Die Stadt am Inn

Part 17

Chapter 173,807 wordsPublic domain

„Weißt aber, was ich versteh’?“ sagte da die Apothekerin und stemmte ihre beiden Arme fest und herausfordernd in die Hüften. „Daß du a überspanntes Frauenzimmer bist, a narrisches! Jetzt weißt du’s, was du bist! Du Nocken, du eingebildete!“ fing die Apothekerin nun in ihrem schönsten Kothlacknerdeutsch zu schimpfen an.

Die lange aufgespeicherte Galle brach sich jetzt mit elementarer Kraft Bahn. Es war Frau Therese Tiefenbrunner ein dringendes Herzensbedürfnis, sich einmal Luft zu machen und ihren ganzen Ärger und ihre Enttäuschung herauszuschreien. In einem rasend schnellen Tempo, das seltsam abstach zu ihrer sonstigen langsamen, breiten Redeweise, schrie sie nun auf die junge Frau ein ... „A unverschämte Bande seid’s, alle miteinander! Bettelvolk! Tagdiab’! Die nix haben und ander’ Leut auf der Schüssel sitzen! Schamen muaß man si’ mit enk. Nix können tuat er! Gar nix kann er! Daß du’s woaßt!“ Mit hämischer Freude betonte die Apothekerin dieses noch besonders nachdrücklich: „Der Patscheider hat’s aa g’sagt, daß er nix kann! Alle sagen sie’s in Innsbruck! Und wahr ist’s!“

Adele stand jetzt ganz ruhig vor der Frau, die ihr in diesem Augenblick so klein, so erbärmlich und so gemein vorkam. Fast mitleidig sah sie auf Frau Therese Tiefenbrunner herab. Eine tödliche Blässe bedeckte noch immer die strengen, regelmäßigen Züge der jungen Frau. Aber die große Aufregung, in der sie sich befunden hatte, war mit einem Male vergangen und hatte einer ruhigen Überlegung Platz gemacht.

Je mehr sich die Apothekerin in Zorn schrie, je mehr sie es unternahm, Felix und Adele zu erniedrigen, desto freier, ruhiger und sicherer überlegte Adele. Und ohne die Spur einer inneren Erregung frug sie ganz ruhig: „Du glaubst also nicht an Felix, Tante?“

Frau Therese Tiefenbrunner schüttelte den Kopf, so fest sie konnte. „Naa!“ sagte sie dann. Das klang so ehrlich, so energisch, so überzeugt, daß ein Irrtum unmöglich war.

„Dann war es ein großes Unrecht von uns, daß wir Geld von dir nahmen, Tante!“ fuhr Adele mit ihrer schönen, weichen Stimme zu reden fort. „Wir glaubten, du schätztest den Künstler, du wolltest ihm helfen, über die Zeit der Not hinweg. Darum durften wir dein Geld nehmen, aber ein Almosen nehmen wir nicht!“

Ruhig und gelassen schritt Frau Adele zur Tür ihres kleinen Wohnzimmers und öffnete dieselbe. „Denk von uns, was du willst! Schlechter, als du schon gedacht hast, kannst du nicht mehr denken. Aber so erbärmlich sind wir nicht, daß wir auch nur mehr +ein+ Stück Brot von dir nehmen würden. So, jetzt geh ... geh und komme nie wieder! Nie ... hörst du, Tante!“

Mit ruhiger, fast königlicher Haltung stand Adele vor der Apothekerin, die ganz kleinlaut und ohne ein Wort der Erwiderung zu finden an ihr vorüber durch die Tür ging. Schnell und hastig ging sie, und einen scheuen, flüchtigen Blick, der beinahe etwas Demütiges an sich hatte, warf sie noch auf die junge Frau.

Frau Therese Tiefenbrunner begriff den eigentlichen Grund nicht, warum Adele ihr die Tür gewiesen hatte. Sie empfand es jedoch instinktiv, daß dies jetzt ein Bruch fürs Leben war. Und da es so ruhig und vornehm geschah, hatte sie das unangenehme Gefühl eines gezüchtigten Hundes. Das empörte sie und stachelte sie auf zu namenloser Wut und tiefem Ingrimm. Das machte sie Adele und Felix hassen, wie sie noch nichts gehaßt hatte im Leben.

