Part 26
Der ›Pitter‹, ein weißhaariger, unverwüstlicher Maler der älteren Generation, stand neben dem Klavier und strich mit überlegener Miene den weißen Knebelbart. Er hatte als Maler und Mensch warten gelernt. Plötzlich erfaßte er den ersten Moment der Ruhe. Wie eine Fanfare drängte sich sein schmetterndes Organ in die Pause hinein und füllte den Luftraum mit einer Vehemenz, daß kein fremder Hauch neben ihm noch Platz zu finden vermocht hätte. Pitter hatte das Wort. Daran war nicht mehr zu rütteln. Und er gab es von sich, als sänge er Samuels Fluch über König Saul.
»Auch eine Auffassung,« nickte Springe zustimmend. »Das Schwermutslied von der ›Krone im Rhein‹ durchweg auf =forte= gesungen. Is mal was Neues.«
Dann sorgte er, daß aus dem riesigen Wandbassin, in dem das Meer der Bowle floß, auch ihnen der Humpen häufiger gefüllt werde. Ernste Männer traten von Zeit zu Zeit an den köstlichen Quell, prüften den Pegelstand des Inhalts und besprachen in geheimnisvollem Flüsterton die Zufuhr an Mosel- und Sektflaschen. Dann feierten die Humpen auf den Tischen, und es war dürre Zeit im Land, bis die Auserwählten geprüft und wieder geprüft hatten und sich der schweigende Ernst ihrer Mienen in die strahlend aufsteigende Sonne der Zufriedenheit wandelte.
Der Geist der Töne bedrängte heute viele im ›Malkasten‹. Von Viertelstunde zu Viertelstunde erhob sich ein neuer Sänger, begehrte stürmisch die allgemeine Aufmerksamkeit, lächelte und begann. Man sang Getragenes und man sang Kitzliges, letzteres aber, der guten Sitte wegen, im Düsseldorfer Dialekt; und man sang endlich im Chor aus den »hundert allerschönsten Volksliedern für einen Silbergroschen« manch ein artig Stückchen.
Springe amüsierte sich herrlich. »Jeder Kerl hier,« behauptete er, »ist ein aufgeschlagenes Skizzenbuch. Sein Genre könnt ihr am Singen erkennen. Der Landschafter singt urwüchsig, der Schlachtenmaler mit edlem Feuer, der biblische Historienmaler mit schönem nasalen Ton, der Genremaler mit neckischen Koloraturen, der Porträtist möglichst korrekt und der Tiermaler grunzt. Das gehört zum Metier.«
Sofort wurde am Tisch widersprochen. Nicht aus Gekränktheit, aus der bloßen Lust des Rheinländers am Opponieren. Und ehe drei gezählt werden konnte, lag das längst erwartete Thema, die alte und die neue Kunst, auf der Tischplatte wie ein Vivisektionstier, und jeder schnitt lustig mit seinem Messer darin herum.
Hans Steinherr hatte kaum ein Wort gesprochen. Er hörte auch nur mit halbem Ohre hin. Was ihm auffiel, war, daß er unter den Hunderten von Köpfen keinen einzigen zurechtgemachten Künstlerkopf fand, keine Samtjackengenialität, keinen Satanisten, keinen Melancholiker. Eher noch einen gemütlichen Biedermeier aus der Hasencleverzeit. Aber den meisten war ein festererbter, knorriger Zug zu eigen, der Vertrauen weckte und Vertrauen gab, trotz der Spottsucht um den Mund.
Das ist die Gesundheit, sagte sich Hans Steinherr; Ungesundes wird hier abgestoßen wie eine tote Zelle im Gewebe.
