Die vom Niederrhein

Part 19

Chapter 193,757 wordsPublic domain

»Pardon,« sagte er, legte den Hut hin und kam auf sie zu. »Gestatten Sie mir, daß ich mich zunächst in aller Form Rechtens meines Besitzes versichere.«

Sie stand regungslos, mit leicht vorgebeugtem Kopf, und er küßte sie respektvoll auf die Stirn.

Dann atmete sie tief auf. Es war geschehen. —

Nun stand sie auf der Höhe, und das Leben war ihr tributpflichtiger denn je. Nach der Sklavenrolle der ersten Ehe die Herrscherrolle der zweiten. Unumschränkte Freiheit, und die Gesellschaft ihr zu Füßen. Jetzt erst wollte sie das Leben erschöpfen, jetzt war sie erst ganz gerüstet, denn über ihr hing der Schild.

»Meine liebe Bettina,« sagte der Prinz feierlich, »ich huldige als erster der Gräfin Bettina Wallberg.«

»Ich danke dir, Georg. Die Gebieterin wird nicht allzu strenge sein.«

Er steckte ihr einen reich gefaßten Brillantring an die Hand, und sie ließ es sich lachend gefallen, daß er alle Ringe, die sie trug, abzog und anprobierte, bis er sich für einen Rubin entschied.

»Das ist Herzblut,« erklärte er, »dein rotes, feuriges Herzblut.«

Sie schloß die Augen und dachte an ihr rotes, feuriges Herzblut — —

»Wie schön du bist. Ich habe weder in Paris, noch in Nizza eine wundervollere Toilette gesehen. Was brauchst du mich eigentlich? Du bist ja die geborene Prinzessin.«

Dann begann er, ihr seine Pläne zu entwerfen. Keine lange, offizielle Verlobung. Die Vermählung heute in vier Wochen. Nur so viel Zeit, um die notwendigen Reisevorbereitungen zu treffen. Dann eine mehrmonatliche Reise durch den Orient: Bukarest, Sofia, Konstantinopel, Alexandria, wohin und so weit sie wünsche. Seine intimen Beziehungen reichten an alle Höfe und Vizehöfe. Sie würden überall der glänzendsten Aufnahme gewiß sein können, und überall würde sie die Herzen besiegen.

Sie lauschte gern seinen weltmännischen Plaudereien. Eine schmeichelnde Vorahnung unzähliger Triumphe zog durch ihre Seele und gab ihr ein erhöhtes Selbstgefühl ...

Leben, leben — auf den Höhen! — —

Draußen erscholl kurz und fest die Korridorklingel.

»Ah, wir werden gestört,« meinte der Prinz bedauernd und horchte auf.

Auch Bettina war zusammengeschreckt. Sie kannte diese Art des Klingelns.

»Ich bin für niemand daheim,« murmelte sie zornig. »Ich habe ihm doch untersagt — —« Aber das Mädchen hatte keinen dahinlautenden Befehl. Zumal bei Herrn Doktor Steinherr wußte sie, daß eine zeremonielle Anfrage, ob gnädige Frau den Besuch anzunehmen gedenke, außer Betracht stand.

Hans Steinherr wechselte auf dem Korridor ein paar Worte mit dem Mädchen, darauf öffnete dieses die Salontür nach leichtem Anklopfen und meldete gewohnheitsgemäß den täglichen Besucher: »Herr Doktor Steinherr, gnädige Frau.«

Frau Bettina blieb ruhig sitzen, und der Prinz verhielt sich nach ihrem Vorbild ebenfalls reserviert.

Hans Steinherr trat ein. Seine Augen blitzten in der Erwartung eines lachenden, überraschten Willkommens. Er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten daheim, der vergangene Abend mit seiner verweinten Seligkeit und den rätselhaften, springenden Gefühlsstimmungen lastete ihm auf der Seele. Wenigstens sehen wollte er Bettina und ihr den Beweis liefern, daß er ihretwegen selbst die langweiligste Gesellschaft gern ertrüge.

Mit lässiger Handbewegung stellte Bettina vor.

»Herr Doktor Steinherr — Seine Hoheit Prinz Georg.«

Der Prinz machte eine höfliche Verbeugung und nahm seinen Platz wieder ein. Hans Steinherr stand noch immer. Vergaß man vor der hohen Ehre, einem Prinzen von Geblüt das Gastrecht zu erweisen, ihm, der sich als Herr der Gastgeberin dünkte, einen Stuhl anzubieten?

