Part 14
Der alte Rat Leonhard, der jetzt schon längst wieder seine Pfeife rauchte, legte seinen kleinen, grauen Kopf leicht zur Seite, klemmte die Pfeife fest zwischen die Zähne, zog die Nase empor, so daß sich auf ihr viele kleine Falten bildeten, und erhob warnend den Zeigefinger seiner magern, runzligen Hand ... „Es wird ihm nit g’fallen da, dem Felix. Es ist nit ’s Richtige bei uns da herinnen. Wir vertragen so was nit. So was ... was außerhalb von uns liegt, das geht uns gegen den Strich. Das wollen wir nit. Und das tut auch kein Gut nit, wenn’s zu uns hereinkommt! Schreiben’s das dem Felix, Herr Apotheker!“
Der alte Herr erhob seine beiden Hände nach rechts und nach links, mit den Handflächen nach auswärts wie ein Prediger, nickte bekräftigend mit dem Kopf und meinte dann noch einmal in eindringlichem Ton: „Ich hab’s g’sagt! Ich hab’s g’sagt!“
Zehntes Kapitel.
Der alte Rat Leonhard hatte seine ganz bestimmten Lebensgewohnheiten und seine genau festgesetzte Tageseinteilung. Davon wich er auch nicht ab. Um keinen Preis. Diesen Gewohnheiten kam er nach mit einer Pünktlichkeit und einer Sorgfalt, die den einstigen pflichtgetreuen und exakten Beamten verrieten.
Zu den Gepflogenheiten des Herrn Rats gehörte es auch, daß er jeden Tag, wenn die Uhr vom Turm zwei schlug, durch den Torbogen schritt, der die Franziskanerkirche mit der Hofburg verbindet. Schlag zwei Uhr war der alte Herr am Ende des Burggrabens zu sehen. Bei Regen und Sonnenschein, bei Sturm und Schnee.
Täglich ging er den gewohnten Gang. Schritt langsam, fast schleichend, mit vorgebeugtem Oberkörper, die Hände auf dem Rücken und einen hellgrauen Regenschirm unter dem Arm, hinaus auf den breiten Rennweg bis hinunter zum Inn.
Er hatte einen weichen, runden Hut auf dem Kopf, der ihm tief ins Gesicht fiel. Einmal mochte der Hut ein ganz gutes Äußeres gehabt haben. Das mußte aber gewiß schon recht lange her sein. Sicher war der Hut einmal schwarz gewesen. Jetzt war er grünlich, bräunlich, grau und von einer Ungebundenheit der Form, die schon geradezu etwas Künstlerisches an sich hatte.
Dazu trug der Herr Rat einen langen, tiefbraunen Überrock, der auch vor undenklichen Zeiten einmal modern gewesen war. Jedes Jahr trug der Rat Leonhard denselben Hut und denselben Mantel. Man kannte ihn in Innsbruck gar nicht anders als mit diesen Kleidungsstücken. Nur während der heißen Sommermonate hatte der Herr Rat einen Hut und einen Überzieher von ganz hellgrauer Farbe. Die waren aber beide so alt und unmodern wie ihre Kollegen von der kälteren Jahreszeit.
Zwei Hüte und zwei Überröcke, die genügten dem alten Herrn vollständig für eine lange Reihe von Jahren. Von seinem Regenschirm trennte er sich nie. Nicht im Sommer und nicht im Winter, weder bei Schneegestöber noch bei strahlend blauem Himmel.
Und tagtäglich wanderte der Herr Rat denselben Weg hinunter zum Inn, bis zu der schmalen Brücke, dem sogenannten Kreuzersteg, die nach Sankt Nikolaus hinüberführt. Der alte Herr schlich langsam und bedächtig seines Weges und achtete kaum auf die Grüße der Leute, die ihn als einen alten Innsbrucker nun schon jahrzehntelang gut kannten. Kaum, daß er flüchtig den gebotenen Gruß erwiderte. Er liebte es gar nicht, wenn man ihn kannte, und fühlte sich durch solche Begegnungen sofort in seiner Gedankenwelt gestört.
