ihnen nach: die zwei von der Landwehr mußten heute schon ordentlich was getrunken haben, sie wirbelten ihre Stöcke; jetzt huben alle drei ein lautes Singen an.

Lange nach mittag kam Ferdinand erst zurück, er war glückselig. So viele Freunde hatte er gefunden, und sie hatten ihn hoch geehrt, wie einen Helden gefeiert und ihn zuletzt im Triumph durch’s Lokal getragen. Wenn die neunundreißiger Füsiliere, die anfangs Winter als ständige Garnison in Düsseldorf einrücken sollten, ebenso nette Kerle waren, wie die vom Ersatzbataillon, ließ es sich hier schon leben. Er war freudig erregt, neckte sich mit den Neffen und schwatzte in einem fort. Mit Mühe überzeugte Josefine ihn, daß es dringend nötig für ihn sei, sich zu ruhen. Es kostete sie unsägliche Anstrengung, ihn die Stiege hinaufzubringen, denn die war eng und die Stufen hoch. Er stöhnte und fluchte, stützte sich mit der einen Hand auf’s Treppengeländer und legte den andern Arm so fest um ihren Nacken, daß er sie fast niederdrückte. Der kleine Fritz schleppte die Krücken nach. Sie dankte Gott, als sie dem Bruder oben auf’s Bett geholfen; noch sprach sie zu ihm, da schlief er auch schon.

Es dunkelte längst, als Josefine erst wieder etwas von ihm merkte. Fritz kam gelaufen und holte sie: der Onkel wolle sich nun fein machen und könne nicht allein damit zu stande kommen.

Der Invalide nahm es als ganz selbstverständlich an, daß ihm geholfen wurde; die Schwester that es ja auch gern, war sie doch froh, daß er sie aus heiteren Augen anlachte. Aber ein eigentümliches Grausen überlief sie, als er nur einen Fuß hinstreckte, um sich den Stiefel anziehen zu lassen. Ihre Hände zitterten und hatten keine Kraft, aber er merkte es nicht; lustig pfiff er den Königgrätzer Siegesmarsch und beorderte Fritz, ihm die beste Montur herauszusuchen. Er mußte doch eine Figur abgeben, wenn der Stiefvater ihn präsentierte.

Josefine war es weh um’s Herz, als der Bruder nun soweit fertig war, – im besten Rock mit dem Ehrenzeichen, die Haare pomadisiert, – und sich zuletzt noch sorgfältig den krausen Backenbart kämmte, nachdem er sich vorher das Kinn sauber ausrasiert. Sie betrachtete ihn: wahrhaftig, ein schöner Mann, fast dem Kronprinzen ähnlich – aber ach, nur ein Bein! Das andre war hoch am Oberschenkel amputiert.

»Ferdnand,« sagte sie aus einem Herzensdrang heraus, »wie fühlste dich dann?«

»Gut, sehr gut, ganz famos! Kuck doch mal nach,« schrie er dem Kleinen zu, »ob der Schnakenberg bald antritt!« Er schien es gar nicht abwarten zu können. Als eine Kutsche vorrasselte und der Stiefvater unten im Flur rief, humpelte er so eilig die Treppe hinunter, daß er fast gestürzt wäre und Josefine mit sich gerissen hätte.

»Immer langsam voran, immer langsam voran, Daß die österreich’sche Landwehr nachkommen kann,«

begann er da zu singen. Das ganze Haus schien von seiner lauten Stimme angefüllt.

Josefine wurde diesen Klang nicht los, auch als die Räder des Wagens längst verrollt waren. Zwischenhinein bimmelte die Ladenschelle; es kamen eine Menge alter Bekannter, die den Heimgekehrten besuchen wollten. Ein paar kleine Mädchen aus der Nachbarschaft erschienen, hübsch angeputzt, mit einem Kranz und wollten ihm ein Gedicht aufsagen.

Josefine war’s zufrieden, daß das Gelaufe ein Ende nahm, als der Zapfenstreich ertönte.

›Zu Bett, zu Bett, Wer en Liebsten hätt’, Wer keinen hätt’, Muß auch zu Bett. Zu Bett, zu Bett, zu Bett.‹

Wie oft hatte sie das als Kind ahnungslos der Trompete nachgeschmettert!

