Part 21
»Ganz richtig. Mit Herrn Friedrich Leopold gemeinsam. Philemon und Baucis und sonstiges aus der Geschichte berühmter alter Liebespaare. Ein paarmal wollt’ ich schon den Kaplan holen, um dem Geseufz’ ein Ende zu machen.«
»Sie führt ihm die Wirtschaft, wie mir Mutter schrieb?«
»Die Wohnung liegt auf der anderen Seite des Korridors, in derselben Etage mit der unseren; genannt: die Toggenburg. ›Ritter, treue Schwesterliebe widmet euch dies Herz ...‹ und so weiter. O, die beiden sind klassisch gebildet und handeln ganz ihrer Bildung gemäß.«
»Da wären wir glücklich bei der Liebe,« meinte Hans mit einem Versuch, zu scherzen.
»O bitte, frag nur.«
»Heinrich!«
»Nun? Was denn? Sollte ich dich falsch verstanden haben? Ich dachte, du hättest dich nach deiner Jugendliebe erkundigen wollen.«
Hans blickte unbeweglich vor sich hin.
Wie schmal der Junge geworden war.
»Wie geht es Hannes ...«
»Ach, mein Jung’, die steckt uns noch alle eines Tages in ihre Kleidertasche.«
»Sie muß jetzt sehr groß geworden sein ...«
»Groß? In jeder Beziehung. Als herangewachsenes Menschenkind und als Künstlerin. Wenn sich Größe nach dem Einkommen bemessen läßt, ist sie jedenfalls größer als ich.«
Er lachte behaglich in sich hinein, als freute er sich, daß das Mädel ihn überholt habe.
»Du hast sie heute singen gehört ... In der Philharmonie ... Hüsgen sagte es mir.«
»Ja, heute hab’ ich zum ersten Male erfahren, was Singen ist. Um und um wird man von der Stimme gekehrt. Noch so verstockt kann man sein, die Stimme lockert das ganze steinige Erdreich auf und bringt Triebe in dir zum Blühen, Triebe sag’ ich dir, von denen du selbst keine Ahnung mehr hattest. Man möchte heulen über sich selbst, aus purer Wonne, welch ein guter Kerl man doch im Grunde ist. Und das macht alles der Hannes. Jedem Wort gibt sie Leben, ganz schlicht, ganz natürlich, aber mit einer Tiefe — das ist überhaupt nicht zu erzählen. Einfach hören mußt du sie, und wenn du sie nebenbei ansiehst, zerstört dir das auch die Illusionen nicht. Das war eine Sonntagslaune vom lieben Gott, als er das Mädel schuf.«
»So,« sagte Hans; und dann wiederholte er: »So — so —«
Dann schwiegen sie beide, bis Hans, aus seinen Gedanken auffahrend, hastig den Faden wieder aufnahm. »Weshalb bist du denn nicht bei ihr? Das Konzert muß doch längst vorüber sein?«
»Sie ist zum Künstlersouper gequält worden. Und da ich ihr mitteilte, daß ich noch zu dir wollte —«
»Das hast du ihr gesagt?«
»Aber weshalb denn nicht? Sie hat mir außerdem Grüße an dich aufgetragen.«
»Der Hannes — —,« nickte Steinherr und lächelte abwesend vor sich hin. »Bitte, du wolltest weiterreden ...«
»Kurz, sie hat zum Souper zugesagt unter der Bedingung, daß man sie um elf Uhr gehen ließe. Um elf Uhr hat sie nämlich im Hotel ein Rendezvous.«
Hans Steinherr blickte überrascht auf, und Springe amüsierte sich. »Mit Onkel Springe nämlich. Der ›Onkel‹, das bin ich. Na, von so süßen Lippen läßt man sich das Prädikat schon gefallen. Auf elf Uhr also bin ich im Hotel Kaiserhof auf eine Tasse Tee befohlen. Du gehst natürlich mit.«
»Ich — —? Ich glaube, du überschreitest da gehörig deine Onkelgewalt.«
»Aber so sperr dich doch nicht. Wir bilden doch sozusagen eine Familie. Du wirst es ja erleben, was für freudige Augen sie macht, ihren alten Kameraden wiederzusehen. Junge, Junge, ich fürchte, du taxierst unseren Hannes falsch.«
Hans Steinherr saß, die gefalteten Hände im Schoß, und blickte auf einen Punkt. Wie eine weiche Welle floß es über ihn hinweg. Als ob er krank sei, und weiche, kühle Hände legten sich auf seine heiße Stirn. »Ich möchte sie wiedersehen,« sagte er wie zu sich selbst. Er hatte Heimweh.