Je länger und je mehr sie darüber nachdachte, um so empörter wurde sie. Mochten sie verkommen, das Pack! Ihr, der Wohltäterin, hatten sie in krassem Undank die Tür gewiesen!

Überall schrie es Frau Therese Tiefenbrunner in Innsbruck herum. Stellte fest, daß Felix und Adele eine hochmütige Bagasch seien, und daß sie sich von ihnen habe lossagen müssen, da man mit „solchenen“ doch unmöglich weiter verkehren könne ...

Auch dem Rat Leonhard kam die Sache zu Ohren. Der hörte alles ruhig an, mit der unbeweglichen Miene eines Untersuchungsrichters, und erwiderte kein Wort. Er wollte sich kein Urteil bilden, der alte Herr. Wie er es hörte, sprach es gegen die Altwirths. Es würde aber doch wohl anders sein, dachte er bei sich. Der Rat Leonhard nahm sich vor, von nun an ganz besonders scharf aufzupassen auf das Paar da droben bei der Weiherburg. Jetzt war er ja der einzige Freund, den die Altwirths besaßen ...

Felix und Adele atmeten auf, wie von einem schweren Alp befreit. Gott sei gelobt! Nur nicht mehr diese Frau um sich dulden zu müssen! Danken müssen, wo man am liebsten ingrimmig geflucht hätte!... Felix fühlte sich erlöst. Trotz der drohenden Not befreit von schwerer Last. Einige Tage hindurch lebten die beiden in einem wahren Freudentaumel und dachten gar nicht daran, daß sie noch immer von den Gaben der Frau Therese Tiefenbrunner zehrten ...

Es war mitten im Januar, und es herrschte die größte Kälte des ganzen Winters. Hartgefrorner Schnee lag überall, glitzerte im Sonnenschein und wollte sich nicht erweichen lassen durch die verheißungsvollen Strahlen. Dichte Schneehauben hatten die Dächer der Häuser und Häuschen aufgesetzt, welche an dem zur Weiherburg führenden Abhang verstreut lagerten. Der Weg zur Weiherburg war stark vereist. Nur schrittweise konnte man da vorwärts kommen und mußte achtgeben, daß man nicht ausglitt auf dem eisigen Boden.

Der alte Rat Leonhard wanderte aber trotzdem den gewohnten Weg. Langsam und vorsichtig, Schritt für Schritt berechnend, als ob er auf Eiern ginge. Heute hielt er jedoch Einkehr in dem kleinen Häuschen, um bei den Altwirths einmal Besuch zu machen.

Das hatte er noch nie getan. Er war auch gerade kein unterhaltender Besuch. Sprach wenig und wetzte unausgesetzt auf seinem Sessel hin und her. Felix und Adele wunderten sich, was der alte Herr eigentlich bei ihnen wollte. Adele gab sich alle Mühe, die Unterhaltung, so gut es ging, in Fluß zu bringen. Aber es wollte ihr nicht recht glücken.

Endlich gab sich der alte Herr einen Ruck. „Sie werden Ihnen gewiß wundern, warum ich da bin, Herr Altwirth!“ sagte er und machte alle Anstrengung, deren er fähig war, um eine freundliche Miene aufzusetzen. „Die Sach’ ist die. Ich weiß, daß der Patscheider eine Stiftung für Tiroler Künstler errichtet, so eine Art Stipendium. Ich versteh’ die Sach’ nit, aber ich hab’ mir gedacht, vielleicht interessieren Sie Ihnen dafür.“ Der alte Herr sah mit einem kurzen, scharfen Blick zuerst auf Felix und dann von diesem weg zu Adele, die neben ihm saß.

