Die Wacht am Rhein

Part 16

Chapter 163,717 wordsPublic domain

Scheelen Auges sah man Scharen eingezogener Rekruten in die Kaserne marschieren – noch mehr unnütze Brotfresser! Es verbesserte die Gereiztheit nicht, daß die neuen Soldaten großspurig lärmten und sangen.

Das wurde eine wilde Nacht. Katzenmusiken wurden gebracht, höhnende Ständchen vor den Fenstern verhaßter Persönlichkeiten, Scheiben eingeworfen, Hausthüren besudelt, greuliche Schreie ausgestoßen, Schüsse abgegeben, Polizisten geprügelt.

Am Morgen des 22. November erklärte der Divisionskommandeur den Belagerungszustand.

Lange hatte Feldwebel Rinke sich nicht so gefreut, als da die Infanterie ausrückte, die öffentlichen Plätze zu besetzen. Artillerie bepflanzte den Hofgarten mit Piketts und Geschützen, Kavallerie schwenkte auf den Straßen hin und her und spornte die Pferde in die aufkreischende Menge.

Das Herz wurde Rinke ordentlich leicht, als er den Leutnant von Clermont einer Rotte Ruhe gebieten sah, die durch ungebürliches Betragen die Verlesung der ›Proklamation über eingetretenen Belagerungszustand‹ störte. Wie dem jungen Offizier die Augen blitzten! Den Degen hatte er blank gezogen, der Zorn grub eine Falte in seine weiße Stirn. Ha, wenn so einer Preußen schützte, dann konnte das nicht verloren gehen! –

Seit Josefine fort und in Sicherheit war, fühlte sich Rinke mehr denn je zum Sohn seines alten Hauptmanns hingezogen. Ihn deuchte, sie waren die beiden einzigen in der Kaserne, die die Schmach der Zeit so ganz empfanden; wenn die andern auch schimpften – grob am runden Stammtisch, formvoller im Offizierskasino – wurmte die’s denn so tief innen?! Ach, nur ihnen beiden zehrte es am Mark! Der Feldwebel fand die Sehnsucht seines Lebens wieder in dem jungen Offizier.

Auch Viktor von Clermont sehnte sich nach Bethätigung. Er meldete sich freiwillig zur öfteren Anführung der Patrouillen, die Tag und Nacht die Stadt durchstreiften. Seine Jugend entbehrte jetzt gern des Schlafs. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit seinen scharfbewaffneten Leuten nächtlicherweile durch die dunklen Straßen zu tappen und nach Verbotenem zu spüren. War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das Wirtshaus offen zu halten?! Die Thür war zwar verschlossen, aber daß innen noch Gäste saßen, merkte man an dem Lichtschein, der durch die Spalten der Läden fiel, und an dem dumpfen Stimmengemurmel, das zu erlauschen war.

Hei, dann mit dem Gewehrkolben gegen die Thür gerannt und gegen die Läden gedonnert, daß sie sich aus den Angeln lösten! Eine grimme Lust überkam den Leutnant beim aufstöbern der Rebellen; konnte er es seinen Soldaten verdenken, die jetzt für so viele erlittene Verhöhnung Revanche nahmen?! Mancher Bürger, der bei der herrschenden Unsicherheit nur wagte über die Straße zu gehen mit einer Pistole in der Brusttasche, wurde aufgegriffen und, trotz Ausweis und Beglaubigung, auf die Wache verschleppt; mochte er die Nacht auf der Pritsche sitzen!

Die Bürgerwehr wurde aufgelöst.

In eiserner Strenge neigte sich das Jahr 1848 seinem Ende. Selbst der alte St. Nikola-Markt, der Naschmarkt für die Kinder, war verboten; nur vor dem Polizeigebäude durften ein paar Lebkuchenbuden stehen.

Aber Düsseldorf revoltierte nicht mehr. Es war ruhig geworden.

* * * * *

Feldwebel Rinke war wenigstens befriedigt, wenn er seiner Tochter gedachte. Er hatte letzthin von ihr einen Neujahrswunsch bekommen und die erfreuliche Nachricht, daß sie ein gutes Weihnachtsfest verlebt. Auch Conradi hatte geschrieben; ob der sehr vergnügt war, konnte man freilich nicht wissen, er ließ sich nie so recht aus, aber fast in jeder Zeile kam ›meine Frau‹ vor.

