Die Stadt am Inn

Part 20

Chapter 203,780 wordsPublic domain

Adele fühlte den Stachel, der trotz des scherzhaften Tones in dieser Rede verborgen war.

„Es liegt eine gewisse Rechtfertigung in diesem Titel!“ sagte sie ernst. „Man kann eine Sache, die unbegreiflich scheint, eher verstehen.“

„Und diese ...“ frug Max Storf zögernd, „diese erscheint Ihnen unbegreiflich, gnädige Frau?“

Adele neigte zustimmend ihr Haupt. „Ja!“ sagte sie einfach und sah ihm dabei fest in die Augen.

Max Storf hatte sich wieder auf seinen Platz gesetzt und blätterte nachdenklich in den Skizzenbüchern. „Warum sprechen Sie so zu mir?“ frug er dann über eine Weile, ohne Adele anzusehen.

„Weil ich Mitleid habe mit Ihrer Frau!“

„Und Sie ... Haben Sie mit sich selber kein Mitleid?“ frug der Arzt sehr ernst.

„Nein!“ sagte sie leise. „Ich kann es tragen. Das ist anders.“

Nun trat eine große Pause ein. Adele saß schweigend da, in ihrer leichten, nachlässigen Haltung, den Kopf gesenkt und die Arme auf die Knie gestützt. Max Storf betrachtete sie jetzt mit einer Art neugierigen Interesses. Sie kam ihm mit einem Male anders vor. Nicht kalt und verschlossen, sondern weich, nachsichtig und verstehend.

„Dann lieben Sie Felix nicht!“ unterbrach Max Storf unvermittelt das Schweigen. Er sagte es in einem so bestimmten Ton, als gebe es keinen Widerspruch.

Adele war jäh zusammengezuckt. Wie ein plötzliches Erkennen kam es über sie. Sie gab keine Antwort und starrte fest vor sich hin. Max Storf sah, daß sie noch blässer geworden war und daß sie ihre schmalen, streng geschlossenen Lippen noch mehr aufeinander preßte.

„Eine Frau, die liebt, nimmt den Kampf auf um den geliebten Mann, wenn sie nicht ganz ohne Leidenschaft ist!“ fuhr Max Storf ernst zu reden fort. „Verzeihen Sie mir, gnädige Frau, aber Sie tragen selbst die Schuld daran, daß ich so zu Ihnen spreche!“ fügte er hinzu.

Adele Altwirth sah mit einem vollen Blick ihrer grauen, beseelten Augen zu dem Arzte auf.

„Warum sprechen Sie von mir?“ frug sie dann. „Es handelt sich doch gar nicht um mich!“ sagte sie abweisend.

„Nein, sondern wohl um mich ...“ pflichtete er nachsichtig lächelnd bei. „Ich soll als das räudige Schaf ...“

„Können wir nicht ernst bleiben, Herr Doktor?“

„Ja. Aber dann sprechen wir von Ihnen, gnädige Frau!“ sagte Max Storf fest.

Wiederum herrschte eine Weile tiefes Schweigen zwischen den beiden. Dann sagte Adele nachdenklich: „Was hat diese Frau nur an sich, daß sie alle Männer wie im Sturm erobert?“

„Dasjenige, was den einen fehlt und was die andern in falschem Stolz zu überwinden trachten ... Leidenschaft!“ erwiderte Max Storf bestimmt.

„Ja ... das mag es wohl sein ...“ sprach Adele mit einem träumerischen Blick. Dann erhob sie sich und reichte dem Arzt die Hand. „Und nun haben Sie dasjenige mit mir getan, was ich eigentlich Ihnen tun wollte. Sie haben mich auf die richtige Bahn gewiesen. Ich fürchte nur, Sie kommen zu spät ...“ fügte sie leise hinzu.

Es klang Traurigkeit in ihren Worten. Eine Resignation, die zu hören dem Arzt wehe tat. Max Storf war gleichfalls aufgestanden und führte die Hand der jungen Frau ehrfurchtsvoll an seine Lippen.

„Sie sind mir doch nicht böse, Herr Doktor?“ frug Adele warm.