Auf dem Innsteg blieb der Herr Rat stehen und sah eine Weile dem Spiel der Wellen zu. Dann erst beschloß er, seinen Spaziergang fortzusetzen. Von hier aus schlug der alte Herr die verschiedensten Wege ein. Je nach dem Wetter. Aber am liebsten ging er hinauf zur Weiherburg, vorüber an der Sankt Nikolauskirche, vorbei an dem ansehnlichen roten, breiten Schloßbau von Büchsenhausen, und dann noch weiter hinauf, immer in sachter Steigung bis zur Weiherburg. Bis zu diesem entzückenden kleinen Schlößchen mit seinem spitzen Turm und mit der prachtvollen Fernsicht auf die Stadt und auf die Berge des Unterlandes. Herrlich baut sich dort gegenüber das Kellerjoch und das südliche Mittelgebirge mit der Kuppel des Patscherkofels auf. Und rechts von ihm im Hintergrund erhebt sich in ihrer vornehmen Ruhe die stolze Königin der Innsbrucker Gebirgswelt, die Serles.
Es ist ein wundervoller Fleck Erde, auf dem dieses kleine, bescheidene Schlößchen thront. Der alte Rat Leonhard liebte den Ausblick da droben und erfreute sich oft und oft daran, und immer mit dem gleichen frommen Gefühl der Andacht, die ihn angesichts dieser herrlichen Natur stets wieder von neuem ergriff.
Der alte Herr ging immer allein und konnte es gar nicht leiden, wenn sich ihm ab und zu einmal ein Bekannter auf seinem Weg anschloß. Er wollte allein sein ... allein mit der Natur und mit seinen Gedanken. Er wollte allein genießen und allein sehen.
Und er sah viel, der alte Herr. Viel mehr als andere Leute. Und er wußte auch viel, obwohl er nur für sich lebte und sich anscheinend um nichts kümmerte, als um seine eigene Person. So wußte er doch vieles, was um ihn vorging. Wußte es besser zu deuten und zu beurteilen als die andern.
Der alte Rat Leonhard ging fast täglich diesen Weg zur Weiherburg hinauf. Sommer und Winter. Und ganz besonders gern im Winter. Da brannte die liebe Frau Sonne so herrlich warm, daß die Eiszapfen an den Dächern der Häuser und Villen, die verstreut am Wege lagen, zu tauen begannen und daß der festgefrorene Schnee unter den Füßen nicht so unbarmherzig knirschte, sondern den Schritten der Menschen nachgab wie das weiche Fell eines Eisbären.
Es war hier oben gleich einer trostvollen Verheißung der Natur, daß dieser harte, starre Mantel aus Eis und Schnee, der alles in grausame Kälte hüllte, Berge und Stadt, Gärten und Wiesen, der dem breiten Fluß drunten im Tal einen immer dichter werdenden Eispanzer anzulegen drohte, schwinden werde ... daß all dies gänzliche Absterben in der Welt durch ein jähes, warmes Wunder plötzlich und über Nacht zu neuem treibendem und keimendem Leben erwachen werde. Und deshalb liebte der alte Herr diese Gegend von Innsbruck ganz besonders, weil dort droben der Süden über der Stadt grüßte. Der herrliche, wärmende und das Frühjahr verkündende Süden.
In einem Häuschen in der Nähe der Weiherburg, das mit seinem zierlichen Garten und seinem putzigen Balkon so niedlich war wie ein Puppenheim, wohnte der Maler Felix Altwirth seit zwei Jahren. Und die kleine dreijährige Dora mit dem goldroten Lockenhaar und den ungewöhnlich großen, blauen Augen spielte in dem Garten. Spielte und sang und rodelte im Winter auf einem kleinen Schlitten die Anhöhe hinunter, die von der Weiherburg zu ihrem Heim führte.
