Die Wacht am Rhein

Part 11

Chapter 113,782 wordsPublic domain

Der Kauf kam nicht so leicht zu stande; der blasse Jüngling war bemüht, sich über den Geschmack des Käufers zu orientieren, und diesem wiederum waren die Namen, die der Verkäufer geläufig herzählte, Rauch und Schall.

Es war für beide eine Erlösung, als der Leutnant auf das kleine rote Buch wies: »Ganz scharmant!«

Im Nu war es vorgeholt. »Kann ich Ihnen sehr empfehlen, wunderbar schön,« rief enthusiastisch der Jüngling und schlug schwärmerischen Blicks die erste Seite auf: »Sehen Sie, schon sechste Auflage! Hochpoetisch! Sehr gefühlvoll!«

Gefühlvoll, ja, das war gerade das Richtige!

»Übrigens von einem geborenen Düsseldorfer!«

›Na, dann wird’s was Rechtes sein‹, wollte Viktor eigentlich sagen, aber er besann sich – das Buch sah doch wirklich sehr scharmant aus. Er bezahlte einen baren Thaler und fünfzehn Silbergroschen, obgleich er das im stillen für so ein kleines Ding ganz unerhört teuer fand. Da würde er eine Weile gehörig krumm liegen müssen, aber – na, wenn sie sich nur freute!

Diesen Abend brannte die Kerze in der Offiziersstube tief herunter, der Docht kohlte schon zolllang, niemand schnuppte ihn; eine wahre Traufe von Talgthränen floß auf den Tisch. Viktor lag auf dem Sofa, hatte die Beine über die Seitenlehne gehängt, den Rock auf der Brust offen, und las in dem Buch, das er morgen der blonden Josefine verehren wollte. Er las und las. Sein Gesicht glühte – Donnerwetter, der Kerl hatte das Dichten weg! Die Josefine würde sich nicht schlecht freuen, stand doch auch ihr Lied darin. Das war mal gut getroffen! Nun konnte sie es zu Ende singen.

»Hurra!« Ganz toll vor Vergnügen sprang er auf und rannte mit seinem Buche in der Stube umher.

Bis die Kerze erlosch, las der Leutnant in Heines ›Buch der Lieder‹. Nur das eine ärgerte ihn:

›Die Lieutnants und die Fähnerichs, Die lecken ab die Straße.‹

Das war unverschämt!

XII

Herbststürme zausten die Blätter von den Bäumen, der Westwind stieß gegen das Zollthor, der Rhein brandete ungestüm an die Werft, die Kähne, die die Schiffbrücke trugen, ächzten und rieben sich. Regentriefend, mit von der Nässe gedunkelten Mauern, schaute das alte Schloß finster in den Strom.

Die anwohnenden Bürger beklagten sich bitter, daß der alte Rumpelkasten ihnen Luft und Licht nähme und die freie Aussicht versperrte. Wozu stand der noch da?! Seine Zeit war vorbei. Die schöne Jakobe von Baden, die nächtens da oben spuken sollte, war weiter nichts wie ein Windzug, der durch die zerbrochenen Scheiben pfiff, und ihr Hilfeschrei, der über den Rhein gellte, war Eulenruf und Dohlengekrächz. Traditionen, Ammenmärchen, weg mit ihnen!

Ein häßliches, naßkaltes, wehmütiges Wetter! Josefine schauderte. Sie stand in einem engen Hof der Bolkerstraße und blickte an dem mit Kalk beworfenen kahlen Hinterhaus in die Höhe. Also da oben, hinter jenen Fenstern war er geboren, er, der die schönen Lieder gemacht?! Der für all das Worte gefunden, was hier im Wind über die Dächer flog und draußen vor’m Thor im Rhein rauschte!

Sie war wie verhext. Es hatte sie hergetrieben, sie wußte selber nicht warum.