»Was ist das nur?« fuhr er empor und ging zur Tür. »Es klingelt in einem fort.«
An der Korridortür traf er den Hausverwalter.
»Ein Brief für Sie, Herr Doktor. Das Haustor war schon verschlossen, aber ich hab’ dem Boten noch geöffnet.«
Hans Steinherr gab dem Mann ein Trinkgeld und kehrte ins Zimmer zurück. Beim ersten Blick auf das Papier erkannte er Bettinas steile Schriftzüge. Seine Hände flogen, daß das Papier knatterte. Dann nahm er sich mit Macht zusammen.
»Entschuldige,« sagte er, »ein eiliger Brief, wie es scheint.«
Springe nickte. Aber mit gespannten Blicken verfolgte er jede der nervösen Bewegungen.
Hans riß das Kuvert auf. Es enthielt nur eine Visitenkarte Bettinas. Unter dem Namen stand in eiligen Zügen: »Ich erwarte dich aufs bestimmteste morgen früh elf Uhr.«
Dreimal, viermal, immer wieder las Hans die wenigen Worte. Als er endlich den Arm sinken ließ, sah er farblos und um Jahre gealtert aus. Das Blatt fiel auf den Tisch. Es war ganz still im Zimmer.
Den starkgemuten rheinischen Maler packte ein Grauen vor dieser künstlichen Ruhe. Er war gewohnt, den Dingen ins Auge zu sehen. Aber hier war ein unsichtbarer Feind. Gleich beim Eintritt ins Zimmer hatte er es an der apathischen Müdigkeit des jungen Freundes gespürt, und nun, da er ihn durch unverfälschten Heimatsodem verscheucht zu haben glaubte, kam er wieder. Den Zustand ertrug er nicht. Zustände waren für alte Weiber.
»Hast du schlechte Nachrichten, Hans?«
Der hörte gar nicht.
Da nahm Springe das Blatt vom Tisch auf und las es.
»Hans!«
»Wie meinst du?«
»Was will die Frau von dir?«
»Du siehst ja. Sie wünscht, ich soll zu ihr kommen. Also — werde ich — hingehen.«
»Du sagst das in einem Ton, als ob dich das Hingehen Überwindung kostete.«
»Überwindung —? Ich — ich spreche in einem Ton —? Du — wie war das doch noch mit — mit dem Lachen? Weißt du, mit dem Lachen, das ich nicht gelernt haben sollte. Man — ganz recht — man muß nur alles humoristisch nehmen.«
»Wenn du kein Vertrauen zu mir hast, laß uns gehen.«
»Gehen? Wohin?«
»Zu Hannes. Sie wird uns längst schon erwarten. Es ist halb zwölf.«
»Es geht nicht, Heinrich. Ich kann, leider, nicht mehr mit. Morgen — vielleicht.«
Springe trat dicht vor ihn hin. Er zwang den anderen, ihn anzusehen.
