Die Wacht am Rhein

Part 12

Chapter 123,720 wordsPublic domain

Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die! Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten einen großartigen Umzug.

Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹ die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel.

Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen.

Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken, Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen. Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen zog mit dem Wind.

Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm.

Helau, helau!

Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht, jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom Torkel erfaßt.

»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen, Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben.

Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben.

»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel.

Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹, das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte Gewimmel in der Königsallee.

Heute mußte Rinke einen Zug Reservisten von der Köln-Mindener Bahn abholen. Und auch Frau Trina war, kaum daß er die Kaserne verlassen, entschlüpft, um spornstreichs auf die Straße zu eilen; galt es doch, ihren schönen Wilhelm zu bewundern, der zur Ehre auserwählt war in der Mitte des Fastnachtzuges als Prinz Karneval auf rosenbekränztem, goldenem Thron, im vierspännigen Schimmelwagen zu fahren.

Als Rinke an der Spitze seiner Reservisten vom Bahnhof zurückkehrte, stieß er, unweit des Lattenthores auf den Karnevalszug. Schon war er verdrießlich: Kerle hatten ja gar keine Haltung mehr, trotteten, ihre Bündel am Stecken, der eine so, der andre so, nicht mal Schritt am Leibe! Und nun kamen noch die Gecken! Nahmen die ganze Breite der Straße ein – Donnerwetter, die würden doch passieren lassen?! I wo, Bande! Mit Musik und Gejohle zogen sie ungeniert ihres Wegs.

Der Feldwebel mußte seinen Zug halten lassen. Er wendete seine Augen ab – wer mochte wohl solchen Unsinn ansehen? Aber die Reservisten grinsten; jetzt brachen sie in ein wieherndes Gelächter aus.

»Helau, die Dotzmühl! Vivat die Dotzmühl! Helau, helau!« rief das Volk.

Der Wagen des Karnevalvereins ›Dotzmühl‹ passierte. Er stellte eine ungeheure Kaffeemühle vor: oben wurden die Weiber hineingestopft, weißhaarig und bucklig, unten kamen sie wieder heraus, blondhaarig und schlank, schlugen Purzelbäume und warfen Kußhände in’s Publikum.

Aber nun – ein grelles Aufjohlen, ein furchtbarer Knall – Hanswurst hatte eine Riesenbombe oben in die Mühle geworfen, unten flatterte ein ellenlanger Zettel heraus und blähte sich im Winde:

›=Zwischen Mir und Mein Volk soll sich kein Blatt Papier drängen!=‹

»Helau, helau!«

Das war ein ohrenbetäubendes Freudengeschrei, ein unaufhörliches Gelächter; es pflanzte sich fort von vorn nach hinten, von links nach rechts, von groß zu klein.

Der Feldwebel rollte die Augen, der Atem verging ihm fast – ha, die Proklamation Seiner Majestät!! Die Proklamation, die Proklamation –!

Verfluchte Rasselbande! Mit Mühe hielt er an sich, blaß bis in die Lippen. Er kommandierte:

»Ohne Tritt – marrrsch!«

Auf was warteten die Kerle denn noch?! Er wollte sie lehren, zu grinsen! Noch einmal: »Marrrsch!«

Langsam setzte sich der Reservistenzug in Bewegung, aber er traf auf Widerstand. Die Gecken machten nicht willig Platz. Was wollte der Preuß’, der Störenfried?! Konnte der nicht warten, bis Seine Hoheit, Prinz Karneval passiert war?!

»Helau, helau!«

Es klang drohend; scheußliche Fratzen fletschten den Feldwebel an.

