Die vom Niederrhein

Part 25

Chapter 253,834 wordsPublic domain

Hans verstand zwar nicht recht, weshalb sich der alte Herr gerade heute so unbändig über die charmante Frau freute, aber er nahm an, daß das wohl die Normalempfindung Herrn Friedrich Leopolds gegenüber Frau Margot sei, und dankbar tat er Bescheid. Die Trinksprüche waren indes noch nicht zu Ende.

»Einmal ist keinmal, nicht wahr, Frau Stahl? Aber dreimal — das können Sie durch die einfachste Addition feststellen — das ist dreimal. Das dritte Glas also — Was? Ich soll vor Tisch nicht mehr trinken? O, wenn Sie ahnten, wem wir dies dritte Glas bringen, hätten Sie schon aus purstem Familienegoismus geschwiegen. Das dritte Glas unserem Prachtmädel, unserem Hannes. Marke: Stahl!«

Er drängte der alten Freundin ein Glas auf, verbeugte sich höfisch und ließ die Gläser fein aneinander klingen.

Hans Steinherr fühlte eine sich steigernde Beklommenheit. Rasch trat er auf die alte Frau zu und hielt ihr das Glas hin.

Die Greisin sah ihm, ohne eine Gemütsregung zu äußern, ruhig in die Augen und stieß mit ihm an. Dann wandte sie sich dem alten Herrn zu, der am liebsten sofort in eine allgemeine Fiduzität hineingesegelt wäre, und sagte warnend: »Herr von Springe, Frau Margot und Ihr Herr Sohn erwarten uns in einer Viertelstunde drüben zu Tisch. Und Sie sind noch immer in der Hausjoppe.«

»Donnerwetter,« meinte Herr Friedrich Leopold, »eine Berufung auf Frau Margot, das heißt so viel als: stramme Haltung! Na, nimm’s nicht übel, mein Sohn, daß ich verschwinde. Ich lass’ dich ja, während ich Gala anlege, in der allerbesten Gesellschaft zurück.«

Dann war Hans Steinherr mit Frau Stahl allein.

Er saß auf seinem Stuhl, vornübergebeugt, die Arme auf den Lehnen, und beobachtete sinnend jede ihrer Bewegungen, während sie ab und zu ging, den Tisch in Ordnung brachte und sich im Zimmer zu schaffen machte.

»Wissen Sie noch, Frau Stahl, wie ich an dem Sonntag zu Ihnen kam, drüben in der Pempelforterstraße, und bei Ihnen Kaffee trank?«

»Weshalb sollte ich das nicht mehr wissen, Herr Doktor?«

»Wie lang’ ist das her! — — Ich war damals noch ein Junge.«

»Das kann ich nicht beurteilen, Herr Doktor.«

Er zuckte zusammen. Sie hatte ihn falsch verstanden oder mißverstehen wollen.

»Haben Sie gute Nachrichten von — von Hannes?« fragte er nach einer Pause.

»Ich danke. Man muß schon zufrieden sein, wenn sie gesund bleibt.«

»Haben Sie denn — haben Sie denn Besorgnisse? Ich meine: Ihre Enkelin fühlt sich doch wohl?«

»Sie sind sehr freundlich, Herr Doktor. Meine Enkelin hat bis heute noch nicht geklagt.«

Wieder die Pause, die kein Ende nehmen wollte. Nur das mechanische Klappern von Stricknadeln.

Da erhob sich Hans Steinherr von seinem Stuhl und ging zu der alten Frau hinüber.

»Frau Stahl, ich bin nach Düsseldorf zurückgekommen, um meinen Frieden zu schließen, mit meinen Angehörigen und, wenn es angeht, auch mit mir. Meine Mutter hilft mir, Heinrich Springe und der alte Herr helfen mir — wollen Sie allein nicht?«

»Wir sind doch nicht Ihre Angehörigen, Herr Doktor.«

Hans Steinherr preßte die Lippen zusammen. Dann streckte er die Hand aus und sagte leise: »Verzeihen Sie mir!«

Die Greisin ließ das Strickzeug in den Schoß sinken und sah ihn mit großen Augen an.

