Die Wacht am Rhein

Part 13

Chapter 133,791 wordsPublic domain

Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine Beleidigung des ganzen preußischen Militärs!

Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als sonst, ging er heim.

Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne.

Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein, mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu, und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen durch’s nächtliche Dunkel.

Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel.

Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen, denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. –

In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin.

Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen. Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück, ihm war, als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab.

»Josefine!«

Keine Antwort. Noch einmal:

»Josefine!«

Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer, durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt.

Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend, verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig.

War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster.

Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹.

Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen gewesen!

Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell dahinschießend im wilden Lauf – beim exerzieren – mit dem Schulranzen – am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche – immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und Wonne gewesen.

Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene, die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen.

Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn, Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?!

Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war.

Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb ihm ewig dieser Boden!

Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig, da gröhlten sie schon wieder!

Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer zuströmenden Männer und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war denn los?

Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus einer Kehle an:

»Freiheit, die ich meine, Die mein Herz erfüllt!«

Weithin dröhnten die kräftigen Stimmen der St. Sebastian-Schützenbrüder.

Der Feldwebel blieb an der jenseitigen Häuserreihe stehen – was, waren sie jetzt schon alle betrunken?! Es schien so. Sie jubelten laut, sie schlugen sich auf die Schultern, sie schüttelten sich die Hände, sie sanken sich in die Arme, sie küßten sich – Männer küßten sich! Buben, kaum drei Käse hoch, wurden in die Höhe gehoben, jubelnd haschten sie nach dem schwarz-rot-goldenen Zipfel. Klatschend trieb der Wind die Fahne gegen Mauer und Fenster; jetzt breitete sie sich aus und spannte sich über die Gasse wie ein straffes Tuch in leuchtenden Farben.

Schwarz-rot-gold – hm! Kopfschüttelnd ging Rinke weiter; aber erneuter Gesang schallte hinter ihm drein und verfolgte ihn bis zum Ende der Gasse, noch weiter:

»Deutschland, Deutschland über alles!«

Trotzig stieg es in ihm auf – schwarz-rot-gold, was sollte das?! Es gab nur eine Fahne:

›Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben? Die Fahne weht mir schwarz und weiß voran!‹

Schwarz-weiß! Ein ungeheurer Stolz schwoll in ihm. Aufgereckt, kerzengerade stieg der Preuße über die Straße; ein paar Knaben lachten hinter ihm her. So kam er im ›Bunten Vogel‹ an.

Seine Frau und seine Söhne fand er dort. Josefine nicht.

»Och Jott, Rinke, du has auch immer jett,« sagte Frau Trina auf sein hastiges Fragen nach der Tochter. Ordentlich mitleidig sah sie ihren Mann an. »Wat du der immer für Sorg’ machst, rein um jar nix! Wenn mer so is, kann mer ja sein Leben nit froh werden. Wo soll dat Fina dann hin sein? Et is doch kein klein Stümpken meh, dat verloren jeht!«

Rinkes erstes Gefühl war gewesen, wieder nach Hause zu eilen und dort auf die Tochter zu warten; nun blieb er doch hier. Wenn er nun allein zu Hause blieb mit seinen Gedanken?! Ihm grauste davor. Mechanisch streifte er die Handschuhe herunter und schnallte das Seitengewehr ab.

Frau Trina hatte ihn neben sich auf die Bank gezogen, sie freute sich, daß er endlich wieder einmal mit ihr hier saß. Nun zwinkerte sie vergnügt ihrem Ältesten zu:

»Du, Willem, bring dem Pappa jett zu drinken!« Der Sohn that’s, aber dann drückte er sich zur Thür hinaus, die Großmutter mußte selber aufstehen und dem Schwiegersohn das Bierglas neu füllen.

Heute waren keine Gäste im ›Bunten Vogel‹, alles hockte beim Prehl auf dem Hunsrück. Eine große Behaglichkeit lag über der halbdunklen, altmodischen Wirtsstube. Das ewige Lämpchen unter’m Marienbild glimmte mild mit rötlichem Schein; friedlich still war’s draußen auf der Straße, kein Hund bellte, kein Fußtritt hallte.

