Die Stadt am Inn

Part 23

Chapter 233,867 wordsPublic domain

So ging der Winter dahin. Und dem Winter folgten frühe Ostern, die heuer so zeitlich fielen, daß der Schnee im Tal sich mit Eile daran machte, dem sprossenden, nach Leben drängenden Grün der Wiesen zu weichen.

Das blonde kleine Mädchen der Altwirths freute sich auf den Osterhasen. Freute sich darauf wie noch nie. Immer schwärmte sie von den Osterferien, die nun kommen sollten, und von den weiten Wegen, die sie dann mit dem Onkel Rat machen würde. Überallhin, wo die liebe Sonne so warm und hell schien. Überallhin, wo schöne, frische Blumen wachsen würden, die sie alle, alle pflücken und dann sorgsam pflegen wollte. Sie hatte solche Sehnsucht nach Blumen, die kleine Dora ...

Ostern kam ...

Ein krankes Kind lag in schweren Fieberträumen ... Scharlach ... Es bäumte und wälzte sich auf seinem Lager und konnte kaum zur Ruhe gebracht werden. Und vor ihm kniete Adele in heißer Angst und betete. Sie betete zu Gott, daß er ihr das einzige und letzte Glück ... ihr Kind lassen möge. Sie betete mit Inbrunst wie sie noch nie gebetet hatte im Leben. Sie betete mit dem reinen Glauben ihrer Kindheit und voll Vertrauen ...

Die Tage schlichen dahin in endloser Qual. Einer um den andern ... Stunde um Stunde ... Minute um Minute ...

Adele geizte mit jeder Minute ... rang in ohnmächtiger Verzweiflung mit dem Würger ihres Kindes.

Sie wußte, daß es keine Hilfe gab. Doktor Storf hatte es ihr sagen müssen.

„Doktor ... helfen Sie ... retten Sie ...“ Wie eine Wahnsinnige hatte Adele ihn angefleht, war auf den Knien vor ihm gelegen und hatte seine Hand geküßt. „Doktor ... retten Sie ... ich darf mein Kind nicht verlieren ... Doktor ... es ist das Letzte, was ich habe im Leben!“

Und Doktor Storf war erschüttert davongerannt mit rasend schnellen Schritten. Fort ... fort ... wo er nicht helfen konnte ... fort ... um den Schmerz der geliebten Frau nicht mehr zu sehen. Noch nie war ihm sein Beruf so hart angekommen.

Einsam saß Felix Altwirth in seinem Atelier. Er konnte nicht arbeiten ... Die Angst lähmte ihm sein Denken ... machte ihn stumpf und apathisch. Er konnte nicht zu dem Kind gehen und das Ringen des jungen Lebens mit dem Tode sehen ... Warum mußte das kommen ... warum? ... War es eine Strafe für ihn? ... Aber warum mußte dann sie leiden ... Adele ... die doch schuldlos war?

In dem dämmerigen Zimmer des Kindes herrschte eine lautlose Stille. Die Vorhänge waren heruntergelassen und hielten die letzten Strahlen der scheidenden Sonne ab ...

Drunten auf der Straße, vor den verhüllten Fenstern des Kinderzimmers schlich der alte Rat Leonhard auf und nieder. Ganz traurig und gebeugt ging er, der alte Herr, und hatte gar keine Schrullen mehr. Sein jetzt schneeweißer Kopf war tief gesenkt, und in der Hand hielt der Herr Rat ein winziges Sträußchen der ersten Frühlingsblumen. Er hatte einen weiten Weg machen müssen, um sie zu finden. Es waren Schneeglöckchen und kaum erblühte Schlüsselblumen. Die wollte er seinem Liebling zum Gruße senden.

Sehnsüchtig sah der alte Herr zu den Fenstern empor. Wenn er doch hinauf dürfte ... Nur ein einziges Mal ... nur einmal noch im Leben das Lachen der kleinen Dora hören und ihr ins liebe Gesichtchen schauen ... in die guten, klugen Kinderaugen ...

Den alten Rat fröstelte es ... er stand schon lange hier ... sehr lange ... und niemand kam, um ihm die Blumen abzunehmen ... Ob er doch hinaufgehen sollte, um Einlaß bitten? Er hatte es schon öfters vergebens versucht.