„Nicht im mindesten, gnädige Frau!“ versicherte der Arzt. „Ich habe allen Grund, dankbar zu sein.“

„Dankbar? Wieso?“

„Weil ich in die Seele einer reinen Frau schauen durfte!“ entgegnete Max Storf mit Nachdruck. „Ich habe Sie jetzt erst kennen gelernt.“

Adele Altwirth überkam ein Gefühl des Dankes. Es war lange her, seitdem sie ein gutes, anerkennendes Wort gehört hatte. Es tat ihr wohl. So wohl, daß wieder nach langer Zeit jenes strahlende Lächeln ihr Gesicht verklärte, das ihr ganzes Wesen so warm und innig erscheinen ließ ...

Max Storf und Frau Adele sprachen von dieser Zeit an oft und gern miteinander. Sie wichen einander nicht mehr aus wie früher, sondern freuten sich darauf, sich zu sehen und wie alte, gute Freunde zu plaudern. Es lag eine Reinheit in dieser Freundschaft. Eine Reinheit, die auf der Grundlage einer gegenseitigen Wertschätzung beruhte. Sie waren beide glücklich darüber. Glücklich, daß sie sich gefunden hatten und einander etwas bedeuteten im Leben.

Fünfzehntes Kapitel.

Drunten am Saggen, in dem vornehmen Villenviertel Innsbrucks, wohnte Doktor Valentin Rapp mit seiner Frau nun schon seit einigen Jahren in einer kleinen Villa, die er sich nach seinem Geschmack hatte bauen lassen. Das erste Stockwerk dieses Hauses hatte der Rechtsanwalt für sich behalten, während er das Erdgeschoß vermietet hatte.

Es war ein entzückendes kleines Haus in freier, herrlicher Lage, mit einem großen Garten ringsherum, den der Rechtsanwalt in den Stunden seiner Erholung selbst bebaute und pflegte. Da stand er oft wie ein Arbeiter, hemdärmelig mit Spaten und Schaufel. Wühlte in der Erde, setzte Blumen und Sträucher ein und legte sich auch eine kleine Obstzucht an. Valentin Rapp hatte viel Liebe zur Natur und fühlte den gesunden Trieb zu körperlicher Betätigung in sich.

So sehr sich der Rechtsanwalt in früheren Zeiten gegen eine Verheiratung und gegen ein eigenes Heim gesträubt hatte, so viel Sinn und Verständnis für die Ausgestaltung eines solchen bewies er in den Jahren seiner Ehe. Er liebte sein Heim, das für ihn so viel trauliches Glück barg, schmückte es mit Liebe und Hingebung aus und hielt es wie ein Heiligtum.

Vor diesem kleinen Reich, wie er seinen Besitz nannte, mußte die Sorge Halt machen. Dort durften Mißgunst und hämischer Neid nicht einkehren. Mit aller Energie hatte sich der Rechtsanwalt Ruhe vor dem Gerede der Leute verschafft. Er wollte sein Glück und sein Leben genießen, wie es sich ihm darbot. Nicht in quälende Zweifel verloren und ohne Trübung wollte er die Stunden der Ruhe und Erholung ausnützen.

Doktor Rapp hatte es noch nie bereut, daß er die Sophie zur Frau genommen hatte. Er freute sich über sie. War stolz auf ihre Fähigkeit, sich den veränderten Lebensbedingungen so geschickt anzupassen, und war selig über das Maß der Liebe, das sie ihm noch immer gewährte.

Wohl war auch zu ihm das Gerücht gedrungen von der Untreue seiner Frau. Aber Valentin Rapp glaubte den Leuten nicht. Er wußte, wie viel Unheil Mißgunst und Neid in den Ehen der Menschen anzurichten vermochten. Er wußte, daß es in solchen Fällen galt, reinen Tisch zu halten und Freunden die Tür zu weisen, die an seinem Glück zu zweifeln wagten.

Er hielt sich für einzig dazu berechtigt, über Sophie zu urteilen, und er hielt sich auch für den einzigen Menschen, der imstande war, Sophiens Charakter und ihre Liebe richtig einzuschätzen.

Dem Rechtsanwalt war es kein Geheimnis, daß seine Frau viel Verehrung und Bewunderung genoß, und er freute sich darüber. Es war ihm willkommen, wenn man ihr huldigte. Es bedeutete für ihn eine Genugtuung, sich um den Besitz dieser schönen Frau beneidet zu wissen.

