Die Wacht am Rhein

Part 14

Chapter 143,611 wordsPublic domain

»Was der sagen soll?! Na, – sprich noch mal mit ihm, besser noch, schreib ihm – schreib ihm, was dir dein Vater gesagt hat. Und: ›Adieu,‹ wird er sagen, ›Adieu, Josefine!‹ Der hat Ehre.«

»Vater, ich kann et nit, wahrhaftijens Jott, ich kann’t nit – sag du et ihm! Ich sterb’!«

Nun that sie ihm doch wieder bitter leid, ihre Augen waren rot vom weinen, ihre Lippen schmerzlich verzogen; sie faßte ihn bittend am Rock: »Sag du et ihm!«

»Mädel, red’ keinen Unsinn, überleg’ dir’s doch, wie kann ich wohl mit dem Leutnant von so was reden – ich, als Feldwebel?! Du mußt dich alleine ’rausfinden. Zeig mal, daß du bist, für was ich dich immer estimiert habe, und daß du –« Es kam ihm etwas in die Kehle, er räusperte sich stark, und dann fiel er in seinen gewohnten Ton: »Donnerwetter, da schlägt’s ja schon sechse! Die Suppe, die Suppe, ich muß ’runter! Die Kerle werden täglich schlapper!«

Sie sprang auf, ihre Kniee zitterten, – die Suppe, die Suppe, es war höchste Zeit! Ob auch blind vor Thränen, tappte sie doch rasch zur Thür.

Die Morgensuppe schmeckte heute dem Feldwebel nicht. »Na, hast ihr wohl mit Thränen gesalzen,« sagte er mit einem Versuch zum scherzen, als er, an der Küche vorbei, zur Treppe ging.

Sonst hätte die Tochter gelacht, heute hörte sie nicht. Sie stand am Herd und starrte in die verlodernden Flammen. – –

Als Rinke im Bureau sich den Gänsekiel zurecht schnitt, beschloß er, nachher, in der ersten freien Minute, gleich dem Conradi zu schreiben – jetzt nur nicht lange gefackelt!

Er dachte gar nicht daran, wie schwer es ihm sein würde, die Tochter zu missen – nur fort mußte sie, bald Hochzeit machen! Und er wußte, sie würde nicht mehr widerstreben; jetzt ging sie lieber fort, als daß sie dem Leutnant täglich begegnete.

Eben legte er sich einen Briefbogen zurecht, als der Hauptmann ihn rufen ließ, der in großer Erregung draußen auf und ab ging.

Heute war alles in der Kaserne, überall sah man Offiziere. Auf dem Exerzierplatz stand der General von der Gröben inmitten der höchsten Chargen. Aber die Mannschaft hielt man auf den Stuben. Es wurden Gewehre geputzt, Munition verteilt – zwanzig Patronen pro Mann – der Pioniersektion das große Schanzzeug beordert, auch Brotbeutel gefüllt.

Ging’s wieder zu einem Tumult? Eine gewisse Neugier: wohin diesmal? bewegte die stumpfen Gemüter der Mannschaft.

Mit beunruhigten, gereizten Blicken sahen sich die Vorgesetzten an. Wer aus der Stadt kam, wußte von sich zusammenfindenden Volksmassen zu berichten. Eine aufgeregte Menge wogte durch die Straßen.

Was gestern einige nur besonders Eingeweihte gewußt, was als grauenvoll-geheime Kunde spät abends von Berlin eingetroffen war und den königlichen Prinzen im Jägerhof sein Ohr verschließen ließ vor den Hochrufen des fackeltragenden, fröhlichen Volkes, das war jetzt stadtbekannt – die Kämpfe des 18. März.

In der Hauptstadt Revolution!

Glocken heulten dort Aufruhr. Barrikaden auf den Straßen, Tote auf dem Pflaster, Blut und Hirn verspritzt. Vierzehntausend Mann Soldaten hatten von zwei Uhr nachmittags bis in die fünfte Morgenstunde des 19. März mit dem Volk gekämpft!

Was würde nun werden?! Würde es jetzt auch hier am Rhein losgehen?! Eine bange Schwüle lag in der Luft, eine erregende Spannung auf den Gemütern.

