Die Stadt am Inn

Part 9

Chapter 93,762 wordsPublic domain

Im gewöhnlichen Leben war der Herr Rat stets mit einem bunten oder auch dunkelfarbigen Flanellhemd bekleidet, dessen weicher Kragen ihn nicht drücken konnte. Die Stelle der Krawatte vertrat meistens eine Schnur mit Quasten, wie sie bei den Touristenhemden üblich ist. Steife Kragen oder gar Manschetten haßte der Herr Rat ehrlich und aufrichtig und betrachtete diese „Futteraler“ als eine unerhörte Beschränkung seiner persönlichen Freiheit.

Die Frau Professor Haidacher, die eine lustige Frau war und eine unbedingt satyrische Ader besaß, machte einmal die Bemerkung: sie glaube, der Herr Rat Leonhard wähle die dunkle Hemdenfarbe aus Sparsamkeitsgründen und mit Rücksicht auf die Reinlichkeit.

Der böse Witz wurde viel belacht; denn alle wußten es, daß der Herr Rat ziemlich ungezogene Manieren bei Tisch besaß und daß seine Kleidung nie ohne die Spuren der genossenen Mahlzeiten blieb.

Daß der Herr Rat Leonhard zu den Damenabenden auch jedesmal ein weißes Hemd anziehen mußte, war eine Prozedur, die der lustigen Frau Professor sicher viel Vergnügen bereitet hätte, wenn sie dieselbe hätte beobachten können. Im Geist stellte sie sich’s zwar genau so vor, wie es in der Wirklichkeit sich immer ereignete. Und diese Vorstellung ließ es ihr nur begreiflich erscheinen, daß der alte Junggeselle den Damenabenden beim Weißen Hahn bloß Gefühle des Abscheus und der Furcht entgegenbrachte.

Die lustige Frau Professor sah den kleinen Mann, wie er in seiner Junggesellenbude nervös auf und ab trippelte, überall seine Wäsche zusammensuchte und sie nicht finden konnte. Sie sah ihn, wie er nach glücklich vollbrachtem Fund sich abmühte, in das steife, ihm ungewohnte Wäschestück hinein zu schlüpfen. Sie hörte ihn ächzen und keuchen und ingrimmig fluchen, wenn er den Ausweg für den Kopf nicht finden konnte, da er vergessen hatte, oben die Knöpfe aufzumachen. Sie sah ihn in ratloser Verzweiflung und mit ungeschickten, zitterigen Händen einen Knopf annähen, der lose an einem Faden hing und auszubrechen drohte, und sah noch viele kleine Unfälle, die ihm widerfuhren und die er zu überstehen hatte.

Und das mußte der Herr Rat, wie die rundliche, gut genährte Frau Professor mit innerer Befriedigung feststellte, alles zur Strafe dafür durchmachen, weil er es versäumt hatte, sich rechtzeitig im Leben um eine Gefährtin umzusehen, die ihm die kleinen Lasten des Alltags mit liebevoller Sorge abgenommen hätte.

Als warnendes Beispiel hatte die Frau Professor den Rat Leonhard schon oft dem Doktor Rapp vor Augen gestellt. Denn daß der Advokat so völlig keine Lust bezeugte, in den Ehestand zu treten, das wollte ihr schon gar nicht gefallen.

„Schauen’s, Herr Doktor, so viele hübsche junge Mädeln gibt’s in Innsbruck. Mädeln mit Geld und Mädeln ohne Geld. Beißen’s doch an! Ein Mann wie Sie! Ich bitt’ Ihnen!“

Auch heute abend hatte sich die Frau Professor den Doktor Rapp aufs Korn genommen, um ihn abermals in ihrer lustigen Art für den Ehestand zu kapern. Sie selber war eine äußerst glückliche Frau geworden, hatte einen guten, etwas phlegmatischen Mann gefunden, der ihr willig das Zepter der Regierung überließ und sich in alles fügte, was sie bestimmte. Da Frau Anna Haidacher eine sehr vernünftige Dame war, so bedurfte es auch keiner allzu großen Selbstverleugnung von Seite des Herrn Professors, sich ihrem höhern Willen unterzuordnen.