Fast täglich sah der alte Herr Rat das Kind. Und sie kannten sich auch gut, diese beiden. Wenn die kleine Dora den alten Herrn kommen sah, dann lief sie ihm jedesmal entgegen, hüpfte fröhlich an ihm empor und fragte „Hast du mir was mitgebracht, Onkel Rat?“
Und dann untersuchte das freche kleine Persönchen mit ihren weichen Patschhändchen die unförmigen großen Manteltaschen des Herrn Rates. Der alte Herr blieb geduldig stehen und ließ sie gewähren. Ja, er half ihr sogar dabei, daß sie besser hineinlangen und die Überraschung finden konnte, die er für sie hatte. Eine Orange, ein Stück Schokolade oder gebratene Kastanien. Mit leeren Händen kam der alte Rat Leonhard jetzt nie mehr an dem kleinen Häuschen vorbei. Nie mehr, seit jener Freundschaftsbund zwischen ihm und dem Kind gegründet wurde.
„Warum hast du immer den garstigen Schirm mit, Onkel Rat?“ hatte ihn einmal das Kind gefragt. „Es regnet doch gar nicht. Da brauchst du ihn nicht. Wart’, gib mir den Schirm, ich will damit spielen.“
Und lächelnd tat ihr der alte Herr den Willen. Er lächelte tatsächlich, der alte Junggeselle mit dem stets verdrossenen Mopsgesicht. Lächelte und sah dem kindlichen Spiel des kleinen Mädchens zu, wie sie eifrig plappernd mit seinem Schirm auf und ab lief, stets erzählte und mit der Spitze des Schirmes Figuren in die Erde zeichnete.
„Weißt du, das ist ein Bild. Ein schönes Bild!“ erklärte sie dann wichtig. „Das hab’ ich gemalt, ganz wie der Papa malt, nur noch viel schöner. Und das mußt du jetzt kaufen!“ Und plötzlich sah das Kind nachdenklich zu dem alten Manne auf und sagte: „Kauf! Du mußt es kaufen, Onkel Rat, damit ich Geld bekomme! Dann bring’ ich es der Mama, und dann lacht die Mama. Und meine Mama ist so lieb. So lieb ... und ich hab’ sie so lieb!“ erklärte das kleine Mädchen und machte mit beiden Armen einen großen Kreis, um anzudeuten, wie lieb sie ihre Mama habe. „Hast du meine Mama auch lieb, Onkel Rat?“ fragte sie dann den alten Herrn und sah ihn forschend an. „Zeig, wie lieb du meine Mama hast!“
Der Rat Leonhard mußte unwillkürlich lachen über die Rede des Kindes. Dabei fuhr er mit ungeschickten Händen über das blonde Lockenköpfchen. Die alten Hände des Rates Leonhard waren es nicht gewöhnt zu liebkosen. Als er mit seinen plumpen Fingern das erstemal streichelnd über das Kinderköpfchen fuhr, fast ängstlich und zaghaft, als könne er das kleine Ding irgendwie verletzen, da durchrieselte es den alten Herrn ganz merkwürdig. Eine Rührung überkam ihn, ein nie gekanntes Gefühl, das er auch schleunigst niederzukämpfen trachtete.
Das Kind hatte den alten Herrn liebgewonnen und wartete täglich am Gartentor, bis es seine gebeugte Gestalt den Berg herauf kommen sah. Dann lief es ihm entgegen und begleitete ihn ein Stück des Weges. Hand in Hand gingen sie dann nebeneinander her, und das fröhliche, sorglose Kind zwitscherte und plauderte und erzählte dem alten Herrn alles, was ihm gerade durch den Sinn kam.
Fast ein Jahr schon dauerte die Freundschaft. Von Tag zu Tag freute sich der alte Herr Rat auf das Wiedersehen mit dem Kinde. Freute sich auf den Lichtblick, der in sein einsames Dasein fiel.
Von Felix Altwirth und dessen Frau bekam der Rat Leonhard nur wenig zu sehen. Aber er wußte durch die Erzählungen des Kindes ziemlich genau Bescheid, wie es bei dem kleinen Mädchen daheim zuging ...