Stiller wurde es auch in des Feldwebels Seele.

Frau Trina hatte ihre Hand in die seine geschoben; das war lange nicht geschehen. Auch das freundliche Gesicht der alten Frau, gegenüber am Tisch, that ihm wohl. Nachtragend war die nicht, das mußte man ihr lassen, und der alte Peter Zillges auch nicht, der lächelte in einem fort, kindisch zufrieden.

Ein Gespräch wollte aber trotzdem nicht in Fluß kommen; man begnügte sich, nur einander freundlich anzusehen. Langsam sank die Dunkelheit.

Da krachte auf einmal ein Schuß auf der Straße, die Frauen stießen ein erschrockenes: ›Jesus Maria!‹ aus. Die Knaben wollten neugierig zur Thür stürzen, ein barsches: ›Halt!‹ des Vaters rief sie zurück. Der Feldwebel war auch aufgesprungen und horchte, den Kopf vorgeneigt.

Noch mehr Schüsse.

Und nun plötzlich Fackelglanz draußen im Dunklen: ein ganzer Trupp Menschen zog vorüber, Männer, Jünglinge, Knaben.

Und nun Freudengeschrei: »Illuminieren! Bürjer, Lichtches eraus! Hoch de König! Vivat, de soll leben! Lichtches eraus, Bürjer, illuminieren!« Die Stimmen gellten durcheinander.

Das war ein Trappeln und Rennen, ein Pflasterdröhnen; die stille Ratingerstraße belebte sich wie durch Zauberschlag.

Hunderte von Menschen. Nun trabte ein Rudel Jungen heran:

»Hä küt, hä küt! Hoch de San Sebastian-Schützeverein! Hoch de König! Hoch, hoch, hoch!«

Ein paar Stadtmusikanten fiedelten und bliesen aus vollen Backen. Jetzt brausende Jubelrufe – der Chef von St. Sebastian erschien, fast wankend unter der Wucht der schwarz-rot-goldnen Fahne. Jubelnd, jauchzend, singend umringten ihn die Schützen. Heute marschierten sie nicht in Reih’ und Glied, heute lief jeder wie er wollte und schwamm auf Freudenwogen.

»Düsseldorfer Bürger, Stadt illuminieren!« Von allen Seiten tönte das Verlangen, der Rheinwind trug den Ruf weiter.

Und Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen.

Und Freudenschüsse vom Mühlenplätzchen, vom Burgplatz, vom Markt her; nach dem Rathaus drängte die Menge.

Das knatterte und knallte und blies und fiedelte und juchzte und frohlockte. Die Träger schwangen ausgelassen ihre Fackeln, greller Schein überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster; wie bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser.

Frau Trina war mit der Mutter und den Kindern an die Hausthür gelaufen, in größter Neugier faßte sie einen der Vorüberstürzenden am Ärmel: »Wat es dann passiert? Sagt doch!«

»Ich weiß et nit – Vivat hoch, hoch, hoch!«

Sie mußte sich an einen andern wenden: »He, wo lauft ihr dann hin?«

»Nao’m Rathuus! Mir bringen de Fahn’ derhin!«

»Warum dann? Warum schreit ihr dann eso?!«

»Ich weiß et nit!«

»Wat? Och, sagt doch!«

»Ich weiß et nit! Ho–ch!«

Keiner hielt ihr stand. Eine genügende Antwort bekam sie nicht. »Mir feiern,« das brachte sie endlich heraus.

Schnakenbergs Hendrich kam jetzt die Straße entlang. Der war auch bei den Schützen, eine Preismedaille trug er auf der Brust. Es gab Frau Trina einen leichten Stich durch’s Herz – ach, wie schön müßte es sein, am Arm eines solchen Preisschützen alles gucken zu gehen!