»De Preuß’, de Preuß’!«

Ein Geraune war’s nur, aber es wurde zum Murren, Vergebens zeterte Hanswurst, knallten neue Bomben, aller Aufmerksamkeit war auf den Preußen gerichtet, aller Blicke bohrten sich in die Uniform. Freche Bengels legten zwei Hände an die Nase: »Helau!«

Des Feldwebels Hand fuhr an’s Seitengewehr. Eine dunkle Blutwelle schoß ihm zu Kopf, die Stirnader schwoll ihm, rot tanzte es ihm vor den Augen, mit einem gewaltsamen Griff packte er den nächsten: »Platz!« Wütend drehte der sich um; doch Hanswurst legte die Hand auf’s Herz, wie ein Verliebter, warf dem Preußen eine schmatzende Kußhand zu, und dann sich abkehrend, schüttelte er sich mit einer Gebärde des Abscheus: »Brrr!« – Da löste sich der Zorn der Menge in schallendes Gelächter.

»Helau, helau, hahahaha!«

Die Lacher bildeten willig eine Gasse. Bebend vor verhaltener Wut, knirschend vor Empörung, führte der Feldwebel seinen Zug durch. Man ließ ihm freie Bahn, aber hinter ihm gellte das Gelächter.

Jauchzen und Vivatruf begrüßten jubelnd Prinz Karneval. –

Das war ein schlimmer Tag für Rinke. Als er, im Innersten empört, kaum die äußerliche dienstliche Haltung bewahrend, dem Hauptmann Meldung von dem Vorgefallenen machte, zuckte dieser nur die Achseln:

»Ja, in solchen Tagen! Überhaupt hier am Rhein! Wir sind auf exponiertem Posten. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Ich werde aber mit dem Herrn Major sprechen.«

Der Feldwebel war zum erstenmal mit seinem Vorgesetzten nicht einverstanden – was, diese Frechheit gegen des Königs Rock sollte vielleicht gar ungeahndet bleiben?! Kam das nicht fast einem Treubruch gegen den König gleich?! Und sich selber fühlte er ungeheuer blamiert. Das Knallen, Schreien, Kreischen, Juchzen, Lachen – das unverschämte Lachen – lag ihm unausgesetzt noch in den Ohren. Die Pflastersteine der Kasernenstraße, über die er marschiert, waren spitz wie Nadeln gewesen, sie stachen ihn noch jetzt; auch der Boden des Kasernenhofs prickelte ihm unter den Füßen. ›Ruhe, Vorsicht, Mäßigung‹ – ah, nun würde der Herr Hauptmann dem Herrn Major Meldung machen, der Herr Major dem Herrn Obersten, der Herr Oberst dem Herrn General. Und dieser würde die Herren zu einer vertraulichen Besprechung in die Mitte des Exerzierplatzes bitten, wo er, die Hände auf dem Rücken, reden, und die Herren Offiziere, im Halbkreis ihn umgebend, zuhören würden: »Ruhe, Vorsicht, Mäßigung!«

Am folgenden Mittag beim Appell sprach der Hauptmann zur Kompagnie, ganz besonders wendete er sich dabei an die neu Eingezogenen, die stramm, die Hände an der Hosennaht, die Augen starr auf den Vorgesetzten gerichtet, standen.

»Wir leben in einer ernsten Zeit,« sagte er, »ihr werdet es wohl auch schon bemerkt haben. Ihr seid wieder einberufen und habt auf’s neue die Ehre, Seiner Majestät, eurem König, zu dienen. Zeigt euch dieser Ehre würdig. Betrachtet euch nicht als solidarisch mit der Bürgerschaft, ihr seid jetzt nur Soldaten. Aber euer König wünscht ein gutes Verhältnis zwischen euch und der Bürgerschaft. Geht also Rempeleien aus dem Wege, mischt euch nicht unter das Volk. Seid immer eingedenk, daß ihr die Ehre habt, des Königs Rock zu tragen! – Ich mache also hiermit bekannt, daß von heute ab, gegen Androhung von drei Tagen Mittelarrest, jedem Mann hiesiger Garnison verboten ist, öffentliche Wirtshäuser zu besuchen, in denen Bürger verkehren; auch der eventuelle Besuch in Bürgerhäusern ist einzustellen. Es bleibe jeder Stand für sich. Wir leben in einer ernsten Zeit. Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! – Und nun laßt uns nach guter alter Soldatensitte rufen: Seine Majestät, unser allergnädigster Herr und König, Friedrich Wilhelm IV. – hurra!«

Die Kerle rissen das Maul auf, dreimal schallte es über den Kasernenhof, kurz und scharf, wie aus der Pistole geschossen:

»Hurra! Hurra! Hurra!«

Der Hauptmann legte die Hand an die Mütze und ging.

