Part 15
Drinnen in der Stube saß Josefine auf dem Fenstertritt hinter den Geraniumstöcken, tief über die Arbeit gebückt. Selten, daß sie den Blick erhob und die Augen hinausschweifen ließ über den Platz, auf dem die Mannschaften für die Frühjahrsbesichtigung übten. Wohl hatte das Exerzieren seinen Reiz für sie noch nicht ganz verloren, aber sie fürchtete, =ihn= vor der Front stehen zu sehen in seiner ganzen Schlankheit; mit Scheu wendete sie rasch den Blick ab. Blaß wurde sie, denn ihr Fleiß bannte sie immer in die Stube; die Mutter hatte ihr gern eine Hilfe nehmen wollen – das bucklige Stinchen, die Näherin, die so schöne Hemdenfältchen kratzte und die Priesen auf den Faden aufsteppte, half allen Bürgerbräuten – aber Josefine wollte keine Hilfe. Alles allein sticheln, das bringt Glück.
Ach, Glück –?! Sie hoffte doch darauf. Der Conradi war ja so gut, das sagte sie sich alle Tage vor. Wenn sie nur erst fort wäre, weit weg!
Und sie, die nie für einen ganzen Tag die Kaserne verlassen, die noch nie ihr Haupt wo anders zur Ruhe gelegt, als im Schutz dieser Mauern, begann zu träumen von einer neuen Heimat, unbestimmte Träume, von denen sie nicht wußte, ob sie angenehm waren oder traurig.
Fernab vom Leben des Tages lebte sie so in ihren Träumen; sie hörte nicht die Glocken hallen, die die Totenfeier für die letzt im März zu Berlin Gefallenen einläuteten.
In der Maxpfarre war ein Katafalk errichtet mit schwarzem Flor und Lorbeeren. Frau Trina lief auch hin, und sie kam wieder mit geröteten Augen – alle Welt hatte geschluchzt – und sie erzählte von Trauerfahnen und Immortellenkränzen, vom Requiem, das der Hiller, der Musikdirektor, aufgeführt, und von der ergreifenden Rede des Herren Pfarrer Schmitz.
Bis in die Kaserne hatten sich die Klänge des Trauermarsches verirrt, den die Musik dem Bürgerzug aufspielte, der nach der Kirche wallte, die für die Freiheit gefallenen Helden nachträglich noch einmal zu ehren. Josefine hatte keinen Ton vernommen – was ging sie das alles an?! Sie kümmerte nur das eigne Geschick.
Alle paar Wochen kam jetzt Conradi zu Besuch, oft einen ganzen Sonntag; er hatte nun wieder freie Zeit. Aber er war kein lästiger Bräutigam; ein Mensch von vielen Worten war er so wie so nicht. In seiner Heimat, dem fernen Ostpreußen, waren ja die Leute an Kargheit gewöhnt – kümmerliche Frühjahre, wie er sagte, und lange, schneevergrabene Winter. Er war zufrieden, wenn Josefine ihn freundlich ansah und ihm beim jedesmaligen Abschied einen Kuß schenkte; und das konnte sie doch nicht anders, er hatte ihr ja nichts Böses gethan.
Selbst Frau Trina, die anfangs viel Lust bezeigt hatte, gegen den Schwiegersohn zu rebellieren, – war er doch ein Reformierter, und die sind noch ärgere Ketzer wie die Lutherschen, – wurde durch seine ruhige Treuherzigkeit entwaffnet. Keine Uzerei verfing. Darin war er ganz anders wie Rinke, er brauste nie auf.
»Dumm is de,« behauptete die Mutter, aber die Tochter schüttelte den Kopf: nein, dumm war der nicht, hatte einen ganz nüchternen, praktischen Verstand; freilich, so wie der Viktor – ach, wie der Viktor! – so war er nicht!
Der Sommer war gekommen. Die Hochzeit rückte immer näher. Am letzten heißen Julisonntag hielt der Garnisonprediger das erste Aufgebot.
Der Leutnant von Clermont hörte es, er war gerade zur Kirche kommandiert. Von der Predigt hatte er nicht viel vernommen, seine Gedanken waren abgeschweift; nun aber, da der bekannte, oft genannte Name fiel – Josefine! – zuckte er zusammen. So bald schon heiratete sie?!