»Pst – Sie – ’n Abend, Herr Schnakenberg!«

Der Hendrich war doch immer noch galant; trotzdem alles vorwärts drängte, blieb er einen Augenblick bei ihr stehen. »Kuck ens an, dat Tring!«

»Och, sagen Se doch, wat wird dann jefeiert?«

»Och, de König in Berlin – no, wissen Se – de König, de hat en Amnestie erlassen. Freiheiten soll de jejeben haben. Vor en Stund’ is de Nachricht jekommen. ’schwind, Madam Rinke, ’schwind, nu jiebt et wat zu kucken! Mir bringen ene Fackelzug nao’m ›Jägerhof‹ – adjüs! De Prinz Friedrich, de Protektor vom Verein, de soll leben! Hoch de Prinz Friedrich! Hoch de San Sebastian-Schützenverein! Hoch de König! Hoch die Freiheit! Hoch dat janze königliche Haus – hoch!«

Und ›hoch‹ schrie’s nach, hundertfach. ›Nao’m Jägerhof, nao’m Jägerhof!‹

Das Durcheinander entwirrte sich schnell; zu zweien und dreien reihten sich die Schützen – Fackelträger rechts und links – voran die schwarz-rot-goldne Fahne. Wohlgeordnet, mit Musik und Gesang, setzte sich ein Zug in Bewegung. Und immer noch schlossen sich Bürger an, auch Frauen und Mädchen und Kinder liefen nebenher, immer mit im Schritt, und mischten ihre hellen Stimmen in den Chor der Männer:

›Was ist des Deutschen Vaterland?!‹ –

Mächtig dröhnte es durch die Nacht.

Nun hielt es Frau Trina nicht mehr aus – ihre Söhne waren schon längst auf und davon – sie stürzte in die Stube zurück: »Rinke, ich jeh’ ens kucken!«

Der Feldwebel stand am Fenster, beide Hände auf’s Fensterbrett gestützt, und starrte hinaus. Als seine Frau rief, sah er sich nicht um. Das mächtige ›O nein, o nein, o nein, o nein – sein Vaterland muß größer sein,‹ das draußen noch immer anschwoll, verschlang jeden andern Laut.

»Rinke, Rinke!« Trina stieß ihn an.

Da fuhr er herum. »Was willste?«

»Kucken jehn! Komm doch auch mit! ’schwind, lassen mir jehn!«

»Ja,« sagte er hart, nahm sein Seitengewehr vom Haken an der Wand und zog den Gurt mit einem Ruck straff zu.

»Mutter,« rief der alte Zillges von der Ofenbank her. Der Fackelschein, das Knallen, das Laufen draußen hatte ihn anscheinend gar nicht berührt, still hatte er dagesessen und die Daumen umeinander gedreht; nun hörte er den brausenden Chor. Aushorchend legte er die Hand hinter’s Ohr: »Mutter, wat singen se da?«

Seine Alte trat zu ihm; den Arm um seine Schultern legend, schrie sie ihm in’s Ohr: »Dat Lied von Deutschland!«

»Von Deutschland – Deutschland –?!«

»Eja. Wat es des Deutschen Vaterland?! Dat neue Lied!«

»Deutschland – Vaterland?!« grämelte der Greis. »Mir sin Düsseldorf Börjer!«

Der Feldwebel hatte es gehört; kurz sah er nach Bürger Zillges hin, seine Mundwinkel zogen sich dabei in einem verächtlichen Lächeln herab: der alte, eingefleischte, rheinische Dickkopf!

Dann folgte er seiner Frau zur Thür, strammen Schrittes. Seine Stiefel knarrten, sein Rock warf keine Falte – Brust heraus, jeder Zoll ein Preuße.

Die Straßen waren hell, in allen Fenstern brannten Lichter; wer nicht genug Leuchter hatte, stellte seine Kerzchen in ausgehöhlte Kartoffeln. Auch Öllampen halfen aus. Alle Hausthüren waren geöffnet, alle Gesichter glänzten froh. Der scharfe Märzwind hatte sich mit dem Abend gelegt, leichte Lüfte nur wehten vom Rhein und spielten um die schwarz-rot-goldene Fahne.

