Die Sitten der Völker, Zweiter Band Liebe, Ehe, Heirat, Geburt, Religion, Aberglaube, Lebensgewohnheiten, Kultureigentümlichkeiten, Tod und Bestattung bei allen Völkern der Erde

Part 5

Chapter 52,894 wordsPublic domain

Die +Stellung der Ainufrau+ ist eine verhältnismäßig hohe, insofern sie nicht gekauft wird. Nach ihrer Heirat bleibt sie auch ihrem Stamme erhalten, denn die verwandtschaftlichen Beziehungen mütterlicherseits gelten für engere als die väterlicherseits. Demgemäß beeilt sich die Jungverheiratete nicht, in das Haus ihres Gatten überzusiedeln, sondern verbleibt in dem ihrer Eltern noch einige Jahre; in der Regel macht sie hier auch ihr erstes Wochenbett durch. Diese Erinnerungen an ein früheres Matriarchat machen sich auch in verschiedenen abergläubischen Vorstellungen bemerkbar. Frauenblut auf die Brust gerieben, bewirkt, daß alle, die mit Geldangelegenheiten zu tun haben, stets ihren Vorteil daraus ziehen, ein Stückchen der Menstruationsschürze ist ein mächtiger Talisman in allen Lagen des Lebens.

Während ihrer +Schwangerschaft+ erfreut sich die Ainufrau ebenfalls einer gewissen Pflege und Aufmerksamkeit. Merkwürdigerweise muß sie sich, besonders gegen Ende der Schwangerschaft, recht viel Bewegung verschaffen, damit das Kind recht klein bleibe und die Entbindung leicht und schnell vonstatten gehe. Die Schwangere darf kein Hammelfleisch essen, weil sonst das Kind eine Hasenscharte erhalten, auch kein Geflügel, weil es sonst mit schielenden Augen zur Welt kommen würde. Zwei Monate vor ihrer Niederkunft darf sie nicht spinnen, Seile drehen oder Wolle wickeln, weil sonst die Eingeweide des werdenden Kindes wie die Fäden durcheinander geraten könnten, und anderes mehr. -- Während der +Geburt+ bleibt die Kreißende allein, weil eine größere Anzahl von Zuschauern ihre Wehen verstärken würde, jedoch steht ihr eine erfahrene Frau, meistens eine nahe Verwandte, bei. Diese wendet sich auch mit Gebeten an die Geister der verstorbenen Vorfahren, die allgemein für die Beschützer der Frauen gelten, um ihr dadurch eine leichte Geburt zu verschaffen. Bei Eintritt der Geburtswehen wird ein Inau in der Ecke des Herdes aus dem gleichen Grunde aufgestellt, als Opfer für die Göttin des Feuers. Ein auf einer Matte sitzender Greis sendet leise zu ihr ein für diesen Fall improvisiertes Gebet; fällt das glimmende Stäbchen in der Richtung nach ihm zu, so gilt dies als ein Anzeichen dafür, daß das Gebet erhört werden wird. Daneben kommen noch allerlei Mittel zur Erleichterung der Geburt in Anwendung, wie Umlegen einer aus Weidenspänen gedrehten langen Schnur oder eines getrockneten Bärendarms um den Unterleib, sein Einreiben mit einer in ebensolche Späne gewickelten, getrockneten Fledermaus oder mit den Bauchhaaren einer Hündin und so weiter. -- Sobald das +Kind+ geboren ist, hebt die Geburtshelferin es in die Höhe und ruft dabei aus: „Neuer Greis (bei Mädchen: Neue Greisin) sei gesund.“ Die Ainu glauben nämlich, daß ihnen die Kinder von verstorbenen Verwandten aus dem Jenseits gesandt werden, die dort unter den gleichen Verhältnissen wie hier auf Erden wohnen.