Die Großmutter konnte sich seiner noch erinnern, die hatte den kleinen, blassen Jungen oft gesehen, wenn er in die Franziskanerklosterschule ging. Bei seinem Vater, dem ›Jud’ Heene‹, hatte sie in der Butike, die der auf dem Markt hielt, oft gekauft. Und die Madam Heene sollte eine zierliche, kluge Frau gewesen sein, eine Schwester von dem van Geldern aus der ›Arche Noae‹ in der Kützgesgass’. Aber daß der Heinrich Heine Gedichte gemacht, wollte Mutter Zillges durchaus nicht glauben.

»Du bis ja jeck,« hatte sie zur Enkelin gesagt »dat kleine Judenjüngesken, hie aus Düsseldorf?! De kann dat nit. Oder de hat se irjenswo anders jelesen un abjeschrieben, Papier is jeduldig. Ne, ne, de macht mich noch lang nix vor! ’ne freche Jung’ is de jewesen!«

Auch die Dauwenspeck, die, trotz ihres hohen Alters und obgleich sie, ein wenig kindisch geworden, tagaus tagein in ihrem Lehnstuhl hockte, für ihre Kunden ein treues Gedächtnis behalten hatte, wußte nicht viel. Zur Madam Heine war sie freilich auch geholt worden, in’s Haus auf der Bolkerstraße neben dem ›Roten Kreuz‹. Der Bäckermeister Cremer hatte gerade in der Thür gestanden und gerufen: »Et brennt, et brennt,« als sie mit Strohtasche und Spritze in’s Hinterhaus geeilt war. –

Heimlich war Josefine hergekommen – keiner durfte es wissen, alle hätten sie ja ausgelacht. Was sie eigentlich hier erwartet, war ihr nicht klar; aber sie war enttäuscht. Keine Rosen an den Mauern, keine Sonne in den Fenstern! Hinter dem hölzernen Gatter des engen Höfchens nur ein schwächlicher Akazienbaum, der seine letzten verkrumpelten Blättchen den Winden preisgab.

Sie fröstelte und seufzte – wie traurig, wie verlassen! Machte es die graue, kalte Nebelluft, die sich beklemmend auf die Brust legte, oder der scharfe Wind, der wie ein böses Tier gegen die Mauer des Hinterhauses fauchte und den Atem nahm? Es schnürte ihr etwas das Herz zusammen.

Ein altes Weib guckte aus dem Fenster und rief sie an: was sie denn hier wolle?

Zusammenschreckend stotterte das Mädchen etwas zur Entschuldigung.

»Kucken, wat? Hie is nix zu kucken! Heine – Heine?! De wohnt hie nit. Se meinen wohl Heimann, de mit wollene Strümp’ handelt? Jejenüber!« Krachend schlug die Alte das Fenster zu.

Traurig ging Josefine fort; aber sie wurde froh, als die Kaserne in Sicht kam. Wie ein warmes Wehen kam es von dort her durch die naßkalte Dämmerung und umschmeichelte sie. – –

Ob sie ihn heute noch sprechen würde?

Gestern hatte sie ihn nicht gesprochen, den ganzen Tag nicht! Eingeladen war er den Sonntag gewesen bei seiner Schwester; die vom Werths waren jetzt wieder in der Stadt.

Ach, da würde er nun oft seine freie Zeit zubringen! Das war natürlich, aber sie empfand einen Schmerz dabei.

Und Gesellschaften würde er mitmachen, viele Bälle! Sie würde abends nicht mehr das Flinzeln der Kerze in der Offiziersstube beobachten können.

Und ob er noch Zeit fand zu einem Flüstern im dunklen Gang?! Lieber Gott, weiter verlangte sie ja gar nichts, nur ab und zu ein Wort in abgestohlenen Minuten, ein rasches Sehen, ein heimliches Grüßen. Es war so schön gewesen.

Ein plötzlicher Schreck überfiel sie – wenn das nun alles ein Ende hätte?! Ach nein, kein Ende, es mußte ja immer schöner werden, immer schöner! Hatte er sie denn nicht lieb?

Sicherlich!

Sie dachte an das kleine rote Buch, das er ihr geschenkt! Da stand so viel von Liebe darin.

Könnte sie ihm nur einmal um den Hals fallen! Nur einmal ihm einen herzhaften Kuß geben!

