Part 20
»Du,« rief sie außer sich und faßte nach seinen Schultern, »das ist eine Behandlung, wie du sie deinem rheinischen Allerweltsmädel zu teil werden lassen kannst, mir nicht, mir nicht!«
Er hatte sich blitzschnell umgewandt und sie bei den Handgelenken ergriffen.
Kein Wort sprach er, aber er preßte ihre Gelenke, daß sie zusammenzuckte.
»Hans,« weinte sie leise, »sei doch gut, sei doch gut. Wenn ich dich nicht so wahnsinnig liebte —«
»Schäme dich,« sagte er kaum hörbar und ließ sie los. »Arme, betrogene Frau ...«
Und plötzlich war ihm, als ob er selbst schon einmal in einer ähnlichen Situation gestanden hätte. Er als der Betrogene, der sich selbst Betrügende.
»Es wiederholt sich alles im Leben,« murmelte er, »nur der Verlierende wechselt.«
»Hans —« versuchte sie noch einmal.
»Still, man kommt.«
Frau Bettina richtete sich auf und fuhr sich mit dem Tuch über das verstörte Gesicht.
»Du darfst jetzt nicht gehen. Nicht sofort. Das gäbe Aufsehen. Versprich es mir.«
»Gut, gut. Hab’ ich so lang’ Komödie gespielt, halt’ ich es auch noch eine halbe Stunde länger aus.«
»Ich werde dich wiedersehen.«
»Das wirst du nicht.«
Das Mädchen meldete, soeben sei Seine Hoheit erschienen. Die Gäste wären vollzählig. Auch ein fremder Herr schicke der gnädigen Frau seine Karte herein mit einer Empfehlung des Herrn Doktor.
»Ihren Arm, Herr Doktor ...«
In seinen Augen flackerte es, als er die Dame des Hauses in den Salon führte. Seine Haltung war noch aufrechter als sonst, seine Miene kalt und abweisend wie meist. Aber es war ihm, als ob er ohne zu atmen, ohne atmen zu können einherginge, und dieses Gefühl verursachte ihm direkt körperlichen Schmerz. Er führte seine Begleiterin, ohne sich bei den Gästen aufzuhalten, geradeswegs auf den Prinzen zu, der im selben Augenblick den Salon betrat.
Frau Bettinas Hand zitterte auf seinem Arm. Wollte er einen Eklat herbeiführen?
Doch als sie den Prinzen erreicht hatten, trat Steinherr mit kurzer Verbeugung wortlos zurück.
Da fand auch sie ihre Selbstbeherrschung, und sie reichte dem Prinzen lächelnd die Hand, die er an die Lippen führte.
»O —« sagte er bedauernd und nahm auch die andere Hand auf, »rote Streifen an den süßen Gelenken?«
»Ich habe Armbänder anprobiert, Hoheit, aber sie wollten nicht passen. Darf ich Ihnen die Herrschaften bekannt machen?«
Frau Bettina war an diesem Abend eine besonders entzückende Wirtin. Für jeden ihrer Gäste hatte sie ein freundliches Wort bei der Hand, das dem Prinzen die künstlerische oder gesellschaftliche Bedeutung des Vorgestellten schmückend erklärte, und ihre Augen strahlten heller, als sie sich von den bewundernden Blicken ihrer Freunde verfolgt sah. Sie las darin den offenkundigen Drang, ihr heute noch die Glückwünsche der Intimen darbringen zu können, und sie quittierte mit einem geheimnisvollen Sinkenlassen der langen, dunklen Wimpern. Nun war ein jeder orientiert. Und gerade die stille Erregung, die sie in dem Kreise wahrnahm, gab ihrem Auftreten das Bewußtsein.
Willibald Hüsgen war der vielbeschäftigten Hausfrau kurz präsentiert und mit einem gnädigen Nicken bewillkommnet worden. Der Prinz hatte kaum Notiz von ihm genommen. Von einem Wiedererkennen konnte nicht die Rede sein.
»Du,« flüsterte Hüsgen und stieß den wortkargen Steinherr in die Seite, »alles wat recht is: ene staatse Frau. Wär’ det nix für dich gewese?«
»Also Springe ist in Berlin?« fragte Steinherr zurück. Er fühlte, daß er sich zu jedem Worte Gewalt antun mußte.