Die Frau Professor war entschieden der Sonnenschein am Stammtisch. Sie war die einzige, die es zustande brachte, die Sophie für den Abend auszustechen. Ohne Absicht natürlich; denn sie befand sich nebst den andern Damen in vollkommener Unkenntnis darüber, welchen Grad der allgemeinen Aufmerksamkeit das junge Mädchen für gewöhnlich genoß. Sophie trat für diesen einen Abend gerne zurück. Sie erfreute sich gleich den andern an der sprudelnden Heiterkeit der jungen blonden Frau.

Sophie hatte eine ganz besondere Zuneigung zur Frau Professor gefaßt. Sie zog sie allen übrigen Damen vor und machte sich gerne um sie zu schaffen. Das kam daher, weil Frau Haidacher ganz anders zu dem Mädel war als die übrigen Damen. Frau Anna hatte eine gute, freundliche Art, mit dem Mädchen zu reden. Sie sprach mit ihr, als wäre sie eine ihresgleichen, und kehrte mit keinem Wort, mit keinem Blick und keiner Gebärde die Dame vom Stande heraus; und dafür hatte Sophie ein besonders feines Empfinden.

Die Damenabende waren für Sophie eigentlich stets Stunden der Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung. Ihre Stellung beim Weißen Hahn war mit der Zeit eine derartige geworden, daß sie das Gefühl, eine Dienerin zu sein, ganz verloren hatte. Die Wirtin hielt sie wie ihr eigenes Kind. Die Gäste bewunderten sie und feierten sie und ließen sich von ihr hofmeistern. Das Dienstpersonal nahm eine Art scheuen Abstandes von ihr ein, der nicht frei von Neid war.

Mit dem Auftreten der Damen in der Stammtischgesellschaft änderte sich für Sophie das Bild, und sie empfand deutlich den sozialen Unterschied zwischen sich und jenen. Da war keiner der Männer, der es gewagt hätte, in Gegenwart der Frauen einen Witz mit ihr zu machen. Sogar die jungen Herren am andern Ende des Zimmers verhielten sich ruhiger und zurückhaltender. Sophie war stets froh, wenn so ein Damenabend wieder glücklich überstanden war. In diesem Punkt stimmte sie mit dem alten Herrn Rat vollkommen überein.

Mit heimlicher Genugtuung bemerkte sie es, wie die übrigen Damen es der Frau Professor neideten, daß diese der Mittelpunkt der Gesellschaft war und sich der allgemeinen Gunst erfreute. Die Professorin war hübsch, jung, übermütig und besaß einen sich stets gleichbleibenden Humor. Eigentlich war Frau Professor Haidacher gar keine Innsbruckerin. Sie war nur eine „Eingeheiratete“ und von Geburt eine Linzerin.

Es dauerte auch geraume Zeit, ehe die Innsbrucker Damenwelt sich mit ihr anfreunden konnte. Die herzliche, heitere Art der jungen Frau bezwang aber doch schließlich die kühle, beobachtende Zurückhaltung der Damen. Jetzt allerdings war sie schon längst eine der Ihren geworden, und sie fanden sich ab mit ihrer überquellenden Lustigkeit und mit der für ihre Begriffe zu extravaganten Kleidung der Professorin.

Frau Haidacher liebte es, sich stets nach der allerneuesten Wiener Mode zu kleiden. Und die Art und Weise, wie sie sich trug, wie sie sprach und ging, verriet die Dame von Welt, die in ihre gegenwärtige spießbürgerliche Umgebung nicht so ganz hineinpassen wollte.

Daß sie nicht ganz zu ihnen paßte, das fühlten die Innsbrucker Damen besser, als es Frau Haidacher selbst bewußt wurde. Die Professorin hatte sich rasch eingewöhnt in der Stadt. In ihrer leichtlebigen Art fand sie sich gleich mit allem zurecht und sehnte sich keinen Augenblick nach ihrer alten Heimat zurück.

Sophie Zöttl war, während die Professorin den Rechtsanwalt wieder einmal neckte, in der Nähe geblieben und hatte scharf auf jedes Wort geachtet, das gesprochen wurde.