Und sie stieg vor ihm auf in ihrer ganzen blonden Frische. Er hörte wieder ihre volle Stimme, ihr heiteres Lachen. Am Fenster stand sie und sang und schaute nach ihm aus, Liebe im Blick. Ja, =sie= hatte ihm den Rhein lieb gemacht, vertraut die rheinische Stadt, – warm quoll es wieder in ihm auf – er würde sie doch nie vergessen! Unlöslich verknüpft blieb sie ihm mit Kindheitsfreuden, mit Jugendlust, sie war eins mit dem Rhein, mit dem Rhein! –
* * * * *
Großmutter Zillges hatte es sich ausgebeten, im ›Bunten Vogel‹ sollte die Hochzeit sein anstatt in der engen Kaserne. Der Feldwebel hatte zwar erst heftig dagegen protestiert, aber es half ihm nichts, die Weiber waren ihm über. Er ließ ihnen jetzt viel freie Hand, denn, war es nicht kleinlich, daheim zu zanken, während außen so viel auf dem Spiele stand?!
In Schleswig-Holstein wurden die Dänen besiegt; mit Neid und Hohn zugleich waren Rinkes Blicke zur Zeit der kleinen Freischar Düsseldorfer gefolgt, die, ihren Karnevalspräsidenten an der Spitze, mit glühendem Enthusiasmus den ›Deutschen Brüdern‹ zu Hilfe geeilt war. Haha, viel schlimmer als die Dänen waren andre Feinde, aber gegen die zog niemand aus!
Wo war der Prinz von Preußen?! Weit in England – ›geflohen‹ sagten welche. Verleumdung, elende! Nein, der wartete nur, bis seine Zeit kam. Aber wann kam die, wann?!
Eine fieberhafte Sehnsucht glühte dem Soldaten im Blut; noch war er nicht alt, und doch fühlte er sich schon so: müde und alt. Sollte er denn in’s Grab steigen, ohne jemals gekämpft zu haben?! Liegen und verwesen, ohne einmal gesiegt zu haben?! Wenn’s dem König, der jetzt in Düsseldorf erwartet wurde auf seiner Reise zum Kölner Dombaufest, doch nur einer sagen wollte, daß mit der Langmut nichts ausgerichtet ist!
Die Stadt rüstete zum Empfang des königlichen Besuches. Aber längst nicht alle Bürgergardisten wollten sich einreihen lassen in das Spalier, das sich vom Köln-Mindner Bahnhof die Königsallee hinauf und noch weiter ziehen sollte. Mochten sich da servile Fürstenknechte drängen, =sie= waren freie Bürger! Und doch war die Neugier groß.
Aus den Dörfern und Fabrikorten der Umgegend, von diesseits und jenseits des Rheins zogen Scharen schon am frühen Morgen des 14. August in die Stadt. Die Schulen waren geschlossen, die Comptoire und Kanzleien auch. Alles feierte. Der Männergesangverein allein plagte sich noch mit üben; er sollte, während der König beim Prinzen im Jägerhof das Diner einnahm, im Vorgemach singen.
Auch Frau Cordula im ›Bunten Vogel‹ stellte heute für ein paar Stunden die Arbeit ein; sie war tüchtig am schaffen für die morgende Hochzeit der Enkelin. Der Feldwebel hatte kurzerhand den 15. August dafür festgesetzt, da der Bräutigam die Wohnung längst hergerichtet; viel Wahl war für den Zeitpunkt auch weiter nicht, Conradi hatte wieder strammen Dienst und konnte knapp für diesen einen Tag abkommen. Josefine hatte keine Einwendungen gegen die Bestimmung des Vaters gemacht, auch sie dachte: ›Wozu noch zaudern? Ob heute, ob morgen, nur bald!‹
Es war der Großmutter gar nicht recht, daß die Hochzeitsfeier nur so kurz sein würde – am selben Abend noch sollte das junge Paar nach Vohwinkel fahren –, daran war niemand wie der Rinke, der knappe Preuße schuld! Eine richtige rheinische Hochzeit dauerte doch mindestens ein paar Tage: Wer sollte denn all das Leckers aufessen?! Unermüdlich war die alte Frau hin und her getrippelt. Die Kuchen für die Nachbarn standen schon parat; Wilhelm hatte bereits den lieben Nönnchen, für ihre Kranken in der Gemeinde, ein paar extra gute Flaschen Wein hingetragen. Die Kochfrau hatte schon die Braten gespickt, in dem Keller schwamm im Zuber pläsierlich ein großer Fisch.