Willibald Hüsgen aber war von dem eleganten Gesellschaftsbild viel zu sehr gefesselt, um aus der neuen Welt eine Exkursion in die altbackene zu unternehmen.
»Weißt du,« sagte er, »hier muß mer sich bloß beliebt mache. Hier gucken einen die Aufträg’ förmlich aus jeder Ritz’ an. Ich werde Hoheit nachher mal so ’nen stillen Wink geben, von wegen der Düsseldorfer Bekanntschaft.«
Dann sprach er ziemlich laut von seiner Ausstellung bei Schulte, um die Umstehenden darauf aufmerksam zu machen, daß auch er »wer sei«.
Das wurde von der Gesellschaft nicht gerade angenehm empfunden. Man befleißigte sich heute mehr denn je, dem Zusammensein einen gewissen feierlichen Charakter zu verleihen, und die ungenierte Stimme des Düsseldorfer Malers, der sich etwas zu gute darauf zu tun schien, auch in seiner Ausdrucksweise durch Urwüchsigkeit zu verblüffen und aufzufallen, störte empfindlich das verbindliche, harmonische Zeremoniell.
Es war an Frau Bettinas Abenden eine schöne Sitte, daß man zunächst dem Büfett im Speisezimmer zusprach und dann erst den Musik- und Diskutiersalon aufsuchte, um, angeregt durch die leibliche Stärkung, ausgiebiger den geistigen Genüssen sich hingeben zu können. Auch heute war das der Fall. Aber während der Büfettstunde wurde eifriger als gewöhnlich die Improvisation einer unmittelbar eingreifenden künstlerischen Veranstaltung besprochen. Man wünschte diesmal, das gefüllte Glas in der Hand zu behalten, um für jeden Moment gewappnet zu sein.
»Herr Doktor Steinherr, es gilt, Hoheit einen anregenden Abend zu verschaffen, und unserer strahlenden Hausfrau nicht minder. Bitte! Beginnen Sie mit einem stimmungmachenden Gedicht. — Sie haben zufällig nichts bei sich? Ach, das sagen die Herren Dichter immer, um sich den Hof machen zu lassen! Sehen Sie nur einmal gründlich nach, die Muse wird Ihnen bei ihrem letzten Besuch schon eine kleine Gabe zurückgelassen haben. — In der Tat nicht? Ja, dann hilft es Ihnen nichts, dann müssen Sie extemporieren.«
Frau Bettina und der Prinz wurden um Hilfe angerufen.
»Ah,« sagte der Prinz, »da steht uns ja ein seltener Genuß bevor. Sie würden mich wirklich verbinden, Herr Doktor. Ich bin gerade heute für Poesie besonders empfänglich.«
Über Bettinas Gesicht glitt ein seltsames Scheinen. Der Augenblick war da, den gegen den Stachel Lökenden wieder zur Raison zu bringen. War er zu bewegen, den Abend verherrlichen zu helfen, so war die Grundlage für ein späteres Wiederzusammenfinden dennoch geschaffen. Ein Gedicht, jetzt, zum festlichen Abend, das der Eigenschaft gerade dieses Abends irgendwie Rechnung trug, und er entäußerte sich damit seines beleidigten Stolzes und erkannte, wenn auch heute noch unter einem Zwange, ihre Wünsche und Pläne an.
Gespannt blickte sie zu ihm auf, ihre Hand im Arme des Prinzen.
»Fehlt Ihrer Harfe,« sagte sie, um ihn zu reizen, »die Saite, auf der die Töne des Glückes erklingen?«
»Ja,« fiel der Prinz lebhaft ein, »preisen Sie die Liebe. Ich höre, Sie sind der Berufenste.«
Um Hans Steinherrs Lippen zuckte es sarkastisch. Hoheit hatte unbewußt ein böses Gleichnis gebraucht.
Auch Frau Bettina hatte die Wimpern gesenkt und blickte starr auf einen Punkt.