»Weggetreten,« kommandierte der Feldwebel; auseinander stoben die Kerle. Lässig, mit müden Beinen stolperten sie dann zur Reissuppe mit Kohl. –

In der Feldwebelwohnung war schlecht Wetter, echte Aschermittwochstimmung.

Frau Trina trug ein, noch immer nicht ganz verwischtes, Aschenkreuz auf der Stirn, das sie sich heute morgen, nüchternen Magens, noch vor der Frühsuppe, in Lambertus geholt, gerade als die letzten Gecken am Calvarienberg hinter der Kirche vorbei durch’s Morgengrau nach Haus taumelten. Der Feldwebel sah’s mit Zorn.

»Kannste dich nich waschen?! Muß der Dreck den ganzen Tag kleben?!« fuhr er sie an.

Sie wischte zum Schein. »Et jeht nit ab!«

Da nahm er sein Sacktuch, spuckte drauf und rieb ihr damit unsanft über die Stirn. »So.«

Das Essen schmeckte ihm nicht – warum gab’s denn heute überhaupt so ein labbriges Fastengericht, nach dem einem der Magen schon um zwei Uhr wieder lang hing?! Was ging ihn der Aschermittwoch an?! Und noch dazu waren die Nudeln nicht einmal gar! Als er um zwölf Uhr hungrig heraufgekommen war und nach alter Gewohnheit zuerst in die Küche geguckt, hatte er Josefine nicht darin gefunden; das Wasser strudelte zwar aus dem Herd und floß zischend über, aber die Nudeln lagen noch trocken auf dem Tisch. Und als er nach ihr gerufen, war sie hastig den Gang heruntergekommen, hochrot, mit verwirrtem Haar. Sie entschuldigte sich: der Leutnant sei erkältet und habe um einen Thee bitten lassen, den habe sie ihm eben rasch selber hingebracht.

Warum war sie so verlegen gewesen, hatte so unnütz viel Worte gemacht, hatte ihm nicht in die Augen gesehen, wie sich’s gehörte, sondern scheu zur Seite geblickt?! Donnerwetter, was hatte sie bei dem Leutnant zu suchen?!

Jetzt beim Mittagessen nahm der Vater die Tochter scharf auf’s Korn. Sie aß nicht; er sah es wohl, wie sie heimlich dem jüngsten Bruder noch ihr Teil zuschob. Ganz benommen guckte sie vor sich hin mit einem verträumten Lächeln. An was, an wen dachte sie?! Rinke empfand es plötzlich wie einen Schmerz – da war was zwischen ihm und seiner Josefine.

»Na!« Früher hatte sie immer gleich seinen Blick bemerkt, jetzt mußte er erst die Faust vor sie hinlegen. »He, Josefine!«

Erschrocken zuckte sie zusammen.

»Nanu?!«

Die Brüder fingen an, verstohlen zu kichern.

»Nanu, an wen denkst du denn?« Es sollte vielleicht neckend klingen, aber er verstand nicht zu scherzen, seine Stimme war scharf. »Wohl an Conradi’n?!«

Sie gab keine Antwort, schüttelte nur, energisch verneinend, den Kopf.

»Na, na, das wäre doch nich unmöglich! Der wird nu wohl bald mal wieder einpassieren. Soll ich ihm schreiben?«

»Nein!« Kurz klang das ›Nein‹, wie angstvoll herausgestoßen.

»Warum denn nich, wenn ich fragen darf? Na?!« Argwöhnisch sah er sie an: das war nicht bloß mädchenhafte Thuerei! Blaß war sie geworden und preßte die Lippen aufeinander und senkte den Kopf.

Die Jungen fingen wieder an zu kichern.