In dem Stimmengewirr am Tisch war das Wort »modern« gefallen. Und Heinrich Springes Stimme erscholl: »Also ’raus mit der Sprache! Haltet ihr mich für modern oder nicht?«
»Aber natürlich! Wenn Sie nicht, wen denn?«
»Soo? Das möcht’ ich mir denn doch ergebenst verbeten haben. Sie glauben wohl wunder was für eine Schmeichelei Sie mir gegenüber da losgeworden sind. Nee, meine Herren. Ich male meinen Stiebel nach meiner Art; wie, das ist Nebensache; mit welchen technischen und Anschauungsmitteln, das besagt nichts; die Hauptsache ist: ist das Bild gut?! Gut, meine Herren, gut! Da liegt der Hase im Pfeffer. Und ich sage Ihnen: das ist und bleibt der ~ideale~ Hase! Prost, ihr Herren!«
»Prosit! Prosit! Springe hoch! Springe soll eine Rede halten! Si—len—ti—um!!«
»Soll ich den Kerls mal den Kopf waschen?« fragte Heinrich Springe lachend Hans. Er hoffte heimlich, auch den Freund aus seiner Lethargie aufzurütteln, und er ließ sich bewegen und erhob sich. Er sprach nur für den dichtgefüllten, mächtigen runden Ecktisch, der jetzt auch von den Nebentischen belagert wurde.
»Ihr wißt,« begann er, »ich bin ein Feind jedes akademischen Zopfes; aber der schwache Mensch kann auch in das Extrem verfallen, und auch das mißbillige ich. Der Künstler, ob Anhänger der alten oder neuen Kunst, muß seine Ideale haben, das erst gibt seiner Kunst die Weihe. Das Wort ›Ideal‹ steht heute ziemlich tief im Kurs. Es ist nicht ›modern‹. Und damit ist ihm von den vielen, die da vorgeben, die beste Gesellschaft auf allen Gebieten des Lebens, der Künste, der Wissenschaften, mit einem Wort, der herrschenden Mode zu repräsentieren, der Stab gebrochen. Ideale! Was unserer Zeit mehr als je das Gepräge gibt, ist der unbändige Geschäftssinn, der nach allen Dingen des Tages seine Fühler streckt und als Ausgleich das leichte Amüsement für die mißhandelten Nerven beansprucht, wenn nicht eine besondere Sensation. Der ›Geschäftssinn‹, bewußt oder unbewußt, ist der Totschläger des Ideals. Unbewußt bei den vielen Tausenden, die blind den Hammelsprung als Herde mitmachen, aus Furcht, der ›Mode‹ nicht zu genügen. Bedauernswerte Menschen, denen ein neuer Gewandschneider mehr zu sagen hat als alle Weisheit einer großen Überlieferung.
Der Gewandschneider dominiert. Nicht allein in der Kleidung. Seine Doppelgänger bearbeiten das Gebiet der Kunst, des gesellschaftlichen Lebens; sie bestimmen das Niveau des Geisteslebens. Der Charlatanismus hat hohe Zeit und schießt üppig ins Kraut. Heute heißt es, um jeden Preis originell sein! Ist originell gleichbedeutend mit individuell, soll ihm Lob und Preis gesungen werden. An solchen Charakteren kann ein Volk nie wohlhabend genug sein, denn sie geben ihm den Stempel der Kraft und Ursprünglichkeit. Aber welch traurige Konterbande wird mit diesen Begriffen getrieben! Spekulative Köpfe haben einen billigen Ersatz gefunden. Um aus der Allgemeinheit emporzutauchen, wird irgend eine ›neue Richtung‹ ausgerufen, je kühner und extravaganter, desto besser. Schwarz wird für Weiß ausgegeben, eckig und kantig für allein bequem, unsinniges Gestammel für Offenbarung, Frivolität für den Gipfel des feinen Menschentums und der Tingeltangel für die letzte und schönste Blüte der dramatischen Kunst. Edle Dreistigkeit hat immer noch suggestiv gewirkt, zumal im lieben deutschen Vaterland.