Vom Musikzimmer her erschallten die Töne des Steinways. Ein berühmter Klaviervirtuose spielte meisterlich das Liebeslied aus der Walküre:
»Winterstürme wichen dem Wonnemond ...«
Als er geendet hatte, grüßte Steinherr, äußerlich unbewegt, die Hausfrau. Und mit einer Stimme, deren Kälte und Gelassenheit in seltsamem Gegensatz zu dem nervösen Wesen Bettinas stand, sagte er nur: »Ich bitte um Urlaub. Soeben höre ich von Freund Hüsgen, daß liebe Düsseldorfer Freunde mich noch erwarten. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, meine gnädige Frau. Sie wissen, die Heimat hat ihre Rechte. Nochmals: ich bitte um Urlaub.«
Er war gegangen, aber eine drückende Stille war geblieben.
Da glaubte Willibald Hüsgen sich zum Retter der Situation aufwerfen zu müssen, und er hob schnell sein Glas, das er nicht aus der Hand gelassen hatte. »Pröstchen, gnädige Frau ...«
Bettina sah über ihn hinweg. Und als nun gar Hüsgen, um sein gesellschaftliches Gleichgewicht wieder herzustellen, auf den Prinzen einsprach und ihn unter lustigem Augenzwinkern an die Düsseldorfer Zeit erinnerte, kehrte ihm das Paar frostig den Rücken.
Willibald Hüsgen aber nahm französischen Abschied.
Fünftes Kapitel
Hans Steinherr schritt durch den naßkalten Februarabend, die Hände tief in den Taschen seines Paletots, den Kopf vorgestreckt. Er achtete nicht darauf, daß seine dünnen Lackschuhe durchweicht und bespritzt wurden, daß auf seinen Hut die Tropfen fielen. Er dachte überhaupt nicht. In seinem Kopf tanzten hundert Melodien durcheinander, Kinderlieder, Studentengesänge, Fastnachtsstrophen vom Rhein. Woher sie so plötzlich auftauchten, wer sie gerufen hatte — er wußte es nicht. Er wollte es auch gar nicht wissen. Sie waren eben da, sie erheiterten ihn, sie verkürzten ihm die Zeit. Also war es doch eine große Errungenschaft, über sie verfügen zu können. Und er summte sie mit, wie sie ihm durch den Kopf kreuzten, einen Vers nach dem anderen, eine Melodie nach der anderen, ohne sich über die Notwendigkeit Rechenschaft abzulegen.
Einmal blieb er stehen. Er hatte da ein Karnevalsliedchen im Dialekt vor sich hin geträllert, im Wortlaut, ohne zu stocken. Das kam ihm selbst wunderbar vor. Und darüber grübelte er nun doch. Er wußte ganz genau, daß er die Strophe kaum als Junge gekannt oder gesungen haben konnte. Sie mußte ihm von irgend einem Düsseldorfer Fastnachtsabend her im Ohr geblieben sein. Und nun meldete sie sich. Seltsam. War denn damals alles so tief gegangen, saßen selbst die geringfügigsten Tagesbildchen aus der Jugend so fest in ihm, daß sie nach jahrelanger Unterdrückung plötzlich schelmisch hervorlugten und ihm lustig zuraunten: Wir sind auch noch da, wir halten uns stets zu deiner Verfügung, wenn du einmal ein Stündchen für uns hast oder wir unser Stündchen für gekommen halten?
Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Gut, gut, mochte es so sein, wie es wollte. Karneval in Düsseldorf, Karneval in Berlin — es war ja schließlich völlig gleich.
Aha — ja — was war’s doch gleich? Hatte er da vorhin ein Erlebnis gehabt? Dort hinten, irgendwo, in dem Hause am Kurfürstendamm? Er mußte sich einen Moment besinnen, denn das Haus erschien ihm nur nebelhaft, und die Vorgänge des Abends — —? Ganz recht, er hatte Urlaub genommen, Urlaub von der Liebe. Das war doch alles sehr höflich gewesen, mehr als höflich. Doch das andere — das andere — —? War diese Verlobung nicht längst schon eine fertige Geschichte? Sämtliche Freunde des Hauses hatten es doch gewußt, nicht ein einziger, der überrascht gewesen wäre — —
Herrgott ja, es war keiner überrascht gewesen —!