»Und weshalb kannst du nicht mehr mit? Den Mut, mir das zu sagen, wirst du doch nicht verloren haben?«
Hans Steinherr hielt den Blick aus. Und ohne sich zu bedenken, antwortete er dem einstigen Mentor: »Wenn ich morgen zu dieser Frau gehe, kann ich heute nicht mit Johanna zusammen sein.«
»Der Dame wegen oder Johannas wegen?«
»Johannas wegen.«
Sie blickten sich noch immer voll in die Augen. Dann sagte Springe kalt: »Also gedenkst du etwas zu tun, was eines Hans Steinherr unwürdig ist.«
»Heinrich!«
»Ich wiederhole es, wenn du es wünschest. O, ich bin kein Sittenrichter und Tugendbold. Du könntest ja die Frau lieb haben und sie dich, und Hindernisse könnten euch im Wege stehen. Wer wollte euch deshalb verdammen! Vielleicht ist die Dame verheiratet. Wir sind alle Menschen, und auf die Kraft und Reinheit unserer Empfindungen kommt es an.«
»Nein, sie ist nicht verheiratet. Noch nicht. Obwohl sie es früher war.«
»Mit anderen Worten: sie ist Witwe und aufs neue verlobt. Hab’ ich recht?«
»Verlobt. Seit heute abend. Ich wußte nichts davon, mein Wort darauf.«
»Du wurdest also getäuscht? Herrgott, so sprich doch! Ich seh’ es dir ja an, daß du auf dem toten Punkt bist, daß es dich drängt, irgend etwas herauszuschreien. So schrei doch! Ich bin wie eine Felswand, die das Echo nur einmal hergibt, und sicher nicht an Unberufene. Soll ich dir helfen? Soll ich dich zum Widerspruch reizen? Nun gut, selbst auf ~die~ Gefahr hin: Hans Steinherr, dem einst das ~beste~ Mädchen nicht gut genug war, steht im Begriff, sich für die ~schlechteste~ Frau zum Spielzeug zu degradieren. O, o! Wir wollen hier keinen Ringkampf aufführen. Sag mir ins Gesicht, daß ich lüge ...«
Steinherr ließ die erhobenen Arme sinken. Er murmelte unverständliche Worte.
»Verteidige dich nicht und sie nicht. Sie vor allen Dingen nicht. Wenn eine Frau in der Stunde ihrer Verlobung an einen anderen schreibt, ja nur an einen anderen denkt — weißt du, ich möchte das Wort für mich behalten. Ich habe zu viel Respekt vor der Weiblichkeit im allgemeinen. Hans, was ist dir?«
Steinherr hatte sich an der Tischkante halten müssen. Es kreiste ihm vor den Augen.
»Junge, komm zu dir! Vielleicht hab’ ich eine Dummheit gemacht; vielleicht liegen hier die Dinge so besonders, daß ich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet habe. Du, hör mich! Wenn ich auch beinahe dein Vater bin, du sollst mich bei den Ohren nehmen dürfen, und ich will nicht mucksen.«
Hans Steinherr richtete sich auf. Er strich sich mit der Hand über die Stirn und sah sich um.
»Ich vertrottele wohl nächstens noch. Laß nur ruhig deine handfesten Sprüche auf mich los. Vielleicht findet sich noch eine anständige Stelle an mir, an der das eine oder andere haften bleibt. Die Hoffnung ist zwar nicht groß.«
Da trat Springe mit raschem Schritt auf ihn zu, schlang seine Arme um ihn und drückt den Kopf des jungen Freundes fest an seine Brust. »So, nun heul dich aus, ich sag’s keinem wieder.«
Und nach einer Weile: »Ach, ich glaub’s ja gar nicht, daß du dich verloren hast. Irgend eine Dickköpfigkeit, aber keine Preisgabe des innersten Menschen. Nur rede — das erleichtert. Ich bin ja nun doch einmal dein approbierter Vertrauter. Denk an den Tag, an dem du mir Hannes brachtest.«
Aber Hans gab keine Antwort mehr. Ein plötzlicher Schüttelfrost hatte ihn gepackt.
»Komm, mein Junge, ich geleite dich in deine Klappe. Du hast eine Erkältung in allen Knochen und gehörst sofort ins Bett. Morgen sprechen wir weiter. Rheinland läßt sich nicht unterkriegen.«
Er führte ihn, der wie ein Schwerkranker taumelte, behutsam ins Schlafzimmer und war ihm behilflich. Dann ließ er sich die Schlüssel anweisen. »Ich bringe sie dir morgen gegen Mittag zurück. Deine Hand darauf, daß du inzwischen die Dame nicht wiedersiehst. Heraus mit dem rheinischen Stolz!«
Als er durch den Salon zurückschritt, sah er das Bild Bettinas liegen. Er nahm es auf und betrachtete es lange, mit Künstleraugen.
»Den guten Geschmack verleugnet der Bengel nie,« knurrte er. »Pfui Deubel, wie schön!«
Mitternacht war vorüber, als er im Hotel ankam. Hannes saß noch in dem kleinen, separierten Teezimmer und wartete. Und wieder ließ Springe seine Künstleraugen blitzen. Das war doch ein anderes Bild.