Von +Zwillingen+ wird der eine für teuflischer Herkunft angesehen und getötet. Frauen, die solche zur Welt brachten, werden von ihren Geschlechtsgenossinnen gemieden, aus Furcht, sie könnten dadurch angesteckt werden. Dieser Aberglaube, daß erwachsene Menschen ihre Eigenschaften auf andere übertragen können, führt zum Beispiel dazu, daß eine unfruchtbare Frau von einem kinderreichen Weibe Geräte kauft und sich ihrer beständig bedient oder sie mit sich trägt.

+Abtreibung+ der Leibesfrucht kommt recht häufig vor, um das Ergebnis eines Verkehrs mit fremden Männern zu verheimlichen. Binden des Bauches, starkes Einschnüren der Taille, Herabspringen von großer Höhe sind die üblichen Methoden. Der Wöchnerin läßt man ebenso wie der Schwangeren große Pflege angedeihen.

Bei dem aus Anlaß der Geburt veranstalteten Feste wird wilder Knoblauch als Lieblingsspeise der Götter ins Feuer geworfen, um sie dadurch zu zwingen, an der Feier teilzunehmen. Die Nachbarn finden sich zum Schmause ein, dessen Hauptgericht mit Knoblauch gekochter Reis bildet.

Die +Toten+ der Ainu werden gewaschen und mit ihren Waffen und sonstigen Habseligkeiten wie auch Schmuck entweder in Matten gewickelt oder in Bretterkisten gelegt; gleichzeitig opfert man den Geistern der Verstorbenen Speise und Trank. Stirbt jemand unnatürlichen oder gewaltsamen Todes, so bringen sich die Angehörigen mit einem Messer leichte Wunden an der Stirn bei und opfern das herausquellende Blut dem Toten. Die +Beerdigung+ findet für gewöhnlich in der Nacht im Walde statt. Die Stätte, wo der Tote beigesetzt wurde, bezeichnet man durch einen mittels roher Rindeneinschnitte verzierten Pfahl oder Baumstamm, der, wenn es sich um eine Person männlichen Geschlechts handelt, in halber Höhe einen phallusartig zugestutzten Ast trägt (Abbild. 65) oder, wenn um eine weibliche, an seinem oberen Ende mit einem oder zwei länglichen Löchern versehen ist (Abbild. 66). An Beigaben legt man an diesen Grabstätten die Kleider, die Angelhaken, Pfeile oder Pfeilspitzen und Glasperlen entweder in Täschchen oder direkt auf der Erde nieder. Die +Trauer+ dauert je nach dem Grade der Verwandtschaft ein bis drei Jahre; als Zeichen für dieselbe trägt man eine eigenartige Mütze. Nach einem Jahr vom Todestage an kommen sämtliche Verwandte zusammen, vermeiden aber, etwas über den Toten zu sprechen, aus Furcht, es könnten die Geister der Verschiedenen zurückkommen und sie ängstigen.

Formosa.

Formosa, seit 1895 im Besitze der Japaner, wird von acht Wildstämmen bewohnt, die sich nicht nur in ihrer Sprache, sondern auch in der Kleidung, Bauart der Häuser, Tatauierung und sonstigen Sitten voneinander unterscheiden; gemeinsam ist ihnen allen das Äußere, kleine Statur, gelbbraune Hautfarbe und glattes, schwarzes Haar. Dieses ihr anthropologisches Verhalten, wie auch ihre Sprache und ethnographischen Verhältnisse lassen darauf schließen, daß sie malaiischer Herkunft sind, also von Völkern abstammen, die zu verschiedenen Zeiten von Süden, der indisch-australischen Inselwelt her nach Formosa einwanderten. Zu ihnen, den Sebenshin oder Wildstämmen, gesellten sich im fünfzehnten Jahrhundert Chinesen aus Südchina hinzu, die Hakka, später die Hoklo; diese machen die reiche Bevölkerung der großen Städte der Insel aus. Ihre Frauen verkrüppeln sich auch heute noch die Füße.

