Die Stadt am Inn

Part 22

Chapter 223,807 wordsPublic domain

Frau Tiefenbrunner seufzte schwer und laut hörbar, als sie von dem Hauskreuz des Felix Altwirth sprach. „Überall fehlt’s da in der Wirtschaft!“ erzählte sie weiter. „Was ich da überall hab’ nachschauen müssen! Nit glauben täten Sie mir’s, wenn ich’s Ihnen auch erzählen tät’. Keine Knöpf’ in die Hosen, Löcher in die Strümpf’ ... so große!“ Frau Tiefenbrunner beschrieb mit beiden Händen einen Kreis, der beiläufig den Umfang eines Suppentellers hatte. „Dann, wenn ich zu ihr kommen bin und bei die Pfanndeln in der Küch’ nachg’schaut hab’ ...“ Frau Tiefenbrunner machte jetzt noch nachträglich ein ganz entgeistertes Gesicht vor lauter Entsetzen. „Wenn Sie die Pfannen g’sehen hätten, Frau Patscheider ...“ wandte sie sich nun mit ihrer Erzählung an diese, „wie die ausg’schaut haben! So was täten Sie nit für möglich halten. Innen drein, da waren’s geputzt, als wenn a Katz oder a Hunderl sie ausg’leckt hätt’. Aber ausg’waschen haben die nit ausg’schaut, sag’ ich Ihnen. Und außen erst!“ Frau Tiefenbrunner schlug die Hände über dem Kopf zusammen. „Kohlrabenschwarz sein die g’wesen! Rußig und dreckig und ...“

„Ja mei!“ Die Patscheiderin zuckte sehr geringschätzig die Achseln und tat sehr wissend. „Das beweist noch gar nix!“ sagte sie, die Apothekerin in ihrem Wortschwall unterbrechend. „Gar nix, sag’ ich Ihnen! Deshalb kann die Frau Altwirth doch a g’scheite Frau sein, wie die Frau Doktor Storf behauptet.“

„Das mein’ ich auch!“ stimmte die Baurätin bei. „Und daß es ihr Mann so treibt mit der Frau Rapp, das find’ ich einfach eine Gemeinheit!“

„Und ich kann Ihnen sagen, Frau Baurätin,“ widersprach jetzt die Apothekerin, „daß mich in meinem ganzen Leben noch nie etwas so gefreut hat, als wie mir das vom Felix und der Sophie zu Ohren gekommen ist. Das g’schieht dem Weibsbild, der Adele, vollkommen recht! Der Simon hat’s auch g’sagt!“ fügte sie zur Bekräftigung ihrer Ansicht hinzu.

„Sie, Frau Tiefenbrunner,“ ergriff nun die Professorin das Wort, „jetzt will einmal ich Ihnen etwas sagen! Sind Sie in Ihrem Zorn und Haß nit so ungerecht gegen die junge Frau! Ich kenn’ die Frau Altwirth so wenig, daß ich eigentlich nit reden kann über sie. Aber es g’fällt mir vieles an ihr, was ich hab’ beobachten können.“

„Ja, mir auch!“ stimmte die Patscheiderin eifrig bei. Sie freute sich, daß sie die Apothekerin ärgern konnte mit ihrem Lob über die Frau des Malers. „Und wenn sie nit gerade die Frau vom Felix Altwirth wär’, dann hätt’ mein Mann nix dagegen, daß ich mit ihr verkehren tät’. So gut g’fallt sie mir!“ behauptete sie.

„Was hat denn Ihr Mann gegen den Altwirth einzuwenden?“ forschte die Professorin erstaunt.

„Es ist doch auch ein Innsbrucker!“ sagte die Frau Robler.

„Natürlich!“ stimmte die Baurätin bei. „Da kann man schon verkehren damit! Man weiß ja, wo er her ist!“ beruhigte sie dann selber ihr Gewissen.

„Mein Mann halt nix vom Altwirth seiner Malerei!“ sagte die Patscheiderin hochfahrend. „Das hab’ ich Ihnen schon g’sagt. Und deshalb will er auch nix weiter zu tun haben mit ihm!“ erklärte sie im bestimmten Ton.

Es trat für einen Augenblick Schweigen ein in der Gesellschaft. Die Apothekerin ärgerte sich innerlich so wütend, daß sie in ihrer Aufregung eine Schale Kaffee nach der andern hinunterstürzte. Sie wußte gar nicht, daß sie es tat, sondern schluckte und schluckte nur immer krampfhaft, bis ein lustiges Lachen der Professorin sie darauf aufmerksam machte.

„Um Gotteswillen, Frau Tiefenbrunner! Sie trinken uns ja den ganzen Kaffee weg!“ rief die Professorin neckisch und zwinkerte der Apothekerin schalkhaft zu. „Krieg’ ich noch ein Schalerl, oder darf ich jetzt einen Wein trinken?“

„Einen Wein natürlich!“ sagte die Apothekerin und erhob sich geschäftig, um dem Dienstmädchen beim Verteilen der Gläser behilflich zu sein.

Die heitere, harmlose Art der Professorin hatte bewirkt, daß Frau Therese ruhiger geworden war. Und nicht ohne Dankbarkeit schenkte sie jetzt der Frau Haidacher als der allerersten von dem guten Tropfen ein. Das war eigentlich gegen das herkömmliche Zeremoniell. Denn da ging’s in solchen Fällen strenge zu, je nach Alter und Rang der einzelnen Damen.

Die Frau Direktor Robler stocherte mit der Gabel nachdenklich in dem Kuchen herum, der vor ihr auf dem Teller lag, und sagte zu ihrer Nachbarin laut, so daß es alle hören konnten: „Der Patscheider ist doch ein recht g’scheiter Mann! Mein Mann sagt’s immer, wenn wir den nit hätten in Innsbruck, nacher wär’s g’fehlt!“ sprach sie anerkennend.

„Ja, das ist wahr!“ bestätigte die Baurätin. „Viel’ haben wir nit wie den Patscheider!“

„Ja, aber der Doktor Rapp ...“ warf die Patscheiderin mit spöttischer Miene ein. „Der ist ja alleweil noch der G’scheiteste!“

„Nein. Jetzt nimmer!“ Die Frau Haidacher schüttelte ernst den Kopf. „Das mit der Sophie hat ihm doch etwas geschadet. Ist’s eigentlich nit wert, das Frauenzimmer!“ fügte sie bedauernd hinzu.

„Wär’ er ledig blieben!“ sagte die Patscheiderin bissig.

Frau Haidacher sah die Frau Patscheider einen Moment scharf an, dann meinte sie ruhig: „Ja ... für +ihn+ wär’s auch besser g’wesen ... Aber für Ihren Mann ist’s besser so, wie’s ist!“

Die Frau Professor Haidacher spielte darauf an, daß der Einfluß und die Macht, die Valentin Rapp einmal in der Stadt besessen hatte, jetzt langsam, aber sicher im Abnehmen begriffen war ... und daß Johannes Patscheider heute mehr als je eine mächtige Stellung innehatte.

Siebzehntes Kapitel.

Feierlich läuteten die Glocken der Stadt das Christfest ein. In langsamen, getragenen Tönen, mächtig und gewaltig, freudig und traurig zugleich. Denn es gab viel Trauer in den Familien der Stadt. Der Tod hatte Einkehr gehalten in den Mauern und sich seine Opfer unter den jüngsten der Menschenkinder geholt. Mit würgender Hand hatte er gewütet und die kleinen Lieblinge aus den Armen ihrer Mütter gerissen.

Es gab viel Trauer in der Stadt ... Und da, wo noch Lust und Freude herrschten, da lauerte die Angst in den Augen der Mütter, die um das Leben ihrer Kinder bangten.

Weicher Schnee fiel in dichten, großen Flocken sachte zur Erde, vermischte sich mit der unendlichen weißen Decke, die nun schon seit Wochen über das Tal gebreitet war. Eine heilige Stille, die zur Andacht stimmte, lag in der frischen Bergluft. Die kahlen Äste der Bäume seufzten mit leisem Knarren unter der neuen Schneelast und beugten ihre Arme, als wären sie dankbar für die überreiche Himmelsgabe. Wie in einem unermeßlichen weichen Teppich, so lautlos und tief sanken die Tritte der Fußgänger ein. Kein Luftzug bewegte den fallenden Schnee. Kerzengerade und dicht fielen die Flocken vom Himmel.

Mit weit ausholenden Schritten eilte Doktor Max Storf nach Wilten hinauf in die Wohnung der Altwirths. Frau Adele hatte ihn schon am frühen Morgen rufen lassen, da die kleine Dora an hohem Fieber erkrankt zu Bette lag. Mit banger Sorge harrte Adele der Ankunft des Freundes, der sie von der lähmenden Angst befreien sollte.

Als Doktor Storf das Zimmer betrat, saß Adele an dem Bettchen des Kindes und hielt dessen brennend heiße Händchen in ihrer eigenen Hand. Mit kurzem Gruß bot sie dem Arzt ihren Platz an.

„Herr Doktor!“ Sie sah ihm flehend in die Augen. „Sagen Sie mir die Wahrheit! Ist’s Scharlach?“

Der Arzt hatte mit ernster Miene das kleine Mädchen gründlich untersucht. Nun schüttelte er erleichtert den Kopf. „Gott sei Dank, nein!“ sagte er.

„Und? ...“ frug Adele zögernd, „sind auch keine Anzeichen? ...“

„Bis jetzt nicht. Eine heftige Angina!“ konstatierte Doktor Storf. „Ich hoffe, daß es dabei bleibt.“

Adele atmete erlöst auf. „Ich danke Ihnen, Doktor!“ sagte sie herzlich. „Ich hatte solche Angst ...“ gestand sie dann und fuhr dem Kind liebkosend über die glühenden Wangen.

„Dummes Mutti, liebes!“ sagte das kleine Mädchen dankbar. „Immer bangst du dich so! Wenn ich huste oder niese, dann wird gleich der Onkel Storf geholt!“ berichtete sie wichtig.

„Das ist schon recht von der Mama!“ gab Doktor Storf zur Antwort. „Kleine Mädchen machen öfters Dummheiten und erschrecken ihre Eltern durch schwere Krankheiten. Da ist’s gut, wenn der Doktor gleich zu dir kommt, Dora!“ scherzte er.

Die kleine Dora sah ihm mit ihren großen, fieberglänzenden, blauen Augen forschend ins Gesicht. „Du, Onkel Storf,“ fragte sie, „ist Scharlach eine böse Krankheit?“

„Ja, mein Kind! Warum fragst du?“

„Ach, weil die Elsa Müller in unserer Klasse Scharlach hat. Und da sind wir alle so erschrocken, weil wir denken, daß es sehr weh tut!“ erzählte sie bedeutungsvoll.

Die kleine Dora war jetzt schon ein großes Schulmädchen geworden und ging bereits den zweiten Winter zur Schule. Sie war aber noch immer dieselbe liebe kleine Plaudertasche wie früher, als Altwirths noch droben bei der Weiherburg hausten.

Nun kam Felix Altwirth ins Zimmer und erkundigte sich besorgt nach dem Befinden des Kindes. Es lag eine gereizte, nervöse Angst in seinem Wesen. Doktor Storf beruhigte ihn.

„Kannst getrost sein, Felix! Kein Grund zu Besorgnissen!“ sagte er.

„Dora! Dorele!“ schmeichelte jetzt der Vater ganz glücklich dem Kinde. „Bist ein rechter Schlingel! Dem Papa solche Angst einjagen!“ schalt er sie im Scherz. „Es sollen ja tatsächlich mehrere Scharlachfälle mit tödlichem Ausgang vorgekommen sein?“ wandte er sich dann zu dem Arzt.

„Leider!“ stimmte Max Storf bei. „Die Krankheit tritt heuer bösartig auf.“

„Am liebsten ließe ich das Kind überhaupt nicht mehr zur Schule gehen!“ sagte Felix Altwirth aufgeregt.

„Oh, Papa! Lieber Papa!“ bat die kleine Dora flehend und sah ihren Vater ganz erschrocken an. Sie hatte sich im Bettchen aufgesetzt und hielt bittend ihre beiden Hände empor. Ihr goldblondes Haar fiel ihr in weichen Locken bis auf die schmalen Schultern herab, so daß sie in dem weißen Nachtkleidchen aussah wie ein lebender kleiner Engel. In ihrem hochroten Gesichtchen zuckte es wie von verhaltenem Weinen. „Wo ich so gern zur Schule gehe!“ bat sie. „Ich will ja gewiß brav sein und ruhig und will achtgeben! Tu mir nur das nicht an!“

Adele und Max Storf beschwichtigten gemeinsam das erregte Kind und versprachen ihm, daß sie gleich wieder zur Schule dürfe, sobald sie erst ganz gesund sei.

„Man muß in solchen Fällen Fatalist sein, Felix!“ sagte der Arzt. „Es bleibt nichts anderes übrig. Die Krankheit ist ja gefährlich und höchst ansteckend. Aber ich kenne Fälle, wo ängstlich behütete Kinder ihr zum Opfer fielen. Kinder, die nie mit einem andern Kind in Berührung kamen. Und gerade solche Kinder, scheint es, bieten einen fruchtbaren Keimboden für derartige Krankheiten.“

Solange die kleine Dora krank lag, kam Doktor Storf täglich ins Haus. Mitunter sogar zweimal. Er fühlte es, daß es Frau Adele eine Beruhigung gewährte, wenn er bei dem Kinde Nachschau hielt. So kam er gern. Weniger als Arzt wie als Freund.

Und einmal traf er zufällig mit Frau Sophie Rapp zusammen. Es war eine flüchtige Begegnung in dem geräumigen Vorhaus der Altwirths. Adele geleitete den Freund bis an die Tür des Hausganges und plauderte fröhlich und angelegentlich mit ihm. Sie verstanden sich gut, diese beiden und wußten einander immer etwas zu erzählen.

Doktor Storf empfand eine tiefe Verehrung für die Frau seines Freundes, die sich, je näher er sie kennen lernte, immer mehr steigerte und befestigte. Je mehr er in der Seele dieser Frau lesen gelernt hatte, desto deutlicher empfand er es, daß gerade Adelens Wesen und Art die Ergänzung seines eigenen Charakters bildete. Diese ruhige, heitere, sich stets gleich bleibende Art, die von einer großen inneren Ausgeglichenheit zeugte, hatte er sich ja immer ersehnt.

Es war kein leidenschaftliches Aufflackern der Gefühle, das ihn zu Adele drängte. Es war die bewußte Erkenntnis, daß gerade Adele und er selbst in ihren ganzen Anlagen, in ihrem Geschmack und in ihrer Lebensauffassung wie füreinander geschaffen waren.

Mit keinem Wort verriet Doktor Storf sein innerstes Empfinden. Es war eine stumme, warme Huldigung, die er ihr darbrachte und die Adele fühlte und dankbar annahm.

Eine Weichheit des Denkens und Empfindens war über Adele Altwirth gekommen. Und der eisige Ring, der ihr warmes Herz wie ein fester Panzer umklammert hielt, löste sich allmählich. Ihr neu erwachtes Innenleben verschönte sie und machte sie unsagbar glücklich. Adele war ihrem Schicksal dankbar für das, was es ihr bestimmt hatte. Für die echte und ehrliche Freundschaft eines ritterlich denkenden Mannes, an dem sie einen Halt und eine Stütze gefunden hatte.

Mit scharfem, erkennendem Blick durchschaute es Sophie Rapp, wie es mit Adele und Max Storf stand. Es waren nur wenige Augenblicke, die sie die beiden zusammen sah. Aber sie, die Meisterin der Liebe, erkannte es, daß in den Gefühlen der beiden eine Glut schlummerte, die nur des Zufalls bedurfte, um zur Flamme entfacht zu werden.

Es war ein kurzer, scharfer, spöttischer Blick, mit dem sie den Arzt ansah. Dann wandte sie sich in ihrer heiteren Weise ruhig und ungeniert der Künstlersfrau zu.

„Ja, Frau Adele, daß man Ihnen einmal zu Gesicht kriegt!“ neckte sie die junge Frau. „Sonst sind’s ja immer verschwunden. Sperren Ihnen ein wie eine Heilige im Schrein. Aber freilich, wenn man so einen Besuch kriegt!“ Sie deutete neckisch mit dem Finger auf den Arzt. „Dann steigen auch die Heiligen aus ihren Höhen herab!“

Lustig und ausgelassen lachte sie. Wiegte sich, wie es ihre Art war, kokett in den Hüften und betrachtete abwechselnd bald Adele und bald den Doktor.

Max Storf sah verlegen auf Adele, in deren blasse Wangen ein leichtes Rot gestiegen war. Daß Sophie Rapp so resolut und mit so dreisten Händen in das zarte Gewebe ihrer Freundschaft griff, verletzte sie beide. Doktor Storf nahm, so rasch er konnte, Abschied von den Damen. Sein Gruß klang gezwungen und etwas steif.

Adele wollte Sophie ins Atelier führen, aber Sophie lehnte ab. „Lassen’s mich doch zuerst einmal nachschau’n beim Dorele!“ sagte sie munter. „Es geht ihr besser, hab’ ich g’hört. Und da hab’ ich ihr ein paar Zuckerln mitgebracht. Die möcht’ ich ihr geben.“ Sie enthüllte eine hübsche Bonbonniere, die einen lieblichen Engel darstellte.

„Ach, wie schön!“ sagte Adele. „Der wird die Dora aber freuen!“ Und sie ging voran, um Sophie zu dem kranken Kind zu führen ...

„Jetzt sagen’s mir einmal, Frau Altwirth ...“ fing Sophie plötzlich ganz unvermittelt an, als sie beide wieder aus dem Kinderzimmer getreten waren. „Wie können denn Sie das aushalten? Ich mein’, das mit dem Doktor Storf?“ fragte sie neugierig und sah der blonden Frau forschend ins Gesicht.

„Ich verstehe Sie nicht, Frau Doktor!“ erwiderte Adele abweisend.

„Ah, geh’! Stellen’s Ihnen nit so!“ sagte Sophie. „Sie wissen recht gut, was ich mein’! Ein jed’s Kind kann’s ja sehen, daß der in Ihnen vernarrt ist! Und ... na ja ... ganz gleichgültig ist er Ihnen auch nit! Das hab’ ich schon g’sehen!“

„Doktor Storf ist mein Freund!“ wies Adele Frau Sophie in etwas hochfahrendem Ton zurecht. „Wie Sie dazu kommen, Unrat zu wittern ...“

Nun lachte Sophie hell und lustig auf. „Sie Patscherl, Sie! Wenn ich das tät’, dann wüßt’ ich ja, wie’s steht mit Ihnen. Aber das ist’s ja gerad’, was ich nit begreif’! Diese keusche Zurückhaltung!“ sagte sie in mokantem, pathetischem Ton. „Das hat ja gar keinen Zweck! Wenn er Ihnen g’fallt, so nehmen’s ihn doch!“

Adele war abwechselnd blaß und rot geworden bei den Reden dieser Frau. „Ich denke nicht daran!“ sprach sie energisch und abweisend. „Ich will mich rein halten, nicht der Spielball sein in dem Leben eines Mannes!“

Es lag eine tiefe Härte in ihren Worten. Sie wollte Sophie treffen ... aber sie traf sie nicht.

„Spielball?“ sagte Sophie mit ehrlichem Bedauern. „Wenn Sie das wirklich glauben, dann tun’s mir leid! Sie sind doch keine Klosterfrau und dürfen Ihr Leben genießen! Warum tun Sie’s nit?“

„Weil ich verheiratet bin und meinem Gatten Treue geschworen habe!“ sagte Adele fest.

„Treue?“ Sophie Rapp war auf einmal ernst geworden. „Frau Adele,“ sprach sie, „ist das wirklich der Müh’ wert, daß Sie Ihr ganzes Leben umsonst gelebt haben? Wollen Sie nit lieber ehrlich sein mit sich selber? Treue? ... Wissen Sie überhaupt, was Liebe ist? Glauben Sie nit, daß es Sie einmal reuen wird, daß Sie Ihr Leben vertrauert haben ... einem einzigen leeren Wort zulieb! Nein, Frau Adele, das ist nit recht! Das ist gegen die Natur!“

Adele Altwirth sah mit nachdenklichem Gesicht vor sich hin. Sie konnte nicht gleich die rechten Worte finden zu einer Erwiderung. Auch fühlte sie, daß das, was ihr Sophie Rapp da sagte, ein Körnchen Wahrheit barg.

Diese Lebensanschauung war ihrer eigenen vollständig entgegengesetzt. Sie war brutal egoistisch. Niedrig wollte Adele sie nennen. Aber bei dem bloßen Gedanken an diese Bezeichnung hielt sie inne. War es wirklich niedrig? War es gemein? War es nicht doch die ureigenste Stimme der Natur, die Sophie vertrat?

Vielleicht hatte die Frau da doch recht. Es war vielleicht nur mißverstandene Moral, eine Tugend, die in Wirklichkeit nur Eitelkeit und Feigheit war. Feigheit und Mangel an innerer Kraft, dasjenige auch durchzuführen, das man vor sich selber als sein persönliches Recht erkannt hatte.

Warum sollte nur das allein richtig sein, was durch althergebrachte Gewohnheit als ein Sittengesetz aufgestellt war? Sprachen nicht die vielen Tausende der unglücklichen Ehen gegen dieses Gesetz? Warum sollte der eine verkümmern und der andere in Überfluß schwelgen? Sprach sich nicht die Natur selbst dagegen aus? Und Sophie Rapp? War es wirklich ein so schweres Unrecht, das sie beging, weil sie dem eigenen Trieb folgte?

Sophie Rapp sah den Zwiespalt, der sich in der Seele des jungen Weibes abspielte. Frau Adele erbarmte ihr. Sie hatte ehrliches Mitleid mit der Frau, die so früh aufgehört hatte, Weib zu sein.

Sie dachte nicht daran, daß ja sie selber ihr den Gatten entfremdet hatte. Daß sie es war, die mit leichtsinnigen Händen diese Ehe zertrümmert hatte. Für Sophie galt nur das Recht der Liebe. Sie genoß in vollen Zügen. Warum sollten andere sich zurückhalten und nicht auch ihren Anteil an dem Glück haben?

„Das Leben ist kurz, Frau Altwirth!“ sagte Sophie über eine kleine Weile. „Und hat nit viel Schönes für die Menschen übrig. Wir müssen es uns selber schön machen, so gut es geht.“

„Ist das schön ... wenn ich meine Frauenehre mit Füßen trete?“ frug Adele herb.

Da neigte sich Sophie Rapp ganz nahe zu der blonden, hohen Frauengestalt, die neben ihr stand, und flüsterte ihr leise zu: „Das Schönste im Leben ist das Vergessen in Liebe! Es ist das einzige wahre und echte Gefühl, weil es die Natur gegeben hat. Wer diese Stimme nicht kennt, der hat sein Leben nicht gelebt!“

Adele Altwirth preßte fest die Lippen aufeinander. Ein Sturm von unterdrückter Leidenschaft tobte in ihrem Innern. Warum wies sie dieser Frau nicht die Tür? Warum ließ sie es zu, daß sie in einer solchen Sprache mit ihr redete?

„Ich werde nichts bereuen!“ stieß Adele gepreßt hervor. „Ich werde mich nie erniedrigen!“

Sophie Rapp nahm die eisig kalte Hand der jungen Frau zwischen ihre brennend heißen Hände und sagte warm: „Vielleicht denken’s noch einmal anders, Frau Altwirth! Ich hoff’s ... für Ihnen! Aber merken Sie sich’s, wenn man ehrlich liebt ... wissen’s ... so recht heiß und von ganzem Herzen ... dann gibt’s nur ein Verlangen, nur ein Sehnen ... und das, Frau Adele ... das ist dann kein Wegwerfen nit! Das ist Menschenrecht ... weiter nix!“ --

Adele Altwirth stand noch lange, nachdem Sophie von ihr gegangen war, in dem Zimmer ... stand nachdenklich und mit sinnendem Blick da.

Diese Frau mit ihren Reden hatte alles aufgewühlt in ihr. Sie trug die Schuld daran, daß Adele nun viele schlaflose Nächte hatte. Nächte, die sie in heißem Ringen mit sich selber zubrachte, in denen sie mit Macht ankämpfte gegen eine Leidenschaft, zu deren voller Erkenntnis sie durch die Worte der Frau Sophie Rapp gekommen war.

Erst nach vielen Wochen hatte sie ihr inneres Gleichgewicht wiedergefunden, und sie konnte wie zuvor mit derselben unbefangenen Herzlichkeit Max Storf entgegentreten. Adele Altwirth war selig und stolz auf sich selber, daß sie den Sieg über die eigene Natur davongetragen hatte. Sie freute sich darüber wie über ein großes, unerwartetes Glück. Sie genoß dieses Glück, genoß die herzliche Freundschaft und Verehrung des Freundes und liebte ihr Kind, dem sie eine reine Mutter geblieben war, mit noch innigerer Liebe ...

Die kleine Dora war nun wieder ein ganz gesundes, frisches Mäderl geworden. Sie hüpfte herum, munter und heiter, und zwitscherte wie ein loser, übermütiger, kleiner Vogel in seiner goldenen Freiheit.

Der alte Rat Leonhard freute sich ganz besonders über seine lustige kleine Freundin. Seit die Altwirths in Wilten wohnten, hatte der Herr Rat eine kleine Veränderung in den Gepflogenheiten seines Lebens treffen müssen. Jeden Tag, den Gott gab, stand der Rat Leonhard vor den Toren der Schule und wartete geduldig, bis die kleine Dora herausgesprungen kam und mit ausgebreiteten Armen auf ihn zulief.

Daß der Rat Leonhard sie jeden Nachmittag von der Schule abholen müsse, das hatte sie sich von ihm ausgebeten. Sie hätten ja sonst gar nichts mehr voneinander, meinte sie schmollend. Und was die kleine Dora anzuordnen beliebte, das führte der alte Herr aus wie auf einen hohen Befehl.

Er freute sich von Tag zu Tag auf das Zusammentreffen mit dem Kinde und auf den kurzen Weg von der Schule bis zu ihrem Haus. Er freute sich immer auf die lose, schalkhafte Art, wie sie dem Kreis ihrer Mitschülerinnen behend entwischte und ihn dann wie ein junges, aus der Gefangenschaft entlassenes Tierchen ansprang. Mit beiden Armen umhalste sie ihn ungestüm, drehte sich mit ihm übermütig wie ein Kreisel herum und rief immer wieder: „Onkel Rat! Onkel Rat! Lieber, alter Onkel Rat!“

Diese ungestüme Zärtlichkeit bereitete dem alten Junggesellen eine innige Herzensfreude. Er lebte ganz in der Welt des Kindes, kannte ihre Freundinnen und ihre kleinen Gegnerinnen in der Schule. Wußte von ihren Aufgaben und von ihren Lehrerinnen. Alles erzählte sie ihm. Plapperte ununterbrochen, bis sie sich dann vor ihrem Haus trennten. Denn die Wohnung der Altwirths betrat der Rat Leonhard nur höchst selten. Er hatte keinen Wunsch mehr, mit dem Maler Altwirth zusammenzutreffen.

Mit Frau Adele traf er sich im Winter jetzt öfters. Die kleine Dora hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß der Onkel Rat an den schulfreien Tagen mit ihr rodeln gehen müsse. Das tat sie nämlich leidenschaftlich gern. Jauchzte laut auf vor Lust, wenn der Schlitten über die Berghalde sauste. Und da es ihr so sehr gefiel, so glaubte sie, daß es ihrem alten Freund gleichfalls gefallen müsse. Aber trotz Doras Bitten und Betteln war der Rat Leonhard nicht zu bewegen, seine steifen, alten Glieder einer Rodel anzuvertrauen. Er ging mit, um Dora bei ihrer lustigen Schlittenfahrt zu bewundern und sich an ihrer Freude zu ergötzen.

So wanderten die drei, Adele Altwirth mit ihrem Töchterchen und der Rat Leonhard, ganz so, wie sie es in früheren Jahren getan hatten, gemeinsam auf einsame Bergabhänge, von wo dann Adele mit dem Kind hinunterrodelte.

Selig, jauchzend vor Freude und mit ganz blauem Gesichtchen saß das Kind vor der Mutter auf dem Schlitten. Die schneidend kalte Bergluft pfiff ihr um das sorgfältig vermummte Gesicht. Nur die Augen und das Näschen waren unter der dicken, hochroten Samthaube zu sehen.

Die drei durchstreiften jetzt einen andern Teil von der Umgebung der Stadt. Sie gingen jetzt nicht mehr hinauf zur Weiherburg, sondern trieben sich mehr auf der Wiltener Seite herum, nahmen die Richtung gegen Schloß Mentelberg und gegen das Oberinntal zu oder benützten die sachte abfallenden Schneegelände, die von der Brennerstraße herunter zur Stadt führten.

Da oben war es ganz besonders herrlich schön. So frei und weit schien die Welt da zu sein. Und die Nordkette in ihrer stolzen Pracht bedrückte nicht so wie drunten im Tal ...