Part 17
Rette sich, wer kann! Josefine wird mit fortgerissen; in die Bolkerstraße hinein geht die Flucht, rechts und links durch eins der Seitengäßchen kann man vielleicht entschlüpfen. Aber dort aus der Kapuzinergasse tönt es: »Zurück!«
Huh, die ›Zaruck-Buh!‹ Die Mündung der Kapuzinergasse ist verstopft von Uniformen, das Eckhaus zur Bolkerstraße von Soldaten besetzt. Auch da kein Ausweg!
Auch da, gegenüber aus der Mertensgasse, gellt ein Hilferuf – das ist ein Verwundeter! Wie ein Tier kriecht er auf allen Vieren die Häuser entlang.
»Hilf’, Maria Josef, zu Hilf’!« Schwach wimmert der Unglückliche nur noch. Eine Thür öffnet sich, ein Mann stürzt heraus, schon hat er den Verwundeten unter die Schultern gefaßt, um ihn in’s Haus zu ziehn – ächzend drückt der die Hand auf die Leibseite – da, wieder der Ruf: »Zurück!«
»Gut Freund!«
Was nutzt’s? »Zurück!« Hähne knacken. Erschrocken läßt der Mann den Verwundeten fallen und springt, sich rettend, in’s Haus zurück; knatternd fährt der Schuß über die Stelle, wo er noch eben gestanden.
Weiter, weiter! Die Bolkerstraße weiter hinunter! Das Kleid ist Josefine abgetreten, zerfetzt hängt es ihr von den Hüften; die Haare, gelöst vom rasenden Lauf, züngeln ihr gleich Schlangen um den Kopf.
Weiter, immer weiter!
Hier unten, dem Markt zu, ist die Straße still, die Fenster sind nicht erleuchtet. Man tappt im Dunkeln, man gleitet, man strauchelt. Nun kommt aufgerissenes Pflaster, Josefine fällt.
Wie lange sie gelegen, weiß sie nicht; endlich rafft sie sich auf mit zerschundenen Händen, mit betäubtem Kopf. Nun ist sie ganz allein. Die Flüchtigen sind sämtlich verschwunden, wohin –?! Sie weiß es nicht. Sie sucht die nächste Thür, sie pocht, pocht wieder, niemand giebt Antwort, niemand öffnet; laut um Einlaß zu rufen, traut sie sich nicht.
Zitternd kauert sie sich auf eine Treppenstufe. Kein Kampf tobt mehr hier, kein Mensch geht, und doch dröhnt es ihr in den Ohren: die Glocken schlagen ununterbrochen an. Dumpfes Hallen von der Rathausuhr; mechanisch zählt sie – Gott im Himmel, schon elf!
Über die Dächer kommt’s wie ein Geheul. Aus der Richtung der Allee Kartätschenfeuer – nein, nicht allein daher, von allen Seiten Geknatter.
Es ist nicht mehr zu ertragen, sie kann es nicht mehr anhören, schaudernd hält sie sich die Ohren zu. Aber sie hört doch den Trommelschlag – ›Fällt das Gewehr!‹ – Die Bajonette blitzen, hinein geht’s in die flüchtende Menge – ›Feuer!‹ – Ein Verwundeter kriecht am Boden, niemand hilft ihm, verschmachten muß er, zertreten wird er – horch, das Pferdegetrappel! Entsetzt fährt Josefine auf.
Täuschung! Nur der Tritt einer nägelbeschlagenen Sohle klappt auf dem Pflaster. Vom Markt her nähert sich ein einzelner Mann. Er kommt auf sie zu, an dem großen Bollerwagen vorbei, der, umgestürzt, die Straßenmündung nach dem Markt sperrt.
Gott sei Dank, da ist jemand! Der wird ihr sagen, wo sie gehen soll. Er scheint sich nicht zu fürchten. So ruhig kommt er daher.
Sie springt auf ihn zu. Nun sieht sie’s im matten Sternenlicht, er ist schon alt, hat weiße Haare, trägt eine Kriegsdenkmünze auf der Brust und unter jedem Arm ein großes Brot.