Die +Wilden Formosas+, die durch die Chinesen in die gebirgigen Teile des Landes zurückgedrängt wurden und hier in fast unzugänglichen Dschungeln hausen, sind Ackerbauer; ihre Dörfer bilden ungefähr ein halbes Dutzend leicht gebauter Hütten. Eine feste Stammesverfassung unter Häuptlingen kennen sie nicht. -- Als +Schmuck+ ist bei allen Stämmen +Tatauierung+ beliebt; die einzelnen Stämme unterscheiden sich hierin deutlich voneinander. So sind die Männer der Atayalen an einer senkrecht von der Mitte der Haargrenze über die Stirn bis zu den Augenbrauen verlaufenden breiten blauen Linie, sowie an einer senkrechten am Kinn, ihre Frauen an einem breiten blauen Bande, das von einem Ohr zum anderen über den Mund sich hinzieht (Abb. 68), kenntlich, die Amifrauen an mehreren Bändern um die Handgelenke (Abb. 73) und so weiter. Die Atayalen tragen als weiteren Schmuck noch geschnitzte Stöcke in den Ohrläppchen, andere Stämme wieder Hals- und Kopfbinden aus einer Art Achat und anderes mehr. Bei einigen Stämmen besteht die Sitte des Zähneherausnehmens bei Eintritt der geschlechtlichen Reife.

Die Wilden Formosas besitzen eine außerordentliche +Gewandtheit+; mit affenartiger Geschwindigkeit verstehen sie es, die Klippen zu erklimmen, von Baum zu Baum zu springen und durch das beinahe undurchdringliche Dickicht des Urwaldes hindurchzukriechen. Sie tragen beständig ein Schwert bei sich, dessen Griff bei den Ami, ebenso wie ihre Pfeifenköpfe, mit Silberstäbchen ausgelegt ist.

Die grausame Unsitte der +Kopfjägerei+ haben die Wildstämme aus ihrer malaiischen Urheimat auch hierhin verpflanzt; sie beherrscht direkt ihr ganzes soziales Leben. Besonders die Atayalen sind die eifrigsten und gefürchtetsten Kopfjäger (Abb. 71). Ihre Sitte erfordert es, daß man sich Köpfe verschafft, um eine reiche Ernte zu erzielen -- in diesem Falle werden die frisch abgeschnittenen Köpfe den Ahnen geopfert -- oder um sich eine Frau, eine Stellung oder überhaupt Einfluß zu verschaffen, um sich für die Aufnahme in den Rat Erwachsener zu eignen, und um als tapferer Mann angesehen zu werden oder um bei Verfehlungen gegen die eigenen Stammesgenossen seinen Ruf wiederherzustellen. Es kommt sogar so weit, daß zwei Männer, die Streit miteinander bekommen haben, aber zu keinem Ausgleich gelangen können, verschwinden und sich gegenseitig zu Leibe gehen, bis der eine dem anderen den Kopf abhaut; wer mit dem Kopfe seines Gegners ins Dorf zurückkehrt, zu dessen Gunsten wird der Streit entschieden. Bei der Rückkehr der Tapferen mit den erbeuteten Köpfen (Abb. 69) wird ein großes Freudenfest veranstaltet, häufig mit Tanz und Reisweintrinken; die Helden genießen fortan großes Ansehen. Die Köpfe werden bei den Atayalen auf kleinen, schmalen, drei bis vier Fuß hohen Plattformen (Abb. 67), bei den Paiwan zwischen aufeinander gelegten Steinplatten aufbewahrt und verbleiben dort als eine Art Heiligtum unter Aufsicht des Dorfältesten, damit sie nicht gestohlen werden (Abb. 70). Manche Dörfer sind im Besitze von mehreren hundert Köpfen, selbst der kleinste Weiler hat in der Regel deren mindestens zehn aufzuweisen. In den Distrikten, die durch die Kopfjäger unsicher gemacht werden, haben die Japaner mit Wällen und Gräben befestigte Niederlassungen erbaut.