Die abgelöste Wache, die gegen mittag vom Burgplatz her ein gutes Stück durch die Stadt zu marschieren hatte, berichtete, in der Kaserne angekommen, von beleidigenden Zurufen, von pfeifen, johlen und Schimpfworten. Ein paar Mädchen in einem Fenster hatten sogar die Zunge herausgestreckt.

Die Sechzehner waren empört. Die Gereiztheit der Offiziere teilte sich nun auch der Mannschaft mit, man wäre am liebsten ausgerückt.

Der Feldwebel rannte umher wie ein Tier im Käfig. Niemand durfte die Kaserne verlassen. Hei, wenn er nur hervorspringen dürfte hinter dem schweren Thor, hinaus auf die Straße und den Pöbel, der schon seit Stunden Plätze und Gassen füllte, Achtung lehren! Die wollten sich wohl auch zusammenrotten, wie die Horden in Berlin, die erst die einzelnen Posten vor der Bank niedergeknallt und dann, berauscht von vergossenem Blut, es gewagt hatten, die Truppen vor dem Schloß anzugreifen, sozusagen dem König in’s Gesicht zu schlagen?!

Rinke hätte seine Frau prügeln können, die die armen Berliner Bürger bejammerte. Heftig gebot er ihr Schweigen. Die Frauenzimmer verleideten ihm die Wohnung; auch. Josefine hatte verheulte Augen, – war es denn jetzt an der Zeit, unnützen Liebesgedanken nachzuhängen?! Er hielt sich kaum oben auf, stieg wieder eilends hinab auf den Hof, machte die Runde und strich umher wie ein ruheloser Geist.

Mit Kartätschen und Bomben müßte Seine Majestät dreinfeuern lassen, dann würde es schon Respekt kriegen, das übermütige Bürgerpack, dem der Buckel juckte vor lauter Wohlleben! Gut, daß der Prinz Wilhelm dem König zur Seite stand und General von Prittwitz die Truppen befehligte; das waren zwei Schneidige! Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen Posten als Gouverneur der Rheinlande anträte, dann sollten sie hier schon Augen machen: strammes Regiment, altpreußischer Geist, ein echter Soldatenprinz! –

Der Feldwebel zitterte darauf, etwas Genaueres über die Ereignisse in Berlin zu erfahren, waren es doch nur Bruchstücke, die in die Kaserne drangen. Die verzehrende Ungeduld zu stillen, schickte er einen seiner Jungen nach der Expedition der Düsseldorfer Zeitung. Unendlich lange blieb der aus und kam zuletzt wieder, ohne Zeitung. Kein einziges Blatt war zu haben gewesen, die Leute hatten sich darum geschlagen.

In Scharen standen die Düsseldorfer vor den Zeitungsausgaben und begehrten stürmisch zu erfahren, ob das teure Bürgerblut umsonst vergossen sei, ob der König in Berlin nun nicht schleunigst gut machen werde, was ›der heillose Kartätschenprinz‹ mit seinen ›Bluthunden‹, den Soldaten, am Volk verbrochen.

Auf einmal waren die Berliner Bürger den Düsseldorfer Bürgern wie Brüder. Man trug Leid um jeden der Helden, der auf den Barrikaden gefallen im Kampf um bürgerliches Recht. In jedem Wirtshaus wurde für die Hinterbliebenen der toten Brüder gesammelt, manch einer gab in der ersten Aufwallung weit mehr, als er vermochte. Viele schwarze Kleider zeigten sich, verweinte Gesichter und zornige Mienen. Hunderte waren ja hingemordet, von Bomben zerrissen, auf Bajonette gespießt, mit Kolben zerschmettert!

Wie ein Schneeball, der in’s rollen geraten, zur Lawine wird, so vergrößerte sich die Zahl der Opfer im Volksmund von Stunde zu Stunde. Die Straßen der Hauptstadt trieften von Blut, nicht Greise hatte man geschont noch Knaben, wehrlose Frauen hatte man gemißhandelt, wie die Bestien hatten die Soldaten gehaust!

Weg mit dem Militär! Wozu diese Tagediebe, diese unnützen Brotfresser?! Das Volk war Mannes genug, sich selber zu schützen, wenn Gefahr drohte – gebt ihm nur Waffen!