»Was führt Sie her, lieber Herr Doktor? Ein neuer literarischer Plan? — Ich bin nämlich die Egeria dieses großen Dichters und bilde mir nicht wenig darauf ein,« wandte sie sich lächelnd an den Prinzen. »Hoheit haben allen Grund, auf der Stelle eifersüchtig zu werden.«

Hans Steinherr trat einen Schritt näher. Mit festem, zwingendem Blick sah er Bettina an, und auf seiner bleichen Stirn trat eine schwere, dunkle Ader hervor.

»Ich bitte um Entschuldigung, Herr Doktor,« sagte die schöne Frau hastig, »daß ich Sie nicht zum Niedersitzen einlade. Aber ich mußte, so schwer es mir wurde und entgegen allem Gastrecht, Hoheit bereits meinen leidenden Zustand erklären und ihn bitten, seinen Besuch morgen zu meinem Mittwochabend zu wiederholen. In meinem Schlafzimmer wartet das Migräninpulver, meine Herren.«

Der Prinz verstand und erhob sich sofort. »Möge Ihnen eine angenehme Ruhe und ein heiteres Erwachen beschieden sein, meine Gnädige,« und er küßte ihr, abschiednehmend, die Hand, dicht unter dem Verlobungsring.

Sie bemerkte seine Galanterie und gab es ihm durch einen leisen Druck der Fingerspitzen zu verstehen.

»Gute Nacht, Herr Doktor, auf morgen also! Ich rechne bestimmt auf Sie. Weil Sie heute zu kurz gekommen sind, dürfen Sie morgen eine Stunde früher erscheinen.«

Hans Steinherr verbeugte sich kalt. Er war überhaupt nicht zum Reden zugelassen worden.

Auf der Straße zogen die Herren die Hüte. Der Prinz winkte eine Droschke heran und ließ sich zu einem Theater fahren. Für den Klub, in dem er einst Stammgast gewesen war, war es ihm noch zu früh. Hans Steinherr wanderte planlos weiter.

Was war das? dachte er immer wieder, was war das? Das war doch eine Komödie, eine ganz richtige Komödie! Oder — auch früher schon? — Wie? Was? — Er fühlte sich total überrumpelt. Er fand sich nicht zurecht. Wofür hatte sie sich so geschmückt? Das fiel ihm nachträglich ein. Dann versagte das Gehirn den Dienst, und es war ihm so sonderbar angenehm, nicht mehr denken zu können. Nur der frivole Heinesche Vers zog ihm kreuz und quer durch den Sinn, und er konnte ihn nicht abschütteln:

»Um sechse des Morgens ward er gehenkt, Sie aber schon um achte Trank roten Wein und lachte.«

Viertes Kapitel

Hans Steinherr war zu einem Entschluß gekommen. Als er am Spätnachmittag des nächsten Tages den Frack anzog, wußte er, daß der Abend die Entscheidung bringen müsse. Heute noch würde seine Verlobung mit Frau Bettina erklärt werden, oder — er machte mit Fassung seine Abschiedsverbeugung. Auf seinem Schreibtisch prangte eine große Photographie Bettinas. Sie zeigte den von der dunklen Haarwelle gekrönten Kopf im Profil, die klassischen Schultern und den weißen, schlanken Nacken, der von mattfarbener Seide wirksam umsäumt war. Er sah das Bild prüfend, finster an; wie einen Gegner, mit dem er heute noch die Klinge kreuzen müsse.

»Schöne Frau,« sagte er, »jetzt gilt’s. Zeig, daß du Seele hast, oder du bist verloren.«

Dann drehte er das Bild herum.

»Erst die Berechtigung nachweisen, daß du hier stehst, sonst könnte ich ja das Zimmer mit Bildern tapezieren.«

Eine Röte stieg ihm in die Schläfen.

Was für unwürdigen Zweifeln gab er Raum! Er verstand sich nicht, daß er von der Frau, mit der er im Begriff stand, seinen Namen zu teilen, auch nur vorübergehend anders denken konnte als in der höchsten Wertbemessung. Sie hatte Kapricen. Welche Frau von Welt hatte die nicht! War er doch selbst in diesem Winter nervös geworden und hatte sich doch Jahre hindurch in kalter Selbstüberwindung geübt.

