Part 10
Öfters sah die Frau Apotheker auch hinüber zur Sophie, der Kellnerin. Aber es war entschieden ein Ausdruck äußersten Mißtrauens in ihrem Blick. Sie traute der Sophie nicht. Das konnte man deutlich sehen.
Da die Apothekerin von Haus aus eine gutmütige Frau war, unterließ sie es, irgendwen auf die Sophie aufmerksam zu machen. Zu was auch? Der Doktor Rapp war alt genug, um auf sich selber achtzugeben. Sie ging’s einmal nichts an. Und wenn der Doktor Rapp auch hineinsauste und die Sophie heiraten würde, sie würde ihn einmal nicht warnen davor, sicher nicht. Und sie würde sich auch sonst nicht einmischen. Aber dem Simon, ihrem Mann, wollte sie gleich noch heute abend ihre Bemerkungen mitteilen. Der würde Augen machen.
So etwas sah der Simon nämlich nie. Da war sie eine ganz anders scharfe Beobachterin. Ihr entging auch nicht der leiseste Vorfall auf dem Gebiete der Liebe. Zu verwundern war es nur, daß außer ihr keine einzige der Damen die drohende Gefahr zu bemerken schien.
Eine Gefahr war es ja doch entschieden für alle, wenn die Damen die einstige Kellnerin als ihresgleichen in ihren Kreis aufnehmen mußten. Die Apothekerin gönnte es ihnen schon im voraus. Das geschah ihnen recht! Sie gönnte es ihnen schon deshalb, weil die Damen, wie Frau Therese genau wußte, sie nie für ganz voll genommen hatten und sie unter sich immer noch die Kothlacknerin zu nennen pflegten.
Bei der bloßen Erinnerung daran stieg der Unmut und die Empörung in Frau Therese Tiefenbrunner auf. Ihr Blick war nicht mehr so wohlwollend wie früher, und ihre dicken, breiten Lippen lächelten nicht mehr so gütig. Es war ein dunkler, stechender Blick, den sie jetzt über die anwesenden Damen schweifen ließ. Und ingrimmig sagte sie zu sich selber: „Bagage, hochmütige! Recht g’schieht’s euch!“
Frau Therese Tiefenbrunner würde die Sophie nicht verraten. Die konnte von ihr aus den Advokaten ganz fest umgarnen. Recht geschah ihm. Ganz recht! Warum paßte er nicht besser auf.
Die Apothekerin hielt ihre Hände noch fester ineinander verschlungen, und ihre Lippen öffneten sich zu einem verständnisvollen und nachsichtigen Schmunzeln. Beifällig nickte sie der Sophie zu, die gerade zu ihr herüberschaute.
Frau Therese Tiefenbrunner ließ ihre kleinen, scharf beobachtenden Augen weiter wandern in dem Kreis der Tafelrunde, und sie sah, daß sich noch andere zarte Bande anknüpften, die auch den übrigen Damen nicht verborgen geblieben waren.
Als sie Fräulein Hedwig und Doktor Storf längere Zeit beobachtet hatte, fiel ihr mit einem Male ihr Neffe ein, der Felix Altwirth. Der mußte doch auch hier sein. Sie wußte es ja bestimmt, daß der täglich beim Weißen Hahn verkehrte. Der mußte unten sitzen an dem andern Tisch, der Felix, bei den jungen Leuten.
Die Apothekerin sah angestrengt nach der Richtung hinunter, wo sie Felix vermutete. Sie schaute und schaute und konnte ihn nirgends entdecken. Allerdings war die Beleuchtung etwas getrübt durch den dichten Tabaksqualm, der die Menschen und die Gegenstände nur wie durch einen Nebelschleier erkennen ließ.
Aber das war doch zu dumm, daß sie nicht einmal den Felix sah. Sie wischte sich die Augen mit den Fingern klar, um besser sehen zu können. Jedoch umsonst.
Frau Therese Tiefenbrunner achtete jetzt in ihrem Eifer, den Felix zu entdecken, gar nicht darauf, daß zu ihrer andern Seite die Frau Robler saß und sang. Sie beugte sich nach rechts und beugte sich nach links und erregte durch dieses etwas merkwürdige Gebahren die Aufmerksamkeit ihres Gatten, der ihr schräg gegenübersaß und gerade in ein wichtiges Gespräch mit dem Herrn Patscheider vertieft war.