»Is et sicher langs dem Markt? Kann mer da jehn?!«
»Ja, eja, jeht nur als janz ruhig da langs!« Und als er ihr angstvolles Gesicht sieht, schüttelt er, beruhigend lächelnd den Kopf: »Och ene, so leicht lasse mir uns nit bang mache! Ich komm’ von der Rhing, von mingem Kahn, ich muß noch nach der Pfannschoppenstraß’, mein’ Frau und mein’ Enkel lauern als auf dat Brot. Ich han kein’ Angst. Ne, ene, wenn mer ihne nix duht, duhn ei’m de Preußen auch nix; ich bin ene alte Soldat, ich –«
Ein leichter Knall, ein leichter Pulvergeruch – kurz springt der alte Mann in die Höhe. Zu Boden stürzt er, mit dem Kopf zuvorderst. Er fällt auf’s Gesicht; links fliegt ein Brot, rechts eins.
Jesus Maria, sie schießen aus dem Rathaus! Da, über dem dunklen Markt, – da, – hinter den dunklen Fenstern, da sind sie drin! Josefines Blut erstarrt: Die Preußen, die Preußen, die schießen auf wehrlose Bürger –?! Pfui!
Wie in’s Herz getroffen, sinkt sie bei dem alten Mann nieder. Ihre Hände tasten über sein weißes Haar, über seinen altersgekrümmten Rücken. Klebrig rinnt es ihr da über die Finger – Blut! Er ist tot!
Der Atem stockt ihr, sie will schreien und kann nicht; mit beiden Händen nach dem sich krampfenden Herzen fahrend, stürzt sie auf und fort.
Die Glocken wimmern und wimmern. Aus den Rathausfenstern fallen noch mehr Schüsse. Mit wehenden Haaren und flatternden Fetzen, wie ein Schatten, fliegt sie dort vorbei. –
* * * * *
Die Glocken hatten zu läuten aufgehört beim grauen des kommenden Morgens. Das Pelotonfeuer war verstummt, die Barrikaden in der Kommunikation und Flingerstraße waren genommen, Kanonen aus der Allee angefahren, am Stadtbrückchen hielt ein Pikett Ulanen die Wacht; auch über den Friedrichsplatz schwenkten Berittene. Auf die Gartenmauer des Präsidialgebäudes waren Schützen postiert, Rathaus, Theater und manch andre Gebäude vom Militär besetzt. Und doch fielen noch Schüsse in der Altestadt.
Sie fielen vereinzelt; aber schauerlicher tönten sie, wie eine ganze wildknatternde Salve, Ohren und Herzen der Bürger mit Grausen füllend: das waren bedächtige, wohlgezielte Schüsse!
Die Ein- und Ausmündungen der Gäßchen waren besetzt; an den Ecken lauerten die Soldaten, hinter irgend einer Deckung auf den Knieen liegend, Gesicht und Hände von Pulver geschwärzt. Jetzt gab’s kein Pardon. Lange genug hatte man Beleidigungen einstecken müssen, doch waren sie unvergessen; lange genug hatte zurückgedrängter Groll geschwelt, wie eine glimmende Kohle unter der Asche – jetzt war sie aufgeloht, vom Sturmwind der Nacht entfacht. Jetzt gab’s kein Löschen mehr.
Flammendes Blut war den Soldaten zu Kopf gestiegen und hatte ihre Herzen kalt zurückgelassen, kalt wie Eis.
›Zurück – halt, wer da?!‹ Die Hand war rascher als die Antwort, los ging schon der Schuß.
Die Rheinnebel wälzten sich über die Ratingerstraße und brauten um die Barrikade, drauf hoch eine rote Fahne wehte; noch war die nicht gestürzt, noch flaggte sie im Frühwind.
Still war’s in der alten Straße; die ziegelgedeckten Giebelhäuser hielten ihre Läden geschlossen, nur hier und dort öffnete sich behutsam ein Ritzchen, kaum groß genug, um einen angstvollen Blick hinaus spähen zu lassen.
Langsam kam jetzt eine Patrouille vom Ratinger Thor her, die Straße herunter. Vorsichtig gingen die Soldaten; sie schlichen. Auf der benachbarten Ritterstraße hallten Schüsse, aus dem Mühlengäßchen gellte plötzlich ein Schrei. Die Soldaten packten ihre Gewehre fester, rechts, links flogen spähend die Augen des vordersten; Feldwebel Rinke war’s, er führte die Patrouille an.