Felix machte eine zustimmende Verbeugung. „Ich danke sehr, Herr Rat!“ sagte er dann. „Natürlich ...“

„Der Patscheider hat’s Geld und macht sich gerne wichtig. Sie verstehen schon!“ sprach der alte Herr, sich ziemlich jäh erhebend. „Es wird gut sein, wenn Sie Ihnen gleich bekümmern drum. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Ist a alte G’schicht’!“

Und dann begab sich der Rat Leonhard mit langsamen, schleichenden Schritten gegen den Ausgang und verbeugte sich einige Male sehr linkisch und hölzern vor Adele. Die junge Frau hielt ihm herzlich die Hand entgegen. Sie erriet es, daß ihnen an dem alten Herrn ein echter Freund erstanden war. „Wir danken Ihnen aufrichtig, Herr Rat!“ sagte sie warm. „Sie sind gut zu uns.“

Einen Augenblick sah der alte Herr scharf zu der blonden Frau empor. Es war ein fast stechender Blick, der sie aus seinen kleinen, dunklen Augen traf. Eigentlich war es heute das erstemal, daß der Herr Rat mit ihr sprach. Sonst hatte er es stets bei einem flüchtigen Gruß bewenden lassen.

Der Rat Leonhard gab auf den Dank der jungen Frau keine Antwort, sondern wandte ihr plötzlich den Rücken zu. Das geschah so jäh und unvermittelt, als habe ihn Adele durch ihren Dank beleidigt. Die junge Frau konnte sich unmöglich darüber klar werden, ob die kurze, blitzartige Musterung, der sie der alte Herr unterworfen hatte, zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war oder nicht.

„Was ich noch sagen wollte, Herr Altwirth ...“ sprach der Rat Leonhard. „Sie werden jetzt keine Zeit haben, ha?“

„Ich? O gewiß, Herr Rat. Leider nur zu viel Zeit!“ entgegnete Felix mit ironischem Lächeln.

„So! Hm! Nacher ist’s schon recht!“ meinte der alte Herr und nickte zustimmend mit dem Kopf. Dann sah er den Maler mit einem recht süßsauern Gesicht an und schluckte wiederholt krampfhaft, als ob ihm etwas im Halse stecken geblieben wäre. „Dann können’s ja gleich anfangen mit einem Porträt von mir ...“ kam es etwas gepreßt heraus. „Wissen’s, mei’ Schwester, die drängt alleweil, ich soll mich malen lassen. Ich tu’s nit gern,“ bekannte er ehrlich, „aber einmal muß es doch sein. Sagen’s mir halt, wann ich kommen soll zur Sitzung.“

Es war dem Rat Leonhard wirklich sauer geworden, Felix Altwirth diesen Auftrag zu geben. Mit Schaudern hatte er schon auf dem ganzen Weg her überlegt, ob sich nicht doch noch ein anderes Mittel finden ließe, den Altwirths zu helfen. Aber es war ihm nichts eingefallen. So entschloß er sich zu diesem äußersten, für ihn ganz besonders entsetzlichen Ausweg. Er malte es sich schon in den schwärzesten Farben aus, wie endlos und öde diese täglichen Sitzungen sein würden, und wie schmerzhaft für ihn diese fortgesetzt aufrechte Haltung wäre.

„Naa, lieber an Zahn reißen lassen!“ hatte er auf dem ganzen Weg ein- über das anderemal vor sich hingemurmelt. „Lieber zwei Zähn’ reißen lassen!“ Dann entschloß er sich aber doch dazu, allen Qualvorstellungen zum Trotz.

Es würde schrecklich werden. Er wußte es. Und noch dazu würde er stets freundlich dreinschauen müssen und nicht einmal seine geliebte Pfeife rauchen dürfen. Der Altwirth würde das in seinem Leben wohl nie begreifen können, zu welcher Tortur so eine Malerei unter Umständen werden konnte ...

Nun hatte ja Felix Altwirth wenigstens einen Auftrag und eine Arbeit, die ihm über die nächste Zeit hinweghelfen konnte. Wenn der Auftrag auch ein bescheidener war, so hob er doch das Selbstbewußtsein bei Felix und ließ ihn die Zukunft in rosigerem Lichte sehen.

Der wortkarge alte Herr versäumte jetzt keine Gelegenheit, bei den Sitzungen stets darauf hinzuweisen, daß Felix sich mit dem Patscheider gut stehen müsse, wenn er etwas erreichen wollte. So hart es ihn ankam, entschloß sich Felix endlich doch, dem Kaufmann seine Aufwartung zu machen.

Es war ein hohes, düsteres und kahles Haus, in dem der Patscheider wohnte. Mitten in der Stadt und nur wenige Minuten von der Hauptverkehrsader entfernt.

