Die Wacht am Rhein

Part 20

Chapter 203,899 wordsPublic domain

Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge, die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt.

Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still. Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen auf.

Die Witwe träumte. –

Plötzlich schreckte sie auf.

»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm doch nichts passiert sein?!

Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt, voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen, der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß. Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht geflogen: ›Ich weiß et nit.‹

Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit. Und die Tochter begriff das wohl. –

Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück. Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen doch keinen Krieg angefangen!

Da fiel ihr Blick auf den andern Zettel, der ihr vorhin aus dem Kästchen entfallen war. Sie hob ihn auf. Wie eine Vorschrift, groß und fest und deutlich, stand auf dem liniierten Schulheftblatt:

›Über alles die Ehre!‹

Das hatte ihr Vater geschrieben in letzter Stunde! Sie setzte sich nieder und dachte und starrte und starrte und dachte, bis ihr die Augen zufielen.

Ein Wagengerassel erweckte sie, ein recht langsames, müdes Räderrattern. Ah, da kamen sie endlich!

Verschlafen taumelte sie die Treppe hinunter. Von St. Anna schlug’s drei.

»Och Jott, och Jott, bis du’t, Ferdnand?«

Noch ganz verwirrt schaute sie in den Wagen, aber sie wurde gleich hell wach: da lehnten der Ferdinand und der Schnakenberg im Fond, nebeneinander, Arm in Arm, und schnarchten.

»He, Sie, Schnakenberg! Ferdnand!« Jetzt die wach kriegen!

Schmunzelnd stieg der Kutscher vom Bock. »Wollen Se nit jefälligst aussteijen, Herr Schnakenberg?« sagte er.

Mit vereinter Mühe weckten sie Herrn Schnakenberg. Verdutzt kroch der aus dem Wagen und wackelte hin und her auf seinen einknickenden Beinen, aber er lachte vergnügt und kniff die ärgerliche Josefine in die Backe.

»Finken, mei lieb Dier, sei ens nit unjemütlich! De Jung’ kriegt auch en Bein, beim Brandt in Oberbilk, kost’ et wat et kost’! Et war des Juten en bißken viel, aber dat thut ja nix. Faß ens an, Kink, wer wollen dat Jüngesken ’erauftragen!«

Es war wiederum eine schwierige Sache, den Invaliden die Treppe heraufzubringen. Er war schwer wie ein Klotz. Als er auf dem Bett lag, schlug er für einen Moment die Augen auf und stierte verwundert der Schwester blaues Kleid an.

»Siehste, wie de biste,« lallte er, »auch blau – blau – blau – blau – der Schnakenberg is mein Freund – Bruderherz – ich krieg en Bein – dat andre is futsch – blau – blau – blau – Fina – ich geh’ noch tanzen mit dir – hurra!«

XXI

Ein glücklicher Stern schien über dem kleinen Laden aufgezogen zu sein und freundlich das schwarze Schild mit den weißen Ölfarbenbuchstaben zu beglänzen. Josefine konnte nicht in das allgemeine Lamento über schlechte Geschäfte einstimmen, obgleich auch sie die Teuerung der Lebensmittel, besonders den unerhörten Preis des Fleisches, empfand.

Der November hatte Düsseldorf eine neue Besatzung gebracht: das 39. Regiment, statt der alten Sechzehner, war vollzählig eingerückt. Die lustigen Füsiliere füllten die Höfe und Blocks der Kaserne wie summende Bienen und schwärmten aus, um sich in der neuen Garnison heimisch zu machen. Und: Rinke – Rinke – das war ein Name, der den Sechzehnern sehr geläufig gewesen, nun ging der wie ein Vermächtnis auf die Neununddreißiger über. Rinke, einstmaliger Feldwebel, – Josefine Rinke, Feldwebelstochter, hübsche Frau, bei der mußte man kaufen!