„Was ist denn, Theres?“ frug er mit nervöser Unruhe. „Fehlt dir was?“
„Ah! Nur den Felix such’ ich. Ist er nit da?“ erwiderte sie.
Der Apotheker, der mit dem Rücken gegen den untern Tisch im Herrenstübel saß, wandte sich um. Dabei drehte er sich mit seinem Stuhl herum, behielt die Zigarre ruhig im Mund, setzte sich den Zwicker zurecht und schaute forschend über die Gläser hinweg in die Luft. Er wollte sich in aller Behaglichkeit einen Überblick verschaffen.
Eine ganze Weile saß der Apotheker so da, stemmte dann die beiden dünnen Arme in die Hüften und schüttelte nachdenklich und sehr bedächtig den Kopf. Dann schob er seinen Stuhl wieder zurecht, klemmte den Zwicker noch fester auf die Nase, sah seine Frau fest und starr an und konstatierte mit ruhiger Würde: „Ich hab’ ihn nit g’sehen.“
Eine Weile starrten sich die beiden Ehegatten in die Augen, als stünden sie vor einem großen Rätsel. Da mischte sich die Sophie ein, die den ganzen Vorgang beobachtet hatte. „Der Herr Altwirth ist schon nach Haus gangen, gnädige Frau. Er war nur ganz kurz da.“
„So, so. Schon da g’wesen ist er. Ich dank’ schön, Sophie.“ Herr Tiefenbrunner tat die Zigarre aus dem Mund, nahm bedächtig den Zwicker ab, der nun an der schwarzen Schnur baumelte, zog sein Taschentuch heraus, sah seine Frau an, legte seine Stirn in äußerst nachdenkliche Falten, fing an, den Zwicker zu putzen, setzte ihn mit zittrigen Händen wieder auf, legte sein kleines Köpfchen schief auf die Seite nach der Richtung, wo Doktor Storf saß, schielte über die Gläser hinweg auf den jungen Arzt hin und ließ sich endlich mit einer für seine Verhältnisse lauten und eindrucksvollen Stimme vernehmen: „Sie, Herr Doktor Storf, wissen’s, warum der Felix heut’ schon heimgangen ist?“
Dem jungen Arzt gab es einen Ruck, da er sich so plötzlich von dem Apotheker angeredet hörte. Als wäre er bei irgendeinem Vergehen ertappt worden, bedeckte eine tiefe Röte sein bräunliches Gesicht.
„Ich ... wie meinen Sie, Herr Tiefenbrunner?“ erwiderte er in ziemlicher Verlegenheit. Er wollte durch die Gegenfrage Zeit gewinnen, um sich eine Ausrede für seinen Freund zurechtzulegen; denn hier unter all den Leuten konnte er doch unmöglich mit der Wahrheit herausrücken.
Frau Therese sah die Verlegenheit des jungen Arztes und schöpfte sofort Verdacht. Sie war nicht gewillt, sich von Doktor Storf hinters Licht führen zu lassen, wenn die Sache mit Felix nicht ganz stimmen sollte. Daher nahm sie eine erwartungsvolle Haltung ein, rückte auf ihrem Sitz etwas vor, legte beide Arme auf den Tisch, als säße sie in der Kirche bei der Predigt, und sah andachtsvoll zu dem jungen Arzt hinüber.
„Ich mein’, Herr Doktor Storf, ob Sie mir vielleicht Auskunft erteilen könnten, wo der Felix, unser Neffe, am heutigen Abend hingegangen ist?“ Es war die Frau Apotheker Tiefenbrunner, welche die Frage stellte. Sie sprach langsam, betonte jedes Wort wie ein gewiegter Redner und ihre Stimme klang voll und etwas speckig. Das mochte wohl von ihrem auffallend dicken Hals herrühren.
Unwillkürlich schwiegen jetzt alle; denn Frau Theresens Stimme war laut vernehmbar. Sogar der untere Tisch der jungen Leute war etwas ruhiger geworden.