Geräumig, kühl und nüchtern waren die Zimmer, aber mit so viel breiter Behaglichkeit ausgestattet, so gediegen und wertvoll eingerichtet, daß sie einen beinahe vornehmen Eindruck erweckten. Nur daß ein gewisses Übermaß diesem Eindruck widersprach. Es war zu viel Reichtum mit unverkennbarer Absicht zur Schau gestellt.

Da waren schwere, geschnitzte Eichenmöbel. Und ein prunkvoller, echter Perserteppich bedeckte fast die ganze Bodenfläche des großen, viereckigen Wohnzimmers. Altes Zinn verzierte in Fülle die Gesimse der drei hohen Flügeltüren, die von diesem Zimmer nach den übrigen Räumen führten. Blinkendes Silbergerät stand auf der Kredenz, und hohe, silberne Armleuchter flankierten beide Seiten eines prachtvollen Flügels, der in der Mitte des Zimmers Platz gefunden hatte.

An den Wänden hingen große Gemälde in schweren, wuchtigen und aufdringlichen Goldrahmen. Die Bilder verrieten, daß der Besitzer wohl Geld, aber keinen erlesenen Geschmack besaß. Dieser große, zur Schau gestellte Aufwand störte den feinen Kunstsinn des Malers Felix Altwirth und machte auf ihn einen fast widerlichen Eindruck.

Johannes Patscheider ließ geraume Zeit auf sich warten, ehe er seinen Besuch empfing. Dann erst trat er in das Zimmer, wo Felix in beklommener Stimmung auf den Gewaltigen harrte.

Nicht ohne Bitterkeit zählte Felix Altwirth die Minuten des Wartens, die so langsam verstrichen. Ärgerte sich über diese offenbare Mißachtung dem Künstler gegenüber und begann schon zu bereuen, daß er dem ihm so unsympathischen Menschen seine Aufwartung gemacht hatte.

Das Herz schlug Felix erregt und unregelmäßig, und ein nervöses Zucken ging über sein noch immer sehr zartgefärbtes Gesicht. Dieses Herwarten wurde ihm von Minute zu Minute peinlicher und verschärfte die Demütigung, die für ihn in diesem Besuche lag.

Johannes Patscheider hielt sich unterdessen in einem Nebenzimmer auf und verzehrte in aller Ruhe und Behaglichkeit sein zweites Frühstück, Würsteln mit Krenn. Dazu trank er einen extrafeinen Südtiroler Wein. Den Besuch des Malers Altwirth empfand er als eine Belästigung, da er mit Sicherheit annahm, daß der nur zu ihm gekommen war, weil er etwas von ihm wollte. Vielleicht gar Geld. Na, sollte halt warten, der Altwirth, bis sich der Herr Patscheider gestärkt hatte. Da konnte er die Sache eher mit Gleichmut ertragen.

Von diesem sehr löblichen Gedankengang ließ er aber seinen Besucher nichts merken, nachdem er sich endlich entschlossen hatte, in das Wohnzimmer zu treten. Er begrüßte den Maler freundlich, hielt ihm die Hand entgegen und frug, indem er seine bogenförmigen Augenbrauen noch mehr in die Höhe zog: „Nun, Herr Altwirth, was verschafft mir die Ehre?“

Die beiden Herren saßen sich in den behaglichen und reichgeschmückten Lehnstühlen gegenüber. Der Kaufmann aufrecht und selbstbewußt. Felix unsicher und schüchtern. Sein feines, fast mädchenhaftes Gesicht bedeckte eine tiefe Röte innerer Erregung. Felix Altwirth war ein hübscher Mann, nur etwas schwerfällig und langsam in seinen Bewegungen.