»’raus,« schrie der Vater und zeigte auf die Thür, und sie flohen in die Küche. Dort stopften sie die Fäuste in den Mund und tanzten einen Indianertanz. Hau, nun kriegte die Fina es! Daß die Fina den Sergeanten nicht mochte, das wußten sie ja alle längst, nur der Vater nicht. Das war dem recht, warum war der immer so streng?!

Drinnen in der Stube fing die Mutter an, das Geschirr abzuräumen; sie that sehr geschäftig und wollte es nach der Küche tragen, aber: »Bleib!« rief ihr Mann.

»Was ist los mit dir?« sagte der Feldwebel zur Tochter. Seine Stimme war ruhig, scheinbar gemütlich, aber doch vibrierte etwas in ihr. Sie kannten den Ton, der verhieß Sturm. »Was hast du gegen Conradi’n?«

»Nix!«

»Er ist dir sehr gut!«

»Och –?!«

»Thu nicht so, als ob du das nicht wüßtest! Und en braver Kerl ist er – wenn auch en bißchen mau, – anständig ist er durch und durch! Warum bist du so obstinat? ’nen besseren Mann kriegst du nicht!«

»Ich will jar keinen!«

»Sie hat ja noch Zeit,« wagte Frau Trina einzulenken. Die Tochter that ihr leid; die saß da, wie verdonnert, hielt die Hände im Schoß und rang die Finger ineinander. »Un ich mein’, Rinke, du könnst et als auch noch abwarten, bis de dat Fina los wirst!«

Er brauste nicht auf, wie sonst wohl; ruhig klang es, fast müde: »Zeit – abwarten?! Zeit – jawohl, das ist jetzt ’ne tolle, kein Respekt mehr, kein Parieren! Man paßt nich mehr in den Kram.« Schwermütig stützte er den Kopf in die Hand und sah vor sich hin, versunken in seine Gedanken. »Zeit –?! Wer weiß, wieviel man noch hat!« Die Lippen spitzend, fing er leise an zu pfeifen. Es war das alte Soldatenlied: ›Morgenrot, Morgenrot.‹

Plötzlich fuhr er nervös aus: »Ich hab’ ’ne Unruhe! Ich hab’ sie nu mal! Eh’s los geht, möcht’ ich die Josefine versorgt sehen!«

»Jesus, Rinke, wat haste for Ideen,« sagte Frau Trina, »mer könnt ja wirklich meinen, et jäb Krieg, un du –«

Ein jäher Laut unterbrach sie. Mit weit aufgerissenen Augen hatte Josefine den Vater angesehen, nun sprang sie auf, nun hing sie ihm am Halse. Sie legte das Gesicht auf seine Schulter und schluchzte so in ihn hinein:

»Bis still, Vater, still! Du sollst so wat nit sagen, du darfst so wat nit sagen! Och, Vater, du mußt ewig bei mir bleiben! Vater, jelt, du läßt mich noch hier, ich brauch’ noch nit weg? Och, jelt ja, Vater?! Mein lieber Vater!«

Das war doch noch sein altes Mädel, seine Tochter, die kindlich an ihm hing! Ach, das that wohl! Ein Glücksstrahl flog über sein Gesicht. Er hob ihren Kopf von seiner Schulter und strich ihr die wirren Haare zurück, seine Hand ruhte für Augenblicke schwer und kühl auf ihrer glühenden Stirn.

»Treue, Tapferkeit und Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!« – Warum er das jetzt sagte? Er wußte es selber nicht, die Worte drängten sich ihm gewaltsam auf die Lippen. »Aber die Ehre ist die größte unter ihnen. Mein Kind, über alles die Ehre!«

XIV

Feldwebel Rinke war erstaunt, daß er auf seinen Brief an Conradi, der eine sehr freundliche Aufforderung zu recht baldigem Besuch enthielt, heute aus Vohwinkel die Antwort bekam: ›Leider jetzt unabkömmlich.‹

Was sollte das heißen? Sollte der die Josefine schon vergessen haben? Denn daß der Conradi nicht mal einen Tag Urlaub bekommen könnte, wie er schrieb, war doch kaum anzunehmen. So schlimm würden die Arbeiterkrawalle dort wohl nicht sein!

