Part 11
Eine bedrückende und ungemütliche Stille herrschte jetzt im Herrenstübel. Der Apotheker Tiefenbrunner schlich ängstlich zu seinem Sitz hinüber und wagte es für die erste Zeit gar nicht, seiner Frau ins Gesicht zu sehen. Auch Doktor Rapp hatte wieder Platz genommen und starrte ärgerlich und mit hochrotem Kopf vor sich hin. Er ärgerte sich über sich selber, weil er sich von seinem aufbrausenden Temperament hatte hinreißen lassen.
Frau Therese Tiefenbrunner war bei dem Ausbruch des Doktor Rapp so perplex gewesen, daß sie, ohne auf die Rede Patscheiders zu achten, noch immer mit offenem Munde dasaß und ganz erschrocken dreinschaute.
Sie erfaßte überhaupt den Sinn der Worte des Doktor Rapp nicht. Die Apothekerin war nur grenzenlos verwundert, daß sich der Doktor Rapp so aufregte. Das hatte sie ja gar nicht beabsichtigt. Beleidigen hatte sie den Doktor Rapp nicht wollen. Beileibe nicht! Sie hatte sich ja bloß verteidigen wollen. Sonst gar nichts.
Aber diese modernen Männer, aus denen konnte sie doch nicht recht klug werden. Da waren ihr die alten, wie der Rat Leonhard, doch viel lieber. Die verstand man wenigstens, auch wenn sie Schrullen und Unarten hatten. Das machte nichts, und grob wurden sie auch nicht gleich wie dieser Doktor Rapp.
Frau Therese atmete aber doch ganz erleichtert auf, als der Rechtsanwalt nun wieder dablieb, und sie war dem Patscheider ordentlich dankbar für seine Vermittlung. Es störte sie nicht, daß der jetzt auch noch seinen Senf dreingab. Sie hörte gar nicht auf ihn, weil nur der Doktor Rapp durch sein Davonlaufen nicht den ganzen Abend verdorben hatte.
Der alte Rat Leonhard bewies es am heutigen Abend, daß er seine Qualitäten besaß, und daß er wohl imstande war, eine ganze Gesellschaft zu erheitern, wenn er nur wollte.
Während im Zimmer noch lautlose Stille herrschte, sich alle mehr oder weniger verlegen ansahen und keinem ein erlösendes Wort einfiel, das über die peinliche Situation hinweggeholfen hätte, fing der Rat Leonhard auf einmal ganz lustig und vergnügt zu kichern an. Zuerst war es ein leises, stilles, vergnügtes Kichern, das sich aber immer mehr steigerte, bis der alte Herr dann schließlich laut hinauslachte.
Es gehörte zu den allergrößten Seltenheiten, daß der Herr Rat einmal lachte ... und wenn es geschah, so hatte es etwas geradezu Ansteckendes. So auch jetzt. Zuerst sahen sie einander am Stammtisch verlegen an, dann schauten sie auf den Rat Leonhard, der sich riesig zu belustigen schien und dabei ein ungemein komisches Gesicht schnitt.
Die Augen in dem runzligen, sonst stets verbissenen Mopsgesicht waren verschwindend klein geworden und erschienen nur mehr als zwei schmale Striche. Den ganzen magern Körper des Herrn Rat schüttelte es vor Lachen, und sein Kopf wackelte ununterbrochen hin und her wie der Perpendikel einer alten Uhr. Die Zigarre behielt er fest zwischen den Zähnen eingeklemmt und lachte in einem fort.
Es war ein erlösendes, befreiendes Lachen, das sich nun allen mitteilte. Einem nach dem andern. Sie wußten nicht, worüber sie im Grunde lachten. Sogar Patscheider lachte mit und schließlich auch der Doktor Rapp.
„Warum wir jetzt eigentlich lachen, wissen wir zwar alle selber nit!“ äußerte sich der Patscheider über eine Weile und hielt sein Glas dem Rat Leonhard entgegen, um mit ihm anzustoßen.
„Wohl ... i schon ... i weiß es schon!“ meinte der alte Herr vergnügt. „I lach’ über Ihnen, Herr Patscheider. Grad’ über Ihnen!“ sagte er und nickte dem Kaufmann stillvergnügt zu.