Die Wilden Formosas sind reine +Animisten+; sie glauben an Geister, auch an Zauberbann und Zaubermittel. Eine Krankheit legen sie fast allgemein dem Zorne böser Geister zur Last; fast jedes Dorf hat eine alte Frau aufzuweisen, die sich damit abgibt, sie zu vertreiben. Zu diesem Zwecke hockt sie vor dem Kranken auf der Erde nieder und nimmt ein Bambusrohr zwischen die Knie, so daß es vorn etwas in die Höhe steht. Auf dem Ende dieses Rohres balanciert sie ein geweihtes Zaubermittel, einen durchlöcherten Stein, und bewegt die Hand darüber, indem sie gleichzeitig die Geister bittet, den Zauber fortzunehmen. Bleibt der Stein für einige Augenblicke liegen, dann erblickt man darin ein Anzeichen für eine günstige Wendung, fällt er aber sofort herunter, dann sind die Bemühungen aussichtslos. Die Ami schreiben Schmerzen einem schädlichen Stoffe im Fleische zu; ein Zauberer saugt daher kräftig an der schmerzhaften Stelle und holt dann plötzlich einen oder mehrere Gegenstände aus seinem Munde hervor, die er angeblich dem Kranken entnahm.

Nach dem +Einbringen der Ernte+ sowie bei der Aussaat pflegt man bei den meisten Stämmen an einem bestimmten Tage, an dem Vollmond sein muß, die +Ahnen+ anzubeten, teils um ihnen für die reichliche Ernte zu danken, teils auch um ihre weitere Gunst für die kommende Saat zu erbitten. Eine jede Familie bringt Kuchen von dem eingeernteten Getreide (Hirse und Reis) in der Dunkelheit der Nacht in den Dschungel, wickelt sie in Blätter ein und hängt sie an Bäumen auf, damit die Geister der Vorfahren von ihnen genießen. Am nächsten Tage kommen die Dorfbewohner alle zusammen und lassen Frohsinn und Freude walten; die Frauen führen dem Hula-Hula (I. Band Seite 24) ähnliche Tänze auf. -- Die Stämme der Tsougruppe weisen den Geistern ihrer Ahnen als Wohnsitze die Bäume an; am Eingange eines jeden Dorfes findet sich ein besonders wegen seiner Größe auffallender Baum, der sich besonderer Ehrung erfreut und nach Einbringen der Ernte aus Dankbarkeit gegen die Ahnen mit Wein besprengt wird. Eine besondere Orchideenart wird am Fuß des Baumes sowie bei den noch zu besprechenden Junggesellenhäusern als heilige Pflanze gezogen und darf nicht beschädigt oder gar abgeschnitten werden. Die Stämme der Paiwan glauben, daß die Geister ihrer Ahnen in den Schwertern sind, die ihre Eltern ihnen hinterlassen haben. Alle fünf Jahre führen sie an einem bestimmten heiligen Tage ein Wettspiel auf; sie versuchen ein auf der Spitze einer Bambuslanze sitzendes Bündel Borke aufzufangen, das die Form eines Menschenkopfes hat; wem es gelingt, dieses aufzuspießen, wird als Sieger gefeiert. Ursprünglich wurde dazu ein wirklicher Menschenkopf verwandt und am Schluß des Spieles den Geistern ein Opfer dargebracht. Die Puyuma fangen an dem Jahrestage des Festes einen Affen, binden ihn an einen Baum vor dem Schlafsaal der Knaben und töten ihn mit Pfeilen, worauf der Häuptling mit Wein dreimal das Tier und die Erde besprengt. Der Affe ist auch hier an Stelle eines Menschen getreten, der ursprünglich geopfert wurde.

Bei vielen Stämmen gibt es ein besonderes Haus, in dem die unverheirateten Jünglinge wohnen, bis sie die Berechtigung erlangen, zu heiraten. Es ist mit Absicht so gebaut, daß es seinen Bewohnern wenig Behaglichkeit bietet, unter anderem den kalten und regnerischen Winden Eintritt gewährt, damit die jungen Leute abgehärtet und an das rauhe Kriegerleben gewöhnt werden. Sie dürfen auch nicht ein Haus, in dem Frauen leben, betreten, noch irgend einen Gegenstand besitzen, der einer Frau gehörte oder für eine Frau gedacht war. Für die +Heirat+ besteht die Voraussetzung, daß der Jüngling (Abb. 72) in aller Form vom Stamme als Erwachsener anerkannt worden ist, was erst geschehen kann, wenn er von der großen Versammlung der Tapferen aufgenommen wurde, nachdem er einen Fremden getötet und dessen Kopf mitgebracht hat.