Die schlanke Gestalt mit den hochgeschwungenen, festen Formen, das kühne, intelligente Köpfchen, auf dem die rotblonden Flechten wie ein Kranz aus purpurnem Weinlaub lagen, und die tiefen, stillen Augen von der Farbe des blauen Bergsees — das war echt germanisches Blut, so heiß wie keusch, so treu wie furchtlos.
»Guten Abend, Hannes!«
»Guten Abend, Onkel Springe!«
»Kleines Liebchen, willst du mir einen großen Gefallen tun?«
»Aber natürlich. Mach’s nicht so feierlich, du erschreckst mich sonst.«
»Dich erschreckt schon nichts. Also: geh schlafen. Darum wollt’ ich dich bitten. Und morgen frühzeitig auf. Dann wollen wir lange plaudern.«
Sie erhob sich und kam auf ihn zu.
»Ist Hans krank? Ist etwas mit ihm geschehen? Als du nicht pünktlich warst, wußt’ ich es.«
Er legte den Arm um ihre Schulter.
»Welch ein feinkorrespondierendes Empfinden — —. Wenn ich dir die Wahrheit sage, wirst du sie mir auch sagen?«
»Ja, ja,« drängte sie, »das solltest du wissen. Ich kann nicht lügen.«
»Hans ist drauf und dran, über Bord zu gehen. Aber wir werden das nicht zulassen, wir nicht, gelt, du? Und nun, gerad’ heraus: Hast du ihn noch lieb?«
»Ja, Onkel Springe, ich hab’ ihn so lieb wie früher.«
»Gute Nacht, mein tapferes Mädel. Auf morgen!«
Als sie in der Tür war, nickte sie ihm nochmals lächelnd zu; als müßte sie ihm, dem Manne, Mut einflößen. — —
Sechstes Kapitel
Erst spät in der Nacht war Hannes eingeschlafen, und als sie erwachte, war es noch nicht sieben Uhr. Ihre Gedanken setzten sofort dort wieder ein, wo die Ermüdung sie unterbrochen hatte: bei Hans.
Die Arme unter dem Kopf verschränkt, lag sie ganz still, mit weitgeöffneten Augen.
Hans ... Wie oft hatte sie das Wort vor sich hin gesprochen, in all den Jahren des heißen Mühens und Studierens, der ersten, angsterfüllten Versuche und der großen, stolzen Siege in ihrer Kunst. Er wußte es ja nicht. Er wußte ja nicht, daß sie ihm alles verdankte, den ganzen, reichen Inhalt ihres Lebens. Er hatte die Liebe in ihr wachgeküßt, und die Liebe hatte den Ehrgeiz der vornehmen Seele geweckt, es dem Geliebten gleich zu tun an Wissenseifer, und den Drang nach der Schönheit der Form. Dann hatte er den ersten, gewaltigen Schmerz in sie hineingetragen, und der Schmerz hatte den großen Stolz gezeitigt, zu zeigen, daß es für den Mann kein Herabsteigen gewesen wäre zur unlösbaren Verkettung von Seel’ und Leib.
Ein leises, liebes Lächeln glitt um ihren Mund. Hans — — —.
Die Wunden, die sie bei dem jähen Abschied davongetragen, waren längst verharrscht. Und im Laufe der Jahre waren die Narben immer glatter, immer feiner geworden. Wenn sie in stillen Nächten, in denen sie heimdachte, mit gleitendem Finger danach tastete, fand sie kaum noch die Spuren. Dann dehnte sie den jungen, gestählten Körper und spürte in ihm statt Wunden und Schmerzen das Wunder der Frauenkraft. Eines Tages — o, eines Tages würde er sie nötig haben, wie den Duft der Heimatscholle, den kein Sohn des Niederrheins auf immer zu missen vermochte, der zu den Treuen im Lande zählte. Sie glaubte fest an diesen Zug der Heimat. Warte nur, über ein kleines ...!