„Über mich?“ tat der Patscheider verwundert. „Ja ...“
„Ja, über Ihnen, weil Sie so viel vergeßlich sind!“ Der alte Herr hob jetzt seinen Zeigefinger und sagte in eindringlichem, väterlichem Ton: „I mein’, Herr Patscheider, es sind doch immer +Sie+ derjenige, der davonlauft bei einem Streit, nit der Doktor Rapp. Aber jetzt täten Sie den Spieß umkehren. Jetzt wär’s +er+ auf einmal, der vor Ihnen die Flucht ergreift. Sie sind schon einer! A ganz a G’scheiter!“ Und neuerdings bekam der alte Herr einen Lachanfall. „Sie sind schon der Richtige, Sie! Aber so ist’s alleweil im Leben. Da schiebt man’s alleweil den andern in die Schuh’, was man nit gern zugibt.“
Patscheider mußte nun selber herzlich mitlachen. Er hatte heute entschieden seinen guten Tag und nahm nichts übel, was ihm der alte Herr unter die Nase rieb.
„Recht haben’s, Herr Rat, ganz recht!“ bestätigte er zustimmend. „Und jetzt, Sophie, bringst mir noch a Halbe Wein, weil wir so fein beisammen sind!“ sagte er vergnügt und zwinkerte dem Mädchen vertraulich zu.
„I bin nit per Du mit Ihnen!“ gab die Sophie schnippisch zurück.
„Macht nix. Was nit ist, kann noch werden!“ sagte der Patscheider. Er nahm heute einmal gar nichts krumm ...
Am Heimweg raffte der Apotheker Tiefenbrunner seinen ganzen Mut zusammen und erklärte seiner Frau mit aller Entschiedenheit, daß er mit oder ohne ihre Einwilligung den Felix „auf die Kunst“ studieren lassen werde. „Denn,“ sagte er, „i hab’ heut’ abend g’sehen, der Felix hat bei allen Herrn einen Stein im Brett. Und es könnt’ mich nur unbeliebt machen, wenn wir ihm das Geld zur Malerei nicht hergeben täten. Deswegen ist’s g’scheiter, wir fügen uns. Gelt, Alte?“
Die „Alte“ nickte und gab völlig kleinlaut ihre Zustimmung. Sie hatte im Laufe des Abends noch manches böse Wort der Damen mit anhören müssen und fühlte sich ganz klein und nachgiebig.
Da war die Frau Patscheider, die ihr gehörig zugeredet hatte und ihr erklärte, daß ein Künstler viel was Gescheiteres sei als wie ein Beamter.
Der Zorn der Frau Patscheider über ihren Gatten war bald verraucht. Sie war, als dieser durch sein energisches Dazwischentreten den Doktor Rapp zum Dableiben bewog, ordentlich stolz auf ihren Mann und verzieh ihm in diesem Augenblick alles. Er war doch ein großer Mann, dachte sie; da durfte man nicht so kleinlich sein. Und da sie zu bemerken glaubte, daß ihr Mann ein Interesse an dem Felix Altwirth nahm, so hielt sie es für ihre Pflicht, nun ihrerseits die Apothekerin tüchtig zu bearbeiten.
In allen Tonarten schilderte sie Frau Therese Tiefenbrunner das Künstlerleben. Wie schön das sei, und wie viel Geld das trage. Alles, was sie je darüber gehört und gelesen hatte, erzählte sie der Apothekerin. Und jede von den Damen brachte einen neuen Grund, warum der Felix ein Künstler werden müsse. Schließlich wurde es der Apothekerin ganz schwummrig im Kopf. Sie sagte zu allem Ja und Amen und sehnte sich dabei, nach Hause zu kommen und ihre Ruhe zu haben.
Jetzt am Heimweg begann auch noch ihr Mann davon zu sprechen, und das in so kategorischer Weise, wie er es nie zuvor getan hatte.