Wenn nur der Großvater frischer gewesen wäre! Der hatte eigentlich für nichts mehr auf der Welt Sinn. Stunden und Stunden verschlief er. Ungern ließ ihn sonst Frau Cordula selbst für ein Stündchen allein. Aber heute, wo alles schon seit dem frühen Vormittag nach dem Bahnhof und der Königsallee rannte, mußte sie doch auch gucken gehen. Nur ein paar Augenblicke. Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen König gesehen.
»Mutter, wohin jehste?« fragte Peter Zillges, der im Lehnstuhl im Comptörchen döste und die Daumen umeinander drehte.
Als sie es ihm sagte, rief er ärgerlich, so laut er nur noch konnte: »Wat will de Mann hie?! Mir sin Düsseldorfer Börjer!« Aber dann vermischte sich in seinen Gedanken plötzlich dieser königliche Besuch mit dem des großen Napoleon, und er fragte interessierter: »Dazumal bauten se Ehrepooze, han se jetzt auch en Pooz jebaut?«
»Ich jonn ens kucke,« sagte Frau Josefine Cordula und lief eilig fort.
Sie sah nicht mehr, wie ihr alter Mann mit ungeahnter Kraft im Lehnstuhl auffuhr und zornig die zitternde Faust ballte: »De soll uns jewährde lasse!« Unruhig rollte Peter Zillges seine Augen umher, als suche er wo einen Schlupfwinkel: »Ich – ich jonn em ja auch aus der Weg!«
* * * * *
Am festlich geschmückten Bahnhof standen die Deputationen des Gemeinderates, der Militär- und Civilbehörden. Soldaten waren aufgepflanzt; auch Feldwebel Rinke stand dort in Paradeuniform. Ehern erschien sein Gesicht wie immer, aber in dem etwas vorgestreckten Hals, in dem krampfhaften Spiel der Finger an der Degenkoppel zeigte sich seine große Erregung.
Mit glühendem Blick suchte er seinen König.
Als die Equipage des Prinzen Friedrich vorüberfuhr, zuckte er zusammen, stier wurde sein Blick – =das, das= war der König?! In seinen Mantel gehüllt, lehnte der hohe Gast in einer Ecke des Wagens.
Dem Feldwebel wollte das Herz brechen. Wo war der Glanz des jugendlich schlanken Kronprinzen, dessen Augen von Geist und Leben gestrahlt hatten?! Er konnte die Züge, denen er einst in der eignen Jugendzeit zugejubelt, nicht wiederfinden; er wollte ›Hurra‹ schreien und brachte es nicht heraus.
Das Hurra um ihn her war auch matt – oder deuchte es ihn nur so? Viel Volks schwieg. Und die Sonne trübte ihren Schein, ein Wind machte sich auf und jagte den Staub in die Augen.
Als Rinke die Lider wieder frei öffnen konnte, waren die schnellen Räder längst verrollt. Aber eine unruhige Bewegung unter der Menge erschreckte ihn. Das war ein scheues Raunen, ein Flüstern – hier – dort – überall! Man wollte pfeifen gehört haben, man wollte wissen, daß plötzlich, von ruchloser Hand geschleudert, Pferdekot in den Wagen geflogen war und den Mantel des Königs gestreift hatte.