›Meine Frau hat mir drei bunte Taschentücher gesäumt. Meine Frau hat mir zu Christabend ein Hemd selbst genäht. Meine Frau hat mir einen Korb Äpfel geschenkt von dem jungen Baum in unserm Gärtchen, sie hat sie sich heimlich am Mund abgespart. Meine Frau hat auch Blatz gebacken.‹

Rinke stieß einen erleichterten Seufzer aus – ja, die waren glücklich! Aber daß sie einmal über Sonntag kommen wollten, sich den Eltern in ihrem Glück zu präsentieren, davon schrieben sie noch immer nichts. Na, man durfte nicht egoistisch sein, die waren sich eben vor der Hand noch genug!

Frau Trina konnte freilich ihre Neugier kaum bezähmen. »Wenn’t mer nit eso ekelig wär’, mit der Eisenbahn zu fahren, dann thät ich als janz jern emal hinreisen,« sagte sie zu ihrem Mann. »Et Fina kann am End’ jetzt nit jut kommen, denn« – sie zwinkerte ihm zu.

Er verstand sie nicht. »Wieso denn?« fragte er.

»No, Rinke!« Jetzt stieß sie ihn ordentlich vorwurfsvoll an. »Haste dann alles verjessen? Wie war et dann bei uns? Keine zwei Monat waren mir verheirat’!«

»So, so,« sagte er, und es flog wie eine Ahnung seltener Freude über sein Gesicht. »Meinste wirklich?«

»Mer denkt doch,« sagte sie. Er nickte dazu: ja, das hatte er immer gedacht, die Josefine würde Preußen wackere Soldaten schenken! Tüchtiges Mädel!

Seine eignen beiden Jüngsten sollten nun auch bald zum Militär, waren ja derbe, rotbackige Bengels. Er hatte schon eine Eingabe gemacht für ihre Aufnahme zum 1. April in die Militärerziehungsanstalt zu Annaburg.

»So weit weg,« klagte die Mutter, »och Jott, och Jott, die armen Jüngeskes!« Aber sie sah es doch ein, die Jungens waren zu wild zu Haus, tanzten ihr, war der Vater nicht in Sicht, auf der Nase herum, und sie hatte eigentlich, seit Josefine fort war, keine ruhige Stunde mehr. Nun würde das besser werden. Der Friedrich, der krumme Beine hatte und somit nicht zum Militär taugte, war seit Michaeli bei einem Schlosser in der Lehre, das dauerte noch lange, bis der auf die Wanderschaft ging; und dann blieb ihr ja doch immer der Wilhelm!

Der Mutter Gesicht verklärte sich, wenn sie an den dachte.

Wie flott war er geworden! Rotseidene Tuchzipfel ließ er unter’m umgeschlagenen Hemdkragen flattern, sobald er sich staats machte. Und schlau war er! Frau Trina lachte von Herzen darüber, wie er dem Verbot ein Schnippchen zu schlagen wußte: bis weit über die Polizeistunde hinaus saßen die Gäste im ›Bunten Vogel‹ zusammen. Hinter die geschlossenen Läden hatte der Pfiffikus dicke Matten gestopft, kein Lichtstrahl kam so durch, kein Stimmenlaut drang so hinaus auf die Gasse; dunkel und still lag der ›Bunte Vogel‹, wie in harmlos ruhigem Schlaf.

Ende Januar war zwar der Belagerungszustand der Stadt aufgehoben worden, gewisse Beschränkungen existierten aber immer noch, und die würden auch nicht aufhören, solange der Polizei-Inspektor von Faldern seine Spürnase überall hinstecken durfte. Der war tüchtig verhaßt; nicht allein, daß er Verhaftungen vornehmen ließ und die Ausweisung von mancherlei Personen veranlaßte, er hielt es auch für nötig, alle paar Tage Militär zu requirieren. Jeder Bürger war empört darüber.

