Die Stadt am Inn

Part 15

Chapter 153,812 wordsPublic domain

Es war ein später Nachmittag im Dezember, als sich die beiden Frauen in dem kleinen Wohnzimmer gegenübersaßen. Eine große Hängelampe sandte ihren Schein durch die Stube. Und der Schein fiel auch auf das goldlockige Kind, das in einem Winkel saß und mit einer Puppe spielte. Es war einfach, aber gemütlich in dem nicht sehr hohen Zimmer. Das breite Doppelfenster hatte lichte Vorhänge. Ein Blumentischchen aus weißlackiertem Holz mit blühenden Geranienstöckchen stand unmittelbar vor dem Fenster, und neben dem Fenster hing ein Vogelkäfig, in dem ein gelber Kanarienvogel zwitscherte, im lustigen Wettkampf mit dem goldlockigen kleinen Menschenkind.

Ganz besonders hell und licht war es hier drinnen bei Tag, wenn die Sonne ihre glänzenden Strahlen sandte. Da lachte und grüßte es durch die Fenster herein und lockte hinaus ins Freie zu Wanderungen durch das Tal und über die Berge.

In der Mitte des Zimmers stand ein viereckiger Speisetisch mit einer einfachen Decke, in die buntgewirkte Blumen eingewebt waren. Eine große Blumenvase thronte auf dem Tisch, stets gefüllt mit Blumen oder verschiedenfarbigen Waldzweigen. In einer Ecke, knapp neben dem breiten Doppelfenster, war der bequeme Lehnstuhl, in dem Frau Tiefenbrunner Platz genommen hatte. Davor stand ein kleiner Teetisch, ein Hockerl und noch ein Stuhl. Ein Teppich, ein Büfett, ein Klavier und einige Bilder an den Wänden vervollständigten die ganze Einrichtung.

Eine geraume Weile hindurch herrschte tiefe Stille zwischen den beiden Frauen. Das Ticken der kleinen Wanduhr war deutlich vernehmbar und tönte lauter und, wie es der nachdenklich sinnenden jungen Frau erschien, auch rascher als sonst ... als wollte es der kommenden Zeit entgegeneilen. Ob diese Zeit wohl eine bessere für sie werden würde?

Adele Altwirth dachte es mit schwerem Herzen. Sie dachte an die sorgenvollen Tage und Monate, die sie hier in dieser Stadt hatte erleben müssen. Denn wie schlecht es ihnen eigentlich erging und schon ergangen war, davon hatte die Frau Therese Tiefenbrunner doch keine genaue Kenntnis. Felix und Adele hielten mit der vollen Wahrheit stets zurück aus Stolz und aus Furcht vor neuen demütigenden Gaben, vor bittern Reden und Vorwürfen.

Da waren Tage gewesen, an denen das junge Paar ängstlich und mit bangem Zagen die letzten Geldmünzen zusammengesucht hatte ... Tage, an denen sie einander ratlos gegenüberstanden und nicht wußten, wie es in der nächsten Zeit gehen würde. Sie lebten ja so bescheiden, begnügten sich abends mit Brot und Käse und teilten gemeinsam eine kleine Flasche Bier. Es war ja so wenig, was sie zum Leben benötigten. So wenig ... Und dieses karge Brot war getrübt durch die Sorge für den morgigen Tag.

Tatsächlich von der Hand in den Mund lebten sie. Sie mußten oft um jede kleine Gabe der Apothekerin froh sein und waren es auch, waren dankbar dafür und bäumten sich doch wieder dagegen auf, da sie sich innerlich schwer gedemütigt fühlten. Sie schämten sich voreinander, schämten sich, daß sie so tief gesunken waren.

Frau Therese Tiefenbrunner hatte von all dem keine Ahnung. Felix und Adele verstanden es gut, ihre große Armut selbst vor diesen scharfen Blicken zu verstecken. Sie schämten sich dieser Armut und wären beide mit ihrem Kinde eher zugrunde gegangen, als daß sie die Wahrheit zugestanden hätten. Nur nicht hineinsehen lassen, wie’s eigentlich stand! Um keinen Preis. Niemanden! Nicht einmal die Tante.