Verblüffte, betroffene Gesichter sahen sich an. –
Als Frau Josefine Cordula nach fünf Uhr durch die Ratingerstraße wieder zurückkam, war sie ganz außer Atem; sie hatte sich sehr geeilt und war doch fast an zwei Stunden fortgeblieben. Nun fiel es ihr plötzlich ein, daß der Peter ja ganz allein zu Haus war. Denn die Kochfrau hatte ihre Vorbereitungen unterbrochen und war mit ihr zugleich gegangen, und der Wilhelm war schon am Vormittag fortgelaufen. No, sie gönnte es dem Jungen ja! Der hatte jetzt so viele Freunde; und waren auch mal ein paar Rauhbeine darunter, zu streng durfte man nicht urteilen, Jugend ist noch kein Alter, und jung Bier muß ausgären. Bei ein paar Rempeleien war der Wilhelm wohl dabei gewesen, aber er hatte sich nicht selber an der Hauerei beteiligt – bewahre! Nur zugeguckt; die Polizei hatte denn auch ein Einsehen gehabt und ihn nicht mit in’s Speckkämmerchen gesperrt, als er sagte, er wäre der Enkel vom Bürger Zillges in der Ratingerstraße.
Ja, ihr Peter, der war wohl angesehen! Noch so ein echter Düsseldorfer Bürger aus der alten guten Zeit!
Ob er schon ungeduldig auf sie wartete? Ach, der schlief ja – hoffentlich! Verlohnt hatte sich’s nicht einmal, daß sie gucken gelaufen war – =so= sah ein König aus?! No ja, die Preußen – kein bißchen vergnügt!
Je näher sie ihrem Hause kam, desto eiliger trippelte sie; nun hörte sie einen Salutschuß, der galt dem Preußenkönig. Ob der Zillges den auch hörte?! Dann würde er sich ärgern.
Sieh mal, da saß er noch immer im Lehnstuhl hinter’m Spiönchen! Sie winkte und nickte. Er sah sie nicht.
»Zillges,« rief sie, als sie in den Flur trat, und: »Peter, Peterken, ich bin als widder hie,« als sie in die große Wirtsstube kam.
»Zillges!«
Keine Antwort.
Plötzlich von einem Gefühl der Beklemmung befallen, sah sich die alte Frau um: war jemand hier gewesen – ein Gast? – – Nein, kein Mensch!
Es war sehr still.
Die Eichenblätter und Dalien, die sie in einem Korb in die Ecke gestellt, um nachher eine Guirlande für das morgende Fest zu winden, dufteten stark und herb, wie fallendes Laub im Herbst.
Ein Frösteln lief der alten Frau über den Rücken, in der Kühle des leeren Zimmers.
Schlief er so fest?! Den Atem anhaltend, drückte sie leise auf die Thürklinke zum kleinen Comptörchen; die Thür knarrte und sang in den Angeln. »Zillges! Peter –!«
Er hörte nichts.
Der alte Mann saß in seinem Lehnstuhl am Fenster, den Kopf auf die Brust gesenkt, die Hände gefaltet.
* * * * *
Während der Königliche Gast in die Stadt eingezogen, war ein anderer Gast in den ›Bunten Vogel‹ getreten. Auch ein König – der Tod. Peter Zillges hatte ihn empfangen, als Freund.
Es gab kein lautes Wehklagen. Als Josefine, atemlos, als erste, in den ›Bunten Vogel‹ gerannt kam – Wilhelm hatte weinend die Trauerkunde in die Kaserne getragen – fand sie die Großmutter oben in der Schlafkammer neben dem Ehebett sitzen, darauf der tote Großvater lag. Ganz friedlich ruhte dessen Gesicht im Flackerschein geweihter Kerzen; die sauberen weißen Haare umgaben in einem noch vollen Kranz die Stirn, die ganz glatt war, alle Falten und Schrumpeln wie weggewischt. Die Großmutter hatte ihm ein Kruzifix auf die Brust gelegt und um die gefalteten starren Hände den Rosenkranz geschlungen. Wie eine Wolke schwebte Weihrauchduft im engen Stübchen.
Die alte Frau wand aus den Eichenblättern und Dalien eine Guirlande, ihre Lippen murmelten Gebete. Als die Enkelin eintrat, sah sie auf und nickte wehmütig:
»Die sollt’ für dich sein, Finken! Nu muß Zillges die kriegen!«
Und sie flocht emsig weiter.