»Ich habe Ihnen nichts zu verzeihen, Herr Doktor. Ob Ihnen Johanna was zu verzeihen hat, das hat sie mir nie gesagt.«

»Doch, Frau Stahl. Sie — gerade Sie. Sie haben mich damals voll Vertrauen auf meine Ehrlichkeit in Ihr Haus aufgenommen und mich Einblicke in ein starkes, stolzes Leben tun lassen. Jeder andere wäre daran gewachsen. ›Scham ist Feigheit,‹ sagten Sie damals. Mein Wankelmut hat das Wort traurig bestätigt, ich mußte erst noch einmal durch die Schule gehen, um es in seiner Wahrheit verstehen zu lernen. Frau Stahl, ich bin nicht mehr feige, ich bin nur noch beschämt. Vielleicht halten Sie es der Mühe wert, dies trübe Geständnis entgegenzunehmen.«

Die alte Frau rückte unruhig auf ihrem Stuhl.

»Wenn ich Ihnen von der Beschämung abhelfen könnte — —. Aber gute Lehren sind Stroh statt Hafer.«

»Verzeihen Sie mir!« sagte er noch einmal leise.

Sie sah zu ihm auf. Sie sah sein müdes Gesicht und das Ruhebedürfnis in seinen Augen. Und dann erhob sie sich und nahm seine Hand an. Sie packte sie mit festem Druck und hielt sie in der ihren. Irgend etwas wollte sie sagen. Doch sie nickte nur, ließ seine Hand los und ging in ihre Küche.

»Ich hätte es nicht ertragen,« murmelte Hans Steinherr; »von allen, nur von ihr nicht. Nun ist mir freier.«

Er nahm seinen Platz wieder ein und wartete auf Herrn Friedrich Leopold, der bald erschien.

»Oho — so ganz solo? Ja, mein Sohn, weiß man denn außerhalb Düsseldorfs nicht mehr, wie man Süßholz raspelt? Ausgerissen ist dir die verehrte Frau? Du bist zu schüchtern, Hans.«

Er strich sich den weißen Schnurrbart hoch und klopfte behutsam ein Stäubchen vom Rockärmel.

»Tipp topp, gelt? Als wenn’s zum Tanzen ging’.«

Draußen wurde an der Schelle gerissen, daß es Sturm läutete.

»Das sind die jungen Leute von drüben,« sagte Herr Friedrich Leopold, »überschüssige Kraft.« Und er ging öffnen.

Dann stürmte Heinrich Springe ins Zimmer. Frau Margot folgte gemütlich am Arme des Vaters.

»Da bist du ja, Hans. Herrgott, wie ich mich freue! Und rote Backen hat er schon gekriegt, ordentlich rote Ba —« Sein Blick fiel auf den Senior. »Du, sag mal, du hast ja auch rote Backen gekriegt, aber so verdächtige? Ihr habt wohl das Krökelspiel gespielt, vom frommen Klausner? Ah, sieh da, der stumme Zeuge. Rauentaler Auslese. Hm, hm, hm. Margot,« wandte er sich an seine Frau, »wirf doch den Plebejer, den Zeltinger, aus dem Eiskühler. Die Herren haben bereits anders bestimmt.«

Der alte Herr aber freute sich, als ob er den Sohn mit einer brillanten Pointe hineingelegt hätte.

Dann ging es zu Tisch. Hans Steinherr führte die Mutter, Herr Friedrich Leopold holte Frau Stahl herbei, und Heinrich Springe machte den Beschluß. Feierlich zogen sie über den Korridor in die andere Wohnung hinüber.

Nach der Tafel verlangte es Hans, die Fabrik zu sehen. Inmitten der Fröhlichkeit war plötzlich ein Drang nach Tätigkeit in ihm erwacht. Er bat, ihn für den Nachmittag zu entschuldigen, und versprach, sich zum Abend wieder einzustellen.

Langsam wanderte er durch den frischen Tag hinaus nach Bilk. Hier bleiben können, hier bleiben können! tönte es in ihm. Er reckte sich in den Schultern, und es war ihm, als spürte er neues Blut.