Kein Wunder, daß so, als der von Freund und Feind geachtete General von Drygalski – ›Bürger‹ von Drygalski, wie er sich selbst genannt – abberufen wurde und schon wieder ein neuer Divisionär aufzog, auch wieder neue Unruhen anhuben. –

Der Frühling kam, es dehnte sich, was im Winterschlaf gelegen; es reckte sich und streckte sich, und wo es an hemmende Schranken stieß, klopfte es an mit Macht. Erste Knospen sprengten ihre Hüllen über nacht.

Regenschauer des April wechselten mit warmem Sonnenschein, auf und nieder auch schwankten Gerüchte.

Im Bergischen Land stöberte der Frühlingswind ganz besonders stark. Fabrikschornsteine hörten auf zu rauchen, Arbeiter revoltierten und drohten die neuen Maschinen zu zerstören, die ihnen, ihrer Meinung nach, das Brot verkürzten. Die Fabrikanten brachten ihre Familien in Sicherheit in die großen Städte.

Die erste Nachtigall schluchzte im feuchtwarmen Hofgarten, als auch Conradi seine junge Frau nach der Stadt schickte; in der Kaserne, bei den Eltern, war sie sicher. Seine Pflichten als Gendarm hielten ihn jetzt oft Tage und Nächte von Hause fern. Sein Häuschen lag außerhalb des Ortes an der freien Landstraße; mehr als einmal schon hatten Strolche der einsamen Frau einen Schreck eingejagt; und das mußte jetzt vermieden werden.

Josefine hatte anfangs nichts von der Reise wissen wollen, mit angstvoller Heftigkeit sich dagegen gesträubt – nein, nein, sie konnte jetzt nicht fort, jetzt, wo die Hühner so brav Eier legten, wer sollte die denn füttern? Wer sollte das schöne Ferkel versorgen, das er ihr Weihnachten zum fettmachen geschenkt? Und wer sollte denn für ihn selber kochen?!

Aber dann ergriff sie doch plötzlich eine Sehnsucht. Wenn sie die Augen schloß, hörte sie die Ahornbäume rauschen, sah die Sonne rotgolden auf den blinkenden Scheiben im Hof verglühen. Heim, heim!

Sie reiste. Sie konnte nicht still sitzen während der Stunde der Eisenbahnfahrt; immer stand sie am Fenster. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll. Und wild schlug es, in einer unbezwinglichen Erregung, als sie das schwere Kasernenthor öffnete, das sich ihr förmlich entgegenstemmte. Sollte sie denn nicht hinein?! Sie stieß mit dem Fuß gegen und half so der bebenden Hand.

Nun trat sie das spitze Pflaster des Steiges. Ah, hinter den kleinen Fenstern der Blocks neugierige Gesichter! Sie kannte noch viele von ihnen. Und Kartoffelsuppe mit Zwiebel hatte es heute mittag gegeben! Sie atmete tief und zog den wohlbekannten Geruch ein. Ach, und das war der Kasernenduft, der eigentümliche Duft nach Schimmel und Knaster, der diesen Wänden so untilgbar anhaftete und den sie so lange, so ewig lange entbehrt!

Die Spatzen schirpten, die Ahornbäume zeigten zarte Blätter, das Küchenfenster der elterlichen Wohnung stand offen, wie eine Melodie schwebte es von dort herunter zu ihr: ›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin‹ – sie war wie berauscht vor Glück. Nein, nicht Monate waren vergangen, nicht einmal Tage, sie war da, sie war nie fortgewesen! Josefine – horch, rief da nicht jemand?! Mit einem Zittern scheuer Wonne stürmte sie die Stiege hinan.

Sie hatte sich bei den Ihren nicht angemeldet; nun trat sie ein. Die Eltern saßen beim Essen, ganz allein. Mit einem: »Nanu?« sprang der Vater auf und schloß sie in die Arme.

Aber er freute sich doch nicht so, wie sie wohl erwartet hatte, er schien sich gar nicht mehr so recht freuen zu können. Als sie sagte, daß ihr Mann, für ihre Sicherheit besorgt, sie hierher geschickt, preßte er ihr die Hand mit einem seltsam krampfhaften Druck. »Recht, daß er dich geschickt hat. Nu kann’s losgehen!«

Frau Trina lachte: »Natürlich, der Rinke red’t von nix, als von losjehen!« Aber dann seufzte sie: »Och Jott, och Jott, dat is als janz schreckelich!«

Sie umhalste die Tochter mit großer Freude, es war ihr doch ein wenig bang gewesen so allein; die beiden Jüngsten waren vor vier Wochen nach Annaburg abgedampft. »Nu hab’ ich Ruh’,« klagte sie, »aber et is mich doch eso unjewohnt, et is mich als janz einsam! Un der Rinke is immer so verdrießlich!«

Josefine blickte den Vater an – ja, der sah grimmig aus, so recht in sich verbissen. Mager war er geworden, hager sprang die Nase vor zwischen den unruhig spähenden Augen.