Gleich nach seiner Übersiedlung von München war Felix Altwirth am Stammtisch beim Weißen Hahn aufgetaucht und hatte auch seine junge Frau den Herren dort vorgestellt. Felix Altwirth war ziemlich kühl aufgenommen worden. Er war ein Fremder geworden in diesem Kreis ... einer, mit dem sie nicht recht wußten, was beginnen. Und Felix wiederum hatte das beklemmende Gefühl, daß die Herren ihn als Künstler nicht einzuschätzen verstanden, daß er für sie trotz der Erfolge, die er doch in seiner Kunst zu verzeichnen hatte, derselbe Felix Altwirth geblieben war, der arme Schlucker und verbummelte Student, auf den sie mehr oder weniger geringschätzig herabsahen.
In Wirklichkeit verhielt sich die Sache jedoch anders. Die Herren am Stammtisch wollten gut und entgegenkommend gegen Felix sein, aber nicht einer von ihnen fand den richtigen Ton, der über das beklemmende Gefühl hinweggeholfen hätte, das sie schließlich in ganz gleicher Weise beherrschte wie den jungen Künstler.
Adelens Gegenwart mochte vielleicht auch daran Schuld tragen. Die junge Frau paßte so gar nicht in dieses Milieu. Sie, die den freien, herzlichen und ungezwungenen Ton der Münchener gewöhnt war, fühlte sich durch die wortkarge Art der Herren beleidigt. Sie verstand diese Eigenart nicht. Woher sollte sie es auch wissen, daß die Herren sich mit jedem Fremden, der in ihre Kreise kam, erst abfinden mußten. Daß sie ihn zuerst von ferne beobachten mußten, ehe sie ihn näher an sich herankommen ließen. Adele hatte den Eindruck, als ob eine persönliche Abneigung gegen sie vorhanden sei, als ob man sie in diesen Kreis nicht aufzunehmen wünschte.
Dieser Eindruck verstärkte sich bei ihr noch mehr durch die Haltung der Damen, denen sie vorgestellt wurde. Da war auch nicht eine einzige, die für die Fremde ein warmes Wort des Willkommens gefunden hätte. Nicht eine einzige, die sie mit guten Worten in ihr Heim geladen hätte. Die Professorin, die in solchen Fällen sonst stets die warmherzigste unter allen gewesen, war durch ihre Erfahrung mit Frau Sophie Rapp gewitzigt worden und zog es vor, gleich den andern Damen eine gemessene Zurückhaltung zu bewahren.
Nur bei der Familie des Arztes Doktor Max Storf war eine Art Freundschaftsverkehr zustande gekommen. Aber dieser Verkehr war auch nur äußerst oberflächlich und kam nie über das Niveau der gegenseitigen Anstandsbesuche hinaus. Auch zwischen Felix und Max war die alte Jugendfreundschaft nicht mehr wie früher. Dazu mangelte es dem vielbeschäftigten Arzt an Zeit. Und auch die beruflichen Interessen der beiden waren so verschiedener Art, daß sich die zwei Freunde nicht mehr in der innigen Weise zusammenfanden, wie das früher der Fall gewesen war.
So waren denn Felix und Adele so ziemlich allein auf sich selber angewiesen. Für Felix war die Heimat, die er mit so heißem Verlangen ersehnt hatte, eine schwere Enttäuschung geworden. Er war ein Fremder geworden in der Heimat ... einer, den man dort leben ließ, aber ohne daß er Anteil nehmen durfte an dem Aufstreben und Gedeihen der Stadt.
Adele erkannte es schon nach ganz kurzer Zeit, daß die Übersiedelung aus der lieben alten Kunststadt an der Isar ein Unglück für Felix war. Sie teilte nicht die Begeisterung ihres Mannes für die herrlichen Naturschönheiten seiner Heimat. In ihr wurde jedes erhebende Gefühl durch die kalte, frostige Art der Menschen, die sie umgaben, ertötet. Und dann drückten sie schwere Sorgen. Die Sorge ums tägliche Brot war es, die mit voller Wucht auf der jungen Frau lastete.
Sie hatte darauf gerechnet, daß sie auch in Innsbruck Musikunterricht werde geben können, daß sie gerade so, wie sie es in München getan hatte, die Hauptlast des Hausstandes tragen würde. Aber auch darin hatte sie sich getäuscht. Es fanden sich keine Schüler für die unbekannte Münchener Pianistin. Und der Umstand, daß sich Adele überhaupt mit dem Plane trug, für Geld Unterricht zu erteilen, machte sie für die Damen der Innsbrucker Gesellschaft von vornherein unmöglich.