Und Josefine lächelte hinter ihrem Ladentisch und wußte ganz genau, was dem Soldaten not that. Der kleine Fritz half ihr schon getreulich, der Peter hatte desto weniger Sinn für’s Geschäft; und der Ferdinand, ach, du lieber Gott! Dem wurde gleich alles leid. War es Faulheit, oder that ihm sein weggeschossenes Bein wirklich noch weh? Er jammerte immer: ›Autsch, mein großer Zeh’!‹ Seine Stimmung war erbärmlich, und als die grauen Wintertage kamen, wurde sie noch grauer.

Der Jammer um’s verlorene Bein war nun doch nachgekommen und zwar gründlich. So ein Krüppel zu sein, so ein hilfloser Schächer in den besten Mannesjahren! Er verwünschte Gott und die Welt.

Solange der Herbst noch Sonne gegeben, hatte er vor der Thür gesessen und sich den Rücken bescheinen lassen; da hatten die Kinder sich um ihn gesammelt, und die Frauen der Nachbarschaft hatten ihn förmlich poussiert. Jetzt fehlte ihm jede Zerstreuung; das Interesse der Leute an ihm hatte nachgelassen.

»Natürlich,« sagte er bitter, »jetzt vergessen sie, daß man seine Haut zu Markt getragen hat! Un dreizehn Thaler Invalidenpension, was is denn das? Gar nix. So viel wie mein Bein gewogen hat, müßten se mir in Gold geben, un dann wär’ es auch noch nich genug. Mein Bein, ach, mein Bein!«

In solcher Stimmung schmiß er mit seinem einzigen Stiefel.

Josefine hoffte auf das künstliche Bein, das der Mechaniker Brandt in Oberbilk für Ferdinand in Arbeit hatte. Der war ein geschickter Mann; sie setzten nun alle ihre Zuversicht auf ihn. Schnakenberg machte sich ein Gewerbe daraus, fast alle Nachmittag nach dem Schläfchen hinauszuspazieren nach Oberbilk, um zu sehen, was ›sein‹ Bein machte.

Endlich kam es. Sie waren alle versammelt; Herr und Frau Schnakenberg waren extra dazu erschienen. Sie glaubten, der Ferdinand würde nun stracks laufen können, aber hilflos wie ein Kind stand er da und klammerte sich an den Tischrand.

»Jesus, is das schwer! Schwer wie Blei,« stöhnte er, und der Angstschweiß brach ihm aus. Er vergaß ganz, sich beim Stiefvater zu bedanken; er war wie geschlagen.

»Nu jeh doch, probier’ doch ens, mein Jüngesken,« redete ihm die Mutter zu.

»Ich kann nich!«

»De Brandt hat dat schlecht jemacht,« eiferte der Stiefvater. »Wahrhaftijens Jott, de Kerl verklag’ ich!«

Josefine bot dem Bruder ihren Arm zur Stütze, aber er stieß sie mit einem Fluch zurück und schloß die Augen. »Ach, wär’ ich lieber tot!« Er konnte ja doch nicht gehen.

Erschrocken schmiegte sich Fritz an die Mutter und lispelte ihr etwas in’s Ohr; aber man verstand es doch in der betroffenen Stille:

»Mer kann doch jehn, mer muß et nur erst lernen!«

Freilich, freilich, das hatte der Brandt auch gesagt! Nun fiel es ihnen ein. Schnakenberg tätschelte den Kleinen:

»Wat de Jung’ schlau is! Wart ens, klein Männeken, wann de zur Kommuni–, wollt’ sagen: zur Konfirmation jehst, dann kriegste auch en jolden Uhr von mir!«

Der Invalide rief den Knaben heran und küßte ihn in aufwallender Hoffnung. Ja, lernen! Dann ließ er sich helfen, das Bein abschnallen; für heute hatte er erst mal genug davon.

Josefine sah gerührt auf ihren Jüngsten; der hatte so viel von seinem Vater: die Ruhe, die Bedächtigkeit. Und auch von seinem Patenonkel was: den praktischen Blick. Dann schaute sie auf ihren Großen, es deuchte sie, der war totenblaß geworden; nun verließ Peter plötzlich die Stube. Ein komischer Jung’, der konnte gar nicht so etwas mit ansehen. Dem war sicher wieder schlecht!