Sie hatte gewartet, und das Warten war ihr nicht sauer geworden. Alle Energien in ihr waren frei geworden und, von einem zähen Willen geleitet, den Weg gegangen, den ihr erst der Trotz und dann in seltsamer Wandlung das erwachte Gefühl der Persönlichkeit gewiesen hatte. Mit geklärtem Auge schaute sie mehr und mehr in alle Dinge und ihre Beweggründe hinein, und wenn sie auf eine unbefriedigte Ehe traf, sah sie die Verschiebung der einst harmonierenden Motive nicht so sehr in äußerlichen Ablenkungen, als in dem rein innerlichen Umstand, daß die Frau am Tage der Hochzeit mit der straffen, geistigen Erziehung abzuschließen pflegte, während für den Mann jetzt erst die Weiterentwicklung und mit ihr die geistigen Kämpfe begannen. Fand er auf die Dauer kein mitgehendes Verständnis, fand er in ihr, in der er eine Kameradin erhofft hatte, immer wieder nur das launenhafte Kind, kaum auf einer höheren Warte stehend als die Kinder, die sie geboren hatte und die sie zu stolzen, starken Menschen erziehen sollte, fand er in ihr nie und nimmer anderes als das Evageschöpfchen, das »um seiner selbst willen« geliebt sein wollte — was Wunder, daß die Kluft breiter und breiter wurde und eine der Seelen frierend am Ufer stand.
Das war dem jungen, im Dunkel seines ersten Liebeswehs umherirrenden Mädchen wie eine Erleuchtung gekommen: eine Frau muß dem Manne, auch nach dem Rausch des Lenzes, ebenbürtig bleiben; nicht in der Fülle des Wissens, aber in der Fülle des Verständnisses. Dann hat sie ein Recht auf ihn, als sein wahrhaftiger Zeltgenosse, der Kampf und Sieg mit ihm teilt, beides wie ein gleichwertiges; nicht als seine hübsche Magd, der er für ein Lächeln ein Armband mit heimbringt.
Darauf war ihr Streben gerichtet gewesen. Sollte der Tag kommen — auf alle Fälle, sie wollte bereit sein.
Der Tag war nicht gekommen. Ihn mit kleinen Künsten herbeizuführen, lag in ihrem Wesen nicht.
Die Reihe war an ihm, dem Manne — und sie wartete, und wenn sie vergeblich warten sollte. Heute stand sie ihm nicht mehr nach, weder in der Kunst, noch im Leben.
Der selbstbewußte Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens schwand plötzlich hin, eine Unruhe trat in ihre Augen. Sie zog die Arme unter dem Kopfe fort und saß aufrecht da.
Was hatte Onkel Springe gestern abend gesagt? Was war mit Hans?
»Er ist drauf und dran, über Bord zu gehen — —«
Noch einen Moment ließ sie die Worte in ihren Ohren tönen und hämmern. Dann war sie mit einem Sprunge aus dem Bett und kleidete sich an. »Oho,« murmelte sie vor sich hin, während sie die Haken ihres Promenadenkleides schloß, »oho!« Sie wußte nicht, war es eine Drohung, war es, um sich selbst Mut zu machen. Noch war ihr ja gänzlich fremd, in welcher Lage, in welcher Bedrängnis Hans eigentlich stak. Aber die Gewißheit, daß es eine Bedrängnis war, genügte, um sie vergessen zu machen, daß — die Reihe an ihm sein sollte, zu ihr zu kommen; und all die mütterlichen Eigenschaften, die unbewußt im Weibe ruhen, waren in ihr ausgelöst.
Sie klingelte dem Zimmermädchen.
»Sehen Sie doch sofort nach, ob Herr von Springe schon sein Zimmer verlassen hat. Sonst lassen Sie ihn wecken.«
Heinrich Springe erwartete seinen Bundesgenossen bereits im Frühstückszimmer. Sie ließen sich an einem separaten Tisch servieren und saßen allein.
»Guten Morgen, meine Lerche!«
Sie legte den Arm um seinen Hals und ihre weichen Lippen auf seinen Mund.
»Töchterchen,« sagte er zärtlich und streichelte ihr Gesicht und ihr Haar ... »Dort kommt der Kellner. Jetzt heißt es zulangen. Ein Mensch, der ein ordentliches Frühstück im Magen hat, hat schon halb gewonnen. In diesem Sinne los, Hannes! Wer die beste Klinge schlägt!«
Da hielt sie wacker mit.