Frau Therese Tiefenbrunner war im Grunde ihres Herzens gut. Und ihr ganzer Widerstand gegen den Künstlerberuf ihres Neffen ging von dem einen ehrlichen Beweggrund aus, daß sie ihm eine gesicherte Existenz verschaffen wollte. Es war nicht Bösartigkeit, daß sie sich widersetzte, sondern Verständnislosigkeit. Sie hielt die Kunst für eine höchst unnotwendige und überflüssige Sache im Leben. Für etwas, wo man dabei verhungern konnte, wenn man wollte. Und trotz allem Zureden der Damen hatte sie keine andere Meinung bekommen.
Als sie jetzt ihrem Mann ihre Einwilligung gab, tat sie es mit innerem Widerstreben und handelte gegen ihre Überzeugung. Aber sie sah, daß es wirklich der ernste Wille und Vorsatz ihres Gatten war, und sie wollte den Frieden zwischen ihm und ihr erhalten. Sie beschloß jedoch, noch ernstlich mit dem Felix zu reden und ihm alles vor Augen zu stellen.
Nach ihrer Meinung hätte er als absolvierter Jurist ganz andere Aussichten haben können. Und wenn ihn das Jus schon nicht freute, so hätte er ja Pharmazie studieren können, um bei ihrem Mann ins Geschäft zu treten ...
Der Apotheker Simon Tiefenbrunner verkündete es gleich am nächsten Morgen persönlich seinem Neffen, daß er und seine Frau ihm seinen Wunsch erfüllen wollten. Er könne nach München auf die Akademie gehen.
München! Ein neues Leben tat sich vor den Augen des jungen Mannes auf. Ein freies, schönes Land, ein Traumland von Glück, Ruhm, Arbeit und Erfolg.
München! ... Felix Altwirth war so gerührt, daß er schnurstracks zu seiner Tante lief, um ihr zu danken. Im Überschwang seiner Gefühle vergaß er, wie viele bittere Stunden ihm diese Frau schon bereitet hatte. Er vergaß die bösen Reden, die sie ihm gegeben, und war so begeistert, daß er ihr sogar die Hand küßte, was er noch nie getan hatte.
Aber auch Frau Therese vergaß vollständig, daß sie ihm noch gute Ermahnungen und Lehren hatte erteilen wollen. Seine kindliche Freude rührte sie. Sie verstand diese Freude zwar nicht, aber trotzdem gefiel sie ihr ...
Mit leichtem Herzen nahm Felix Altwirth Abschied von seiner Heimat. Nicht einmal der Abschied von Sophie fiel ihm schwer. Er war voll Hoffnung und Zuversicht und voll Vertrauen auf seine Zukunft. Dort in der Stadt der Künstler würde auch er sein Glück erringen. Ein großes, seliges und dauerhaftes Glück.
Achtes Kapitel.
Die Apothekerin hatte damals abends beim Weißen Hahn den Doktor Rapp doch nicht unbillig zurechtgewiesen. Die Damen von der Stammtischgesellschaft beredeten es jetzt oft untereinander und bereuten es, daß sie so unachtsam gewesen waren. Sie hatten seitdem beinahe eine Art Ehrfurcht vor dem Scharfblick der Apothekerin.
Eigentlich hatte sie damals nicht nur den Doktor Rapp, sondern sie alle gewarnt. Er solle vor seiner Tür kehren, hatte sie gesagt, und es habe nämlich jedermann grad’ genug zu tun, wenn er auf sich selber achtgebe. Das war eine Warnung gewesen, die sie alle zusammen in den Wind geschlagen hatten.
Es war gut gemeint von der Apothekerin, wenn es auch grob ausgedrückt war. Das sahen sie jetzt alle ein. Die Apothekerin war halt einmal so. Etwas grob und unbeholfen. Und deshalb hatten sie Frau Therese Tiefenbrunner nie sonderlich ernst genommen. Mit Unrecht. Denn Frau Therese war doch eine gescheite Frau. Unbedingt war sie in diesem Fall die Scharfsichtigste von ihnen allen gewesen. --
Es gab ein ungeheures Aufsehen in Innsbruck, als der Advokat Doktor Valentin Rapp die Kellnerin Sophie Zöttl als sein eheliches Weib heimführte. Und so schnell und überstürzt trug sich dieses unerhörte Ereignis zu, daß die Innsbrucker erst wenige Wochen vor der Hochzeit davon Kenntnis erhielten. Nicht einmal seine besten Freunde hatte der Rechtsanwalt in diese Angelegenheit eingeweiht. Und sobald die Sache in Innsbruck einmal ruchbar wurde, war der Doktor Rapp schon nirgends mehr zu sehen.