Bis jetzt war stets, wenn die Not am ärgsten war, eine Rettung gekommen. Allerdings von außen her. In München wurden immer noch Bilder von dem jungen Maler gekauft. Nicht viele, aber der Ertrag war doch so gewesen, daß ihnen stets für den Augenblick geholfen wurde. Dann aber ging die Sorge und das Leben ins Ungewisse hinein von neuem los.

Auf die Schaffenskraft des jungen Künstlers hatte dieses nervenaufreibende Dasein eine unheilvolle Wirkung. Die schwere Enttäuschung, die ihm die Heimat brachte, der Kampf ums tägliche Brot für sich und die Seinen, das drückende Gefühl, jetzt noch als herangereifter Mann ebenso abhängig zu sein von der Gnade der Verwandten wie früher ... all dieses wirkte lähmend auf Felix Altwirth und raubte ihm die Lust zum Schaffen.

Oft ging er verzweifelt in seinem kleinen Arbeitszimmer, das ihm als Atelier diente, auf und ab und hielt sich mit beiden Händen den Kopf. „Ein Lichtstrahl, Adele! Nur ein einziger Lichtstrahl in dieser grauenhaften Öde!“ klagte Felix dann vollkommen entmutigt. „Ein einziger Lichtstrahl, und ich bin gerettet, ich kann wieder arbeiten. Ich werde ja verrückt hier. Keine Anerkennung, keine Stimmung! Nichts! Ich weiß es schon bald selber nimmer, daß ich ein Künstler bin.“

„Wir wollen wieder nach München zurück, Felix. Bald ...“ versuchte die junge Frau den aufgeregten Mann zu trösten.

„Um Gotteswillen, München, die Großstadt! Ich brauche Erholung, Erfolg, Anerkennung! Von was würden wir denn leben dort? Von was übersiedeln? Das kostet Geld. Wir haben kein Geld, Adele!“ Wie ein Rasender lief Felix im Zimmer umher und raufte sich die Haare. Er war hilflos gleich einem Kind.

„Ich will mit der Tante sprechen, ihr anvertrauen ...“ meinte Adele.

„Um Gotteswillen!“ rief Felix entsetzt. „Willst du mich denn um alles bringen, was ich habe! Auch um meine Ehre, um den letzten Rest von Ansehen, den ich noch genieße! Soll ich mich demütigen, bitten, betteln? Ist es nicht genug, daß du von dieser protzigen Frau dich wie ein Schulmädel mußt behandeln lassen? Nein! Eher gehe ich zugrunde, als daß ich das tue!“

Und Frau Adele schwieg, blieb ruhig und stark und aufrecht, wie sie es bisher gewesen. Nie hatte sie ihrem Manne Vorwürfe deswegen gemacht, daß sie von München hatte fortziehen müssen. Es war ihr schwer geworden. Recht schwer. Aber sie hatte geschwiegen und seinem Wunsche gehorcht.

Sie hatte nicht fröhlich werden können in Innsbruck. Ohne Licht und Wärme schien ihr diese Stadt, dumpf und grau und traurig und öde. Und dieses war auch der erste Eindruck gewesen, den sie von Innsbruck bekommen hatte.

Es war damals ein klarer, blauer Frühlingstag gewesen. Warm und lau die Luft. So mild und doch wiederum so drückend, wie im Inntal der Südwind den nahenden Frühling anzumelden pflegt. Gleich einem schweren Alp legte es sich auf die Sinne der jungen Frau, umspannte ihren Kopf wie mit eisernen Klammern, so daß ihr das Sehen schwer wurde. Wie im Traum wandelte sie befangen an der Seite ihres Mannes, traurig und müde. Es drückte sie alles, die Luft, die Sonne, die Fremde und die Sehnsucht nach der Isarstadt.

Und Felix war froh gewesen, so froh. Sie hatte ihn selten so heiter gesehen. Überall mußte sie mit ihm hingehen. Durch die alte Stadt zum Goldenen Dachl. Hinüber nach Sankt Nikolaus und in die Kothlacken. Hinunter am Saggen und hinaus nach Pradl und über die Felder hinüber nach Wilten. Mehrere Stunden dauerte die Wanderung, und die junge Frau konnte sich kaum mehr weiterschleppen vor Müdigkeit. Er wollte ihr alles zeigen von seiner geliebten Heimat. So viel wie möglich schon am ersten Tag. Und in immer größeres Entzücken geriet er, wenn er wieder einen neuen Ausblick auf die wundervolle Landschaft hatte, in der die Stadt lag.