Wie die Sonne dort über dem Feldstreifen zittert. Gerade, als ob es schon Frühling wäre ... Und dann sprach er vor sich hin: »Die Heimat. Die Heimat. Das hier ist die Heimat ...«

Manchmal blieb er stehen und sog aus tiefen Lungen die frischwehende Luft ein. Alles schien ihm in Glanz eingehüllt, und obwohl die Landschaft hier nichts Anziehendes bot und ringsumher die Mauern und Schornsteine der industriellen Werke emporragten, glaubte er, selten ein schöneres Bild gesehen zu haben.

Und er malte es sich verlockend aus, hier wieder Wurzel zu schlagen, unter diesen Menschen hier wieder das Lachen zu lernen, durch angespannte Tätigkeit sich die Achtung zu verdienen und — ja, ja! weshalb sollte es nicht möglich sein! es mußte sich auch das ermöglichen lassen bei tapferem Ausharren und unermüdlichem Werben — und am eigenen Herd das Glück festzuhalten. »O, du Jugendkraft, du, du! Die vom Niederrhein haben dich in Erbpacht!«

Warm lief es ihm durch alle Glieder. Die Märzsonne hatte für ihn Juliglut. — —

Bis zum späten Abend war er in der Fabrik geblieben. Er hatte die Feierabendglocke gehört und die Scharen geschwärzter Arbeiter unter dem Fenster des Privatbureaus vorüberwallen sehen, während er immer noch saß und sich von dem Leiter der Werke einen Überblick über die Geschäftslage geben, Pläne vorlegen, den Gang der Fabrikation erläutern ließ. Und je länger er saß, umso schärfer und quälender wurde die Entdeckung, daß ihm jeder Sinn für das fehlte, was ihm der Teilhaber der Firma Philipp Steinherr doch so klar und übersichtlich an Hand der Bücher, Karten und Tabellen vortrug, daß er nie den Sinn dafür erlangen würde. Denn die genialste Berechnung, in technischer wie in kaufmännischer Beziehung, rüttelte kein außergewöhnliches Interesse in ihm wach. Mit stumpfer Bereitwilligkeit hörte er zu und stellte immer nur sein Unvermögen fest.

Er hatte sich von dem Teilhaber, der noch einige wichtige Arbeiten zu erledigen wünschte und deshalb noch nicht in die Stadt hineinfuhr, mit herzlicher Danksagung verabschiedet, den Wagen abgelehnt und den Heimweg zu Fuß angetreten. Aber die Sonne war fort, und die Frühlingsahnung war fort. In seinem Innern waren alle die hoffnungsfröhlichen Stimmen des Nachmittags jäh verstummt, so angstvoll er auch horchte.

Und plötzlich warf er sich an einer Böschung nieder und preßte sein Gesicht verzweifelt gegen die Heimatserde.

»Es ist ~nichts~ mehr, es ist ~nichts~ mehr. Es ist ja alles verpfuscht! — — —«

Neuntes Kapitel

Der erste Tag im Mai!

Wieder war Düsseldorf, das glücklich gelegene, den anderen Städten im Reich um reichlich vierzehn Tage vorausgeeilt, im Hofgarten rauschten die vollbelaubten Kronen der Bäume, das Gesträuch war mit Blüten übersät, und der Flieder duftete über die ganze Stadt.

Seit einer Woche hatte in der Immermannstraße Hannes Einkehr gehalten.

Sie hatte eine anstrengende Tournee hinter sich, aber sie fühlte sich, wie sie lachend versicherte, trotz alledem elastisch wie eine Haselgerte und gedächte sich nur deswegen sechs Monate auf die faule Seite zu legen, um den nötigen Vorrat an Düsseldorfer Luft zu sammeln.

»Man muß doch zuletzt wissen, wo man ›zuständig‹ ist,« erklärte sie Heinrich Springe, »wenn man nicht ganz verzigeunern will. Und das Zigeunertum — ach Gott, das ist eine schöne Lüge.«

»Du, Mädel, so schlau wie du ist nun auch der Hans. Ganz still und beschaulich ...«

»Er gefällt mir nicht,« sagte sie, »ich wollt’, er schlüge Skandal.«

»Na, hör mal, so was von Radaulustigkeit — —! Du wirst wohl noch nach Oberkassel tanzen gehen?«

