Die Stadt am Inn

Part 12

Chapter 123,719 wordsPublic domain

Ihre hohe, üppige Gestalt kam durch das einfache schwarze Kleid ganz besonders vorteilhaft zur Geltung. Sophie Zöttl trug als einzigen Brautschmuck einen Kranz frischer Myrten in dem dunkeln, modisch frisierten Haar und einen großen Strauß weißer Rosen in der Hand. Die Myrten in den dunkeln Haarwellen waren wie eine Krone. Und in wahrhaft königlicher Haltung stand das junge Weib an der Seite des unscheinbaren vierschrötigen Mannes, der nun ihr Gatte geworden war.

Doktor Rapp wirkte neben der imposanten Gestalt seiner jungen Frau, die ihn um ein beträchtliches Stück überragte, bäuerlich, linkisch und unbeholfen. Er hatte gleichfalls einfache, dunkle Kleidung für die Trauung gewählt. Der Anzug war von gutem Schnitt und feinem Tuch. Aber er stand ihm nicht. Doktor Rapp hatte eine unglückliche Art, sich zu kleiden. Auch der beste Schneider vermochte ihm keinen eleganten Anzug zu liefern.

Der Rechtsanwalt liebte über alles seine Bequemlichkeit. Und dieser zuliebe verzichtete er gern auf die Verschönerung seines äußeren Menschen. Jede Kleidung mußte ihm weit genug sein, durfte in keiner Weise beengen. Aus diesem Grunde trug er stets niedere, unmoderne Umlegekragen und machte darin einen ärmlichen und bescheidenen Eindruck. Seine Hosen, die ihm immer zu weit waren, verloren bald ihre Form, schlotterten und machten Falten wie der Fächer einer Ziehharmonika. Seine von Natur aus kleinen, wohlgeformten Füße staken nach den Grundsätzen seiner Bequemlichkeit in viel zu weiten Schuhen, die schon nach kurzer Zeit schäbig und abgetragen aussahen. Der Gegensatz zwischen Doktor Rapp und Sophie war so augenfällig, daß es sogar der alten Schwester Salesia auffiel.

Infolge der inneren Erregung war das Gesicht des Rechtsanwalts ganz besonders rot und aufgedunsen und hinterließ unwillkürlich den Eindruck, als habe er dem Wein etwas zu viel zugesprochen. Der blonde Vollbart und das blonde Haar schimmerten in der frühen Morgensonne, die durch die hohen, buntgemalten Kirchenfenster fiel, strohgelb und sahen struppig aus.

Ob diese beiden so ungleichen Menschen wohl glücklich werden würden? Schwester Salesia mußte sich immer und immer wieder diese Frage stellen. Es ist ein langer Weg, der durchs Leben führt. Ein Weg, der gar hart und mühselig werden kann. Schwester Salesia, die wissende alte Schwester, hatte nicht umsonst den Frieden im Kloster gesucht. -- -- --

Ob Doktor Valentin Rapp sein Glück in dieser Ehe gefunden hatte? ... Ganz Innsbruck beobachtete das junge Ehepaar mit scharfen Augen. Und was die einen nicht sahen, das wußten die andern. Sie hatten gar vieles auszusetzen an der Sophie. Kleine Fehler und Mängel, die der Gatte nicht zu bemerken schien. In den Augen der andern jedoch, die nun einmal diese Ehe von vornherein mit Mißtrauen betrachteten, fielen sie schwer ins Gewicht.

Doktor Valentin Rapp war nicht der Mann, um es zu dulden, daß seine Gattin nicht jene Stellung eingenommen hätte, die seinem eigenen Ansehen gebührte. Als wäre sie von guter Familie, gerade so führte der Rechtsanwalt seine junge Frau in der Gesellschaft ein. Und mit süßsauren Gesichtern mußten die Damen der ehemaligen Kellnerin beim Weißen Hahn den Besuch erwidern.

Sie kamen alle zu ihr. Alle, die Namen und Stellung hatten in der Stadt. Auch Doktor Storf kam und Frau Hedwig. Seit mehr als einem Jahr war Doktor Storf nun mit Hedwig Eisenschmied vermählt, und ihr erstes Kindchen zählte schon etliche Wochen.

