Part 18
Ein beständiges Zittern befiel sie. Heiß brannte es in ihrer Brust – ungeweinte Thränen – wo war Trost?! Wie sie die beiden da innen beneidete, denn die konnten beten und weinen! Kein Tropfen löste sich aus ihren Augen, trocken glühten sie in den Höhlen und schmerzten, und das Herz lag in der Brust wie ein Stein.
Wenn nur erst Conradi da wäre! Eine leise Sehnsucht begann sich in ihr zu regen. Der war so ruhig; der würde ihr die Hände streicheln und über’s Haar: ›Armes Finchen!‹ Ach ja, der war gut! Nur weinen! Wenn sie nur wenigstens weinen könnte!
Sie schreckte zusammen – hatte es nicht leise geklopft?! Behutsam wurde jetzt die Thür geöffnet. Scheu duckte sie sich in ihrer Ecke zusammen, ohne Laut, ganz entsetzt – da kam =der= – =der= –!
Leutnant von Clermont war eingetreten. Er bemerkte Josefine nicht. Blaß, die Augen auf den Boden geheftet, schritt er durch die Stube zur Kammerthür. Er trug einen kleinen Kranz.
Mit weiten Augen starrte sie ihm nach – nun war er hineingegangen!
Endlose Minuten verstrichen. Sie hörte die Mutter sprechen und dann schluchzen, und dann ward alles still. Seine Stimme hörte sie nicht. Warum blieb er so lang, was hatte er da drinnen zu suchen?!
Wider Willen stand sie auf und näherte sich der nur angelehnten Thür. Sie drückte sich durch den Spalt. Niemand gewahrte sie, Mutter und Großmutter beteten still. Am Bett stand =er=. Seinen Kranz – waren’s Lorbeern? – hatte er über den Pfosten gehängt; ohne sich zu rühren verharrte er und blickte starr auf den Toten.
Ob er ihr Auge fühlte? Jetzt schaute er verstört auf. Noch einen stummen Gruß dem Kameraden, dann wendete er sich zur Thür. Im Vorüberschreiten hielt er ihr wortlos die Hand hin, aber heftig stieß sie die von sich. Mit einer wilden Gebärde des Abscheus drehte sie ihm den Rücken. Da ging er.
In einer wahnsinnigen Verzweiflung rang sie die Hände. Nur beten! Wenn sie jetzt nur beten könnte! Ihr wirrer Blick fiel auf Mutter und Großmutter – o, die fanden Trost! Trost – Trost – Trost!
Und Josefine stürzte auf die Kniee und bekreuzte sich wie jene und hob die Hände und stammelte nach in inbrünstigem Flehen:
»Herr, erbarme dich unser! Christus erbarme dich unser! Heilige Maria, bitte für uns! Du Trost der Elenden, Du Stärke der Schwachen In unsern Trübsalen, In unsern Anfechtungen, In unsern Kämpfen, – bitte für mich!«
* * * * *
Die Trauerparade marschierte nicht vor dem Leichenwagen, die Hoboisten bliesen nicht den Totenmarsch, die Tambours schlugen nicht gedämpfte Trommel, keiner trug’s Ehrenzeichen auf dem Kissen voran – Feldwebel Rinke wurde in aller Stille zur letzten Stätte geführt, im frühesten Morgengrauen, eh’ noch die Stadt erwachte.
Düsseldorf lag wie in Grabesruh’; alle Fensteraugen fest geschlossen, alle Hausthüren verriegelt, niemand zeigte sich neugierig beim Rumpeln des Karrens. Ein trauriges, trübes Licht glomm über den Dächern.
Lang hing das schwarze Bahrtuch und versteckte ganz den schlichten, tannenen Sarg und die paar schüchternen Kränze.
Conradi hatte sich neben den Kutscher gesetzt; am Hofgarten schwangen sich noch ein paar, von der Kompagnie zum Begräbnis Kommandierte hinten auf. In rascher Fahrt erreichte man den Kirchhof, weit draußen am Rhein.
Es ging alles rasch, mit militärischer Schnelle. Die Soldaten halfen dem Totengräber zuschaufeln. Nebel brauten noch dick über’m Rhein, Tau fiel noch reichlich, im Rosengebüsch piepten noch verschlafene Vögel im ersten Erwachen, da war schon alles vorüber. Fröstelnd verließen die Soldaten den Kirchhof.