Glühend heiß lief es ihm durch den Körper, er fühlte, wie sein Gesicht brannte, wie das Blut ihm in den Wangen klopfte, in den Schläfen, in den Halsmuskeln. Er nahm den Hut ab und vergaß, ihn wieder aufzusetzen. Also alle hatten sie es gewußt, nur er nicht ... Der Seladon war mit Blindheit geschlagen gewesen. Herr Hans Steinherr, Seladon der Frau Bettina Wittelsbach. Die höchste Charge, die er erreicht hatte, nachdem er von der Schlichtheit der Heimat geschieden war, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen!
Ah — —! schrie es in ihm auf, und er preßte die geballte Faust auf den Mund, um den Schrei, der ihm über die Lippen trat, zu ersticken. Mit entsetzten Augen blickte er sich um, ob ihn ein Vorübergehender belauscht haben könnte. Wie erbärmlich, wie jämmerlich erbärmlich war das, was er erlebt hatte! Nicht heute nur, nein, nein, all die Tage, Wochen, Monate hindurch. Seine Augen wurden so unheimlich klarsehend. Hundert Einzelheiten traten vor seine geschärfte Phantasie, Dinge, die er hingenommen hatte, um die oft fadendünne Stimmung nicht zu zerreißen, Küsse, die er geküßt hatte, obwohl sein Geist noch zornig gewesen war über Oberflächlichkeiten und Unarten der Frau, die er — küßte. Ihr Diener, Gnädigste, Ihr Diener — —. Das war ja doch der immer wiederkehrende Endreim gewesen — er hatte den Diener gespielt!
Er beschleunigte seinen Schritt. Er begann durch die Straßen zu laufen, um zu seiner Wohnung zu gelangen. Jeder Straßenköter, so glaubte er, müßte ihm doch die Rolle ansehen, die er in so beispielloser Überhebung verwechselt hatte.
Jetzt stießen sie im Hause Kurfürstendamm klingend die Gläser zusammen. Jetzt brachte wohl die alte, diplomatisch geschulte Exzellenz den Trinkspruch auf das Brautpaar aus. Und hinten, in einer Ecke des Salons, kommentierte man tuschelnd seinen raschen Abgang. Er sah sie ganz deutlich, die Intimen des Hauses, wie sie lächelten, in stillem Mitleid, mit einem Stich ins Schadenfrohe. Keiner hatte ihn gemocht, und er keinen von ihnen! Des freute sich seine Seele noch in dieser Stunde. Nur Bettinas wegen hatte er sie ertragen, Bettinas wegen, die so lieb zu betteln, so feurig zu überreden, so lachend jede Einwendung zu verwischen wußte. Es dämmerte in den Straßen, und er war bei ihr. Und sie lehnte ihren biegsamen Körper an ihn und strich über sein Haar; und wenn er sie küssen wollte, bog sie den Kopf zurück; und wenn er sich beleidigt zurückziehen wollte, überfiel sie ihn mit ihren Küssen. Kein Denken und Wägen hielt stand. Denken und Wägen auf morgen! Er fühlte nur ihre süße Gestalt und ihre heißen Lippen ...
Sein Gesicht verzerrte sich wie unter einem körperlichen Schmerz. Hatte er denn alle Würde verloren, daß er jetzt noch, nach dem soeben Erlebten, in Erinnerungen schwelgen konnte?
O, o, gab er sich selbst die Antwort, das ist doch kein süßes Schwelgen, das ist ein ~bitteres~ Schwelgen, das ist der Haß, die Wut, der Ekel. Das ist die Ironie, lachte er auf, die Ironie meines Lebens.
Und immer wieder redete er mit seinem eigenen Selbst und fand nicht Worte genug, um sich zu verwunden, zu demütigen und wieder aufzustacheln.
Ein Fluchwort preßte sich hinterher. Es war das erste Mal, daß er fluchte. Und er meinte auch nur sich damit zu treffen. Wieder und wieder stieß er das Wort heraus, aber es wurde ihm nicht leichter zu Sinn.