Frau Therese Tiefenbrunner und ihr Gatte waren die einzigen, die dem jungen Künstlerpaar mit Freundschaft und Wärme entgegenkamen. Sie taten alles, was sie konnten; und trotzdem wurde in Felix bald wieder der alte Groll gegen seine Verwandten rege, und auch in Adele bäumte sich alles gegen die Art der Apothekerin. Bald kostete es sie die gleiche Überwindung und die nämliche Selbstbeherrschung wie ihren Mann, gut, freundlich und dankbar gegen die Tante zu sein.
Es verging fast kein Tag, an dem die Apothekerin nicht den weiten Weg bis zur Weiherburg hinaufkeuchte. Es wurde ihr recht hart. Frau Therese Tiefenbrunner hatte es stark mit der Atemnot zu tun. Aber sie keuchte unentwegt über die Anhöhe und langte dann ganz ermattet und erschöpft oben an.
Sie kam selten mit leeren Händen. Seit sie mit scharfem Kennerblick es bemerkt hatte, daß bei dem jungen Paar Sparhans Küchenmeister war, seitdem schleppte sie immer noch einige Päckchen mit sich herauf. Allerhand brachte sie, Kaffee, Fleisch, Zucker, Kuchen, Schürzen oder ein Kleidchen für das Kind, und was ihr sonst gerade einfiel. Sie gab und wollte geben. Aber sie tat es in einer Weise, die den feinen Sinn der jungen Frau verletzte. Frau Adele hatte das Gefühl, Almosen zu empfangen, und ihr ganzer Stolz bäumte sich dagegen. Die Art und Weise, wie sie die gut gemeinten Geschenke der Apothekerin aufnahm, kränkte wiederum die Geberin.
So kam es, daß Tante und Nichte sich bald schroff gegenüberstanden. Umsomehr, da Adele sich einmal in ganz energischer Form die taktlosen Einmischungen der Apothekerin in ihren Haushalt verbeten hatte.
Nach und nach kam die Apothekerin seltener, aber sie dehnte ihre Besuche doch immerhin noch so lange aus, stellte so eingehende Fragen und besah sich alles im Haushalt mit so prüfenden Blicken, daß Adele jedesmal nach einem solchen Besuch einem Weinkrampf nahe war.
Die Frau Apotheker hatte es bald losgehabt, daß es mit dem Einkommen ihres Neffen nicht weit her war. Mit dieser Erkenntnis war aber auch der Nimbus, der den jungen Maler in der Fremde umgab, für sie geschwunden. Felix war ihrer Meinung nach ein Mensch, der ein wenig einträgliches Gewerbe betrieb. Ein Mann, der stets in allen sieben Himmeln schwebte und der keinen festen Boden unter sich hatte. Einer, dem man forthelfen mußte, wollte man ihn nicht zugrunde gehen lassen.
Mit Adelens Art konnte sich Frau Therese Tiefenbrunner gar nicht zurecht finden. Eine Frau wie diese war ihr in ihrer Praxis überhaupt noch nicht vorgekommen. Die Apothekerin gestand es sich schon nach kurzer Zeit ganz ehrlich ein, daß sie die junge Frau nicht leiden konnte. So ehrlich war sie. Und trotzdem versuchte sie es nach Kräften, gut mit ihr zu sein, ihr mit Rat und Tat zu helfen, wo sie nur konnte. Frau Therese war fest davon überzeugt, daß die schlechte Geschäftslage, in der sich Felix befand, zum großen Teil die Schuld seiner Frau sei.
„Siehst, Adele ...“ meinte sie, als sie wieder einmal bei dem jungen Paar zu Besuch weilte, „das tät’ ich an deiner Stell’ anders machen wie du. Ich muß schon sagen, ganz anders.“
Die junge, hochgewachsene, schlanke Frau sah ängstlich auf die Tante, die in ihrer ganzen Breite in dem einzigen bequemen Lehnstuhl saß, den der bescheidene Haushalt aufzuweisen hatte.