Nur Conradi stand noch allein am Grab. Das lag an einsamer Stelle, weit rechts ab von dem großen Mittelkreuz und allen reichen Monumenten des Friedhofs – nur wenige ungepflegte Hügel in der Nähe.
Der Sergeant war in bester Montur, das konnte ihm niemand wehren; sehr blaß leuchtete sein betrübtes Gesicht über dem Uniformkragen. Seine Lider waren schwer vom entbehrten Schlaf; hatte er es sich doch nicht nehmen lassen, dem toten Kameraden die Wacht zu halten die ganze letzte Nacht.
Traurig sah er sich um – niemand da zur letzten Ehre!
›Helm ab zum Gebet!‹ – niemand kommandiert es, und doch ruft es laut durch die große Stille, vom sich rötenden Himmel herab auf die graue Erde. Vom breitflutenden Rhein kommt’s wie Posaunenstoß, majestätisch befehlend: ›Helm ab zum Gebet!‹ Mit Orgelton braust der Morgenwind den Choral in den Wipfeln der Bäume.
Conradi nahm den Helm ab, seine weißbehandschuhten Hände falteten sich über der blanken Spitze. Langsam und feierlich, den Blick geradeaus gerichtet, daß die Thränen nicht rollten, sprach er laut gen Sonnenaufgang:
»Jesus meine Zuversicht Und mein Heiland ist im Leben; Dieses weiß ich, sollt’ ich nicht Darum mich zufrieden geben? Was die lange Todesnacht Mir auch für Gedanken macht!«
Drittes Buch
XIX
Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten, treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan, ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag!
Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte, am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren.
Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sich die Käufer: einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker, die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten, junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben: frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau; ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala der Farben.
Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert ens, Madam, dat es jett Leckers!«
Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹ kriegt sie am allerersten! Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff, paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken!
Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle:
»Eins, zwei, drei Wir sechsundsechziger Musketiere Schießen mit Blei!«
Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza, Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera fürchten?!
Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu verzehren.
Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer, da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das! Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die Viehställe geschlossen.
Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen, die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer wächst!
Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine Kugel nicht; der war gepanzert.
Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:
›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen schwerlich entbehren kann.‹
All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine mächtige Stimme übertönte alles: =ein preußisches Deutschland=! Jawohl, so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden? Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte, wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.
Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien, die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich, der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.
Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der =Volksarmee= – das Volk hatte gar nichts damit zu thun! –
Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!
Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert – hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.
Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?! Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern, vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als sein Schatten.
Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den Körben und Kiepen schleppen.
Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.
Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände zusammen:
»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu leben!«
Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.
»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«
»Och Jott, och Jott!«
Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.
Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals, neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm, ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus in der Königsallee!
Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:
›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen. Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹
Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert, und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr ab. –
Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein ›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!
»Och Jott, och Jott!«
Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von hinten:
»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche meh.«
»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«
Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend. Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei der Mutter gut schmecken!
Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹ dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr seliges Ende.
Du liebe Zeit, was war das alles schon lange her! –
Und doch war es eigentlich, als sei alles erst gestern gewesen. Die Jahre waren einförmig über Düsseldorf hingerollt. Siebzehn lange Jahre – man schrieb heut achtzehnhundertsechsundsechzig – aber das Bild der Stadt war dasselbe geblieben. Ein paar neue Straßen vielleicht waren dazugekommen, aber auch sie harrten noch, ungepflastert, der letzten vollendenden Hand. Große Pläne ruhten zwar im Rathaus: der Stadtrat überlegte den Bau einer festen Rheinbrücke, auch von einem neuen Theater war schon einmal die Rede gewesen. Doch vor der Hand schob man solche Projekte noch hinaus, erst mußte man den Krieg verdauen, der einem so über den Kopf gekommen war, unerwünscht wie ein Schneesturm im Mai.
Noch guckte der alte Jan Willem am Markt auf das alte Theater, das selbst die eingefleischtesten Düsseldorfer eine Rumpelbude nannten. Noch hatten die Maler ihre Akademie im linken Flügel des alten Schlosses. Noch behalf sich die evangelische Gemeinde mit den zwei in engen Höfen versteckten Gotteshäusern, und längs der Kasernenstraße dehnte sich noch immer der schmucklose, einförmige Bau der Kaserne, von deren Mauern schon Putz abfiel.