Heute würden sich die Gäste natürlich früher empfehlen. Nur der eine, der Prinz, würde noch einen Augenblick zögern, um einen Separatabschied zu nehmen. Dieser lächerlich wichtige, inferiore Dutzendprinz. Was er besessen hatte: Rennställe, Weiber, Hunde; was er nie besessen hatte: Witz und Verstand; was er noch besaß: Schulden und wieder Schulden — das war die Analyse. Es blieb kein Rest.
»Herr des Himmels!« stieß Steinherr hervor, »weshalb beschimpfe ich den Mann?«
Da war er schon wieder bei dem Bilde.
Die Gäste waren gegangen; den Hut in der Hand, zögerte der Prinz. Jetzt führte er mit unnachahmlicher Grazie ihre Hand an die Lippen. »Wer war denn dieser unglaubliche Mensch, der sich so merkwürdig benehmen zu müssen glaubte?!« Und sie antwortete lächelnd: »Mein Gott, ein Dichter. Er legte heute schlechte Formen an den Tag. Wir werden sie ihm abgewöhnen. Nicht wahr, mein Georg? Gute Nacht ...«
Dem hastig Einherschreitenden stand der Schweiß auf der Stirn. Er ballte die Finger zu Fäusten zusammen und renkte den Kopf, als ob ihm das Atmen Beschwerden machte. Das war doch Verrücktheit, glatte, blanke Verrücktheit, diese Selbstquälerei! Hier gab es doch nur eins: Verachtung! Aber das sprach sich nur leicht aus. Was würden die beiden Menschen nach seiner Verachtung fragen! Lachen würden sie über ihn!
Er öffnete weit die Augen, aber er sah nichts, in sich und um sich, als eine Leere.
Vermisse ich denn etwas? fragte er sich höhnisch. War denn überhaupt etwas vorhanden, was wert wäre, es auf der Straße ausklingeln zu lassen? Liebe? Die würde nicht toben und schimpfen. Für einen Groschen Ehrgeiz verloren gegangen, und in derselben Düte ein Rest schimmelig gewordene Vornehmheit!
Er stand vor seiner Wohnung. Neun Uhr erst ... Wie werd’ ich den Abend herumbringen ...
Dann ging er hinein, machte Licht und sah sich um; ganz scheu, als müßte er auch hier auf eine Überraschung gefaßt sein. Aber alles war unverändert. Und gerade dieses unveränderte Bild, das Tag für Tag das gleiche bleiben würde, während er sich selbst ein Fremder geworden war, ließ ihn das, was er vor einer Stunde aufgegeben hatte, wie einen unwiederbringlichen Verlust, in weit über alle Grenzen gehenden Maßen, erscheinen.
Müde, zerschlagen, saß er in seinem Stuhl. Die Arme hingen schlaff über die Lehne.
Was nun?
Er lächelte ironisch.
Was nun? Das hört sich ja an, als ob ich überhaupt schon etwas getan hätte. Ich hab’ dem Leben nichts genutzt, und das Leben hat mir nichts genutzt. Quitt! Wir haben uns beiderseitig nichts vorzuwerfen.
Sein Blick fiel auf das der Wand zugekehrte Bild Bettinas.
Langsam erhob er sich, nahm das Bild vom Schreibtisch und betrachtete es. Ganz bedächtig, ganz eingehend. Nun hatte er die Augen durchforscht, nun heftete sich sein Blick auf den Mund. Ein Zittern ging durch seine Hände, und es wurde stärker und stärker, bis er mit jähem Griff den Karton packte, um ihn zu durchreißen. Aber er tat es nicht. Er warf das Bild auf den Tisch und preßte die Lippen zusammen. Seine Augen brannten in einem trockenen, quälenden Schmerz. Wozu nur das alles? Wozu nur? Es war doch nirgend ein Zweck zu ersehen!
Als er die Lampe niedriger schrauben wollte, fiel ihm auf dem Schreibtisch eine Karte ins Auge. Mechanisch nahm er sie auf und las. »Heinrich von Springe.«
Und darunter stand: »Ich werde vor zehn Uhr noch einmal mein Glück versuchen.«
Hans Steinherr legte die Karte auf den Tisch zurück.
Das Glück versuchen? ... dachte er. Das wird wohl bei mir mehr als verlorene Liebesmüh’ sein. Das Glück versuchen!