Draußen auf dem Korridor wurden Stimmen laut. Es wurde nach ihm gefragt, und die Wirtschafterin gab Auskunft. Da vergaß er, das Bild wieder umzudrehen und wandte sich nach der Hausbesorgerin, die eingetreten war.

»Ein Herr möchte Sie sprechen, Herr Doktor. Er sagt, er wär’ ein Landsmann.«

»Wie heißt der Herr? — Sie wissen es nicht? — Nein, Sie brauchen nicht zum zweiten Male zu fragen. Lassen Sie den Herrn eintreten.«

Gespannt blickte er nach der Tür. Sonderbar, daß sich just in diesem Augenblick die Heimat melden mußte.

»Guten Tag, Steinherr; ’n Tag, ’n Tag! Jesses, Jüngsken, dich hätt’ ich bereits nich widdererkannt. Süch ens, wer da vor dir steht? Donnerlütsch, er hat kein’ Ahnung mehr vom Willibald Hüsgen am Wehrhahn.«

»Hüsgen —?« fragte Steinherr überrascht. »Wahrhaftig, an dich hätt’ ich zuletzt gedacht. Nichts für ungut. Es freut mich doch, daß du mich aufgesucht hast. Sei willkommen!«

»Na, wenn et dich nur freut,« meinte der Gast und schüttelte die dargebotene Hand, »dat is die Hauptsach’.«

»Nimm Platz, ich steh’ zwar, wie du an meinem Frack siehst, auf dem Sprunge, auszugehen, aber auf ein paar Minuten langt’s immer noch. Du besuchst mich dann in den nächsten Tagen wieder.«

»Och, Steinherr, laß doch heut die Gesellschaft schießen. Ich hatt’ grad Lust, mit dir so’n bißchen ’rumzukneipen.«

»Das läßt sich heute leider nicht machen,« versetzte Steinherr höflich. »Ich habe sogar fest zugesagt, schon vor dem Beginn der Abendgesellschaft zu erscheinen.«

Willibald Hüsgen überlegte. Er hatte sich einen schönen Rubensbart wachsen lassen, den er zärtlich streichelte.

»Du hast vielleicht gehört, Steinherr,« begann er mit offenem Selbstbewußtsein, »daß ich fix in die Höhe gekommen bin. Wir haben da in Düsseldorf ein bißchen revolutioniert. Die Herren Malermeister schliefen ja alle auf die Dauer ein; Gehirnschwund, Farbenblindheit, Verblödung. Die betrieben das Geschäft zuletzt rein fabrikmäßig und schmierten ihre Sächelchen nach dem Quadratfuß. Sie wünschen, mein Herr? Eine Düsseldorfer Landschaft? Ein zartes Genrebildchen? Ein derbes? Bitte, nehmen Sie Platz. Sie werden auf der Stelle rasiert. So, bitte, frisch von der Pfanne, gleich mitzunehmen, wie beim Kirmeßphotographen. Was es kostet? Fester Düsseldorfer Preis. Aber bestellen Sie doch ein Pendant dazu! Pendants, das ist das Feinste. Links vom Sofa, rechts vom Sofa. Heilig’ Mutterjottes, ich krieg’ Leibschmerzen!«

»Setz dich doch, Hüsgen!« sagte Steinherr lachend. Die heimatlichen Klänge regten ihn zu einer längst entwöhnten, heiteren Stimmung an. Wie lange hatte er solch eine Plauderstunde vermißt!

»Du,« meinte Hüsgen und ließ sich gemütlich nieder, »das Leitungswasser, hab’ ich mir sagen lassen, wär’ bei euch in Berlin gar nicht zu genießen. Schade.«

»Ach so,« fiel Steinherr ein, »du kommst ja vom Rhein. Da läßt sich natürlich eine Unterhaltung nicht anders als zwischen den Gläsern denken.«

»Zu allen Tages- und Nachtstunden,« erklärte Hüsgen. »Die Zeiteinteilung ist Menschenmachwerk. So was muß überwunden werden. Ah, das nenn’ ich doch eine Blume. Prosit! Es lebe der freie Geist!«