Nicht alle, die sie besuchten, waren gut zu Sophie. Und es fehlte nicht an boshaften kleinen Seitenhieben. Aber Sophie verstand es ganz meisterhaft, alle Anzüglichkeiten zu parieren und sie wo möglich mit kleinen Bosheiten zu vergelten. Überhaupt war es im höchsten Grade erstaunlich, wie rasch sich die junge Frau Rechtsanwalt in ihre Stellung zu schicken wußte.

Die geborne Dame ... rühmte die Frau Professor Haidacher einmal von ihr. Dafür wurde sie aber von den andern Damen, die behaupteten, das besser beurteilen zu können, ganz energisch zurechtgewiesen. Eine geschickte Komödiantin nannten sie die Sophie in ohnmächtiger Empörung.

Zu den wenigen Damen, die gut gegen Sophie waren, gehörten die Professorin und Frau Therese Tiefenbrunner. Auch Frau Hedwig war nett zu der jungen Frau. Aber es war mehr eine schüchterne, unentschlossene Haltung. Sie wollte gut sein, wurde aber doch wieder zu sehr von ihrer Schwester beeinflußt, die sie davor warnte, nicht allzu vertraut mit „so einer“ zu werden. Das dürfe man um keinen Preis tun. So viel Rücksicht und Würde sei man seiner Abstammung schuldig. Sophie sei eben doch nur eine Kellnerin; und woher sie eigentlich komme, das wisse man ja gar nicht.

Die Fama hatte sich der jungen Frau Doktor Rapp angenommen; und was es nur über sie zu erzählen gab, das wurde eifrig herumgetratscht. Bald munkelte man sich in Innsbruck zu, die Sophie sei gar kein Bauernmädel aus dem Unterland, sondern ein Karrnerkind. Wer zuerst das Gerücht verbreitet hatte, wußte kein Mensch.

Und noch ein anderes Gerücht lief durch die Stadt, anfangs langsam und zweifelnd aufgenommen, dann immer lauter und bestimmter. Es hieß, daß Frau Sophie es mit der ehelichen Treue nicht allzu genau nehme, daß sie auch Augen und Herz für andere besaß. Wer „die andern“ waren, das wußte allerdings kein Mensch zu sagen. Und trotzdem gab es bald niemand mehr, der dem Gerede nicht Glauben geschenkt hätte. Sie hatten keine Beweise dafür, und doch fand sich niemand, der für die Ehre der jungen Frau Rechtsanwalt eingetreten wäre.

Eine große Veränderung war mit Sophie seit ihrer Verheiratung vor sich gegangen. Sie sahen es alle und mußten es sehen. Es sprang zu sehr in die Augen. Auch Doktor Rapp sah es ... und freute sich darüber. Er freute sich und hatte den festen Glauben, daß er die richtige Wahl getroffen habe.

Die junge Frau gab sich freier und selbstbewußter. Ihre ganze Haltung, ihr Gang und ihre Sprache hatten etwas Sieghaftes an sich. Ihre Anpassungsfähigkeit war geradezu hervorragend. Sie benahm sich bald ganz so, als hätte sie stets unter Damen gelebt, und fiel in keiner Weise durch irgendeine Ungeschicklichkeit auf. Ihre Sprache hatte einen leichten Dialektanflug, der den Innsbruckerinnen eigen ist und auf den sie auch stolz sind.

Was aber Doktor Rapp ganz besonders glücklich machte, das war, daß er beobachtete, wie Sophie fast mit jedem Tag mehr Temperament, mehr Heiterkeit und mehr Humor entwickelte. Jetzt, da die bange Sorge um ihre Zukunft von ihr gewichen war, die ja stets wie ein Alp auf ihr gelastet hatte, da sie unabhängig war und ihre Ziele erreicht hatte, brauchte sie nicht mehr gegen ihre eigenste Natur zu kämpfen. Sie konnte ihrer innersten Anlage nachgeben und durfte das sein, was sie im tiefsten Grunde war: ein heißes, leidenschaftliches Weib, das mit Heißhunger das Leben begehrte und auch genoß.