Als Josefine an der Front der Kaserne vorbei ging, strich ihre Hand liebevoll längs der grauen Mauer hin. Die umschloß ja ein großes Glück. Eine heiße Zärtlichkeit wallte in ihr auf – wo gab es bessere, festere, schönere Mauern?! Sie liebte jeden Stein. Hier hatte sie einst mit Rötel einen mächtigen Strich gezogen – noch glaubte sie den Kratz zu sehen – und hier auf’s große Thor hatten die Jungens mit Kreide gekritzelt:

›Fina Rinke heiß’ ich, Schön bin ich, dat weiß ich‹

und eine furchtbare Fratze dazu gemalt.

Die liebe alte Kaserne! Mochten andre die Nase rümpfen über Mäuse und Ratten und Wanzen – pure Verleumdung! In der Kaserne war’s gut sein.

O Gott, wenn sie einmal wo anders wohnen müßte! Die Thränen schossen ihr plötzlich in die Augen, ein seltsames Angstgefühl erfaßte sie.

Als sie die knarrende Stiege hinaufkletterte, öffnete die Mutter oben die Stubenthür.

»No, Fina, endlich! Wo bleibste dann heut’ so lang?« Und leiser raunte sie: »Et is Besuch drin, de Conradi! De hat Urlaub bis morjen früh!«

»Jesus!« Mehr sagte Josefine nicht; sie war zu Tode erschrocken.

»Du brauchst ihn ja nit zu nehmen, wannste nit willst,« flüsterte die Mutter noch rasch. »De is ja reformiert, nit viel besser wie ene Jud’. Du kriegst noch lang ’ne andre!«

»Ich will jar keinen,« stieß Josefine heraus, und dann trat sie in die Stube.

Conradi saß beim Vater am Tisch, das flackernde Kerzenlicht fiel auf seine Gendarmerieuniform. Bei der Begrüßung lag Josefines Hand ohne Druck in der seinen, aber er merkte es nicht. Er war zu froh, denn gestern abend hatte er die Nachricht bekommen: eine feste Anstellung in Vohwinkel! Eigentlich sollte er gleich heute antreten, aber er hatte sich noch den einen Tag frei gemacht und war hierher geeilt.

»So pressiert es?« sagte der Feldwebel. »Na, Kamerad, ohne Ihn können die Vohwinkler wohl keine Nacht mehr ruhig schlafen? Ja, so’n strammer preußischer Sergeant – was?« Er lachte in sich hinein und hob sein Glas: »Na, Kamerad, zum Wohl!«

Josefine war erstaunt: der Vater machte Scherz, der Vater hatte Bier holen lassen, heute am hellen Werktag?! So vergnügt hatte sie ihn kaum je gesehen. Was er nur an dem Conradi fand?!

Sie selbst saß stumm und steif und zog ihre Hand, nach der der Sergeant immer wieder unter’m Tisch verstohlen faßte, ebenso oft wieder zurück. Als der Vater einmal an’s Fenster trat, nach den Wetteraussichten für die morgende Felddienstübung zu spähen, und Conradi ihr in’s Ohr flüsterte, ob sie seinen Ring und sein Gedicht noch hätte, da machte sie nur: »Hm!« Und stand auf, um nach der Thür zu gehen.

»Halt,« rief der Vater, »wohin?«

Da mußte sie bleiben und sich wieder niedersetzen. Es half ihr nichts, sie mußte sich von Conradi angaffen lassen, als hätte er was bei ihr verloren. Wie sehr sie auch den Kopf wegwendete und seinen Blick vermied, und wenn er auch mit dem Vater sprach, immer doch hingen seine Augen an ihr.