»Jeht et dir nit jut, Vater?« fragte sie und legte die Hand auf seinen Ärmel.

Er schüttelte sie unwirsch ab. »Dumme Fragerei! Wie soll’s einem gut gehen, wenn die Kanaille frecher wird mit jedem Tag und man ihr keinen Tritt geben darf! – Siehst auch nicht zum besten aus,« setzte er nach einem prüfenden Blick hinzu.

»Mir jeht et sehr jut,« sagte die junge Frau leise und wurde brennend rot dabei.

Die Mutter deutete sich das Erröten auf ihre Weise – no, die Tochter würde sich ihr ja schon anvertrauen!– –

Wieder lag Josefine in ihrer Kammer, in ihrem schmalen Mädchenbett. Fast zärtlich glätteten ihre Hände das Kissen – ach, das war heut so verwühlt, sie konnte gar nicht schlafen.

Der Mond schien silberhell. Das Thürchen nach der Küche hatte sie aufgelassen, der ganze Boden drinnen war wie beschüttet mit Glanz. Sie konnte nicht widerstehen; rasch einen Rock überwerfend, schlüpfte sie aus der dumpfen Kammer an’s offene Küchenfenster. Wie still lag der Hof! Die Ahornbäume rührten sich nicht, jedes Ästchen stand silberumwebt. In den Blocks waren alle Lämpchen erloschen, nur drüben in der Offiziersstube brannte noch Licht.

Ob =er= noch da wohnte?!

Sie spähte lange hinüber – da – endlich – jetzt bewegte sich ein Schatten hinter’m Fenster! Sie glaubte seine schlanke Gestalt zu erkennen, und ein Schreck durchfuhr sie und zugleich eine Sehnsucht. Er wohnte noch da! Ach, wenn sie ihn nur einmal noch sehen könnte! Ihre Hände krampften sich ineinander – bloß einmal sehen!

Drüben erlosch das Licht.

Ihr wurde so heiß, so heiß, die schweren Zöpfe brannten sie im Nacken, sie schüttelte sie lang herunter; weit beugte sie sich zum Fenster heraus – ach, nur einmal sehen! Erinnerungen stürzten über sie her in der schmeichelnden Frühlingsluft, Träume –

Es tappte unten; eine Patrouille schritt über den Hof, hinterher ein schlanker Offizier. Das war =er=!

Zurückfahrend stieß sie an den Fensterriegel, daß es laut klirrte. Nun hatte er sie doch gesehen!

Sie konnte sich nicht rühren, starr stand sie mit weitgeöffneten Augen. Taghell war die Mondnacht.

Hatte er sie erkannt –?! Ja, ja!

Verstohlen sah er einmal zu ihr hinauf – und nun noch einmal! Und eh’ er das schwere Thor schloß, wandte er nicht noch einmal den Kopf?!

Viktor! Sie hatte es nicht gerufen, aber verlangend, bittend, beschwörend streckte sie die Hände aus. Den da hatte sie ja so lieb gehabt, den da liebte sie noch – jetzt wußte sie’s.

In leidenschaftlicher Wallung stürzten ihr Tränen aus den Augen.

Um ihr glühendes Gesicht strich der Nachtwind wie mit abkühlender Mahnung; er raunte etwas, sie verstand es nicht. Sie wollte es nicht verstehen.

Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – nein, an gar nichts mehr denken!

In einer heißen Freude glühte sie und schauerte doch – sie würde ihn wiedersehen!

Und dann –?!

Mit einem Seufzer warf sie den Kopf in den Nacken und schloß schwindelnd die Augen.