»Wunderst du dich nicht, daß ich dir gar keine Komplimente über dein Singen mache?« fragte er nach einer Weile. »Du mußt mich unbedingt für einen Barbaren halten. Gelt, das ist die Meinung?«
»Onkel Springe! Wer ist denn musikalischer als du?!«
»Für den Hausgebrauch, Kind. Die musikalischen Schwingungen muß jeder Künstler in sich verspüren, ob Maler, Dichter oder Klavizimbelspieler. Aber sieh mal, Mädel, da reise ich geschlagene acht Stunden mit dem Kurierzug, um dich nach Jahren wiederzuhören, und als es geschehen ist, bleibe ich stumm.«
Sie streichelte seine Hand und sah ihn schelmisch von der Seite an. »Du wolltest wohl erst die Kritiken in den Morgenblättern lesen?«
»Schlauberger!« lachte er. »Übrigens ist das bereits auch geschehen. Die Herren Musikkritiker verstehen zwar durch die Bank mehr von Instrumentalmusik als von einer Stimme, aber diesmal haben sie sich denn doch zu ~einem~ schönen Jubelchor vereinigt. Mein Mädel hat es ihnen angetan, mußte es ihnen ja antun; mir hattest du es ja auch angetan, daß ich den unbezwinglichen Drang verspürte, alle Menschen teilnehmen zu lassen, irgend eine gute Tat zu tun, und da bin ich spornstreichs zum Hans gelaufen.«
Damit war das Wort gefallen. Die beiden sahen sich ernst an.
»Eine Frau ist im Spiel,« sagte Springe kurz.
»Liebt er sie — —?«
»Wenn’s das wäre! Gelt, Mädel, dann würden wir uns bescheiden. Aber das ist es eben nicht. Es ist schlimmer. Er ist mit seinen Sinnen, seinem Hochmut, seiner Eitelkeit engagiert. Das ist ein böses Trisolium für einen Mann, der gewohnt ist, alles von sich selbst aus zu beurteilen und sich in jeder Situation zu bespiegeln. Die Coeur-Dame aber hat ebenfalls ihren Ehrgeiz für sich. Sie möchte außer einem Gatten von Rang und Würden auch noch einen Mantelträger — hm, anders kann ich dir das nicht erklären — und für dies ehrenvolle Pöstchen hat sie in ihrer großen Güte Hans ausersehen.«
»Und Hans — und Hans?«
»Ist aus allen seinen Himmeln gestürzt. Ich habe die feste Gewißheit, daß er sie nicht liebt, so, weißt du, Kind, wie wir das Wort verstehen, mit dem Ewigkeitsbegriff. Aber er ist im Lauf der Jahre ein armer, einsamer Mensch geworden, und todmüde. Da kommt nun eine schöne Frau des Wegs — sagen wir: die gefeiertste Weltdame — und da der verschlossene Sonderling für sie Nouveauté ist, beginnt sie zur Kurzweil das Spiel. Der Mann, der schon auf alle Freuden des Lebens verzichtet hat, traut seinen Augen nicht, zögert, alte Erinnerungen werden in ihm lebendig, und, teils aus Haß, teils aus Gier, noch einmal seine Kräfte zu erproben — er greift zu. Wenn ein Todkranker sich an etwas anklammert, mein Kind, dann fragt er nicht viel nach den Qualitäten, dann redet nur noch sein Egoismus, denn er weiß, es ist das letzte Mal ...«
Springe sann nach. In seinem Geiste sah er, wie Bild für Bild sich entwickelt hatte.
»Die schöne Frau aber,« fuhr er mit ironischer Betonung fort, »hatte bereits andere Pläne, auf die sie nicht verzichten wollte. Und da ihr unterdes Hans unentbehrlich geworden war, als Troubadour, so wirkte sie mit verdoppeltem Nachdruck auf seine Sinne, um ihn für das vorbehaltene Pöstchen des Schleppenträgers gefügig zu machen. Gestern abend erfolgte die Erklärung, und der überrumpelte Hans warf dennoch im ersten Ansturm den Bettel über den Haufen.«
»Ah — —« stieß die Zuhörerin hervor, und über ihr blaß gewordenes Gesicht huschte eine Röte.