Sie ging ihm nach und suchte ihn. Oben in seiner Kammer fand sie ihn, da hatte er sich über’s Bett geworfen und das Gesicht in’s Kissen gedrückt. Als sie ihn rief, richtete er sich auf und sah sie verstört an.

»Aber, Jung’,« sagte sie, »wat haste nu als wieder?«

»Huh, so häßlich! Ba, dat Bein, so eklig!« Er schüttelte sich.

»Wat is dann da eklig an? Et is doch en Jlück, dat der Onkel dat Bein kriegt.«

»Ja, ja, – aber red’ nur nit mehr dervon, et wird mir sonst übel. Huh, wie scheußlich, wie jreulich!«

Er kam gar nicht mehr davon los; seine Augen hatten sich schreckhaft erweitert und starrten geradeaus, als ob sie das Grausen vor sich sähen.

»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter.

Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er: »So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich, wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!«

Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn, die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!«

Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler, Mutter, Maler!‹

Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel? Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und die roten Abendwolken!

Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet, gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?!

Ihr Herz bangte um ihn. – – –

Es war zu Beginn des neuen Jahres, als Onkel Friedrich aus Essen herüberkam. Josefine hatte ihn schon eher erwartet, aber er hatte nicht gut abkommen können; bei Krupp arbeitete man eifrig an einer Riesen-Gußstahlkanone für die Ausstellung in Paris. Alle großen Etablissements und Fabriken rüsteten jetzt Ausstellungsobjekte. Die Weltausstellung in Paris war ein Gedanke, der alle geschäftlichen Unternehmungen beseelte.

Auch Friedrich Rinke trug große Pläne. Er hoffte darauf, sich selbständig zu machen; freilich nicht heute und morgen, aber in Jahr und Tag vielleicht. Wenn ihm nur einer Kapital vorschießen wollte! Dann wollte er wohl zeigen, was man heutzutage in der Industrie vor sich bringen kann. Seine Zeit hatte er gut genutzt, und von allerlei Erfindungen, die er gemacht, war ihm schon eine patentiert worden. Er dachte ja auch nicht gleich an eine Maschinenfabrik, an ein Walzwerk oder einen Eisenhammer; mit einer bescheidenen Schmiede anzufangen, wäre auch keine Schande.

»De Krupp hat et auch nit anders jemacht,« sagte er und betrachtete seine verarbeiteten Hände. »Werkführer bin ich ja schon, Jott sei Dank! Un ich bin ja auch noch nit e so alt; ich fühl’ mich jung jenug, in zwanzig Jahren mit dem Krupp zu konkurrieren. Wenn nit mit Kanonen, dann mit Eisenbahnschienen. Eisenbahnschienen, Eisenbahnschienen, die jehen noch emal um die janze Welt. Die tragen noch weiter wie Kanonen. Un, paßt auf, sollten wer noch ne Krieg kriegen, dann aber! Wann wer dann wieder siegen, dann rauchen unsre Fabricken aus sechs Schornsteinen anstatt jetzt aus einem, un unsre Hochöfen sind noch sechsmal so heiß wie jetzt. Paris, Paris – wat brauchen wer dann noch französ’sche War’? Un englische auch nit. Wat denkt ihr wohl, 66, auf dat mer e so schimpft, hat dem Krupp mehr einjebracht als drei Friedensjahr’. De schickt jetzt auf die Weltausstellung, janz frech, und de kriegt auch der erste Preis, die jroße joldene Medaill’ – wetten?!«

Es fiel ihnen gar nicht ein, dagegen zu wetten; sowohl der Invalide als Josefine, die mit dem Bruder im Familienrat saßen, glaubten ihm.