Als er mit strahlender Miene von Vohwinkel sprach, dem sauberen Örtchen, hoch oben auf den Hügeln gelegen, mit dem weiten Blick in’s bergische Land und auf all die Fabrikschornsteine, die Eisengießereien und Schleifereien, that er ihr jedoch fast leid. Selbst die Luft dort lobte er, die sei so stark, ganz anders, wie hier in der Stadt und in der Kaserne. Wenn dort auch wohl Fabrikruß flog, es gab doch noch viele Ackerfelder, und man konnte gegen billige Miete ein Häuschen für sich allein haben und ein Stück Garten, wo man Kartoffeln pflanzte und Gemüse zog. Er erzählte mit Behagen; solch eine Stelle hatte er sich immer gewünscht. Nun hatte er keinen Grund mehr, den ältesten Bruder, der in der fernen Heimat auf der ostpreußischen Hufe saß, zu beneiden; er hatte jetzt auch sein Glück gefunden. Mit aufglänzenden Augen strahlte er das Mädchen an.

Josefine hätte am liebsten geweint, sie wußte nicht aus noch ein. Blaß und verwirrt saß sie da.

Sehr interessiert ließ sich der Feldwebel von dem jüngeren Kameraden dessen Wirkungskreis und seine Pflichten beschreiben: Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, Kontrolle von Versammlungen, Schließung der Wirtshäuser, Aufschreiben der das Polizeiverbot Übertretenden, Arretierung von Landstreichern und Bettlern, Prüfung von Maß und Gewicht und so weiter.

Conradi berichtete mit Eifer. In Vohwinkel hatte er keinen über sich – der Vorgesetzte war in Mettmann – er mußte allein aufkommen für Ruhe und Ordnung; und das würde nicht immer leicht sein. Wenn es ihm nicht widerstrebt hätte, sich selber zu loben, so hätte er wohl gern erzählt, wie es ihm gelungen war, einem größeren Krawall, vielleicht sogar einem Blutvergießen vorzubeugen, als letzten Samstag die entlassenen Arbeiter der Färberei zu Sonnenberg bei Elberfeld dem Fabrikanten Thür und Fenster einwarfen.

»Na, Heldenthaten habt ihr ja wohl nicht auszufressen,« lachte der Feldwebel.

»Nein, das nicht,« sagte Conradi bescheiden und merkte gar nicht den leisen Ton gutmütigen Spottes im Lachen des andern.

Er hatte sich ein wenig zurückgerückt und den Arm auf Josefines Stuhllehne gelegt; so saß er und sah unverwandt auf das weiche, blonde Gekräusel, das sich da hinten in dem molligen Genick aus dem straff aufgekämmten, glatten Haar herausgestohlen hatte. Er konnte nicht widerstehen, spitzte die Lippen und pustete zart auf die Härchen.

»Au,« sie zuckte unwillig zusammen.

Es war gut, daß Frau Trina jetzt mit einer Bewirtung kam: geschabtes rohes Fleisch mit Zwiebel, Leberwurst und frischer Holländer Käse. Sie hatte sich ordentlich abrennen müssen, das Traktament, das ihr Mann angeordnet, so allein zu besorgen. Auch noch ein Krug Bier wurde aufgesetzt.

Die Männer stießen fleißig an. Josefine aber mundete nichts – wenn der Conradi doch nur erst wieder fort wäre! Ihr Kopf glühte. Dieses Suchen nach ihrem Blick, dieses Tasten nach ihrer Hand machte sie so ungeduldig, so unglücklich, ganz böse. Sie wollte nicht – nein, nein, – und doch saß sie wie gelähmt unter dem Griff dieser festen, warmen Männerhand und hatte nicht mehr die Kraft, ihre Hand fortzuziehen. Der Verliebte streichelte sacht darüber hin und spielte mit ihren Fingern.

Ob wohl das Licht drüben in der Offizierstube brannte?! O, könnte sie es doch aufglimmen sehen!

Ob sie ihn wohl noch sprechen würde heute abend?! Ach, heute den ganzen langen Tag und gestern den ganzen langen Tag kein Wort mit ihm gewechselt!

Wo war er, was that er, was dachte er?! Wo blieb er, kam er, war er schon da?!

Eine ungestüme Sehnsucht packte sie – sie hielt’s nicht mehr aus, nein, nein!