Die Herren am Stammtisch schüttelten bedächtig die Köpfe. Sie waren nicht einverstanden mit der Wahl des Rechtsanwaltes. Eine Kellnerin, und wenn sie hundertmal die Sophie war, bedeutete halt doch keine standesgemäße Heirat. Man scherzte und lachte und unterhielt sich mit so einem Mädel, und wenn man wollte ... Die Herren sprachen sich nie klar aus über diesen Punkt, aber sie verstanden einander recht gut. Wenn man wollte ... ja, das schon ... aber man heiratete doch nicht gleich.
Der Kaufmann Patscheider äußerte sich abends beim Stammtisch ganz besonders scharf dagegen. So scharf, daß es endlich dem alten Rat Leonhard zu bunt wurde und er sich einmal über die Angelegenheit ausließ. Denn der Patscheider brachte es schließlich so heraus, als ob auf die Wirtin die Schuld an der ganzen Heiraterei fiele.
Frau Maria Buchmayr war wirklich so unschuldig wie ein neugebornes Kind. Als ihr die Sophie kündigte und um ihre sofortige Entlassung bat, weil sie heiraten müsse, da schlug die Wirtin in hellichter Verwunderung die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Ja, um Gotteswillen, Sophie, bist narrisch worden ... Jetzt auf einmal ... heiraten! Ja, wo hast denn du überhaupt an Mann auftrieben?“
Die dicke Wirtin war so aufgebracht, daß sie vor Empörung kaum Atem schöpfen konnte. So eine Rücksichtslosigkeit von dem Mädel! Sie im Stich zu lassen! Von ihr fort zu gehen! Wo es ihr doch so gut ging. Und alles nur, weil sie heiraten müsse. So was!
Die Wirtin war hochrot im Gesicht vor ehrlicher Entrüstung, und ihre dunklen Augen standen ihr heraus wie die schwarzen Tupfen auf den Fühlern einer Schnecke.
„Wirst dir wohl a recht’s Elend auftun!“ sagte die Wirtin in ehrlichem Zorn. „Ihr Madeln könnt’s es ja nie nit erleiden, wenn’s enk z’gut geht. Ganz wie bei die Goas. Wenn’s denen z’wohl ist, nacher kratzen sie sich, hoaßt’s. Und so ist’s bei enk aa!“ Frau Buchmayr stellte sich in ihrer ganzen Breite vor die Sophie hin und fuchtelte ihr mit den beiden fleischigen Händen erregt vor dem Gesicht herum. „Not und Elend wirst haben und an Haufen Fratzen. Und z’ruck wirst denken an mi und an Weißen Hahn, wie du’s da gut g’habt hast!“
„Ja, aber, Frau Buchmayr, Sie lassen Ihnen ja nit amal erzählen, +wen+ i heirat’. Interessiert Ihnen denn das gar nit?“
„Naa!“ sagte die Wirtin zornig. „Gar nit! Wird schon a rechter Schlott sein, a Fallott, a ...“
„Sie, aber da wird der Doktor Rapp schauen, wenn i ihm das erzähl’. Er und a Schlott und a Fallott!“ lachte die Sophie laut und herzlich.
Die Wirtin mußte sich rasch nach einer Sitzgelegenheit schauen. Sonst wäre sie vor lauter Schreck umgefallen. „Wa--a--a--s!“ keuchte sie nach Luft schnappend und öffnete sich die beiden obersten Knöpfe ihrer Bluse; denn sie glaubte ersticken zu müssen. Dann wischte sie sich mit dem Rücken ihrer rechten Hand den Schweiß von der Stirn. „Wa--a--a--s sagst, der Doktor Rapp?“
„Ja freilich!“ nickte die Sophie bestätigend. „Wer denn sonst? Und bald wird g’heiratet. In vier Wochen bin i schon Frau Doktor. Gelt, da schauen’s!“ fügte sie mit einiger Schadenfreude hinzu.
