Die vom Niederrhein

Part 22

Chapter 223,691 wordsPublic domain

Als es gegen elf Uhr ging, verabredeten sie, da das Wetter heiter war, eine Rendezvousstelle am westlichen Ausgang des Tiergartens. Springe nahm einen Wagen und fuhr zum Kurfürstendamm. Dem Hausmädchen, welches ihm die Korridortür öffnete, gab er seine Karte und trug ihm auf, der gnädigen Frau zu bestellen, daß er eine Mitteilung von Herrn Doktor Steinherr zu überbringen habe. Wenige Minuten darauf stand er im Empfangssalon Bettina gegenüber.

Sie sah etwas abgespannt aus, aber gerade der matte Flor um die Augen verstärkte den pikanten Reiz.

»Meine gnädige Frau,« sagte er mit tiefer Verbeugung, »ich erbitte Ihre Verzeihung, daß ich so gänzlich ungerufen —«

»O,« erwiderte sie lächelnd, »die Freunde des Herrn Doktor Steinherr sind auch meine Freunde.«

»Ich werde mir diesen Vorzug zu eigen machen.«

Sie zog einen Moment die Augenbrauen hoch; dann wies sie lässig auf einen Sessel. »Sie ließen mich wissen, daß ein Auftrag des Herrn Doktor Sie zu mir führe ...«

»Ein Auftrag? Pardon, nein. Das ist ein Mißverständnis. Lediglich ein Mitteilungsbedürfnis trieb mich her.«

Eine Pause trat ein. Frau Bettina war auf der Stelle orientiert. Und diese Pause benutzten sie beide, um sich schweigend zu beobachten. Dann sagte die Dame des Hauses kalt: »Jetzt ist es an mir, Ihre Verzeihung zu erbitten. Aber ich erwarte in dieser Minute noch Besuch.«

Heinrich von Springe verneigte sich, aber er blieb sitzen. »Der Besucher, meine gnädige Frau, ist leider durch eine heimtückische Krankheit ans Bett gefesselt.«

»Hans ist krank — —?« entfuhr es ihr so schnell, daß sie ihren Fehler nicht mehr korrigieren konnte.

»Ja,« wiederholte Springe höflich, »er ist krank. Gestern abend ist er plötzlich erkrankt.«

Sie nagte nervös an der Lippe, um die Beherrschung wiederzufinden. Dann sah sie ihr Gegenüber scharf an.

»Sie wissen, um was es sich handelt?«

»Um eine Influenza, gnädige Frau.«

»Ah —!« rief sie zornig und sprang auf. »Mir scheint, Sie wollen die Situation ins Lächerliche ziehen.«

Auch Springe hatte sich sofort erhoben.

»Wenn gnädige Frau mit der Frage etwas anderes bezweckten, dann allerdings habe ich —«

»Nein, nein,« lachte sie ungeduldig auf, »es handelt sich in der Tat um diese — diese Influenza.«

Springe lachte unaufgefordert mit, als ob er die Pointe in ihren Worten durchaus nicht verstanden hätte.

»Sie haben recht, gnädige Frau, das ist freilich eine außerordentlich komische Krankheit.«

Da wurden ihre Gesichtszüge unbeweglich.

»Ich danke Ihnen, mein Herr, für die Freundlichkeit, mich zu benachrichtigen. Ich darf aber wohl Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.«

Und als Springe zögernd auf seinem Platze verharrte, sagte sie mit einer hoheitsvollen Abschiedsverneigung: »Herr von Springe — —?«

Da rückte sich Springe zusammen und trat einen Schritt näher.

»Gestatten Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich noch ein bei der Vorstellung entstandenes Versäumnis nachhole. Ich möchte nicht gehen, ohne mich Ihnen in meiner Eigenschaft als Vater Hans Steinherrs zu präsentieren.«

Frau Bettina trat überrascht zurück, glühende Röte auf der Stirn. »Sie scherzen,« stammelte sie verwirrt, »das ist doch nicht möglich.«

»Die Verwunderung ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau. Sollte Hans das nie erwähnt haben?«

»Er liebte es nicht, von daheim zu sprechen,« gab sie, immer noch fassungslos, zur Antwort. »Nur einmal, ganz kurz, erwähnte er eines alten Freundes, der durch Heirat sein, Hansens, Stiefvater geworden sei.«

»Dieser alte Freund bin ich, gnädige Frau, und die Freundschaft ist auf meiner Seite unverändert geblieben.«

»Sie sind nicht alt ...« sagte sie gedankenlos.