„Richtig, der Felix fehlt ja heut’!“ sagte Sepp Ganthaler. Er war ein junger Mann, Maler seines Zeichens, und liebte es, sein Künstlertum auch äußerlich ein wenig zur Schau zu tragen.
Doktor Storf verbeugte sich bedauernd: „Wo der Felix hingegangen ist, weiß ich nicht, gnädige Frau!“ sagte er dann ausweichend.
„So?“ Frau Therese tat sehr erstaunt. „Das wissen’s also nit, Herr Doktor? Aber vielleicht wissen’s, warum er zu so früher Stunde schon fortgegangen ist?“
Die Frau Professor Haidacher wechselte boshafte Blicke mit der Frau Patscheider und mit der Frau Direktor Robler. Es amüsierte die Damen stets köstlich, wenn Frau Therese ihr gewähltes Hochdeutsch sprach. Sophie sah mit festen, unverwandten Augen auf den jungen Arzt. Sie war bereit, ihm zugunsten von Felix Altwirth beizuspringen.
„Felix war nicht ganz wohl heute abend, so viel ich weiß. Er hatte Kopfschmerzen!“ sagte Doktor Storf und machte ein möglichst gleichgültiges Gesicht. Dann wandte er sich gegen den Apotheker und fragte: „Darf ich Sie übrigens morgen vormittag besuchen, Herr Apotheker? Ich hab’ mit Ihnen zu sprechen. Welche Zeit ist Ihnen da am angenehmsten?“
Der Apotheker sah ratlos zu seiner Frau hinüber. Das war also schon wieder ein Attentat auf ihn. Dieser Doktor Storf war ja ein geradezu unheimlicher Mensch. Gut, daß er seine Frau dabei hatte. Die wußte ja stets Rat.
„Was meinst denn, Theres? Um wieviel Uhr paßt’s dir denn?“
„Ich möcht’ mit Ihnen persönlich sprechen, Herr Apotheker!“ sagte Doktor Storf mit fester Betonung.
„Sie, Herr Doktor Storf ...“ nahm nun Frau Therese wieder das Wort. „Sie haben doch g’wiß nur in der Angelegenheit wegen dem Felix, wegen unserm Neffen, mit meinem Mann zu sprechen. Nicht wahr?“
Doktor Storf verbeugte sich zustimmend. Er sah, daß es vor dieser Frau kein Entrinnen gab, wenn man nicht geradezu grob werden wollte.
„Der Felix Altwirth ist doch der Sohn von meiner Schwester. Nicht wahr? Das wissen’s doch, Herr Doktor, gelten’s? Und wann Sie wegen dem Felix Altwirth mit meinem Mann zu sprechen haben, dann müssen Sie mir auch erlauben, daß ich auch ein Wörtel da drein zu reden hab’. Weil ich nämlich in derer Sache in erster Linie auch drein zu reden hab’, weil ich nämlich auch die Sache bezahl’, die er verstudiert, wissen’s?“
Frau Therese hatte sich, während sie sprach, ganz aufrecht gehalten und hatte wiederholt eindrucksvoll mit dem Kopf genickt. Dabei wackelte die Feder auf ihrem Hut so herausfordernd, daß es der lustigen Frau Haidacher alle Beherrschung kostete, um nicht laut aufzulachen.
Doktor Rapp, der für Taktlosigkeiten ein sehr feines Empfinden besaß, stieg das dicke, schwere Blut zu Kopf. Er kannte Felix Altwirth nur ganz flüchtig. Aber der junge Mann war ihm sympathisch. Und daß die Apothekerin so öffentlich hier über ihn verhandelte, das empfand er als eine Roheit.
In seiner impulsiven Art wandte er sich daher an Frau Therese Tiefenbrunner und meinte in lustiger Weise: „Aber jetzt, gnädig’ Frau, haben’s dem Doktor Storf noch immer kein Rendezvous geben für morgen. Wie lang muß denn der Häuter noch warten, bis Sie ihm endlich die gnädige Erlaubnis erteilen!“
Die Apothekerin sah mit prüfendem Blick zu dem Advokaten hinüber. Sie sah, daß seine heitere Art nur gemacht war, und fühlte es, daß er sich in ihre Angelegenheiten zu mischen gedachte. Dieses Recht wollte sie ihm aber unter keinen Umständen zugestehen. Sie mischte sich ebenfalls nicht in seine Sachen und verwahrte sich daher auch gegen alle fremden Einflüsse, die da zugunsten ihres Neffen auftauchen könnten.
„Der Herr Doktor Storf weiß es ganz genau, daß er uns ein liebwerter Gast ist!“ fuhr sie in ihrer langgezogenen Sprechweise fort. „Und was meinen Neffen anbetrifft, den Felix Altwirth, so muß ich schon sagen, daß ich es, gelinde gesagt, merkwürdig finde, daß er heute abend nicht zugegen ist. Wo er doch weiß, daß seine Tante, nämlich ich, da sein tut. Und wo er mir doch den schuldigen Respekt zu erweisen hätte. Das ist schon höchst merkwürdig. Nicht wahr, Simon?“ wandte sie sich mit gekränkter Miene an ihren Mann.
Dem Apotheker war die ganze Geschichte höchst peinlich. Er wußte nicht recht, wie er sich eigentlich zu verhalten habe. Er hatte ein unbestimmtes Gefühl, daß seine Frau einen Ton anschlug, der nicht hierher paßte. Und doch war wiederum ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit mit seiner Frau in ihm, das ihn hieß, sie nicht im Stiche zu lassen.
Da er aber tatsächlich große diplomatische Talente besaß, so gab es für ihn nur wenige Schwierigkeiten, in denen er nicht einen Ausweg gefunden hätte. So auch jetzt wieder.
Der Apotheker sah zuerst seine Frau eine Weile starr an, verzerrte sein kleines, fahles Gesicht ganz schauderhaft, zog eine Falte nach der andern in die Stirn, so daß der Zwicker von der Nase fiel und er ihn wiederholt zurecht setzen mußte, und meinte dann mit ruhiger Würde: „Der Felix wird studieren müssen!“ Das sagte er im Ton vollster Überzeugung. „Wenn ich mich nicht irre, so wird er jetzt bald die Staatsprüfung machen müssen. Nicht wahr, Herr Doktor?“ fügte er hinzu, indem er sich an den jungen Arzt wandte.
Doktor Storf sah unwillkürlich zur Sophie hinüber. Es war ein Blick des Einverständnisses, den diese beiden miteinander wechselten. Er entging der Apothekerin nicht.
„Allerdings!“ erwiderte Max Storf ausweichend. „So wird’s wohl sein.“
Doktor Rapp unterhielt sich ziemlich laut mit dem Herrn Patscheider. Er wollte die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken, da ihm die Verhandlungen über Felix Altwirth immer peinlicher wurden. Es war eine geschäftliche Angelegenheit, welche die beiden Herren in gleichem Maße interessierte.
Wenn aber Frau Therese sich einmal an einer Sache festgebissen hatte, so ließ sie nicht so leicht wieder locker. Sie besaß jetzt für nichts mehr ein Interesse, als für ihren Neffen Felix.
„So wird’s wohl epper nit sein, Herr Doktor!“ fing sie neuerdings an.
In ihrem Eifer, den Doktor Storf zu überführen, vergaß sie ganz darauf, sich ihrer gewählten Ausdrucksweise zu bedienen, und sprach im schönsten Kothlackner Dialekt. Das klang so rein und unverfälscht, daß die Damen einander verständnisvoll zulächelten.
„Ich hab’ da einen Blick aufgefangen ...“ meinte Frau Therese bedächtig ... „zwischen Ihnen und der Sophie, der mir nicht gefallen tut. Das muß i Ihnen schon sagen, gar nit g’fallt er mir. Da steckt etwas dahinter, das mi angeht und mi wollen’s hinters Licht führen! Da kenn’ i mi schon aus!“ fügte sie gekränkt hinzu.