Doktor Rapp war so vollständig in ihrem Bann, daß er es nicht bemerkte, wie der Weg, den Sophie einschlug, ein schiefer wurde. Noch immer glaubte Sophie daran, daß sie ihren Gatten liebe. Sie umgab ihn täglich mit tausend kleinen Zärtlichkeiten, sorgte für ihn, war arbeitsam und machte ihm sein Heim so behaglich, daß er sich in all den Stunden des Tages nach ihr sehnte, wo sie getrennt sein mußten.

Es war ein großer Sinnenrausch über den Mann gekommen. Jetzt, da er beständig mit diesem entflammten Weibe zusammenlebte, war der Taumel noch mächtiger als zuvor. Sein ganzes Empfinden, sein ganzer Wille, alle Wünsche und Gefühle hatten ihren Höhepunkt in Sophie. So glücklich war Doktor Rapp in seiner Ehe, daß er es nicht sah, wie ein unersättlicher Lebenshunger von dem jungen Weib Besitz ergriff und ihre aufgepeitschte Leidenschaft Befriedigung außerhalb der Ehe suchte.

Ein sinnliches Fluidum strömte von dem Weibe aus. Überall, in jeder Gesellschaft hatte sie die Männer zu ihren Füßen. Sie beherrschte alle, ganz so wie ehedem, als sie noch die Kellnerin war beim Weißen Hahn. Und doch wieder anders. Damals lockte ihre herbe Zurückhaltung, die so seltsam abstach gegen das leidenschaftliche Rassegesicht.

Es gab niemand, der diesem eigenen Reiz des jungen Weibes widerstand. Auch die alten, vertrockneten Herren, die eingesessenen Bürger und Bureaukraten der Stadt fühlten ein prickelndes Etwas, wenn Frau Sophie mit flüchtigen, leichten Schritten an ihnen vorüberging. Und wenn sie mit ihnen sprach, so waren sie schon nach wenigen Worten vollständig in ihrem Bann.

Frau Sophie war die lachende Freude und Lebenslust, wo immer sie auch hinkam. Und je größeres Gefallen sie bei den Herren fand, desto zurückhaltender und feindseliger wurden die Frauen. Sie durften nicht offen gegen sie auftreten. Dazu gab sie ihnen keine Gelegenheit. Alles, was sie von Sophie zu sagen wußten, waren eben nur Gerüchte, denen der Boden der Wirklichkeit und des Beweises fehlte.

Sophie benahm sich in der Öffentlichkeit tadellos in jeder Hinsicht. Ihre Heiterkeit war nie ausgelassen, ihre Rede witzig, doch anständig, und ihre Koketterie einwandfrei. Und doch wußten es alle, Mann wie Frau, daß dieses Weib den Teufel im Leib hatte, daß sie den Gatten belog und betrog und ihn trotzdem unbändig glücklich machte ...

Es dauerte gar nicht lange, so spielte Frau Sophie Rapp eine führende Rolle in der Innsbrucker Gesellschaft. Sie war sogar tonangebend geworden. Beteiligte sich bei den verschiedenen Vereinen und übernahm selbst die Leitung eines von ihrem Gatten gegründeten wirtschaftlichen Verbandes.

Mit viel Geschick, mit Takt und Anstand füllte sie ihre Stellung aus. Sie mußten es alle anerkennen, auch die Frauen, unter denen sich bald keine einzige mehr befand, die ihr wohlgesinnt war. Nicht einmal die gutmütige, lustige Frau Professorin. Auch diese hatte sich von ihr zurückgezogen und fühlte sich solidarisch mit den übrigen Damen.

Die Professorin wußte es selbst nicht, warum sie sich von der jungen Frau immer mehr abgestoßen fühlte. Sie hatte keinen eigentlichen Grund dazu. Es war ein unbestimmtes Element, das sie sich nicht zu erklären vermochte.

Frau Haidacher war der Sophie in der allerersten Zeit mit ganz besonderer Herzlichkeit entgegengekommen. Gerade weil alle gegen die junge Frau waren, gerade deshalb tat sie der Professorin leid. Frau Haidacher war ihr eine Freundin geworden und hatte ihr mit Rat und Tat beigestanden. Ihr Verdienst war es zum größten Teil, daß Sophie sich so rasch in die Rolle einer Dame einlebte.

Die Professorin hatte anfangs auch nur mit Selbstüberwindung gehandelt. Ihrem innersten Empfinden widerstrebte es, die ehemalige Kellnerin als ihresgleichen anzuerkennen. Aber das Mitleid und ihre angeborne Gutmütigkeit errangen den Sieg. Und Frau Haidacher ging so weit, daß sie der jungen Frau Doktor sogar das Duwort anbot.

Sophie hatte wenig Sinn für Frauenfreundschaft. Sie nahm es deshalb auch gar nicht sonderlich schwer, als sich die Professorin immer mehr von ihr lossagte. Es war ihr sogar recht; denn sie hatte schon angefangen, die Freundin und deren Besuche lästig zu finden.

Nun sahen sich die beiden Frauen nur mehr in Gesellschaft, wo sie liebenswürdig und zuvorkommend gegen einander waren. Es war aber nur der Firnis einer schlecht verborgenen Abneigung. Nicht auf Sophiens Seite; denn sie fühlte weder Liebe noch Abneigung für die Professorin. Ihr war jede Frau mehr oder minder gleichgültig. Und sie hatte sich auch nie zu einem warmen Gefühl für die Professorin aufschwingen können. Aber Frau Haidacher empfand mit der Zeit einen immer größeren Widerwillen gegen Sophie. Das steigerte sich derart, daß sie es endlich vorzog, bei geselligen Veranstaltungen oder Festlichkeiten fernzubleiben, um nicht mit Sophie zusammentreffen zu müssen.

Die andern Damen verstanden es besser, als die Professorin, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Aber Sophie kannte sie trotzdem ganz genau. Sie wußte, wie hoch sie die süßfreundlichen Mienen einzuschätzen habe. Da war ihr die immer mehr zutage tretende Abneigung der Professorin entschieden lieber.

Es kümmerte Sophie im Grunde gar nicht, ob man sie leiden mochte oder nicht. Sie gab sich auch darüber gar keine Rechenschaft, und sie erstrebte es auch nicht, sich das Wohlwollen der Damen zu erhalten. Was sie erstrebte, das hatte sie. Eine Stellung, die in kurzer Zeit diejenige der andern weit überragte ...

Obwohl Sophie der Wirtin damals versprochen hatte, recht oft zum Weißen Hahn zu kommen, so war sie doch nur ein seltener Gast geworden. Sie hatte als Dame der Gesellschaft so viel zu tun, daß sie für die bescheidene kleine Stammtischgesellschaft nur wenig Zeit erübrigen konnte. Und vielleicht fühlte sie es auch, daß sie ihrem Ansehen nur hinderlich war, wenn sie sich allzu häufig an der Stätte ihres einstigen Wirkens zeigte.

Frau Doktor Rapp war mit der Zeit den Gästen des Weißen Hahn eine Fremde geworden. Eine Dame, von der man sprach, weil sie viel in der Öffentlichkeit tätig war, und auch deshalb, weil sie eine außerordentlich interessante Persönlichkeit war, die Geist, Rasse und Temperament besaß wie selten eine in Innsbruck.

Sie verkehrten noch alle beim Weißen Hahn. Genau so wie früher. Und saßen auch in derselben Rangordnung. Doktor Rapp führte seinen lustigen Krieg weiter mit der dicken Wirtin. Und Herr Tiefenbrunner lauerte wie immer mit ängstlicher Miene auf den Augenblick, wo er als Friedensvermittler zwischen die Gegner Rapp und Patscheider treten mußte.

Die alte Gegnerschaft zwischen diesen beiden war besonders in der letzten Zeit ziemlich scharf zutage getreten. Ihre Unversöhnlichkeit war bereits so weit gediehen, daß jeder von beiden den andern haßte. Das kam daher, weil der Einfluß, den Doktor Rapp in der Stadt besaß, die Selbstherrlichkeit des Herrn Patscheider ernstlich verdunkelte. Dafür haßte Patscheider den Rechtsanwalt. Haßte ihn glühend und leidenschaftlich. Und je größer das Ansehen des Rechtsanwalts wurde, desto tiefer wurde der Haß des Kaufmanns Patscheider.

In Doktor Rapp sahen viele Innsbrucker ihren zukünftigen Führer. Seinem Geist, seinem Willen und seiner Energie vertrauten sie. Patscheider, der sein ganzes Leben nur dem Aufblühen und Gedeihen der Stadt gewidmet hatte, fühlte es mit innerem Grimm, daß ihm in Doktor Rapp derjenige Gegner erstanden war, der seine Verdienste für immer in den Schatten stellte.

Aber weder Patscheider noch Doktor Rapp ließen es sich für gewöhnlich anmerken, daß sie einander ehrlich und vom Grunde ihrer Seele aus haßten. Nur bei seltenen Gelegenheiten kam der unterdrückte Groll und Haß zum Vorschein und warf plötzlich grelle Schlaglichter auf ihre wahre Seelenstimmung.

Der Rat Leonhard saß noch immer als Ehrenpräsident am Stammtisch beim Weißen Hahn. Er schnitt sein zuwiderstes Gesicht, aß, was ihm schmeckte, rauchte seine Pfeife und sprach gar nichts.

Ein neuer Gast war jetzt schon seit geraumer Zeit an dem Honoratiorentisch. Das war Doktor Storf, der sich selbständig gemacht hatte und ein sehr gesuchter Arzt geworden war. Böse Mäuler behaupteten zwar, dies verdanke er keineswegs seiner ärztlichen Kunst, sondern seinem hübschen Äußeren.

Tatsächlich hatte Doktor Storf vorwiegend Damen zu Patienten. Weil die Menschen schon einmal bösartig sind und gerne Unrat wittern, auch dort, wo keiner zu finden ist, so hieß es allgemein: seit Doktor Storf seine Praxis ausübe, gebe es ungewöhnlich viele kranke Damen in Innsbruck.

In Wirklichkeit konnte man jedoch dem jungen Arzt nichts Schlechtes nachsagen. Selbst die schärfsten Beobachter und Beobachterinnen hätten ihre schwere Mühe gehabt, auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür zu entdecken, daß Doktor Storf für eine andere Frau, außer für seine eigene, Sinn und Auge gehabt hätte.

Trotzdem machte Frau Hedwig jedermann den Eindruck, als habe sie Schweres in ihrer Ehe zu erdulden, als trüge sie das Leben wie eine harte Bürde, von der sie bald Erlösung hoffte. So glücklich der Rechtsanwalt durch seine Heirat geworden war, so elend und unglücklich fühlte sich Max Storf.

Das stille, gleichförmige Glück, das er erhofft hatte, als er Hedwig Eisenschmied zur Gattin nahm, war so still und so gleichmäßig geworden, daß ihm das Leben neben dieser Frau erschien wie eine endlose graue Wüste. Ohne Freude, ohne Glück, ohne Empfinden und ohne Gemüt.

Sie waren nun schon sechs Jahre miteinander verheiratet, und der kleine, schwarzäugige Junge, der dem Vater so ähnlich sah, daß es fast lächerlich wirkte, hatte erst vor kurzem ein Schwesterchen bekommen. Schwarz und dunkeläugig wie er selber. Diese beiden Kinder waren das Glück des Vaters und die stete nervöse Sorge der Mutter.

Frau Hedwig lebte nur für ihre Kinder. Sie ging vollständig auf in ihren Mutterpflichten und Hausfrauensorgen und hatte wenig Sinn für andere Dinge, die außerhalb dieser Sphäre lagen.

Doktor Storf hatte sich redlich bemüht, seiner Frau innerlich nahe zu kommen. Er hatte eine große, drängende Sehnsucht, nicht allein durchs Leben zu gehen, sondern seine Frau als Weggenossin zu besitzen. Sie sollte ihm nicht nur Weib, sondern auch Freund und Kamerad sein. Aber Frau Hedwig verstand den Wunsch ihres Gatten nicht.