Niemand wurde eingelassen. Nicht einmal der Rat Leonhard. Der Arzt hatte strenge Absperrungsmaßregeln angeordnet.

Jetzt fing es schon an zu dunkeln. Und noch immer kam niemand von den Altwirths zu dem alten Herrn herab. Das Dienstmädchen wußte ja, daß er kommen würde ... Warum ließ sie ihn warten? ...

Von den Bäumen des Gartens, an den die Straße grenzte, wo der Rat Leonhard stand, sang eine Amsel ... ein kurzes, einförmig trauriges Lied ... und dann verstummte sie plötzlich. Und wiederum tiefe Stille. Nichts regte sich in der einsamen Straße.

Immer wieder eilte der alte Herr vor dem Haus auf und ab ... Sie mußten doch kommen und ihm von dem Kinde erzählen ... Bald ... Sehr bald ... Es konnte nicht mehr lange dauern ...

Da ... ein langsam verhallender Glockenton ... Sie läuteten zum Avegruß drüben in dem großen Stift zu Wilten.

Dem alten Herrn klang es wie das Läuten einer Totenglocke ...

Warum war das Sterben so schwer ... Warum? Oder war es dem Kinde leicht und erschien nur ihm, dem Alten, so hart?

Der Rat Leonhard bemerkte es gar nicht, daß ihm dicke Tränen über die runzeligen, welken Wangen fielen ... Er lief auf und ab ... immer schneller ... immer ungeduldiger ... rastlos ... und es fror ihn an dem lauen Frühlingsabend ...

In dem Zimmer des sterbenden Kindes war die lautlose Stille gewichen ... Adele hatte mit heißem Schrecken das nahende Ende erkannt. Sie sah es an dem fliegenden Atem des Kindes und hörte es an dem leisen Röcheln ...

Da hatte sie Felix rufen lassen.

In tiefer Bewußtlosigkeit lag das kleine Mädchen da. Sie rührte sich nicht. Gab kein Zeichen ...

Als Felix kam, wurde sie unruhiger ... Und dann mit einem Male schlug sie ihre fieberglänzenden blauen Augen auf. Voll und weit ... Und sah auf Vater und Mutter ... und lächelte ... lächelte so innig und schön, daß Adele glaubte, laut aufschreien zu müssen vor wehem Leid.

„Mutti ...“ sagte das Kind leise.

„Dora ... Dorele ...“ schluchzte Adele.

„Weißt du nimmer das Lied ... das schöne Lied ...“ sagte das Kind drängend.

„Welches Lied ... Dora?“ frug Adele mit zuckenden Lippen.

„Von Blumen und ...“ hauchte das Kind kaum hörbar.

Und dann neigte es sein Köpfchen ... ganz ... ganz wenig ... wie ein müder kleiner Vogel, der sich nach Ruhe sehnt ...

Und als der alte Rat, von banger Sorge getrieben, doch heraufgekommen war ... da legte er den ersten Blumengruß des Frühlings auf die gefalteten Hände des toten Kindes.

Achtzehntes Kapitel.

Der Tod seines Kindes war Felix Altwirth nahe gegangen. Bittere Reue quälte ihn, daß er sich um das Kind so wenig gekümmert hatte. Es schmerzte ihn jetzt, daß er nur sich und seinen Neigungen gelebt hatte, und er verurteilte die selbstische Sucht des Künstlers, sich und seine Kunst, seine Wünsche und Ziele stets an erster Stelle zu setzen.

War er denn tatsächlich so glücklich geworden? War dies mit Sophie nicht nur ein Rausch, der einmal eine innere Leere zurücklassen würde? Hätte er nicht besser daran getan, sein Temperament mehr im Zaum zu halten, es zu überwinden und sich mehr Adele und dem Kind zu widmen?

Er dachte an das zarte, kleine Mädchen, wie dankbar sie ihm war für jeden flüchtigen Liebesbeweis, den sie von ihm erhielt. Wenn er ihr dann und wann einmal zärtlich über das blondgelockte Köpfchen fuhr, dann sah sie jedesmal mit strahlenden Augen zu ihm auf. „Papi! Lieber Papi!“ sagte sie dann jubelnd und küßte ihn stürmisch.