Ein Murren grollte durch die Stadt. – – – –

* * * * *

Es war abend, als Rinke den außergewöhnlichen Befehl erhielt, als Wachhabender die Hauptwache am Burgplatz zu beziehen. Das war sonst nicht seines Amtes, er fühlte es wohl, es war eine besondere Auszeichnung. Nicht umsonst hatte der Hauptmann heute ein Lied zum Preis der altgedienten Unteroffiziere angestimmt: ›Sie sind der Mörtel, der die Mauern des preußischen Heeres zusammenhält, sie sind gleich jonischen Säulen‹ – ja, so hatte er gesagt: jonische Säulen – ›die das ganze Gebäude tragen.‹

Ein hoher Stolz schwellte die Brust des Feldwebels, als er mit seinen Leuten im Dunkeln auszog.

Trüb’ nur flackerten die Laternen, der Märzwind wollte sie löschen. In den Häusern rechts und links brannte nur wenig Licht, früh waren auch die Läden geschlossen; kaum jemand schien daheim, alles auf der Gasse. Aber still waren trotzdem die Straßen; stumm gingen die Bürger hin und her, und wo ihrer mehrerer zusammen standen, flüsterten sie. Es war wie in einem Trauerhaus. Selten nur, daß das Lied: ›Was ist des Deutschen Vaterland‹, von einem Rudel halbwüchsiger Jungen gesungen, die heilige Stille unterbrach.

Rinke ließ seine Augen scharf umgehen: nichts Verdächtiges! Die Mannschaft war scharf bewaffnet. Der Erlaß dazu war heute nachmittag gekommen. General von der Gröben hatte auch das Militär, das drüben über’m Rhein lag, sämtlich in die Stadt zurückgezogen.

Wie immer marschierte die Wache ihres Weges, doppelt laut trappten die schweren Kommißstiefel durch die Stille. Von den Insulten des Mittags keine Spur. Um den alten Jan Willem und auf den Treppen des Rathauses standen zwar viele Menschen, aber sie verhielten sich schweigend.

Einen bösen Blick sandte Rinke zum Rathausgiebel hinauf – da flatterte die schwarz-rot-goldene Fahne; doch kein Pfiff ertönte. Mit einem Gefühl der Befriedigung reckte der Feldwebel seine lange Gestalt noch gerader – Bande! Angst hatten sie.

Finster lag das alte Schloß, und auch in dem Flügel, der der Akademie diente, flimmerte kein Lichtchen. Auch kein Licht vom Himmel. Vom Rhein her wehte es scharf. Das Knarren der Wetterfahnen auf den alten Häusern am Burgplatz und das Sausen des Windes waren die einzigen Geräusche, die die Mannschaft vernahm, als sie im Gewehr stand.

Da plötzlich ein schriller Pfiff! Dann alles wieder still.

Aus der Ratingerstraße schiebt sich stumm ein schwarzer Menschenknäuel gegen den Burgplatz; vom Markt her ein zweiter, und von ›Hinter der Akademie‹ noch ein dritter. Von allen Seiten drängt es zu. Im Moment ist der Platz von Menschen besetzt. In langen Reihen nehmen sie Aufstellung, der Hauptwache in geringer Entfernung gegenüber. Noch verhalten sie sich still, aber schon ruft eine spottende Knabenstimme:

»Helau, Preuß’! Preuß’!«

Meist sind es junge Bursche, kaum dem Knabenalter Entwachsene, die sich zusammengefunden haben; Lungerer sind auch dazwischen, Eckensteher und Betrunkene, die sich taumelnd kaum aufrecht halten.

Mit spöttischem Zucken des Mundes musterte Rinke die Gegner – das waren Helden!

Unbeweglich stand seine Mannschaft, Gewehr bei Fuß.

»Stillgestanden – das Gewehrr – üb’r!«

Die Läufe blitzen.