Sie lebte ja für ihn, jedoch auf ihre Weise. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend sorgte und schaffte sie. Es war ein tadellos geführter Haushalt, in dem das junge Paar weilte. Ein feines, geschmackvolles Heim, das so recht den Eindruck von Gemütlichkeit und Behaglichkeit machte.

So behaglich jedoch die Räume anzusehen waren, so ungemütlich war es in ihnen, wenn Mann und Frau sich allein gegenüber saßen. Der Zeitpunkt, wo die beiden jungen Leute sich nichts mehr zu sagen hatten, war schon recht bald gekommen. Eine gähnende Langeweile und Öde herrschte da in den Abendstunden, wenn die Kinder schliefen und sich die Gatten allein überlassen waren.

Die Müdigkeit, die sich bei der rastlos tätigen Frau einstellte, war ja erklärlich, erregte aber den Mann derart, daß er Hut und Stock nahm und ins Gasthaus lief. Oder er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Frau Hedwig konnte sich die Ursache dieser Gereiztheit nicht deuten.

Als er sich ihr gegenüber nach einer heftigen Auseinandersetzung einmal in ziemlich unverblümter Weise aussprach, da begriff sie ihn nicht. Sie stand vor ihm wie ein verschüchtertes Kind, das man mit Unrecht gescholten hat und das sich nicht zu verteidigen wagt.

Ihre hellen Augen füllten sich mit Tränen. Sie konnte es nicht fassen, daß Max unzufrieden mit ihr war. Daß er noch mehr von ihr erwartete, als eine brave, tüchtige, arbeitsame Frau und eine aufopferungsvolle Mutter ihrer Kinder, war ihr ein Rätsel.

Es kränkte sie, daß er ihren Wert nicht richtig einschätzte, und es tat ihr weh, als sie sah, wie er sich ihr mehr und mehr entfremdete.

Sie tat jedoch nichts dagegen. Sie suchte nicht die Ursachen zu ergründen, weil sie dieselben überhaupt nicht verstehen konnte. Sie war so vollständig davon überzeugt, daß sie vom Schicksal dazu ausersehen sei, in einer unglücklichen Ehe zu leben, daß sie ohne Murren still und ergeben ihr Los ertrug.

Hedwig Storf war eine phlegmatische Natur. Träumerisch, wie sie als Mädchen war, so lebte sie auch als Frau. Sie hatte keinen Funken Leidenschaft in sich; denn sonst hätte vielleicht die Eifersucht sie auf die richtige Fährte gelenkt. So fehlte ihr auch der feine Instinkt des Weibes, der ihr das Gefühl dafür verliehen hätte, daß sie durch ihr Benehmen den Gatten geradewegs in die Arme einer andern Frau trieb.

Sie bemerkte es auch gar nicht, daß Max Storf sich in allerneuester Zeit sehr zu seinem Vorteil veränderte. Er war nicht mehr so unfreundlich zu ihr wie früher und nicht mehr so gereizt. Er sprach gut und nachsichtig mit ihr, wie schon lange nicht.

Aber Frau Hedwig hatte auch dafür kein Gefühl. Sie war herzlich froh, daß ihr Gatte nun wieder eine bessere Laune besaß und daß er offenbar zufriedener mit ihr geworden war. Das genügte ihr.

Wenn Max Storf jetzt abends mit einem flüchtigen Kuß von ihr Abschied nahm und lustig pfeifend aus dem Haus ging, so war sie herzlich erfreut darüber. Froh, daß sie nun ruhen und sich erholen durfte. Sie wollte nichts als Ruhe. Sie war ja so müde. Und im Gefühl des grenzenlosen Ruhebedürfnisses vergaß sie darauf, sich zu kränken, daß Max sie nun jeden Abend, den Gott gab, allein ließ und seinem Vergnügen nachging.

Frau Doktor Rapp aber, die Gattin des Rechtsanwalts, wartete weit draußen vor der Stadt im Schutze der Dunkelheit auf ihren Geliebten Doktor Max Storf.

Neuntes Kapitel.

Felix Altwirth war ein richtiger Künstler geworden. „Einer von die ganz G’scheiten, wissen’s ...“ wie sich die Apothekerin auszudrücken pflegte, wenn man sich bei ihr nach dem Neffen erkundigte. Sie sprach jetzt gern und mit Stolz von Felix und machte sich mit Vorliebe wichtig, wenn sie ihre Kenntnisse in künstlerischen Angelegenheiten auskramte. Ihre Stimme hatte dann jedesmal einen ganz besonders tiefen und speckigen Klang. Das kam von der inneren Selbstzufriedenheit, die Frau Therese Tiefenbrunner empfand. Sie bildete sich ordentlich etwas ein auf ihren Neffen.

Seit ihre Schwester drüben in der Kothlacken so plötzlich gestorben war, fühlte Frau Therese Tiefenbrunner sich verpflichtet, Mutterstelle an Felix zu vertreten. Das hatte sie ihm auch gleich gesagt, als er damals nach dem Tode seiner Mutter zu kurzem Besuch gekommen war.

Es war schnell gegangen mit der Witwe Altwirth. Eine heftige Lungenentzündung hatte die robuste Frau aufs Krankenlager geworfen, und der Tod hatte brutal sein Opfer gefordert. Es war ein Ende, wie es sich die einfache Frau stets gewünscht hatte. Ohne viel Aufhebens, ohne lange Qual, rasch und gut.

Die Witwe Altwirth hatte ihren Sohn nicht mehr gesehen. Sie erlebte auch das Ende seiner künstlerischen Studien nicht mehr. Die Berichte, die sie von ihm erhielt, waren ja immer günstig. Es ginge vorwärts mit seiner Kunst, schrieb er, nur noch kurze Zeit, dann würde er selbständig sein. Diese kurze Zeit hatte Frau Susanne Altwirth nicht mehr abwarten dürfen.

Es war eine stete Sorge um das Schicksal des Sohnes, die insgeheim an der Frau zehrte. Und ohne bange Sorgen um die Zukunft ihres einzigen Kindes war sie auch nicht gestorben. In den Stunden, die ihrem Todeskampf vorangingen, hatte sie ihre Schwester zu sich rufen lassen und Frau Therese ihre Seelenangst gebeichtet.

Angesichts des Todes löste sich die starre Zurückhaltung, die sie immer gewahrt hatte, und schwand auch die letzte Spur eines Mißverständnisses, das die Schwestern je im Leben getrennt hatte. Susanne Altwirth wußte, daß sie in ihrer Schwester den einzigen Menschen auf Erden besaß, auf den sie sich verlassen konnte.

Es war erschütternd, wie das knochige, hagere Weib sich mühsam in ihrem bescheidenen Bette aufrichtete und bittend ihre schwieligen Arbeitshände faltete, als Frau Therese Tiefenbrunner in die Stube trat.

„Gelt, Thres,“ sagte sie flehend, und ihr Atem keuchte, „versprich mir’s, daß du mir’n nie verlaßt, den Felix. Nie ... verstehst!“ Angstvoll sahen die fieberglühenden Augen der Todkranken auf die Schwester. „Weißt, i muß dir’s sagen, bevor i sterb’. Es laßt mir koa Ruh nit. Der Felix ist wie sein Vater. Hat koan Halt nit im Leben und braucht a Führung und a Leitung. Mi hat ja nur der Tod vor viel Unglück beschützt. I hab’ mir’s oft denkt, aber zugeben hab’ i’s nit wollen, woaßt wohl! Aber jetzt bekenn’ i’s. I bin glücklich g’wesen mit mein’ Mann, recht glücklich! Aber i hab’s g’wußt, es war nur deswegen, weil der Tod uns rechtzeitig getrennt hat. Oft hab’ i’s kommen sehen, wie’s werden könnt’, wenn der Mann koan Halt und koa Einsicht hat.“

Ermattet von der gewaltsamen Anstrengung und inneren Erregung ließ die Kranke sich in ihre Kissen sinken. Mit ruhiger, leichter Hand fuhr Frau Therese ihrer Schwester über die glühendheiße Stirn und sprach mit guten, tröstenden Worten auf sie ein.