„Schau, Adele, ist das nicht großartig? Schau hinauf ins Oberinntal! Siehst du die steile Felswand? Das ist die Martinswand, und gleich dahinter geht’s nach Bayern. Da kannst du dann hinaufsteigen. Zu Fuß wollen wir wandern nach München. Das wird herrlich sein. Und siehst du, da drunten im Unterland den breiten Bergrücken in der Ferne? Das ist das Kellerjoch, und da drüben an der Nordkette, das ist das Brandjoch und da die Frau Hitt und da ...“

„Ja, Felix, ja ...“ sagte sie müde. „Und das, was ist das?“ Sie deutete auf das große, ansehnliche Gebäude des Klosters Wilten und auf die knapp daneben stehende Pfarrkirche von Wilten. Breit und wuchtig stand der alte Bau in dem Talkessel von Innsbruck, umgeben von einer einzigartigen, grandiosen Natur, von einer Natur voll ernster Majestät und unnahbarer Vornehmheit.

Vom Turm der Wiltener Pfarrkirche tönte dumpfes Glockengeläute, langsam und schwer und unaufhörlich. Schon den größten Teil des Weges, den sie über die Felder von Pradl kommend zurückgelegt hatten, mußte Adele immer auf dieses Glockengeläute hören. Je näher sie kamen, desto mehr bedrückte es die junge Frau. Es erschien ihr so unsagbar traurig, wie ein Grabgeläute, und beklemmte sie gleich einer düsteren Vorbedeutung.

Dieses Gefühl der seelischen Schwere hatte Adele auch nie mehr verloren, seit sie in Innsbruck lebte. Wenn die Glocken der Stadt zu ihr herauftönten in ihr kleines, sonnenbeschienenes Heim, dann stiegen ihr heiße Tränen in die Augen. Tränen des Heimwehs, der Sehnsucht nach dem heitern Glockenklang der Türme von München; Tränen einer großen, unbestimmten Angst vor der Zukunft ...

Die kleine Dora saß noch immer am Boden und herzte ihre Puppe. Die ungewohnte Stille, die in dem Zimmer herrschte, machte das Kind erstaunt aufschauen. Unruhig rutschte sie hin und her und fing nun laut mit sich selber zu plappern an. Aber nicht lange, dann lief sie hin zu der Mutter, die noch immer ganz versunken ihren Gedanken nachhing, und umschlang die Knie der jungen Frau.

„Mutti, schon wieder traurig? Dora hat dich lieb! So lieb!“ Weit breitete das goldhaarige kleine Mädchen seine dünnen Ärmchen aus und küßte stürmisch die leise zuckenden Lippen der Mutter. Die Erinnerungen hatten Adele wehmütig gemacht. Beinahe hätte sie ihre Beherrschung verloren und in Gegenwart der Tante geweint.

Die Apothekerin sah auch nachdenklich aus. Aber es war eine andere Gedankenwelt, in der sie lebte. „Ich hab’ mir’s jetzt gerade überlegt, wie man das mit die Bilder vom Felix machen könnte!“ sagte Frau Therese Tiefenbrunner über eine Weile. „Das geht nicht so weiter mit euch. Das seh’ ich schon selber ein. Ausstellen muß er schon können, der Felix. Da darf halt jetzt der Simon, mein Mann, nicht mehr nachgeben. Ich werd’ das schon veranlassen, daß er nicht mehr nachgibt. Es ist halt ein Kreuz! Aber du weißt ja, daß dem Patscheider, der da einen großen Einfluß hat, die Bilder vom Felix nicht gefallen tun.“

„Das ist ja das Unerhörte!“ brauste jetzt Adele auf. „Daß von diesem Menschen soviel abhängt!“

Die junge Frau, die das Kind zu sich auf den Schoß genommen hatte, stellte es nun in ihrer Erregung wieder auf den Boden. Erschrocken und scheu sah das kleine Mädchen auf Adele. Dann holte es sich die Puppe und ließ sich zu den Füßen der Mutter nieder, als fühlte sie es, daß schon ihre Nähe allein der Mutter eine Beruhigung sein müsse.