Sie stand hinter dem Stuhl der Professorin und hatte die rechte Hand leicht auf die Lehne gestützt. Es war eine vertrauliche Haltung, die sie einnahm, während sie ihr Gesicht gegen eine andere Seite wandte, als erwarte sie von dort her einen Auftrag oder als achte sie gar nicht darauf, was in ihrer allernächsten Nähe verhandelt wurde.

Und doch entging ihr kein Wort, nicht ein einziges. Auch nicht die geringste Nuance im Tonfall eines Wortes. Sie war so voll Aufmerksamkeit, daß sie es nicht einmal bemerkte, wie einige Damen sich über ihre gemütliche und ungezwungene Art sich zu geben beschwerten.

Die Frau Patscheider, die sich, wenn ihr Gatte anwesend war, ganz besonders dazu berufen fühlte, über Schickliches und Unschickliches zu urteilen, wandte sich mit schlecht verhehlter Empörung an ihre Nachbarin, die Frau Baurat Goldrainer: „Finden Sie nicht, Frau Baurat, daß die Sophie jetzt anfangt, gar a bissel zu vertraut zu werden. Das gehört sich schon gar nicht. Ein Unterschied muß doch sein. Sie ist ja doch bloß a Kellnerin!“ meinte sie, und ihre vollen Lippen verzogen sich geringschätzig.

Die Frau Patscheider war eine Frau in den schönsten Jahren. Groß, schwarz und üppig, ein bißchen zu üppig. Die schwere, goldene Uhrkette, die sie doppelt um den Hals geschlungen trug, lag straff gespannt über der schwarzseidenen Bluse, die den prallen Busen nur noch mehr zur Geltung brachte. Die Frau Patscheider machte den Eindruck, als hätte sie sich ganz besonders eifrig der Prozedur des Schnürens unterzogen. Sie atmete schwer, und wenn sie sprach, schöpfte sie immer erst tief Atem, als verursache ihr das Sprechen eine ungeheure Anstrengung.

Die Damen saßen alle in einem Kreis beisammen. Männlein und Weiblein waren streng geschieden. Nur die Professorin bildete hier abermals eine Ausnahme. Sie mußte an ihrer Seite stets ein Mannsbild haben, wie sie sich ausdrückte. Sonst fühlte sie sich nicht wohl. „An +einer+ Seite wenigstens!“ lachte sie. „Damit ich auch einmal was anderes zu hören krieg’, als Kinder, Dienstboten und den andern Klatsch.“ Die Damen lachten ihr dann immer mit süßsaurer Miene zu. Die Professorin war halt einmal so. Daran konnte man nichts ändern.

Auch Frau Therese Tiefenbrunner hatte einen Tischnachbar. Sie hatte sich ihn zwar nicht ausgesucht, sondern er war für sie bestimmt worden. Nämlich der Herr Rat Leonhard.

Da der Herr Rat diese Abende als eine ihm von Gott auferlegte Prüfung ansah, in die er sich mit Würde und Anstand zu schicken wußte, so erachtete er es auch für seine Pflicht, bei diesen Gelegenheiten als Tischältester zu präsidieren. Und daß er dies nur an der Seite einer Dame konnte, war klar.

Da die Wirtin an den Damenabenden stets den Platz zu seiner Rechten innehatte und keine der Damen zu bewegen war, ihr diesen Platz zu nehmen, so blieb nur noch der Platz zur Linken des Herrn Rat frei. Eine jede der Damen hatte aber eine ganz bestimmte Abneigung dagegen, neben dem Herrn Rat zu sitzen.

Der Herr Rat pflegte an den Damenabenden einen völlig andern Menschen aus sich zu machen und allen ihm lieb gewordenen Angewohnheiten zu entsagen. Er verzichtete sogar mit Rücksicht auf die Vertreterinnen des schönen Geschlechtes auf seine ihm sonst unentbehrliche Pfeife. Der Herr Rat hatte in seiner frühen Jugend einmal gehört, daß es nicht anginge, in Gegenwart von Damen Pfeife zu rauchen; und das hatte er sich wohl gemerkt. Er wollte nicht unhöflich sein. Um keinen Preis! Und er wußte auch, was sich gehörte.