»Dem Hans tät’s vielleicht gut. Es riss’ ihn aus seiner Beschaulichkeit.«

»Aber Kind, gerade über die Beschaulichkeit sind wir ja so herzensfroh!«

»Ihr seid liebe Menschen,« sagte sie und lehnte sich an seinen Arm, »ihr denkt nur Gutes und Gesundes, weil ihr selbst gut und gesund seid.« Sie sah zu ihm auf, ohne sich an seiner Schulter zu rühren. »Wißt ihr denn, was es mit dieser stillen Beschaulichkeit von Hans auf sich hat? Ach, Onkel Springe, ich habe es gleich gewußt. Er beschaut seine Wunden.«

»Hannes!« rief Springe erschrocken und zog das Mädchen mit einem Ruck an sich, »Hannes, was willst du gleich gewußt haben? Herrgott, sollten wir denn wirklich blind gewesen sein? Und du — du meinst — du hätt’st recht?«

Sie sah ihn noch immer an und nickte mit traurigen Augen.

»Es ist so, Onkel Springe. Wundert es dich, daß ich dafür ein feineres Verständnis habe als ihr?«

Auf die Frage war Springe nicht vorbereitet, und er fand kein Wort der Entgegnung. Aber sein gerades, ehrliches Herz erkannte die gleichgesinnte Natur und schwoll empor bei diesem offenen Eingeständnis.

»Mädel, Mädel,« brachte er nur heraus und fuhr ihr mit breiter Hand über Haar und Gesicht, »was bist du für ein Mädel!«

Das war nicht geistreich, das empfand er selbst. Aber für ihn gab es in diesem Augenblick alles wieder, und für sie auch; und das war ihnen beiden die Hauptsache.

»Was fang’ ich nur an, um ihn aus dieser verdammten Beschaulichkeit wieder ’raus zu kriegen, Hannes? Ich schäm’ mich ja zu Tod’. Beinah — beinah — na, muß ich’s sagen? Beinah wie in Berlin, Kurfürstendamm: und Heinrich Springe ging hinaus und weinte bitterlich, weil er sich aus einem finsteren Cato in einen Pudel verwandelt hatte, der vor zwei schönen Frauenaugen hübsch Apport machte. O Gott, o Gott, Hannes, sag das nur keinem wieder! Wenn ich damals nicht dich gehabt hätte! Wie ein Chirurg gingst du los ... Ihr Frauen seid doch die geborenen Ärzte.«

»Du, Onkel —«

»Gut,« sagte Springe und drückte ihr die Hand. »Wenn ich nämlich an ~die~ Affaire denke, wird mir immer noch glühheiß. Das brauchte nur Margot zu wissen. Ich läge platt unterm Pantoffel. Also sprechen wir wieder von Hans; schon, damit ich meine Haltung wiederfinde.«

»Onkel,« sagte das Mädchen nachdenklich, »ich glaube, ihr drückt ihn zu sehr mit eurer Liebe. Da kommt er sich vor wie ein Invalide, wie ein Almosenempfänger. Mit solchen Kranken muß man sich frisch-fröhlich herumzanken, ihren Widerspruchsgeist wecken. Der Mensch fühlt sich nie gesünder, als wenn er widersprechen kann. Das steigert sein Selbstgefühl und macht ihn trotzig.«

»Ob Trotz gerade die richtige Tugend ist — —?«

»O, du unkluger Mann! Trotz gibt nach, und dann ist der Trotzige der Gebende. Aber Resignation, die nachgibt, bleibt die Empfangende. Das verträgt kein Mann auf die Dauer an sich selbst.«

»Sag mal, Kind, ich hoffe, diese Weisheit hast du nur aus deinen Arien.«

»Sie ist mir über Nacht gekommen, seit ich Hans gesehen habe.«

»Und was soll ich tun? Jetzt stehe ich blind zu deiner Verfügung.«

»Suche ihn zu zerstreuen, bring ihn unter Männer, rede mit ihm über Dinge, die ihm am Herzen liegen, über Kunst, über Literatur, und zeig dich unwissend, dreist oder ungeschickt, damit seine Empörung wach wird, seine Verteidigungslust; damit er ins Feuer gerät. Ach, Onkel, wenn ich könnte, wie ich wollte —«

»So will doch, Kindchen! Du nähmst mir da wirklich ein Kommissiönchen ab.«

Sie schüttelte den Kopf, und auf ihrer Stirn grub sich die Falte, die sie als Kind so oft gezeigt hatte.