Im Hofgarten reckten die Bäume ihre Knospen in’s Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Feuchtwarmer Hauch strich säuselnd um erstes junges Gras. Der Winter war vorbei, Träume wachten auf, die noch geschlafen; hoch in den Wipfeln rauschte es von: Frühling, Frühling!

XV

Wie ein wüster Traum erschien dem Feldwebel die vergangene Nacht. War’s denn Wahrheit, die schwarz-rot-goldene Fahne wehte wirklich vom Rathaus, auch im hellen Licht des neuen Tages?! Die Verrückten!

Aber einen stillen Triumph hatte er: Der königliche Prinz im Jägerhof hatte ihren Fackelzug abgelehnt. Er war nicht auf dem Balkon erschienen trotz all der Rufe: ›Es lebe Prinz Friedrich.‹ ›Es lebe der König!‹ Trotz aller Gesänge waren die Fenster dunkel geblieben, das Schloß schien ausgestorben, einzig ein paar Lakaiengesichter hatten sich scheu hinter den Scheiben des Parterregeschosses gezeigt. Das enttäuschte Volk hatte lange geharrt, zuerst geduldig; aber dann, frech wie sie waren, hatten einige geknurrt, andere sogar gepfiffen. Das Blut war Rinke heiß zu Kopf gestiegen.

Da war ihm eiskalt geworden.

Ein Mädchen war vorübergegangen, ein blondes Mädchen, am Arm eines schlanken Herrn. War das nicht Josefine –?! Ja, und das war der Leutnant, trotz des Civils! Ja, sie waren es, und wenn sie sich auch noch so vorsichtig im Schatten hielten! Auf den Prellstein an der Jägerhofstraßenecke war Josefine neugierig geklettert, lachend hatte sie sich auf ihres Begleiters Schulter gestützt; dann hatte der sie herabgehoben, und in zärtlichem Aneinanderschmiegen waren sie wieder untergetaucht zwischen einsamen Büschen des Hofgartens. – – –

Nun sollte sie ihm aber her heute morgen!

Mit einem Fluch fuhr der Feldwebel aus dem zerwühlten Bett, aber der Fluch wurde zum Stöhnen. Sein Mädel, seine Josefine! Sie liebte den Leutnant, – wie unglücklich würde sie sein! Aber – laß sie weinen! – jetzt fest sein wie Eisen, kalt Blut! Er setzte die strengste Miene auf.

Als er nach ihr rief, kam sie ahnungslos gelaufen rosig angehaucht vom Morgentraum und einem inneren Glück.

»Willste wat, Vater?«

Er sah sie nicht an, machte sich mit seinem Anzug zu schaffen. Es klang nur so nebenbei: »Wo warst du gestern?«

»Jestern? – Och – de Illumination kucken!«

»So, hm« – er machte eine Pause und sah sie scharf an, sie war plötzlich dunkelrot geworden – »allein?! – Allein, he?!«

»Ich – och – Vater, wat biste so komisch! Ich – wat is dann, wat haste dann?«

Wie verlegen sie war! Gott sei Dank, das Lügen und Verstellen hatte sie doch noch nicht ganz gelernt! Sie war sehr ängstlich.

»Ob du allein gegangen bist, frag’ ich dich! Antwort!«

»Ich – ja – ne –« sie zögerte, sie wand sich, und dann sagte sie hastig: »Ja, ja, allein!«

»Du lügst!«

Zwei Worte nur waren es, aber sie fielen wie zwei Hammerschläge. Josefine knickte förmlich zusammen, ihre Röte verwandelte sich in Blässe, ihre Lippen zitterten. Nun war sie wie damals der Wilhelm – keine Silbe, kein Laut – sie wich nur zurück, langsam, Schritt für Schritt.