Mit einem etwas geringschätzigen Lächeln las Rinke den Brief noch einmal durch. Conradi sprach von einem Arbeiteraufstand in und um Solingen, von Bedrohung benachbarter Eisengießereien, von einem Aufgebot der ganzen Gendarmerie im Bezirk. Dienst Tag und Nacht – gar nicht aus den Kleidern kommen – Fabrikgebäude bewachen – Chausseen abpatroullieren und so weiter. Hastig war’s hingekritzelt, als wäre es im stehen geschrieben. Kaum ein Gruß darunter.

Ausreden! Als ob nicht der Anblick allein eines preußisch gedrillten Gendarmen mit blanker Waffe schon genügt haben würde, einen ganzen Haufen solchen Gesindels in die Flucht zu jagen! Der Conradi hatte nur keine Lust zu kommen.

Verärgert ging der Feldwebel heute seinen Pflichten nach. Er erboste sich in Gedanken gegen sich selber – wer hatte ihn geheißen, dem jüngeren Kameraden so die Avancen zu machen? Und böse war er auch auf Josefine – das kam von ihrem bockigen Wesen, nun schnappte der ab.

In einer nervösen Unruhe lief Rinke hin und her. Seit ein paar Tagen verließ ihn die Angst nicht mehr – in einer schlaflosen Nacht hatte sich’s in ihn eingebohrt wie eine fixe Idee –: hatte der Leutnant von Clermont mit der Josefine etwas vor?

Ein Wunder wäre das nicht, er war jung, sie war jung, sie war hübsch und er wahrhaftig ein glänzender Herr, in den sich ein Mädel wohl verschießen konnte. Und die Josefine war jetzt in den Jahren.

»Himmelkreuzsakrament!« fluchte der Feldwebel in sich hinein, und dann rannte er plötzlich, von einer heftigen Unruhe erfaßt, an die Stiege, die zu seiner Wohnung hinaufführte, und lauschte. Ob der Leutnant schon wieder nach der Küche kam und um heißes Wasser bat? Über den Gang waren es ja nur ein paar Schritt – und der Gang war einsam und dunkel!

Das Blut stieg dem Vater zu Kopf, er kletterte eilends hinauf. Vorsichtig lugte er durch die Thürspalte. Josefine war in der Küche – allein!

Sie saß auf dem Schemel am Fenster, das Messer, mit dem sie Kartoffeln schälen sollte, war ihrer Hand entfallen, die Kartoffeln waren aus ihrer Schürze bis mitten in die Küche gekollert, sie merkte es nicht. Sie merkte nicht einmal, daß der Zipfel ihres Rockes in die Wasserschüssel am Boden stippte. Mit einem glücklichen Gesicht träumte sie in den blauen Himmel hinein – oder starrte sie nach dem Fenster der Offiziersstube drüben?!

Behutsam schlich Rinke wieder hinunter, er schämte sich, den Spion gespielt zu haben; und doch war er erst beruhigt, als er den Leutnant von Clermont zum Thor schreiten sah.

Der ging nun aus. Schlank und elastisch schritt er über das holprige Pflaster längs der Blocks; geschickt balancierte sein Fuß im blitzblanken, schmalen Stiefel über schmutzige Stellen. Ein Stäubchen lag ihm wohl auf dem Waffenrockärmel, er schnippte es weg, und dann pfiff er in die laue Luft und machte mit einem: ›ksch, ksch – puff!‹ die hungrigen Spatzen bange, die unter den knospenden Ahornbäumen schirpend des Frühlings warteten. In einem Schwurr flogen sie auf; über’s ganze Gesicht lachend, sah er ihnen nach.

So heiter, so wohlgemut, was kostet die Welt?!