Daher rauchte der Herr Rat Leonhard an den Damenabenden nur Zigarren. Sie schmeckten ihm zwar nicht. Beileibe nicht! Aber er tat’s doch aus purer Höflichkeit und kam sich dabei als das größte Opferlamm vor, das je gelebt hatte.

Da der Herr Rat im Zigarrenrauchen keine Übung besaß, so behandelte er die Zigarren äußerst schlecht. Er biß darauf, kaute sie zur Abwechslung, entblätterte sie, schnitt sie auseinander, damit sie besser ziehen sollten. Kurz, er befand sich den ganzen Abend in einem unausgesetzten Kriegszustand mit seiner Zigarre.

Dies trug absolut nicht zur Besserung seiner Laune bei und vermochte auch nicht, sein Behagen zu erhöhen. Seine ganze Aufmerksamkeit wurde von dem tückischen, leblosen Gegenstand in seinem Munde in Anspruch genommen. Und wenn er sich auch noch so viel Mühe gab, möglichst unbefangen zu erscheinen und ein freundliches Gesicht zu schneiden, so brachte er es doch über eine verzerrte, griesgrämige Grimasse nicht hinaus.

Sprechen tat der Herr Rat überhaupt nichts. Nur ab und zu nahm er sich einen Anlauf und öffnete seinen Mund zu einer Rede. Da wurde dann immer nur eine Frage daraus. Und es war auch stets dieselbe Frage, die er von Zeit zu Zeit wie eine Offenbarung an seine Nachbarin zu richten pflegte. Für ihn war es auch eine Offenbarung. Das Resultat einer angestrengten Gehirntätigkeit, eine Erlösung von der Pein des Nachdenkens. Denn alles Nachdenken half nichts, es wollte ihm nie ein Gesprächsstoff einfallen.

Wenn der Herr Rat nach der gestellten Frage abermals in tiefes Nachdenken versank, schloß er die Augen und tat, als schliefe er. Nur ein heftiges Zucken gab Zeugschaft, daß er noch munter war und den Kampf mit seinem heimtückischen Glimmstengel auf eine andere Weise fortzusetzen suchte.

Wie ein feiner Sprühregen ergoß es sich aus seinem Mund fortwährend und ohne Unterbrechung. Fast lautlos setzte er den Kampf mit den Tabakblättern fort, die sich wie Kletten an seine Zungenspitze festzukleben suchten.

Daß die Damen es vorzogen, so weit als möglich von dem sonderbaren Herrn zu sitzen, war ihnen gewiß nicht zu verdenken.

Die lustige Frau Professor hatte einen Kriegsrat abgehalten. Ganz im geheimen und mit Ausschluß der Apothekerin. Da die Apothekerin unter den anwesenden Damen die älteste war, wurde beschlossen, ihr ein für allemal den Ehrensitz neben dem Herrn Rat abzutreten. Und mit viel Würde und unsagbar huldvoller Miene thronte Frau Therese Tiefenbrunner seither neben dem Herrn Rat Leonhard am Stammtisch beim Weißen Hahn ...

Es war tiefinnerstes Interesse, das Sophie Zöttl so genau aufpassen hieß bei der Unterredung zwischen der Professorin und dem Doktor Rapp.

Sophie besaß keinerlei Zuneigung für den Rechtsanwalt, und ihr Interesse an ihm war einzig und allein schlau durchdachte Berechnung. Doktor Valentin Rapp besaß alles, was Sophie begehrte. Er war reich, angesehen und nicht zu alt. Schön war er ja nicht, aber doch immerhin nicht häßlich. Und zur Not konnte sie sich ja gerade einreden, daß sie ihn ganz gern habe.

Verliebt war sie nicht. Das gestand sie sich selber vollkommen ehrlich ein. Denn dazu steckte ihr der Student, der Felix Altwirth, doch zu sehr im Kopf.

Sophie Zöttl wußte, daß diese Neigung zu dem mittellosen Studenten bei ihr vergehen würde. Sie mußte eben vergehen. Koste es, was es wolle. Jetzt galt es für sie, alle Karten auf +ein+ Spiel zu setzen. Und dieses Spiel war Doktor Rapp.