»Ist denn äußerlich erkennbares Alter ein unbedingtes Erfordernis zum Ehemann?«

Sie zuckte zusammen. Das war Hohn. — — Nun hatte sie sich wieder.

»Da Sie sich als Vater meines besten Freundes ausweisen,« sagte sie mit lächelnder Liebenswürdigkeit, »so müssen Sie mir schon erlauben, daß ich Sie noch ein wenig hier behalte. Das ist eine unerwartete Freude für mich.«

Springe stutzte; aber er ließ sich wieder nieder.

»Und nun erzählen Sie mir von ihm. Von dem Hans, als er noch ganz klein und unartig war.«

»Sollte es nicht,« erwiderte Springe verblüfft, »in unserem Falle richtiger sein, ~Sie~ erzählten mir von dem Hans, als er schon ganz groß und — artig war?«

»Bitte, bitte,« schmeichelte sie, und ihre dunklen Augen schienen weich und flehend. »Was ich zu berichten habe, ist nicht immer erfreulich. Er hat mir viel Sorgen gemacht, aber ich hab’ ihn gern und bewundere sein Talent; und von seinen Freunden erträgt man viel, das haben Sie wohl auch erfahren. Erzählen Sie mir von seiner Jugend. Nachher mag die Reihe an mich kommen, zu ergänzen.«

Noch einmal machte Springe einen Anlauf, das Gespräch auf der anderen Bahn zu halten. Aber sie legte ihm sanft die Spitzen ihrer zarten Finger auf die Hand und sah ihm mit dem rätselhaft lächelnden Blick in die Augen.

Das arme Ding, dachte er mitleidig, sie kann nun einmal nicht gegen ihre Natur. Es ist ein Jammer, daß man so einem schönen Geschöpf wehe tun muß. Na, anders geht’s doch nicht.

Aber er begann zunächst zu erzählen. Vom Rhein, vom Düsseldorfer Leben, von seiner ersten Bekanntschaft mit Hans, von den großen Qualitäten des jungen Freundes und seiner Entwicklung, von den feinen, dichterischen Talenten, die durch eine Jugendliebe geweckt worden seien, und vieles mehr. Jedesmal, wenn er zu Ende kommen wollte, berührte sie leise seine Hand, und ihr Auge verlangte, daß er fortfahre.

Mitten in einer Schilderung hielt er inne. Die Zimmeruhr hatte die Mittagsstunde geschlagen. Der Zweck seiner Mission fiel ihm heiß aufs Herz. »Gnädige Frau,« sagte er sich erhebend, »Sie müssen mir den Jungen freigeben, zumal ich mich gleichzeitig beehren darf, Ihnen meine herzlichsten Glückwünsche zur Verlobung auszusprechen.«

Frau Bettina lehnte sich tief zurück. Das war die Ironie, die ihr immer imponierte.

»Und wenn ich ihn trotzdem behalten möchte.«

»Das ist des Rheinlands nicht der Brauch. Wir da von der Westgrenze sind als reichlich selbstbewußt, oder sagen wir ruhig: hochmütig verschrieen bei aller unserer Lebensleichtigkeit; auch in unserem Lieben machen wir Anspruch auf die ~erste~ Stelle.«

»Und in Ihrem Hassen?«

»Ich bin kein Adelsnarr. Aber auf dem Wappen meiner Familie steht der rechte Spruch: ›=Pectus amicis, hostibus frontem=.‹ Sie haben die Wahl.«

»Ich verstehe kein Latein.«

»Ich auch nicht. Ich hab’s wieder verlernt, seitdem ich merkte, daß in der Welt viel zu wenig ›deutsch‹ geredet würde. ›Die Brust dem Freund, die Stirn dem Feind‹, lautet der Spruch.«

»Wollen Sie mein Freund sein, Herr von Springe?«

»Gnädige Frau tun mir unverdiente Ehre an.«

»Wer ist heute noch ein Freund? Ihr Hans, o ja; heute schon läßt er mich allein. Aber ein Mann ist er doch, der Tollkopf, und deshalb muß er mein Freund bleiben. Und Sie sind sein Erzieher ... Aus dieser Quelle hat er geschöpft. Lassen Sie mich auch davon profitieren.«