Frau Tiefenbrunner saß breitspurig vor Adele und hielt sich steif aufrecht. Dabei zog sie den ohnedies dicken Hals vollständig ein und schob die Achseln hoch. Sie dachte, daß sie in dieser Haltung besonders imponierend aussehe. Ein feistes Doppelkinn bildete sich durch die zusammengezogenen Fettwülste des Halses. Die Lippen klemmte die Apothekerin fest gegeneinander und sah mit runden, vorwurfsvollen Augen auf die junge, blonde Frau.
„Wie anders machen? Was meinst du eigentlich, Tante?“ frug Adele mit ihrer tiefen, weichen Altstimme, die so schmelzend klang wie Glockenton aus edelstem Metall.
Frau Therese lehnte sich steif zurück und kreuzte die dicken Arme unter dem Busen. „Ich mein’, das mit dem Felix seiner Malerei!“ fuhr sie fort. „Das ist doch gar nicht klug, wie er jetzt malt, wenn er nichts verkaufen kann davon!“ sprach sie in ihrer langsamen Redeweise, Wort für Wort betonend.
„Doch, Tante, Felix verkauft schon. Erst in der vorigen Woche wieder hat er ein Bild in München verkauft!“ erzählte Adele.
„So, in München, das freut mich. Wieviel hat er denn da verdient dabei?“ erkundigte sich die Apothekerin nach einer kleinen Pause, während der sie ihre Augen forschend überall im Zimmer herumschweifen ließ, ob sie nicht irgendein Zeichen von Unordnung entdecken könnte.
„Zweihundertundfünfzig Mark ...“ berichtete Adele. Die junge Frau ärgerte sich innerlich, daß sie sich noch immer nicht so weit gebracht hatte, der Tante ihres Mannes energische Antworten zu geben. „Es war eine kleinere Landschaft ...“ fügte sie entschuldigend hinzu.
„So!“ Frau Therese nickte sehr verständnisvoll mit dem Kopf. „Das ist aber nicht viel, zweihundertundfünfzig Mark. Gar nicht viel. Da werdet ihr nicht lange auskommen damit in Innsbruck, wo die Sachen alle so teuer sind. Zum Beispiel der Blumenkohl, den hab’ ich neulich um dreißig Kreuzer haben müssen. Wieviel hast denn du bezahlt dafür?“ forschte sie, und ein verstecktes Mißtrauen lauerte in ihren Augen.
Wenn die Apothekerin von Wirtschaftsfragen anfing, dann überkam ein Gefühl tiefster, innerster Hilflosigkeit die junge Frau. Adele verstand nicht viel vom Wirtschaften. Es fehlte ihr der Sinn dafür und, wie sie sich ausdrückte, auch die Begabung. Die junge Frau war sparsam. Sie überlegte sich jede, auch die kleinste Ausgabe. Aber sie konnte sich um keinen Lohn der Welt dazu bringen, ihren Kopf nur mit Haushaltungssorgen anzufüllen. Und schon gar für die verschiedenen Preise der Waren hatte sie nicht das geringste Gedächtnis. Sie vergaß alles sofort wieder.
Adele empfand das selber wie einen Mangel. Dieser Fehler war ihr eigentlich erst jetzt, da sie gewissermaßen unter der ständigen Kontrolle der Tante ihres Mannes stand, so recht zum Bewußtsein gekommen. Die junge Frau fühlte es auch, daß Frau Therese Tiefenbrunner sie durchschaute und sie innerlich wegen dieses Mangels verurteilte. Adele lenkte daher stets das Gespräch mit einiger nervöser Hast von der Hauswirtschaft auf einen andern Gegenstand. So auch jetzt wieder.
„Ich habe in letzter Zeit keinen Blumenkohl gekauft, Tante,“ entgegnete die junge Frau. „Und was das Geld anbetrifft, da hast du ganz recht. Es ist wenig. Felix sollte eben hier in seiner Heimatstadt Anwert finden. Es ist doch einfach ein Skandal, daß sich gar niemand um ihn kümmert!“ sagte sie erbittert.