Eben hatte er sich von Leutnant von Clermont getrennt, dem die Meldung geworden, daß, nachdem man kaum die Barrikade aus der Mühlenstraße zerstört, in der benachbarten Ratingerstraße mit Zauberschnelle eine neue entstanden sei. Dahin, dahin! Nicht umsonst hatten sie beide zur Zeit die Stadt abpatroulliert, sie kannten das Gewirr der Gassen und Gäßchen.
»Führen Sie Ihre Leute von oben heran, Feldwebel,« hatte hastig der Offizier geraunt, »ich packe die Bande vom Montierungsdepot her im Rücken! Keiner entwischt uns!«
Mit Augen, die fast aus den Höhlen dringen, späht der Feldwebel jetzt in die Dämmrung. Verdammt, daß man nicht besser sehen kann! Wo, wo stecken die Schufte?! Sein Herz schlägt hart; seine lange Gestalt duckend wie zum Sprung, tappt er voran.
Dunkel ragt etwas vor ihm auf, ist’s ein Bollwerk, eine Verschanzung?! Hei, der Feind dahinter! Ein gellendes Pfeifen empfängt die Soldaten.
Hurra, da ist die Festung! Auf zum Sturm! Ein lautes Kommando schreit er heraus und dann ein jauchzendes Hurra; mit gewaltigem Anlauf stürmt er.
Fässer sind aufgetürmt, Bierfässer, Weinfässer, Bretter darüber gelegt und umgestürzte Karren; Stroh, Sand, Steine zwischengestopft.
Keuchend schafft sich Rinke Bahn. Die Pistole hat er in den Gurt gesteckt, mit mächtigen Griffen reißt er das Bollwerk auseinander. Wie ein Wütender, achtlos des Hagels von Steinen und Glasscherben, der auf ihn nieder saust, tollkühn, dringt er vorwärts. Wie in der Schlacht, hei, wie in der Schlacht!
Hier ein Stoß, da ein Tritt – er strebt nach der Fahne, die frech dort oben flattert.
Schwarze Gestalten – es sind ihrer nicht viele – geben Fersengeld.
»Hurra!« Jetzt stehen schon einige Soldaten oben, sie feuern hinter den Fliehenden drein. Und »Hurra!« tönt es von hinten, vom Depot her. Gleich angstvollen Bestien rennen die Umstellten hin und her.
Mit einem wilden Lachen langt Rinke nach der Fahne – halt, wer duckt sich da?! Er schwingt sich vollends hinauf; einer will entwischen. »Steh! Halunke, steh!«
Pardon wird nicht gegeben. Mit eiserner Faust packt der Feldwebel zu. Blitzschnell entwindet sich ihm eine schlanke Gestalt, will fliehen, sieht keinen Ausweg, rafft einen Stein auf und setzt sich verzweifelt zur Wehr.
Ohne Besinnen reißt der Soldat die Pistole heraus und schlägt an – Mann gegen Mann – da zeigt ihm ein Feuerstrom, der vorüberfährt, ein pulvergeschwärztes, angstverzerrtes Jungengesicht – Wilhelm!
»Verfluchter Bengel!« knirscht er zwischen den Zähnen; er hat ihn gesehen, er hat ihn erkannt. Und der Sohn hebt mit beiden Händen, zum niederschmettern bereit, den Pflasterstein.
Knall, wieder ein Feuerstrom. Der Feldwebel zuckt zusammen – können die Kerls denn nicht das Kommando zum schießen abwarten?! Dicht nebenan stürzt ein Aufrührer, fällt hintenüber, reckt im jähen Tod die Fäuste empor. Grausenvoll stiert sein Auge. Und er ist auch noch so jung!
In Rinkes Hand beginnt die Pistole zu schwanken; jetzt hat er keine Festigkeit zum zielen mehr, er läßt die Waffe sinken. Vater und Sohn starren sich an; nur Sekunden und doch Ewigkeiten.