»Meine gnädige Frau, der Zweck meines Besuches ist denn doch wohl —«

»Den Zweck Ihres Besuches,« fiel sie ein und schüttelte ihm herzlich die Hand, »den sollen Sie mir morgen sagen, um diese Stunde. Kommen Sie allein, oder kommen Sie mit Hans. Heute laß ich mir die schöne Stimmung, die ich Ihnen danke, nicht angreifen. Das ist Ihre eigene Schuld.«

Sie sah ihn an, mit halb über die Augen gesenkten Wimpern.

»Auf Wiedersehen, Herr von Springe! Ihrem Pflegling die zärtlichsten Wünsche.«

Da stand er draußen; lachend, wütend, vollständig durcheinandergewirbelt. Die Hexe, sprudelte es in ihm. Da hat sie mich so lange von Düsseldorf erzählen lassen, bis wir glücklich so familiär geworden waren, daß ich ihr nicht mehr grob kommen konnte. Hannes meinte ja gleich, meine Kavalierstugenden — — ach was, Kavalierstugenden! Blamiert hast du dich, alter Sohn! Vor zwei kokettierenden Satansaugen hast du geschnurrt wie ein Kater, dem man das Fell streicht!

Als er seiner Bundesgenossin ansichtig wurde, schlug ihm doch das Herz. Aber er bemäntelte seine Niederlage nicht.

»Sie hat mich in Watte gewickelt,« knurrte er und biß sich auf den Schnurrbart. »Viel hätte nicht gefehlt, und ich wär’ ihr um den Hals gefallen.«

»Gott sei Dank!« gab das Mädchen zur Antwort.

»Gott sei Dank?« wiederholte Springe perplex. »Wieso denn das?«

»Onkel Springe, wenn selbst du nicht standhalten kannst, ist Hans doch auch entschuldigt!«

Das ist die Logik der Liebe, dachte Springe. Aber er war kleinlaut geworden und sagte es nicht laut.

»Erwarte mich im Hotel, Onkel. Spätestens in einer Stunde bin ich zurück.«

Er sah ihr nach, wie sie über den Damm mit leichtem, flotten Gang auf eine Droschke zuschritt. In dem rotblonden Haar lag die Vorfrühlingssonne wie eine lustige Lohe. Ist das ein Mädel! gestand sich Springe. Man wird gesund und fröhlich vom bloßen Anschauen. Da liegt ein anderer Schmiß drin als in der Treibhausblume von vorhin. — — — Na, na, na ... Nachträglich Schimpfen, das ist auch so eine Art —.

Dann wandte er sich ab und schlug langsam den Weg zum Hotel ein. — — —

Hannes hatte Frau Bettina ihre Künstlerkarte hineingeschickt, wie sie sie im Verkehr mit Konzertdirektoren und Arrangeuren zu benutzen pflegte.

»Johanna Stahl?« las Bettina nachdenklich. »Die berühmte Altistin, die gestern erst im Philharmonischen — Sagen Sie der Dame, Anna, daß ich sehr erfreut bin, sie zu empfangen.«

Die beiden Frauen standen sich gegenüber.

»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Bettina, überwältigt von der eigenartigen Erscheinung und der jugendlichen Schönheit der Sängerin, und streckte ihr beide Hände entgegen, »was verschafft mir den Vorzug, einen so ausgezeichneten Gast bei mir zu sehen?«

»Bewilligen Sie mir wenige Minuten Gehör, gnädige Frau? Ich möchte vorausschicken, daß die Angelegenheit, die mich herführt, in erster Linie ~Ihre~ Interessen tangiert.«

Bettina ließ die Arme sinken. Die andere hatte ihre Willkommenbewegung gänzlich übersehen.

»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein,« sagte sie mit formeller Höflichkeit. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Hannes machte von der Einladung keinen Gebrauch. Eine Sekunde lang kreuzten sich ihre Blicke. Die eine sah die dunkeläugige, gefährliche Favoritin, die andere das freie, unerschrockene Germanenmädchen.