„Und noch dazu kennt er überhaupt kein Werk von Felix!“ fuhr Frau Adele fort.

„Wohl, kennen tut er schon etwas!“ berichtete die Frau Tiefenbrunner. „Vorig’s Jahr, da hat doch der Felix in einem Schaufenster drunten in der Stadt etwas ausg’stellt g’habt. Ich glaub’, es war ein Weibsbild.“

„Ja, eine Studie, eine Aktzeichnung war’s. Die konnte doch unmöglich wirken hinter der blanken Spiegelscheibe!“ verteidigte Adele das Werk ihres Mannes.

„Was das anbelangt, das entzieht sich meiner Beurteilung. Ich weiß nur, daß der Patscheider sich allzeit gewehrt hat gegen eine Ausstellung, und daß der Simon gemeint hat, daß das nackte Frauenzimmer daran schuld sei. Der Felix soll halt nimmer solche Sachen malen. Er muß doch bedenken, daß wir hier alles anständige Frauen sind!“

Adele Altwirth hatte es schon längst aufgegeben, über Kunst und Kunstbegriffe, über Erlaubtes und Unerlaubtes in der Kunst mit Frau Tiefenbrunner zu sprechen. Sie wußte, daß jedes Wort vergebens gewesen wäre. Und sie war gerecht genug, es einzusehen, daß die kleinliche Umgebung, in der die Tante lebte, auch ein Verstehen ihrerseits unmöglich machte. Sie verargte es der Apothekerin nicht. Um so weniger, da sie bestimmt wußte, daß selbst die Äußerung, die sie soeben von ihr gehört hatte, nur das Echo einer fremden Meinung gewesen war.

Was Adele empörte, war, daß der Einfluß eines Ignoranten, dem jeder Begriff und jedes Verständnis für Kunst fehlte, ein so mächtiger sein konnte. Frau Adele erfaßte die ihr günstig scheinende Gelegenheit, um der Tante wieder einmal tüchtig zuzureden, sie möchte doch die Ausstellung erwirken. Oft hatte sie es ja schon getan, und Frau Tiefenbrunner hatte auch stets ihren Mann in diesem Sinne bearbeitet. Aber der Erfolg bei dem Kaufmann Patscheider war immer ein negativer gewesen.

„Wir können das verrückte Zeug nit brauchen, Herr Tiefenbrunner!“ hatte der Patscheider den Apotheker brüsk abgewiesen. „Lassen Sie’s Ihnen g’sagt sein, so was ist nix für uns. Wir sind zu g’sund dazu!“ Und kleinlaut war dann der Apotheker zu seiner Frau gekommen und hatte ihr das Resultat seiner Unterredung mitgeteilt.

„Wann halt ich selber einmal mit dem Patscheider reden tät’!“ sagte Frau Tiefenbrunner nachdenklich. „Vielleicht nutzt es mehr, wenn ich red’!“ meinte sie gutmütig.

„Ja, Tante, tu’ das! Ich bitte dich darum!“ sagte Adele fast flehend.

Sie hatte in diesem Punkt vollste Zuversicht auf die Apothekerin und traute ihrem Geschick entschieden mehr als jenem des Herrn Simon Tiefenbrunner.

Elftes Kapitel.

Frau Therese Tiefenbrunner brachte es tatsächlich zustande, daß der Herr Patscheider seine Mithülfe zusagte. In einem der größten Säle wurde endlich die Ausstellung veranstaltet.

Felix schwelgte in Glückseligkeit. Auf den Rat seiner Frau war er mit der Wahl seiner Werke sehr vorsichtig gewesen. Es waren hauptsächlich Landschaften und einzelne Porträtstudien. Lauter gute und wertvolle Bilder. Bilder, die ein großes Können, eine feine Beobachtung und kühne Auffassung verrieten. Aber sie gefielen dem Patscheider trotzdem nicht. Weder ihm, noch den meisten der andern, die zur Besichtigung der Ausstellung sich eingefunden hatten.