Da – wieder der gellende Knabenruf: »Se han jeladen!«

Hohngelächter. Und nun nachäffendes Geschrei:

»Stillgestanden – das Gewehrr über!«

Wiederum wieherndes Lachen aus hundert Kehlen. Aber auch andre Rufe mischen sich ein; ein Trunkener flucht, ein Aufgeregter heult: »Se schießen auf et Volk!«

»Wie in Berlin,« schreit ein andrer. Und: »Preußen weg, Platz for den Bürjer!« tönt es vielstimmig.

Des Feldwebels Augen funkelten. Er hatte blank gezogen; eine grimmige Lust kam ihn an, dem vordersten Schreier die flache Klinge auf dem Buckel tanzen zu lassen. Sein braunes Gesicht war fahl geworden, die Ader auf seiner Stirn dick geschwollen; er biß die Zähne zusammen, krampfhaft umklammerte seine Rechte die Waffe.

Das dauerte so eine Ewigkeit.

»Preuß’, Preuß’, kß, kß, kß! Ach–tung! Präsentiert das – Gewährrr! Bataillon marrrsch!«

Sie machten die Kommandos ganz gut nach, sie hatten sie oft genug vom Exerzierplatz schallen gehört.

Rinke fühlte die Blicke seiner Mannschaft; die brannten vor gereizter Ungeduld. Ein Wort, ein Kommando – es wäre eine Erlösung gewesen! Aber fest preßte er die Lippen zusammen – Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Er hatte keinen andern Befehl.

Regungslos stand er, wie aus Erz, keine Muskel zuckte, und doch lag Verachtung in seiner Haltung; sie reizte.

Ein paar Fackeln waren aufgetaucht, nun zeigte sich der Platz in hin und wieder huschendem Schein.

»Preußenkerl! Bluthund!«

Aus der hintersten Ecke kommt ein Stein geflogen, aus derselben Richtung schwirrt drohendes Gemurr. Immer drohender wird es. Die hintersten drängen die vordersten – immer näher rückt der Haufen, immer näher.

Jetzt stehen sich die Parteien dicht gegenüber, Auge in Auge.

Schon wieder fliegt ein Stein – gut gezielt – polternd fällt er zwischen die Gewehrstände.

Unwillkürlich packen die Soldaten ihre Waffe fester; des Feldwebels Hand, die die blanke Klinge hält, zuckt.

Wütende Augenpaare glitzern sich an.

»Nicht mit Steinen schmeißen! Um Jottes willen, nicht schmeißen!«

Vom Rathaus her kommen ein paar Männer angestürzt, barhaupt, mit flatternden Rockschößen. Angesehene Bürger sind es, ältere Leute. Sie verteilen sich unter der Menge, und man hört ihre beschwichtigenden Stimmen; sie ermahnen, sie bitten:

»Ruhe, um Jottes willen Ruhe!«

»De Preußen sollen sich scheren! Preußen, Schweinhunde, macht euch ab!«

Steine prasseln. Grell johlt der Pöbel auf.

Die Ruhestifter drängen sich durch; mit erhobenen Armen, wie zum Schutz, schieben sie sich zwischen die Parteien: »Ruhe, Ruhe, sie jehn ja schon! Der Befehl ist unterwegs – sie sollen abziehn – wartet nur! Wartet!«

Langsam weicht die Menge zurück; aber sie bleibt noch, auf der andern Seite des Platzes faßt sie Posto und wartet.

Wenig später erhält die Wache den Befehl: ›Abziehen! Zurück in die Kaserne!‹ –

Das war ein schmachvoller Rückzug! Feldwebel Rinke glaubte nie eine gleiche Demütigung erfahren zu haben; er wagte nicht aufzusehen, finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster. Wenn auch der Pöbel, plötzlich vollständig zufriedengestellt durch den Abzug der Soldaten, lautlos, ohne höhnenden Zuruf, die Truppe passieren ließ, er glaubte doch den Spott zu fühlen. Aller Augen wähnte er auf sich gerichtet. Er hatte es nicht Acht, daß die Ruhestörer andre Wege einschlugen; die drängten in die Wirtshäuser, durchzogen Arm in Arm die Gassen, ›des Deutschen Vaterland‹ singend. Viele Häuser zeigten schwarz-rot-goldene Fähnchen, Bürger eilten nach dem Rathaus, um ihre nur durch das Nachtessen unterbrochene Beratung über die dringend notwendige Gründung einer Bürgerwehr fortzusetzen.