Sie taten sich mit einem Glase Rheinwein Bescheid, und Hüsgen nahm sofort den Faden wieder auf: »Ja, alter Junge, den Umwandlungsprozeß in Düsseldorf hast du nicht mitgemacht. Ihr hier draußen lebt in der Einbildung, in Düsseldorf liefe noch alles im alten, verschlafenen Trott. Schneidet euch nur nicht! Da ist Leben in die Bude gekommen; über Nacht, sag’ ich dir. Aus der alten ›Lätitia‹, dem ›Tartarus‹, dem ›Baldur‹ sind Maler hervorgegangen, Maler — na, mit einem Wort — Kerle! Ich bin nämlich, als die Gaudeamusbrüder sich in Wohlgefallen auflösten, weil mein Alter den Bierverlust nicht mehr tragen wollte und ein anderer Dummer mit dem Laternchen nicht zu finden war, in die ›Lätitia‹ eingetreten. Kurz, ich sag’ dir, die in Düsseldorf wissen jetzt, was sie wollen! Der Fink hat wieder Samen! Das neue Jahrhundert wird die Leute wieder an der Spitze sehen. Darauf kannst du kommunizieren gehen.«

»Das freut mich, zu hören. Es war aber auch Zeit geworden. Und du stehst also mit an der Spitze?«

Willibald Hüsgen verbeugte sich nur.

»Ich hab’ ein paar Riesenfetzen verkauft. Landschaften, aber ordentlich mit Erdgeruch. Weißt du, Landschaften, das ist heute nämlich das einzige. Früher, da schrie die bornierte Gesellschaft gleich: ›Dat is ja gar kein Möler, dat is ja nur en Landschafter!‹ Jawoll, un dann kam dat Echo von draußen: ›Seht ens, dat is Düsseldorfer Figurenmalerei. Dat sind Bilderbogen nach Zeichenvorlagen!‹ Zum scheckig lachen!«

»Also, du hast Erfolg,« sagte Steinherr und erhob sich. »Ich gratuliere herzlich. Und nun sei nicht bös, daß ich dich nicht länger hierhalten kann. Gerade heute abend darf ich nicht fehlen.«

»Ja,« meinte Hüsgen und schlürfte langsam sein Glas aus, »wenn sich das nun mal nicht anders einrichten läßt? Ich bin nur auf ein paar Tage hier, wegen meiner Ausstellung bei Schulte. Und eben für heut hatt’ ich dir noch eine Masse zu erzählen. Du,« fragte er plötzlich mit echter Hüsgenscher Unverfrorenheit, »kannst du mich denn nicht in die Gesellschaft einführen?«

»Heute geht’s schlecht,« sagte Steinherr reserviert. »Es ist ein Prinz da, den ich selbst nicht kenne.«

»Ein Prinz?« wiederholte Hüsgen wegwerfend. »Die sind, wenn’s ans Bilderbezahlen geht, akkurat wie andere Menschen. Wie heißt er denn? Vielleicht kenn’ ich ihn.«

»Prinz Georg von Dingsda. Irgend eine Seitenlinie.«

»Na natürlich kenn’ ich den. Der stand doch mal ein Jahr in Düsseldorf. Und trinken konnt’ der! Ich hab’ ihn mal aus dem ›Malkasten‹ nach Hause geschleppt, und zum Dank durft’ ich ihm gänzlich gratis seine Gäule malen. Drunter tat er’s nicht. Als kleines Erinnerungszeichen an die große, denkwürdige Stunde. Du, nimm mich mit; ich muß doch meinen edlen Mäcen begrüßen.«

Hans Steinherr lachte. Auch er hätte gern mit dem einstigen Kameraden noch geschwatzt. Wenn er den Menschen ansah, wenn er ihn sprechen hörte, wurden hundert alte Bilder in ihm lebendig. Die Proben im Hüsgenschen Hause, Francesca von Rimini, Hannes — Und die Fragen brannten ihm auf den Lippen.

»Höre, ich muß vorausfahren. Aber ich werde dich anmelden. Ich glaube, ich darf mir in dem Hause eine Einführung wohl gestatten. Wo wohnst du? Am Potsdamer Platz? Dann steig schnell mit in meine Droschke, ich setz’ dich vor der Tür ab, du ziehst den Frack an und kommst nach, und ich werde durch den Tiergarten hinfahren. Die Adresse geb’ ich dir. Nun aber eilt es.«

Auf der kurzen Strecke zwischen Potsdamerbrücke und Potsdamerplatz kramte Hüsgen schnell noch seine größte Neuigkeit aus.