»Ich kann mich doch nicht wegwerfen,« murmelte sie. »So was tut man wohl in der Stunde der Gefahr, aber doch nicht aus freien Stücken. Das säh’ ja aus, als ob ich Sonderinteressen dabei verfolgte.«

»Wenn du ihn lieb hast ...« fragte Springe unsicher.

»Weil ich ihn lieb habe, weil, weil! ~Er~ soll gesund werden, nicht ich. Ich — ich bin’s ja.«

»Das weiß Gott!« sagte Springe herzlich. »Und jetzt versteh’ ich dich auch ganz. Seinen Stolz willst du.«

»Ja,« sagte sie leise, mit einem versonnenen Lächeln, und sie hatte nasse Wimpern.

»Ich werde es einmal mit Herrn Friedrich Leopolds Rezept versuchen,« entschied Heinrich Springe. »Der Wein erfreut des Menschen Herz, und heute, am ersten Mai, fließt im ›Malkasten‹ die allgemeine Maibowle. Da kommen die Malmännlein aus Höhlen und Klüften, Hunderte an der Zahl. Und viele — ach, wie viele! — waren beim Barbarossa im Berg und haben geschlafen, die Zipfelmütze über beide Ohren, einen gottgesegneten Schlaf. Da verwandelte sich der Pinsel in ihrer Hand zum Weißquast, und die heilige Ölfarbe zur unheiligen Tünche. Aber ein Geschwätz machen sie, ein Geschwätz, sag’ ich dir, daß den umsitzenden Künstlern graut. Hans soll es mitmachen!« — —

Hans Steinherr war in der letzten Woche nur zweimal in Burg Springe als Gast erschienen. An dem Tage, an dem die Familie Hannes feierlich am Bahnhof eingeholt hatte, war er erst zur Abendstunde gekommen.

Im Besuchsanzug, einen Strauß Flieder in der Hand, war er ins Atelier eingetreten, in dem das Mädchen vor einem neuen Werke Springes, einem schlummernden Parkteich, überwacht von dichtgedrängten, blühenden Kastanien, stand.

Als sie seinen Schritt vernahm, wandte sie sich um.

»Guten Tag, Herr Hans. Wie geht es Ihnen? Ich freue mich, Sie wiederzusehen.«

Und er hatte auf das schöne, in sich gefestigte Geschöpf hingestarrt, und als er die Lippen bewegte, um zu erwidern, spürte er, daß in ihm etwas zerrissen war, in diesem Augenblick.

»Hannes, Fräulein Hannes ...« sagte er mit Anstrengung, und dann bot er ihr zögernd die Hand, die die Blumen hielt, und sie nahm die Blumen und nahm seine Hand.

»Wie aufmerksam von Ihnen! Haben Sie herzlichen Dank!«

»Sie sind aus dem Garten draußen,« sagte er, um nur seine Stimme zu hören. »Der Frühling kam zeitig dies Jahr.«

Sie nickte und vergrub ihr Gesicht in den Strauß. Der herbe Zug um seinen Mund tat ihr weh.

Dann sprachen sie von ihren Reisen. Ganz so wie Menschen, die sich auf einer Station getroffen haben und plaudern, um die Zeit hinzubringen. Und doch achtete und wartete sie auf nichts anderes als auf ein Wort, das den alten Hans verraten würde, und alles, was er sprach, ging an ihrem Ohr vorüber, eilig, schnell zerflatternd, damit sie die Aufnahmefähigkeit behielte für das, was doch kommen mußte.

Aber es kam nicht. Der Mann, der vor ihr saß, war nicht mehr kindergläubig genug, um durch den Schleier hindurch in ihrer Seele zu lesen. Er sah nur die Zerstreutheit, mit der sie ihm zuhörte und antwortete, und sein unruhiges Gewissen gab ihm ein, daß es ihr peinlich sein müßte, dem Manne höflich und freundlich gegenüber zu sitzen, den sie als Mädchen geküßt hatte.