Der Vater folgte ihr. Jetzt faßte er ihren Arm und zog sie zu sich heran. Dicht waren seine Augen den ihren; ob sie die Lider auch niederschlug, sie fühlte doch seinen scharfen Blick. Der wühlte sich förmlich in sie hinein, der durchfuhr ihr Herz – so viel Strenge, so viel Zorn in diesem Blick, ach, und so viel Gram!

»Du lügst?!« wiederholte er. Es klang wie ein Schmerzensruf, wie eine bange Frage. »Hab’ ich dich lügen gelehrt? Sag, hab’ ich?« Er preßte ihren Arm mit eisernem Griff. »Hab’ ich dich nicht Ehre gelehrt?!«

Sie gab keine Antwort.

Da übermannte ihn der Zorn, er rüttelte sie, daß ihr die Haarnadeln herausflogen und die lose aufgedeckten Zöpfe herunterfielen. »Ich habe dich gestern gesehen!«

Die Tritte der Mutter näherten sich außen der Thür.

»Bleib draußen,« brüllte der Feldwebel und drehte den Schlüssel um; und dann packte er wieder den Arm der Tochter und flüsterte heiser: »Du lügst ja – pfui Teufel!« Mit einer Gebärde der Verachtung stieß er sie von sich.

Da raffte sie sich auf. Trotzig den Kopf aufreckend, trat sie vor ihn; entschlossene Energie ließ ihre weichen Züge fester erscheinen, den seinen ähnlich. Die Thränen herunterschluckend, sah sie ihm gerade in’s Gesicht.

Sein Ton wurde unbewußt milder, wie der einer Klage: »Du – du – warum belügst du mich?!«

Es kämpfte in ihrem Gesicht, und dann kamen die Thränen, schluchzend stieß sie heraus: »Wir – fürchten – dich – alle –! Weil wir dich fürchten!«

Er starrte sie entsetzt an: »Du – auch?!«

Sie gab keine Antwort.

Er stand gegen den Tisch gelehnt, als müsse er sich stützen. Jetzt fuhr er sich langsam mit der Hand über die Stirn, über das ganze erblaßte Gesicht.

»Also du – fürchtest mich auch,« sagte er tonlos. »Mein Gott, mein Gott!« – Dieses flüsterte er nur noch in sich hinein, wie ein heimliches Stoßgebet. – »Sie fürchten mich alle. Alle. Herrgott, nur diese eine hier laß mir – die Josefine! Sie soll mich nicht fürchten!«

Sein Blick verdunkelte sich, brennend schoß ihm etwas Heißes in’s Auge.

Josefine sah es.

»Vater!« schrie sie, lief auf ihn zu und zog ihm die Hand herunter. »Ich sag’ et ja, ich sag’ et! Nein, ich fürcht’ dich nit! Vater, mach kein so traurig Jesicht! Ja, ich bin mit dem Viktor jejangen – wir haben uns lieb« – ein Ausdruck des Entzückens verklärte ihr Gesicht – »ach, janz schrecklich lieb! – Ne, lügen will ich nit mehr, dadrum sollste dich nit jrämen! Meinswejen schlag mich – ich kann nix dafor, ich hab’ ihn so lieb!«

»Hm, ja – so sehr lieb?«

»Och ja, och ja!«

»Er dich auch?«

»Ja, och ja!«

Rinke holte tief Atem, es lag ihm allerlei auf der Seele – eine große Angst – aber er fragte nur noch: »Hat er dich oft bestellt?«

Sie nickte. Einen Augenblick zögerte sie, aber dann setzte sie ganz von selbst hinzu: »Spazieren jejangen sind wir abends, und dann –« hier wurde ihre Stimme leiser, sie flüsterte, alle Furcht vergessend, in einer glückseligen Erinnerung – »ich bin auch als mal auf seiner Stub’ jewesen.« Sie seufzte tief auf und strich sich mit beiden Händen das Haar aus dem Gesicht. »Nu weißte alles!«

Alles? – War das auch wirklich alles – alles?! Des Feldwebels Blick blieb auf der Tochter haften, als wolle er in ihrer Seele lesen. Sie hielt den Blick aus.