Als der Feldwebel die Mannschaft hatte abtreten lassen, torkelte er einsam über den nächtlichen Kasernenhof. Alles drehte sich mit ihm, er fühlte sich wie betrunken und hatte doch keinen Tropfen über die Lippen gebracht. Gleich einem Fieberkranken flog ihm der Atem. Nur einen Augenblick Rast – seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen – und dann noch einmal fort, zum Hauptmann! Er mußte den sprechen, und würde es Mitternacht. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht, aber so hielt er’s nicht aus; er mußte jemand ausschütten, was ihm das Herz abdrückte, was ihn erfüllte ganz und gar mit Schmerz, Zorn, Empörung. Ach, wäre nur erst der Prinz Wilhelm im Rheinland!

Einen sehnsüchtigen Seufzer stieß er aus. Sein Auge irrte zum Himmel empor und suchte verlangend einen hellen Stern – er fand keinen.

Jetzt stürmte jemand durch die Finsternis an ihm vorbei, er kannte den raschen, elastischen Tritt – der Leutnant!

»Feldwebel, sind Sie’s?« klang’s ihm durch die Nacht entgegen.

»Zu Befehl, Herr Leutnant!«

Viktor von Clermont blieb stehen. »Ist es wahr, die Wache ist zurückgezogen worden?« stieß er heraus.

»Zu Befehl, Herr Leutnant!«

»Donner und Doria!« Weiter sagte der junge Offizier nichts, aber Rinke, der in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen konnte, glaubte durch den Ton zu sehen – dem da schlug auch die Röte der Scham, des Unwillens in’s Gesicht!

»Haben Sie schon die neueste Post gehört?« fragte der Leutnant hastig. Man merkte es ihm an, er konnte es nicht mehr bei sich behalten. »Majestät hat die Truppen zurückziehen lassen – alle Truppen – da!« Er riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Das Allerneueste aus Berlin! Und die Proklamation Seiner Majestät! Hier, lesen Sie!«

Gierig griff Rinke nach der Zeitung; ehe er danken konnte, war Clermont fort, hineingeschossen in’s Dunkel, wie eine Rakete. Der Feldwebel nahm sich nicht erst Zeit, in seine Wohnung hinaufzuklettern; unten, vor’m Treppenaufstieg, schwankte eine Laterne und gab ein spärliches Licht, hier blieb er stehen.

Hastig entfaltete er das Blatt, – es war zerknittert und eingerissen, als hätte einer mit der Faust dreingeschlagen und es dann wütend zerknüllt – kaum konnte er es noch lesen.

Da stand’s! Die Hundsfötter hatten den König herausgeschrieen, auf den Balkon des Schlosses war er getreten, sie hatten ihm Leichen entgegengehalten – Rebellenleichen! Gebrüllt: ›Hut ab!‹ Und er – der König – er hatte sich verneigt!

Vor des Feldwebels Augen flimmerte es, die Buchstaben tanzten. Mit einem Fluch suchte er weiter.

Hier die Proklamation!

›=An meine lieben Berliner!=‹

Lieben Berliner! »Haha!« Rinke wußte nicht, daß er mißtönend auflachte. Ganz betäubt, ganz entsetzt, mit Blicken, vor denen alles verschwamm und die doch grausam deutlich sahen, verschlang er das folgende. Jetzt buchstabierte er wie ein Kind:

›=Ich gebe euch Mein königliches Wort, daß alle Straßen und Plätze sogleich von den Truppen geräumt werden sollen= –‹

Er konnte, er wollte nicht weiter lesen, nein, nein! Und doch noch dies, hier noch dies:

›=Vergesset das Geschehene, wie Ich es vergessen will= –‹

War es möglich?! Das Zeitungsblatt in seiner Hand zitterte. Ungestraft sollten die frechen Empörer ausgehen, ungeahndet Soldatenblut vergossen, mit Mörderhänden an Preußens Thron gerüttelt haben?! Wo blieb die Tapferkeit, wo blieb die Ehre – wo der Prinz Wilhelm?! Was sagte der?!