Aber, ihr Herren, ohne die Pflege seiner altüberlieferten Ideale, an die sich harmonisch die neuen knüpfen, ist eine wurzelechte Entwicklung eines Volkslebens nicht denkbar. Und diese Pflege bedingt Tiefe des Gemüts und Ernst der Gesinnung, just die Erscheinungen, durch deren starkes Vorhandensein der Deutsche sich in allen Zeiten vor den Nationen auszeichnete, die seiner Gesamtheit den Namen des ›Volkes der Denker‹, meinetwegen selbst den des ›deutschen Schulmeisters‹ gaben, die das deutsche Volk aber kraft seiner seit den Altvordern angesammelten Schätze an Idealgütern befähigten, eintretenden Falls einen Enthusiasmus zu entwickeln, der wie im Befreiungsjahr 1813 elementar durch die Lande brauste, die Entäußerung alles Materiellen zu Gunsten des Ideals in Flammenschrift auf den Fahnen führend, ein Enthusiasmus, der in den Kriegsjahren 1864, 1866, 1870 und 71 aufs neue siegreich in die Erscheinung trat. Aller tüftelnder Geistreichtum, der heute so vielfach mit Worten und Dingen spielt, um die eigene Persönlichkeit modisch in griechisches Feuer zu setzen, erhält diesen hohen Sinn im Volkstum nimmer wach. Und aller Spott, alle Ironie, mit der man die tiefreichenden Volksanschauungen heute vielerorts in Literatur, den bildenden Künsten und dem Leben zu Gunsten eines Witzes lächerlich zu machen trachtet, wird den Parteigängern im letzten Grunde selbst zum Schaden gereichen.
Die Mode ist vergänglich, das Ideal unsterblich. Aber daß es nicht für eine ganze Zeitspanne verstümmelt und einer aufblühenden Generation entzogen werde, dafür, ihr Herren, ist ernstlich Sorge zu tragen. Die Ideale im Volksleben sind die Wurzeln eines kraftvoll vorwärtsstrebenden, in sich gefestigten Staatswesens. Sie sind die Stützen zur Macht. Sie schaffen den Glauben an eine große Vergangenheit und die Hoffnung auf eine große Zukunft. Nehmt einer Nation ihre Ideale, und ihr zeigt ihr den Weg zur Internationalität. Der Kunst aber liegt es vor allem ob, die Hüterin der Volksschätze zu sein, sie zu hegen und zu pflegen, damit sie einst in der Stunde, in der das Vaterland an die Ideale appelliert, nicht an ausschlaggebendem Wert eingebüßt haben. Und, ihr Herren, lassen Sie es mich an dieser Stelle aussprechen: das große Wort: ›Die Kunst ist international‹, hält vor der Sonne nicht stand, wollen wir nicht im gewissen Sinne zur Schablone übergehen. Es gibt so wenig eine internationale Kunst, wie es überhaupt eine internationale Kultur geben kann. Wie eine Kultur nur von ~nationalem~ Boden auszugehen vermag, soll sie nicht nach kurzem Überschwang an innerer Unhaltbarkeit jämmerlich zerfallen, so wird auch die Ausübung der Kunst und ihr innerstes Wesen stets von der ~Rasse~ abhängig sein. Eine ~deutsche~ Seele muß unsere Kunst in sich tragen, und sie muß in den Werken unserer Künstler zum sieghaften Ausdruck gelangen, soll sie frei und individuell neben der ausländischen bestehen und dermaleinst in der Kunstgeschichte als Epoche bezeichnet werden. Daran laßt uns in Düsseldorf festhalten, und wir werden die Düsseldorfer Kunst wieder an der Spitze marschieren sehen trotz aller französierender Mantelträger da draußen. Ihr Herren! In diesem Sinne trinke ich auf die Stadt Düsseldorf!«
Das war Heinrich von Springes Maienrede.
Er hob seinen Bowlenhumpen und trank ihn bis zur Nagelprobe aus.
Und die Alten und die Jungen drängten sich um ihn herum. Man stieß mit ihm an, man schüttelte ihm die Hand, man sprach auf ihn ein und klopfte ihm auf die Schulter. Doch als er sich nach Hans Steinherr umwandte, sah er gerade noch, wie dieser still den Saal verließ.
Da stellte auch Springe sein Glas hin, holte seinen Hut aus der Garderobe, und als er auf der Straße stand und den Freund zwischen den Bäumen des Hofgartens verschwinden sah, folgte er ihm aus der Ferne. —
Hans Steinherr gedachte einen Abschiedsgang zu tun.
Während er den einstigen Mentor im ›Malkasten‹ reden hörte und alle Glocken des Lebens um ihn läuteten, fühlte er sich einsamer und überflüssiger denn je. Seine Ideale lagen zertrümmert, und dem Menschenkind, das allein ihm hätte aufbauen helfen können, hatte er einst selbst die Wege gewiesen.