„Es ist eine persönliche Angelegenheit, Herr Patscheider ...“ begann Felix jetzt die Unterredung. „Man hat mich an Sie gewiesen ... es handelt sich ... Sie wissen, ich bin Künstler ... und ... Es fällt mir schwer, Herr Patscheider ... es ist ... nämlich ... ich habe gehört, daß Sie eine hochherzige Stiftung für Tiroler Künstler ...“

„Ja, woher wissen denn Sie das?“ erkundigte sich der Patscheider jetzt wirklich erstaunt. Die ganze Zeit her hatte er den Maler mit einem leicht ironischen Seitenblick beobachtet. Rechnete er doch sicher damit, daß die Geschichte mit einem Pumpversuch enden würde. Den Kaufmann interessierte nur das eine, wieviel Geld der Altwirth von ihm verlangen würde. Jetzt aber, da Felix von dem Stipendium sprach, war der Patscheider tatsächlich verblüfft. „Es ist ja noch gar nicht zur Ausschreibung kommen!“ fuhr er fort. „Nur ein Eingeweihter kann Ihnen die Sache verraten haben!“ fügte er etwas ärgerlich hinzu.

„Ja!“ erwiderte Felix nun ebenfalls mit einem leicht ironischen Lächeln. „Es war ein Eingeweihter. Ein Freund von mir.“

„So, so, ein Freund von Ihnen? Etwa der Doktor Storf?“ forschte der Patscheider mißtrauisch.

„Nein, Doktor Storf und ich sehen einander nur noch selten. Wir sind nur mehr dem Namen nach Freunde!“ sagte Felix bitter.

„Wer kann denn das gewesen sein?“ frug der Patscheider nachdenklich. Es war ihm sichtlich unangenehm, daß Felix von der Sache wußte. Für das Stipendium hatte sich schon längst ein Bewerber gefunden. Einer, dem der Patscheider seine Gunst geschenkt hatte.

„Wie ich sehe, darf ich meinen Freund nicht verraten!“ meinte Felix. „Ich soll offenbar nichts von dem Stipendium wissen.“

„O ja, das können’s schon wissen!“ platzte da der Kaufmann grob heraus. Er spreizte seine Beine auseinander und trommelte mit den großen, behaarten Händen ungeduldig auf den Knien herum. „Und ich sag’s Ihnen gleich, aufs Stipendium, das meine eigene und ganz persönliche Angelegenheit ist, brauchen’s nit zu rechnen. Das ist schon so gut wie vergeben.“

„Vergeben?“ frug Felix ungläubig. „Noch ehe es zur Ausschreibung kam?“

„Wenn ich sag’, es ist vergeben, dann ist’s vergeben!“ erwiderte der Patscheider kurz und im energischen Ton. „Ich habe allein darüber zu bestimmen. Aus +meinem+ Beutel geht’s!“

Felix biß sich auf die Unterlippe, um gewaltsam eine sarkastische Bemerkung zu unterdrücken. Der Kaufmann zog jetzt seine schwere goldene Uhr aus der Tasche, warf einen flüchtigen Blick darauf und fragte in kurzem, gebieterischem Ton: „Noch etwas?“

Auch Felix hatte sich erhoben. Die beiden Männer standen sich in einem weiteren Abstand gegenüber. Der Patscheider war um ein gutes Stück größer als Felix Altwirth und nahm sich im Vergleich zu der schlanken Erscheinung des Künstlers nur noch wuchtiger und massiver aus.

„Ja, Herr Patscheider, noch eine Bitte!“

Jetzt sah ihm der Kaufmann voll ins Gesicht. Es lag ein Gemisch von Mißtrauen, Verachtung und persönlicher Abneigung in diesem Blick. Felix fühlte es deutlich und hätte am liebsten gar nichts mehr gesagt. Und trotzdem bezwang er sich. Der alte Rat, den er in dieser Zeit schätzen gelernt hatte, sagte ihm einmal in seiner kurzen Art: „Und wenn auch der Patscheider a bissel grob sein sollt’, macht nix. Es hat ein jeder von uns einmal im Leben einen bittern Weg gemacht. Schlucken’s die Pill’n! Es muß sein!“

An diese Worte mußte Felix nun denken, und er wußte, daß der Rat Leonhard recht hatte und daß es ihm nicht zukam, jetzt empfindlich zu sein. „Ich wollte Sie ersuchen,“ fuhr er fort, „ob Sie mir nicht Verbindungen verschaffen könnten ... Porträtaufträge? Ich bin verheiratet, habe Frau und Kind. Ein Künstler hat, wie es scheint, hier selten Gelegenheit, Bilder zu verkaufen ...“

„Das finde ich nicht!“ unterbrach ihn Johannes Patscheider und spielte ungeduldig mit seiner goldenen Uhrkette. „Im Gegenteil. Mehr wie genug wird gekauft hier!“

„Dann habe ich eben wenig Glück ...“ sagte Felix leise.