Für die +Hochzeit+ muß bei den Tsalisen zuvor die Einwilligung der Eltern eingeholt werden, wofür man sich eines Vermittlers bedient. Ist dies geschehen, dann muß erst noch ein Monat verstreichen, um beiden Teilen Gelegenheit zu geben, sich kennen zu lernen und sich zu besinnen. Am verabredeten Tage besucht der Bewerber dann das Haus seiner Zukünftigen, und eine einfache Zeremonie berechtigt darauf das Paar, fortan zusammenzuleben. Die Frau bleibt aber bei ihrer Mutter, bis ein Kind geboren worden ist; erst dann siedelt sie in das Heim ihres Gatten über. Bleibt die Ehe aber kinderlos, dann hören die Besuche ihres Bewerbers und alle Vertraulichkeiten zwischen beiden Teilen auf, und ein jeder kann sich einen neuen Ehegefährten suchen. -- Bei manchen Stämmen erfordert die Ehezeremonie einen vorgegebenen +Brautraub+. Manchmal kommt es auch zwischen den beiderseitigen Verwandten zu Scheinkämpfen; falls etwas Blut dabei vergossen wird, gilt dies als eine gute Vorbedeutung. -- Bei den Paiwan geht der junge Mann nach dem Hause seiner Geliebten und stellt Wasser und Brennmaterial vor ihre Tür; benutzt sie beides, so bekundet sie damit, daß sie ihn annimmt. Daraufhin schlägt der Jüngling seinen Wohnsitz in der Familie seiner Schwiegereltern auf, bis er imstande ist, seiner Frau ein eigenes Heim zu bieten. Bei dem Puyumastamm verbleibt der Gatte dauernd in der Familie seiner Frau, seine eigene Familie entsagt sich fortan jeglichen Anspruchs auf ihn. Als Sohn des neuen Heims nimmt er an allem teil, was das Haus darbietet; er besitzt aber keine gesetzmäßige Macht über die Familie, auch fallen ihm erst das Haus und sonstiger Besitz nach dem Tode seiner Schwiegereltern zu; er teilt das Erbe dann mit seiner Frau. Das Brennmaterial, das bei den Ami der junge Mann seiner Angebeteten als Werbung darbringt, wird ihr ratenweise -- jeden Tag ein Bündel, bis die Zahl zwanzig voll geworden ist -- zugesandt. Um im gegebenen Augenblick genügend Material zur Hand zu haben, pflanzen die jungen Knaben bereits Bäume, die, wenn sie eineinhalb bis zwei Meter groß geworden sind, gerade für ein derartiges Verlobungsgeschenk ausreichen.

Über die +Totenzeremonien+ der Formosawilden ist wenig zu sagen. Die Atayalen ziehen dem Verstorbenen neue Kleider an und hüllen ihn noch in ein Rehfell oder in Ermangelung eines solchen in ein großes Tuch. Das Grab für ihn wird unter dem Schlafraum gegraben, den er bis zu seinem Tode bewohnte. Die Familientrauer hält zehn bis dreißig Tage an; darauf verlassen die Angehörigen für immer das Haus, welches dadurch in Wirklichkeit zu einem Grab für den Toten wird. -- Die Tsoustämme graben das Grab beim Eingange des Hauses aus und wälzen über den Toten einen möglichst großen Stein, um ihn zu schützen, füllen die Grube ganz mit Erde aus und machen die Oberfläche dem Erdboden gleich, so daß die Stelle unkenntlich bleibt und wieder anderweitig verwertet werden kann.

Ceylon.