Schluß der Tragikomödie! tönte es in ihm — Vorhang nieder, bevor du an Altersschwäche eingehst! Sei ein Mann!
Und während um ihn herum das lachende Leben mächtiger erbrauste, hatte Hans Steinherr ruhig und schweigend seinen Tod beschlossen.
Der volle Mond stand über dem Hofgarten, den Steinherr langsam durchwanderte. Wie Silber rieselte es an den grünen Zweigen und Stämmen herab. Die ganze Landschaft lag in Silber und Grün. Links ihm zur Seite murmelte der glitzernde Düsselbach, und durch das frühlingsprangende Gebüsch blinkten die weißen Teiche, auf denen träumende Schwäne stille Bahnen zogen. Der Zauber der Romantik lag ausgebreitet über dem Kleinod des Niederrheins.
Und weiter wanderte er, bis er durch die Nacht die Wogen des Rheinstroms klingen hörte und die rastlos drängenden Wassermassen sah. Er schaute den Strom hinab und hinauf, und wieder hinauf und hinab. Mit einem langen, dankbaren Blick. Dann wandte er sich zur Stadt zurück und schritt, am Hohenzollernschloß, dem Jägerhof, vorbei, die Pempelforterstraße entlang.
Da lag das kleine, baufällige Haus, in dem Hannes ihre Jugend verbracht hatte, in dem er das junge, sonst so trotzige Geschöpf zum ersten Male in seiner süßen Weichheit unter Rosen gesehen hatte. Unter ~seinen~ Rosen. Er entsann sich ganz genau, wie er die Blumen selbst am frühen Morgen im Garten abgeschnitten hatte. Die Rosen aber, die sie jetzt schmückten, waren nicht mehr die seinen, und das alte Haus wurde nun abgerissen.
Er konnte nicht anders, er nahm den Hut ab, wie zum Gebet. Seine Augen lagen tief eingesunken und erloschen in ihren Höhlen.
Als er sich endlich losriß, sah er einen Menschen neben sich stehen.
Es war Springe.
Wortlos standen sich die beiden Männer gegenüber. Dann nahm der Ältere sanft den Arm des Jüngeren.
»Komm nach Hause, Hans!«
»Ich bin auf dem Wege.«
»War der Umweg so dringend nötig?«
»Ja, Alter, er war nötig.«
»Hans,« sagte der andere und faßte ihn unwillkürlich fester am Arm, »du hast mir noch nie so schlecht gefallen wie in dieser Mondbeleuchtung.«
»Das wird sich bis morgen geändert haben.«
»Rede nicht so delphisch. Ohne Grund hast du nicht gerade diese Route zum Nachhausegehen gewählt. Du führst etwas im Sinne. Das — das sah vorhin einem Abschiednehmen ganz verteufelt ähnlich. Hans! Sei offen gegen mich. Du willst uns verlassen, dich treibt es wieder fort ...«
»Und wenn es so wäre. Wir hätten alle Ruhe.«
»Ruhe —? Du, schau mich einmal an. Ganz frei, ganz ohne Rückhalt, so, wie du als Junge konntest —«
Und plötzlich durchfuhr es den Mann. Er hatte in diesem stillen, lächelnden Blick etwas gelesen. Er glaubte sich zu täuschen. Er faßte den seltsam ruhigen Freund bei den Schultern und starrte ihm in das weiße Gesicht. Es war kein Zweifel mehr, er hatte Klarheit.
»Hans,« brachte er mühsam hervor, »Hans, das darfst du nicht. So weit sind wir, bei Gott, noch lange nicht! In acht, in vierzehn Tagen bist du gesund, ich garantier’ es dir. Aber das darfst du nicht!«
»Was ist denn Großes dabei — bei einer Reise!«
»Lüge nicht, Hans! Du kommst nicht wieder, wenn du reisest; du — du willst dich töten ...«
Das Wort war gesprochen, und atemlos wartete Springe auf ein Echo.
»Lieber Heinrich,« sagte Hans Steinherr ernst, »so lieb ich dich habe: in meine letzten Entschlüsse einzudringen oder gar einzugreifen, dazu gebe ich niemand das Recht. Auch dir nicht.«
Heinrich Springe nahm sein Herz in beide Hände. Er zwang sich mit aller Gewalt zur Ruhe, zur kühlen Überlegung. Hier war nur Kaltblütigkeit am Platz.