»Och ja, der Friederich,« sagte Ferdinand mit einem Seufzer. »Krumme Bein’ sind immer noch besser wie ein Bein.«

»Lassen wer doch jetzt mal de Peter ’ereinrufen,« bat Josefine. Es wäre ihr lieb gewesen, der hätte den Onkel so sprechen gehört, dann würde er vielleicht nicht mehr so viel Anstoß an dessen Beinen nehmen. Sie rief, aber nur der kleine Fritz, der unten auf den Laden paßte, antwortete. Peter war nicht da; weggelaufen, obgleich er wußte, um was es sich heute handelte! Oder vielleicht gerade darum?!

»Er is nit da,« sagte Josefine kleinlaut, als sie in die Stube zurückkam, und stützte den Kopf in die Hand.

»No, also Fahnenflucht!« schrie der Invalide und paukte auf den Tisch. »Der feige Lümmel! Der muß jung bei ’s Militär! Fina, ich sag’ dir, der soll mal in die Schlacht – Kugel rechts, Kugel links – die pfeifen nur so um die Ohren. Aber da giebt es kein Auskneifen – Courage muß der Mensch haben! Immer drauf los, marsch, marsch – man patscht im Blut, macht nix, immer voran! Ich sag’ euch, als wir die fränkische Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Ubergang auf einem Balken – autsch, Donnerwetter!« Er unterbrach sich und faßte nach seinem Beinstumpf. Ein plötzlicher Schmerz, wie er ihn so oft durchfuhr, riß ihn an der großen Zeh’. »Ach, ich sage euch,« wimmerte er in einem jetzt gänzlich veränderten Ton, »verfluchte Zucht!«

Friedrich lachte laut auf über des Bruders Gebahren; er machte sich immer einen Spaß daraus, wenn der andre mit seinen Kriegsgeschichten zu renommieren anfing. Aber Josefine lachte nicht mit; sie dachte an ihren Peter. Warum war er fortgerannt? Diesen Morgen noch, als sie ihm sagte, der Onkel würde heute kommen, um mit ihr über seine Zukunft zu reden, hatte er ihr versprochen, frei und offen mit seinen Wünschen und Plänen hervor zu treten. Und nun war er doch fortgerannt! Wo mochte er sein, gewiß wieder vor einem Bilderladen stehen?! Sie ärgerte sich über den Sohn, aber da er nun einmal nicht hier war, mußte sie wohl für ihn reden. Und sie legte fest die Hand auf den Tisch und sagte schnell:

»De Peter will Maler werden.«

Friedrich lachte sein kräftiges Lachen:

»Hoho, no ja, dat is so en Dummejungesidee!«

»Ne, ne,« ereiferte sie sich, »wahrhaftijens Jott! Er hat et sich in der Kopf jesetzt.«

Der Schlosser sah sie mit seinen klugen Augen an:

»Un du bis auch schon halb dafor, ich seh’ et dir ja an. Fina, biste dann jeck?«

Sie wurde rot und wußte nichts darauf zu entgegnen, denn jetzt, wo der Bruder ein Gesicht machte, wie: ›Maler, puh, Verrücktheit‹, fühlte sie, wie sehr sie dem Jungen die Erfüllung seines Wunsches gegönnt hätte.

»So en Tollheit ist dat doch nit,« sagte sie endlich, ein wenig gereizt. »Er hat Talent.«

»Talent« – Friedrich ereiferte sich gar nicht – »ich will dir wat sagen, Fina, wenn de mich frägst, dann sag’ ich der, laß de Jung’ en Handwerk lernen. Handwerk hat ene joldene Bodem. Un im Handwerk liegt unsre Zukunft. Nit, daß de denkst, er müßt’ nu immer mit de Fingeren knüddelen, wie sie’t früher jemacht haben; von früh bis spät, bei en Talgkerz oder en Öllamp’ – ne, Jott bewahr’! Handwerk, damit mein’ ich jetzt: Industrie! Wer haben jetzt Maschinen, Jott sei Dank! Wenn de Jung’ Talent hat, wie de sagst, dann laß ’n doch Mechaniker werden, Techniker meinswejen, dat klingt nobler, da kann er auch bei zeichnen.«