Brennend überflog sein Auge die Zeilen, suchte und suchte – Prinz Wilhelm, Prinz Wilhelm – da stand nichts von ihm!

Ein Windstoß löschte die schwankende Laterne, schwarz war der Hof, schwarz der Flur.

Der Feldwebel hatte sich schwer gegen die Wand gelehnt. Das in zwei Stücke zerfetzte Zeitungsblatt hielt er in beiden Fäusten und schluchzte in Zorn und Schmerz.

XVI

Im Düsseldorfer Kreisblatt spukte die Freiheit:

›Sie sind längst dahingegangen, die vom deutschen Frühling sangen, Und der Lenz der deutschen Freiheit, =endlich= hat er angefangen! Seht, es knospet eine Rose aus der blutgetränkten Erde! Eine Rose, nicht ein Veilchen, zeiget, daß es Frühling werde.‹

In schwarzer Umrahmung stand fettgedruckt:

#Berlins großen Toten!#

›Selig, die in Gott sterben! – Opfernd euer =rotes= Blut, gingt ihr in den =schwarzen= Tod für die =goldene= Freiheit!‹

Dem Theaterdirektor am Markt wurde öffentlich von vielen deutschen Brüdern gedankt, daß er Schillers Wilhelm Tell zur Aufführung gebracht.

Die Bürgerwehr bezog fleißig ihre Standquartiere in den besten Wirtschaften der Stadt.

Auch der ›Bunte Vogel‹ war von einer Kompagnie zum Sammelplatz ausersehen; ihr Hauptmann war ein Maler.

Die Bürgerwehr hielt sich tüchtig dran, das mußte man ihr nachrühmen. Der Chef des St. Sebastian-Schützenvereins war zum obersten Befehlshaber gewählt, und der ließ marschieren und exerzieren, drüben auf der andern Rheinseite in der Scheibenbahn schießen, hielt Paraden ab und veranstaltete Sammlungen, um ärmere Mitglieder ordentlich auszurüsten. Der Hofkappenmacher auf dem Stadtbrückchen lieferte die Kappen, die Offiziere stolzierten mit Säbel und Schärpe. Die Stadt war in guter Hut.

Daß die Bürgergarde nicht anwesend war, als eine Rotte Pöbel vor’m Hotel zum ›Prinz von Preußen‹ schimpfte und johlte und die Fenster einwarf, war eben nur ein unglücklicher Zufall.

Die resolute Hotelbesitzerin hatte sich aber auch ohne Bürgerwehr zu helfen gewußt: sie hieß den Hausknecht eine Leiter anlegen, und unter Beifallsjubel wurde das Schild, das den Namen des verhaßten ›Kartätschenprinzen‹ zeigte, heruntergeholt.

Alles trug die schwarz-rot-goldene Kokarde. Schwarz-rot-goldenes Band war rar geworden; die Damen trugen es auf den Hüten, als Schleifen am Busen, und die jungen Mädchen knüpften es um die Taille und ließen die Enden flattern. Selbst die Kinder trugen etwas Schwarz-rot-goldenes.

Der Feldwebel fühlte jedesmal ein Jucken in der Hand, wenn er solchen Rangen auf dem Schulweg begegnete. Seine eignen Buben hatten sich auch Kokarden gekleistert aus buntem Glanzpapier, aber als er die an ihren Mützen entdeckte, hatte er die Bengels verwichst, daß sie drei Tage nicht sitzen konnten. – –

Der Frühling war mit Macht gekommen, schöner denn je blühten die Kastanien drüben in der Allee. Sonst hatte sich Rinke gefreut, wenn die erste Lerche am grünen Kanalrand aufstieg und hoch über’m Exerzierplatz schmetterte – heuer nicht. Und er hätte doch froh sein können, seine Josefine war ja Conradis verlobte Braut; im Sommer sollte die Hochzeit sein. Seiner Tochter glanzlose Augen kümmerten ihn wenig. Ach was! Die würde sich schon schicken; das machte ihm keine Sorge. Aber etwas andres lastete auf ihm, quälte ihn: es war der stete Ärger über das, was er in den Zeitungen las. Und doch konnte er es nicht lassen, sie durchzustöbern. Ja, er hielt sich sogar, was er sonst als unerhörteste Verschwendung weit von sich gewiesen, auch noch das Düsseldorfer Kreisblatt, obgleich ihm die Gedichte, die ein gewisser Ferdinand Freiligrath, der am Windschlag wohnte, darin veröffentlichte, zu anstößig waren. Außerdem bat er, beim Leutnant von Clermont ab und zu einen Blick in die Kreuzzeitung werfen zu dürfen.

