Part 21
„Ja ...“ sagte der Rechtsanwalt. „Und sie ist die Benedikta Zöttl.“ Etwas verlegen und unsicher sah er dabei auf seine Frau.
Sophie merkte es ihm an, daß er über die neu aufgetauchte Verwandtschaft wenig erbaut war. „Hast du mit ihr gesprochen?“ fragte sie den Gatten.
Valentin Rapp nickte. „Ja. Ich habe die Verteidigung übernommen!“ sagte er fast barsch.
Sophie fiel ihm um den Hals und küßte ihn stürmisch. „Mannderl, gut’s!“ lobte sie ihn und fuhr ihm streichelnd über sein rotes, aufgedunsenes Gesicht. „Und jetzt hab’ ich noch eine Bitt’ ... Du? ... Ja? ... Darf ich?“
„Was?“ fragte der Gatte kurz.
„Ich möcht’ reden mit ihr ...“ bat sie schüchtern.
„Muß es sein?“ fragte der Rechtsanwalt. „Ich möcht’ mir die Leut’ nit ins Haus zügeln.“
Sophie biß sich auf die Lippen. Die Rede tat ihr wehe.
„Nein!“ sagte sie dann traurig. „Wenn du nit willst ...“
„Na, also in Gottes Namen, red’ halt mit ihr!“ willigte Valentin Rapp ein. „Und der Karrner ... willst du den auch sehen?“ fragte er über eine Weile.
„Den!“ Sophie drehte sich blitzschnell um und sah den Gatten sprühend an. „Wenn er am Galgen hängt, ja! Sonst nit!“ --
Es war eine ganz kurze Szene des Wiedererkennens, die sich zwischen Mutter und Tochter abspielte. Apathisch, ohne Freude und ohne Liebe begrüßte die Karrnerin die junge Frau. Sie saß in einen Winkel gekauert und ganz in sich versunken da, als Sophie in Begleitung ihres Gatten, der ihr die Erlaubnis des Gerichtes für diesen Besuch erwirkt hatte, die Zelle des Gefängnisses betrat.
Ein altes, verhuzeltes, braunes, runzeliges Weib war die Benedikta geworden. Die Sophie fühlte einen ausgesprochenen körperlichen Widerwillen, als sie ihr die Hand zum Gruße bot. Beinahe reute es sie, daß sie sich von Neugierde hieher hatte treiben lassen.
„Grüß Gott!“ sagte die junge Frau leise, und ihre Stimme klang etwas gezwungen und unsicher. „Kennst du mich, Benedikta Zöttl?“ frug sie.
Die Karrnerin nickte gleichgültig. „Die Sophal ...“ sagte sie tonlos. „Freilich. Kenn’ di schon. Hab’ di oft g’sehen. Hab’ dir aufgepaßt, wenn der Gaudenz nit dabei war!“ kicherte das Weib leise und schadenfroh in sich hinein. „Unseroans freut si aa, wenn’s a noble Tochter hat!“ meinte sie. „Aber der Gaudenz hätt’s nit wissen dürfen ... der ...“
„Mag er mich noch immer nit?“ forschte die Sophie und sah sich schaudernd in dem engen Raum der Zelle um. Eine mäßig große Pritsche war da an die Wand gerückt, und das stark vergitterte Fenster, durch welches das Tageslicht hereinfiel, war so hoch oben angebracht, daß man es nicht einmal mit den Händen erreichen konnte. Eine bange, abergläubische Furcht überkam die junge Frau, und fest schmiegte sie sich an den Gatten, der neben ihr stand.
„Er mag di nit!“ bestätigte die Karrnerin gleichgültig und zog die magern Achseln empor. „’s macht aa nix. Ist guat so!“ nickte sie mit dem Kopfe. „Hast an braven Mann kriagt! An noblen, ha?“ Ein stechender Blick aus den schwarzen Augen des Weibes traf den Rechtsanwalt. „Hast es g’schickt g’macht, Madel! Besser wie i!“ lobte sie dann.
Sophie stand schweigend vor der Karrnerin und hielt sich fest an dem Arm ihres Gatten. Sie schämte sich ein wenig über das Lob der Benedikta.
„Aber der Gaudenz woaß nix davon!“ berichtete das Weib kichernd und wiegte sich schaukelnd hin und her. Sie hielt ihre Knie umschlungen und sah listig und schlau zu dem Rechtsanwalt auf. „Er kennt sie nit amal mehr!“ erzählte sie Doktor Rapp und deutete mit dem Kopf auf Sophie. „Niemand kennt sie. Koans von die Kinder woaß eppas von ihr!“ lachte sie schadenfroh.
Sophie atmete befreit auf. Es war ihr recht, daß sie niemand kannte und niemand von den Karrnerleuten etwas von ihr wußte.
Eine ganze Weile saß die Karrnerin schweigend da und stierte stumpfsinnig vor sich hin. Dann sah sie plötzlich zu Valentin Rapp auf und fragte: „Wird er g’hängt, der Gaudenz, ha?“ Es lag eine heiße Angst in ihrem Blick.
„Die Anklage lautet auf Totschlag ...“ sagte der Rechtsanwalt ausweichend.
„Totschlag! Dann ist er hin, der Hund!“ stieß die Benedikta wild hervor. „Recht ist’s! Hat ihn alleweil erzürnt, den Gaudenz!“
Darauf sank sie wieder in sich zusammen, und ihr Gesicht wurde ganz eingefallen vor sorgenvollem Gram. „Der Gaudenz ...“ kam es stöhnend über ihre Lippen. Es war ein weher Schmerz, der in diesem Ton lag.
„Totschlag ist nit Mord!“ versuchte sie der Rechtsanwalt zu trösten. „Er wird Zuchthaus kriegen.“
„Eing’sperrt ...“ Das Weib atmete erleichtert auf. Dann wiederholte sie leise: „Eing’sperrt ... fort ... alloan ... Was nutzt’s mi ... hab’ ihn nimmer, den Gaudenz!“
„Hast ihn so gern ... Mutter?“ frug Sophie fast flüsternd. Ein weiches Erbarmen gab ihr diese Anrede als etwas Selbstverständliches in den Mund.
„Gern?“ Die Benedikta flammte auf. „Jahr und Tag bin i mit ihm gezogen!“ sagte sie leidenschaftlich. „Und hab’ Kinder g’habt von ihm, oans nach dem andern. I werd’ ihn wohl gern g’habt haben!“ fügte sie dann wieder gleichgültig werdend hinzu.
„Und jetzt?“ frug Sophie weiter.
Die Karrnerin duckte sich noch enger in ihrem Winkel zusammen.
„Den ... dein’ Vater ... weißt ...“ sagte sie zögernd, „den hab’ i gern g’habt. So gern ... Nachg’rennt bin i ihm wie a Hunderl, Tag und Nacht ... Hab’ g’moant, i kann nit leben ohne ihn ... bis er mich sitzen hat lassen ... verschwunden ist ... Nacher ist der Gaudenz kommen ... Du woaßt’s ja, warum er di nit mögen hat ... Und wenn der Gaudenz stirbt ... nacher ist alles aus ...“ sprach sie tonlos.
Es lag eine unsagbare Traurigkeit in ihrem Wesen, die so trostlos war, daß sie nicht nur Sophie, sondern auch den Rechtsanwalt bedrückte. Valentin Rapp mahnte zum Aufbruch. Ohne Rührung und ohne Schmerz trennten sich Mutter und Tochter, um sich nie mehr zu sehen im Leben ...
Nach einigen Wochen der Haft verließ Benedikta Zöttl das Gefängnis zu Innsbruck. Valentin Rapp hatte ihr eine größere Summe Geldes ausgehändigt. Die Benedikta starrte gleichgültig auf das Geld. Kaum, daß sie dem Rechtsanwalt dafür dankte. Aber dieser verstand ihre Art und wußte, daß die Karrnerin nur mehr ein einziges Empfinden hatte, das sie vollständig beherrschte. Das war die Angst um Gaudenz Keil, den Karrner ...
Seit ihrer Begegnung mit der Mutter hatte Sophie Rapp Schluß gemacht mit ihrer Vergangenheit. Die Erinnerung an ihre trübe Kindheit, an die Jahre des Elends und der rohen Grausamkeit hatten die junge Frau seelisch so gedrückt, daß es ein paar Wochen brauchte, bis sie ihre unbefangene Heiterkeit wiederfand.
Und als ihr Gatte ihr erzählte, daß Gaudenz Keil zu schwerer Zuchthausstrafe verurteilt worden war und daß die Benedikta gleich nach dem Urteil spurlos verschwunden sei, da atmete Sophie auf wie von schwerer Last befreit.
Sie fühlte sich jetzt, nachdem sie von diesen Menschen ganz losgelöst war, zu denen sie einmal gehört hatte, aufs neue dem Dasein zurückgegeben. Fühlte, daß die alte, sprühende Lebenslust wieder Einkehr hielt bei ihr, daß sie wie früher frei und ungezwungen scherzen und lachen konnte und dem Glück ihrer Liebe leben durfte, das ihr ein gütiges Schicksal beschieden hatte.
Sechzehntes Kapitel.
In dem stillen, behaglichen Heim des Apothekers Tiefenbrunner herrschte heute ein reges Leben. Es war nicht oft der Fall, daß Frau Therese Gäste bei sich sah. Nur einmal oder zweimal im Jahr. Da bat sie alle jene Damen zu sich, denen sie eine Einladung schuldete.
Von Zeit zu Zeit kamen die Damen bald bei dieser und bald bei einer andern Bekannten zusammen. Es war immer derselbe Kreis von Damen, und es waren stets die gleichen Meinungen und Lebensauffassungen, die da geäußert wurden. Gute, gesunde Ansichten, allerdings etwas rückständig und spießbürgerlich. Das konnte auch gar nicht anders sein. Neue Elemente hatten so gut wie gar keinen Zutritt in diesem exklusiven Zirkel.
Ab und zu traf man bei der Frau Professor Haidacher eine fremde, unbekannte Dame. Die wirkte dann jedesmal wie eine Erscheinung aus einer andern Welt, die man kaum vom Hörensagen kannte.
Die Professorin war nicht so wählerisch in ihrem Umgang. Sie liebte es, mit neuen Menschen bekannt zu werden und ihre Ansichten kennen zu lernen. Wenn Frau Haidacher einmal eine wirklich nette Frau traf, so führte sie dieselbe gerne in ihrem Bekanntenkreis ein. Meistens waren das die Frauen von Berufskollegen ihres Gatten oder die Offiziersdamen der Garnison.
Frau Haidacher hatte die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, einen freieren und frischeren Zug in ihren Gesellschaftskreis zu bringen. Ein jeder dieser Versuche scheiterte jedoch stets kläglich. Die Damen waren wohl immer artig und freundlich gegen die Fremden, bewahrten aber doch eine so steife Zurückhaltung, daß ein herzlicher Ton unmöglich aufkommen wollte.
So kam es, daß Frau Haidacher gezwungen war, ihren Bekanntenkreis in zwei Teile zu trennen. Der eine bestand aus den Vertreterinnen der alten Familien der Stadt, der andere aus denen der eingewanderten Familien. Diese völlig verschiedenen Elemente einander näher zu bringen, sie gesellschaftlich zu vermischen, war ein Ding der Unmöglichkeit. Sie lebten so ganz und gar getrennt voneinander, daß sie sich selbst nach vielen Jahren des gemeinsamen Aufenthaltes kaum dem Namen nach kannten.
Bei Frau Therese Tiefenbrunner war man stets vollkommen sicher, nur ganz intime Bekannte zu treffen. Frauen, von denen man alles haarklein wußte, deren Gesinnung einem genau vertraut war, die zu einem paßten und deren Familien, Väter, Großväter und Urgroßväter Innsbrucker waren und zum Teil eine Rolle in dieser Stadt gespielt hatten.
Es waren die Angehörigen der Patrizierfamilien Innsbrucks, die sich da trafen. Frauen, die stolz waren auf ihre bürgerliche Abkunft und die ihre gesellschaftliche Stellung um keinen Adelstitel vertauscht hätten. Sie waren Bürgerinnen, Töchter altangesehener Familien. Als solche fühlten sie sich, wollten nicht mehr sein und strebten nach keinem auch noch so hoch stehenden Bekanntenkreis. Die Gesinnung dieser Frauen war vererbt, pflanzte sich fort von den Eltern auf die Töchter und wurde von den Männern dieser Frauen bestärkt und genährt.
Ein stolzer Zug von Freiheit und Unabhängigkeit lebte in diesen Männern. Sie waren Männer, die aufrecht gingen, ohne Strebertum, selbstbewußt, zufrieden und selbstherrlich. Sie alle liebten die alte Stadt am Inn mit ehrlicher, aufrichtiger Begeisterung. Liebten sie, weil es ihre Heimat war, ein deutsches, berggekröntes Juwel, wie ein zweites wohl nicht mehr zu finden war. Und sie hielten diese Stadt hoch, ehrten sie und vertraten ihre Interessen nach bestem Wissen und Gewissen.
Diese starke Gesinnung der Männer spiegelte sich wider in der Art der Frauen. Da gab es keine unter ihnen, die auch nur das leiseste Verlangen gehabt hätte, aus ihrem Kreis herauszukommen. Sie waren zufrieden miteinander, klatschten manchesmal ein wenig unter sich und belächelten mit Nachsicht ihre Schwächen und Eigenheiten. Aber sie hielten fest und unerschütterlich zusammen und duldeten kein Eindringen eines fremden Elementes.
Wenn Frau Therese Tiefenbrunner eine Einladung gab, dann verursachte das jedesmal eine kleine Umwälzung in ihrem Hausstand. Die Tiefenbrunners hatten eine altmodische, aber recht gemütliche Wohnung am Innrain. Die Zimmer waren klein und für große Gesellschaften nicht geeignet. Da aber Frau Tiefenbrunner den Ehrgeiz besaß, genau so viele Damen auf einmal bei sich zu sehen, wie das die andern taten, so mußte jedesmal eine Umgestaltung ihrer Wohnräume stattfinden.
Da wurde gerückt und geändert, und die Möbel wurden umgestellt, bis der nötige Platz für so viele Menschen gefunden war. Alle die überflüssigen kleinen Gegenstände, die Tischchen, Truhen, Blumenständer und Vogelkäfige, welche die Zimmer so behaglich erscheinen ließen, mußten weichen, um nur der notwendigsten Einrichtung Platz zu machen.
Trotzdem waren die Damen so eng aneinander gepfercht wie die Sardinen in der Büchse. Sie unterhielten sich aber ganz vortrefflich, schwatzten und lachten miteinander, tranken Tee oder Kaffee und verzehrten den herrlichen Kuchen, den die Apothekerin selbst gebacken hatte.
Ungefähr zwanzig Damen hatte Frau Tiefenbrunner zu sich gebeten. Sie saßen alle um einen großen runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Und vor ihnen lagen wahre Berge der verschiedensten Bäckereien und delikaten Brötchen. Auf dem Büfett, das in seinem behaglichen Ausbau fast eine ganze Wand einnahm, standen große verkorkte Flaschen neben fein geschliffenen Weinkelchen und harrten geduldig des Augenblicks, in dem sie zur Erhöhung der allgemeinen Stimmung beitragen durften.
Ein fröhliches Plaudern und Lachen erfüllte den nicht sehr hohen viereckigen Raum des Zimmers. Wenn die Damen unter sich waren, dann konnten sie fast ausgelassen lustig sein, und von der ihnen sonst eigenen steifen Zurückhaltung war nichts mehr zu bemerken.
Frau Therese Tiefenbrunner strahlte vor innerer Zufriedenheit. Sie war froh, wenn es ihren Gästen gut bei ihr gefiel und diese den dargebotenen Genüssen nach Herzenslust zusprachen. Immer wieder bot sie den Damen an und nötigte sie mit etwas ungeschickter Aufdringlichkeit zum Essen und Trinken.
„Aber so essen’s doch! Nehmen’s doch, Frau Patscheider!“ Die Apothekerin hielt der Frau Patscheider, die neben ihr saß, eine große Platte belegter Brötchen hin. Das Dienstmädchen hatte sie gerade wieder neu gefüllt auf den Tisch gestellt.
„Ich bitt’ Ihnen, Frau Tiefenbrunner,“ lachte die Frau Patscheider, „ich kann ja schon bald nimmer schnaufen vor lauter Essen!“ Und sie biß herzhaft mit ihren gesunden weißen Zähnen ein großes Stück von dem Kuchen herunter, den sie in der Hand hielt.
„Kochen kann sie, unsre Apothekerin! Das muß man ihr lassen!“ rühmte die Frau Direktor Robler. „Nirgends in der ganzen Stadt kriegt man so einen guten Kuchen zu essen.“
„Und die Bröterln! Die erst!“ sagte die Frau Professor Haidacher und nickte der Apothekerin lustig zu. „So was Feins! Ich halt’ mich am liebsten bei die Bröterln auf. Her damit!“ kommandierte sie heiter. Die Apothekerin reichte ihr dienstbeflissen die Platte über den Tisch.
Zur Feier des Tages hatte Frau Tiefenbrunner ein schwarzes Kleid von ganz besonders schwerer Seide angezogen und sah darin sehr vorteilhaft aus. Es war merkwürdig mit Frau Therese Tiefenbrunner. Die Zeit vermochte ihr nichts anzuhaben. Blieb bei ihr stehen und ließ sie aussehen wie vor zehn Jahren.
Die Frau Baurat stellte innerlich diesen Vergleich an und war der Apothekerin fast etwas neidisch. Frau Tiefenbrunner war ja niemals eine schöne Frau gewesen. Sie war stets robust und von derber Gesundheit gewesen. Eine einfache, simple Frau, die sich immer gleich blieb und an deren Äußerem das Alter keine Verheerung anrichten konnte.
Frau Goldrainer gestand es sich ein, daß sie froh gewesen wäre, wenn sie sich wenigstens noch einen Schimmer ihres einstigen blühenden Aussehens mit in das Alter gerettet hätte. Aber das lag wohl nicht in ihrer Familie, beruhigte sie sich dann selbst. Die alterten alle rasch. Auch ihre Schwester, die Frau Doktor Storf, war eine schon vor der Zeit gealterte Frau geworden. Kein Mensch hätte geglaubt, daß diese blasse, verfallene, kleine Frau kaum Mitte dreißig zählte.
Frau Hedwig Storf war seit einiger Zeit bedeutend ruhiger geworden. Ihre Schwester bemerkte es mit Befriedigung, und sie kannte auch die Ursache dieser Besserung. Doktor Storf hatte seine Beziehungen zu Sophie Rapp nun vollständig aufgegeben, und die Frau des Rechtsanwaltes schien jetzt tatsächlich nur mehr für den Maler Altwirth zu schwärmen. Der Gedanke an Felix Altwirth war es bei der Frau Baurat, der sie die Rede auf den Maler bringen ließ.
„Da fallt mir grad’ ein, Frau Patscheider,“ sagte die Frau Baurat, „Sie haben Ihnen ja gar noch nit einmal von dem Altwirth malen lassen!“
„Ich? Was fallt denn Ihnen ein!“ rief die Frau Patscheider entsetzt. „Da tät’ mir mein Mann schön kommen!“
„So? Warum denn?“ forschte die Baurätin neugierig.
„Mein Mann halt nix von dem Altwirth seiner Malerei!“ erwiderte die Patscheiderin ausweichend.
„Konsequent liebe ich den Mann!“ spottete Frau Haidacher mit lustigem Hohn.
„Aber Felix Altwirth ist ein großer Künstler!“ versuchte Hedwig Storf mit schüchterner Stimme den Freund ihres Gatten zu verteidigen. „Er hat jetzt so schöne große Bilder ausg’stellt!“
„Haben Sie die Ausstellung g’sehen?“ wandte sich die Frau Patscheider nicht ohne Bosheit an die Apothekerin.
„Nein!“ sagte Frau Tiefenbrunner mit Würde. „Wenn ich einmal mit einem Menschen fertig bin, dann bin ich fertig! Dann gehe ich auch nicht hin und beseh’ mir seine Kunstwerke.“ Das Wort „Kunstwerke“ betonte die Apothekerin doch nicht ganz ohne Stolz.
„Sie haben auch nix versäumt, Frau Tiefenbrunner!“ tröstete sie die Patscheiderin. „Mein Mann sagt ...“
„Aber,“ fiel ihr Frau Storf jetzt resolut ins Wort, „die Kritik ist doch ganz begeistert von den Werken!“
„Hm! Die Zeitungen!“ machte Frau Robler verächtlich. „Was die sagen, da kann man sich auch nicht darnach richten.“
„O ja!“ kam nun die Baurätin ihrer Schwester zu Hilfe. „Da muß ich schon bitten. Dazu ist die Kritik da, und die versteht’s auch!“ sagte sie mit einer Schärfe im Ton, die keinen Widerspruch zuließ.
„Die Hauptsache ist,“ stellte die Professorin fest, „daß der Altwirth jetzt ein Heidengeld verdient. Drei Bilder sollen ja schon wieder verkauft sein von der Ausstellung. Und die ist ja erst seit einer Woche.“
„Was das betrifft,“ meinte nun die Apothekerin, „so ist meinem Neffen, dem Maler Altwirth, dieser Erfolg schon zu vergönnen. Es kommt halt doch immer als das heraus, als was ich es gesagt habe ...“ behauptete Frau Tiefenbrunner mit bescheidener Würde. „Und ich hab’ immer gesagt zu meinem Mann ... Simon, hab’ ich gesagt, wirst sehen, unser Felix wird noch ein großer Künstler werden. Und der Simon hat mir auch geglaubt!“ versicherte die Apothekerin.
„Ich hätt’ ihm auch nit anders g’raten, dem Siemanndl!“ flüsterte die Professorin ihrer Nachbarin boshaft ins Ohr und stieß sie leise an, so daß diese vor unterdrücktem Lachen einen leichten Hustenanfall bekam.
Frau Tiefenbrunner sah mit vorwurfsvollem Blick in dem Kreis der Damen herum, die ihr jetzt alle aufmerksam zuhörten. „Es hat da in Innsbruck Leute gegeben,“ fuhr sie in ihrer langsamen Redeweise fort, „die für die Kunst des Felix Altwirth kein richtiges Verständnis haben aufbringen können. Aber das hat nix geschadet, wie Sie sehen, meine Damen!“ meinte die Apothekerin mit nachsichtigem Lächeln. „Und was ein Künstler ist, das bleibt halt eben ein Künstler!“ fügte sie weise hinzu.
„Besonders wenn sich eine Frau Doktor Rapp für so eine Kunst zu interessieren anfangt!“ sagte Frau Patscheider boshaft. Sie fühlte, daß die Apothekerin darauf ausging, ihren Gatten in den Augen der Damen herabzusetzen.
Frau Therese Tiefenbrunner parierte den Hieb. „Was das anbetrifft,“ fing sie langsam und gemächlich an, „so muß ich da schon sagen, daß ich es nicht unschön finden kann, wenn eine Dame ...“
„Dame!“ höhnte die Patscheiderin.
„Alsdann eine Frau,“ verbesserte die Apothekerin, „sich für einen Künstler und seine Kunst begeistern tut!“ Frau Therese Tiefenbrunner sah forschend in dem Kreise der Damen herum, um den Eindruck zu ergründen, den ihre Rede hervorgerufen hatte.
„Begeistern!“ machte die Patscheiderin. „Die und sich für die Kunst begeistern! Verliebt ist sie, und überg’schnappt ist sie, das närrische Weibsbild! Vor lauter Lieb’!“
Die Damen lachten hellauf. Sie gönnten es der Tiefenbrunnerin, daß die Patscheiderin sie so abfahren ließ. Sie kannten ja alle den Gesinnungswechsel der Apothekerin und wußten, daß sie jetzt, da der Erfolg für Felix Altwirth sprach, sich wieder zu ihm bekannte.
„Was glauben’s, was der jetzt eing’fallen ist!“ Die Patscheiderin machte ein hochwichtiges Gesicht. „Jetzt rennt das Weibsbild mei’m Mann nach. +Mei+’m Mann, sag’ ich Ihnen! Und wissen’s, warum? Weil sie sich einbildet, mein Mann, +mein+ Mann ...“ die Patscheiderin wies, so oft sie das Wort „mein“ betonte, mit dem Zeigefinger auf ihren vollen Busen ... „soll dem Felix Altwirth eine Galerie bauen. Natürlich, damit er da drinnen alleweil seine Bildlen aufhängen könnt’!“ sagte sie eifrig. „Aber mein Mann will nix wissen von der Sach’ und sagt, daß der Altwirth spinnt. Und das ist auch a so! Dem fehlt’s im obern Stübel. Ich hab’ schon immer erzählen g’hört, daß alle Maler spinnen. Wird der keine Ausnahm’ machen!“
Die Patscheiderin hatte sich in eine förmliche Aufregung hineingeredet und sah jetzt wie eine Siegerin auf die Runde der Damen, die zum Teil laut aufschrien vor Lachen.
„A Galerie! So was!“ sagte die Frau Robler kopfschüttelnd. „Ja, ja! Unser Herrgott hat halt verschiedene Kostgänger!“ spottete sie dann.
„Wo soll denn die Galerie hinkommen?“ forschte die Baurätin neugierig. „Daß du davon nichts weißt?“ wandte sie sich vorwurfsvoll an ihre Schwester.
„Die kommt nirgends hin. Verlassen Sie sich drauf!“ erklärte die Frau Patscheider mit Bestimmtheit. „Wenn einmal mein Mann nein sagt, nacher bleibt’s auch dabei!“
Der Apothekerin war die Wendung, welche das Gespräch genommen hatte, entschieden unangenehm. Sie hatte einen ganz roten Kopf bekommen und meinte jetzt zu der Frau Baurat Goldrainer: „Überhaupt tu’ ich nit gerne sprechen von meinem Neffen, dem Maler Altwirth. Seitdem ich mich mit ihm überworfen hab’ ...“
„Ja, sagen’s mir einmal, Frau Tiefenbrunner,“ erkundigte sich die Frau Robler teilnehmend, „hat sie sich denn gar nit entschuldigt bei Ihnen, die Frau Altwirth?“
„Die?“ Frau Therese Tiefenbrunner blähte sich ordentlich auf in dem Bewußtsein schwer gekränkter Würde. „Die ... Wenn mir die da bei der Tür einer kommen tät’ ... wenn ...“
„Ah! Tun’s nit so, Frau Tiefenbrunner!“ lachte die Professorin. „Froh wären’s, wenn sie wieder zu Ihnen käm’ und ...“
„Da tun Sie Ihnen aber doch recht gewaltig täuschen, Frau Professor!“ sagte die Apothekerin jetzt ganz bissig. „Mit der Person will ich nix zu tun haben. Die ist an allem Schuld! Wenn die nit wär’ ...“ Frau Tiefenbrunner verdrehte, als ob sie einen großen Schmerz zu erdulden hätte, die Augen und zog dann ihr weißes Taschentüchlein heraus, um sich damit die ohnedies schon sehr trockenen Augenwinkel noch ein wenig trockener zu reiben.
„Hm!“ machte die Patscheiderin und zuckte verächtlich mit den Achseln. „Ist nit zu neiden, die junge Frau ... mit +dem+ Mann!“
Frau Therese Tiefenbrunner wurde jetzt lebendig. Sie vergaß die ruhige Würde, die sie für gewöhnlich zur Schau trug, und fuhr die Patscheiderin sprühgiftig an: „Das sag’ ich Ihnen, Frau Patscheider. Mit der brauchen’s kein Mitleid nit zu haben. Das ist so ein hochnasig’s, eingebildetes Ding ...“
„Nein! Das ist nit wahr!“ warf sich die kleine Frau Storf zur Verteidigerin auf. „Frau Altwirth ist eine gute und auch eine gescheite Frau!“ versicherte sie und gab ihrer schüchternen Stimme einen festen Klang. „Die kennen Sie nur nit!“
„Ich will sie auch gar nicht kennen!“ sagte die Apothekerin obstinat. „Und was die Gescheitheit von der anbetrifft, so glaub’ ich kaum, daß sie’s jetzt gelernt hat, wie man ordentliche Kartoffel rösten tut. Der Felix, das können’s mir glauben, der hat auch sein Kreuz mit ihr. Und was für eins!“