Josefine kauerte sich ihr zu Füßen nieder; ein Schauer nach dem andern überlief sie, sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Eine Scheu packte sie vor dem stillen, kalten Großvater, und ihr Herz klopfte heftig. Sie begriff nicht, daß die Großmutter so gelassen war.
»Nu kann er nit mehr bei deiner Hochzeit sein,« flüsterte Frau Josefine Cordula, »oh, un was hätt’ er sich doch jefreut! Jelt, Zillges?!«
Sie wandte sich ganz ihrem Toten zu, sanft faßte sie dessen Hand. »Weißte noch, wie mir Hochzeit machten? Da flocht ich der Abend vorher auch en Jirland, aber nur eine aus Palm, die Blümkes un de Myrtestock hatt’ die fremde Einquartierung all ausjeruppt. Un de Hochzeitsabend fingen de Franzosen an, auf de Stadt zu schießen, von de Kirchen wurd’ Sturm jeläut’, dat Kloster brannt’ un de Türm’ vom Schloß auch. Mit Kanonen schossen se von der anner Seit’, aber mir krochen im Keller un du hielt’st mer de Ohren zu. Un wir sind doch eso jlücklich jeworden, jelt, Peter? Peterken!«
Josefines Herz krampfte sich zusammen – ach, die Großmutter, ja, die Großmutter, die hatte ihren Hochzeiter geliebt! Brennende, unendliche Thränen stürzten ihr aus den Augen; beide Hände vor’s Gesicht schlagend, schluchzte sie krampfhaft.
»Wein’ nit eso, Kind,« flüsterte die Großmutter. »Finken, mußt nit e so weinen – er schläft ja nur!« Und sich über den Gatten beugend, strich sie ihm zärtlich links über die Wange und rechts über die Wange.
Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes über ihn und sich: »Jesus! Maria! Josef! Euch schenk’ ich seine Seele! – Bis wir uns wiedersehn in der ewigen Jlorie, Peterken, schlaf’ jut!«
* * * * *
Josefines Hochzeit fand statt am festgesetzten Termin, trotz des Großvaters Tod. »Es ist jetzt ohnehin nicht an der Zeit, Freudenfeste zu feiern,« hatte der Feldwebel finster gesagt.
Auch die Großmutter wollte keinen Aufschub, sie schickte die Hochzeitskuchen in die Kaserne.
Nur eine stille Trauung fand statt, dann blieb die engste Familie noch unter sich ein paar Stunden zusammen. Gegen abend aber kam doch noch die Großmutter; seit langer, langer Zeit betrat sie zum erstenmal wieder die Feldwebelwohnung, sehen wollte sie die Enkelin wenigstens an ihrem Ehrentag.
Josefine hatte sich den Abschied leichter gedacht; nun konnte sie sich auf einmal nicht trennen. Laut weinend küßte sie die Geschwister, die Mutter, die Großmutter; am längsten hielt sie den Vater umklammert.
»Na, na,« tröstete der Feldwebel und klopfte ihr den blonden, zuckenden Kopf, »gehst ja nu in dein Glück – Mädel, Kopf hoch!« Er bezwang den eignen Trennungsschmerz – war seinem Kinde so das Loos nicht auf’s lieblichste gefallen? »Na, na, wir sehen uns ja bald wieder!« Aber als sie ihn nicht losließ, machte er sich frei; jetzt klang etwas wie Strenge durch: »Mach nu ’n Ende! Wisch’ die Thränen ab – ’s ist an der Zeit! Man los – voran, marsch!«
»Ja, komm, Finchen, komm,« drängte der junge Ehemann, »wir kriegen sonst den Zug nicht mehr!« Und als sie noch immer ihr Gesicht weinend verhüllte, nahm er ihre Hand in die seine und drückte die fest. »Du sollst es auch in Vohwinkel gut haben, verlaß dich drauf! Komm, Finchen, komm!«
Noch einen letzten schweren Blick ließ sie langsam über alles gleiten; ihre Nasenflügel hoben sich zitternd, als müsse sie noch einmal voll den Duft einziehn, den scharfen, eigentümlichen Kasernenduft. –
Die Sonne ging zur Rüste, als Conradi seine junge Frau über den Hof führte. Die Wipfel der Ahornbäume rührten sich im Abendwind, um die Stämme wob sich bereits leichter Dämmer. Rotgolden allein strahlte noch drüben das Fenster der Offiziersstube; da weilte die Sonne am längsten.