»Hans,« sagte er, »ich sehe, du entziehst mir dein Vertrauen, obwohl ich nun genug weiß. Aber was hilft mir das Wissen! Über dein Leben habe ich nicht zu verfügen, und wollte ich es doch tun, so würd’st du schon Mittel und Wege genug finden, um dein Vorhaben auszuführen. Nur einen Aufschub verlang’ ich.«
»Dies ist die letzte Nacht.«
»Wann hast du es beschlossen?«
»Vor einer Stunde.«
»Vor einer Stunde erst? Und jetzt schon —? Hans, so stehlen sich Kassendefraudanten aus dem Leben oder unreife Knaben. Nicht Männer, die da wissen, daß sie eine Mutter und Freunde zurücklassen. Du wirst noch eine Nacht darüber hingehen lassen, du wirst den Mut bekunden, am hellen, lichten Tag deinem Vorhaben ins Auge zu sehen. Du wirst dich zur Ruhe legen, und wenn du morgen früh ausstehst und du sagst mir: Es bleibt dabei — so will ich gehen und dich nicht mehr hindern. Daraus gebe ich dir mein Ehrenwort, mein heiliges, nie gebrochenes Wort.«
»Es ist zwecklos, aber ich will dir den Wunsch erfüllen. Komm mit! Du kannst mich sogar überwachen.«
Schweigend schritten sie durch die mondbeglänzte Frühlingsnacht, die tausendfältig das Leben gebar.
Zehntes Kapitel
»Was wünschest du, das geschieht?« fragte Hans Steinherr wie ein freundlicher Wirt, als sie in seinem Hause an der gartenbekränzten Grafenbergerchaussee angelangt waren und Heinrich Springe rastlos durch das Zimmer wanderte.
Der Angeredete unterbrach seinen Gang.
»Hans —!« sagte er, und er legte alle Liebe und alle Innigkeit in den Ton. Er ging auf ihn zu, faßte seine Hände und suchte seinen Blick. »Hans — —!«
Der aber schüttelte stumm verneinend den Kopf.
»Hans,« fuhr Springe eindringlicher fort, »du kannst es ja nicht wollen. Du hast ja vergessen, an deine Mutter zu denken. Ich will von niemand sonst reden. Nur von deiner Mutter ...«
»Meine Mutter,« sagte Hans Steinherr und sah zur Seite, »meine Mutter ist durch das Glück geschützt. Der Verlust, der sie trifft, wird an ihrem Reichtum nichts ändern.«
Er holte tief Atem. Dann fand er ein ruhiges und entschlossenes Wort: »Heinrich, mache keinen weiteren Versuch. Laß mich nicht bereuen, daß ich dich nicht auf der Stelle abgewiesen habe. Ich versprach dir, die nüchterne Überlegung am Morgen abzuwarten, obschon sie nicht nüchterner ausfallen kann. Mehr kann ich nicht und mehr will ich nicht. Das — ist mein letztes Wort.«
»Hans — —!«
Aber als der Freund sich abwandte, müde der Erwiderungen, ließ Springe von jedem Überredungsversuch ab, trat hinter ihn und legte schonungsvoll den Arm um ihn.
»Komm, ich bringe dich in dein Zimmer. Du sollst jetzt ruhig schlafen.«
Hans Steinherr lächelte leise über die sorglichen Bemühungen, aber er ließ sie geschehen.
Sie gingen die Treppen hinauf, in das obere Stockwerk, in dem das Schlafzimmer lag. Dort ließ sich Hans schweigend auf das Ruhebett fallen.
»Laß die Lampe brennen, Hans. Licht ist gut gegen einsame Gedanken. Und ich möchte von Zeit zu Zeit nachsehen kommen, ob du eingeschlafen bist oder den Wunsch hast, mich zu sprechen. Gute Nacht, Hans; ich wünsche dir mit aller Bedeutung eine ~gute~ Nacht!«
Unten im Hausflur blieb er stehen und horchte angespannt. Dann stieg er schnell ins Souterrain hinab und klopfte behutsam an der Tür der Wirtschafterin. Die Alte hatte den leichten Schlaf des Alters. Sie erwachte sofort und fragte, ob der Herr Doktor noch ein Verlangen habe.