»Aber dat is doch nit Kunst,« sagte sie betroffen. »Er möcht’ doch Künstler werden.«

»Künstler, so!« Nun stieg Friedrich doch eine Röte in das, von der ewigen Fabrikluft ein wenig bleiche Gesicht. »Ich sag’ dir, et is ebenso en jroße Kunst, en Maschin’ richtig im Jang zu bringen, en Jeschütz zu montieren, ne Schienenstrang zu legen, ne Stollen zu bauen, als so Bildches zusammenzuklecksen. Un wat fingen dann die Maler mit ihre Bilder an, den Ofen könnten se dermit heizen, wann de Industriellen nit wären, die sie ihnen abkauften?! Un sag ens an, weißte dann, ob de Jung’ wirklich en jroß’ Talent hat, en Talent, wo mer auch wat mit verdient, oder ob er so ene kleine Schmierer bleibt, de hungren muß, so lang er lebt?«

Josefine schwieg – ja, ja, wer konnte das wissen?!

Nun mischte sich Ferdinand ein. Talent hätte der Junge keins, nicht die Bohne! Und damit zog er aus der Tasche seines alten Militärrockes ein Papier, faltete es auseinander und legte es vor die andern hin. »Hab’ ich gefunden – verflixter Rabau!«

Und nun raisonnierte er: War das eine Art, daß der Bube ihm gleich auflauerte, wenn er einmal nebenan in die Wirtschaft ging, mit ein paar Kameraden ein harmloses Spielchen zu machen? War ihm die kleine Abwechslung nicht zu gönnen in seinem Jammerdasein? Nur Fratzen konnte der Bengel kritzeln! Keine Spur von Talent!

Auf dem Blatt, mit ein paar Pinselstrichen hingeschmiert, aber doch deutlich erkennbar, saß der Invalide bei Kartenspiel und Schnapsflasche. Rechts und links ein Kumpan. Die Nase, die dem Ferdinand in Wirklichkeit leicht rosig schimmerte, war hier zu einer Riesengurke angeschwollen und mit einem feuerroten Farbklecks verunziert. Ein übergroßes Maul hatte er aufgerissen, er erzählte wohl eben eine Heldenthat. Darunter stand:

›Laß ab vom Kartenspiel, mein Sohn, Denn wisse, jede Sünde rächt sich, Verlor sogar ja Kron’ und Thron So mancher Fürst in – Sechsundsechzig!‹

Der Invalide schäumte vor Wut: woher wußte der respektlose Bengel, daß sie ihm kürzlich die ganze Barschaft abgenommen hatten?!

Eine unbezwingliche Lachlust kam über Josefine. Wahrhaftig, der Ferdinand war nicht gut weggekommen – der Peter, der freche Jung! – aber das Bild war zu komisch. Sie hielt sich beide Hände vor’s Gesicht und platzte laut heraus. Da humpelte der Invalide beleidigt aus dem Zimmer.

Auch Friedrich schmunzelte, aber er wurde gleich wieder ernsthaft. »Säuft de Ferdnand?« forschte er. »Spielt er Karten?«

Sie mußte es bejahen. Die Fröhlichkeit verging ihr. Noch Lachthränen in den Augen, sah sie den Bruder angstvoll an, und dann, von einem plötzlichen Impuls getrieben, ergriff sie seine Hand:

»Och, du, Friedrich, sei so jut, dat de Peter wat Ordentlichet lernt!«

Er zog sie zu sich – von Zärtlichkeiten war sonst zwischen ihnen nicht die Rede – aber nun gab er ihr einen Kuß. Es durchschauerte sie seltsam, als wieder einmal bärtige Männerlippen ihre Wange berührten.

Sie blieben eine Weile ganz still, ohne ein Wort zu sprechen. Die frühe Winterdämmerung war schon da und hüllte das Stübchen ein; im Grau verschwammen Kanapee und Tisch, Schrank und Stuhl, Fenster und Spiegelglas. Einzig die beiden kräftigen Gestalten waren noch scharf umrissen.