„Das kann schon sein. Das geb’ ich gern zu. Und ich weiß auch nit, ob Sie mit dem Porträtieren mehr Glück haben werden.“

„Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen, Herr Patscheider. Ein Wort von Ihnen ...“

„Ein Wort von mir nützt Ihnen einen Schmarrn!“ polterte jetzt der Patscheider los. „Wären Sie geblieben, wo’s g’wesen sein! Das wär’ g’scheiter g’wesen. Wir haben keinen Mangel an Malern in Tirol. Und die z’erst da waren, die haben ’s erste Recht. Und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben soll, dann ist’s der, daß Sie wieder schauen sollen, so schnell als möglich fortzukommen von da! Ihnere Malerei g’fallt uns einmal nit! Da kann man nix machen!“

Felix zitterte am ganzen Körper bei den rohen Worten dieses Mannes, der in seiner breiten Wucht da vor ihm stand. Felix Altwirth hielt seinen Hut in der rechten Hand und trat jetzt einige Schritte näher an den Kaufmann heran. „Ist das alles, was Sie einem Künstler zu sagen haben, Herr?“ frug er mit bebender Stimme.

„Ja!“

„Auch dann, wenn dieser in bitterster Not wäre?“

„Ach was, lassen’s mir jetzt mei’ Ruh’!“ sagte der Patscheider ungeduldig und mit einer verächtlichen Handbewegung.

Aber Felix gab nicht nach. Er war so gereizt, daß er sich kaum mehr halten konnte. „Da könnte ich also von Ihnen aus verrecken wie ein Vieh!“ stieß er hervor.

„Ja, von mir aus verrecken’s!“ sagte der Patscheider gleichgültig.

Da trat Felix Altwirth ganz dicht an den Kaufmann heran und warf ihm in namenloser Empörung und mit voller Wucht den Hut, den er in der rechten Hand trug, mitten ins Gesicht.

„Hund!“ stieß Felix keuchend vor Zorn hervor. „Das will ich dir heimzahlen!“ ... Und dann rannte er wie von Sinnen in atemloser Hast über die Treppe hinunter und warf krachend die schwere Haustür ins Schloß ...

Eine furchtbare Verbitterung war über Felix Altwirth und seine Frau gekommen. Noch mehr über Felix. Ein Haß, ein bodenloser Haß gegen alles, was um ihn war, bemächtigte sich seiner.

Er haßte alles, sogar den alten Rat Leonhard, der es doch so gut mit ihm meinte. Er weigerte sich, auch nur einen einzigen Pinselstrich mehr an dem Porträt zu machen. Er konnte jetzt nicht daran arbeiten. Um keinen Preis. In seiner krankhaften Erregung verdächtigte er den alten Herrn, daß ihn dieser mit Absicht zu dem Kaufmann Johannes Patscheider geschickt habe, um ihn zu demütigen.

Es war eine Art Verfolgungswahn, in dem Felix Altwirth lebte. Er glaubte es fest und steif, daß sich in Innsbruck alles gegen ihn verschworen habe, und daß man es darauf abgesehen habe, ihn systematisch zu demütigen und zugrunde zu richten. Überall um sich her witterte er Verrat und vergiftete durch seinen Argwohn auch die reine, vertrauungsvolle Seele Adelens, so daß diese nur noch mit dem Aufgebot ihrer ganzen inneren Kraft all den schweren Prüfungen standhalten konnte.

Durch gutes Zureden versuchte sie es, den Gatten von der Haltlosigkeit seiner Befürchtungen zu überzeugen. Aber Felix verstand es meisterhaft, den Wahn, in dem er lebte, mit so vielen triftigen Gründen zu rechtfertigen, daß selbst Adele stutzig wurde und innerlich zu zweifeln begann.