Mit der geriebenen Schlauheit, die ihr und ihresgleichen im Blute lag, begann sie das Spiel. Wie eine Spinne fing sie an, feine, unsichtbare Fäden zu weben. Dichter und immer dichter, bis die Fäden zu einem Netz wurden, aus dem ein Entrinnen fast unmöglich war.

Doktor Rapp war es sich noch nicht bewußt, daß er den Mittelpunkt dieses fein angelegten Kunstwerkes bildete. Sophie wollte erfahren, in welchem Grade der Rechtsanwalt seine Unbefangenheit bewahrt habe. Und deswegen verfolgte sie die Unterredung mit der Professorin mit so gespannter Aufmerksamkeit. Sie wußte, daß es einzig und allein darauf ankam, den Doktor tunlichst lange in dieser Unbefangenheit zu erhalten, bis zu einem Zeitpunkt, wo ein Entkommen dann ausgeschlossen sein würde.

Hätte Doktor Rapp auch nur den leisesten Verdacht geschöpft, welches Attentat Sophie auf seine persönliche Freiheit plante, so wäre er mit groben, unbarmherzigen Fäusten dazwischen gefahren und hätte das ganze Gespinst weiblicher Schlauheit vernichtet.

Der Rechtsanwalt dachte mit keinem Gedanken ans Heiraten. Wenn man ihn damit neckte, so lachte er und sagte, er wolle sich’s noch überlegen. Es sei ja noch Zeit. Es könne ja sein, daß er noch auf den Geschmack komme. Bis jetzt halte er noch nicht viel vom Ehestand.

Die Professorin meinte dann jedesmal mit komischer Verzweiflung, daß der Doktor eine ganz außergewöhnliche Art von Ehefeind sei. Einer von jenen allerschlimmsten, die das Heiraten nicht „verschreien“ wollen, um der Ehe desto sicherer zu entrinnen.

In Wirklichkeit hielt sich der Rechtsanwalt Doktor Rapp zu Besserem berufen, als sich, wie er sich in ganz intimen Kreisen auszudrücken pflegte, mit Weib und Kindern ein Leben lang herum zu streiten. Er wußte, daß er hohe geistige Fähigkeiten besaß, und erachtete es für seine Pflicht, diese Fähigkeiten zum Wohle seiner Heimatstadt und seines Landes fruchtbringend anzulegen.

Doktor Max Storf hatte sich für diesen einen Abend zu den Herrschaften am Stammtisch gesellt und saß neben Fräulein Hedwig Eisenschmied und deren Schwager, dem Baurat Goldrainer.

Hedwig Eisenschmied war ein stilles, etwas verschüchtert aussehendes Mädchen, Mitte der Zwanziger. Der Altersunterschied zwischen ihr und Max Storf betrug höchstens zwei oder drei Jahre. Sie war klein und zierlich, hatte ein fein geschnittenes, blasses Gesichtchen und dunkle Haare, die sie in schlichter Art gescheitelt und tief im Nacken zu einem Knoten geschlungen trug.

Ihre hellen Augen standen in einem seltsamen Gegensatz zu dem tiefdunklen Haar. Sie verliehen ihr einen leicht ätherischen Anstrich. Ihre Bewegungen waren so langsam und bedächtig wie ihre Sprache. Sie machte den Eindruck, als hielte sie stets in ihrer Rede mit etwas zurück, als fürchtete sie durch ihre Offenheit sich zu schaden oder mißverstanden zu werden.

Völlig entgegengesetzt war das Äußere ihrer um viele Jahre älteren Schwester. Die Frau Baurat hatte schon leicht ergrautes Haar und sah älter aus, als sie war. Frau Goldrainer besaß ein Gesicht, das von Sorge erzählte, aber auch von Mut und Energie. Der schmale, scharf gezeichnete Mund verriet es, daß die Frau Baurat sich im Leben zu behaupten verstand. Sie machte keinen schüchternen Eindruck wie ihre Schwester, sprach resolut und mit etwas spitzer, schriller Stimme. Sie war groß und knochig, und das Hagere ihrer Erscheinung stach neben der üppigen, molligen Figur der Frau Patscheider ganz besonders unangenehm ab.

Fräulein Hedwig Eisenschmied nahm sich neben ihrer großen Schwester aus wie ein schüchternes kleines Vöglein, das sich Schutz und Schirm suchend eng an einen festen Halt schmiegt. Hedwig Eisenschmied fühlte es wohl, daß sich der junge Arzt um sie bewarb, und sie wußte es auch, daß es für eine ernste Verbindung kein Hindernis gab. Als die Tochter eines angesehenen Kaufmanns besaß sie Vermögen genug, um einen Hausstand gründen zu können.

Aus freiem Willen war sie bis jetzt ledig geblieben. Sie hatte keine rechte Lust zum Heiraten und war sich auch heute noch vollständig im unklaren, wie sie sich dem Doktor Storf gegenüber zu verhalten habe.

Da sie mutterlos war, besaß ihre ältere Schwester den größten Einfluß auf sie, und diese riet ihr, die Partie nicht auszuschlagen. Doktor Storf sei zwar mittellos, aber dafür ein schöner Mann, einer von jenen, um den sie einmal alle beneiden würden.

Doktor Storf war in der Tat eine äußerst angenehme Erscheinung. Er war nicht gerade schön, jedoch in seinem ganzen Auftreten ritterlich und elegant. Auf den ersten Blick sah man ihm den ehemaligen Korpsstudenten an. Sein Gesicht war ernst und sein Benehmen, besonders im Verkehr mit Damen, von außerordentlicher Zuvorkommenheit. Es war daher kein Wunder, daß er den Beifall der Frau Baurat fand und daß sie ihn gerne als Schwager gesehen hätte. Ihr eigener Gatte war gerade das Gegenteil von dem jungen Doktor, in seinem ganzen Wesen und auch in seinem Charakter.

Zu wundern war es nur, daß Hedwig keine tiefere Neigung für den jungen Mann bezeugte. Sie blieb kühl und gleichgültig, wie sie es eben bei allen früheren Bewerbern auch geblieben war. Auch jetzt hörte sie in ihrer ruhigen Art dem jungen Manne zu, wie er auf sie einredete, und sah ihn nur manchmal mit großen, scheuen Augen an. Es lag etwas Angstvolles in ihrem Blick, als fürchtete sie sich davor, den jungen Arzt näher kennen zu lernen.

Sie ist ganz gewiß das Gegenteil von Sophie, sagte sich Max Storf. Das Wilde, Unbändige des Temperaments ist bei ihr nie zu fürchten. Es wird ein stilles, gleichmäßiges Glück werden. Dabei stellte er aber im Geheimen doch Vergleiche an zwischen Hedwig Eisenschmied und der Sophie. So auch am heutigen Abend.

Sophie achtete nicht auf den jungen Arzt. Sie bemerkte es auch nicht, daß Max Storf sie nun schon seit geraumer Zeit nicht aus den Augen ließ und sie scharf beobachtete. Es entging Max keineswegs, daß Sophiens Aufmerksamkeit auf den Rechtsanwalt gerichtet war; und zum ersten Male fiel es ihm auf, daß das Mädchen anders zu Doktor Rapp war, als zu den übrigen Herren.

Mit den Augen des Kenners ließ er Sophiens ganze Erscheinung auf sich wirken. Er sah ihre große, volle Figur, sah die fast königliche Art ihrer Kopfhaltung, sah die Grazie in ihren Bewegungen, das Weiche, Schmeichelnde in ihrem Gang. Sah das derbe, dunkle Gesicht und die blutroten Lippen, die nach Küssen zu lechzen schienen, und sah, wie sie langsam und lässig ihre Hand von der Stuhllehne der Professorin nahm und sie leicht und wie unabsichtlich auf eine Hand des Rechtsanwalts legte, während sie sich jetzt mit anmutiger Gebärde zu ihm herunter neigte, um ihn nach etwas zu fragen.

Der junge Arzt sah auch, daß sie länger mit Doktor Rapp sprach, als es sich geziemte, und daß sie ihm mit einer Innigkeit in die Augen schaute, wie er es von diesem Mädel noch nie gesehen hatte. Und er sah es auch, wie Doktor Rapp sich leicht nach rückwärts neigte, dem Mädchen entgegen, und wie eine tiefe Röte sein ohnedies stets gutgefärbtes Gesicht überzog.

Und Doktor Storf wußte es seit jener Stunde, daß der Doktor Valentin Rapp, der eingefleischte Junggeselle, diesem Weibe verfallen war.

Es ging lustig her am Stammtisch. Die Frau Direktor Robler, die eine zwar ungebildete, aber immerhin sehr gutklingende Singstimme besaß, ließ sich die Guitarre bringen und begleitete ihre Lieder auf der Laute. Es waren muntere Volkslieder, Couplets und Koschatweisen. Wie sie ihr gerade in den Kopf kamen. Immerzu sang sie darauf los und freute sich wie ein Kind über den allgemeinen Beifall, den sie erntete.

Frau Robler war nicht mehr ganz jung, aber sie war lustig und sangesfroh. Gesellschaftliche Talente besaß sie außer ihrem Gesang keine. Sie war ruhig, und in ihrem Wesen lag eher etwas Unliebenswürdiges und Abstoßendes. Das verlor sich aber, wenn sie erst in Stimmung kam und auftaute. Diese Stimmung konnte durch ein Glas guten Weines am ehesten erreicht werden. Den Wein liebte sie genau so wie ihr Gatte, der manchesmal recht gerne einen Tropfen über den Durst trank.

Die Frau Apotheker Tiefenbrunner thronte mit dem Aufgebot ihrer ganzen Würde neben dem Rat Leonhard. Sie war die einzige von den Damen, die ihren Hut am Kopf behalten hatte. Es war ein runder, steifer Filzhut mit einer großen Straußenfeder, deren Spitze ihr seitwärts herunterhing und stets ihr rechtes Ohr zu kitzeln schien. Die Apothekerin hatte ein breites, fast lederfarbiges Gesicht, eine stumpfe Nase mit einer leichten Neigung nach oben, kleine, dunkle Augen und dichte, eng aneinander gewachsene Brauen. Ihr Hals war kurz und ungewöhnlich dick, so daß man hinter dem hochgeschlossenen Kragen unschwer einen Kropf vermuten konnte.

Frau Therese Tiefenbrunner trug ein hellbraunes Kleid von steifer, schwerer Seide, das durch den weißen Einsatz von echten Spitzen den Beweis erbrachte, daß die Frau Apotheker wohl die Mittel, jedoch nicht den nötigen Geschmack besaß, um sich gut zu kleiden. Schwere goldene Ohrgehänge, eine goldene Kette und Brosche sowie schöne wertvolle Ringe vervollständigten den Aufputz der Frau Apotheker.

Sie war eine kleine, gedrungene Gestalt, nicht zu dick, aber derb und knochig, und machte, obwohl sie schon eine hohe Fünfzigerin war, den Eindruck, daß sie sich durchaus gut erhalten hatte. Geduldig saß sie neben dem Rat Leonhard und trug mit keinem Wort dazu bei, sein Mißbehagen zu vergrößern.

Für so etwas wie für den Rat Leonhard und seine Schrullen besaß sie unbedingt ein volles Verständnis. Sie tat, als bemerke sie den feinen, lautlosen Sprühregen gar nicht, der unausgesetzt den erbitterten Kampf des Herrn Rat mit seiner Zigarre begleitete. Frau Tiefenbrunner machte dabei eine riesig wohlwollende und fast gönnerhafte Miene. Der Reihe nach lächelte sie jeden Einzelnen am Tisch an und hielt die kleinen, dicken, lederfarbigen Hände fest ineinander verschlungen vor ihrer Brust.

Ab und zu wechselte sie hinter dem Rücken des Herrn Rat ein freundliches Wort mit Frau Maria Buchmayr, der Wirtin, deren fettglänzendes und faltenloses Gesicht heute sanft und zufrieden strahlte wie der Vollmond in einer schönen Juninacht.