Ganz langsam ging Josefine, Schritt für Schritt. Aber so sehr sie auch zögerte, das Thor kam doch. Es that sich auf – sie schritt hindurch – schwer fiel es wieder in’s Schloß.
Sie hatte die Kaserne verlassen.
XVII
Rinke hätte nie geglaubt, daß er über die Trennung von der Tochter so verhältnismäßig leicht fortkommen würde. Die Not der Zeit half ihm über eignes hinweg.
Er glühte vor Unwillen. Täglich mehrten sich die Klagen über Rempeleien zwischen Civil und Militär. Nicht genug, daß ein Infanterist durch einen Schuß, der eines Abends an der Markt-Ecke fiel, meuchlings getötet worden, auch noch einen von den Jägern hatten die ›verfluchten Halunken‹ verwundet. Was half’s, daß der neue Kommandeur, General von Drygalski, dem Militär im Besuch der Wirtshäuser strengste Beschränkung auferlegte, ganz einsperren konnte man die Mannschaft doch nicht; und wo sich ein Soldat sehen ließ, überall wurde er molestiert. Schüsse, von unbekannter Hand abgefeuert, fielen zur Nachtzeit auf den Straßen, und, richteten sie auch kein sofortiges Unheil an, sie alarmierten doch und narrten Polizei und Militär.
Der Feldwebel machte es sich zur Aufgabe, in freien Stunden die Stadt abzupatrouillieren. Im Abenddunkel suchte er die berüchtigten Wirtschaften auf, um vor ihren Thüren beobachtend Posto zu fassen.
Leider gehörte der ›Bunte Vogel‹ auch zu den nicht gut angeschriebenen. Die alte Frau hauste jetzt dort allein mit dem Wilhelm: wie sollte das schwache Weib und der dumme Junge es am Ende hindern, daß sich da ebenfalls allerhand Gesindel zusammenfand?! Rinke hatte sich den Sohn schon gelangt und ihn wie einen Verbrecher in’s Verhör genommen, aber weiter nichts herausgebracht, als daß der Freiligrath zuweilen dort ein Maß trinke. Na, der Kerl, der rote Republikaner, war ja nun unschädlich gemacht, wegen eines ganz unverschämten, aufhetzenden, königsverräterischen Gedichtes hinter Schloß und Riegel gesperrt! Aber andre liefen noch frei herum. Ja, man hatte schon seinen Ärger!
Ingrimmig, mit geheimem Knurren, wie ein Hund, der Haus und Hof bewacht, schlich der Feldwebel durch die Straßen.
Aber auch die Bürgerwehr hatte ihren Verdruß. Wenn man sich auch nicht einig war, ob man =für= oder =wider= die Opposition stimmen sollte, jedenfalls war es allen höchst unangenehm, daß der König auf seiner Rückreise vom Dombaufest schlankweg an Düsseldorf vorbei gefahren. Die freundliche Gartenstadt schien in Berlin als gefährliches Rebellennest verzeichnet – daran war niemand schuld, als die verdammten Preußen selber, die verwünschten Militärs! Mußten die nicht durch ihre prahlerische Haltung, durch ihr herausforderndes Umherrennen mit blanker Waffe am Ende auch die gutmütigste Bevölkerung reizen?! Es half nichts, daß der Chef der Bürgerwehr eine Verordnung erließ, nach der ein Zusammenstehen von mehr als fünf Personen, das Umherziehen mit Fahnen, das Schießen in den Straßen verboten, Eltern und Meister gehalten waren, Kindern und Lehrlingen mit Eintritt der Dunkelheit das Ausgehen zu untersagen. Alle Maßregeln konnten nichts nützen, wenn die Soldatenkohorte sich abends auf dem Markt sammelte, aus voller Kehle das: ›Ich bin ein Preuße‹ schrie und dazu die Säbel am Pflaster schliff. – –
Der Sommer war zu Ende gegangen, der Spätherbst machte seine Rechte geltend. Im Hofgarten lagen die falben Blätter fußhoch, die Tage wurden kurz, die Reifnächte lang. Es wurde über allgemeine Arbeitslosigkeit geklagt; Bettler durchzogen die Stadt und forderten so ungestüm, daß Frauen und Kinder, waren sie allein, ängstlich die Thüren verschlossen. Im Hofgarten war’s nicht geheuer, selbst die verliebtesten Paare getrauten sich nicht mehr in seine Einsamkeit.