»Ich spreche gern die Hoffnung aus,« begann Hannes ruhig, »daß unsere Unterredung ebenso kurz wie befriedigend verläuft. Mein Pflegeonkel, Herr von Springe, ist, wie sich denken ließ, unverrichteter Sache heimgekehrt. Ich hatte ihm gleich gesagt, daß das kein Geschäft für Männer sei.«

»Ein Geschäft —? Mein Fräulein, Sie bedienen sich recht seltsamer Ausdrücke.«

»Wir wollen hier nicht um Worte streiten, gnädige Frau. Das würde die Erledigung der Angelegenheit nur verzögern.«

»So — so — —. Sie kommen aus demselben Grunde wie Herr von Springe? Nun, ich finde das für Sie nicht sonderlich delikat.«

»Gnädige Frau, Sie wollen gütigst beachten, daß das — Parfüm nicht von mir herstammt.«

»Mein Fräulein!«

»O nein, Sie erschrecken mich nicht. Ich fasse mich kurz. Das ist auch mein Geschmack. Es liegt in Ihrem Interesse, daß ich Sie bitte, Ihre Beziehungen zu Herrn Hans Steinherr ohne weiteres abzubrechen.«

»Verehrtes Fräulein,« lachte Bettina und zuckte die Achseln, »die Rolle der verlassenen Ariadne, in der Sie sich gefallen, ist einfach lächerlich.«

»Es freut mich, daß Sie das Kolorit dieser Rolle richtig taxieren, obwohl ich nicht viel mit ihr zu tun habe. Ich reise morgen nach München und singe in acht Tagen in Paris. Aber eben Sie, gnädige Frau, möchte ich vor dieser Rolle bewahren.«

»Tragen Sie keine Sorge. Ich qualifiziere mich nicht dazu.«

»Das zu erfahren, läge lediglich in meiner Hand.«

»Sie machen mich neugierig.«

»Ich frage Sie nur, ob Sie, die Verlobte eines hohen Herrn, die Beziehungen zu meinem Jugendfreunde lösen wollen oder nicht.«

»Und wenn ich Ihnen jegliche Antwort darauf verweigerte?«

»Soll ich das als Antwort auslegen?«

»Es steht in Ihrem Belieben.«

»So zwingen Sie mich, auf der Stelle zum Prinzen Georg hinzufahren und ihm den Inhalt dieser Unterredung mitzuteilen. Entscheiden Sie sich!«

Bettina war erblaßt. Ihre Brust hob und senkte sich tief, und die langen Wimpern zitterten über ihren Augen.

»Wenn Sie durchaus Lust verspüren, sich selbst mit diesem Schritt zu kompromittieren — —. Sie verstehen mich wohl. Übrigens wird man Sie nicht empfangen.«

»Man ~wird~ mich empfangen. Ich bin meiner Kunst dankbar, daß sie mir alle Türen öffnet. Und vor einer Kompromittierung fürchte ich mich nicht. Das ist mir die Freundschaft schon wert.«

Die beiden Frauen sahen sich fest in die Augen. Dann sagte Bettina mit einer starken Willensanstrengung: »Ihr glühendes Eintreten stellt mir den Preis so verlockend vor, daß ich Lust habe, freiwillig dem Prinzen abzusagen und Herrn Doktor Steinherrs Werbung heute noch anzunehmen.«

»Das kommt zu spät, gnädige Frau.«

»Mein Fräulein, ich muß mir jetzt jeden weiteren Einspruch verbitten.«

»Gestern hätten Sie noch ein Recht dazu gehabt, heute nicht mehr. Ich lasse Hans nicht unglücklich machen.«

»Unglücklich? Wenn ich ihn heirate? Das ist zum wenigsten originell.«

»Hans würde über die gestrige furchtbare Enttäuschung nie hinwegkommen. Er würde nie das Vertrauen zurückgewinnen und an den quälenden Gedanken zu Grunde gehen.«

»In Ihnen aber, nicht wahr, in Ihnen würde er die rechte Gefährtin finden. Nun, ich bin nicht seelengroß genug, um Ihnen den erwählten Gatten abzutreten. Mein Entschluß ist jetzt gefaßt.«