»Bitte, Frau Schmitz, stehen Sie gleich auf! Ich bin’s, Heinrich von Springe. Sie müssen mir eine Gefälligkeit erweisen.«
In wenigen Minuten hatte die erschrockene Person ihre Kleider übergeworfen. Springe beruhigte sie.
»Es ist nichts. Herr Hans fühlt sich nicht ganz wohl. Aber ich möchte doch auf alle Fälle mit Fräulein Stahl sprechen. Gehen Sie doch bitte sofort zur Immermannstraße — die Dienstmädchen machen leicht eine übertriebene Geschichte daraus — und ersuchen Sie Fräulein Stahl in meinem Namen, sich gleich herzubemühen. Das Fräulein versprach mir, aufzubleiben, bis ich aus dem ›Malkasten‹ zurück sei. Wir wollten noch plaudern.«
»Soll ich nicht,« fragte die alte Frau ängstlich, »gleich einen Doktor mitbringen?«
»Das wird hoffentlich nicht von nöten sein. Eilen Sie nur!«
Er sah ihr vom offenen Fenster aus nach, wie sie in ihrem großen Umschlagetuch eilig die Straße dahintrippelte.
Eine qualvoll lange Stunde begann für den Mann am Fenster. Er zog die Uhr. Es war eins. Vor zwei Uhr konnte Hannes nicht eintreffen. Und wenn sie nicht aufgeblieben, wenn sie schon zur Ruhe gegangen war? Aber nein, sie hatte ja am Abend erst versprochen, zu warten. Es drängte sie ja viel zu sehr, zu hören, ob der heitere Abend günstig auf Hans eingewirkt habe. Sie wollten ja noch Pläne miteinander schmieden, allein, ohne von den anderen gestört zu werden.
Hannes würde kommen; Hannes würde ganz bestimmt kommen!
Fern, aus einem der Gärten, tönten die langgezogenen Koloraturen einer Nachtigall. Sobald ihr Ruf in einem Triller erstarb, antwortete eine andere. Hin und her ging das Spiel, im Lauschen und im Schwelgen.
Aber Springe hatte heute keinen Sinn für den Wohllaut der Nacht. Als er sich dennoch beim Horchen ertappte, riß er sich ärgerlich los. Das Tirilieren zog ihn ab. Er hatte sein Gehör einer anderen Richtung zu schenken.
Das Viertelstundenschlagen der Turmuhren erschien ihm endlos. Er tastete nach seiner Zigarrentasche. Aber jetzt zu rauchen, kam ihm wie ein Verbrechen vor. Er verspürte auch nicht die geringste Lust.
Eben hatte es dreiviertel zwei geschlagen, und seine Nervosität war gestiegen, daß er die Zähne zusammenbeißen und die Fingernägel in das Fensterbrett einkratzen mußte. Herrgott, das ging ja über Menschenkräfte. Das war ja wie eine Nacht vor dem Schafott. Schlimmer, schlimmer. Da oben lag ein Mensch, den Tod vor Augen, und er stand hier unten, tatenlos, wie ein Publikum. Er fühlte, wie auf seiner Stirn große, kalte Tropfen standen. Und da draußen dieses schwelgende Nachtigallenkonzert, als gäbe es jetzt auf der weiten Welt nichts Dringenderes zu tun, als Liebeslieder zu singen ...
Ein Schritt! Ein ganz hastiger Schritt! — —?
So weit, als er es vermochte, beugte sich Springe aus dem Fenster, um die Straße zu übersehen.
Da! Das Mondlicht schuf taghelle Beleuchtung. Eine Frau! Eine Frau im Umschlagetuch ...! Heiliger Vater im Himmel, die Frau kam allein zurück!
Er stürzte nach der Haustür, er öffnete —
Es war Hannes.
Der Umschwung seiner Empfindungen war so stark, daß er sich einen Atemzug lang gegen die Tür lehnen mußte — daß das Mädchen in jäher Angst nach seinen Armen griff — daß sie Entsetzliches befürchtete —
»Nein, nein!« stieß er hervor. »Es kam nur — ich dachte — Frau Schmitz käme allein. Ich sah nur das große Umschlagetuch. Wenn man in der Nacht wartet, spielt die Phantasie Streiche. Mädel, Mädel, Gott Dank, daß du da bist!«
Er drückte geräuschlos die Tür ins Schloß und führte das Mädchen vorsichtig ins Zimmer.
»Du warst noch auf, als die Frau kam? Hat keiner etwas gehört?«
»Ich stand am Fenster, Onkel, und öffnete ihr, ohne daß sie zu läuten brauchte. Als sie mir deine Bestellung ausgerichtet hatte, nahm ich gleich ihr Umschlagetuch, ohne erst den Hut zu holen, bat die Frau, an meiner Stelle dort zu bleiben, für den Fall, daß Großmutter zufällig aufstehen und nach mir sehen sollte, und hastete hierher. Aber so sprich doch um Gottes willen, was ist? Was ist mit Hans?«
Und in fliegender Eile berichtete er ihr die Vorgänge des Abends.
»Was ich auch vorbrachte, Hannes, alles war vergebens. Er war fertig mit sich. Er hatte Abschluß gemacht. Das einzige, was ich in meiner Todesangst erzielte, war der Aufschub bis zum Morgen. Und bis dahin ist nicht mehr weit.«
Hannes stand blaß vor ihm, aber sie stand aufrecht. Die großen, tiefen Augen weit geöffnet, ging ihr Blick an ihm vorbei.
»Nein, Onkel Springe, so spät ist es noch nicht.«
»Ich wußte mir keinen anderen Rat als dich.«
»Ich danke dir, Onkel Springe, Hat er von mir noch gesprochen?«
»Nein, Kind. Aber das beweist nichts. Viel eher ...«
»Onkel Springe,« sagte sie, bevor er vollenden konnte, »ich muß sofort zu ihm.«
»Ich hatte das erwartet,« murmelte Springe, »aber es mußte von dir ausgehen.«
»Willst du mich hinbringen? Wo ist er jetzt?«
»Ich habe ihn dazu bewogen, sich zur Ruhe zu legen. In seinem Schlafzimmer.«
Aus den letzten Worten hörte sie die zögernde Frage heraus. Da sah sie ihn ernst an.
»Wie kann mich das hindern! Komm, Onkel Springe. Und dann, nicht wahr, dann läßt du mich allein.«
In Springes Brust stieg eine breite Atemwelle auf. Er antwortete nichts als: »Ich wußte es ja, ich wußte es ja. In dir täuscht man sich nicht.«
Dann ging er ihr voran in das obere Stockwerk und öffnete leise die Tür zu Hans’ Zimmer.
Hans Steinherr lag auf dem Ruhebett, ganz still, das Gesicht der Wand zugekehrt.
»Bist du es, Heinrich?« fragte er und wendete ein wenig den Kopf.
Hannes hatte die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt. Jetzt, allein mit ihm, schlug ihr das Herz so rasend, daß ihr schwindelte. Aber sie bezwang sich mit aller Tapferkeit, trat rasch an ihn heran, beugte sich über ihn, und bevor er einen Schrei der Überraschung auszustoßen vermochte, hatte sie ihre Lippen fest auf seinen Mund gepreßt, als müßte es so sein — —.
»Hans, mein alter, lieber Hans! Nun sage mir, was dir fehlt.«
Hans Steinherr versuchte zu sprechen. Er rang nach Klarheit, nach Bewußtsein. Mit entsetzten Augen starrte er die Erscheinung an, von der er nicht wußte, wie sie zu dieser Stunde in dieses Zimmer kam. Und sie strich mit ganz weicher Hand über diese wilden Augen und sagte nur immer: »Mein alter, lieber Hans ...«
Noch einmal versuchte er, die Lippen zu bewegen. Aber es kam kein Ton. Sie sah nur, wie seine Schultern schütterten, und sie hinderte ihn nicht. Vielleicht, daß er weinte — —. Nur mit zärtlichen Fingern strich sie über sein Haar und wiederholte von Zeit zu Zeit: »Alter, lieber Hans! Glaubtest du denn wirklich, daß ich dich so gehen lassen würde? Einfach gehen lassen?«