Viktor von Clermont hatte jetzt keine Langweile mehr. Er lag nicht mehr auf dem Sofa und ließ die Beine über die Lehne hängen, er lauerte auch nicht mehr im Gang auf die Schritte Josefines, beobachtete nicht mehr ihr Fenster – weit, weit, wie ein Frühlingstraum in rauhen Tagen, lag jene goldene Zeit. All sein Denken gehörte der Politik.

Mit seinem Schwager hatte er ein paarmal schon heftige Auseinandersetzungen gehabt; Herr vom Werth war ein blinder Bewunderer des Königs. Er nannte dessen Nachgiebigkeit Seelengröße, die der nicht nur erst jetzt, sondern auch früher schon gegen Andersgläubige bewiesen habe. Viktor ärgerte sich – aha, da merkte man den Rheinländer! Und ein Rheinländer – immer ein verkappter Katholik!

Viktor betrat kaum mehr das Haus seiner Schwester; wenn Cäcilie ihn sehen wollte, mußte sie sich schon mit ihm im Hofgarten treffen, oder einen Spaziergang auf der Allee verabreden. Dann machte es ihm wohl Spaß, neben der eleganten Frau, die nach der Geburt eines prächtigen Sohnes sich erst zu vollster Schönheit entfaltet hatte, herzugehen und die bewundernden Blicke aufzufangen, die ihr galten. Aber eigentlich langweilte er sich mit ihr; Weiber haben eben absolut kein Verständnis für Politik. Selbst Josefine hatte keine Ahnung gehabt. Und doch, wenn er in freien Momenten an die dachte, verlangte ihn nach ihr.

Das arme Ding! Wie mochte sie geweint haben, als sie ihm auf Befehl des Vaters geschrieben: ›Aus muß es sein!‹ Sie hatte so unbeholfen geschrieben und doch so rührend; Thränen waren auf’s Papier geflossen, man sah die Spuren. Auch seine wenigen Geschenke hatte sie zurückgeschickt: ein Armband von Rosenholzperlen, ein Muschelkästchen, ein kleines Bild von ›Paul et Virginie‹. Nur das rote Büchelchen mit den goldenen Passionsblumen bat sie, behalten zu dürfen: ›sie würde darin lesen und seiner gedenken.‹

Fatal, daß der Alte dahinter gekommen war, höchst fatal! Selbstverständlich mußte nun alles aus sein! Aber daß er, als Vater, sich nicht persönlich in die Sache gemischt hatte, war einfach riesig schneidig; der Kerl, der Feldwebel, hatte wahrhaftig Takt, wußte, was ihm, einem Vorgesetzten gegenüber, zukam. Mit keinem Blick ließ er ahnen, daß er um die Sache wußte, in respektvollster Haltung wie immer stand er da.

Viktor begann eine Art dankbarer Zuneigung für den Untergebenen zu empfinden, der ihm eine Beschämung erspart. Früher, mit dem Vater der Geliebten, hatte er sich nie in eine Unterhaltung eingelassen, jetzt sah man ihn öfter, nach dem Vorbild des Herrn Hauptmanns, mit dem Feldwebel über den Kasernenhof pendeln. Da war so vieles, was sie ähnlich empfanden; wenn sie auch nicht darüber sprachen, sie fühlten es sich an. ›Noch einer vom alten Schrot und Korn,‹ dachte der Leutnant, und in des Feldwebels trübes Auge kam ein Hoffnungsstrahl: In =dem= würde Preußen auferstehn! –

Keine Melodie mehr wehte aus dem offenen Küchenfenster in die neu grünenden Ahornbäume.

Der Frühling war geboren, aber das Lied war tot.

Jetzt klapperte Frau Trina in der Küche mit den Töpfen, nun, da die Tochter sich die Aussteuer nähte.