»Gnädige Frau,« begann Hannes, und ihr stolzer Mädchenkörper reckte sich hoch auf. Über ihrem Gesicht lag eine finstere Ruhe. »Gnädige Frau, ich habe bis jetzt ~nicht~ von mir gesprochen, aber wenn Sie mich zwingen, ~werde~ ich von mir sprechen.«

»Ah — das klingt wie eine Drohung ...«

»Und es ~ist~ eine Drohung. Sehen Sie mich an. Wir sind zwei Frauen, und keiner hört uns. In der Stunde der Gefahr soll keine falsche Scham zwischen uns stehen. Sehen Sie mich an. Sie sind schön und üben Ihren Einfluß auf die Männer; und ich —« eine dunkle Röte flog über ihre Stirn, aber in ihren Augen blieb das stahlharte Leuchten — »ich traue mir zu, es mit Ihnen aufzunehmen. Kein Mann hat mich je berührt, mit Ausnahme Hans Steinherrs, als er noch ein halber Knabe war. Das fällt mit in die Wagschale. Wagen Sie es, von seiner Stimmung Gebrauch zu machen, wagen Sie es, ihn für immer an sich zu ketten und damit sein Leben zu zerstören, nachdem Sie seinen Glauben schon zerstört haben! Selbst ~dann~ werde ich meine mädchenhafte Scheu überwinden, und ich werde schöner sein und treuer sein als Sie, und ich werde länger jung bleiben um seinetwillen! Wagen Sie den Kampf? Ich werde ihn mit der Heimatsstimme rufen und dem Ton der alten Erinnerungen. Für sein Glück soll mir ~kein~ Opfer zu schwer sein, und der Herrgott wird es mir verzeihen.«

Frau Bettina starrte das Mädchen an. Das war kein Ausbruch verwundeter Eitelkeit, das war die hinreißende Frauenreinheit, die alles darf, und die durch nichts befleckt wird. Und mit einem Male kam sie sich alt und müde vor neben dem jungen, zu jedem Kampf entschlossenen Geschöpf.

»Gehen Sie, gehen Sie!« murmelte sie und drückte die Hand vor die Augen.

Da trat Hannes auf sie zu und zog Frau Bettinas Hände herab. »Ich bin, als ich eintrat, Ihrem Händedruck ausgewichen, gnädige Frau. Lassen Sie mich jetzt Ihre Hände drücken.«

»Ich weiß nicht, womit Sie es mir angetan haben,« stammelte die Frau. »Sie — Sie haben den gläubigen Mut ...« Und plötzlich, dem Impuls des Weibes folgend, schlang sie den Arm um Hannes und sah ihr leidenschaftlich in das ernste und doch so jugendstrahlende Gesicht.

»Leben Sie wohl, Sie glückliche Natur! Ihr Hans soll nie wieder von mir hören. Nur drei Abschiedszeilen zum Adieu.«

Mein Hans — dachte Hannes mit einem wehmütigen Lächeln. Aber sie behielt tapfer ihre Haltung bei, und ruhig und gefaßt schieden die Frauen voneinander. — —

Im Hotel ließ sie Springe auf ihr Zimmer bitten. Sie nickte dem aufgeregt Hereinstürmenden zu.

»Hans wird ~nicht~ über Bord gehen. Die Gefahr ist vorbei.«

* * * * *

Als Springe am Nachmittag den Freund aufsuchte, fand er ihn am Schreibtisch sitzend. Stumm wies Hans Steinherr auf ein Blatt Papier. Bettina schrieb ihm, daß sie noch am selben Abend zu Verwandten ihres Verlobten abreise, ihn aber um seine Verzeihung bitte.

»Komm mit nach Düsseldorf!« sagte Springe ernst. »Du bist es dir und du bist es auch der Mutter schuldig. Die Heimat wird dich gesund machen.«

»Ich glaube an kein Gesundwerden mehr, Heinrich. Ich habe meine Wurzeln eigenhändig zerstört.«

Aber er ließ sich leicht überreden, er war müde und hatte eine traurige Sehnsucht. —

Hannes war nach München abgereist. Er hatte ihre Grüße empfangen und sie selbst nicht gesehen. Sie schien vor ihm geflohen zu sein, und das schmerzte ihn tiefer, als er es Springe wissen ließ.