»Halunke,« zischelt der Vater endlich und hebt wieder langsam, zögernd die Pistole.
»Vater!« schreit entsetzt der Sohn auf, läßt den Stein fallen und verbirgt das Gesicht.
»Halunke!« Die bebende Hand will nicht gehorchen.
Da – ein Stein kommt angeschwirrt, von unsichtbarer Hand geschleudert – gut gezielt. Der Feldwebel taumelt; vor die Stirn getroffen kollert er hinterrücks von der Barrikade.
Und der Sohn steht mit stierem Blick. Hat er geworfen, den Vater getroffen –?! Nein – ja – nein! Er weiß es selber nicht, er ist ganz betäubt.
»Halt, der da, der hat geschossen! Packt die Kanaille!«
Ein Offizier mit blankem Degen springt auf Wilhelm zu. Da rafft der Junge sich auf, die Betäubung weicht – rette sich, wer kann – in Lebensgier, in Freiheitsgier setzt er herab auf’s Pflaster. Dort, dort ist der ›Bunte Vogel‹ und Hilfe, Rettung!
Die Thür giebt nach – er hinein – Riegel zu – Treppe hinauf, in den Taubenschlag, auf’s Dach. –
Gewehrkolben donnern gegen die Thür des ›Bunten Vogel‹. Leutnant von Clermont verschafft sich mit Gewalt Einlaß; halb eingerannt, halb zerschossen, hängt die Thür nur noch lose in den Angeln. Die Soldaten stürmen in den dunklen Flur.
Wo ist der Kerl, der geschossen hat? Hier drin muß er sein! Man schickt sich zum suchen an. Ihrer zwei, drei stolpern in den Keller, ein paar andre die Stiege hinauf. Der Leutnant fährt das alte Weib an, das ihm aus der Wirtsstube entgegentritt:
»Wo ist der Kerl? Wir haben ihn hier herein fliehen sehen. Ihr habt ihn versteckt?!«
»Ne, och ene, ich weiß von nix, och Jott, och Jott!«
»Doch, er muß hier sein – keine Ausflüchte!«
»Och Jott, och Jott! Jesus Maria Josef!«
»Sucht, sucht!« Der Leutnant feuert die Soldaten an, und dann stößt er in ausbrechender Wut die jammernde Alte beiseite: »Gesindel, steckt alles unter einer Decke! Gebt ihn heraus!«
»Jetzt werd’t Ihr füsiliert,« sagt ein Soldat mit breitem Grinsen und schlägt das Gewehr auf die Alte an. Halbtot vor Angst sinkt das Mütterchen in die Kniee, sein schwacher Aufschrei zetert durch’s Haus.
Ein andrer Schrei folgt: »Viktor!«
Aus dem dunkelsten Winkel der Wirtsstube ist eine Gestalt hervorgestürzt, eine junge Frauensperson mit flatternden Haaren und zerfetztem Rock; ihre Augen sind überweit aufgerissen, wie irr stieren sie aus dem todblassen Gesicht. Die Arme abwehrend vorgestreckt, wirft sie sich zum Schutz vor die Alte.
Und wieder gellt ihr Schrei, halb wahnsinnig vor Zorn, Empörung und zitterndem Schmerz: »Viktor!«
* * * * *
Bis zum lichten Morgen hielten Soldaten die verlassene Barrikade in der Ratingerstraße besetzt, mit ihren Schüssen die Bewohner der verräterischen Straße in Schrecken erhaltend. Haus bei Haus war durchsucht, der Flüchtling nicht gefunden worden. –
Die warme Frühsonne des 10. Mai schien auf das Düsseldorfer Rathaus; übernächtig, fröstelnd, niederschlagen und ratlos, saß drinnen der Gemeinderat: zwanzig Bürger waren tot, viele sistiert, unter den Toten auch ein Mädchen! Man hatte die Leiche der unglücklichen Dienstmagd samt den Scherben des Topfes, darinnen sie Milch geholt, den Herren vor’s Rathaus gebracht. Viele weinten in nervösem Schreck. Auch Soldaten sollten gefallen fein.