›Wer keinen hätt’, Muß auch zu Bett –‹

Von einer schwermütigen Regung befallen, sah sie sich jetzt um. Da stand ihr einsames Bett. Und sechsunddreißig Jahre – nein, das war noch nicht alt! Unwillkürlich breitete sie ihre Arme, in denen das warme Blut voll an die Pulse klopfte, und dann streifte ihr Blick den Spiegel. Sie trat davor und hielt das Lämpchen hoch. Hellbeleuchtet schaute ihr Bild sie an: blank die Augen, frisch das Gesicht und das Haar blond, nicht mehr so licht wie in der Mädchenzeit, ein wenig nachgedunkelt, aber blond doch, ganz blond, kein einziges, graues Fädchen an den Schläfen.

Seltsam genug stand das schwarze Kleid gegen das helle Gesicht. Sie hatte sich noch immer nicht entschließen können, die Trauer abzulegen, nur ein schmales, weißes Krägelchen gönnte sie sich am Halse. Aber nun sie sich selbst so sah, dünkte sie es auf einmal an der Zeit, ein andres Gewand hervorzusuchen.

Er würde es ihr nicht verdenken!

Nachdenklich ging sie zu der Truhe, dahinein sie all ihre bunten Kleider verschlossen. Hier das kornblumenblaue, das hatte er ihr den letzten Weihnachten geschenkt und sie so gern darin gesehen – ob’s ihr noch paßte? Sie hatte ein wenig an Fülle verloren seitdem – ob sie’s einmal anprobierte?

Es war etwas wie Scham in dem Gefühl, mit dem sie das blaue Kleid hin und her wendete, und zugleich war doch ein ganz eigentümliches, hastiges Zucken in den Fingern, mit denen sie ihr schwarzes Gewand herunterstreifte. Da lag es am Boden, wie eine tote Hülle, und sie warf das leuchtende Blau über und konnte sich wieder daran freuen. Was würden die Jungen dazu sagen?! Die würden sich auch freuen. Der Peter hatte schon oft gequält:

›Mutter, thu doch jetzt dat Schwarz aus, et steht dir nit.‹

Gedankenvoll nickte sie vor sich hin: ja, der Peter hatte recht, und vergessen würde sie =ihn= darum doch nicht!

Langsam kniete sie vor der Lade nieder und kramte darin weiter. Auch allerhand Kleidungsstücke von ihm kamen noch zum Vorschein; die würde sie für die Jungen zurechtmachen lassen. Wenn die nur auch so brav wurden, wie ihr Vater gewesen!

Ein hölzernes Kästchen mit eingelegtem Deckel fiel ihr in die Hände. Ach, das alte Ding! Das war in der Mädchenzeit ihr Staatsnähkasten gewesen, den sie nie für gewöhnlich gebraucht, in dem sie nur all ihre kleinen Heiligtümer verwahrt: Bandrestchen, Seidenfleckchen, Heiligenbildchen, ein Nadelbüchschen – und nun kam auch noch anderes daraus zum Vorschein. Ein kleines Buch mit zierlich gerankten goldenen Passionsblumen auf dem Einband. Es durchzuckte sie, als sie es ergriff: das hatte ihr einmal einer geschenkt, der sie geliebt hatte – und sie ihn! Rot, wie frisches Blut, glänzte noch das kleine Buch, es hatte nichts von seiner warmen Farbe eingebüßt, – so leuchtend wie am Tage, da der’s ihr gegeben.

Sie schlug es auf; ein gelbseidenes Bändchen lag als Zeichen, und runde, vergilbte Tropfen markierten sich auf dem Blatt – Thränentropfen. Sie mußte wohl einstmals darüber geweint haben.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin, Ein Märchen aus alten Zeiten –‹

Leise begann sie zu summen. Das schöne Lied! Nun sangen es auch längst ihre Kinder. Es war unvergessen und würde unvergessen bleiben.

Lächelnd schlug sie das Büchlein zu. – – – ›Viktor – –!‹

Wie ein Gruß stieg es von dem roten Buch zu ihr auf; sie hielt das im Schoß und fühlte sich auf einmal wieder ganz jung.

Und zwei Papiere ruhten im Kästchen, neugierig griff sie auch nach diesen. Erst hier dies zusammengekniffte, goldgeränderte Kärtchen!

›Mädchen, wenn ich einmal sterbe Und der Tod mein Auge bricht, So pflanz’ du auf meinem Grabe Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹

las sie.

Ach Gott, das hatte ja Conradi geschrieben, damals, als er um sie freite! Und sie hatte darüber gelacht. Jetzt schossen ihr Thränen in den Blick, so ungeahnt rasch und heftig, daß sie kaum die schöngeschnörkelte Schrift mehr entziffern konnte.

›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben, sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume!

Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment, um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an ihrer Hand.