In den ersten Märztagen fuhr Hans Steinherr an der Seite Heinrich von Springes durch Hannover, Westfalen und das niederrheinische Land. In sich versunken blickte er auf die Lichter Düsseldorfs, die sich rasch näherten. Er kam nicht als Sieger, aber er kam.

Die Heimat hatte ihren erkrankten Sohn zurückgefordert.

Siebentes Kapitel

Herr Friedrich Leopold von Springe saß an seinem hochbeinigen Schachtisch, dessen eingelegte Platte von einer niederen Galerie umgeben war, um die Figuren vor dem Hinabstürzen zu bewahren. Er trug eine elegante, flauschige Jagdjoppe, sein dünnes Haar war sorgfältig frisiert, und sein schlohweißer Schnurrbart strebte noch immer in keck gestutzten Spitzen nach oben. Nur in seinen Händen war ein leichtes, wenn auch kaum auffallendes Zittern zu bemerken, wenn er den Läufer zum Sturm beorderte oder den Springer den Rösselsprung vollziehen ließ. Er behauptete zwar, das sei die Aufregung des Spiels, kompliziert durch die Partnerschaft einer angebeteten Dame.

Diese Partnerin und Verehrte seines Herzens thronte in Gestalt Frau Stahls auf einem hohen Ledersessel ihm gegenüber. Über ihre faltigen Züge huschte, so oft sich Herr Friedrich Leopold in einer chevaleresken Bemerkung gefiel, ein kurzes, verschämtes Lächeln, das sie alsbald unter einem verdoppelt strengen Ernst zu verstecken sich mühte, gerade so, als müßte man sich von dem gefährlich tuenden alten Herrn der unglaublichsten Heißspornigkeiten gewärtig halten und dürfte daher seinem Jugendfeuer nicht die geringsten Konzessionen machen.

Eine warme Gemütlichkeit herrschte in dem Zimmer. Kein Geruch nach Lavendel und Rosmarin. Aber es duftete verräterisch nach echtem Sellnerschen Punsch vom Karlsplatz.

»Durchaus nicht, weil ich am Alkohol hänge,« pflegte der alte Herr jedesmal zu betonen, wenn er aus dem Tischuntersatz das Glas hervorholte und verbindlich gegen Frau Stahl hob. »Ich bin eigentlich von Haus aus Vegetarier und schwärme für junges Gemüse. Aber wo soll der Mensch in den ersten Tagen des Märzen Maikräuter herbeziehen!«

Gegen diese eiserne Logik ließ sich nichts einwenden. Und wenn auch Frau Stahl von Zeit zu Zeit mit dem liebevoll geschärften Blick, mit dem man große Jungen zur Einkehr zwingt, auf die nach dem Tischuntersatz tastende Hand des alten Herrn schaute, ~so~ ungefähr, als ob sie auf seinem Handrücken etwas ganz außerordentlich Interessantes erblickte, so erhob sie sich doch zu mehreren Malen am Abend, um aus dem Kamin schweigend den dampfenden Wasserkessel hervorzuziehen.

Dann saß Herr Friedrich Leopold ganz still, die Hände im Schoß gefaltet, und beobachtete ihr Tun. Mit leichtgewölbten Nasenflügeln schnupperte er den Duft, der aus der innigen Vermählung des Punschsirups mit dem brodelnden Wasser aufstieg, und bewegte leise die Lippen.

»Aber, Herr von Springe,« sagte die alte Frau mahnend, »können Sie denn gar nicht abwarten?«

»Ach,« erwiderte Friedrich Leopold harmlos, »Sie meinen also wirklich, das geschehe wegen des Punsches? O, meine gute Frau Stahl, in welchem Irrtum bewegen Sie sich. Wenn meine Lippen sich regen, so tun sie es, weil es sie zum Reden drängt. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Und wenn ich so die Zierlichkeit Ihrer Bewegungen bei der Punschbereitung betrachte — nein, nein, lassen Sie mich nicht weitersprechen. Aber das Wort des einzigen Philosophen, den ich anerkenne, bleibt dennoch wahr: Wer Sorgen hat, hat auch Likör.«

»Haben Sie denn Sorgen, Herr von Springe? Das bißchen Podagra meldet sich doch nur beim Witterungsumschwung.«