»Was sagst du denn zu unserem Hannes? Das ist eine Karrière, was? Die verdient das Geld gleich scheffelweis, stellt sich hin, singt ein paar Lieder und trägt die dicken Kuverts auf die Bank. Wenn ich bedenke, daß ich das Mädel mal heiraten gewollt hab’ ... Nee, nee, das ist kein Spaß von mir. Damals wollt’ ich mich tatsächlich herbeilassen. Ich hatte nur noch nicht das dienstmäßige Alter. Und dann standest du mir in der Quere. Das war wirklich nicht hübsch von dir, Steinherr, denn du hattest doch keine ernsthaften Absichten. Na, ich war nicht schlecht wütend auf dich. Einmal hab’ ich sogar an deinen Alten geschrieben, aber anonym natürlich, das war ja nicht so schlimm. Gott, als Jung’ ist man ja immer ein Stück Halunke, besonders in dem eifersüchtigen Stadium, und du bist ja längst über so was ’raus.«

»Wie hast du denn nur meine Adresse erfahren?« lenkte Steinherr ab. Das Thema war ihm gerade jetzt unbequem.

»Deine Adresse? Springe ist doch hier. Kam heute mit mir zusammen an. Jesses, er will dich ja vor sieben Uhr besuchen. Der Hannes ist von London gekommen und singt heute abend in der Philharmonie, wo der Nikisch dirigiert. Oder ist es der Weingartner?«

Der Wagen hielt vor dem Hotel, und Hüsgen, der in seiner derben Selbstsucht Angst verspürte, die Gesellschaft mit dem Prinzen könnte ihm verloren gehen, sprang schnell aus dem Fonds und rief dem Jugendfreunde zu: »Das erzähl’ ich dir nachher alles ausführlich. Wohin soll der Kutscher?«

»Kurfürstendamm.« Steinherr nannte zerstreut Namen und Nummer.

»Auf Wiedersehen. In einer Stunde meld’ ich mich zur Stelle.«

Steinherr wollte ihn zurückhalten. Da fiel sein Blick auf die Bahnhofsuhr. Sechs vorbei. Er gab dem Kutscher einen Wink und lehnte sich, von einer plötzlichen unerklärlichen Müdigkeit befallen, tief in die Polster des Wagens zurück. Hannes in Berlin, mit ihm in derselben Stadt — —

Er sah die Straßen nicht, durch die der Wagen rollte. Er sah nur immer Bilder aus dem alten, einstigen Düsseldorf vor sich. Wanderungen durch den stillen Hofgarten, Wanderungen über die Rheinbrücke, Wanderungen nach all den kleinen altertümlichen Städtchen, Neuß, Zons, Kaiserswerth, über die der Zauber geschichtlicher Romantik lag, und Benrath, das für ihn den Zauber der Liebesidylle gezeitigt hatte.

War er wirklich einmal so jung, so selig verschwärmt, so trunken verliebt gewesen, daß er nicht anders gekonnt hatte, als seine Liebe durch die Natur zu führen, um seine innere Glückseligkeit mit der Umgebung in Einklang zu bringen? Und — er besann sich — so stark, so stolz, so lebensfreudig hatte er sich dazumal gefühlt, als er die Welt erobern wollte. Die Welt in einem süßen, milden, hingebungsvollen Mädchen. Und die Welt überhaupt! Er, der Sieger ...

Der Wagen hielt vor Frau Bettinas Haus, und Steinherr fuhr hastig empor.

Richtig, er war am Platz. Hier war ein Feld, Beweise anzutreten. Also heraus doch mit der jugend-trotzigen niederrheinischen Siegernatur, falls sie nicht vorzeitig vom Alter gestreift war wie ihr einstiger Besitzer!

Er biß die Zähne aufeinander und ging ins Haus.

Frau Bettina befand sich noch in ihrem kleinen Privatsalon, aber das Mädchen hatte Auftrag, Herrn Doktor Steinherr unverzüglich zu ihr einzuführen. Die Dame des Hauses erhob sich und kam ihm entgegen.