Die Wirtin schaute allerdings, aber ganz blödsinnig. Sie verstand es einfach nicht. Der Doktor Rapp und die Sophie. Wie das nur zugegangen war? Sie hatte doch nie das Geringste bemerkt, daß sich zwischen den beiden etwas anbandelte. Und sie hatte in solchen Dingen doch gewiß eine feine Nase. Sah und hörte mehr als andere Leute. Aber da ... nein ... nichts hatte sie bemerkt. Rein gar nichts.
Die Sophie war ungemein belustigt über das Erstaunen der Wirtin. „Ja, ja, es ist schon wirklich so!“ versicherte sie. „Und weil’s so ist, so werden’s schon ein Einsehen haben, Frau Buchmayr, und mich gleich entlassen. I kann doch da jetzt nimmer Kellnerin sein. Das werden’s doch begreifen!“ redete sie auf die Wirtin ein. „I fahr’ jetzt dann gleich nach Rattenberg hinunter zu meiner Ziehmutter und richt’ mir die Aussteuer, und dann wird g’heiratet. Aber nacher, Frau Buchmayr, werden’s sehen, wie fleißig i daher komm’ zu Ihnen mit mein’ Mann. I muß mir doch die neue Kellnerin anschauen, die Sie Ihnen dann eintun!“ scherzte sie. „I bin neugierig, ob die ihr Sach’ auch so gut versteht wie ich.“
„Naa, Sophie, das glaub’ i nit! So gut wie du, das gibt’s nimmer!“ erwiderte Frau Buchmayr mit starker Betonung.
Die Sophie erschien ihr jetzt auf einmal ganz unheimlich. Wie das nur zugegangen war? Mit rechten Dingen sicher nicht. Davon war sie felsenfest überzeugt. Und sie sagte es auch am Stammtisch zu ihrer Verteidigung, da sie alle so über sie herfielen.
Der Herr Rat Leonhard schien ihr recht zu geben. Er war ein alter Jurist, und in seiner Praxis waren ihm viele merkwürdige Fälle vorgekommen. Er hatte es gelernt, alles, auch das Unerhörteste im Leben menschlich begreiflich zu finden und zu verstehen. Auf diese Weise war der Rat Leonhard ein tiefer Denker und ein Philosoph geworden.
Als sich der Patscheider gar so ereiferte und der Wirtin mit groben Worten vorwarf, sie hätte die Sache rechtzeitig verhindern müssen und die Sophie zum Teufel jagen sollen, da meinte der alte Herr ganz ruhig: „Sie, Herr Patscheider, sei’n Sie froh, daß die Sophie es nit auf Ihnen hat abg’sehen g’habt. Da wären Sie auch verloren g’wesen dabei. Denn was a Weib +will+, das kriegt’s auch. Auf den Willen kommt’s an, nur auf den Willen!“ nickte er mehrere Male zur Bekräftigung vor sich hin.
„Darum hat der Herr Rat keine kriegt, weil ihn keine mögen hat!“ meinte der Baurat Goldrainer mit gutmütigem Spott.
Der alte Herr sah den Baurat einen Moment mit prüfenden Blicken an, aber er sagte kein Wort. Nicht ja und nicht nein. Er rauchte ruhig und phlegmatisch an seiner Pfeife weiter und machte wieder sein verdrossenes Mopsgesicht. Hörte still und gelassen zu, wie die Herren erregt den Fall Doktor Rapp diskutierten, als gäbe es eine hochwichtige Staatsaktion zu verhandeln ...
Sophie Zöttl war gleich am nächsten Tage nach der Unterredung mit der Wirtin nach Rattenberg gefahren zu ihrer Pflegemutter, der Ennemoserin. Auch Doktor Rapp war mit ins Unterland gefahren. Er wollte dem Klatsch und dem Aufsehen in Innsbruck entgehen und sich erst nach vollzogener Trauung wieder bei seinen Freunden und Bekannten vorstellen.
Hätte man den Rechtsanwalt gefragt, wieso dieser plötzliche Umschwung in seiner Gesinnung gekommen war, so hätte er keinen Grund anzugeben gewußt. Er war sich vollständig im unklaren, wie er dazu kam, die Sophie zu heiraten.
Das Mädchen hatte ihre Rolle geschickt gespielt. Sie hatte den älteren Mann sachte umgarnt. Ganz sachte. Bis sein Blut in Wallung kam, immer mächtiger und mächtiger. Und immer mehr verstand sie es, seine Leidenschaft zu entfachen, bis er keinen andern Gedanken mehr nährte, sich keines andern Wunsches bewußt war als dieses einen, Sophie zu besitzen.
Er kannte sich selber nicht mehr; er wollte sich auch nicht mehr kennen. Er ließ sich umgarnen von der Leidenschaft und lebte in dieser wie in einem Traum. Er war nicht mehr er selber. Es war ein anderer Mensch, der da handelte und sprach.
Zum erstenmal in seinem Leben hatte ihn die Leidenschaft für ein Weib in solchem Maße gefangen genommen. Er hatte ja öfter geliebt, aber er war stets der kühle, klare Beobachter seiner Gefühle geblieben.
Sophie hatte es verstanden, ihn zu formen und umzumodeln, wie sie es wünschte. Das Mädchen hatte sich selbst allmählich zu der Überzeugung gebracht, daß auch sie eine warme und innige Liebe für den Rechtsanwalt empfinde. Sie spielte sich und ihm die Komödie rasender Verliebtheit vor und wußte sich schließlich selber keine Rechenschaft mehr darüber zu geben, wie weit ihre Liebe zu diesem Mann ging.
Durch dieses fortgesetzte Spiel mit den Flammen der Leidenschaft, die sie bei dem Manne entzünden wollte, entfachte sie ihr eigenes wildes Blut. Sie tat sich keinen Zwang an. Sie wußte, daß sie ihrem zügellosen Temperament volle Freiheit gewähren durfte, wenn sie ihr Spiel gewinnen sollte. Nicht nur durfte, sondern sogar mußte. Und so wurde sie allmählich zu jenem leidenschaftlichen Weib, das Doktor Storf in ihr zu wecken fürchtete.
Der Rechtsanwalt war ihr mit Leib und Seele verfallen. Er hing an ihr und konnte sich ein Leben ohne sie nicht mehr denken. Und das war der Zeitpunkt, wo Sophie geschickt die Forderung an ihn stellte, daß er sie zu seiner Frau machen solle. Ohne Weigern, ja sogar mit Freuden war er darauf eingegangen ...
In der stillen Klosterkirche zu Mariathal hatte die Trauung stattgefunden, im Beisein der Ennemoserin und der Schwester Salesia. So war es Sophiens Wunsch gewesen, und ihr Bräutigam hatte sich mit allem einverstanden erklärt. Er war ein Mann, der allen Zeremonien, mochten sie nun mit der Kirche zusammenhängen oder nicht, vom Grunde seines Herzens aus abgeneigt war. Und er hatte auch in diesem einen Fall nur das Verlangen, die Zeremonie der Trauung so still und so rasch als möglich und ohne viel Aufhebens zu erledigen.
Es gefiel Doktor Rapp, daß Sophie den romantischen Wunsch äußerte, gerade in Mariathal getraut zu werden. Schon deshalb gefiel es ihm, weil er dem Mädchen diese Weichheit des Empfindens eigentlich nicht zugetraut hatte und davon überrascht war.
Sophie hatte ihm im Laufe der Zeit ihr ganzes Leben erzählt. Er wußte, daß sie ein Karrnermädel war, und begriff jetzt auch die Wildheit ihres Temperamentes, die ihm früher manchmal unerklärlich erschienen war. Daß Sophie noch immer mit so viel Liebe und Anhänglichkeit der alten asthmatischen Klosterschwester zugetan war, machte ihm einen außerordentlich guten Eindruck. Es verriet ihm ein weiches, dankbares, fast kindliches Gemüt.
Die Ennemoserin als Brautmutter hatte einen schönen, stolzen Tag in ihrem Leben. Nun hatte sie es ja erreicht, was sie erstrebte. Sie hatte das wilde Mädel in ruhige Bahnen geleitet, hatte eine Seele dem Himmel gerettet und das Glück erlebt, ihr Pflegekind in dem sichern Hafen einer ehrbaren Ehe gelandet zu sehen.