Halb kühn, halb bang, wartete sie, – was würde er sagen, was thun?! Jetzt hob er die Hand – unwillkürlich kniff sie die Augen zu – jetzt – jetzt würde der Schlag fallen –

»Setz dich,« sagte der Vater.

Erstaunt öffnete sie die Augen weit, seine Stimme klang ja weich.

Ein flüchtiger Sonnenschein war über Rinkes Gesicht geglitten, ruhiger nahm er am Tisch Platz. Gottlob, noch war nichts verloren, es konnte noch alles gut werden! Und rasch flogen seine Gedanken zu Conradi hin. Er atmete tief auf, wie von einer Last befreit, aber dann trommelte er energisch auf die Tischplatte.

»Nu machste aber ’n Ende! So weit, aber nich weiter, hörst du?! Ich mache dir keinen Vorwurf, wirst dir das Nötige wohl alleine sagen können, alt genug biste dazu. Jetzt heißt es: ›Ganzes Bataillon – kehrt!‹«

Sie ließ den Kopf hängen.

Er sprach weiter, scheinbar ohne die Thränen zu bemerken, die über ihre Wangen strömten. Lange redete er auf sie ein, ohne Zorn, ohne Härte – Donnerwetter, konnte er es dem Mädel denn verdenken, daß es in den Clermont verschossen war?! Schneidiger Junge! Und ein Mann von Ehre war’s nebenbei auch noch. Ja, ein echter Offizier, nicht nur adlig von Geburt! Rinke fühlte sich ganz beruhigt – nein, da war nichts passiert!

»Heule man nich, Josefine,« sagte er zuletzt und strich der Tochter leicht über das Haar. »Danke Gott, bei ’nem andern hättste böse ankommen können. Und nu, Kopf oben! So was vergißt sich, wenn man Mumm hat, und den haste ja. Heirate ’nen braven Mann. Der Conradi wird dich schon glücklich machen!«

Sie zuckte zusammen. Immer tiefer hatte sie den Kopf gesenkt, nun warf sie sich vornüber auf den Tisch und brach in fassungsloses Schluchzen aus.

»Na, na!« Rinke stand auf und sah ziemlich bestürzt auf sie nieder; dann aber lief er mit kurzen Schritten vor ihr auf und ab, diese ungebärdige Heulerei fing an ihn zu ärgern. Was hatte sie sich denn eigentlich eingebildet, sollte diese Liebelei immer los so weiter gehen?!

»Hör auf,« sagte er streng und zwang ihr den Kopf in die Höhe. »Nimm dich zusammen! Was fällt dir denn ein, du bist ’ne Feldwebelstochter, er ein Offizier. Was soll noch die Flennerei?! – Hör auf!« schrie er und stampfte mit dem Fuß, als ihr Weinen von neuem losbrach. »Wenn der Conradi will, könnt ihr bald Hochzeit machen – nur keine lange Zerrerei – dann hat die liebe Seele Ruh’. Na, dem Conradi wird’s schon recht sein!«

Ein verwirrter, banger Ausdruck kam in Josefines Gesicht, sie öffnete den Mund, aber ehe sie noch irgend etwas gesagt, schnitt ihr der Vater schon das Wort ab. Sie brachte es nur zu einem einzigen angstvollen Laut.

»Maul halten,« sagte er hart, und seine Züge wurden eisern. »Geantwortet wird nicht, aber pariert. Und daß du mit dem Leutnant nicht mehr weiter scharmutzierst, darauf giebst du mir dein Wort – dein Ehrenwort.« Er hielt ihr die Hand hin: »So!«

»Vater, ich kann nit – wat soll der Viktor wohl sagen – och, Vater!« Sie wand sich und schluchzte.