Felix Altwirth lebte jetzt nur mehr diesem Wahn, der ihn bis zur Raserei aufpeitschte und ein grenzenloses Gefühl des Hasses und der Rache in ihm erzeugte. Und aus diesem Gefühl heraus, aus dem Gefühl des Verkanntseins, des Elends, der Demütigung und der unbefriedigten Rachgier ging er zu der Wirtin vom Weißen Hahn und bewarb sich bei dieser um die Dekorationsarbeit des neuen Saales, der gerade fertig ausgebaut war und schon in der nächsten Zeit mit einer großen Festlichkeit eröffnet werden sollte.

Er tat es hinter dem Rücken seiner Frau und in dem bestimmten Empfinden, daß er durch diese Selbsterniedrigung des Künstlers seiner Heimat eine große Schmach zufügte.

So kam es, daß Felix Altwirth, der Künstler, im Arbeitsrock eines Anstreichers auf den Stufen einer Leiter stand und den neuen Saal beim Weißen Hahn ausmalte. Und hier, bei dieser entwürdigenden Arbeit sah ihn Frau Sophie Rapp nach langer Zeit zum erstenmal wieder.

Dreizehntes Kapitel.

Wie ein Wirbelwind so eilig sauste Frau Sophie Rapp durch die weite Halle des neuen Saales, der so kahl und zugig und unlustig war, daß die junge Frau unwillkürlich fröstelnd die schöne, breite Pelzstola, die sie um den Hals geschlungen trug, enger an sich drückte. Es roch nach Farbe und Kalk in dem Raum, der hoch und düster war und wohl nur bei festlicher Beleuchtung einen gastlichen Eindruck machen konnte.

Sophie behagte es gar nicht da drinnen, und so eilig hatte sie es, daß die Wirtin vom Weißen Hahn mit dem hastigen Gang der jungen Frau kaum Schritt zu halten vermochte.

„Wissen’s, Frau Buchmayr,“ sagte die Sophie fröhlich, „viel Zeit hab’ ich nit für Ihneren Saal. Aber aus alter Freundschaft hab’ ich doch herschauen und mir die Sach’ ein bissel betrachten wollen. Schön ist er und groß ist er und kalt ist er, der Saal!“ foppte sie dann die Wirtin und schaute lachend und heiter um sich. „Und schöner einrichten müssen Sie ihn noch. Das wär’ doch gar nix!“ fügte sie in neckischem Tadel hinzu und deutete auf die vielen Farbentöpfe und Pinsel, die am Boden verstreut waren und einzelne farbige Spuren zurückließen.

Am äußersten Ende des Saales stand Felix auf einer Staffelei und malte eifrig. Er malte Blumen und Früchte in bunter Reihenfolge und kümmerte sich nicht um die Frauen, deren Stimmen durch den leeren Raum unnatürlich laut widerhallten. Nur einmal hatte er sich flüchtig umgedreht und dabei auf den ersten Blick die junge Frau Doktor Rapp erkannt. Sophie achtete nicht auf den Maler, der in einer dämmerigen Ecke des Saales arbeitete.

„Ja, freilich wird’s anders!“ verteidigte sich die Wirtin. „Ich hab’ ja jetzt den Maler, wissen’s schon, Frau Doktor.“

Es kam der Wirtin nun gar nicht mehr hart an, zu ihrer einstigen Kellnerin Frau Doktor zu sagen. Fast wie ein ferner Traum erschien es ihr oft, wenn sie die elegante, gut gekleidete Dame sah und daran dachte, daß diese einmal bei ihr im Dienste gestanden hatte.

Die Vergangenheit war so völlig entschwunden, daß Frau Buchmayr sich sogar durch den Besuch, den ihr die Frau Doktor Rapp machte, geehrt und ausgezeichnet fühlte. Die dicke Wirtin, die mit den Jahren noch immer schwerfälliger geworden war, ließ es sich nicht nehmen, die junge Frau selbst überall herumzuführen, um ihr eingehend alles zu erklären.

„Und Sie werden wohl doch nit fehlen, Frau Doktor, wenn wir den Saal einweihen tun. Nit wahr, das versprechen’s mir. Sie und der Herr Gemahl!“ meinte die Wirtin ungemein liebenswürdig.

„Natürlich kommen wir!“ versicherte die Sophie. „Da gibt’s nix, da muß ich dabei sein!“ lachte sie lustig. „Wann ist denn die Feier?“

„Heut’ in drei Wochen!“ sagte die Wirtin.