Überall traurige Spuren des Kampfes; zerstampfte Erde, aufgewühltes Pflaster, Reste von Barrikaden. In der Kommunikation ein von Kartätschenkugeln demoliertes Haus, auf dem Friedrichsplatz ein Pferdekadaver. Überall bleiche Gesichter, verstörte Blicke. Auch die hell aufgegangene Sonne hatte sich bald verfinstert, wie eine Wolke von Unglück hing’s über der Stadt.
Gegen zehn Uhr vormittags war es, als Rinke in die Kaserne zurückkehrte, die Uniform zerrissen und besudelt, den Kopf mit einem blutgetränkten Sacktuch umwunden. Er taumelte und hielt sich kaum auf den Füßen; aber er war so lange bei den Kameraden geblieben trotz des starken Blutverlustes und der tiefen, stundenlangen Ohnmacht, die ihn nach dem Sturz von der Barrikade überkommen. Nur nicht nach Hause, nur nicht allein sein! Er klammerte sich förmlich an die Kameraden an. Er hatte treu bei seiner Kompagnie ausgehalten bis an’s Ende.
Ja, bis an’s Ende! Finster vor sich hinnickend, saß er jetzt auf seinem Platz am Fenster. Der Exerzierplatz war leer, die Wohnung auch – natürlich, die Käthe und die Josefine waren gleich am Morgen in den ›Bunten Vogel‹ gelaufen.
Da kamen sie noch lange nicht zurück!
Er zürnte heute nicht mehr darüber, wie früher wohl; ein wehmütig resignierter Zug glitt über sein Gesicht. Dann stand er auf und ging schwankend, sich längs der Wand weitertastend, zum Tisch.
Alles weg – was sollte er noch hier?! Das Höchste weg – er hatte es verloren. Verloren! Stöhnend lehnte er sich gegen den Tisch. Wie hatte er einst geschworen zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen?! – – – – ›Daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, meinem allergnädigsten Landesherrn, zu Land und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, an welchen Orten es immer sei, getreu und redlich dienen, Allerhöchstdero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden, die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen, mich so verhalten will, wie es einem rechtschaffnen, unverzagten, pflicht- und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt – – –‹
Die Lippen zitternd bewegend, hatte er’s gemurmelt. Bei dem Wort ›ehrliebend‹ zuckte er, ein Ausdruck tiefsten Schmerzes krampfte sein Gesicht zusammen. Mit einem unartikulierten Laut die Hand zum Kopf hebend, riß er die Binde ab – mochte sein Blut hinfließen, was lag daran?! Er hatte die Ehre verloren, seine Ehre! Wo war sie? Ganz am Boden, unter der Barrikade, da lag sie, zertreten.
Was hatte er gethan?!
Er war ausgezogen gegen die verfluchten Rebellen – hatte er nicht geschworen, die zu vernichten, die seinem König Schaden und Nachteil brachten? Erbarmen war ihm dabei nicht aufgedämmert, für keiner Mutter Sohn, und nun, da der Bengel vor seiner Pistole stand, der Halunke, das räudige Schaf, war ihm eine Angst angekommen um dessen elendes Leben. Wie der Schuß knallte, der den andern Rebellen, jenen jungen Burschen nebenan traf! Dieser mörderische Schuß hätte auch seinen Sohn treffen können! ›Vater‹ –! hatte der gerufen. Da hatte seine Hand die Pistole sinken lassen.
Und nachher, war ihm nicht eine tödliche Furcht durch die Seele geschlichen, als die Kameraden die Ratingerstraße absuchten, Haus für Haus? Gott sei Dank, sie hatten ihn nicht gefunden! Er war entflohen.
Aber wenn der Sohn auch geflohen war, wurde der Vater das Bild darum los? Der Sohn auf den Barrikaden, unter der blutroten Fahne, die Hand frech erhoben gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit! Und wenn es auch niemand wüßte – mit einem dumpfen Stöhnen griff der Feldwebel an die Stirn, über die schwer ein Blutstropfen nach dem andern aus der noch frischen Wunde sickerte – du selbst weißt es doch! Du wirst es sehen bis an’s Ende deiner Tage! Du bist der Vater eines Rebellen, eines Königsverräters! Du hast nicht Ehre mehr, des Königs Rock zu tragen – leg ihn ab, leg ihn ab! Geh’ und schäm’ dich bis an das Ende deiner Tage!
Das war ein Kampf, der in ihm wühlte, hart und schwer. Sein Sohn auf den Barrikaden, der Sohn eines altgedienten preußischen Soldaten – war das nicht eine Schande für’s ganze Heer, eine Schande für Preußen?! Er stöhnte auf: »Preußen, mein Preußen!« Der Junge ein Verbrecher, gemeiner als ein Dieb, und er, er selber, der Mitschuldige! Mit Fingern würden sie auf ihn weisen: ›Seht, da schleicht der Vater von dem Schuft, von dem Halunken, muß seinen Sohn gut erzogen haben, daß der so feine Wege geht! Wird am Alten selber auch nichts sein! Reißt ihm das Ehrenzeichen ab – was hat das auf seiner Brust zu suchen? Zieht ihm den Rock herunter, er ist des nicht wert – schnell, schnell, was zögert ihr noch?!‹
»Nein!« Er schrie es laut heraus und packte mit beiden Händen den Rock über der Brust, eine flammende Röte schlug ihm in’s Gesicht. »Meinen Rock, den trag’ ich – bis an’s Ende! So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum zur Seligkeit!«
Tief neigte er den Kopf. Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm reichlich an den mageren Wangen herunter. So stand er lange, wie zusammengeknickt, die Hände in den Rock gekrampft, und rührte sich nicht. Still war’s um ihn, kein Mäuschen knusperte, kein Holzwurm schrabte, kein Vogel schirpte vor dem Fenster, keine Stimme des Lebens rief.
Da – horch! Jetzt ein Signal! Hell lockte es durch die Stille. Das rief zum Appell!
Da richtete er sich auf. Er stand kerzengerade, stramm: das hörte er nun zum letzten Mal und in Ehren! – –
Er war ruhig geworden. Gelassen zog er die Schublade des Tisches auf und suchte darin. Allerlei Kram war da zu finden: Lichtstümpfchen und Brotkrumen, Zeitungsblätter und Frau Trinas Strickzeug, Flicken und Wollreste, eine Griffelbüchse, eine zerbrochene Schiefertafel und ein Schulheft der Kinder. Ein altes Schönschreibeheft. Der Lehrer hatte vorgeschrieben: ›Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‹ – ›Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es‹ – ›Ehrlich währt am längsten‹ und dergleichen Weisheit mehr. Und die ungeübte Kinderhand hatte sich gemüht, die schön geschwungenen Buchstaben nachzumalen.
Ehrlich – ehrlich! Der Feldwebel blätterte langsam das ganze Heft durch. Da war noch eine leere Seite. Sorgfältig löste er sie heraus, und dann suchte er nach einem Bleistift. Alles übrige wieder ordentlich zurechtlegend, schob er die Schublade zu.
Mit fester Hand, gleichsam die Kalligraphie des Lehrers nachahmend, schrieb er etwas auf das weiße Blatt. Nur wenige Worte, einen einzigen kurzen Satz; aber klar und deutlich stand da, schön wie eine Vorschrift:
=Über alles die Ehre!=
So. Das konnten sie gut lesen!
Mitten auf den Tisch legte er den Zettel und den Bleistift zum beschweren quer darüber.
Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, ehern war’s wie vor der Front, als er seine Pistole aus dem Lederfutteral nahm. Die Pistole war beschmutzt. Er ging und wusch sie und rieb sie mit dem Putzlappen glänzend; blank sollte sie sein. Sorgfältig prüfte er sie – seine Hand zitterte nicht – und dann lud er.
Noch einen Blick warf er hinaus auf den weiten Exerzierplatz, den keine Sonne erhellte. Einen Blick auch nach dem Sitz am Fenster, wo er die kleine Josefine die ersten Kommandos gelehrt, dann ging er ruhigen Schrittes nebenan in die Schlafkammer. Die Thür klinkte er hinter sich zu.
* * * * *
Ein scheues Flüstern ging durch die Kaserne, ein zittrig-banges Atmen: Feldwebel Rinke war tot! Er hatte sich erschossen – mit seiner Pistole in die Schläfe. Wenn auch der Hauptmann zu entschuldigen versuchte: die unglückselige That sei wohl infolge der Kopfwunde, in einem Fieberanfall, in einer Anwandlung von Geistesumnachtung geschehen – das glaubte doch keiner. Ein Gerücht ging von Mund zu Mund: Auf den Barrikaden hatte der Feldwebel den eignen Sohn getroffen unter der roten Fahne, und der hatte die Hand erhoben wider den Vater, ihn niedergeschmettert mit einem Stein. Ja, ja, der Rinke war immer zu streng gegen seinen Jungen gewesen! Er war überhaupt zu streng gewesen, aber – Friede seiner Asche – ein armer Kerl war er doch, der Feldwebel!
Das volle Mitleid gehörte den Weibern, der Frau und der schönen Fina. Bis weit auf den Platz hinaus hatte man den Schrei gehört, den die beiden ausgestoßen, als sie, um Mittag nach Haus kommend, den Toten fanden. Auf dem Bett hatte er gelegen, als ob er schliefe, noch in der Uniform.
Da lag er auch jetzt noch. Frau Trina durfte ihn nicht rühren, so hatte sie ihm nur ein Taschentuch über den Kopf gedeckt; und die Großmutter, die vom ›Bunten Vogel‹ herbeigewankt war, hatte drei Lichter angesteckt, die flackerten zu Häupten des Bettes: – ›Jesus, Maria, Josef, euch schenk ich seine Seele!‹
Es ging auf den Abend. Bald würde Conradi hier sein. Ach, wenn nur auch der Wilhelm käme! Wo war der?!
Das Herz der Mutter klopfte ängstlich. Ach, ihr hatte ja Unheil geschwant, gestern abend schon und die ganze letzte Nacht, die sie allein unter Seufzen und Thränen verbracht, während die Stadt in Aufruhr. Was war nur mit dem Wilhelm passiert?! Niemand gab ihr Bescheid; man zuckte verlegen die Achseln, man sah sie so scheu an, man flüsterte verlegen hinter ihrem Rücken. Was war geschehen?! War’s nicht genug, daß der Rinke ihr das angethan?! Sollte noch mehr Unglück kommen?!
Weinend warf sich Frau Trina vor ihrem Weihwasserkesselchen nieder, hinter dem noch geweihter Palm steckte vom letzten Osterfest her. Sie betete für die in Sünden abgefahrene Seele des Gatten, und sie betete in ungewisser Angst für den Sohn. Die Großmutter kniete neben ihr; so beteten sie miteinander, Stunde um Stunde:
›Herr, erbarme dich seiner! Christus, erbarme dich seiner! Heilige Maria, bitte für uns!‹
Im Nebenzimmer, allein, war Josefine. Sie kauerte auf dem Schemel in der Fensternische, die Arme um die hochgezogenen Kniee geschlungen, den Kopf tief gebeugt.
Sie mochte nicht hineingehen dort in die Kammer – da lag er, tot, tot! Ihr grauste vor dem Vater. Sie konnte ihn nicht ansehen in seiner Uniform, die von Blut befleckt war – war es sein eignes Blut, war es das Blut wehrloser Bürger?!
Schaudernd schüttelte sie sich in einem Entsetzen, das sie nicht mehr verließ seit der vergangenen Nacht. Ach, das war ja nicht ihr lieber Vater, der da drinnen lag; das war ein fremder Soldat! Der hatte gewütet wie die andern – ein Preuße, ein Preuße!
Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände von sich in einem wilden Grauen: der alte Mann mit den Broten – zu schrecklich, zu schrecklich – nein, den vergaß sie nie!
Die Großmutter öffnete spaltbreit die Kammerthür und streckte den Kopf in die Stube. »Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, »komm doch ens bei dein Vater!«
»Ich kann nit!« Wimmernd sank Josefine auf ihren Sitz zurück und verbarg das Gesicht in den Händen. Nein, sie wollte ihn nicht sehen! Und doch stieß es sie vorwärts – es war ja doch ihr Vater, der sie geliebt ihr ganzes Leben! »Vater, Vater, verzeih mir, ich kann nit, ich kann nit!«