„Es ist doch ein verrücktes Zeug!“ behauptete der Patscheider. „Wär’ er g’scheiter in München blieben, er paßt nit herein zu uns!“

Auch die Kritik der Lokalblätter verhielt sich kühl und ablehnend, und der Erfolg, den die Ausstellung hatte, war gleich Null.

Ein einziges Bild wurde verkauft, und das am allerletzten Tag der Ausstellung, da Felix und Adele schon jede Hoffnung auf einen materiellen Ertrag aufgegeben hatten.

Das Bild war eine feine Landschaft, und der Erlös daraus sicherte die Existenz des jungen Künstlerpaares für die nächsten Monate. Es war ein großer Freudentag für Felix und Adele. Ein Tag, an dem ihnen die Hoffnung auf kommende bessere Zeiten wieder Kraft und Mut verlieh.

Der alte Rat Leonhard war der Käufer dieses Bildes gewesen. Es gefiel ihm zwar nicht, aber er kaufte es trotzdem. Er kaufte es, weil es das teuerste unter allen Bildern war. Er wußte auch nicht, was er damit anfangen sollte. Aufhängen mochte er es nicht, und er hätte auch keinen Platz dafür gehabt. Um es in einen Kasten zu legen, dafür war das Bild entschieden zu groß. Die Frage der Aufbewahrung kostete dem alten Herrn viel Kopfzerbrechen. Fast soviel, als es ihm Selbstüberwindung und schwere Seelenkämpfe verursacht hatte, sich zu dieser entscheidenden Tat aufzuraffen.

In dem geheimsten Winkel seiner Seele war der Herr Rat nämlich ein alter Geizhals. Er sparte, sparte für sich selbst und gönnte sich nur das Allernotwendigste. Für so etwas wie Kunst hätte er unter normalen Umständen keinen Kreuzer übrig gehabt. Aber der alte Herr Rat war nicht mehr ganz geistig normal. Wenigstens fing er das jetzt selber zu glauben an, nachdem er sich zu dieser kühnen Tat durchgerungen hatte.

Er kaufte das Bild einzig und allein wegen seines kleinen goldblonden Lieblings und freute sich schon im vorhinein auf das glückliche Jauchzen des Kindes ... „Papa hat ein Bild verkauft, Onkel Rat! Denk nur einmal, so viel Geld!“ Und dann würde sie ihre zierlichen, magern Ärmchen auseinanderbreiten, wie das ihre Art war, um damit zu zeigen, daß ihre Eltern eine ganze Welt von Geld ihr eigen nannten ...

Das kleine Mädchen war es auch, das unbewußt die ganze Not ihrer Eltern dem alten Herrn verriet. Dora war eine kleine Plaudertasche. Sie mußte immerzu plappern. Alles Mögliche und Unmögliche. Der Rat Leonhard kannte gar bald alle ihre Spielsachen, wußte, wie ihre Puppen hießen, und erhielt jeden Tag genauen Bericht über die eingenommenen Mahlzeiten. Ohne daß er sie fragte, erzählte es ihm das Kind.

Dieses Redebedürfnis des kleinen Mädchens mochte wohl daher stammen, daß Dora fast den größten Teil des Tages sich selber überlassen blieb. Die gedrückte Stimmung, in der die Eltern lebten, ließ sie nicht dazu kommen, sich viel mit ihrem Kinde zu beschäftigen. Felix schon gar nicht. Der war zu nervös, zu aufgeregt und zu verzweifelt, um dem Kinde viel Beachtung zu schenken. Und Adele, die von Natur aus ohnedies sehr schweigsam war, hing jetzt viel ihren eigenen sorgenvollen Gedanken nach. Sie spielte wohl mit dem Kinde, aber Dora fühlte es instinktiv, daß ihre Mutter nie ganz bei der Sache war ... daß es ihr nicht Freude machte wie dem Onkel Rat, wenn sie immerzu ihre kindlichen Fragen stellte und drauflos plapperte.

Vor der Tante Therese hatte Dora eine Art Scheu. Sie ging ihr nicht zu. Und Frau Therese, die nie ein eigenes Kind gehabt hatte, verstand es auch nicht, sich mit Dora abzugeben.