Dann aber erinnerte sie sich, was sie ihrer Stellung schuldig war, gab sich einen Ruck, nahm eine sehr huldvolle Miene an und sagte darauf zu Sophie, indem sie jedes Wort eindrucksvoll betonte: „Und jetzt, Sophie, wend’ ich mich einmal an Ihnen. Jetzt reden einmal Sie zu mir, wie sich’s g’hört. Und jetzt frag’ ich Ihnen, was ist denn das für eine Geheimnistuerei mit dem Felix? Was wissen denn Sie davon?“
Da Sophie nicht gleich Antwort gab, ermunterte sie das Mädchen: „Sie dürfen schon reden. Sie dürfen Ihnen schon getrau’n!“ meinte sie mit wohlwollender Herablassung.
„O, gnädig’ Frau, i getrau’ mir schon zu reden!“ Sophie trat jetzt resolut vor und stemmte ihren Arm in die Seite. „Soviel Sie wollen, gnädig’ Frau! Ich fürcht’ mi nit vor Ihnen!“ sagte sie mit leichtem Spott.
„Jetzt schauen’s amal so a Person!“ flüsterte die Patscheiderin ihrer Nachbarin zu. „So a Frechheit!“
Sophie hörte nichts, was die Damen leise miteinander verhandelten. Sie schaute nur fest auf die Apothekerin, die es innerlich schon zu bereuen begann, daß sie sich an die Sophie gewandt hatte. Der Ton, in dem das Mädel zu ihr sprach, war ihr entschieden unbehaglich.
„Also ...“ fuhr die Sophie energisch fort. „Damit Sie gleich alles wissen und Ihnen danach einrichten können ... der Herr Altwirth, Ihner Neffe, der hat die Staatsprüfung heut’ g’macht, und er hat sie nicht bestanden.“
Die Apothekerin warf einen triumphierenden Blick auf ihren Gatten, als wollte sie sagen: „Siehst, genau so, wie ich’s mir gedacht habe!“
Der Herr Apotheker Tiefenbrunner rief in ratloser Bestürzung: „Wa--a--a--s sagen’s da?“
„Er hat sie nicht bestanden!“ fuhr die Sophie ruhig fort. „Weil er sie nicht hat bestehen können! Und warum hat er sie nicht bestehen können? Weil man einen Menschen nicht zwingen tut, ein Beamter zu werden, wenn er ein Künstler ist. Und weil er nämlich gar nichts dafür kann, und weil es ganz recht ist, und weil er jetzt nach München auf die Akademie kommen muß! Und dann kann er ein richtiger Mensch werden und sonst nit. Und weil die gnädig’ Frau schon einmal soviel für ihn getan hat und ihn hat studieren lassen, so wird halt gar nix anders übrig bleiben, als daß sie ihn jetzt auf die Kunst studieren laßt. Da kann man gar nix machen. Es muaß halt sein!“
Ein schallendes Gelächter brach unten am Tisch der jungen Herren los. „Bravo, Sophie! Bravo!“
„Sollst leben, Sopherl!“
„Der tapfern Streiterin, Fräulein Sophie Zöttl, ein Hoch!“ rief Hans Windhager, ein junger Ingenieur. „Die hat Schneid’!“
„Brav plädiert, Sophie!“ lobte der Doktor Rapp. „Ganz ausgezeichnet! Ich werde dich zu meinem Kompagnon ernennen!“ meinte er scherzhaft und hielt Sophie sein gefülltes Weinglas entgegen, damit sie daraus trinken sollte, was sie auch lachend tat.
„Ja, das wird auch das Gescheiteste sein, Herr Doktor, was Sie tun können!“ meinte Frau Therese mit nur schlecht versteckter Anzüglichkeit.
Es ärgerte sie gewaltig, daß sich Sophie diesen unverschämten Ton, wie sie es innerlich nannte, gegen sie erlaubt hatte. Und daß die Herren dazu noch lachen konnten! Denn sie sah es wohl, mit Ausnahme ihres eigenen Mannes freuten sich alle Männer über die schneidige Rede der Kellnerin.
Sogar der Herr Rat Leonhard unterbrach für einen Augenblick den stummen Zweikampf mit seiner Zigarre, nahm sie aus dem Mund, hielt sie vor sich hin, fletschte die kleinen, angefaulten Zähne wie ein quietschvergnügter Mops, zwickte die Augen zusammen und nickte ganz heiter und fröhlich der Sophie zu.
Der Apotheker machte einen bedauernswerten Eindruck, was nur dazu beitrug, die allgemeine Heiterkeit noch zu erhöhen. Wie ein Häufchen Elend saß er zusammengeknickt auf seinem Sessel und wußte sich für den Moment keinen rettenden Ausweg zu finden.
Nur die Damen waren für diesen einen Fall ganz entschieden auf seiten der Frau Apotheker. Frau Haidacher allerdings konnte sich vor Lachen kaum mehr fassen. Die rührende Unverschämtheit des Mädchens gefiel ihr zu gut. Und der Apothekerin, dieser dummen, arroganten Person, gönnte sie es vom Herzen.
Die Frau Patscheider sah mit empörten Augen zu ihrem Mann hinüber. Sie hatte es gesehen, mit ihren eigenen Augen gesehen, wie Herr Patscheider den Arm des Mädchens streichelte und sie ganz verliebt anstarrte. Na, der sollte ihr heute heimkommen! Dem würde sie’s sagen! Ob das ein Benehmen sei! Schämen sollte er sich, ein Mann in seinen Jahren und eine Kellnerin!
Nur mit dem Aufgebot ihrer größten Selbstbeherrschung hielt die Frau Patscheider an sich. Am liebsten hätte sie ihren Gatten hier vor allen Leuten zurecht gewiesen. Aber das ging doch nicht an. Das durfte sie nicht tun. So viel Rücksicht schuldete sie seiner Stellung. Das fühlte sie. Daher überwand sie sich und kam sich dabei vor wie eine Heldin.
Aber nicht nur die Frau Patscheider, sondern auch die andern Frauen hatten Ursache, mit ihren Männern unzufrieden zu sein. Es war das erstemal, daß das Eis gebrochen war, daß die Herren die Gegenwart ihrer Frauen vergaßen und sich Sophie gegenüber so benahmen wie an den übrigen Abenden.
Der Baurat Goldrainer trank der Sophie zu, und seine Gattin bemerkte, wie er ihr heimlich eine Kußhand schickte. Die Frau Baurat wußte es, daß ihr Gatte es nie allzu genau mit der ehelichen Treue genommen hatte, und daher befiel sie ein eifersüchtiger Argwohn. Eigentlich spürte sie eine innere gehässige Freude, daß sie ihren Mann nun wieder einmal „ertappt“ hatte.
Die Ehe des Herrn Baurat und seiner Gattin war bereits auf jenem Standpunkt angelangt, wo die Liebe sich in Haß verwandelt hatte und nur die Rücksicht auf die Kinder und die gesellschaftliche Stellung diesen Bund zusammenhielt.
Frau Goldrainer freute sich darauf, ihren Mann mit ihrer neuen Entdeckung zu quälen, und hielt jetzt schon innerliche Zwiesprache mit sich, wie sie ihm drohen wollte, daß sie nie wieder zum Weißen Hahn mitgehen würde, wo so eine „Person“ herrschte.
Und immer mehr redete sich die Frau Baurat für sich selber in eine tiefe Empörung hinein. Sie hatte doch geglaubt, daß der Weiße Hahn ein anständiges Lokal sei und Frau Buchmayr eine anständige Frau, die „so etwas“ nie dulden würde. Und mit einem Male wandte sich ihr ganzer Zorn gegen die Wirtin.
Es waren stechende, brennende, verächtliche Blicke, welche die arme Wirtin über sich ergehen lassen mußte. Von allen Seiten. Denn wie auf ein lautloses, allgemeines Kommando ließen auch die andern Damen die Wirtin plötzlich ihre stumme Entrüstung fühlen. Der Frau Maria Buchmayr wurde es schließlich so unbehaglich, daß sie sich schwerfällig von ihrem Sitz neben dem Herrn Rat erhob und so schnell sie konnte aus dem Zimmer humpelte.
Frau Therese Tiefenbrunner fühlte es instinktiv, wie die Damen in geschlossener Reihe hinter ihr standen und zu ihr hielten. Sogar die Professorin hatte auf einmal aufgehört zu lachen und war ganz ernst geworden.
Die Apothekerin fühlte ihre Stärke, und das verlieh ihr den Mut, den Angriff gegen Doktor Rapp fortzusetzen. Denn eine Genugtuung mußte sie haben für die Demütigung, die sie erlitten hatte, und Doktor Rapp gab ihr den besten Anhalt dazu.
„Es wird wirklich das Allergescheuteste sein, Herr Doktor ...“ fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, während der lautlose Stille im Herrenstübel geherrscht hatte ... „wenn Sie sich weniger um unsereins bekümmern tun und in erster Linie vor Ihnerer eigenen Türe kehren. Es hat nämlich jedermann gerade genug, wenn er auf sich selber acht gibt. Und was meinen Neffen, den Felix Altwirth, anbelangt ...“
Dem Doktor Rapp stieg das Blut schwer zu Kopf. Er war wütend aufgesprungen und hatte den Stuhl so stürmisch von sich gestoßen, daß dieser polternd hintenüber fiel.
„Sie gestatten, gnädige Frau, daß ich mir Anzüglichkeiten verbitte! Das dulde ich von niemand, von keinem Menschen, auch von einer Dame nicht!“ sagte er mit scharfer, schneidender Stimme.
Die gemütliche Lethargie, in der er sich sonst in Gesellschaft wiegte, war mit einem Male von ihm gewichen. In diesem Augenblick war Doktor Rapp nur mehr der schneidige Rechtsanwalt und rücksichslose Vertreter seiner Ansichten, als der er allgemein in der Stadt und auch im ganzen Lande bekannt war.
Doktor Rapp verbeugte sich höflich, zuerst vor der Professorin und dann gegen die übrige Tischgesellschaft, und sagte im gedämpften Ton: „Küss’ die Hand, gnädige Frau. Guten Abend, die Herrschaften.“
Patscheider hielt den Rechtsanwalt zurück: „Aber Herr Doktor!“ meinte er beschwichtigend.
Simon Tiefenbrunner hatte sich gleichfalls von seinem Sitz erhoben und trippelte nun mit nervösen kleinen Schritten zu Doktor Rapp hinüber. Er war so hilflos und verstört, wie wohl noch nie in seinem Leben. Bis jetzt war er nur immer in die Lage gekommen, den Frieden zu erhalten als eine außenstehende und ganz unbeteiligte Persönlichkeit. Heute war er jedoch unmittelbar an einer Sache beteiligt, oder, was noch schlimmer war, seine Frau war daran beteiligt, und das raubte ihm vollends sein seelisches Gleichgewicht.
„Aber Herr Doktor! Herr Doktor!“ stieß er beinahe stotternd hervor. „Sie werden mir doch das nicht antun. Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten soll!“ sprach er in hilfloser Verwirrung.
Patscheider, der für gewöhnlich gar kein Talent besaß, erregte Gemüter zu begütigen, vermittelte jetzt auf seine ganz besondere Art und Weise. Er hob den Stuhl vom Boden, den Doktor Rapp in seiner Erregung von sich gestoßen hatte, und zog den Rechtsanwalt mit gebieterischer Kraft darauf nieder.
„Alles, was recht ist, Herr Doktor!“ sagte er dann in bestimmtem Tone. „Wenn wir zwei uns hackeln und Sie rennen davon, das begreif’ ich. Aber wegen an Weiberg’wäsch, das ist nit der Müh’ wert! Das muß ich Ihnen schon sagen! Und Sie, Her Tiefenbrunner,“ wandte er sich schroff an den Apotheker, „erziehen’s Ihre Frau besser! Was sie mit ihrem Neffen anfangt oder nit anfangt, ist uns da gleichgültig. Das halten’s, wie Sie wollen! Aber es g’hört sich nicht, absolut nicht, daß solche Privatangelegenheiten öffentlich im Wirtshaus verhandelt werden. Sie haben mich hoffentlich verstanden, Herr Tiefenbrunner!“
Der Apotheker verbeugte sich mehrmals zustimmend, als habe ein hoher Vorgesetzter ihm eine Rüge erteilt. Auch nachdem sich Patscheider ziemlich brüsk von ihm abgewandt hatte, verneigte sich der kleine, magere Mann noch immer. Er war so erschrocken und ratlos, daß er sich noch gar nicht zu fassen wußte.