Einmal dachte er daran, die Vergangenheit zu berühren und sie um Verzeihung zu bitten. Aber angesichts dieser vornehm stillen Erscheinung, deren selbstsichere Haltung keinen Schluß mehr auf das wilde, zärtliche Gemüt des einstigen Hannes zuließ, schien ihm seine Anwandlung anmaßend und kindisch. Die Kinderzeit, in der ein einziges »Sei wieder gut!« die Schranken wegräumte, war nicht mehr. Hier hieß es nicht, reden, hier hieß es, zeigen. Und er hatte nur einen Bankrott aufzuweisen gegen ihre Reichtümer. Einen solchen Handel machte er nicht. Er war kein Betrüger.

So lief die Stunde ab, und das Ergebnis war der Wunsch auf ferneres Wohlergehen. Dann saß sie wieder vor dem Bild mit dem schlummernden Parkteich und den blühenden Kastanien, aber sie saß mit geschlossenen Augen.

Im Nebenzimmer begrüßte Hans seine Mutter. Hannes hörte, wie er bat, ihn zum Abendessen zu entschuldigen, und wie Frau Margot ihm doch abschmeichelte, daß er blieb. Dann saßen sie miteinander bei Tisch, und Großvater Springe war aufgeräumter denn je, und seine unbesiegbare Laune holte sich auch heute den Triumph, die Tischgesellschaft zu erheitern und die gewonnene Stimmung durchzuhalten. Später bestürmte Frau Margot Hannes um ein Lied, um ein ganz kleines nur. Aber als sie nachgeben wollte, obwohl ihr die Kehle wie zugeschnürt war, sah sie, daß Hans geräuschlos das Zimmer verließ. Da versprach sie für morgen so viel Lieder, als man zu hören wünschte, nur heute möchte sie sich schonen.

Auch Heinrich Springe hatte das stille Verschwinden des Freundes wahrgenommen und war ihm gefolgt. Als er zurückkam, teilte er mit, daß Hans nicht durch Abschiednehmen habe stören wollen. Der Junge fühle sich heute nicht recht wohl, habe aber ebenfalls für morgen alles mögliche versprochen. Und die beiden Springes, Frau Margot und selbst Frau Stahl nahmen das mit unschuldigem Herzen als ein gutes Zeichen und tauschten, heimlich sich zunickend, strahlende Blicke miteinander aus.

Hans aber war nach Hause zurückgekehrt und saß die Frühlingsnacht hindurch in der Laube und hörte nicht die Stimmen des Frühlings und hörte nur die Stimmen der Nacht.

Das ist nun vorüber, alter Junge ...

Was ist vorüber? fragte er sich mit bewußter Selbstironie.

Und er fuhr fort, sich Rede und Antwort zu stehen und den Sarkasmus wider sich selbst zu kehren.

Was vorüber ist? Nun, was denn sonst als das Wiedersehen? Oder hattest du dir gar etwas anderes gedacht, als du hingingst? Ja, mein lieber, eingebildeter Mensch, wenn du noch solche Träume spinnen konntest, wirst du jetzt belehrt sein, daß das, was du meintest, längst, längst schon vorüber ist.

Sie ist schön, nicht wahr? Wie die goldrote Haarwelle auf ihrem feinen Knabenköpfchen ruht, als wollte sie locken: Löse mich. Dich brenne ich nicht. Wenn du mich über dein Gesicht legst, will ich dich kühlen ...

Sie ist ein Märchen, gab er zur Antwort. Hast du vergessen, daß alle Märchen beginnen: Es war einmal ...?

Und wenn das Märchen dennoch Leben gewinnt und die Augen aufschlägt?

Ach, du armer Phantast, die Augen werden an dir vorübergehen. Schau dich an. Sieht so ein Märchenprinz aus? Überbleibsel bringt man nicht auf eine Königstafel, und gierige Bettler werden im Hofe abgefertigt.

Ich bin kein Bettler! brauste es ihm durch den Kopf. Ist es mir denn in den Sinn gekommen, zu betteln? Bin ich so weit herunter, daß ich auf Freibeuterei ausgehe? O nein, mein guter Hans, o nein, so viel Anstand hast du doch noch in den Knochen, um dich nicht wehleidig aufzudrängen und um Gottes Barmherzigkeit willen ein Almosen zu verlangen. Um zu erklären: Jetzt, du schöne, lachende Frau, wo es dir geglückt ist und mir nicht, passen wir besser zusammen. O nein, ich bin kein Bettler. Ich weiß sehr gut, was ich bin, und mache mir keine Illusionen.