Der Feldwebel sah dem schlanken Offizier nach, bis das schwere Thor hinter ihm in’s Schloß gefallen war. Nein, da war kein Zweifel, den mußte ja ein Mädel lieben! Und konnte man ihr darum böse sein? Nein, nicht einmal! Lachte einem doch selber das Herz im Leib, wenn man dem nachsah. Der Junge hatte doch noch mehr los, wie sein Vater! Man merkte es, daß der im Korps erzogen war, von Grund auf militärisch. Forsch war er, ein Sappermenter. Vor der Front stand er wie ’ne Tanne, seine helle Stimme schmetterte über den Platz. Die Kerle hatten Dampf vor ihm; er sah jeden Mann, sein Auge, das sonst so lustig herumfackelte, bekam dann einen ganz niederträchtig scharfen Blick. Sein Kinn straffte sich, und wenn er zwischen den zusammengebissenen Zähnen herausstieß: ›Krummer Hund!‹ dann zitterten sie alle! Der Feldwebel schmunzelte. Und bei den Vorgesetzten war der Leutnant auch gut angeschrieben – ja, der kriegte noch mal die Generalsepauletten! Ach, wie stolz konnte der Major auf seinen Sohn sein!

Das Schmunzeln verschwand jäh, ein Zug von Gram vertiefte die Furchen, die Rinke von der Nase herab nach den Mundwinkeln liefen. Ach ja, =der= Junge konnte ’nem Vater schon Freude machen!

Er stand noch lange und starrte auf einen der schmalen Abdrücke, die der leichte Tritt des Leutnants, kaum sichtbar, im weichen Grund hinterlassen.

Wenn er nur die Josefine in Sicherheit wüßte! Ihm wurde heiß und kalt. Aber vielleicht täuschte er sich? Nun, desto besser. Doch gefährlich war die Nähe jedenfalls. Zu fatal, daß der Conradi dienstliche Abhaltung vorschützte! Der Esel! War es denn die Josefine nicht wert, daß man sich ein bißchen um sie mühte? Solch ein Mädel zu gewinnen, ist ebenso schwer, wie Major werden.

Der Feldwebel grollte dem Kameraden. Arbeiterunruhen – Unsinn! Grollend ging er zum Mittagessen.

Droben fand er große Aufregung. Die Knaben waren soeben aus der Schule gekommen, vor Eifer schrieen sie durcheinander: daß der Wehrwolf bei Hammersphar brennen sollte; daß die Gießereien zu Rinkenberg und Höchscheid und Burgthal demoliert würden; daß die Aufständischen auf Solingen selber los marschierten.

»Alle Maschinen, sagen se, sind ausenanderjerissen – hau – un auf de Eisenstangen han se de Fabricksherren aufjespießt!«

Frau Trina schrie laut auf: »Materdeies, wann die hiehin kommen!« Sie war gar nicht zu halten, wollte durchaus auf die Straße und Erkundigungen einziehen.

Der Vater wetterte noch über den Unsinn – die Jungen schwiegen, aber in ihren herausgedrückten Augen las man weitere Schreckensnachrichten – da wurde auch schon Alarm geblasen.

Grell tutete es von den Höfen herauf, die Trommel wirbelte. Aufgescheucht aus ihrer kurzen Mittagsrast, rannte die Mannschaft umher. Stiegen knarrten, Thüren klappten, Kommandos erschallten. In einer halben Stunde schon rückten zwei Kompagnien Sechzehner aus, sie waren für Solingen designiert.

Also Conradi hatte doch keine Ausflüchte gemacht?! Mit einer gewissen Befriedigung stand der Feldwebel im Kasernenthor und sah den Abmarschierenden nach, sah den letzten Tornister, das letzte Paar der nägelbeschlagenen Kommißstiefel um die Ecke verschwinden. Ihm war’s lieb, daß seine Kompagnie nicht Befehl zum ausrücken erhalten hatte – die Waffen gegen solches Pack zu gebrauchen, war keine Ehre. Das war keinen Schuß Pulver wert wie ein ehrlicher Feind. Stockprügel, Stockprügel! Gewehr umgedreht und mit dem Kolben ihnen den Hintern versohlt! Er spuckte aus:

»Bande!«

Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld. Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando.

Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹ gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war. Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m Schloß geworfen worden!

Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen! Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!«

Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt, gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich!

Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine Blicke. Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah unternehmend aus.