»Jeses, Fina,« sagte die Mutter plötzlich, »wat siehste schlecht aus! Is dich wat?«

»Ich – ich hab’ – schrecklich Kopfweh,« stammelte Josefine.

»Nanu?« Der Feldwebel zog die Brauen in die Höhe, es war ihm augenscheinlich fatal, daß die Tochter heute abend ausspannte. »Nimm dich zusammen! So’n bißchen Kopfweh! Macht nichts!«

»O doch!« Mit einem Aufseufzen stützte Josefine den Kopf in die Hand. Sie wurde ganz blaß.

»O!« Der Sergeant erhob sich. »Dann werd’ ich lieber gehen,« sagte er kleinlaut.

Frau Trina erhob nur schwache Einsprache, Josefine gar keine.

Bloß der Feldwebel nötigte zum bleiben:

»Ä was, das Kopfweh geht schon vorbei. Man nich so ängstlich! Man reist doch nicht her bloß für die halbe Stunde! Das nenne ich Zeit und Geld verplempern. Geh, gieß dir Wasser auf den Kopf, mach ’nen Umschlag, leg dich ’nen Augenblick nieder, und dann kommste wieder ’rein – frisch, Mädel, hörste?!«

Die Tochter stand stumm auf; es zuckte um ihren Mund, als ob sie weinen wollte.

»Aber nein – es ist doch besser – ich werd’ jetzt doch –« Der Sergeant zögerte, das Wort ›gehen‹ kam ihm so schwer über die Lippen. Erwartungsvoll sah er zu Josefine hin – würde sie ihn denn nicht zurückhalten?! Aber sie sagte kein Wort; so mußte er sich schon entschließen, sich zu verabschieden. Lange hielt er beim Adieu ihre Hand in der seinen. Nun würde es vielleicht Wochen und Wochen dauern, bis er wieder herkommen konnte; es wurde ihm sehr sauer, =so= von ihr zu gehen.

Der Feldwebel begleitete Conradi hinüber in’s Stammlokal, da trafen sie viele Kameraden. Josefine atmete auf, als die Männer die Stube verlassen hatten. Auch Frau Trina rüstete zum ausgehen, sie wußte, nun kam Rinke vor Zapfenstreich nicht wieder, da konnte sie gut währenddes ihren Wilhelm besuchen.

»Leg dich im Bett,« sagte sie zur Tochter, und dann lachte sie hell auf: »O du schlau Dingen! Dem haste’t jut zu verstehn jejeben: ›Mach dich ab!‹ Hahahaha! ’nacht, Fina!« Damit ging sie.

Allein –! Mit einem zitternden Seufzer sah sich Josefine um, und dann stürzte sie hinaus an’s Küchenfenster. Alles dunkel. O –! Sie stand und starrte und starrte. Hinten in der Kammer rauften noch die Brüder beim zubettegehen, dann wurde es auch dort still.

Auf dem Hof kein Tritt. Keiner der Soldaten pfiff vor der Thür bei dem häßlichen Wetter. Der Himmel so dunkel, kein Stern, doch jetzt, jetzt – sie unterdrückte einen Freudenschrei – jetzt schimmerte einer da drüben: sein Licht!

Er war zu Hause! Wie mit Gewalt zog sie’s hinüber. Sie mußte ihn sprechen, heute noch sprechen! Wenn er doch käme, wie damals, zu ihr in die Küche träte! Ach, er wußte ja nicht, daß sie hier stand, ganz allein, und sich nach ihm sehnte!

Sie öffnete das Fenster, daß die feuchte Nachtluft sie durchschauerte, und fing an zu singen; der Wind nahm ihr den Ton vom Munde, aber sie strengte sich an, stark kämpfte ihre Stimme gegen das Sausen und Heulen:

»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten –«

Sie sang das ganze Lied, siegreich drang es durch den Sturm der Herbstnacht, aber kein Fenster drüben klirrte – hörte er sie denn nicht?!

Wenn sie nun rasch hinliefe und an seine Thür pochte? Was war denn dabei? Gewiß nichts Unrechtes – sie hatte ihn ja so lieb!