„Was das Bekümmern anbelangt,“ entgegnete die Apothekerin in ihrer ruhigen Weise, „so kann ich dir sagen, daß das gar nicht so schlimm ist. Die Leute müssen eben erst etwas Gemaltes sehen vom Felix. Dann werden die Innsbrucker schon kaufen. Die sind nicht so, wie du dir einbildest. Die haben Geld und haben auch ein Kunstverständnis. Aber natürlich, die Katz’ im Sack kaufen, das kann man von keinem Menschen nicht verlangen. Von gar keinem!“ fügte sie mit Nachdruck hinzu.
Frau Tiefenbrunner fühlte sich stets persönlich gekränkt, wenn die junge Frau sich über die Stadt und deren Verhältnisse im ungünstigen Sinne äußerte.
„Das verlangen wir auch nicht, Tante,“ meinte Frau Adele. „Wir verlangen nur, daß Felix endlich einmal die Möglichkeit geboten wird, seine Bilder auszustellen. Aber es ist ja hier geradezu, als lebten wir wie Ausgestoßene, wie ...“
„Du, Adele, tu’ mir nicht immer so schimpfen über Innsbruck! Das möcht’ ich mir schönstens verbeten haben. Du bist eben keine Hiesige nicht und verstehst das alles halt nicht besser!“ sagte Frau Tiefenbrunner entschuldigend.
Adele, die früher vor der Tante gestanden war, hatte sich jetzt auf einen Hocker der Apothekerin gegenüber gesetzt und ihren Kopf nachdenklich in ihre schlanken, weißen Hände gestützt. Diese weißen, untadeligen Hände, die so wenig nach Arbeit aussahen, waren der Frau Therese Tiefenbrunner ein großer Dorn im Auge. So oft sie diese Hände nur sah, schaute sie sie fest und lange an. Sie wollte wenigstens durch ihre Blicke Adele darauf aufmerksam machen, daß es sich für deren Stand absolut nicht schicke, so feine, gepflegte Hände zu haben. Adele hatte zu arbeiten, zu putzen, zu kochen und zu scheuern. Auf diese Weise hätte sie das Wohlgefallen der Apothekerin gefunden.
Überhaupt gefiel Frau Therese Tiefenbrunner die ganze Erscheinung der jungen Frau nicht. Frau Adele war schlank von Gestalt, graziös in jeder Bewegung und von der weichen Biegsamkeit eines sehr jungen Mädchens. Sie hatte so gar nichts Frauenhaftes an sich. Auch ihre Kleidung, so einfach und bescheiden sie war, verriet den künstlerischen Anstrich in Farbe und Schnitt. Adele sah jugendlich aus und liebte es, diesen Eindruck noch zu erhöhen.
Die junge Frau hatte ein blasses, ernstes Gesicht. Sie besaß eine herbe Schönheit, die aber erst, wenn man sie näher kannte, zur vollen Geltung kam. Nur selten lösten sich die schmalen, streng geschlossenen Lippen zu einem weichen Lächeln. Das war dann aber von einer wunderbaren Innigkeit und Wärme, verklärte ihr ganzes Wesen und brachte in die hellgrauen Augen, die von dunkeln Wimpern beschattet waren, einen feuchten, bezaubernden Glanz. Mit ihrem seidenweichen, aschblonden Haar und der stets leichtgesenkten Kopfhaltung machte Frau Adele dann den Eindruck einer Madonna, einer Gottesmutter in der Auffassung eines germanischen Künstlers.
Die Apothekerin hatte wenig Sinn für die herbe Schönheit der jungen Frau. Sie fand „gar nichts Besonderes“ an ihr und konnte es nicht begreifen, daß sich der Felix in der großen Stadt keine bessere und schönere „aufgegabelt“ hatte. Sie fand Frau Adele kalt, unfreundlich, undankbar und leichtsinnig. Jedenfalls gar nicht geeignet, den flatterhaften Sinn ihres Mannes zu bändigen und ihn auf vernünftige Bahnen zu leiten. Dabei war Frau Adele in den Augen der Apothekerin auch noch hochmütig und ungelehrig, wollte nichts annehmen, was man ihr sagte, und verstand alles immer viel besser.