Dieser strahlende, dankbare Blick des Kindes verfolgte jetzt Felix und traf ihn als ein schwerer Vorwurf. Wie liebesbedürftig war das Kind gewesen, und wie wenig Liebe hatte er für sie übrig gehabt. Es tat ihm so weh, fortwährend an die hellen, freudigen Augen der kleinen Dora denken zu müssen. Gerade das Glück und die Seligkeit, die aus ihnen gesprochen hatten, verwundete ihn bis ins Innerste.

Das kleine Mädchen dankte dem Vater für die Abfälle seiner Liebe, die er in so reichlichem Maße für eine Fremde empfand. Aber war denn Sophie eine Fremde? War sie nicht die Verkörperung seiner höchsten Wünsche und Ideale? War sie nicht sein ... sein Weib ... obwohl nach Recht und Gesetz die Gattin eines andern? Und Adele ...

Felix Altwirth hatte tiefstes Mitleid mit dem Schmerz seiner Frau. Er wußte, daß ihr Leben nun ganz zertreten war ... ein Leben, das so reich hätte sein können und so glücklich, wenn es nicht seine Bahn gekreuzt hätte ...

Warum paßten sie gar nicht zueinander ... er und Adele?

Felix dachte jetzt in den vielen Stunden einer grüblerischen Reue darüber nach. Sie hatten einander doch lieb gehabt, als sie sich heirateten, und waren zueinander gestanden, als die Not kam. Nein ... das war er nicht. Felix war gerecht genug, es jetzt einzusehen, daß Adele es war, die aufrecht blieb, zu ihm hielt und ausharrte. Er hatte sie gequält und mit Vorwürfen gepeinigt.

In der Not hatte er sie und ihr Kind als eine Last empfunden ... als eine schwere, eiserne Kette, die den Künstler niederzog und gewaltsam festhielt. Er hatte es gesehen, wie sie innerlich litt, und er liebte sie ... vielleicht gerade deshalb. Er wußte es nicht genau, warum. Er wußte es jetzt nur noch, daß er sie damals noch liebte, als er sie demütigte. Sie war ihm alles, bis Sophie in sein Leben trat.

Und jetzt, jetzt liebte er Adele nicht mehr. Dies Gefühl war klar und deutlich. Seine Liebe hatte aufgehört von jenem Augenblick, da die Frau in stolzer, vornehmer Würde ihren Gatten der Liebe eines andern Weibes überließ, ohne einen Vorwurf für ihn zu haben.

Ohne Bitterkeit und ohne Kampf hatte diese Übergabe stattgefunden. Es war sein Wille gewesen, die andere zu besitzen, und Adele hatte sich gefügt. Die Art, wie sie es tat, brachte es mit sich, daß das warme und ehrliche Gefühl, das Felix für sie stets empfunden hatte, langsam in eine Gleichgültigkeit gegen sie überging.

Felix liebte seine Frau nicht mehr. Auch jetzt nicht, nach dem großen, gemeinsamen Leid, das sie beide vielleicht hätte einander näher bringen sollen. Er hatte nur Mitleid für sie. Ein großes, namenloses Mitleid, das ihm so wehe tat, daß er hätte weinen mögen. Er fühlte sich so schuldig in ihren Augen ... schuldig daran, daß seine Frau nun wie eine lebendige Tote herumwandelte.

Bleich und aufrecht ging Adele ihren einsamen Weg. Sie hatte keine Tränen mehr ... Mit heißen, brennenden, todestraurigen Augen sah sie jetzt auf den Gatten. Felix hatte eine Scheu vor ihrem Blick. Er fürchtete sich davor. Er fürchtete mit fast abergläubischer Angst, daß sie nun von ihm gehen würde. Er wollte sie nicht von sich lassen ... er liebte sie nicht ... aber er hatte das Bedürfnis, daß sie bei ihm bleiben müsse.

Und einmal sprach Adele davon, daß sie fortzugehen wünsche. Jetzt konnte sie es ja tun. Nun war sie frei ... Das letzte Bindeglied zwischen ihr und dem Gatten lag droben in dem stillen Friedhof zu Wilten.

Adele sprach ihren Wunsch ruhig und klar aus, ohne Erregung und mit tonloser Stimme.

Tötlich erschrocken sah Felix seine Frau an.

„Fort willst du, Adele? Geh’ ... nicht!“ bat er herzlich. „Wir sollten jetzt nicht voneinander gehen. Wir sind doch gute Kameraden!“

Um Adelens Mund zuckte es wehe. „Sind wir das wirklich, Felix?“ frug sie bitter.

„Nein, Adele. Du hast ja recht. Ganz recht hast du. Aber geh’ trotzdem nicht von mir! Ich bitte dich darum!“ sagte Felix leidenschaftlich. „Mein guter Engel geht ... wenn du gehst!“

Adele saß in einem weichen Lehnstuhl ihres hübschen Wohnzimmers in derselben Haltung wie stets, wenn sie nachdenklich war. Leicht nach vorne gebeugt und mit dem Arm aufs Knie gestützt. Sie sah mit ernstem, forschendem Blick auf Felix, der mit geducktem Kopf wie ein schuldbewußter Knabe vor ihr stand.

Felix hatte noch immer etwas Weiches, Knabenhaftes an sich. Etwas in seinem Wesen, das die unselbständige Art seines Charakters verriet und das um eine feste, energische Hand förmlich zu bitten schien.

Oft schon hatte sich Adele gefragt, ob Felix wohl ein anderer geworden wäre, wenn er Sophie Rapp zur Gattin genommen hätte. Und immer hatte sie diese Frage bejahen müssen. Hatte sich sagen müssen, daß gerade Sophiens Temperament und Leidenschaft den richtigen Ausgleich für Felix bedeutet hätte.

Adele war einsichtsvoll genug und besaß auch jenen Grad der Selbsterkenntnis, um es sich zu gestehen, daß sie selber nicht ganz ohne Schuld war. Ihre ruhige, vornehme Art paßte eben nicht zu dem Künstler. Da paßte ein wildes, aufgeregtes Blut, ein Temperament, das zügellos sein konnte und sofort wieder gefügig, willig und zahm wie ein kleines Kind.

Das alles war Sophie. Ihr selber fehlte es vollständig. Das wußte sie. Und gerade diese Erkenntnis war es, die Adele so gerecht urteilen ließ. Sie wollte nicht hart gegen Felix sein. Wenn sie ihm wirklich noch etwas bedeutete im Leben, dann war sie froh.

Sie wollte ihn nicht strafen durch eine Härte, die ihr gar nicht eigen war. Und wenn er sie jetzt bat, daß sie bei ihm bleiben sollte, so war dieser Wunsch ehrlich und aufrichtig gemeint. Er entsprang vielleicht einem künstlerischen Sehnen nach Reinheit und mildem Verstehen ... und das wollte sie ihm erfüllen. Sie litt ja jetzt nicht mehr unter seiner Untreue. Dies Gefühl für ihn war gestorben ... tot ... wie ihr Kind.

„Dann will ich bleiben, Felix!“ sagte Adele über eine Weile, während der sie Felix mit ängstlichen Augen beobachtet hatte. „Bleiben ... solange du willst!“

„Ich danke dir, Adele!“ Fast ehrfürchtig zog der Gatte die schöne, wohlgepflegte Hand Adelens an seine Lippen. „Vielleicht ... vielleicht ...“ sagte er zögernd und sah etwas schüchtern und unbeholfen auf seine Frau, „vielleicht kommen wir uns doch wieder näher ... vielleicht ...“

„Wir wollen nicht davon sprechen, Felix!“ sagte Adele ruhig. „Ich will dir immer ein guter Kamerad bleiben, auf den du dich verlassen kannst. Wenn dir das genügt, soll mir’s recht sein!“

„Ja, Adele, es ist mir recht!“ Unsicher schaute Felix nach seiner Frau. Das war wieder die Art an ihr, die er nicht verstand und nicht begreifen konnte. Dieser Mangel an Wärme und Weichheit, die Sophie in so reicher Weise besaß. Und gerade diese stolze Würde und Ruhe war es, die ihn auch jetzt wieder zu Sophie trieb ...

Sophie Rapp hatte unter der trüben Stimmung ihres Geliebten schwer zu leiden. Fast glaubte sie, daß sie ihn verlieren würde. Aber sie wollte ihn nicht verlieren ... Sie liebte ihn und kämpfte mit ihm um seine Liebe. Und meisterhaft verstand sie es, auch diese Gefahr zu überwinden. Geschickt und klug brachte sie ihn auf andere Gedanken, entwickelte Pläne mit ihm und Zukunftsträume. Alle seine melancholischen Bedenken überwand sie und führte ihn so langsam, aber sicher wieder auf den Pfad, wo sie ihn haben wollte.

Daß Adele bei dem Gatten blieb, war ihr äußerst erwünscht. Sie selber hatte gar keinen Wunsch, sich von Doktor Rapp scheiden zu lassen. Das Verhältnis zu Felix paßte ihr so, wie es war, und sie erstrebte keine Ehe mit ihm.

Daß Felix aber, wenn Adele fortgegangen wäre, im Lauf der Zeit diese Forderung an sie gestellt hätte, das wußte Sophie ganz genau. Und sie wußte es auch, daß es dann zwischen ihr und dem betrogenen Gatten zu einer Katastrophe gekommen wäre. So begünstigte sie das Einvernehmen, das zwischen Felix und Adele herrschte, nach ihren Kräften. Sie brachte es auch zustande, daß Felix aus Rücksicht für seine Gattin den eigenen Schmerz überwand, daß er um ihretwillen, deren Leben er zertreten hatte, dasjenige tat, was er in seiner bedrückten seelischen Stimmung um seiner selbst willen niemals getan hätte.

Sophie sprach mit dem Künstler viel von der Verwirklichung seiner großen Pläne. Seit Monaten schon war sie dem Kaufmann Patscheider in den Ohren gelegen, daß er sich der Gründung einer Tiroler Nationalgalerie annehmen möge. Sie hatte es nicht gerne getan. Patscheider war ihr nicht entgegengekommen, sondern hatte die Angelegenheit abweisend behandelt. Sophie war sich diesem Manne gegenüber dann immer sehr klein und gedemütigt vorgekommen.

Mit großer Selbstüberwindung hatte sie ihn trotzdem bei jeder Gelegenheit, die sich ihr bot, aufs neue bearbeitet. Aber damals war Felix noch der treibende Faktor gewesen. Jetzt, nach dem Tode des Kindes bezeigte er keine Lust mehr, sich weiter für seine eigenen Ideen zu interessieren. Sophie fühlte es, daß nur eine große, neu erwachte Begeisterung jetzt imstande wäre, Felix seiner Lethargie zu entreißen. Und deshalb sprach sie ihm nun immer dringender von seinen Zukunftsplänen und zwang ihn förmlich dazu, auf ihre Gedankenwelt einzugehen.

Traurig und mißmutig wehrte Felix ihr ab. „Laß mich, Sophie!“ sagte er trübsinnig. „Das hat ja jetzt alles keinen Zweck mehr! Für wen soll ich jetzt noch arbeiten? Ich bin froh, wenn das Leben zu Ende ist.“

Da stellte sich Sophie resolut vor ihn hin. „Felix! Mensch! Schämst dich nit!“ sagte sie mit blitzenden Augen. „Ist das ein Mann, frag’ ich! Es ist ja recht, wenn man um sein Kind trauert. Und ’s Dorele ... das war ein lieber Schneck. Da darf man schon trauern drum. Aber gleich das ganze Leben wegwerfen ... dazu, Felix, hast du kein Recht nit! Ein Künstler gehört nicht nur sich selber, sondern der ganzen Welt, hab’ ich oft von dir g’hört! Und jetzt raffst dich auf, sag’ ich ... und arbeitest und schaffst! Tag und Nacht, wenn’s sein muß! Aber arbeit’! Denk’! Auch deiner Frau zulieb mußt du’s tun!“

Sophie hatte sich neben ihn gesetzt und hatte sich innig an ihn geschmiegt. „Schau, Felix,“ fuhr sie dann mit weicher, überredender Stimme fort, „du hast mir oft erzählt, wie rührend Adele damals an deine Kunst geglaubt hat, als sie dich alle verachtet haben. Und diesen Glauben mußt du ihr jetzt lohnen. Daß ihr zwei, du und sie, nit zusammen paßt, da könnt’s ihr ja beide nix dafür. Das ist halt amal so. Da kann man nix machen! Und sie ist ja eine recht vernünftige Frau. Die versteht’s und kann’s entschuldigen. Aber das ist g’fehlt von dir ... daß du deswegen hergehst und Tag und Nacht a G’sicht schneidest wie zehn Tag’ Regenwetter und dich am liebsten aufhängen tätest vor Kummer ... Das ist blöd und hat kein’ Sinn und kein’ Zweck. Ihr zulieb raff’ dich auf! Sie soll wenigstens auf deine Kunst und auf deine Erfolge stolz sein. Das ist auch eine Freud’ für sie!“

So und ähnlich sprach Sophie Rapp, und sie hatte viel zu tun, ehe es ihr gelang, den Trübsinn von der Stirn des Geliebten zu scheuchen. Aber es gelang schließlich doch. Und Sophie schürte die neu erwachte Lebenslust des Malers, wo sie konnte. Sie spornte seine Phantasie an und erhielt ihn in atemloser Spannung wegen der Durchführung seines großen Planes.

Mit Feuereifer hatte sie sich jetzt der Sache angenommen. Es war schwer, den Patscheider zu gewinnen. Felix Altwirth kam es manches Mal fast unerreichbar vor. Er wußte es wohl, daß er damals, als er seine zornige Empörung nicht hatte bemeistern können, sich den Kaufmann zum Todfeinde gemacht hatte. Es hieß jetzt für Sophie, den einflußreichen Mann zu umschmeicheln und so einzufädeln, daß er ein Werkzeug wurde in ihrer Hand.

Felix Altwirth ahnte es nicht, daß Sophie ihre ganze weibliche List zu diesem Kampfe aufbot. Daß sie alle Künste der Koketterie spielen ließ, um sich den Patscheider gefügig zu machen. Sophie hatte es eingesehen, daß es nur durch dieses eine Mittel möglich sein würde, den Kaufmann für ihre Absichten zu gewinnen.

So spielte sie denn mit dem alternden Mann, wie sie so oft schon mit Männern gespielt hatte. Nur mit dem einen Unterschied, daß dieses Mal der Patscheider es war, der das Spiel bestimmte.

Johannes Patscheider bemerkte es mit einer Art grimmiger Freude, daß die Frau seines Gegners sich allmählich an ihn heranschlich. Er wußte, daß nur die Liebe zu Felix Altwirth sie ihm zutrieb, und er haßte den Maler ehrlich und vom Herzen. Er war nicht gesonnen, auch nur einen Finger zu rühren, um dem Altwirth bei der Verwirklichung seiner ehrgeizigen Pläne behilflich zu sein. Im Gegenteil tat er alles dawider, um die Ausführung zu verhindern.

So plante Sophie Rapp ein großes Wohltätigkeitsfest, dessen Ertrag für den Baufond der Tiroler Nationalgalerie bestimmt gewesen wäre. Doktor Rapp setzte sich dafür ein, und Patscheider vereitelte die Sache, legte Hindernisse und Schwierigkeiten in den Weg und hintertrieb die ganze Veranstaltung schließlich durch Intrigen. Endlich blieb Sophie nichts anderes übrig, als den direkten Weg zu dem Kaufmann anzubahnen.

Johannes Patscheider war im Anfang wenig liebenswürdig zu der Frau seines Rivalen. Da Sophie die mehr oder minder großen Bosheiten, die er ihr sagte, nicht zu verstehen schien, sondern ihren gewöhnlichen lustigen Ton gegen ihn anschlug, so änderte Patscheider seine Taktik insoweit, daß er wenigstens zum Schein auf ihre Vorschläge einging.

Er ließ sie erzählen und beriet sich mit ihr in unverbindlicher Weise. Dabei war er schlau genug, sich jedesmal, wenn sie ihn in einer Falle glaubte, mit Geschick aus der Schlinge zu ziehen. Das Spiel unterhielt ihn um so mehr, als der Reiz dieses Weibes nicht ganz ohne Wirkung auf ihn blieb.

Der Patscheider war keine verliebte Natur. In Weibergeschichten hatte er sich selten eingelassen. Seit er auf der Höhe seines Ansehens stand, schon gar nicht. Er wahrte den Eindruck des schlichten, ehrbaren Bürgers. Und wenn er einmal die Lust verspürte, auch außerhalb seiner Ehe ein kleines Erlebnis zu haben, so wußte er es so einzurichten, daß niemand in Innsbruck jemals eine Ahnung davon bekam.

Die Spannung, die in der stets wechselnden Haltung des Kaufmanns lag, blieb nicht ohne Einfluß auf Felix und Sophie. Von Tag zu Tag wuchsen die Aufregungen. Einen Tag wußte Sophie davon zu berichten, der Patscheider wolle selbst eine größere Summe Geldes stiften zur Gründung der Galerie, um dann den Tag darauf alles zu widerrufen. Diese stete Spannung schuf sowohl bei Felix wie bei Sophie eine fast leidenschaftliche Erregung.

Bei Felix steigerte sie sich dermaßen, daß er, je größer die Schwierigkeiten schienen, desto zäher auf der Erfüllung seines Wunsches bestand. Er hatte sich jetzt geradezu hinein verbissen in seinen Plan, und es schien ihm, als ob sein ganzes Wohl und Wehe von dieser einen Sache abhängen würde.

Sophie verdoppelte ihr Spiel mit dem Kaufmann, bezauberte und bestrickte ihn derart, daß der Rest von Leidenschaft, der in dem alternden Manne noch übrig geblieben war, zur Glut entfacht wurde.

Johannes Patscheider gewahrte es mit einem gewissen Zynismus, daß sein Begehren nach dem Besitz dieses Weibes ging. Wenn sie zu ihm kam, dann umlauerte sie sein Blick, frech, begehrlich und fordernd. Sophie fühlte es. Sie kannte die Blicke der Männer und verstand, in ihren Augen zu lesen. Sie wußte, daß jetzt der Zeitpunkt gekommen war, wo sie ihr Spiel gewinnen mußte. Sie kannte jedoch den Einsatz, den er fordern würde. Davor aber schreckte das Weib in ihr zurück.

Sophie Rapp fühlte einen körperlichen Widerwillen gegen Johannes Patscheider. Wenn er sie mit begehrlichen, verliebten Blicken anschaute, so überlief es sie dabei eiskalt. Galant küßte er ihr jedesmal beim Abschied die Hand. Sophie Rapp war es, als hätten seine Lippen eine laue, schlutzige Wärme. Und ihr Ekel vor ihm war so groß, daß sie sich dann stets lange noch mit dem Taschentuch die Hand abrieb, die er geküßt hatte.

Am liebsten wäre sie nie mehr zu ihm gegangen. Sie hatte jetzt eine ausgesprochene Angst vor ihm bekommen und fürchtete sich von Tag zu Tag, daß er den letzten Preis von ihr fordern würde. Und immer wieder schob sie es hinaus, ließ sich von ihm mit leeren Versprechungen hinziehen, nur um diesem einen Schrecklichen zu entgehen.

Felix wurde ungeduldig und reizbar. „Ich sehe ja, Sophie, daß du mich nicht mehr liebst!“ sagte er übellaunig. „Dir fehlt das richtige Verständnis. Du begreifst nicht, daß so ein Zustand des Hangens und Bangens einem jede Lust zum Schaffen benimmt und benehmen muß. Denk’ doch nur, was alles davon abhängt! Ich werde berühmt sein ... unsterblich, Sophie! Unsterblich durch dich ... Auf immer wird mein Name mit jenem des Kunsttempels verbunden sein, und alles werd’ ich dir verdanken, alles! Du allein hast das zustande gebracht, du ...“

„Ach geh’, hör’ auf!“ sagte Sophie gereizt. „Wenn der Patscheider nit so ein grauslicher Kerl wär’! Mit dem kann man ja nix G’scheit’s reden. Alleweil schlüpft er einem durch die Finger durch, wenn man glaubt, man hat ihn.“

„Du darfst ihn dir nicht entschlüpfen lassen, Sophie! Deine Liebe zu mir muß dir die rechten Worte geben!“ sagte Felix drängend. „Geh’ ... sprich mit ihm ... bitt’ ihn! Ich will ja auch zu ihm gehen und mich entschuldigen ...“