Der alte Rat Leonhard aber verstand das viel besser und lebte mit dem kleinen Mädchen in ihrem Phantasiereich. Redete mit ihr in ihrer eigenen Sprache, interessierte sich für ihren Gedankenkreis, lachte mit ihr und tat, was sie ihn hieß.

So wurde der alte Herr der einzige Spielgefährte des Kindes. Immer länger wurden die Ständchen, die er droben auf dem Weg zur Weiherburg mit dem kleinen Mädchen abhielt. Es war schwer zu sagen, wer von den beiden sich mehr auf diese tägliche Zusammenkunft freute.

Adele sah es gerne, daß ihr Kind so viel Anwert bei dem alten Sonderling gefunden hatte. Aber davon, daß Dora zur Verräterin ihrer verschämten Armut wurde, hatte die junge Frau keine Ahnung ...

Das Geld, das Felix durch den Verkauf seines Bildes eingenommen hatte, ging zur Neige. Die alte Not hielt Einkehr in dem kleinen, sonnigen Häuschen und lastete noch drückender und schwerer auf Felix und Adele.

Es kamen Tage, an denen Adele ihrem Kind das Brot vorzählen mußte. Sie mußte sich jedes Stückchen Brot, jeden Schluck Milch, den sie Dora gab, berechnen, um mit dem wenigen Geld, das sie noch übrig hatten, so lange als möglich wirtschaften zu können.

„Mutti, warum gibst du mir jetzt so wenig Brot?“ fragte das Kind einmal und sah betrübt auf die dünne Scheibe, die sie in ihren Händchen hielt. „Ich hab’ mehr Hunger, ich will noch ein Brot.“

Und Adele schnitt ein größeres Stück für das Kind herunter. Sie konnte den Klageton nicht hören. Jetzt noch nicht. Auf sich selbst vergaß die junge Frau. Es war lange her, seit sie sich das letztemal sattgegessen hatte. Aber das machte nichts, wenn nur Felix und das Kind genug hatten.

„Mutti, gibst du mir nicht gerne Brot?“ frug Dora und sah mit großen, forschenden Augen in das ernste Gesicht der Mutter.

„Doch, mein Liebling, mein Schatz, mein süßer!“ versicherte Adele und küßte mit stürmischer Zärtlichkeit ihr kleines Mädchen. Dabei fielen ihr heiße Tränen über das blasse Gesicht.

„Warum weinst du denn?“ fragte die kleine Dora. „Hast du wieder kein Geld?“

„Nein, Schatzi, bald gar keines mehr. Wir müssen den lieben Gott bitten, daß er uns wieder welches schickt!“ sagte Adele.

Das kleine Mädchen nickte verständig mit dem goldlockigen Köpfchen. Dann biß sie heißhungrig in das große Brotstück. Die Luft da droben auf der Weiherburg ist besonders frisch und macht kleinen Kindern einen gesunden Appetit. Ernst und nachdenklich sah Dora mit ihren großen blauen Augen auf die Mutter, die noch immer leise vor sich hin weinte ...

„Du, Onkel Rat,“ sagte Dora am Nachmittag desselben Tages zu dem alten Herrn, „hast du Kuchen mitgebracht?“

Der Rat Leonhard mußte bei solchen Fragen des Kindes stets laut lachen. Dora stellte diese Fragen in einem so drollig gebieterischen Ton und machte dabei ein so ernstkomisches Gesichtchen, daß der alte Rat ein lautes Lachen nicht unterdrücken konnte.

„Nur zwei Orangen,“ sagte er dann, „in jedem Sack eine. Such’ sie dir nur!“

Das kleine Mädchen besorgte das Suchen mit einer Gründlichkeit und mit einem Eifer, daß die Manteltaschen des Herrn Rat Gefahr liefen, aufgerissen zu werden.

„Morgen mußt du viel Kuchen mitbringen, Onkel Rat!“ sagte das Kind. „Die Mama hat kein Geld, weißt du, und kann mir kein Brot mehr geben. Und der liebe Gott hat kein Geld geschickt, und ich hab’ Hunger!“ erzählte Dora und sah mit ihrem zarten Gesichtchen, das so weiß und rosig war wie die feinste Blüte eines Apfels und einen ungewöhnlich innigen Ausdruck besaß, ernsthaft zu dem alten Herrn empor.