Der Magistrat hatte, um Bedürftigen Arbeit zu verschaffen, rheinabwärts an der Goltzheimer Insel Ausbesserungen vornehmen, auch den großen Teich im Hofgarten und die Kanäle ausmutten lassen, aber der erste frühe Frost setzte diesen Arbeiten ein Ende. So zogen ein paar hundert entlassene Arbeiter mit einer roten Fahne vor’s Rathaus: »Brot! Brot! Geld! Geld!« Und die herbeieilende Polizei wurde mit Steinwürfen empfangen: »Buh, macht euch ab, no Huus, buh!«
Es gab blutige Köpfe, die Brotlosen kannten keine Scheu, zumal alles Volk ihre Partei nahm; die hartbedrängte Polizei mußte retirieren.
Von jetzt ab machte sich der ›Volksklub‹ breit, ungeniert beraumte er Versammlung über Versammlung an; am helllichten Mittag setzten sich Arbeiterzüge in Bewegung und zogen unter dem Schwenken roter Fahnen, unter dem Singen demokratischer Lieder auf die Nachbardörfer. Der ›Barrikadenverein‹ feierte den inzwischen freigesprochenen Dichter Freiligrath mit schallendem Jubel und Illumination.
Das Schwarz-rot-gold war verdrängt – alles rot, rot, rot. Rot flammte die winterliche Sonne über’m Rhein, rot stieg sie auf im Osten, rot sank sie im Abend – blutig-rot. Und ein schneidend scharfer Wind fauchte durch die Straßen und fegte auf, was nicht ganz niet- und nagelfest war.
Die Düsseldorfer fingen an stolz zu werden auf ihren thatkräftigen Mut. Der Nationalversammlung zu Berlin, die trotz verschiedentlicher Auflösung sich immer wieder sammelte und Steuerverweigerung votierte, ließ man eine beistimmende Adresse zugehen. Steuerverweigerung, ja, das war das richtige! Riesenversammlungen fanden statt; mit unverhohlener Geringschätzung sah Düsseldorf auf seine Nachbarin Köln, die langjährige Nebenbuhlerin. Ei, hatten sich die Kölner mit ihrem Revolutiönchen blamiert! Die ganzen Rheinlande, nein, die ganze Welt lachte die ja aus! Unendliche Karikaturen auf die ›Preußenfresser in Köln‹ wurden in Düsseldorf gezeichnet.
Aber es kam ein Tag, an dem die beiden Nebenbuhlerinnen die Köpfe zusammensteckten und einig waren in Schreck und Empörung: Robert Blum zu Wien erschossen! Die Stadt Köln erinnerte sich plötzlich ihres ›Köllsche Jong‹, und die Nachbarin Düsseldorf fühlte sich mit in die Seele getroffen. Ein rheinischer Landsmann ruchlos ermordet!
Von Hand zu Hand wanderte das Zeitungsblatt mit Blums letzten Worten:
›Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein.‹
Heiße Thränen flossen, als der Abschiedsbrief an seine Gattin bekannt gemacht wurde:
›Mein teures, gutes, liebes Weib, leb wohl!‹
Tausend Fäuste ballten sich im Grimm.
Eine Riesenparade der ganzen Bürgerwehrlegion fand statt, vom Balkon des Rathauses herab sprach der Chef begeisterte und begeisternde Worte. Mit erhobenem Schwurfinger und mit Waffengeklirr gelobte man heilig:
›Gut und Blut für die Freiheit!‹
Wie ein Fieber ergriff es die Bürgerschaft. ›Genug des Druckes! Weg mit den Steuern!‹ gellte es in Fanfaren durch die Stadt.