Nach den Begriffen der stillen, einsamen Frau konnte jetzt nichts mehr über das Mädchen kommen. Der liebe Gott hatte das Werk der Ennemoserin gesegnet, und sie hoffte und vertraute weiter auf seine Güte. Er würde auch ihr Gebet erhören und ihr sündiges eigenes Kind retten.
Die beiden alten Frauen, die Schwester und die Ennemoserin, knieten still und froh vor dem Hochaltar der Kirche zu Mariathal und beteten inbrünstig zu Gott, daß er den heiligen Ehebund segnen und schützen möge fürs ganze Leben.
Es war ein ruhig klarer, später Oktobertag. Die rotgelben und blutroten Blätter im Buchenhain draußen vor dem Kirchhof fielen mit leisem Knistern auf die taufeuchte Erde. Eines nach dem andern. Ein farbenbunter Regen war’s. Drinnen in der Kirche zu früher Morgenstunde vollzog sich still und feierlich die heilige Handlung, die zwei Menschen zeitlebens miteinander verband.
Die alte Schwester Salesia kniete ganz abseits am äußersten Rande der ersten Bank vor dem Hochaltar. Fast scheu sah sie aus und tief gebückt. Aber ununterbrochen beobachtete sie die Vorgänge am Altar.
Es war lange her, seit Schwester Salesia eine Trauung gesehen hatte. Sehr lange schon. Bald ein Menschenalter war’s her. Und diejenigen, die sich damals den Treuschwur geleistet hatten, waren nicht glücklich geworden. Ob wohl diese beiden, die Sophie Zöttl und der fremde Rechtsanwalt, glücklich werden würden? ...
Die alte Schwester hatte wenig mehr gesehen von der Sophie in den letzten Jahren. Alles, was sie von ihr wußte, hatte ihr die Ennemoserin berichtet, die öfters zu Besuch kam. Und das bewirkte, daß die Sophie in der Erinnerung der Klosterschwester fortlebte als das wilde Karrnermädel von ehedem, das aus dem Kloster gelaufen war.
Die Sophie, wie sie jetzt war, die war der Schwester Salesia eine völlig Fremde. Aber es rührte sie, daß die vornehm gekleidete Dame zu ihr kam, mit ihr redete und so tat, als wäre sie noch das kleine Mädel, das sich stets an die alte Schwester geklammert hatte. Und gerne erfüllte ihr die Schwester den Wunsch, bei ihrer Trauung zugegen zu sein.
„Weißt,“ fügte sie vorsichtig hinzu, „wenn’s die Frau Oberin erlaubt. Sonst nit. Beileib’ nit! Kennst mi schon, gelt?“ lächelte sie heiter vor sich hin.
Der Sophie war’s, als sei erst eine kurze Spanne Zeit seit ihrem Klosterleben verstrichen. Ihr kam die Schwester nicht verändert vor. Sie hatte in ihrer Gegenwart das gleiche ruhige Gefühl des Geborgenseins und der Liebe, wie sie es stets als Kind empfunden hatte.
Die Oberin erlaubte es der Schwester Salesia. Es war eine andere Oberin, die über das kleine Frauenkloster gebot.
„Weißt, Sophie, die, die du kennt hast, die war viel zu g’scheit für uns da!“ erzählte die alte Schwester der Sophie, als diese mit ihrem Bräutigam zu Besuch bei ihr war. „Die ist jetzt in an großen Kloster, wo sie auch hing’hört. Weißt wohl, a Frau wie die eine war. Mit so viel Willen und Verstand! Um die wär’s ja schad’ g’wesen. Wir brauchen nit so viel Verstand da, wir nit. Weißt wohl!“ versicherte sie lustig, bis sie zu hüsteln anfing. „Wir sind ja viel zu einfach da, wir paar Leuteln übereinander!“
Eine vornehme Dame war die Sophie in den Augen der alten Klosterschwester geworden. Schwester Salesia mußte sie immer und immer wieder ansehen, wie Sophie jetzt zur Linken ihres Bräutigams an den Stufen des Altares stand und aus der Hand des alten Pfarrers den Ehering entgegen nahm.