Auf der Insel Ceylon treten uns seit undenklichen Zeiten drei Bevölkerungselemente entgegen: die Ureinwohner oder Wedda, die aus Nordindien anscheinend auf dem Seewege hinzugekommenen Singhalesen und die von Südindien übergesetzten Tamulen. Neben diesen sind die aus einer Mischung von Europäern und Eingeborenen hervorgegangenen Burghers oder Eurasier zu nennen. Beschäftigen wir uns zunächst mit der ersten Gruppe, den Wedda.

Zur heutigen Zeit lassen sich drei Arten von +Wedda+ unterscheiden, die Küstenwedda, die Dorfwedda und die Dschungel- oder wilden Wedda. Die beiden ersten Klassen, die man als „zahme Wedda“ zusammenfaßt, haben bereits viel singhalesisches und tamulisches Blut in sich aufgenommen, so daß ihre Sitten und Gebräuche denen dieser Völker ziemlich ähnlich sind. Dagegen haben die wenigen „wilden“ Wedda noch zumeist ihre Ursprünglichkeit bewahrt.

Die reinen Wedda sind kleine Leute (Männer hundertfünfundvierzig bis höchstens hundertsechzig Zentimeter Höhe) von schlankem, zierlichem Körperbau, aber kräftig entwickeltem Brustkorb. Sie zeigen eine dunkelschokoladenähnliche bis schwärzliche Hautfarbe und besitzen wellige dichte Kopfhaare, aber nur spärlich entwickelten Bart. Ihr Kopf ist länglich, ihr Gesicht schmal und niedrig, springt in seinem unteren Teil verhältnismäßig stark vor und läuft zuweilen nach dem Kinn auffällig rasch spitz zu. Die Jochbeine sind weit ausladend. Die Nase ist flach, kurz und breit, an der Wurzel tief eingesattelt, besitzt breite Flügel und nach vorn sehende Nasenlöcher. Der große und unförmige Mund wird von einer dicken, wulstigen Oberlippe überragt. Im großen und ganzen erscheinen die Wedda in ihrem Äußeren als Verwandte der Australier, Sakai und anderer Stämme der indo-australischen Rasse, deren ursprünglichste Vertreter sie noch heute darstellen.

Die +Körperbedeckung+ der Wedda ist eine sehr geringe; sie besteht nur in einem Hüftentuch oder einem Schurz aus grünen Zweigen; früher gingen sie gänzlich nackt. -- +Schmuck+ fehlt ihnen ganz und gar.

Die +soziale Einheit+ der Wedda ist die Familie; über sie hinaus kommt es nur noch zur Horde, aber innerhalb dieser herrscht nur ein lockerer Zusammenhang, zumal es in ihr auch an einem Häuptling fehlt. Die älteren Männer scheinen eine Art Einfluß auszuüben, dem sich die übrigen unterordnen. Eine Gruppe von nahen Verwandten besitzt ihr bestimmtes Gebiet, in dem sie sich allein das Recht anmaßt, zu jagen und Honig einzusammeln.

Die Wedda leben von der +Jagd+ (auf Büffel, Hirsch, wilden Schwan, Affen, Vögel) und dem +Einsammeln der Dschungelprodukte+ (Honig, Früchte und Wurzeln). Ihre +Waffen+ bestanden ursprünglich nur in Bogen und Holzpfeilen, heutigentags verfügen sie auch noch über eiserne Pfeilspitzen und Äxte. Pfeile und Äxte sind die einzigen Metallwerkzeuge, die ihnen bekannt sind und von ihnen mit großer Geschicklichkeit gehandhabt werden. Sie hausen zur kälteren Jahreszeit in +Felshöhlen+ oder unter Felsenschlupfen (Abb. 78), zur wärmeren hinter +Windschirmen+ oder ganz im Freien. Einige Weddafamilien betreiben auch etwas +Ackerbau+, insofern sie Mais oder Kurakhan, Samen einer Eleusineart, in die Erde stecken, und die Ernte verzehren, wenn Wild oder Honig, ihre beiden Hauptnahrungsmittel, knapp werden.