Bei der Rede des Kindes war der Rat Leonhard tief erschrocken. Stand es wirklich so schlimm bei den Altwirths? Hunger ... das Kind hatte Hunger. Ganz verstört war der alte Herr geworden. Er konnte sich für den Augenblick gar nicht fassen und hörte nur zerstreut auf die Neuigkeiten, die ihm Dora noch mitzuteilen hatte. Lauter liebe, kleine Angelegenheiten von den Puppenkindern waren es.

„Bringt dir die Tante Therese nie Kuchen?“ forschte dann der Rat Leonhard.

„Oh ja, manchmal schon, aber ich darf sie nicht bitten. Mama hat’s verboten.“

„Und mich, mich darfst du schon bitten?“

Das Kind schüttelte das Köpfchen und sah schalkhaft zu dem alten Manne auf. „Weißt du, das weiß die Mama ja gar nicht. Die weiß nicht, was ich dir erzähle. Darum tu’ ich’s ja!“ lachte Dora listig.

Am nächsten Tag brachte der Rat Leonhard einen großen Gugelhupf mit und am übernächsten Tag eine mächtig große Torte. „Sagst der Mama, ich hab’ so viel Bäckerei geschickt bekommen von meiner Schwester, daß ich sie nicht allein essen kann!“ trug er dem Kinde auf. Der Rat Leonhard besaß zwar gar keine Schwester, aber das konnte Frau Adele doch nicht wissen.

Adele war aber trotzdem mißtrauisch geworden, hatte Verdacht geschöpft und unterzog ihr kleines Töchterchen einem Verhör. Und mit hochrotem Gesichtchen hatte dann die kleine Sünderin ihre Schuld gebeichtet.

„Ja, Mutti, wenn uns der liebe Gott doch kein Geld schickt ...“ hatte sie entschuldigend hinzugefügt. „Der Onkel Rat ist so gut und kann schon Kuchen bringen.“ --

In den nächsten Tagen machte sich der Rat Leonhard abends nach dem Stammtisch beim Weißen Hahn an den Apotheker Tiefenbrunner heran. Das war ganz gegen seine Gewohnheit. Denn für gewöhnlich pflegte sich der alte Herr mit einem kurzen Gruß und beinahe fluchtartig vom Stammtisch zu entfernen, damit es ja keinem der Herren einfiele, ihn etwa ein Stück des Weges zu begleiten.

Heute aber wartete der Rat Leonhard sogar auf den Apotheker und war freundlich mit ihm. Sprach mit ihm, bis sie aus dem Lokal gegangen waren. Dann blieb der Rat stehen und sagte: „Begleiten jetzt Sie mich oder muß ich mit Ihnen gehen?“ Der Entschluß, einen kleinen Umweg zu machen, kam den alten Sonderling noch im letzten Augenblick recht hart an.

„Aber ich bitte, ich bitte!“ beeilte sich Simon Tiefenbrunner zu versichern. „Ich gehe gern mit Ihnen. Es tut mir gut, so ein kleiner Rundgang in der Nacht.“ Innerlich war der Apotheker jedoch gar nicht so begeistert von dem „kleinen Rundgang“. Er sehnte sich ganz gewaltig nach Hause ins Bett.

Der Rat Leonhard wohnte ziemlich weit droben in Wilten. Er liebte es, seinen Heimweg stets so einzurichten, daß er beim Gerichtsgebäude, der Stätte seines einstigen Wirkens, vorüberkam. Teilweise aus Anhänglichkeit und teilweise aus Gewohnheit.

Wenn der Herr Rat einmal auf der Straße neben einem Menschen zu gehen hatte, so pflegte er dieses ungewohnte Ereignis stets mit allerhand vorbereitenden Zeremonien einzuleiten. So einen Menschen neben sich gehen zu hören, mit ihm Schritt halten zu müssen und ihn gar noch in ein Gespräch zu verwickeln, das war dem alten Herrn im höchsten Grade zuwider. Aber es mußte heute eben sein. Damit hatte er sich abzufinden.