Im Halblicht saß er und erwartete den angekündigten Besuch. Wenige Minuten, und er hatte ihn vergessen. Nur seine Scham hatte er nicht vergessen, seinen beleidigten Stolz, seine beleidigte Männlichkeit. Das wogte und quirlte in seinem Kopf durcheinander, und er war dem Ansturm gegenüber willenlos. »Aus ist’s, aus, aus!« murmelte er immer wieder vor sich hin, und dennoch arbeitete er unablässig an neuen Plänen, um die gescheiterte Hoffnung zu reparieren. Es war ein Kampf in ihm, den er verachtete und den er gleichwohl mit jeder Fiber kämpfte. Um ein Phantom —.
Es hatte an seine Tür geklopft. Nun klopfte es wieder, und die Tür öffnete sich. Ein Mann stand auf der Schwelle und spähte durch das Halbdunkel.
»Hans —?« fragte eine Stimme, die ihm eigenartig vertraut vorkam.
Er machte eine Bewegung, die seine Anwesenheit verriet. Da stand auch schon der Besucher vor ihm.
»Hans, mein alter Junge, es ist lange her, daß wir uns nicht sahen. Deine Mutter läßt dich grüßen.«
Er antwortete nicht. Nur die Hände hielt er fest, die ihm Springe entgegengestreckt hatte.
»Hans, ist es dir immer noch nicht lieb, mich wiederzusehen? Ich denke, wir sind Männer geworden seitdem.«
»Doch, doch. Entschuldige meine scheinbare Teilnahmlosigkeit. So nimm doch Platz!«
Springe legte seinen Mantel ab, ging zum Tisch und ließ das Licht aufflammen.
»Laß dich zunächst einmal anschauen,« sagte er ruhig. »Ob es der alte Hans ist.«
Steinherr wehrte mit der Hand ab, aber Springe achtete nicht darauf. In Gedanken versunken, stand er vor dem einstigen Schützling.
Der zwang sich zu einem Lachen.
»Zufrieden mit der Musterung? Nicht ganz, wie ich merke. Ich bin nur ein bißchen alt geworden in der Einsamkeit. Aber sonst, sonst — —. Nun setz dich doch, und wenn es dich freut, will ich dir sagen: Es ist gut, daß du hier bist.«
Springe zog sich einen Stuhl heran und setzte sich ihm dicht gegenüber. Ihre Kniee berührten sich.
»Hans, Hans,« sagte er herzlich.
Der aber wurde unruhig und blickte an dem Gast vorbei.
»Laß gut sein; wir wollen uns das Wiedersehen nicht mit alten Geschichten verkümmern.«
Springe schüttelte nur den Kopf. Dann fragte er unvermittelt: »Hast du mich nötig, Hans? Kannst du mich brauchen? Was gehen uns alte Geschichten an, wenn neue dringendere zu erledigen sind? Leute wie wir geben sich die Hand und verstehen sich.«
»Verzeihe. Mach’ ich in der Tat einen so niederschmetternden Eindruck?«
»Ich möchte den Grund wissen.«
»Ja, lieber Heinrich — ich darf dich wohl noch so nennen — den Grund möchte ich auch wissen. Nimm an, ich bin ohne Grund so, gänzlich ohne Grund. Das klingt dumm, aber es hilft weiter.«
»Was das anbetrifft, wir haben Zeit.«
»Das klingt aus deinem Munde allzu bescheiden. Du wirst Besseres zu tun haben, als dir über das Aussehen eines Menschen Kopfschmerzen zu machen, der selbst nicht einmal weiß, ob er Kopf genug hat, um Schmerzen zu fühlen.«
Springe lehnte sich zurück und schwieg. Dann sagte er langsam: »In der Ironie hast du es jedenfalls weit gebracht.«
»Ich hatte einen guten Lehrmeister,« erwiderte Steinherr lächelnd; »er hieß Heinrich von Springe und war in diesem Fach ein Meister. Bitte, verkleinere mir den Mann nicht, ich verdanke ihm viel.«
»Der Mann muß ein Stümper gewesen sein, lieber Hans.«
»Ich widerspreche einem verehrten Gast nicht gern, aber hier scheint es mir Pflicht. Pflicht oder Selbsterhaltungstrieb — wie du es nennen willst. So laß dir denn sagen, daß das, was aus seiner Lebensanschauung auf mich abgefärbt hat, das Beste war, was ich gewinnen konnte. Und das war just der ironische Gesichtswinkel.«
»Trotzdem. Ich bleibe dabei, der Kerl war ein Stümper oder — du hast nicht ausgelernt.«
»Ich habe, was ich brauche. Mehr wie seine Bedürfnisse kann man nicht befriedigen.«
Springe sah ihm fest in die Augen.