»Liebessorgen, meine verehrte Frau; Liebessorgen um Sie.«

»Ja,« sagte die alte Frau und hob betrüblich die Achseln, »da ist freilich nix zu machen. Sie kennen meinen Standpunkt. Ich bleib’ fest, aus Konsequenz.«

»Na, dann geben Sie mir wenigstens den Leidenskelch. Frau Stahl, Frau Stahl! Wenn ich in meinen besten Mannesjahren jählings zum Trinker werde — Sie tragen die Verantwortung. Nein, nein!« protestierte er, »keine stärkere Wasserzugabe. Ich bin durch Ihre Absage genügend abgebrüht.«

Sie aber ließ sich nicht behindern, den Trank nach Gutdünken zu mischen.

In dem offenen Kamin knatterten die Holzscheite hinter dem Eisengitter. Das war bei kaltem Wetter Herrn Friedrich Leopolds größte Freude.

»Sehen Sie,« belehrte er Frau Stahl, »der Stolz auf sein altes Adelsgeschlecht, das ist doch kein leerer Wahn. Man muß ihn nur richtig handhaben. Ich bin ja nur ein dürres Reis an unserem Stammbaum, aber trotzdem, ich habe die Geschichte unseres Hauses im kleinen Finger. Und wenn ich so sitze und grübele — dann gehört ein offenes Kaminfeuer dazu und das Rattern und Knattern der Scheite. An so einem Kaminfeuer haben sich auch meine Herren Vorgänger im lustigen Mittelalter höchstihre Fußsohlen gewärmt, wenn sie von mehr oder weniger tugendhaftem Beginnen auf ihre Burg am Rhein zurückkehrten. Geben Sie gut acht. Der Kamin und das Füßewärmen tun’s nicht allein; aber — die Tradition. Es ist so ein eigentümlich Ding um so eine Familientradition. Man sollte ihr auch in Bürgerkreisen mehr nachgehen. Glauben Sie mir, die Gedanken daran wandeln sich in Blutkörperchen um, und die Blutkörperchen geben Haltung. Man weiß, man ist seinen Vorgängern und Nachfolgern etwas schuldig, und wäre es auch nur die — gute Haltung. Ein Meteor, das sich von seinem Heimatstern ablöst, strahlt zwar sehr schön und setzt alle Welt einen Atemzug in Staunen, aber wenn es seine Bahn durchsaust hat, sinkt es auf fremder Erde in Nacht und Grauen. Höchstens findet’s ein Professor. Der klopft und riecht dran herum und — o Tragikomödie des Meteors — erklärt der gläubigen Jüngerschar: Meine Herren, das, was Sie hier sehen, ist durchaus kein Element an sich. Es hatte einmal elementare Qualitäten, als es noch seine Kräfte aus dem zuständigen Heimatsrevier des Saturn oder Uranus zog. Jetzt aber, jetzt — tun Sie’s in Ihre Sammlung, unter: Verschiedenes.«

Der alte rheinische Junker stemmte seine Füße fest gegen das Kamingitter und fuhr fort: »Die Familientradition, ja, die hat eben etwas an sich. Man braucht sie nicht nachzubeten, bloß in den Knochen soll man sie haben. Das ist auf alle Fälle ein feiner Regulator zwischen dem modernen Geist und der alten Materie. Sie mögen sagen, was Sie wollen: das sind Imponderabilien, die man bei der Rassenentwicklung nicht unterschätzen soll. Schauen Sie sich um unter den Söhnen des Landes. Bengel sind sie ja alle, gottlob!, und das ist ein gesundes Zeichen. Aber wie Sie, im engeren, unter den Akademikern untrüglich die Verbindungsstudenten herauswittern, so werden Ihnen, im weiteren, immer die jungen Leute auffallen, die durch ihre Erziehung darauf hingeleitet worden sind, ihrer Altvorderen, ob bürgerlichen oder adligen Grades, zu gedenken. Was natürlich mit der persönlichen Hinneigung des einzelnen zum Genie oder zum Schafskopf auch nicht das allermindeste zu tun hat. Ich resümiere nur auf die Haltung; in allen Lebenslagen.«

Die alte Frau, die das Leben wissend gemacht hatte, nickte. Auch heute freute sie sich an der draufgängerischen Frische des Altersgenossen, aber sie hatte Lust, zu opponieren.