Seine Lippen legten sich fest aufeinander, und je fester sie sich schlossen, desto heller wurde sein Auge, in dem das alte Erbgut der Kinder dieses Landes glänzte und schimmerte: der Spott, der selbst mit dem Tiefstand des Lebens noch um ein Lachen trotzt.

Und er zog die Bilanz der letzten Wochen, der Zeit, die er wieder in der Heimat zugebracht hatte, und verglich die Kredit- und Debetseite. Wieder und wieder hatte er sich aufgerafft, wie nur ein Mann es kann, und war hinausgegangen in die Fabrik, um sein Interesse mit zäher Energie zu zwingen. Aber was half all sein Wollen? So zappelt auch ein Fisch auf dem trockenen Land. Das Element, in dem er sich befand, war nicht das seine, ihm fehlte die kaufmännische Gabe und das technische Verständnis.

Dann hatte er es im stillen mit der Kunst versucht. Die Muse zwar war nicht zu beleben, denn jede Gefühlsäußerung erschien ihm wie ein Hohn, und künstlerische Formspielereien waren ihm verhaßt. Aber durch die Kunstausstellungen war er gewandert und durch die Ateliers, und er hatte sich einen Überblick verschafft über den Stand der vaterstädtischen Kunst, über den neuen, urwüchsigen Heimatstrieb und über den alten Zopf. Das war ein Gebiet, das er beherrschte, und hiefür gedachte er zu schaffen.

Sobald er jedoch vor dem Stoß weißen Papieres saß, befiel ihn wieder der Gedanke an den Unwert all seines Tuns. Weshalb denn nur etwas leisten wollen? Für wen denn? Für das Streicheln einer lieben Hand. Für das Leuchten zweier Augen. Das hätte sich gelohnt, das hätte gefördert. Aber für das bißchen Ehrgeiz oder, wenn es hoch kam, für das Kerzenstümpfchen Idealismus? — Und die Freude, die ihm auf Sekundenlänge über die Schulter geguckt hatte, war entflohen — —.

Das also, schloß er, ist das Resultat! Daß es etwas minimal ist, kann ich nicht verneinen.

So verging die Frühlingsnacht.

In den nächsten Tagen sah er Hannes wieder, plauderte mit ihr, bis er merkte, daß er mitten im Satz verstummt war und sie seit Minuten anstarrte, und sich schnell empfahl, um der Selbstquälerei ein Ende zu machen. —

Als am Abend des ersten Mai Heinrich Springe bei ihm erschien, packte ihn die Angst, der Freund käme, um ihn zu einem Familienabend zu holen. Umso hastiger ging er auf den Vorschlag ein, der Maibowle des ›Malkastens‹ beizuwohnen. Er wurde sogar ordentlich aufgeräumt, und Heinrich Springe dachte erstaunt und beschämt zugleich: Das Sakramentsmädel, der Hannes, hat doch mal wieder recht behalten. Er gehört unter trinkfeste Männer. —

Im ›Malkasten‹ war es gedrängt voll. Hunderte von Künstlern und Kunstfreunden waren in den weiten Räumen untergebracht, aber sie mußten dicht zusammenrücken, denn das Fähnlein der Durstigen war in der Rheinstadt schon an Abenden ohne tiefere Bedeutung nicht klein. Eine Schicht blauen Zigarrendampfes schwamm wie ein Nebel über der Festversammlung und gab dem Bilde das Kolorit eines alten niederländischen Gemäldes.

»Teniers oder Höllenbreughel?« fragte Springe lachend seinen Begleiter, während er sich durch das Labyrinth der Tische einen Weg bahnte. »Was? Das nennt sich doch noch gesunde Kneipenluft! Und dieser göttliche Radau! Hier kommt’s nicht drauf an, ~was~ man sagt, sondern daß man es möglichst ~laut~ sagt. Stimmenschwerheit entscheidet! Achtung, der Pitter hat ’s Wort! Hier — hier ist noch Platz.«

An einem mächtigen, runden Ecktisch hatten sie Unterkunft gefunden. Man bat um Ruhe. Man klopfte ganz energisch auf die Tischplatten. Dann ebbte das Stimmengewirr ab wie eine lange, chromatische Tonleiter.