XVIII

Sie hatten sich bis jetzt nur flüchtig gesehen; sie waren sich begegnet im Hof, vor der Thür, auf der Straße, so oft, wie früher nie. Josefine war diesen Begegnungen nicht ausgewichen, nein, sie suchte sie sogar.

Wie war er schön, wie war er ritterlich! Er verblendete sie ganz. O Gott, ihn nur einmal noch sprechen, seine Stimme hören, diese Stimme, die so lustig necken konnte: ›Fina, blonde Fina, meine Fina!‹

Kein Gedanke ging zu ihrem Mann. Ihr war zu Mut, als wäre sie wieder die Josefine von einst – nein, doch nicht ganz dieselbe! Früher war sie schon beglückt gewesen, wenn sie Viktor nur von weitem gesehen – ein verstohlenes Grüßen von Fenster zu Fenster, ein flüchtiges Wort, ein heimlicher Händedruck – das war schön, das war schön gewesen, doch jetzt –?!

Ihre Augen begegneten den seinen mit stumm leidenschaftlicher Frage. In einer gesteigerten, rauschähnlichen, erwartungsvollen Spannung verbrachte sie friedlose Tage und schlaflose Nächte. –

Leutnant von Clermont hatte auch schon seit Nächten nicht viel geschlafen, eigentlich gar nicht, sein Blut war erregt. Wochen hatte er verbracht in stumpfem Groll – alle Tage Drill, für was denn? Immer von der Ehre, von der Offiziersehre hören und sich doch auf der Nase tanzen lassen müssen – äh was, Ehre, pfeif’ auf den ganzen Rummel! Er war wütend. Ein paarmal hatte er sich schon betrunken. Das war ihm sonst nie passiert; aber jetzt konnte er eben gar nichts vertragen, ein paar Gläser schon stießen ihn um. Gleich prickelndem Champagner stieg ihm der Säuerling, den sie im Kasino verzapften, zu Kopf.

Seine Nerven waren angespannt, all seine Sinne erregt. O, dieses müßige Warten, dieses ungeduldige Lauern in der muffigen Kaserne! Zum umkommen! Nur nach etwas greifen, sich zu zerstreuen, zu vergessen, den Lauf der Tage zu beschleunigen – ha, und nun kam diese blonde Frau! Er erwiderte ihre großen, stummen und doch so beredten Blicke.

Heut abend sprachen sie sich zum ersten Mal. Auf dem dunklen Gang trafen sie einander wie einst. Warum sollten sie sich länger meiden?! Auf halbem Weg waren sie sich entgegengekommen. Er unter dem Vorwand, den Feldwebel sprechen zu müssen; sie ganz ohne Vorwand, einfach gezwungen, schier ohne eigenes Wollen, wie eine Traumwandelnde, Schritt für Schritt gelassen auf den schwindelndsten Pfad setzend.

Sie hatten nicht Zeit zu vielem Reden. Jeden Augenblick konnte sie jemand überraschen, rumorte es doch heute überall in der Kaserne. Der dunkelste Gang war nicht sicher. Gerüchte gingen um, unheimlich schwirrend wie Fledermäuse in nächtlichem Dunkel; man hört nicht ihren lautlosen Flatterflug und spürt ihn doch am kalten, unheimlichen Wehen.

»Josefine,« flüsterte Viktor und faßte sie an beiden Händen, »Fina!«

Sie sagte kein Wort, aber sie neigte sich gegen ihn.

Ehe sie bedachten, was sie thaten, küßten sie sich heiß.

»St – still, kommt da jemand?« Er raunte es, erschrocken und unwillig zugleich.

»Nein – ja, ja!« Und doch huschte sie nicht fort.

Sie umschlangen sich; hastig küßten sie sich wieder, heiß und heißer.

Fatal, wieder Tritte!

»Komm zu mir,« flüsterte er im Kuß.

»Ja, ja, ich ko–«

Sie sprach das Wort nicht aus. Ein schriller Mißton gellte durch die Kaserne.

Horch, ein Trompetenstoß!

Und nun Trommelwirbel vom Platz, Trommelwirbel vom Hof herauf.

»He–rrraus!« Ein einziger, langgezogener Ruf in der Mainacht.

»Donnerwetter, Alarm!« Viktor riß sich los, fort stürzte er; Josefine stand wie betäubt.