»Du hast dir heute Zeit gelassen, lieber Freund. Ich erwarte dich seit einer halben Stunde, und dringender als je.«

»Ich bitte um Entschuldigung. Ein Schulfreund suchte mich in dem Moment auf, in dem ich gehen wollte; ein junger, erfolgreicher Maler aus Düsseldorf, der augenblicklich eine Ausstellung bei Schulte hat. Hoffentlich hast du nichts dagegen, daß er heute abend hier erscheint. Ich wußte ihn nicht anders loszuwerden.«

»Aber heute abend gerade —« machte sie, sichtlich unangenehm überrascht.

»Du meinst, weil sich Hoheit angesagt hat?« Und mit leiser, ironischer Färbung fuhr er fort: »Das trifft sich im Gegenteil sehr gut, der Prinz Georg war während seiner Düsseldorfer Zeit der Mäcen des jungen Künstlers.«

Sie sah ihn ungewiß an. Dann nickte sie, daß die Angelegenheit nunmehr erledigt sei.

»Mein lieber Hans, wenn du den Namen des Prinzen nennst, ist mir, als ob es mit einem gewissen Sarkasmus geschehe. Das hör’ ich nicht gern.«

»O — ich konnte nicht ahnen, daß dir der Mann so interessant wäre. Übrigens, wir wollen uns nicht zanken.«

»Gewiß nicht. Ich wollte dir auch nur die Bitte vortragen, einige Rücksicht auf mich zu nehmen.«

Er sah stutzig zu ihr hin.

»Sollte ich in der Tat so weit heruntergekommen sein, daß ich es an — Rücksichtnahme fehlen ließe?«

»Gebrauche doch nicht immer gleich die stärksten Ausdrücke. Es greift dich doch niemand an.«

»Mir war, als ob ich einen Vorwurf zu hören bekäme. Oder — verzeihe — sollte es sich um — um eine Art Vorbereitung handeln?«

»Das ist ein Angriff auf mich,« fuhr sie auf. »Jetzt ersuche ich dich, dich deutlicher zu erklären.«

»Deutlicher — —. Das ist so ein vages Gefühl. Seit einiger Zeit tritt es auf, seitdem du so rätselhaft weich geworden bist. Aber das ist ja unsinnig, rein unsinnig. Verliebte sehen Gespenster.«

Er zwang sich zu einem Lächeln und trat auf sie zu.

»Guten Tag, Bettina. In dem Eifer, uns Liebenswürdigkeiten zu sagen, haben wir richtig vergessen, uns zu begrüßen.«

Sie beugte den Kopf und hielt ihm die Stirn hin. Da legte er ihr leicht die Hand unter das Kinn und bog ihren Kopf zurück. Und als sie die Wimper, die sie unmutig gesenkt hielt, endlich hob, traf ihr unvorbereiteter Blick in seine tiefgrauen, strahlenden Augensterne, und um seinen Mund gewahrte sie den alten, spöttischen Zug, der sie einst angetrieben hatte, den Einsamkeitsmenschen auf besondere Qualitäten zu erforschen. Sie hatte mehr als besondere Qualitäten, sie hatte den ~Mann~ gefunden.

Ihre Augen weiteten sich unter seinem Blick, ihre Brust schwoll unter einem tiefen Seufzer —

— — Den Mann gefunden — —!

Und unwillkürlich hob sie sich in seiner Umarmung auf die Fußspitzen und schob ihre Stirn an seine Wange hinauf.

Mit weicher Hand strich sie ihm ein Haarsträhnchen aus der Stirn und streichelte sein Gesicht. »Mein ganzes Dasein wird darin bestehen, dir Opfer zu bringen.«

»Also endlich hast du dich entschlossen? Endlich, Bettina?«

»Zu was, was du nicht längst schon wüßtest. Ich hab’ dich lieb. Verstehst du das? Lieb, lieb, lieb! Viel zu lieb, als daß ich dich heiraten möchte.«

»Ach — scherze jetzt nicht, Bettina!«

»Scherzen? Wer spricht von scherzen? Ich war noch nie so ernst wie jetzt. Wollte ich die Unklugheit begehen, dich zu heiraten, so wäre sowohl der Nimbus hin, der mich, wie der, der dich umgibt. Binnen kurzem hätten wir die Zahl der alltäglichen Ehepaare um eins vergrößert.«

Hans Steinherr staunte die Frau an, die mit ihm sprach. Hatte er recht gehört?