Sie überlegte nicht mehr, schon war sie draußen und huschte den dunklen Gang entlang. Rasch, rasch! Ihre Sehnsucht trieb sie schneller, als ihre Füße laufen konnten; sie strauchelte, sie stolperte – da – ein rascher, elastischer Tritt kam auf sie zu.

»Viktor!« Mit einem jauchzenden Ruf streckte sie die Hände aus.

Da faßte er sie um den Leib, wie damals im Keller in der schwankenden Bütte, und zog sie hinein in sein warmes, erleuchtetes Zimmer.

Und wie damals küßten sie sich. Sie war ihm um den Hals gefallen, ohne daß sie wußte, wie das gekommen; sie folgte einem tiefinneren, stürmischen Drang.

Er preßte sie an sich, in fast knabenhafter, durch die Heimlichkeit noch gesteigerter Verliebtheit. Auch er glühte.

Wie sie ihn liebte!

Aber – – _noblesse oblige_! Eine gute und ehrliche Regung ließ sein hübsches, junges Gesicht männlicher erscheinen: Sie war seines Feldwebels Tochter, und er war ein Edelmann und trug des Königs Rock!

XIII

Die Leiendecker in Düsseldorf hatten heuer mehr zu thun als sonst – der Februar achtundvierzig ging stürmisch zu Ende. Die Wetterfahnen quietschten, die Dachrinnen spuckten, jede Nacht klapperten die losen Ziegel und Schieferplatten, und der wilde Wind packte sie und schleuderte sie krachend hinunter auf die Gasse. Kopfschüttelnd stand der Hauswirt am nächsten Morgen vor seiner Thür: o weh, eine Reparatur dringend nötig! Alle paar Schritt baumelte das Seilchen mit dem Schieferstückchen unten daran vom Dachfirst nieder: Bürger, hüte dich, daß du nichts auf den Kopf kriegst!

Am Stammtisch wurde geklagt: was man doch nicht immer alles für Unkosten hatte! Überall krachte es. Auch im Hofgarten; und das entrüstete die Bürger am meisten. War es nicht ein Skandal, die schönen alten Bäume so massenhaft zu fällen? Den Hofgarten, die Hauptzierde der Gartenstadt, ratzekahl zu scheren?! Man wollte im Sommer doch mit Weib und Kind im Schatten spazieren gehen! Dem Friedlichsten lief die Galle über. Fulminante Artikel füllten die Spalten der Düsseldorfer Zeitung und des Kreisblattes und drückten durch ihre Länge und Breite das Politische ganz in ein Eckchen; was ging es einen am Ende auch an, ob sie sich mal wieder in Paris massakrierten?! Man bekreuzigte sich und dankte Gott, daß man im soliden Düsseldorf wohnte. Man druselte noch halb im Winterschlaf, und wären die fliegenden Dachziegel nicht gewesen, man hätte noch gar nicht an den Frühling gedacht.

Und doch zog er schon durch die Welt und stieß in sein Horn.

Auch über die Kaserne wehten Frühlingsstürme und tosten aufrührerisch um Dach und Wand. Aber die dicken Mauern dämpften den Schall, und kein lauschendes Ohr war drinnen, das ihn aufgefangen hätte. Drill Tag für Tag, von Reveilleblasen bis Zapfenstreich. Die Offiziere langweilten sich, die Unteroffiziere schimpften, die Gemeinen dachten sehnsüchtig an die Fleischtöpfe der Mutter und an die Küsse des Schatzes.

Josefine lebte den schönsten Traum. Alle Tage den Liebsten sehen, alle Tage ihn sprechen. Rasche Küsse auf dem dunklen Flur, innige Umarmungen in der stillen Offiziersstube.

Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie, kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel, der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den sonnigen, blauen Himmel.

Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof, auf dem seine Tritte hallten.

Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer im Dunkel.

Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl. Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang, fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern.

Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge, daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten Familienschmuck ein Ungemach passieren könne.

Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den ganzen Tag, wie sonst nie.

Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken, Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?!

Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder, einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte.

Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹ von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden, Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten.