Die Wacht am Rhein

Part 10

Chapter 103,770 wordsPublic domain

›Was soll ich mir wünschen?‹ dachte Josefine, wenn sie an dem Fensterchen ihrer Kammer neben der Küche lehnte. Sie konnte jetzt oft nicht schlafen, in der beklommenen Nacht wallte ihr das Blut. Tiefatmend beugte sie sich hinaus und sah über den Hof; der lag so still, ganz im Schlaf. Kein Fußtritt, kein wandelnder Schatten. Aber in den Ahornbäumen rührte es sich und wisperte und zitterte mit den Blättern in heimlicher, beständiger Unruhe. Auch ihr Herz klopfte. Sollte sie wünschen, daß der Conradi mal von Elberfeld zu Besuch käme?

»Och ene!« Sie sagte es ganz laut, und dann erschrak sie über den eignen Ton. Den Kopf in den Nacken legend, sah sie starr hinauf zum nächtlichen Himmel – was wünschen, was doch?! Ihre Nasenflügel zitterten, ein feuchter Glanz stieg in ihr Auge, wie eine heiße Welle übergoß sie’s.

Ha – da fiel eine Sternschnuppe! Blitzschnell schoß ihr blinkender Schweif durch die Nacht – nun lag sie unten im dunklen Ahorn. Wieder nichts gewünscht! Josefine hätte weinen mögen.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin –‹

Ach ja, das schöne Lied! Das hatte sie neulich gehört, als sie, vom baden kommend, am Rhein entlang gegangen war. Ein neues Lied! Sie hatte es noch nicht gekannt, aber ihr Ohr hatte es gleich aufgefangen, aufgenommen, wie einen lieben, längst vertrauten Ton. Es sang sich von selber.

›Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.‹

Der Sänger war ein Schiffer gewesen, ›Sankt Goar‹ stand am Stern seines Schleppkahns. Schwarz war der Bursche wie ein Teufel – er hatte Kohlen geladen – aber seine Zähne blitzten desto weißer, und seine Augen blitzten auch. Am Bugspriet saß er, ließ die Beine über Bord hängen und sang sein Lied, unbekümmert, mit schmetternder Kraft, als wäre er allein auf der Welt.

Weit, weit über die spiegelnden Wasser war es hingeflogen, auf glatter Bahn. An der Brücke mußte man es hören können, am alten Schloß, in den Giebelhäusern bis hinauf unter die roten Dächer, jenseits zwischen den Weiden, auf den grünen Wiesen, und weit, weit bis dahinten am Horizont, wo die Sonne, rotgolden, umhängt von Duftschleiern, in Rhein und Himmel versank.

Lange hatte Josefine gelauscht, der Sänger schien nimmer zu ermüden.

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt, Und ruhig fließt der Rhein –‹

Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch, sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte.

Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja, drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is ganz alle von der Felddienstübung!«

Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatte holen sollen, kam und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern, ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang, und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube!

Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als Kinder miteinander gespielt!

Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte! Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt, aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden.

Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am ›Breidenbacher Hof‹.

Warum sie denn nicht ›Pst‹ gemacht hätte?

»Ich hab’ ja – ne, ich wollt’ ja,« verbesserte sie sich, rot werdend.

Da hatte er sie so strahlend angelacht, daß sie die Augen niederschlagen mußte.

Ein schöner Mensch – der Vater sagte es auch – kein andrer kam dem gleich! Und ein lieber Mensch! – – –

Das Mädchen am Fenster schauerte in der einsamen Nacht. Ach, daß sie doch schlafen könnte, wie die andern alle!

Ah, da fiel wieder eine Sternschnuppe! Mitten in den Hof sank sie.

Josefine beugte sich spähend hinaus, als wolle sie ihr Glück suchen. Drüben im linken Seitenflügel, gar nicht fern – da – da – da flinzelte noch ein Licht in der Offiziersstube! Auch ein Stern.

Der Atem der Nacht strich ihr über das heiße Gesicht – wachte der Leutnant auch noch?

Der Ahorn unter dem Fenster rührte beständig die Blätter, wisperte und raunte und zitterte, unausgesetzt, voll heimlicher Unruhe. Als ob er auf etwas wartete – auf was denn?!

XI

Viktor von Clermont war gar nicht entzückt über sein Kommando nach Düsseldorf, obgleich der Major es als eine besondere Artigkeit vermerkte, daß man den Sohn zum alten Regiment des Vaters versetzt, und so wieder in seine Nähe.

Traurig genug, daß es mit der Garde nichts geworden war – dazu fehlten die Gelder –, aber beim Regiment in Neu-Ruppin war’s doch auch ganz nett gewesen: Berlin so nah, man konnte des Sonntags immer und in der Woche abends öfter hinüberflitzen, unter den Linden flanieren und, als seiner Majestät Leutnant, gegen bedeutende Ermäßigung die Balletts im Königlichen Opernhaus genießen.

Jedoch hier, in dem kleinen Provinznest, was sollte man hier anfangen?! Das Theater am Markt war die reine Bude, man sah es ihm schon von außen an, daß innen nichts los war. Ein ruppiger Schusterjunge in Berlin hatte mehr Witz, als die ganzen Düsseldorfer zusammen aufbringen konnten. Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum sterben langweilig, die ziemlich breiten Straßen und Alleen förmlich ausgestorben.

Ach, so ein Abend unter den Linden und auf der Friedrichstraße! Nur das war Leben! Da brannten die Laternen hell, man schwamm mit in der Menge, die auf und nieder wogte, man betrachtete die Schaufenster, man ging zu Kranzler hinein, um ein Schälchen Eis oder eine Limonade zu schlürfen und die Hofequipagen vorübersausen zu sehen.

Und wie estimiert der Berliner seinen ersten Stand! Kam man zu Josty oder zum ›schweren Wagner‹, gleich stürzte der Kellner herbei, nahm den Mantel ab und fragte nach den Befehlen; er bediente so geschmeidig, als hätte man mindestens Sekt und Austern beordert. Hier zu Lande mußte man erst dreimal rufen, hier galt nur der Protz!

Viktor begriff nicht, wie sein Vater es so lange hier hatte aushalten können. Freilich, der mußte eben, der Knüppel lag beim Hund. Um Gottes willen, nur nicht hier sitzen bleiben! Man versumpfte ja ganz!

Der junge Offizier beschloß, sich fleißig vorzubereiten, und sich dann schleunigst zur wissenschaftlichen Prüfung auf Kriegsakademie zu melden. Dann mußte man doch hier wegkommen.

Mißmutig lag der Leutnant auf dem eingesessenen, zu kurzen Sofa der Offiziersstube. Alle Tage das Trampeln der Mannschaft, das stereotype Pfeifen, und wenn alles schwieg, das Wispern der Ahornbäume. Ein Tag wie der andre. Er gähnte und reckte die Arme über den Kopf. O, die Langeweile! Wenn jetzt nicht bald ein Krieg kam, dann war’s zum totschießen!

Er richtete sich halb auf und sah verzweifelt um sich. Den Fettfleck hier über dem Sofa an der Wand hatte wohl sein unglücklicher Vorgänger zurückgelassen; gleich ihm mochte der oft dagesessen haben, das Haupt angelehnt, in’s öde Nichts stierend. Und hier die Kopflehne wies auch solchen Fleck auf, und dort, wo die Füße ruhten, war der Überzug zerscheuert und das Heu der sogenannten Polsterung schimmerte durch. Elendes Dasein!

›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, Daß ich so traurig bin –‹

Horch, da sang wieder die Josefine! Die hübsche Josefine!

Viktor lächelte und schloß lauschend die Augen halb. Die war wahrhaftig der einzige Lichtpunkt hier! Wie sie sang! Hell wie ’ne Lerche, und doch hatte sie auch Töne, tief und warm.

Von der reinen Herbstluft getragen, veredelt, geklärt, schwebten die Klänge des Liedes zu ihm herein.

Nettes Mädel, liebes Mädel! Wahrhaftig, er mußte ihr doch mal eine Freude machen, sie erwies ihm so oft allerlei Gefälligkeiten. Der Alte war ein Rauhbein, die Mutter eine Null, aber die Tochter – alle Achtung! Was sollte er ihr wohl schenken: ein Band, einen Kamm, eine Brosche, Konfekt, Blumen, einen Almanach?!

Den seidengehäkelten Geldbeutel mit Stahlperlen, ein Geschenk seiner Schwester Cäcilie, herausziehend, zählte er nach. O weh, zwar erst gestern Gage bekommen, aber da waren die fünf Thaler für die Kleiderkasse, die Tischgelder, die andern Abzüge – was blieb noch übrig?! Wahrhaftig, er mußte sich beizeiten nach einer reichen Frau umsehen – was soll ein armer Leutnant in Friedenszeiten sonst wohl machen?!

Sein lächelndes Gesicht trübte sich – dem Mädel eine kleine Freude zu machen, selbst dazu fehlte es ihm! Plötzlich mußte er daran denken, wie er einst auf der Kasernenstraße gestanden und sehnsüchtig nach den Weckmännern im Bäckerladen geschaut. Jahre her, aus dem Kadetten ein Leutnant geworden, aber damals schon wie heute, immer dieselbe Misère! Und doch – er mußte wieder lächeln – ob er ihr damals eigentlich den Weckmann gekauft hatte? Er wußte sich nicht recht zu erinnern. Aber das wußte er noch genau, ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen im dunklen Keller, und ihre warmen Lippen hatten ihn geküßt.

Er strich sich den Schnurrbart. Horch, sie sang noch immer! Die hatte eine gute Lunge. Und nun sah er ihre schöne Gestalt vor sich, die kräftige Brust, die runden Arme, den federnden Gang. Was hatte sie eigentlich für Augen? ›Blaue Augen schön, aber sehr gemön‹ – nein, die ihren waren nicht gewöhnlich! Er mußte doch einmal tiefer hineinschauen. Sapperlot, unter welchem Vorwand ging er denn gleich hinüber in die Feldwebelwohnung?!

Plötzlich aus seiner Langenweile aufgerüttelt, sprang er auf und fing an, Toilette zu machen; er konnte ja dann gleich auf die Königsallee gehen, nachmittags pflegten sich die Schönen Düsseldorfs zu zeigen, und Kameraden waren immer dort.

Umständlich begann er sich zu pomadisieren und zu frisieren: Scheitel über den Hinterkopf gezogen, Haare rechts und links über den Ohren aufgebürstet. Den Schnurrbart gewichst, Mütze eine Ahnung schief gerückt, Taille eng gezogen, daß die wattierte Brust heraustrat. Nun noch die Nägel poliert, diese schönen, rosigen Nägel, mit den weißen Halbmonden und den langen, spitz zugeschnittenen Schuppen.

Als er den Gang zur Feldwebelwohnung entlang schritt – was brauchte er erst offiziell über den Hof zu gehn, hier war’s viel bequemer –, hatte er noch immer keinen Vorwand. Na, der Alte würde ja nicht gerade da sein! Vorsichtig schob er die nur angelehnte Küchenthür auf, enttäuscht wollte er den Kopf zurückziehen – niemand drin! – da trat Josefine aus ihrer niedrigen Kammerthür.

»Wer da?«

Sie hatte sich eben das Haar frisch aufstecken wollen, noch hing es ihr in schweren Zöpfen in den Nacken. Rot wurde sie bis unter das weiße Busentuch und dann blaß; sie war erschrocken, eben hatte sie an =ihn= gedacht.

Das Kommen und Gehen des Blutes unter der weißen Haut entzückte ihn. Und wie frisch ihre Lippen waren! Nun fiel ihm plötzlich etwas ein: er mußte sich bedanken für die gestopften Socken, die sie ihm gestern durch Bruder Karlchen geschickt.

»Sie haben so viel Freundlichkeiten für mich,« sagte er gedämpft und drückte ihre verarbeiteten Finger.

»Ich –? Och ene!« Sie wollte ihm ihre Hand entziehen, aber er hielt sie fest.

»Diese fleißigen Finger« – zart streichelte er darüber hin – »haben sich so für mich gequält!«

»Jequält!?« Sie hob auf einmal die gesenkten Lider und sah ihn so groß und voll an, daß er erschrak; dann drehte sie sich hastig um und lief an’s Fenster.

»Wat Sie für dumm’ Zeug reden, Herr Leutnant – jequält, haha, da war doch jar nit viel an zu machen! Un dat hab’ ich ja so jern jethan! So jern – ach, ich jlaub’, da kommt der Vater!«

Das war ihr offenbar eine Erleichterung, oder schien sie ihm nur so verlegen?

Jetzt winkte sie: »Vater, Vater!«

»Nanu? Ich komme noch nicht,« tönte des Feldwebels Stimme herauf.

Das war ja recht angenehm, daß der Alte noch nicht erschien! Als sich Josefine vom Fenster zurückwandte, begegnete sie dem feurigen Blick des jungen Mannes.

»Wollen Sie nit in’t Zimmer eintreten?« fragte sie beklommen, »die Mutter is drin!«

»Nein, ich danke!« Er lachte.

Da mußte sie auch lachen. Ein Bann war gebrochen, unbefangen schwatzte sie wieder, und dazwischen rief sie: »Jemmich, mein Haar!« und lief in die Kammer. Aber sie ließ die Thür offen, und er sah, wie sie die runden Arme hob und die schweren Zöpfe zur Krone aufsteckte.

Er wendete den Blick nicht. In Berlin gab’s auch hübsche Mädchen, aber schnippische, blaßwangige, hier von dieser ging ein Strom von Gesundheit aus, eine Fülle von Jugend. Eine Sehnsucht stieg in ihm auf, sie zu küssen, ein Verlangen, das seinen Blick starr machte. Er fühlte, es war besser, daß er ging, ehe er Dummheiten machte.

»Adieu, Josefine,« sagte er gepreßt.

»O, jehn Sie schon?« Sie kam auf ihn zugelaufen, Bedauern lag in ihrem Ton. »Adieu, Herr Leutnant!«

»Herr Leutnant –?!« Er konnte nicht dafür, ganz wie von selbst hob seine Hand ihr gesenktes Kinn in die Höhe; fragend sah er ihr in das offene Gesicht. »Herr Leutnant?! Warum nicht ›Viktor‹? – Nein, Sie wollen nicht?« Sie hatte heftig verneinend den Kopf geschüttelt. »Warum denn nicht, Sie haben’s doch früher gesagt, sind wir nicht dieselben geblieben?!«

Nun lachte sie hell auf, wie belustigt von einer Erinnerung. »Och ene! Dat sollt’ Ihnen jetzt wohl schlecht passen, am Speeschen Jraben im Dreck zu krosen und Rejenwürm’ zu suchen! Wissen Sie noch, wie wir als jewettet haben, wer ne Rejenwurm auf die Zung’ lejen kann? Ne, Herr Leutnant,« – ihr Blick streifte ihn von oben bis unten, wie es ihm schien mit einer leisen Bewunderung – »Sie sind nit derselbe mehr!«

»O doch! Freilich, die Regenwürmer« – er schüttelte sich – »die wären nicht mehr mein Fall. Aber wissen Sie noch, Josefine, wie wir im Keller fuhren, in der Bütte?«

»Och, auf Sankt Nikola – ja, ja!« Sie klatschte in die Hände.

»Und wie ich Ihnen ’nen Kuß gab und Sie mir, auf Sankt Nikola, im dunklen Keller?« Er hatte sie um die Taille gefaßt und sich nahe zu ihr gebeugt.

»Dat weiß ich nit mehr,« flüsterte sie; aber er sah es ihr an, daß sie log. Sie stand wie gelähmt, willenlos in einem süßen Schreck.

»Und ich bin doch noch derselbe!« triumphierte er. Lachend, ehe sie sich wehrte, gab er ihr einen Kuß.

Da raffte sie sich auf und stürzte zur Küche hinaus. Er hörte die Stubenthür klappen.

Sehr guter Laune trat Viktor von Clermont auf den Kasernenhof – dumm, daß ihm gerade der Feldwebel begegnen mußte! Der Alte hatte so ein verdammt ehrliches Gesicht. Aber was war denn Unrechtes dabei? Er hatte eine hübsche Kindheitsgespielin geküßt, weiter nichts! Und wohlgemut schlenderte der junge Offizier zum Thor hinaus.

War eigentlich gar nicht so übel, das alte Nest, nun die Sonne so freundlich alles vergoldete. Als Knabe waren die Ferien, hier zugebracht, doch immer eine Wonnezeit für ihn gewesen. Unwillkürlich schwenkte Viktor in die Bastionstraße ein – zur Königsallee kam er noch immer zeitig genug. Er ging zum Speeschen Graben, da war er undenklich lange nicht gewesen.

Über die Mauer des früheren elterlichen Gartens, an dessen Rückseite er nun entlang schlenderte, nickten die Bäume. Das Birnenspalier beim Nachbar war mächtig in die Höhe geschossen. Wie würde Josefine lachen, wenn er sie daran erinnerte, mit welchem Genuß sie die harten Birnen am Steintisch in der Laube mürbe geklopft hatten! Auch er lachte so laut auf, daß ein ehrsamer Rentner, aus der Vesper von der Maxpfarre hier entlang wandelnd ganz erschrocken nach dem Offizier hinstarrte, der einsam unten am Grabenrand stand und sich die Stiefel schmutzig machte. Was wollte der hier in dieser entlegenen Gegend?!

Ein seltsamer Duft stieg von dem dunklen, stillen Wasser auf, und die Frösche quakten. So hatten sie auch damals gequakt und – platsch – Viktor trat derb zu, daß der Schlamm spritzte – so hatten sie sich auch damals eilig in die Tiefe gerettet. Es wurde ihm ordentlich schwer, sich loszureißen von dem stillen Graben mit den großen Teichrosenblättern und dem grünen Entengries.

Die Herbstsonne fing an, sich zu neigen, ein schönes, warmes Rot hing wie ein Purpurmantel den Pappeln der Bergerallee im Rücken; vom Rhein her kündete ein feuchtes Wehen den nicht mehr allzufernen Abend. Beschaulich-friedvolle Ruhe lag über den weißen Häusern und den blauen Schieferdächern. Ein paar Knaben schlugen Dopp mitten auf der Straße; hier fuhr kaum je ein Wagen.

Nun war Viktor am Schwanenmarkt. Das war freilich das alte Kacheloch nicht mehr. Rund um das Viereck des Platzes standen Häuserreihen, die kaum eine Lücke mehr wiesen; Rasenflächen und wohlgepflegte Lindenbäume erinnerten nicht mehr an die stachligen Hecken und mannshohen Hollunderbüsche von ehemals. Und doch – lag’s an der Luft, die ihn frei umwehte, an den Schwalben, die zwitschernd über ihn hinstrichen zum nahen Lopohl? – er hörte wieder Kinderjubel. – – ›Eins, zwei, drei, mein Herz ist frei!‹ – so schrie Josefine, sich freischlagend, atemlos vom raschen Nachlaufenspiel. – – Und an jener Ecke stand der Schinderhannes, der dicke, freche Bürgersjung’, die Hände in den Hosentaschen, die Beine gespreizt, und spuckte. – – Und hier an der Ecke der Löwenapotheke hatten Taubnesseln geblüht, wilder Thymian und gelbe Kettenblumen, Josefine hatte sie zum Strauß gepflückt.

Überall Josefine und überall.

Und sich selber sah er springen im verwaschenen Kittel, in ausgewachsenen Hosen.

Und eine gewisse Rührung überkam ihn.

Er dachte nicht mehr daran, auf der Königsallee zu promenieren; nachdenklich ging er die Bilkerstraße hinunter, am Elternhaus vorbei, über den Karlsplatz, immer weiter hinein in die alte Stadt. Von den Kirchen läutete es, aus den Bürgerhäusern roch es appetitlich; Kinder mit großen Blatzschnitten standen in den offenen Thüren, hinter ihnen im Dunkel des Flurs glimmte das ewige Lämpchen vor’m Muttergottesbild. Am Markt, beim alten Jan Willem, saß noch wie früher die Obstfrau unter’m Regenschirm; aber es war nicht mehr ›das Appel-Len’‹, bei der er einst geröstete Kastanien für Josefine gekauft.

Noch lag oben auf den Firsten Abendglanz, unten in der engen Zollstraße war es schon dämmerig. Er schritt durch’s Thor. Der Strom in seiner ganzen Breite grüßte ihn. Die Wellen kräuselten sich im Abendwind, milchiger Schaum schwuppte an der Ummauerung hinauf, – und nun hallte ein Böllerschuß, dumpfdröhnend, die ›Rotterdam‹, das große Schiff der Kölner Dampfschleppschifffahrtgesellschaft, heischte Durchlaß.

Schrill gellt die Signalpfeife des Brückenwärters, rasselnd fällt die Kette, alle Mann an die Winde – das Joch ist ausgefahren, stolz rauscht die Rotterdam gen Holland hinunter, als lange Schleppe Fruchtkahn auf Fruchtkahn nach sich ziehend. Ein lautes ›Hoihoh‹ hallt über den Rhein, die Schiffer rufen sich zu, und ›Hoihoh‹ klingt’s wie ein Echo, langgezogen aus nebliger Ferne.

Der feuchte Rheinwind legte kühle Finger an des jungen Mannes Wange. Hier hatte er einst mit Josefine gestanden und das Hochwasser angestaunt, und dann waren sie auf Umwegen zur Ratingerstraße geschlichen. Heute ging er auf dem nächsten Weg dorthin.

Aus den uralten Häusern, unter deren Ziegeldächern einst die Rittergeschlechter gehaust, guckten Krämer und Kleinbürgersleute dem Offizier verwundert nach. Fast mißtrauisch. Was hatte der hier zu suchen?! Der Leutnant bemerkte nicht die unfreundlichen Gesichter. Er freute sich über die roten Dächer, die noch schimmerten, obgleich der Abend längst dunkelte, freute sich über den Stern, der heimatlich traut über dem ›Bunten Vogel‹ aufzog.

Die Laternen wurden angesteckt. Da glaubte er plötzlich Josefine vor sich her schreiten zu sehen – das war ihr Gang, ihr Wuchs, ihr blondes Haar! Rasch hinterdrein! Der schwankende Schein der nächsten Laterne war hell genug, ihm zu zeigen, daß er sich getäuscht. Aber auch ein schönes Kind, dieses andre rheinische Mädel!

Ihm war so wohl, so wohl zu Mut, so glückselig jung. Vom Rhein traf ihn ein voller Hauch; die Brust weitete sich und dehnte sich tiefatmend, belebt lief das Blut durch die Adern.

Am Himmel tanzten die Sterne. Er ging wie im Traum. Liebespärchen wandelten an ihm vorüber unter den Bäumen der Alleestraße, Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt; er hörte ihr gedämpftes Lachen.

Wie fing doch das Lied an, das die Josefine immer sang? Er summte es vor sich hin, und dann lächelte er – ob sie wohl daheim nach ihm ausschaute? Natürlich! Sie stand am Fenster ihrer Küche – der simple Kattunrock kleidete sie gut –, die Arme auf die Fensterbrüstung gestemmt, beugte sie sich hinaus und sah ihn an, voll und warm.

Er summte wieder:

»Ein Märchen aus alten Zeiten, Das kommt mir nicht aus dem Sinn –«

Ganz nettes Liedchen! Weiter wußte er’s leider nicht, aber es lag ihm im Ohr, förmlich auf der Zunge.

Am Alleeplätzchen in der Schaubschen Buchhandlung waren die Ladenfenster noch nicht geschlossen. Viktor hielt inne auf seinem Schlendergang. Er hatte doch Josefine etwas schenken wollen – ja, ja, er wollte ihr heute etwas mitbringen! Dumm, nun waren alle Läden schon zu! Nur dieser nicht! Er betrachtete die Auslage.

Schulbücher: ›Daniels Leitfaden der Geographie‹ – ›Zahns biblische Geschichte‹ – ›Rechenfibeln und Lexika‹ – Gott sei Dank, daß man so was nicht mehr brauchte!

Ferner: ›Briefsteller für Liebende‹ – ›Der Struwelpeter‹ – ›Franz Hoffmanns Erzählungen für die Jugend‹ – ›Campes Robinson‹ – ›Coopers Lederstrumpf‹ – und so weiter.

Und im andern Fenster allerlei Broschüren: ›Der Kassettendiebstahl‹ – ›Ehegeheimnisse des gräflichen Hauses H.‹ – ›König und Tänzerin‹ – niederträchtig, solche Intima dem Pöbel preiszugeben! Das konnte auch nur am sogenannten ›freien‹ Rhein passieren!

›Vier Fragen eines Ostpreußen‹ – ›Pfizer: Gedanken über Recht, Staat und Kirche‹ – ›Steinacker: Über das Verhältnis Preußens zu Deutschland‹ – ah was, Politisches, das hatte ja gar kein Interesse!

Viktor wollte sich schon zum gehen wenden – da gab’s ja doch nichts für ein junges Mädchen –, als ihm noch ein paar Bücher in die Augen fielen, hübsch gebunden, mit Goldschnitt. Aha, Gedichte! Das wäre am Ende was! Junge Mädchen schwärmen für Gedichte, er wußte das von seiner Schwester; sie schreiben sich die schönsten Stellen aus, lesen abends heimlich im Bett und legen sich das Buch unter’s Kopfkissen.

›Herwegh: Gedichte eines Lebendigen‹ – ›Freiligrath: Glaubensbekenntnis‹ – ›Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder‹ – und da, an der Seite, ein Bändchen, klein wie ein Gebetbuch, aber weit leuchtend, auffallend durch sein brennendes Rot. Goldene Passionsblumen rankten sich darüber, ein gelbseidenes Bändchen lag als Lesezeichen darin – riesig geschmackvoll! Es war weitaus das schönste der ausgestellten Bücher. O, sie würde sich gewiß darüber freuen!

Der blasse Ladenjüngling sah verwundert aus – was, ein Leutnant in der Buchhandlung?! Er riß die Augen weit auf.

»Ich möchte ein Gedichtbuch haben!«

»Ein Ge–dichtbuch?!« Maßloses Erstaunen lag nun auch im Ton.

Der Leutnant wurde ganz verlegen: »E – hm – ja, jawohl, ein Gedichtbuch!«

»Mit was dürfte ich dienen?«