»Du, Bettina, du verwechselst die Personen. Ich bin’s — ich.«

»O, ich bin durchaus bei der Sache. Ich habe alles hundertmal, tausendmal überlegt und bitte dich nur darum, ruhig, ganz ruhig zu bleiben. Was glaubst du, was es heißt, wenn eine Frau wie ich dir sagt: Mein Dasein wird nur darin bestehen, dir Opfer zu bringen?«

»Ich lasse nur eine Deutung zu. Ist die falsch, so verzicht’ ich auf eine andere.«

»Das ist Hartnäckigkeit; nicht das, was ich Liebe nenne. Liebe aber ist für mich Leidenschaft; du kennst meine Natur. Und Leidenschaft, die nach acht Tagen in Schlafrock und Pantoffeln herumläuft — geh fort, das ist dir ja selber lächerlich. Menschen wie wir haben eine schärfere Luft zum Gedeihen nötig.«

»Du sprichst nur immer von uns beiden. Irr’ ich mich, oder geschieht das, um den ehrenwerten Dritten zu cachieren?«

»Uns soll doch eine bloße Form keine Skrupel machen? Ich behalte mir in meiner Ehe jede Freiheit vor und lasse sie meinem Gatten nicht weniger. Ich kann mich nicht zum zweiten Male fesseln lassen.«

Hans trat zurück, totenblaß, aber er verbeugte sich.

»Dann bleibt mir also nichts, als meinen allerergebensten Glückwunsch abzustatten. Der Name ist bei den hochfliegenden Plänen der gnädigen Frau ja nicht schwer zu erraten.«

»Es ist der Prinz,« sagte sie ruhig. »Du brauchst über diese Wahl wahrhaftig nicht betrübt zu sein.«

»Es wäre unstatthaft für mich, wollte ich deinen — Pardon, Ihren zukünftigen Gatten mit meinen Gefühlen in Zusammenhang bringen. Das würde eine Geschmacklosigkeit bedeuten — und den guten Geschmack möchte ich mir doch bewahren.«

Sie sah es ihm an, daß er trotz der eisigen Kälte, die er jetzt zur Schau trug, erregt war bis ins Innerste, daß ein beständiges Zittern durch seinen Körper lief, daß er sich mit der letzten Gewalt beherrschte.

»Hans,« stieß sie hervor, »was will ich denn? Deinen Ehrgeiz befriedigen und meinen Ehrgeiz befriedigen. Wir brauchen hier nichts zu beschönigen. Du sollst berühmt werden, und ich will beneidet sein.«

»Ah —« sagte er gedehnt, »du meinst: man beneidet eine Frau nicht um den Mann, sondern um den Liebhaber.«

»Nenn es, wie du magst. Das sind Worte. Ich will das Glück und die Liebe auf meine Weise.«

»Meine gnädige Frau, bei uns am Niederrhein pflegt man aus der Liebsten eine Frau, nicht aber aus dem Liebsten einen Geliebten zu machen. Wenn das in diesem Kreise hier nur Worte sind — ich habe ihnen nichts hinzuzufügen.«

Die Muskeln in seinem Gesicht arbeiteten. Er bewegte die Hand, als wollte er etwas Widerwärtiges beiseite schieben.

Da flammte es in ihr auf.

»So behandelt man mich nicht!« rief sie und trat ihm dicht unter die Augen. »Ich habe mehr an dir getan, als du zu wissen scheinst. Ich habe dich bekannt gemacht, und mehr als das, ich habe dich interessant gemacht, dir einen Nimbus in dieser sensationssüchtigen Welt gegeben, selbst auf die Gefahr meiner eigenen Persönlichkeit hin, nur um dich über alle hinaussteigen zu sehen.«

»Für dich oder für mich?« fragte er mit offenem Hohn.

»Nun ja, für mich! Tausendmal ja, für mich! Aber dir ist es zu gute gekommen. Und dafür rechne ich auf Dank, auf Ergebenheit. Ich kann und will dich nicht mehr lassen, und du, du — denke nur mit einem einzigen Gedanken daran, mich beiseite zu schieben. Du solltest sehen, was ich vermag. Wenn ich dich berühmt gemacht habe, ich kann dich auch —«

Hans Steinherr sah die rasende Frau von oben bis unten an. Dann drehte er sich auf dem Absatz herum.