»Das muß der Frau wohl imponiert haben. Möglich auch, daß sie darauf vorbereitet war, den Mann erst ein bißchen der Raserei überlassen wollte, um sich dann über den Niedergebrochenen gnädig zu neigen, überzeugt, daß er nun für ein Glück halten werde, was ihm zuvor das Anfassen nicht wert schien. Als ich gestern bei Hans war und meine Plaudereien aus der Heimat ihn still und in sich gekehrt gemacht hatten, platzte in die frommste Stimmung ein =billet de diable= hinein. Und die schönste Explosion war fertig.
Ich halte im allgemeinen nichts von sogenannten Schickungen. Das sind Eselsbrücken für Faulpelze, die nicht fest zupacken wollen. Aber als in diesem Augenblick bei Hans just eine schwere Erkältung zum Durchbruch kommen mußte, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerz, na, Kleine, da hab’ ich für das eine Mal die Segel gestrichen und die ›Schickung‹ akzeptiert. Auf vierundzwanzig Stunden mindestens liegt er in der Klappe. Gottlob! Mit einem feudalen Husten und Schnupfen kann man weder den Othello, noch den Romeo agieren.«
»Onkel Springe,« bat sie leise, »sei doch ernsthaft!«
»Ich war nie ernsthafter als jetzt. Als ich gestern nacht vor dem Schlafengehen noch für einen Moment in das Café des Kaiserhofs trat, traf ich Herrn Willibald Hüsgen, der Hans bei uns vermutete und ihm auflauern wollte, um sich für den ›genußreichen Abend‹ im Hause Frau Bettina Wittelsbachs zu bedanken. Hans hatte ihn auf seine Quälereien hin dort eingeführt. Herr Willibald war ebenso konfus wie wütend, scheint sich aber einen gut rheinischen Abgang gemacht zu haben. Von ihm hörte ich, daß der bevorzugte Bräutigam ein kleiner, wenn auch etwas abgetakelter Prinz ist. Verstehst du jetzt? Und hier ist das Billett, das Hans gestern nach dem intimen Verlobungszirkel noch erhielt. Ich habe es eingesteckt.«
Er legte die Karte Bettinas auf den Tisch, und Hannes las. Dann lehnte sie sich schweigend zurück, aber in ihren Augen und um ihren Mund stand ein Zug fester Entschlossenheit.
»Nun —?« fragte Springe. »Jetzt gilt’s, den Kriegsplan entwerfen, Kleine.«
»Ich werde zu der Dame hingehen.«
»Was — —? Du — —?«
»Jawohl, ich. Es muß doch auf der Stelle etwas geschehen. O nein, nicht meinetwegen.«
»Aber, Mädel, alter, tapferer Hannes, was willst du denn dort?«
»Das weiß ich noch nicht. Wenn ich ihr gegenüberstehe, werd’ ich es wissen.«
Springe schwieg. Dann nahm er Hannes’ Hände.
»Hör mich mal an. Ich weiß mit Frauenzimmern schlecht Bescheid, oder sie müßten sein wie Frau Margot, du und Mutter Stahl. Düsseldorfer Auslese. Aber daß ~du~ zu der Dame hingehst, das duld’ ich nicht. Wenigstens jetzt noch nicht. Du bist ein junges Mädchen, und ich ein gesetzter Mann, wenn’s auch keiner glaubt. Folglich — werde ~ich~ hingehen. Das war auch meine Absicht.«
»Onkel Springe, dir werden deine Kavaliertugenden im Wege stehen.«
»Ja, Kind, um mich dort herumzuprügeln, geh’ ich auch nicht hin.«
Nun mußte sie doch lächeln, trotz ihrer schweren Stimmung.
»So meinte ich es nicht. Aber gewisse Dinge können sich nur Frauen sagen. Und wenn du nichts erreichst?«
»Dann, ja dann soll die Reihe an dir sein. Abgemacht!«
Sie erhoben sich und unternahmen einen Spaziergang, über die Linden, durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten. Das Thema wurde nicht weiter berührt. Sie waren beide wortkarg geworden.