Alarm, Alarm! Alle Mann heraus!

Und nun fingen die Glocken der Stadt an zu rufen, von allen Türmen bimmelte es. Ängstlich hilfesuchend wimmerte es: ›Feuer!‹ Mächtig dröhnte es: ›Sturm!‹ Und jetzt – huh – mit beiden Händen fuhr Josefine an die Ohren: das Lärmhorn der Bürger! Schrecklich tutete es; dazwischen das Blasen der Trompete, das Wirbeln der Trommel.

Generalmarsch wird geschlagen – die Infanterie rückt aus.

Feuer, Sturm, Aufstand, offene Rebellion! Grollend dröhnt ein Kanonenschuß. –

Es war wenig Militär in der Stadt, gestern erst eine große Zahl Truppen nach Elberfeld abgegangen, wo die Landwehrmänner sich ihrer Einberufung widersetzten; und heute in der Frühe war ein Nachschub gefolgt. Das ganze Bergische Land schien in Aufruhr.

Die Nacht war lebendig geworden. In den Lüften schien es zu klagen. Über den Exerzierplatz weg fuhr ein Geschrei – dann wurde alles still.

Oben in der Feldwebelwohnung hielt Frau Trina jammernd die Tochter umklammert: »Och Jott, och Jott, de Willem! So mitten in der Stadt, allein mit der alten Frau! Wenn de nur kein Dummheiten macht! Och Jott, och Jott, de Willem!«

»Ich will hinjehn,« sagte Josefine rasch. »Ich hol’ se her! Laß mich doch! Da is ja nix bei, ich hab’ kein Angst. Laß mich,« wehrte sie die Mutter ungeduldig von sich, die sie zurückhalten wollte.

Nach kurzem Kampf ließ Frau Trina ab. Am Ende war es ihr doch eine Beruhigung, wenn die Josefine nach dem Wilhelm sah. Das Gesicht verhüllend, sank sie auf den Stuhl im Winkel.

Ohne Besinnen lief Josefine die Stiege hinunter. Noch konnte sie zum Thor hinaus, es stand offen, ab und zu eilten Soldaten; in der Ferne verklang der Trommelwirbel einer ausrückenden Kompagnie.

Da zog =er= hin! Mit raschem Schritt lief sie hinterdrein.

Flüchtig berührte ihr Fuß kaum das Pflaster, eine Todesangst riß sie fort – wenn ihm ein Leid geschah! Wenn sie ihn in die Kaserne zurückbrachten, das Haupt vom Beilhieb zerschlagen, aus Stichen blutend, die ihm ein Strolch versetzt!

Eine heftige Wut ergriff Josefine gegen das Volk, das sich so vergaß. Sie ballte die Fäuste in ohnmächtigem Zorn: Drauf, wackere Soldaten, drauf!

Mehrere Bürger stürzten an ihr vorüber, die zu flüchten schienen. Aha, jetzt rannte schon das feige Gesindel!

Einer schrie: »Barrikaden, se bauen Barrikaden, se reißen dat Pflaster auf!«

»Wo, wo?«

»Da – da!« Er hob den Arm und zeigte im laufen zurück, von wo er gekommen. »Am Stadtbrückchen – an der Allee – ich weiß nit – da – da! Jesus Maria, se schießen, se schießen!«

Grell pfeift ein Signal – eine Gewehrsalve knattert – wo schießt es, wer schießt?!

Hurra, die Soldaten! Josefine glühte, ihre Blicke flammten begeistert auf. Die Soldatentochter war jäh in ihr erwacht.

Horch, Pelotonfeuer! Von weitem antwortet Kanonendonner. Und jetzt Pferdegetrappel – hei, die Ulanen rücken auch schon zur Stelle! Hurra, die Soldaten, die tapferen Soldaten, die schaffen Ruh’!

Links ab schwenkte Josefine; über die Allee, beim Stadtbrückchen konnte sie nicht durch, das sah sie wohl ein. Rasch hier hinein! Durch die kleinen, engen Gäßchen der Altestadt kam man noch leicht zur Ratingerstraße. Immer rascher lief sie.