In denselben sauberen, behäbigen Häusern saß noch dieselbe saubere, behäbige Bürgerschaft wie damals; über den Klingeln standen noch dieselben Namen wie früher. Mit geschlossenen Augen hätte sich einer zurechtfinden können, und wäre er auch noch so lange nicht durch die Stadt gewandert. Dieselben Hörtchen innen an den Fenstern, dieselben Spiönchen außen an den Fenstern, dieselben Kaufläden, dieselben Wirtschaften in Gassen und Gäßchen, fast dieselben Menschen auf dem Bürgersteig.
Dieselben mächtigen Glocken riefen von St. Lambertus, St. Andreas, von der Jesuiterkirche und der Maxpfarre; aber da mengten sich jetzt noch neue, dünnere Stimmchen ein: die Schwestern vom armen Kinde, die Kreuzschwestern in Christi Hilf, die Clarissen, die Franziskanessen, die Franziskaner und Dominikaner, die Mägde Christi und andre mehr verstärkten den Chor. Es bimmelte von Klöstern und Klösterchen. Deren Zahl war gewachsen.
Auch die Bäume waren gewachsen; die Kastanien der Königs-Allee breiteten gewaltige, schattende Kronen, die Linden am Schwanenmarkt sandten ihren süßen Duft weit über die stillen Wasser des Lopohl und des Schwanenspiegels und mischten ihr sommerliches Rauschen mit den Klängen des Waldhorns, das ein Künstler der Militärkapelle drüben in dem kleinen Konzertgarten blies. Wanderte man über die Alleestraße zum Hofgarten, so blieb man unausgesetzt unter einem grünen Dach; und der Hofgarten selber war ein dichter, dunkler, heimlicher Wald, dem kein Bäumewegschlagen mehr anzumerken war. – –
›Ach, was die Bäume gewachsen sind!‹ Das war Josefines einziger Gedanke gewesen, als sie nach Jahren zum ersten Male wieder altbekannte Wege wandelte. Sie war wie betäubt; sie hatte gar nichts andres denken können, als immer nur: ›Ach, die Bäume, die Bäume!‹ Die waren wie die Menschen. Die sie jung gekannt hatte, standen nun in der Vollkraft des Lebens, Bäumchen waren emporgeschossen zu Bäumen, und wiederum schlanke Bäume hatten sich in knorrige Stämme gewandelt. Nicht jeder Baum war mehr da, sie vermißte hier einen und dort einen; sie hatte gar nicht gewußt, daß ihr eines jeden Standort so eingeprägt war.
Josefine war als Witwe zurückgekehrt. Im März des vergangenen Jahres hatte sie ihren Mann verloren. Bei stürmischem Wetter hatte Conradi sich im Dienst erkältet; abgemattet, fiebernd schon, kam er nach Hause, ein Stechen in der Brust plagte ihn. An einer Lungenentzündung war er gestorben. Nun hatte Josefine neben den Kindergräbern ihrer beiden kleinen Mädchen, die ihr die Diphtheritis genommen, draußen auf dem Vohwinkler Kirchhof noch ein drittes, ein großes Grab.
Es war ein trauriges Jahr, das die Witwe noch in dem Vohwinkler Häuschen verbrachte. Sie wußte nicht, sollte sie fortgehen, sollte sie hier bleiben. Die Mutter schrieb freundlich: ›Komm doch hiehin!‹ Bruder Friedrich, der in Essen bei Krupp angestellt war, meinte auch gleich: ›Du wirst doch nach Düsseldorf ziehn?‹
Gewiß, das wäre natürlich gewesen! Auch regte sich eine leise Sehnsucht in ihr; aber sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Der Vater tot, die Mutter an einen andern Mann verheiratet und ihr dadurch fremd geworden, – auch dort nichts wie Erinnerungen! War es nicht besser, hierzubleiben, wo alles sie an siebzehn friedliche, ruhige Jahre gemahnte? Wo der Apfelbaum im Gärtchen, in dessen Schatten sie all ihre Kinder gewiegt, reiche Blütenknospen zeigte und so viele der rotbackigen Früchte verhieß, an denen Conradi sich immer von Herzen delektiert?!
Und sie blickte zurück in ihre Ehe.
Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort, zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt.
Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen.
Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte, Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön!