Part 16
Der Herr Rat und der Apotheker Tiefenbrunner wanderten eine Weile schweigend nebeneinander her. Gingen durch die engen Gäßchen, die vom Weißen Hahn auf den Marktplatz führten, und sprachen kein Wort. Das heißt, der Apotheker wartete geduldig auf das, was ihm der Rat zu sagen haben würde. Denn daß es etwas ungewöhnlich Wichtiges sein müsse, das wußte Simon Tiefenbrunner sofort.
Der alte Rat Leonhard hatte aber vorderhand keine Zeit zum Reden. Er mußte sich zuerst damit vertraut machen, daß ein Mensch neben ihm ging, mit dem er sich jetzt zu unterhalten hatte. Daher wanderte der alte Herr schweigend dahin. Die Hände auf dem Rücken und den Kopf in der Höhe, als habe er angelegentlich den Mond zu studieren. Der goß sein mildes Licht auf die hohen, schwarzgrauen Häuser und ließ die dunkeln Scheiben der Fenster ab und zu aufleuchten, als ob dahinter die Geister jener Menschen, die hier in alten Zeiten einmal gehaust hatten, im fahlen Schimmer ihr nächtliches Spiel trieben.
Nachdem der alte Herr mit seinen eingehenden Betrachtungen des Mondes zu Ende war, fing er plötzlich mit der Nase zu schnauben an. Schnaubte und pustete und spuckte um sich, als befände er sich in der höchsten Erstickungsnot. Manchmal unterbrach er diese sonderbare Beschäftigung dadurch, daß er sich plötzlich um seine eigene Achse drehte. Einmal, zweimal und dreimal, wie ein Kreisel. Dabei neigte er stets seinen Kopf auf eine Seite und schielte ganz ingrimmig und erbost zum Mond hinauf, als habe dieser ein Verbrechen begangen, das nun den alten Herrn aus seinem seelischen Gleichgewicht brachte.
Der Apotheker, der an alle Eigenheiten des Herrn Rates gewöhnt war, fand nichts Außerordentliches mehr an diesen Rundtänzen mit Spucken und Hustenanfällen. Dieses Spucken und Hüsteln hielt an, bis die beiden schon ein Stück des Weges über den Marktgraben zurückgelegt hatten.
Da blieb der Herr Rat plötzlich stehen, sah nach rechts und sah nach links, steuerte dann mit dem Aufgebot seiner ganzen Energie hastig auf einen Laternenpfahl los, lehnte sich dort mit dem Rücken an und rieb den Rücken an dem Pfahl aus Leibeskräften. Es mußte den Rat Leonhard offenbar ganz gehörig am Rücken jucken, weil er gar nicht mehr mit Reiben aufhören wollte.
Der Apotheker, der geduldig auf den Rat wartete, bis dieser ihm endlich seine Mitteilungen machen würde, dachte unterdessen mit großer Sehnsucht an sein Heim, das er draußen am Innrain hatte, und überlegte, unter welchem Vorwand er wohl am ehesten dem Herrn Rat entwischen könnte.
Aber es gab kein Entrinnen. Der alte Herr, der jetzt ersichtlich alle einleitenden Zeremonien beendigt hatte, fing nun auf einmal ganz unvermittelt zu reden an. „Sie müssen Ihnen um Ihnere Verwandten besser kümmern!“ sagte er in seiner mürrischen Art. „Der Altwirth, der hat kein Leben nit. Verdient nix und hat nix. Von was soll er denn leben?“ fragte der alte Herr brüsk.
Der kleine Apotheker befand sich wieder einmal in einem Stadium ratlosester Verzweiflung: „Den Felix meinen Sie?“ stotterte er verlegen. „Ja ...“
„Ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Ich weiß schon, ich weiß alles! Ich weiß überhaupt alles!“ unterbrach ihn der alte Herr mürrisch. „Aber ich sag’ Ihnen, daß das mit den Altwirthischen nit so weiter gehen kann. Verstehen’s mich? +Kann+, hab’ ich g’sagt! Die haben ja bald nix mehr zum Leben!“ Und wiederum blieb der alte Herr stehen und sah so sprühgiftig auf den kleinen Apotheker, als hätte er gute Lust, diesen schon in der nächsten Minute anzufallen und tüchtig zu beuteln, um seiner Empörung einigermaßen Luft zu verschaffen.
„Aber ich bitte, Herr Rat, ich ...“
„Ja, ja, ja!“ unterbrach ihn der alte Herr grimmig. „Alles Entschuldigungen, alles Ausflüchte! Der Maler Altwirth braucht Geld, sag’ ich Ihnen, und das muß er kriegen! Das geht nit, daß man ihn mit Weib und Kind verhungern laßt! Das ist keine Wirtschaft nit!“ Der alte Herr stieß plötzlich seinen grauen Regenschirm, von dem er unzertrennlich war, mit voller Wucht auf das Steinpflaster, daß es klirrte. Und immer wieder stieß er den Schirm gegen das Pflaster und machte dabei ein ganz verbissenes, obstinates Gesicht. „Unerhört ist das da, sag’ ich Ihnen! Hocken auf ihre Geldsäck’ die Leut’ und kümmern sich an Schmarrn um einen Künstler!“ rief der alte Herr aufgebracht.
In seiner furchtbaren Empörung hustete und spuckte der Herr Rat in so grimmiger Weise um sich, daß der Apotheker, so schnell er konnte, einige Schritte nach rückwärts machte, um von diesem Zornausbruch seines Begleiters nicht getroffen zu werden ...
Noch in derselben Nacht weckte der Apotheker seine Gattin Therese und berichtete ihr den Vorfall. Frau Therese Tiefenbrunner setzte sich schlaftrunken in ihrem Bette auf. Sie verstand es zuerst gar nicht, was der Simon ihr erzählen wollte. Sie rieb sich die Augen aus, knöpfte ihre Nachtjacke auf und dann wieder zu, machte sich ihre Haare zurecht, die sie unter einer weißen, gehäkelten Haube trug, und schüttelte verständnislos den Kopf. Dann aber hatte sie den Sinn der Rede mit einem Male erfaßt, und ein ehrlicher Zorn bemächtigte sich ihrer.
Das war eine Gemeinheit, eine Unverschämtheit! Zum Rat waren sie gelaufen, der Felix und die Adele, und hatten sich über die Verwandten beklagt. So was! Sicher war es nur die Adele gewesen, das eingebildete Frauenzimmer, das hochnasige! Als ob die nicht zur Tante hätte kommen können und sie bitten. Ein Wort nur hätte genügt! Aber nein, zu stolz, zu eingebildet war sie dazu. Nachrennen sollte man ihr wohl und ihr das Geld noch nachtragen! So eine unverschämte Gemeinheit! Kein Auge konnte die Apothekerin mehr schließen in dieser Nacht vor lauter Wut.
In heller Empörung lief sie gleich am frühen Morgen hinauf zu Felix und Adele und machte ihnen einen fürchterlichen Krach. Es waren harte Worte, die sie den beiden sagte, Worte, die so wehe taten, daß sie mit nichts mehr gut zu machen waren.
Es war das Mundwerk der echten Kothlacknerin, das da zum Vorschein kam. Beide Arme in die Hüften gestemmt und hochrot vor Zorn im Gesicht, so pflanzte sich die Apothekerin vor dem jungen Paar auf und schrie Felix mit lauter Stimme an.
Ganz schrill klang diese sonst so behagliche, fettige Stimme, und rasch und überstürzend kamen die Worte aus dem Munde der Frau Therese Tiefenbrunner ... „Was glabst denn du, ha? Vom Dreck hab’ i di außer zogen, di und dei’ Muatter! Nix hast g’habt! Nix bist! Alles, was du bist und hast, verdankst du mir und mein’ Mann! An Herrn haben wir aus dir g’macht, an Maler, an feinen! Freilich, daß der Herr Neffe nix zu arbeiten braucht! Warst a Schreiber g’worden oder a Schuster oder a Schneider, dös war g’scheiter g’wesen! Da hattest immer an Arbeit g’funden. Oder warst an Apotheker g’worden! Aber natürlich, dös hat ihm nit gepaßt, dem Herrn, dem noblen! Arbeiten, dös ...“
„Hinaus! Auf der Stelle hinaus aus meinem Zimmer!“ rief nun Felix in höchster Erregung. „Ich werf’ dich hinaus, wenn du nicht freiwillig gehst! Ich ...“
„Felix, lieber Felix, ich bitte dich!“ Es war Adele, die sich ins Mittel legte. „Sie meint’s ja nicht so! Schau, sie ist ja nur zornig. Es reut sie ja alles wieder, was sie gesagt hat. Nicht so bös sein. Nicht so bös reden. Es muß ein Mißverständnis vorliegen. Irgendetwas, das ...“
„Gar kein Mißverständnis liegt vor!“ sagte die Apothekerin, die jetzt bedeutend ruhiger geworden war. Die vernünftige Sprache der jungen Frau hatte auch ihr wieder die Besinnung gegeben.
Adele hatte schmeichelnd und wie schützend ihren Arm um den Hals des Gatten gelegt und umschlang ihn nun mit beiden Armen weich und innig, als wollte sie durch ihre warmherzige Güte das bittere Weh dieser Stunde aus seinem Leben bannen.
Mit guten Worten und viel Zureden erreichte sie es auch, daß der endgültige Bruch zwischen Tante und Neffe verhindert wurde ...
Frau Adele hatte sich durch ihre Vermittlung kein besseres Leben eingetauscht. Wohl hatte sie jetzt nicht mehr mit der Not zu kämpfen. Frau Tiefenbrunner sorgte gut und anständig für die Altwirths. Sie gab ihnen alles Geld, das sie zu ihrem Unterhalt brauchten, und sie bestand darauf, daß sie es nahmen.
Es war hart für die Altwirths, diese Gaben von der Apothekerin anzunehmen. Sie fühlten es tief. Es demütigte sie beide, und doch forderte es die Not und der Selbsterhaltungstrieb, daß sie es taten.
„Wir werden es ihr zurückzahlen, wenn wir einmal Geld haben!“ versuchte die junge Frau ihren Gatten zu trösten.
Felix aber schüttelte traurig den Kopf: „Wir werden nie Geld haben, Adele. Gar nie!“ sagte er niedergeschlagen. „Es ist wie ein Fluch, der auf mir lastet.“
Diese tiefe Melancholie wechselte bei Felix mit den Ausbrüchen wildester Verzweiflung. Dann wurde er hart und ungerecht auch gegen Adele. Überhäufte sie mit Vorwürfen und bedachte nicht, daß es gerade ihm nicht zukam, ihr Vorwürfe zu machen.
„Hätte ich doch nie geheiratet!“ fing Felix dann wohl zu klagen an. „Wie frei wäre ich! Könnte herumwandern, ungebunden, nicht gefesselt und gedemütigt, wie ich es jetzt bin. Die Ehe ist nichts für einen Künstler. Sie ist ein Hemmnis und ein Unglück. Ein Künstler muß frei sein! In erster Linie frei! Nur dann, als freier, ungebundener Mann, kann er sich entwickeln, kann schaffen und arbeiten. Und wenn er Not leidet, so darbt er für sich allein. Jetzt habe ich für drei zu sorgen ... für drei zu arbeiten. Eine Fessel ist es, eine Zuchthauskette, die ich durchs Leben schleifen muß!“
In immer größere Wut redete sich Felix hinein. Er war von all dem, was er sagte, überzeugt. Wenigstens für den Augenblick. Wenn diese Verzweiflungsanfälle und der Zorn über sein unverdientes Schicksal verraucht waren, dann war er wieder lieb und gut zu Adele und weich und biegsam wie Wachs.
Die Witwe Altwirth, seine Mutter, hatte ihr Kind genau gekannt. Ihre große Sorge um ihn war nicht unbegründet gewesen. „Ist a guater Bua, aber a schwacher Mensch ...“ hatte sie von ihm noch wenige Stunden vor ihrem Tod gesagt. „Er braucht a Leitung, a starke Hand ...“
Adele besaß diese starke Hand nicht. Darin hatte Frau Therese recht. Adele war zu nachgiebig, zu rücksichtsvoll und aufopfernd. Sie vergaß sich selber ihrem Gatten zuliebe. Sein Wille war bestimmend für sie. Jetzt erst sah sie es ein, daß sie damals, als sie ihr kleines, sicheres Heim in München aufgab, um einer unsicheren Existenz entgegenzugehen, den größten Fehler begangen hatte.
Sie hätte nicht nachgeben dürfen. Sie hätte ihrem innersten Gefühl, das sie bleiben hieß, folgen müssen. Hätte mit ruhiger Sicherheit ihren Willen den Plänen ihres Gatten entgegensetzen sollen.
Jetzt, da es zu spät war, reifte in Adele diese Erkenntnis. Jetzt erst, da die graue Sorge die Gatten immer mehr entfremdete, statt sie inniger zueinander zu führen, kam die junge Frau zu der Überzeugung, daß es ein schwerer Irrtum von beiden gewesen war, sich fürs Leben aneinander zu ketten.
Adele war gerecht genug, in all den Vorwürfen, die Felix in seiner Erregung gegen sie schleuderte, auch die Wahrheit zu erfassen. Sie wußte, daß er in vielem recht hatte, und trotzdem sträubte sie sich in tiefster Seele gegen diese Auffassung. Sie war ihm gefolgt, bewußt, als freies, erkennendes Weib. Eine Gefährtin wollte sie ihm sein und war ihm eine Last geworden.
Ihr ganzer Frauenstolz bäumte sich dagegen auf. Fort wollte sie von Innsbruck. Fort mit dem Kind, wieder zurück nach München. Allein sein wollte sie und Felix wieder jene Freiheit geben, nach der er sich sehnte.
Als sie aber einmal davon sprach, da bat er sie so mild und weich: „Geh nicht von mir, Adele! Ich bitte dich. Du bist mir ja das Liebste auf Erden, du und das Kind. Bleibe bei mir! Ich bin ein Narr! Ich weiß, daß ich dir weh getan. Ich will dir nicht weh tun, Adele. Verzeih es!“
Die junge Frau erkannte es immer deutlicher ... sie durfte den Gatten nicht verlassen. Jetzt nicht ... er war haltlos. Wenn sie ihn jetzt aufgab, jetzt nicht zu ihm hielt, dann verlor er die letzte Stütze im Leben ...
So litt Adele schweigend und für sich allein. Aber oft und oft fragte sie sich in den bittern Stunden ihrer seelischen Einsamkeit ... War das die Ehe, ihre Ehe? ... War dieses das Endziel einer großen Liebe, die sie und ihren Gatten als Mann und Weib zusammengeführt hatte ... das Endziel, daß sie schließlich in seelischer Qual einander bekämpfen und aufreiben sollten? ... Kameraden hätten sie werden sollen und waren sich immer mehr zu Gegnern geworden ...
Aber Adele hielt an sich. Sie wollte tapfer sein ... ausharren, so lange es ging. Der Gedanke an ihr Kind und ein starkes Pflichtbewußtsein gab ihr Kraft und Lebensmut. Innerlich jedoch entfremdete sich das Weib in ihr dem Gatten. Sie war keine Kampfnatur. Sie liebte den Frieden um des Friedens willen. Sie stritt und kämpfte nicht mit Felix; aber alles Unrecht, das er ihr in seinen quälenden Vorwürfen antat, traf sie mit überwältigender Macht und Wucht, zerstörte die starke Liebe, die sie zu dem Manne fühlte, und zehrte an ihrem Lebensmark.
Felix merkte die innere Wandlung nicht, die sich mit der jungen Frau vollzog. Und hätte er sie gesehen, so hätte er sie nicht richtig zu deuten gewußt. Er besaß den Egoismus des Künstlers, jene Art, die keinem andern Menschen außer sich selber das Recht zugesteht, seelische Stimmungen zu haben und diesen nachzuhängen.
Und je deutlicher dieser selbstische Zug bei Felix zum Vorschein kam, desto fremder wurde er der Seele seines Weibes. Ihre ganze Kraft nahm sie zusammen, um dem Manne noch dasjenige zu sein, was sie ihm ehrlich sein konnte ... ein guter und treuer Kamerad.
Sie stand für Felix ein und verteidigte ihn gegen alle hämischen Angriffe der Tante, die immer mehr an ihm auszusetzen und zu bemängeln fand. Und unerschütterlich und fest glaubte Adele an die hohe Künstlerschaft ihres Gatten. Ein fast heiliger Glaube war es, der sie erfüllte. Der Glaube, daß trotz aller Not das Große in ihm, seine Kunst, sich unfehlbar Bahn brechen müsse.
Dieser unerschütterliche, feste Glaube an die Kunst ihres Mannes war es auch, der Adele einmal so weit brachte, daß sie in hoher Empörung Frau Tiefenbrunner die Tür wies. Stolz und aufrecht hieß sie die Apothekerin nie mehr wieder kommen, nie mehr im Leben die Schwelle ihres Hauses betreten.
Adele Altwirth wußte genau, was sie tat. Sie wußte, daß sie sich und die Ihren nun endgültig einem bitteren, ungewissen Schicksal ausgeliefert hatte. Sie wußte, daß die Not nun lauerte, düster und grausam ...
Zwölftes Kapitel.
Wieder einmal stand Frau Sophie Rapp an der Spitze einer öffentlichen Veranstaltung. Schon seit Monaten wurden Vorbereitungen dazu getroffen, Damenkomitees gebildet und Sitzungen abgehalten. Es sollte eine große Feier werden, ein Wohltätigkeitsbazar, und die besten Kreise der Stadt waren daran beteiligt. Auch Frau Patscheider und Frau Professor Haidacher hatten führende Rollen. Die Apothekerin und noch einige Damen machten sich dadurch sehr verdient, daß sie buchstäblich von Haus zu Haus gingen und Geld und Gaben sammelten für den guten Zweck. Ganz Innsbruck stand bereits im Zeichen dieses gesellschaftlichen Ereignisses, das den Höhepunkt des Karnevals darstellen sollte.
Die Apothekerin konnte sich nicht genug tun, anläßlich ihrer Besuche droben bei den Altwirths immer und immer wieder von dieser Festlichkeit zu erzählen. Es interessierte da oben in dem einsamen Häuschen zwar niemanden. Weder Felix noch Adele.
In Felix weckten diese Erzählungen nur neue Verbitterung. Sie brachten es ihm noch mehr zum Bewußtsein, daß da, wo alle waren, für ihn, den Künstler, kein Platz mehr übrig blieb. So fremd und unbeachtet ging er nun schon seit zwei Jahren in seiner Vaterstadt herum. Und wenn man Feste feierte in der Stadt, so drangen nur ganz verschollene Töne zu dem Maler und seiner Frau herauf.
Es war nicht Böswilligkeit und kein absichtliches Versehen, daß man Felix und seine Frau ausschloß. Man dachte gar nicht an das junge Künstlerpaar. Man wußte, daß Felix Altwirth sich in Innsbruck niedergelassen hatte, daß er zurückgezogen lebte, Bilder malte, die er einmal ausstellte und die niemandem gefielen. Mehr wußte man nicht von ihm und wollte auch nicht mehr wissen.
Auch Frau Sophie Rapp interessierte sich jetzt nicht mehr für den Künstler Felix Altwirth. Nicht ein einziges Mal wäre es ihr in den Sinn gekommen, ihn zu einer ihrer Veranstaltungen einzuladen. Wenn er kommen wollte, dann sollte er den Weg zu ihr nur selber suchen.
Im Grunde genommen war doch auch gekränkte Eitelkeit dabei im Spiele. Die junge, gefeierte Frau hatte es erwartet, daß Felix zu ihr kommen würde, um ihr seinen Besuch zu machen. Er war nicht gekommen. Nur einige Male war sie ihm am Weg begegnet und hatte flüchtig mit ihm gesprochen. Das war alles. Sogar seine Frau hatte ihr Felix nicht vorgestellt. Sophie kannte Frau Altwirth kaum dem Sehen nach. Sie interessierte sich auch gar nicht für sie.
Aber in dem geheimsten Winkel ihres Herzens hatte Frau Sophie Rapp stets gehofft, daß wenigstens noch ein Rest jener großen Verehrung in Felix Altwirth zurückgeblieben sei, die er einmal für sie gehegt hatte. Von jener Verehrung, die sie so warm umschmeichelt hatte und die ihn eigentlich doch hätte zu ihr führen müssen. Da Felix nicht kam, begrub sie die schöne Erinnerung an ihn. Kümmerte sich nicht um ihn und beachtete ihn nicht, wie ihn die andern nicht beachteten.
Der Apotheker Tiefenbrunner und seine Frau fingen an, sich des Neffen zu schämen. Seit er mit der Ausstellung jenen Mißerfolg gehabt hatte, seitdem hatten sie den ganzen Glauben an sein Künstlertum verloren. Sie waren beide nicht imstande, sich über seine Leistungen ein eigenes Urteil zu bilden, und es gab niemand aus ihrem Bekanntenkreise, der ihnen eine Aufklärung hätte geben können.
Was Adele sagte, das glaubte die Apothekerin schon gar nicht. Die Adele! Mein Gott! Was die Person verstand! Die Apothekerin zuckte mitleidig die Achseln, wenn sie einmal in ganz vertrautem Kreis sich über ihre Nichte ehrlich aussprach. Denn nach und nach fing Frau Therese Tiefenbrunner an, sich zu äußern. Es „kochte“, wie sie sich ausdrückte, wirklich zu viel in ihr. Ein ganzer Vesuv von Gift und Galle türmte sich mit der Zeit in der guten Frau auf.
Alles ging ihr bei Felix und Adele auf die Nerven. Daß der Felix nichts verdiente, daß er nicht arbeitete, daß er sich nicht nach einem andern Beruf umsah, wenn doch bei der Malerei nichts herausschaute ... So und ähnlich redete sie fortwährend auch auf Adele ein.
Die Apothekerin war, seitdem sie die vollen Lasten des Hausstandes der Altwirths trug, zu einem rechten Hauskreuz für die junge Frau geworden. Innerlich verachtete sie ja Adele vom Grunde ihres ganzen Herzens. Sie verachtete sie, weil Adele noch immer nicht in ihren Wirtschaftssorgen aufging. Weil sie trotz allem stets die Zeit fand, ihre Musik zu pflegen, geistig frisch und rege blieb und für alle künstlerischen Interessen ein tiefes Verständnis besaß.
Das ärgerte die Apothekerin und erzeugte in ihr ein häßliches, neidisches Gefühl, das wohl seine Ursachen im Unterbewußtsein der eigenen geistigen Minderwertigkeit haben mochte. Und um sich selber in ein besseres Licht zu setzen, prunkte Frau Tiefenbrunner geradezu mit der einzigen Eigenschaft, die sie vor Adele voraus hatte. Sie protzte mit ihrem gründlichen Wissen in der Kunst des Haushaltens. Die junge Frau empfand das um so peinlicher und quälender, als sie ja in vollständiger Abhängigkeit von der Apothekerin lebte.
Eine wahre Knechtschaft übte Frau Therese gegen Adele aus. Sie verlangte Rechenschaft für jeden verbrauchten Kreuzer und tat sich keinen Zwang mehr an, Adele offen und in groben, wenig gewählten Worten ins Gesicht zu sagen, was sie von ihr und Felix hielt.
„Ihr könnt halt auch nicht wirtschaften!“ sagte sie dann. „Der Felix, der hat das ja eben nie gelernt. Hat nie sparen können, weil er’s nicht nötig gehabt hat ... natürlich!“ Dieses eine Wort „natürlich“ betonte die Apothekerin derart, daß es geradezu Bände der Anschuldigungen gegen Felix sprach. „Der Felix hat halt immer klecksen müssen und klecksen und mit Farben herumschmieren und viel Geld verbrauchen und ...“
„Aber Tante, so hör’ doch endlich damit auf, bitte!“ hatte Adele einmal ganz entschieden geantwortet. „Ich kenne ja jedes Wort schon auswendig!“ Und angeekelt von all dem Widerwärtigen hielt sie sich mit beiden Händen die Ohren zu.
Die junge Frau brauchte wahrhaft ihre ganze Selbstbeherrschung, um die täglichen Nörgeleien der Apothekerin zu ertragen. Frau Tiefenbrunner schaute sich jetzt überall im Hause gründlich um. Da war kein Winkelchen und kein Stäubchen, das ihrem Spürsinn entging. Mit dem Aufgebot unsagbarer Überwindung ertrug Adele diese Frau, ertrug die Reden und Vorwürfe solange, bis das Maß voll war. Und das geschah so ...
Frau Therese Tiefenbrunner kam strahlend hinauf zu Adele und eröffnete ihr, es sei ihr nun gelungen, eine Arbeit für Felix zu finden. „Weißt, Adele, für das Fest, von dem ich dir immer erzähl’!“ berichtete sie mit wichtigem Ernst. „Da ist jetzt nämlich alles schon so weit fertig gestellt. Der Saal ist schon gemietet; eigentlich sind es ja, wie du weißt, mehrere Säle; und jetzt brauchen wir halt noch einen Maler zum Ausmalen.“
„Tante, du wirst doch nicht ...“ Adele war kreideweiß im Gesicht geworden. Sie zitterte und bebte am ganzen Leib. „Du wirst doch nicht ...“
Frau Therese Tiefenbrunner hatte sich in ihrer ganzen Breite vor Adele aufgepflanzt und sah verständnislos auf die erregte junge Frau. Etwas wie eine teuflische Freude über den Schrecken, den sie ihr offenbar verursacht hatte, kam über die Apothekerin. Sie weidete sich geradezu daran und sah mit ruhigem, aber boshaftem und schadenfrohem Blick zu Adele empor. Weil sie diese unausstehliche, hochnasige Person nur endlich einmal demütigen konnte! Sie verstand es zwar nicht, warum ihr Angebot eine Demütigung sein sollte, aber sie fühlte, daß es Adele als eine solche empfand, und das steigerte ihr inneres Behagen.
„Ich hab’ die Damen vom Komitee gebeten,“ fuhr Frau Therese mit langsamer, breiter Stimme zu reden fort, „daß sie dem Felix die Malerarbeit übertragen ... und dieser meiniger Antrag ist auch angenommen worden!“ fügte sie mit stolzer Genugtuung hinzu.
„Aber Tante, du wirst doch nicht glauben, daß Felix ...“ Adele war so erregt, daß sie mit ihren Zähnen auf die Lippen biß, um ja kein unüberlegtes Wort zu sagen. Ihre Hände krampften sich fest in die Falten ihres Kleides.
„Daß es der Felix auch tun wird, das glaub’ ich allerdings!“ versetzte die Apothekerin mit Nachdruck und sah kampfbereit zu der jungen Frau empor. Ihre dunklen Augen wurden dabei immer größer und rundeten sich wie die Augen einer fetten Henne, die einer andern ein Stückchen Futter streitig machen will. „Denn, wenn man einmal eine Gelegenheit findet,“ fuhr Frau Therese jetzt energischer werdend fort, „sich ein Geld zu verdienen, dann tut man halt eben arbeiten und nicht immer den noblen Herrn spielen und spazieren gehen und ...“
„Aber Felix ist ein Künstler!“ stieß die junge Frau fast keuchend hervor. „Begreifst du denn gar nicht, Tante, er ist doch kein Anstreicher!“
„Künstler hin, Künstler her! Hör’ du mir mit der ganzen Künstlerschaft auf! Ein Anstreicher ist besser dran und überhaupt ...“
Adele Altwirth trat jetzt mit ruhiger Entschlossenheit ganz nahe vor die Apothekerin hin und sah mit stolzem Ernst zu der kleinen, gedrungenen Gestalt herab. Es lag etwas hoheitsvoll Gebieterisches in der Haltung der jungen Frau.
„Tante,“ sprach Adele mit einer unheimlichen Ruhe, „ich erkläre dir hiermit, daß ich dem Felix kein Wort von dieser unerhörten Zumutung sagen werde.“
„So? Das tust du also nicht? Und warum nicht, wenn ich fragen darf?“
„Weil Felix ein Künstler ist! Weil ihn so ein Antrag entehrt, demütigt, beschmutzt! Aber das verstehst du ja alles nicht!“ unterbrach sich Adele selbst unwillig.