Nun war sie am Hunsrück. Ach, wo mochte Viktor jetzt sein?! Viktor, Viktor –?! Verwirrt glitt ihr Blick umher – hier war es ja so dunkel, die Laternen sämtlich erloschen, die Häuser schwarz! Sie tappte, sie stolperte, unwillkürlich stieß sie einen leisen Schrei aus.

»Zurück!« Es klirrte im Dunkeln. Und nun noch einmal der Ruf: »Zurück!« Und jetzt ein laut hallendes Kommando: »Lichter heraus!«

Rechts, links, wie mit Zauberschlag erhellen sich die Fenster, sie sieht entsetzte, neugierige Gesichter hinter den Scheiben auftauchen, nur für einen Moment, dann ducken sie unter, denn: »Zurück!« brüllt es wieder. Blinkende Uniformen, drohende Flintenläufe. Sie will rufen, aber schon geht voreilig ein Schuß los. Dicht pfeift ihr die Kugel über den Kopf.

Taumelnd fällt sie gegen eine Hausthür; diese giebt nach, ein Arm streckt sich heraus und zieht die Wankende herein.

»Jesus Maria, is Euch wat passiert?!« Weinend leuchtete ihr eine Bürgerfrau in’s Gesicht. »Ne, Jott sei Dank, et hat noch jut jejangen! Och, meine Mann, meine Mann, wo is de?! Se werden ein wat duhn, se werden em dotschießen! Se hören ja jar nit, wat mer ihnen sagt. Vorhin jing einen hie langs, ich kenn’ em jut, auch so ene ruhije Börjer, wollt no Huus jonn – knall, schießen se ein kapores. O Maria, Materdeies, wat is dat for en Nacht!«

Josefine zitterte vor Aufregung. »Machen Sie die Thür auf, ich muß wieder eraus!«

»Ne, ne, Ihr könnt jetzt nit eraus – seid Ihr jeck? Se schießen Euch dot!« Die Frau umklammerte sie mit beiden Armen.

»Ich muß!« Josefine riß sich los. Das Weib war wohl toll vor Angst, Soldaten sollten auf ruhige Bürger schießen?! Unsinn! Schon hatte sie die Hausthür aufgezerrt, schon stand sie wieder draußen auf der Gasse.

Jetzt war alles still. Unsicher huschenden Schein warfen die Lichter aus den Fenstern, von den Soldaten war nichts mehr zu sehen. Doch dort – dort in jener Thürnische kauert einer, das Gewehr im Anschlag, und da, hinter den Fässern, die mitten auf’s Pflaster gekollert sind, reckt eben einer spähend den Kopf empor. Ein Flintenlauf hebt sich vorsichtig.

Josefines Augen werden schreckhaft starr – hat die Frau recht: wie ein Wild, wie ein Tier dem Jäger vor’m Schuß?! Sie macht einen Satz gleich dem scheuenden Reh; sich wendend, stürzt sie blindlings zurück.

Herr im Himmel, auch kein Zurück mehr! Lautes Gebrüll schlägt ihr entgegen.

»Zaruck-Buh! Zaruck-Buh!« Das ist der Hohnruf der Aufrührer!

An der nächsten Ecke hat sich ein Haufe postiert. Umgestürzte Karren, Bretter, Säcke, Stühle, Tische, alles was man in der Eile ergriffen, ist aufgestapelt.

»Zaruck-Buh! Preußen! Schweinhunde! Menschenschinder! Zaruck-Buh!« Steine fliegen, Ziegelsteine, Pflastersteine, Sand, Kot, Pferdemist.

Aber jetzt Trommelschlag und jetzt ein Kommando:

»Zur Attacke! Das Gewehr – rechts! Fällt das Gewehr! – Marsch, Marsch!«

»Hurra!« Mit vorgehaltenem Bajonett stürmt das Militär. Eine Bresche entsteht, ein höllisches Geheul, eine wilde Flucht.

»Feuer!«

»De Preußen, de Preußen, se schießen auf uns!«

Auf der rasch genommenen Barrikade stehen die Soldaten und feuern in die enge Gasse.

»Hochhalten!« tönt ein vereinzeltes Kommando, aber niemand hört es. Die Kugeln pfeffern in den Hunsrück – klatsch, in’s Pflaster – klatsch, gegen Thüren und Läden – zeigt jemand sich am Fenster, wird auch dahin geschossen.