Auch ihr kokettes Spiel mit den Männern kannte er von früher her, wußte, daß sie damals rein geblieben war, und mißtraute ihr auch jetzt nicht. Gerade dieses kokette Spiel war es ja gewesen, das ihn damals so gereizt und ihn so weit gebracht hatte, daß er Sophie heiratete.

Warum sollte er von ihr verlangen, daß sie jetzt, da sie seine Frau geworden war, anders werden müsse ... hausbacken und nüchtern? Warum sollte sie ihrem Naturell Gewalt antun?

Der Rechtsanwalt hatte einen felsenfesten Glauben an die Treue seiner Frau. Schon deshalb, weil er sich immer und zu jeder Zeit von ihrer Liebe umsorgt fühlte und sich daher auch für den Mittelpunkt ihres ganzen Lebens halten konnte. Sophie war klug genug, diesen Glauben immer mehr zu stärken durch eine liebevolle, fast sklavische Hingebung und durch vollständige Unterordnung unter den Willen und die Launen ihres Mannes.

Diese Frau verstand es, gut und nachgiebig und sanft zu sein und demütig. So schmeichelte sie seinem Ehrgeiz und seiner Selbstherrlichkeit und befestigte in ihm auf diese Art das eingebildete Bewußtsein, daß er Herr über sie sei, während er in Wirklichkeit ein Werkzeug war in ihren Händen wie alle die andern.

Immer wieder zeigte sie es ihm und sagte es auch mit Worten, daß sie ihm dankbar war für die Lebensstellung, die seine Liebe ihr gegeben hatte. Und darin sagte sie die Wahrheit. Sie war ihm dankbar. Liebte ihn deswegen und ertrug willig und ohne Murren die vielen kleinen Launen, die sich mit der Zeit bei dem alternden Manne einstellten. Sie umgab ihn täglich mit so zahlreichen kleinen Zärtlichkeiten, daß er ohne besondere Illusion in der Überzeugung leben konnte, ihr einziger Geliebter zu sein.

Manchmal, in den ersten Jahren ihrer Ehe hatte ihn ihr heißes Aufflammen erschreckt und ein wenig besorgt gemacht. Dann aber war sie ruhiger geworden, steter und gleichmäßiger. Und Doktor Rapp war es zufrieden. Er glaubte, daß es ihm gelungen sei, ihr aufloderndes Temperament in ruhigere Bahnen zu leiten, und war froh, diese Klippe so geschickt überwunden zu haben.

Dann kamen die guten Freunde und sprachen ihm von der Untreue der Frau, und Valentin Rapp wurde unruhig. Ein leises Mißtrauen blieb zurück. Sophie fühlte es und verscheuchte mit ihrer Liebe die aufkeimenden Zweifel und machte ihn so sicher, daß er resolut und fest allen die Tür wies, die ihm von seiner Frau nachteilig sprechen wollten.

„Haben Sie sie gesehen?“

„Nein!“

„Nicht? Dann sind es nur Vermutungen. Auf bloße Vermutungen hin fällt man kein Urteil, auch wenn der Schein dafür spricht!“ sagte er entschlossen. „Kommen’s wieder, wenn Sie was Gewisses wissen. Nit früher!“ setzte er lakonisch hinzu.

Durch diese unerschütterliche Festigkeit hatte sich der Rechtsanwalt Ruhe verschafft. Die Leute gaben es auf, ihn zu warnen. Und Sophie ihrerseits war zu schlau, um sich bei der Tat erwischen zu lassen. Wie ein Aal entglitt sie immer und immer wieder selbst den schärfsten Beobachtern. Niemand konnte es mit Bestimmtheit beweisen, daß sie untreu war. Nur die beiden Frauen, Hedwig und Adele. Und diese zeugten nicht gegen sie.

Es war zum erstenmal, daß Sophie Rapp so frei und ungeniert mit einem Manne verkehrte wie jetzt mit dem Maler Felix Altwirth. Diesmal hatte sie den Kopf verloren, sagten die Leute. Und neuerdings machten sie den Gatten aufmerksam, daß seine Frau ein Verhältnis mit dem Maler habe.

„So?“ fragte der Rechtsanwalt kurz und stocherte gleichgültig mit dem Spaten in der weichen Gartenerde herum. Er war wieder einmal bei seiner Lieblingsarbeit und stand in gebückter Haltung hemdärmelig und ohne Weste im Garten.