Jetzt klappte unten eine Thür, ein vorsichtiger Tritt kam die Treppe heraufgeschlichen; sich aufraffend stürzt Josefine hinaus – das war der Peter! Sie kam noch gerade zurecht, um ihn abzufangen, da er leise wieder hinabschleichen wollte.

»Du kömmst jetz ’erein,« sagte sie ungewöhnlich streng und zog ihn hinter sich her in die Stube. Hier zündete sie die Lampe an, und nun sah sie, wie rasch er die Farbe wechselte; bald rot, bald blaß wurde er, je nach dem, was der Onkel sagte.

Wenn der Junge doch nur was darauf erwidern wollte! Sie nickte ihm ermutigend zu, ging sogar zu ihm hin und gab ihm einen kleinen Schubs: »So sag’ doch ens wat!«

Aber er sagte kein Wort; den Kopf hielt er gesenkt, daß ihm die lockigen Haare in die Stirn fielen, und hörte alles still an.

Der Schlosser war ganz zufrieden: man merkte es ja, der Junge sah bereits ein, daß es mit dem Malerwerden Dummheit war, daß er etwas ergreifen mußte, was seinen Mann nährt! Er blinzelte der Schwester zu und drückte ihr, als er nach dem Abendessen Abschied nahm, bedeutungsvoll die Hand. »Pst, nu nit mehr viel drüber jered’t, laß ihm jetzt jewährden! De kriegt Hammer und Feil’ noch ebenso lieb wie Farb’ und Pinsel. Ich schreib’ der, sowie ich wat in Aussicht für ihn hab’!« Und als er ihr bekümmertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vielleicht find’t sich auch hier wat in der Stadt! Bis ruhig, laß mich nur machen!«

Josefine seufzte. Der gute Friedrich, wie ein Vater sorgte er – aber ach, sie kannte ihren Jungen doch besser! Der sah es noch lange nicht ein, der würde es vielleicht nie einsehen, daß es mit dem Malerwerden Thorheit war. Immer wieder hatte sie ihren Peter ansehen müssen beim Nachtessen; es schmeckte ihm gar nicht recht, obgleich sie dem Gast zu Ehren ›Schnüßkes und Oehrkes‹ gekocht hatte und von ihrem selbsteingelegten Kappes dazu aufgetragen. Immer hatte der Junge auf seinen Teller gestiert, und das schöne Rot auf seinen Backen war ganz weg. Der arme Jung’!

Als sie jetzt, spät am Abend, im Begriff, sich zur Ruhe zu legen, ein Knacken der Bettstatt und ein Rascheln des Strohsacks in der Nebenkammer hörte, schlich sie auf Strümpfen hinüber. Vielleicht, daß er sich zu fest zugedeckt hatte und sich nun in einem bösen Traum warf! Den Atem anhaltend, stand sie lauschend vor seinem Bett – schlief er? Licht anzuzünden wagte sie nicht; durch den Ladenspalt fiel nur ein spärlicher Mondschimmer, vergebens suchte ihr Blick sein Gesicht.

Horch, jetzt murmelte er!

»Die Fabrick, die eklige Fabrick!« Er stieß mit den Füßen. »Nit in die Fabrick!« Und jetzt stöhnte er laut auf, und es klang wie ein Schrei: »Mutter!«

Da hielt sie’s nicht länger aus, sie tastete mit der Hand, bis sie sein Gesicht fand, und strich über seine Wange. Und er war gleich wach.

»Mutter, bist du ’t?«

»Hm!«

»Mutter, mach doch Licht an, et is ja stichdunkel hier! Och, ich hab’ jeträumt, so eklig, so jräßlich« – er seufzte schwer – »Mutter, Mutter!« In einer großen Aufregung warf er sich hin und her, seine Stirn und seine Hände glühten. »Mutter,« sagte er plötzlich und packte sie fest an, »soll ich dann wirklich nit Maler werden?«