»Was nutzt dich die Ironie allein? Die ist wie ein Zwilling, der ohne den anderen Zwilling nicht leben und nicht sterben kann. Nörgelnde Grämlichkeit statt scharfer Lebenslust. O ja, die Ironie hast du erlernt. Nur eins, das Lachen, das rheinische Lachen hast du nicht gelernt, noch nicht gelernt; und das gehört dazu wie der Klöppel zur Glocke. Es wird Zeit, mein Sohn; lern das Lachen!«
Hans Steinherr erhob sich rasch. Das war das Wort, das ihm gefehlt hatte. Das Lachen, das Lachen! Das gekonnt haben, vor ein paar Stunden, so recht aus Herzensgrund, so recht befreiend und alles reinfegend — das Lachen ... damit hätte er gesiegt, über sich, über die anderen, über die Situation. Weshalb hatte er nicht lachen gekonnt!
Der Aufruhr in ihm, der sich eine kleine Weile gelegt hatte, brach mit erneuter Gewalt los. Durch seinen Kopf schossen blitzschnell die Bilder: das tödlich beleidigte und doch jäh erschrockene Gesicht Bettinas, wenn er ihre Eröffnungen mit einem schallenden Gelächter entgegengenommen hätte, wenn er sich mit lautem, humorvollem Lachen auf dem Absatz umgedreht hätte und lachend ohne weiteres zur Tür gegangen wäre. Das würde ihr einen anderen Respekt vor der Art seiner Persönlichkeit beigebracht haben, als die hohen Worte seiner Liebesmoral. Das würde sie zusammengeschüttelt und aufgerüttelt haben mit Fäusten, und bevor er aus dem Zimmer gewesen wäre, hätte sie widerspruchslos sich und ihre Welt der Kraft seines Lachens anvertraut.
Er stand am Fenster und hielt das Holz der Fensterschwelle gepackt, um den Sturm abzulenken. Weshalb war der Mann nicht gestern gekommen, ihn an heimische Art zu mahnen! Dieser Mann, der ihm schon einmal den rechten Weg gezeigt hatte, den Weg zur Jugend. Langsam kam er durch das Zimmer zurück. Er hatte wohl doch noch einiges nachzuholen.
»Heinrich,« sagte er, »ich habe dich vorhin nicht einmal ordentlich begrüßt. Das möchte ich jetzt. Es hat vieles zwischen uns gestanden, was nur in meiner Einbildung existierte und längst beschämt verflogen ist. Aber du hast recht. Leute wie wir geben sich die Hand und verstehen sich. Ich werde dich nicht mit Sentimentalitäten langweilen. Wie geht es meiner Mutter?«
»Sie hat sich in den Kopf gesetzt, nicht älter zu werden.«
»Ihr seid sehr glücklich miteinander?«
»Glücklich? Das Wort kann ich nicht mehr definieren. Es wird wohl bei uns der Normalzustand so bezeichnet werden müssen. Lieb haben wir uns wie die Kindsköpfe.«
Er faßte den Jüngeren beim Schopf.
»So, nun komm mal her. Deine Mutter hat mir aufgetragen, dir sofort, wenn ich dich zu fassen kriegte, einen Kuß von ihr zu applizieren. Da hast du ihn.«
»Du hast dich in den fünf Jahren nicht verändert — —. Und Herr Friedrich Leopold?«
»Adrett wie ein Zwanzigjähriger, der sich vorgenommen hat, hundert zu werden. Bleiben ihm nach seiner Rechnung also noch gutgezählte achtzig Jahre zur Verfügung.«
»Und — und Frau Stahl?«
»Stellt lebende Bilder.«
»Du, drück dich klarer aus! Lebende Bilder?«