Neben ihm war ein alter Herr, ein Rechtskollege, der gekommen war, um sich mit dem Doktor Rapp in einer besonders schwierigen Prozeßsache zu beraten, deren Vertretung sie beide gemeinsam übernommen hatten. Bei dieser Gelegenheit hielt es der befreundete Advokat für seine Pflicht, dem Kollegen ein Wort der Warnung zu sagen.

„Woher wissen’s denn das so g’wiß, Herr Kollege?“ frug Doktor Rapp sarkastisch. „Meinen’s, wenn eine schöne Frau sich gern von einem Künstler malen laßt, muß gleich was Schlechtes dahinter stecken? Naa, naa! Meine Frau kenn’ ich besser wie Sie alle miteinander. Und auf Indizienbeweise hin wird nicht verurteilt!“ sagte Doktor Rapp unerschütterlich.

„Manchesmal doch, Herr Kollege!“ widersprach der andere mit leichtem Nachdruck.

Die Warnung hatte trotzdem einige Wirkung bei dem Rechtsanwalt hinterlassen. Eben weil sie von ernster und, wie er annehmen mußte, auch wohlmeinender Seite kam, dachte er darüber nach. Und als Sophie sich ganz kurze Zeit darauf in dem Garten zu ihm gesellte, frisch, lebendig, heiter und unbefangen wie immer, sah er ihr forschend und mit etwas Mißtrauen in die Augen.

Es war ein lauer Sommerabend. Vom Inn herüber, in dessen Nähe die Villa des Rechtsanwalts lag, kam eine erquickende Luft. Es war ruhig und still da draußen. Kein Lärm, kein Wagengerassel der inneren Stadt drang in diese Ruhe, und kein lautes, mißtöniges Stimmengewirr von vorüber wandernden Menschen. Nur einzelne Liebespärchen schritten eng aneinander geschmiegt durch die einsame Villenstraße, und ganz von ferne hörte man das dumpfe Rollen des Bahnzuges. In den Bäumen der sorgsam gepflegten Gärten sangen die Vögel ihr andächtiges Abendlied, zwitscherten schmelzend von Liebe und Frieden.

Sophie Rapp trug ein helles Sommerkleid und darüber ein weißes, zartes Spitzenschürzchen. Eine grellrote Schleife in dem dunkeln Haar verlieh ihrem Rassegesicht einen eigenen künstlerischen Reiz. Ganz unbefangen frug sie den Gatten, ob er das Abendbrot in dem Sommerhäuschen einzunehmen wünsche, das am andern Ende des Gartens stand.

Der Rechtsanwalt nickte stumm und sah ernst auf seine Frau. Sophie stutzte ein klein wenig. Sie dachte über die Ursache seiner plötzlichen üblen Laune nach und erriet sofort, daß diese Veränderung mit dem Besucher in irgendeinem Zusammenhang stehen mußte.

„Du hast Besuch gehabt, Manni?“ fragte sie und legte ihren Arm zärtlich in den seinen. „Schau, wirf einmal die Schaufel da weg und ruh dich ein bissel aus! Du schaust ja so müd’ drein. Wir wollen ein bissel im Gartenhaus sitzen und plauschen!“ forderte sie ihn munter auf.

Doktor Rapp warf die Schaufel beiseite, daß sie klirrte, und folgte seiner Frau in das lauschige, behaglich ausgestattete Sommerhaus.

„Du ... Sophie ...“ fing er dann mißmutig an.

„Ja, Mannderl, was gibt’s denn?“ lachte Sophie und schälte ihm eine große, saftige Birne, die das Dienstmädchen auf einem Teller gebracht hatte. „Ist die nit herrlich?“ fragte sie, ihm die Birne zur Ansicht hinhaltend. „Die mußt du gleich kosten. Noch vor dem Essen. Damit du mehr Hunger kriegst.“ Dann steckte sie ihm eine Scheibe in den Mund und biß selbst von der Frucht ab. Übermütig lachte sie: „Gut war’s! Gelt?“

Der Rechtsanwalt hatte auch lachen müssen, denn bei der Teilung hatte sie den Löwenanteil abbekommen. „Kannst mir noch eine in den Mund stecken!“ sagte er jetzt, schon bedeutend freundlicher gestimmt.

„So ist’s recht!“ Sie nickte zufrieden mit dem Kopf und sah ihn dann neckisch an. „Gelt, Manni, der hat wieder einmal g’schimpft über mich?“ Sie deutete mit dem Finger nach dem hohen eisernen Gartentor, durch das der Besucher verschwunden war.

„G’schimpft nit!“ sagte der Advokat, an der Birne kauend, die sie ihm nun zum Abbeißen hinhielt. „Er hat nur gemeint, ich soll dich warnen ...“

„Das heißt, er wollte +dich+ warnen, nicht mich!“ korrigierte sie ihn. „Mit wem hat er mich denn schon wieder im Verdacht?“ forschte sie und lachte dabei ausgelassen.

„Mit Felix Altwirth, dem Maler.“

Nun platzte Sophie geradezu vor Lachen. Konnte sich gar nicht mehr halten vor lauter Übermut. „Nein, so was, Schatz! Ist das ein Esel, dein Kollege! Das ist ja köstlich! Und so was will ein Menschenkenner sein! Ach, und du, du Dummerl, du lieb’s, du ungeschickt’s, du blödes, du hast’s ihm geglaubt! Ach du!“ Sie fiel ihm wie närrisch um den Hals und küßte ihn so heftig, daß er ihr sanft wehren mußte, da er keine Luft mehr bekam.

„Fressen könnt’ eins so ein Mannsbild, so ein dummes, vor lauter Lieb’!“ sagte sie und preßte sich innig an ihn. „Und immer wieder glaubt er so einen Schmarrn, so einen unsinnigen! Ich lauf’ dir schon noch davon, dir!“ drohte sie ihm scherzhaft. „Wenn du so eifersüchtig bist! Aber naa!“ meinte sie dann schalkhaft. „G’scheiter nit!“ Sie sah ihn sehr verliebt an. „Da müßt’ ich dich ja mitnehmen, dich Tschapperl, dich!“

Und alle Bedenken, die Valentin Rapp gehabt hatte, waren mit einem Male wie weggeblasen. Er lachte nun auch recht herzlich und schämte sich vor ihr, daß er so mißtrauisch gewesen war.

Ganz zaghaft warnte er sie dann: „Aber weißt, Sophie, vorsichtig mußt schon ein bissel sein mit deine Atelierbesuch’. Es ist wegen die Leut’. Ich hab’ ja nichts dagegen, wenn dich der Altwirth malt. Aber schön muß er mein Weiberl machen!“ sagte der Rechtsanwalt verliebt und küßte mit zufriedenem Behagen den vollen Mund des jungen Weibes ...

Es war noch immer der gleiche Sinnenrausch wie vordem, in dem Sophie den alternden Mann gebannt hielt. Sie bezauberte ihn stets aufs neue, belustigte und erheiterte ihn durch ihre losen Einfälle und den ihr eigenen gesunden Mutterwitz und verblüffte ihn öfters durch ungekannte und unberechenbare Seiten ihres Charakters.

Daß sich Sophie jetzt auf einmal so sehr für die Kunst begeisterte, hielt Valentin Rapp für eine kindliche Freude und gönnte ihr das Vergnügen, sich von einem Maler verehrt zu wissen. Ja, er freute sich mit ihr, wie schön sie auf den Bildern geworden war, als sie ihn einmal gewaltsam mit in Felix Altwirths Atelier schleppte. Dort konnte sie der Gatte in verschiedenen Skizzen bewundern.

Da Doktor Rapps Kunstverständnis gleich Null war, konnte er die Bilder nicht so einschätzen, wie das Storf getan hatte. Er sah nur, daß die Skizzen gut ausgefallen waren und daß seine Frau darauf in Schönheit prangte. Aus diesem Gefühl heraus beglückwünschte er den Maler zu seinen Erfolgen und meinte anerkennend, daß Felix bald größere Werke zur Ausstellung bringen möge.

„Ja ...“ erwiderte der Künstler nicht ohne eine leichte Anzüglichkeit in seinem Ton. „Wenn ich dann aber wieder keine Anerkennung finde, wie das erstemal? Ich könne ja überhaupt nichts, sagten damals die Leute.“

„Ach was!“ mischte sich Sophie resolut ein. „Damals und jetzt! Das ist ein Unterschied! Jetzt ist es anders! Heute sind Sie wer! Und das blöde Gewäsch, den Unsinn, den hat ja nur der Patscheider aufgebracht. Sonst niemand.“ --

Seit jenem Atelierbesuch bei dem Maler Altwirth waren auch die letzten Reste eines Mißtrauens gegen Sophie in der Seele des Rechtsanwaltes geschwunden. Er hatte die beiden genau beobachtet und hatte nicht das geringste Zeichen eines näheren Einverständnisses, das auf Liebe hätte schließen lassen, entdeckt. Das, was er sah, war Freundschaft und eine herzliche Kameradschaft. Valentin Rapp war überzeugt, daß seine Frau den Maler nur förderte, weil das ihrem warmherzigen und impulsiven Temperament entsprach.

Daß Sophie warmherzig sein konnte, dankbar, anhänglich und hilfsbereit, dafür hatte der Rechtsanwalt schon viele Beweise erlebt. Ganz besonders rührte es ihn immer wieder, wenn seine Frau von Zeit zu Zeit nach Rattenberg hinunter fuhr, um ihre alte Pflegemutter aufzusuchen. Mit voll beladenen Armen wanderte sie dann jedesmal ins Unterland und brachte der Ennemoserin alles dasjenige, womit sie glaubte, ihr eine Freude bereiten zu können.

Sie hätte die alte Frau gerne zu sich ins Haus genommen. Aber die Ennemoserin sträubte sich dagegen mit aller Entschiedenheit. Ein einzigesmal war die alte Frau nach Innsbruck zu Besuch gekommen. Sie fühlte sich jedoch äußerst unbehaglich in dem feinen Haus ihrer Pflegetochter und war froh darüber, daß sie schon nach wenigen Tagen wieder heimfahren konnte ins Unterland, in ihr kleines, blumengeschmücktes Felsennest.

Wenn Frau Sophie Rapp in Rattenberg war, dann versäumte sie es niemals, auch hinüber zu wandern ins Kloster zu Mariathal, um ihre alte, liebe Schwester Salesia wiederzusehen. Jetzt freilich hatte sie diese Besuche einstellen müssen. Die alte Schwester war seit ein paar Jahren versetzt worden, nach Schwaz ins „Schwarze Damenstift“. Die Sophie hatte es ihrem Gatten mit großer Empörung erzählt und war so wütend gewesen über die Veränderung, daß Doktor Rapp vor Belustigung fast einen Lachkrampf bekam.

Es war aber auch zu komisch, sich die alte, dicke Schwester Salesia vorzustellen, wie sie herumhumpelte bei all den vielen weiblichen Sträflingen in dem Schwazer Frauenzuchthaus, dem der Volksmund den Übernamen des Schwarzen Damenstiftes aufgebracht hat. Die heitere, asthmatische alte Schwester Salesia, an die sich der Rechtsanwalt noch gut erinnern konnte, paßte auch seiner Ansicht nach gar nicht dahin. Die bloße Vorstellung davon erweckte immer wieder neue Heiterkeit in ihm.

Sophie war so erzürnt über den Verlust der Schwester Salesia, daß sie mit dem Gatten ernstlich zu zanken anfing, weil dieser noch dazu schlechte Witze machte. „Und jetzt lachst du mich auch noch aus!“ sagte sie vorwurfsvoll und hatte tatsächlich Tränen in den Augen. „Statt daß ich dir erbarmen tät’, weil ich jetzt das liebe alte Weibele nimmer sehen kann. Denn dahinein kann ich doch unmöglich auf Besuch gehen!“ sagte sie und hatte schon wieder den Schalk in ihrem rassigen, dunklen Gesicht. „Und ich möcht’ sie auch nit sehen, so eing’sperrter unter die grauslichen Weibsbilder. Pfui Teufel!“ entrüstete sie sich. „Wie man nur auf so einen Gedanken hat kommen können! Die paßt ja nur nach Mariathal zu die Blumen im Garten und ...“

„Sie wird da drunten in Schwaz schon auch bei die Blumen sein!“ tröstete der Rechtsanwalt seine Gattin. „Sei ganz ruhig, die hat schon ein stilles Pöstele als Sakristanin in der Kirch’ oder bei die Blumen im Garten. Da wird sie halt irgendwo herumhatschen, dei’ Alte.“

Diese ehrliche Trauer um die einstige Erzieherin gefiel dem Advokaten ganz besonders gut bei seiner Frau. Und gerade deshalb, weil man dieses tiefere Gefühl der Sophie nicht zugetraut hätte, weil ihr loses, flatterhaftes Wesen, die leichtsinnige Art ihres Benehmens in so seltsamem Gegensatz zu diesem Ernst standen, deshalb liebte ihn Doktor Rapp an seiner Frau und schätzte ihn hoch ein ...

Einmal begab es sich, daß der Rechtsanwalt auch Gaudenz Keil, den Karrner, und die Benedikta Zöttl kennen lernte. Droben im Oberinntal, in der Nähe von Zirl, hatte es in einem Karrnerlager eine arge Messerstecherei gegeben. Im jähen Zorn hatten zwei Karrner blindwütig aufeinander losgestochen. Der eine von ihnen war tödlich verwundet liegen geblieben, den andern hatten die Gendarmen abgeholt und nach Innsbruck aufs Gericht geliefert.

Bei der Verhaftung hatte sich das Karrnerweib ganz rabiat gebärdet, hatte die Gendarmen angefaucht wie ein gereiztes Raubtier und sich schließlich auf sie gestürzt, um ihnen ins Gesicht zu schlagen und sie zu kratzen. Den Gendarmen war nichts anderes übrig geblieben, als beiden, Mann und Weib, die Handschellen anzulegen und sie gemeinsam einzubringen.

Den ganzen Vorfall hatte der Rechtsanwalt seiner Frau erzählt. Er wußte, daß sie sich für alles, was Karrnerleute betraf, riesig interessierte.

Sophie hatte aufmerksam und mit glänzenden Augen zugehört. Es war ihr bei der Erzählung des Gatten, als sähe sie den Streit leibhaftig vor sich und als könnte sie die Karrnerin in ihrer leidenschaftlichen Wut unmittelbar beobachten.

Dann war es ihr mit einem Male ganz seltsam zumute. Es war ihr, als müsse es die Benedikta gewesen sein, die wie ein Raubtier auf die Gendarmen losgegangen war. Ganz leise und mit klopfendem Herzen frug Sophie ihren Gatten nach den Namen der Karrnerleute und sah ihm erregt und mit atemloser Spannung ins Gesicht. „Wie heißen denn die Karrnerleut’, Mannderl? Weißt nit?“

Valentin Rapp schaute verwundert auf seine Frau. „Aha!“ sagte er dann heiter, „Karrnerblut! Hat’s dich wieder! Gelt? So was interessiert uns halt!“ scherzte er.

„Wie heißen sie?“ frug Sophie dringend und ohne auf seinen Scherz einzugehen. In gespannter Erwartung schaute sie auf den Gatten.

„Ich weiß es nicht, Sophie. Ich hab’ mich nicht danach erkundigt!“ gestand er ehrlich. „Aber ich werd’ nachfragen bei Gericht und ...“ fügte er lustig hinzu, „dir zulieb’ die Verteidigung der Karrner übernehmen.“

Sophie schüttelte heftig den Kopf.

„Nein!“ sagte sie gepreßt. „Nit von ihm.“

„Aber von ihr, gelt, Weiberl?“ neckte sie der Rechtsanwalt.

„Ja!“ erwiderte Sophie ernst. „Wenn es die Benedikta Zöttl ist. Dann schon.“

Es war tatsächlich der Gaudenz Keil, der in viehischem Jähzorn das Messer gegen seinen Kameraden gezogen hatte. Die Sophie frohlockte, als sie es hörte. Ganz unbändig vor Freude war sie darüber, daß der Gaudenz im Gefängnis saß.

„Wirklich, Mannderl? Ist’s wahr? Gaudenz Keil heißt er?“ fragte sie immer und immer wieder. „Wie sieht er denn aus? Und was sagt er denn? Das g’schieht ihm recht! G’hängt soll er werden ... der ...“ grollte sie. Ihre Augen hatten einen tiefen, feurigen Glanz. Sie haßte ihren ehemaligen Feind noch mit der gleichen Leidenschaft, wie sie es als Kind getan hatte.